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3. August 2020

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Kein Genuss ist vorübergehend. Der Eindruck, den er hinterlässt, ist bleibend. (Goethe)

Das stimmt. Beispielsweise der Genuss eines Orgelklangs, der Genuss von Registrierung.

Ist es nicht erstaunlich, dass es kaum deutsche, international bekannte Konzertorganisten oder Konzertorganistinnen in Deutschland gibt? Das System der Kirchenmusik hat dies wohl sich so ergeben lassen? Die meisten sind unbeschriebene Blätter und kennen nur ihre Kirche, sitzen an “ihrer” Orgel wie ein Drache. Daher sind diese auch sauer auf beschriebene Blätter und auf die, die mehr wollen, die sich umhören und reisen, auf die, die künstlerisch sind. Es reicht doch nicht aus, nur ein “erfahrener Kirchenmusiker” zu sein – im Gegenteil, das ist eher negativ, spricht bände, was das Künstlerische angeht. Das bedeutet nämlich meist künstlerischer Stillstand, da man nur mit Laien zu tun hat. Man muss als Künstler mit anderen Künstler zu tun haben. Dringend. Und diese nicht hassen, sondern lieben. Wer Künstler hasst, ist keiner.

Und ich liebe Grieg, Sibelius, Saariaho, Berwald, Groendahl. Laterna von Saariaho ist sehr interessant: Für Dirigenten und Schlagwerk eine echte Herausforderung.

Auffällig ist, dass die Werke von Komponistinnen oft von Männern angegriffen und abgewertet werden. Gefährlich aber sind auch Frauen, die anderen Frauen fast wie aus Prinzip keinen Erfolg gönnen.

25. Juli 2020

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Sollte es intelligentes Leben auf anderen Planeten geben, so gibt es ja die Chance, dass es das sogar bei uns gibt. (Royne Mercurio)

Es ist kaum zu fassen, wie unterschiedlich Bach Passacaglia gespielt wird. Die einen registrieren jede Variation, die nächsten spielen alles in einer Farbe durch. Dabei sind die unterschiedlichen, “widersprüchlichen”, “gegensätzlichen” Lager der Standpunkte sehr massiv. Die Standpunkte anderer werden als “unmusikalisch” und “falsch” abgewertet. Man würde das Konzert verlassen, wenn jemand die Passacaglia anders spielt, als man es selbst für richtig hält. Ich finde, alles hat seine Berechtigung, wenn man sehr gut spielt. Ich möchte nicht nur eine Fassung haben, sondern mich immer wieder neu dem Stück nähern.

Es ist doch eine Entwicklung im Leben. Das einzige, was ich unmusikalisch finde, ist, 40 Jahre lang das Gleiche und die gleiche Fassung zu spielen. Man muss sich doch Neuem öffnen, wachsen und andere Meinungen anhören und ausprobieren. Ich bin immer durstig, neue Ideen und Standpunkte zu hören, auch wenn es anfangs verwirrend ist. Irgendwo in all dem sitzt die Wahrheit und finde ich meinen Weg. Mir fällt dabei auf, dass manche, die “schon lange im Geschäft sind”, die Dinge, die ich schon gehört und erfahren habe, nie gehört haben und überrascht sind. Weil sie sich nie dafür interessierten und nur einer Lehrmeinung gefolgt sind, ihr ganzes Leben lang.

a) Es kommt auch immer auf die jeweilige Orgel an. Wenn man ein wunderschönes Plenum und eine wunderschöne Orgel hat, warum nicht alles in einer Farbe spielen, wenn man den Drive, das Know How und die musikalische Technik dazu hat? Bach hat die Variationen so abgestimmt komponiert, dass dies möglich und vielleicht sogar (vom Notentext ausgehend) so anvisiert worden ist von ihm – denn wie sonst sollte der Übergang zur Fuge gedacht bzw. möglich sein? Man müsste einen Takt hinzufügen, wenn man hier registrieren will. Dieser Übergang zur Fuge ist ein Hinweis darauf, dass nicht umregistriert werden soll.

Wenn man unmusikalisch spielt, kann es “grauenvoll sein, 14 Minuten lang Posaune und Plenum zu hören”. Allerdings kann dieses Stück für mich nie grauenvoll werden, egal, wie gespielt. Die Passacaglia ist das schönste Stücke, das ich kenne. Man kann es nicht verderben. (Ich kompensiere zudem in meinem Kopf und höre, was ich hören will.) Jedes Mal bin ich aufgewühlt und verschwitzt, wenn ich es übe.

b) Auf der anderen Seite kann man natürlich registrieren, denn es sind ja Variationen – wenn man es musikalisch und sensibel tut – nicht jede Variation vielleicht, außer man sitzt an einer “schlechten” Orgel, aber sich Punkte auswählen, wo es gut und geschmackvoll und passend ist, und dies mit der jeweiligen Orgel abstimmen. Man will ja keinen Flickenteppich haben. Wichtig hierbei ist immer die Ausgangssituation, mit welcher Farbe man die Passacaglia beginnt. Ist der Anfang tröstend, ist er schmerzvoll, ist er rau? Wie empfinde ich ihn heute? Das Stück bietet sich mir immer wieder anders dar, wie ein lebendiges Wesen. Ist der Anfang zärtlich, werbend, klagend oder dramatisch? Welche Kombination wähle ich? Eher piano oder forte? Das ist bei mir jedes Mal anders. Je nachdem, wie ich heute bin, wie das Stück heute ist, wie die Orgel heute ist. Wir sind alle drei lebendige Wesen. Und dies ist der Startschuss für meine Registrierung. Und dabei hat man immer Anfang und Ende einer Variation gleichzeitig im Kopf. Und vor allem die Fuge. In der Fuge zu viel zu registrieren finde ich eher bedenklich. Ich finde nicht, dass es nötig ist.

Es ist kaum zu fassen, wie unterschiedlich Liszt Ad nos gespielt wird und werden kann. Alle Begründungen sind nachvollziehbar und haben ihre Berechtigung. Ich könnte schon jetzt mindestens fünf unterschiedliche Fassungen spielen. Unterschiedlich sind sie in der technischen Herangehensweise, also in Artikulation (welches Legato, offen und pianistisch oder sehr dicht, wieviel Legato, was genau bedeuten die Bögen, wo setzt man ab und wie setzt man ab? Wie spielt man die Tonwiederholungen und Repetitionen, dicht oder ala Dupre…), aber auch in Agogikfragen, sehr stark abweichend in Registrierfragen, und auch, wie man es sich “leichter” machen kann, wenn Linien doppelt sind, und dann Basisfragen zur Umsetzung allgemein an der Orgel – was lange Töne, was Pausen etc. angeht… Welche Noten-Ausgabe (hier werden nur bestimmte Ausgaben von “Lagern” verwendet, dass es mir eher wie Politik vorkommt, nur um sich abzugrenzen), welche Zeit (28, 30, 34, original 45 Minuten), welche Tempi, eher Typus Orchester, eher Typus Klavier, was die Farben angeht. Ich finde alle Fassungen schön und berechtigt, wenn man es sehr gut (=musikalisch) und überzeugend spielt, an einer entsprechenden Orgel. Warum stur und festgefahren sein? Verrückt: Da wird wie wild transkribiert auf die Orgel, was auf den Flügel gehört, aber man schafft es nicht, originale Orgelwerke unterschiedlich zu interpretieren. Das passt nicht zusammen. Es ist schön, ein Orchesterstück daraus zu machen, wenn es die Orgel bietet, und schön, ein pianistisch-virtuoses Stück daraus zu machen, wenn man es kann. Schnelle und virtuose Tempi werden von den Organisten abgelehnt, die das selbst so nicht spielen können. Schön finde ich es, Gemeinsamkeiten zu finden – Dinge, die immer klar sind, für jeden, vielleicht sogenannte Wahrheiten.

Ich weiß noch gut, wie jemand zu mir sagte: “Ad nos ist ungefähr wie Liszt B-A-C-H, nur länger” – da dachte ich mir: Na, dann – und fing an. Jetzt “im Nachhinein” (ein paar Wochen später) denke ich mir, wie konnte man das zu mir sagen – das Stück ist mindestens dreimal so schwer und anspruchsvoll. Doch ohne diesen Satz hätte ich vielleicht nicht gleich begonnen.

1. April 2020

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Gibt es denn ein sinnlicheres Instrument als die Orgel? Schöpft nicht jeder Ton sein Leben aus der Luft, die wir atmen? Sie lebt! (Jean Guillou)

Ja, sie lebt, schwingt, obertönt – und ist doch ein Symbol für etwas Ewiges, dass Leben ohne Atmen ist, dass ist, weil es ist, dass Schwingung und Liebe ist, denn Liebe schwingt. Symbol dafür, dass Leben Vereinigung ist. Geist ist.

Mein neues Orgel-Werk Pandemic Dance: Teil 2 von APOKALYPTIKA.

Unheimliche Erwartung, unvorhersehbare Entwicklung, überraschender Ausbruch von Entsetzen, Panik und ungewisses Ende.

White Panic

Vielen Dank an klenkfilm Stuttgart und an die tolle Drohne! Ich freue mich auf die große Resonanz und auf das tolle Video und meine Stücke:

13. März 2020

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Seht, wie die Bäume, die Blumen, das Gras in einer tiefen Stille wachsen. (Mutter Teresa)

Gott liebt Stille. Ich auch.

Ich bin unglücklich, dass das Bach-Festival 2020 wegen dem Virus ausfällt. Aber ich freue mich, dass es auf 2021 verschoben ist. Ihr könnt mich dann dort in Arnstadt am 20.3.2021 hören. So etwas ist das erste Mal in meinem Leben. Das muss ich erst mal verkraften, ich habe geweint. Ich hasse und verabscheue diesen Virus. So traurig. Aber so geht es gerade vielen Musikern, und diese alle tun mir leid. Ich denke an euch. Dieser Shutdown-Corona-Virus….

Was mir an der Orgel sehr gefällt ist, dass man durch gute Artikulation und gute Verbindung mit der Akustik der Kirche (so wie man beim Pferd am Zügel durch Training eine gute Anlehnung erhält, wie es genannt wird) das Sostenuto-Pedal wie am Flügel erfährt, das man aufblühen lassen, das man “kneten”, mit dem man arbeiten kann und das ich anfangs so vermisste an der Orgel – es ist da, wenn man sich sensibel und mit Erfahrung in die Akustik legt, besonders bei Mozart.

Anbei ein Orgelstück von mir: Tanz an der Orgel, vom Konzert Internationalen Orgelsommer Riddagshausen/Braunschweig an der Führer-Orgel in der schönen Klosterkirche.

Ich freue mich und es tröstet mich, wenn ihr dieses und alle meine Videos auf YouTube liked.

Und es gibt Neues hier:

Komponistin Ann-Helena Schlüter

25. Februar 2020

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Folge nicht den Fußspuren der Meister. Suche, was sie gesucht haben. (Basho)

Diese Erde scheint am Ende, überall Horror-Nachrichten, und was mache ich? Ich spiele Orgel und Klavier. Ist schon seltsam. Aber solange noch Vögel singen?

Früher mussten die Organisten genau lernen, wie man mit Walze spielt. Heute nicht mehr. Viele mögen Walze nicht so gern. Ich schon. Man muss eben darauf achten, dass die Walze meist auf alles greift, auf die Lichter, die helfen, weil sie anzeigen, wo sie sich befindet, und ganz genau und vorsichtig abwägen können – auch wissen, wie sensibel sie zu bewegen ist (meist nach unten laut und nach oben leise). Früher wurde auch gelehrt, wie man völlig selbständig blättert und ohne Hilfe registriert. Das mache ich meist ohnehin schon selbst.

Ich mag meine alten Noten gern, sie sind wie ein altes Nachthemd, in dessen vertrautem Duft man selbst im fremdesten Hotelzimmer gut schläft, oder wie mein altes Konzertkleid, das mir selbst in der kältesten Kirche oder an der fremdesten Orgel vertraute Gefühle weckt.

Ich habe festgestellt, dass manche Menschen recht ruppig mit ihren Instrumenten umgehen, Kameras oder Handys auf den Flügellack knallen etc. Das würde ich nie tun. Mit Sorge lass ich nur Samtenes in die Nähe meines Flügels.

Schade, dass sich Künstler und Kantoren manchmal wenig verstehen. (Manchmal aber sehr gut. Es gibt ja auch wirklich nette, besonders dann, wenn Kantoren selbst Künstler sind.) Ich erlebe leider, dass manche langjährigen und erfahrenen Kantoren nicht wissen, was ich meine, wenn ich von Orgeln spreche. Die nicht kennen, was ich fühle, die nie diese Leidenschaft kannten, die nach Schema F klingen, als wären sie von gestern; die leider nicht außerhalb der Box denken gelernt haben. Kantor ist Kontor?

Auf manchen Orgelreihen haben noch nie Frauen gespielt, wurden noch nie Frauen eingeladen. Und das, obwohl “hochkarätige” Leute sie betreuen. Auch das Kessel-Festival (wenn auch ganz andere Sparte von Musik, eher Rock, Pop, Jazz) hat als Haupt-Acts 2020 zu 90 Prozent erneut nur Männer eingeladen. Als ob die Bühne nur Männern gehört. Und Männer nur Männern etwas zutrauen. Ein Hauptproblem sind auch frauenfeindliche Frauen. Warum gönnen viele Frauen Frauen keinen Erfolg?

Katastrophal sind in meinen Augen sogenannte Kirchenmusikausbildungsstätten, in denen sich bewusst hauptsächlich männliche Dozenten tummeln. Und von denen kein kleiner Teil ihre Ehefrauen (und Kinder) sitzenlassen oder den Ruf haben, Affären mit Studentinnen zu haben oder in wilder Ehe leben. Wo Frauen flüchten, weggemobbt werden, sich umbringen oder kaum eine Position von Macht erhalten. Was für charakterlich zerstörte, unglückliche Absolventen werden wohl später als Kirchenmusiker oder Lehrer eingesetzt, die gelernt haben, hintenrum zu sein, dass Lästern “zum guten Ton” gehört, dass  Männer die erste Geige spielen, die andere ablehnen und mobben und die meinen, dass man mit dem Strom schwimmen muss, weil man sonst keine Chance hat, sonst nicht dazugehört. Diese (frisch gebackenen) KantorInnen können Gift und Höllenkandidaten für die Kirchen werden und bringen eher den Teufel mit.

Leider kann ich den Film Die Polizistin nicht empfehlen. Ich war entsetzt.

Ich freue mich auf meine neuen Konzerte:

22. Februar 2020

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Wirf deine Angst in die Luft. Noch bist du da. Gib was du hast. (Rose Ausländer)

Wunderschön ist die neue, große Bach-Orgel in Hannover in der Neustädter Hofkirche bei Waterloo: weiß, drei Manuale, mit goldenen Flügeln an den Seiten und braunen, sinnlichen Registerknöpfen. Sie erinnert mich sehr an die Bach-Orgel Ansbach und an Katharinen Hamburg natürlich. Und auch an Silbermann hier und da. Sie ist nach dem Vorbild mitteldeutscher Orgeln von der belgischen Orgelfirma Thomas (Thoma ausgesprochen) gebaut und besitzt ein gerades, angenehmes Pedal, Gambe, Gemshorn, Salicional, Schalmey, viele schöne Flöten, Streicher und Zungen. Aber auch die Prinzipale sind weich und warm. Das Hauptwerk ist in der Mitte, Oberwerk oben, Hinterwerk unten. Sie wurde von der Hannover Musikhochschule in Auftrag gegeben.

Weiter hinten seitlich steht die spanische, rote Orgel. Auch sie ist wunderschön, ein Kunstwerk, bei dem man den Wind betätigen kann, wenn man möchte, bemalt, wie ein Acrylbild von mir, mit spanischen Trompeten, mitteltönig, ein Manual mit dem Bruch in der Mitte, kurze Oktave, und auch im “Stummelpedal” für Liegetöne kurze Oktave. Schön für spanische Musik, aber auch für Sweelinck und moderne, zeitgenössische Werke. Die Trompeten haben enormen Drive und Lautstärke. Ich habe an diesen beiden Orgeln über fünf Stunden geübt, und es war wie drei Minuten. Die Bach-Orgel ist natürlich völlig anders als die romantische F. E. Walcker im Saal des musikwissenschaftlichen Instituts Hamburg. Aber genau diese Unterschiedlichkeit ist faszinierend. Die Unterscheidlichen – nicht nur die Farben, auch die Orgeln an sich.

Der Boden der Kirche wird gerade erneuert. Besonders schön ist für mich, Bach an einem Instrument zu spielen, dass er so hatte oder haben wollte und das auch heute absolut genial ist. Ich kam spät nach Hause und fiel völlig erschöpft ins Bett. Ich spiele momentan jeden Tag über 6 Stunden an verschiedensten Orgeln.

Empfehlen kann ich den Film 90 Minutes in heaven.

Fotos der Bach-Orgel Hannover:

 

21. Februar 2020

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In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. (Goethe)

Es hat mir sehr gefallen, die schöne, romantische zweimanualige F. E. Walcker-Orgel Ludwigsburg von 1895 opus 736 im Saal des musikwissenschaftlichen Instituts Hamburgs zu spielen. Der Schweller ist mit einem Stopper zu verschließen, die Pfeifen singen mir direkt schön ins Gesicht, die Setzer und Registerzüge haben die typischen Farben gelb-rosa-türkis, sie braust und singt mit Streichern, Zungen und Flöten. Mir gefällt das authentisch Direkte. Die Orgel erzählt eine lange Geschichte der Schönheit und des Schmerzes, die nicht von der Stange ist und die etwas mit Demut zu tun hat. Es ist eine sehr musikalische Orgel Walcker & Cie. 

Ich wünsche mir ein Pedalclavichord. So etwas hatte Bach auch. Und man kann immer damit üben. 

Oft habe ich sehr schöne, aber manchmal auch seltsame Erlebnisse mit Kantoren. Ich habe den Eindruck, weil ich eine Frau bin, meinen manche, wenn ich die Orgel kennenlerne, müssten sie die ganze Zeit dabei sitzen, während männliche Kollegen dort allein ein und aus gehen. 

Walcker-Orgel opus 736 Hamburg:

 

16. Februar 2020

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Wir brauchen keine Evolution, sondern Revolution. (Stephen Covey)

Ich glaube auch, dass die Dinge viel mehr Revolution als Evolution sind.

Von John Cage bin ich fasziniert.

Unterwegs zu neuen Konzerten… Ich freue mich auch auf das Klaviermusik-Festival in Wilhelmshaven im Oktober mit Beethoven, Chopin, Schluter. Am selben Tag spiele ich in Fulda im Dom mittags die wunderschöne Orgel.

Empfehlen kann ich den Film Frühlingssinfonie. Grönemeyer spielt Schumann. Sehr gut. Der Film ist recht alt, aber gut. Zwischen den Zeilen ist viel zu lernen über Robert, Clara und ihren Vater, über die Zeit in Leipzig, Deutschland, Franck, Liszt, Mendelssohn, Grillparzer, Beziehungen… mit Vorstellungskraft, Hintergrundwissen und Phantasie. Was waren das für Zeiten gewesen? Wie ist das Leben der Komponisten gewesen?

Aber schon damals gab es aufgeblasene “Meister”, die die Kreativen hindern, Entmutiger, Zweifler, aus dem engsten Kreis; aber auch Förderer, Unterstützer, Genies, Halb-Genies, Viertel-Fausts, Lyriker, Virtuosinnen, Schöpfer, Geschäftsleute, Dilettanten, musikalische Freundschaften und harte und gute Lehrer. Eigennutz und Neid. Dieser Film wirft wieder ein anderes Licht als der Film Geliebte Clara. Er zeigt die Anfangszeit. Geliebte Clara Mitte und Schluss. Es gab damals Doktortitel für Künstler, Kunst, Eleganz und Kompositionen. Und heute nur für trockene Schriften.

Schumann war nicht bei der Beerdigung der Mutter. Er hatte eine schwere Familie, litt angeblich unter Trunksucht.

Mich inspirieren Biographien und biographische Filme über Künstler und Künstlerinnen, den Schleier zu lüften: Es waren Menschen aus Fleisch und Blut wie ich mit gleichen Problemen. Zeit finden für das Schöpferische. Geld und Kunst. Die Berufung finden. Träumen. Kämpfe. Zukunft. Mehrere Gaben haben. Was ist Erfolg? Was ist langfristig, was kurzfristig? Was ist langfristiger Erfolg? Zeitloses?

Clara gab Roberts Musik heraus und spielte und feierte sie noch vierzig Jahre nach seinem Tod. Das ist Liebe. Er wurde nur 46 Jahre alt.

Natürlich gibt es in dem Film wieder zu viel Vulgäres, als ob Schumann ein Lustmolch gewesen ist.

Anbei die für mich mit bisher schönsten Orgeln:

Lieblings-Orgeln von Ann-Helena

9. Februar 2020

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Sei reizend zu deinen Feinden, nichts ärgert sie mehr. (Carl Orff)

Nachdem ich das Konzert in der Marktkirche Wiesbaden gespielt habe, durfte ich die kleinere Walcker-Orgel in der wunderschönen Ringkirche Wiesbaden spielen. Die Kirche ist groß und rund mit bunten Fenstern, Gemälden an Wänden und Decke und einem leuchtenden Altar, über den direkt die Orgel thront wie in der Christuskirche Karlsruhe. Mir gefällt das Modell, dass die Orgel über dem Altar ist, also mit das erste ist, was man sieht, wenn man durch die Vordertür eintritt. Die dreimanualige, romantische Orgel original von 1894 ist apart und klangvoll, mit schön geschnitztem Schmuck, ideal für Mendelssohn, Reger, Brahms, Messiaen, Liszt, Mozart… Sie soll erweitert und umgebaut werden, auch in Verbindung mit dem kleinen Fernwerk gegenüber. Wiesbaden hat viel zu bieten, Bergkirche, Lutherkirche, die griechische Kapelle… Selbst der Hauptbahnhof sieht wie eine Kirche aus.

Und überall schießt kochend heißes Wasser aus dem Boden: die heißen, schwefelhaltigen Quellen, die gesund sein sollen zum Baden und Trinken. Ein Kollege meinte, meine Virtuosität würde Geysire generieren :). Und in den Bäumen rund um die Marktkirche zwitschert und singt es ohrenbetäubend laut, ohne dass man die Vögelchen sieht. Tritt man an den Baum, wird es kurz für Sekunden ganz still. Dann geht es von vorne los. Die Vögel können nicht anders als singen.

Ich frage mich, warum Menschen in Zeiten der Umweltkrise ihre Autos anlassen, wenn sie gar nicht fahren, sondern irgendwo halten. Sogar, wenn sie aussteigen, lassen sie ihr Auto Schadstoffe in die Luft pumpen.

Auch in Wiesbaden kennen die Menschen ihre Kirchen nicht. Als ich spazieren war, wollte ich zurück zur Kirche.

“Wie komme ich zur Marktkirche?”

“Hä?”

“Zum Markt?”

“Supermarkt?”

In Heilbronn bin ich angekommen, obwohl Züge schon mal prophylaktisch wegen Orkan Sabine ausfielen, obwohl es nirgends windet. Gleich findet das Konzert statt: Klavierabend diesmal, gestern Orgelkonzert. Genauso wie ich es wollte.

Heute Klavier, morgen Orgel.

8. Februar 2020

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Wir Musiker müssen an der Kante der Katastrophe wandeln, das ist das Risiko, das wir suchen. (Harnoncourt)

Das Konzert in der Marktkirche an der Walcker-Orgel mit ihrem majestätischen Prospekt war sehr schön und gut besucht, mind. 400 Leute. Es gab viele Bravo-Rufe und Standing Ovations. Es waren auch bekannte Gesichter darunter, die extra wegen mir gekommen sind. Mein eigenes Stück Snö (Schnee) kam sehr gut an: Es schneite in der Kirche, und die Flocken rieselten herunter. (So empfanden es die Leute.) Eine wunderschöne Walcker-Sauer-Oberlinger-Orgel, 1863 Neubau, Umbau 1900, 1929, 1938, 1970.

Bach kam auch gut an. In meine letzten leisen Liszt-Takte von B-A-C-H läuteten die melodischen Glocken.

Ich habe viele CDs verkauft. Jedes Orgelkonzert ist noch ein Abenteuer für mich. Eine Bergwanderung hoch zum Gipfelkreuz. Jedes Mal passiert Unvorhergesehenes. Ich gerate in eine Lawine, ein Sturm kommt auf. Ich genieße das Adrenalin.

Da ich Liszt nur mit der Walze gespielt habe, also ohne Setzer und allein, war die Orgel teilweise mit seinem Bombardewerk wunderschön laut, da die Walze, ganz nach unten gewalzt, an der Orgel so ziemlich alles zieht, was sie hat. Aber ich genoss das oben. Und das Publikum unten offensichtlich auch, denn alle waren sehr begeistert. Ich hatte das Gefühl, die Orgel gibt alles. Wunderschön ist auch die Doppelflöte 8, die Schwebung Unda maris mit der Gambe 8 und die Acht- und Sechzehnfüße, das Herz der Orgel. Und der 32-Fuß.

Diese vielen Achtfüße kommen mir vor wie Samt und Seide: Die Schwebung wie Samt, die Flöten wie Seide. Viele dieser Achtfüße, auch die Doppelflöte 8, sind original Walcker-Pfeifen von 1863. Ich empfinde jede Orgel an sich als etwas so Wichtiges, Künstlerisches, dass es mir beim Spielen vorkommt, als wären all die Pfeifen in meinem Bauch. Ich werde die Orgel. Die Akustik ist natürlich recht enorm in dieser großen Kirche. Die Chororgel wirkte sehr weit weg für mich. Wenn man direkt darunter steht, soll sie wohl angeblich spucken. Aber ich war wie Kilometer entfernt und habe doch Connection aufgebaut. Zu allen Werken möchte ich an der Orgel, an der ich spiele, Verbindung haben. Die Chororgel und die Walze (und der Schweller) waren meine besten Freunde. Und das Pedal ist herrlich übersichtlich und angenehm. Auch Max Reger war hier Gast!

Ich selbst weiß, das ich Potential habe, crazy gut zu spielen. Aber eine Orgel hat seine Tücken. Da ich nicht fünf Sekunden wartete, bevor ich die Chororgel nach der Hauptorgel anstellte, war ich plötzlich auf der Setzeranlage der Chororgel gelangt, die mit 99 beginnt. Das wusste ich nicht. Nur, dass ich keine Setzer mehr hatte. Daher stieg ich komplett auf die Walze um, die sehr fein und sensibel bedient werden muss und immer einen freien Fuß braucht. Mir macht die Walze viel Spaß.

Aber ich habe daraus gelernt: Habe ich das nächste Mal Probleme mit irgendeiner Setzeranlage: Die Orgel erst mal noch einmal ausstellen.

Zudem erkannte ich final: Meine Noten müssen übersichtlicher sein. Aus meinen Liszt-Noten kann nicht mal ich mehr spielen. Und das will was heißen. Sie sind im Grunde von meinen Reisen und von meinen Eintragungen und Überlegungen voll, verknickt, zerfetzt und zerlöchert. Manche Töne konnte ich heute nur noch erraten.

Es gab Registranten, die sich weigerten, bei diesen Noten Registrant zu sein. Sie sind natürlich ein Kunstwerk, aber sicher gäbe es auch Leute, die denken, ich hätte diese Noten mal eben aus dem Müll gefischt. Manche meinten, meine Noten sehen aus wie Regers handschriftliche Werke. Ob dies meine eigene Komposition sei. Ich muss also alle Noten doppelt haben. Auch einmal frisch für mich und für eventuelle Helfer. Auch meine Kopien gegen Blätterer müssen besser angeordnet sein. Ich gebe zu, ich bin gern oben allein an der Orgel, ohne Helfer. Doch so oder so: Die Kopien dürfen nicht “ins Gesicht der Noten” segeln und mich und Helfer “wahnsinnig” machen oder mir das Gefühl geben, ich muss so schief gucken, dass ich eine Nackenstarre bekomme. Dennoch genieße ich es, allein an der Orgel zu sein. So sehr, dass ich auf Blätterer, Registranten etc. verzichte und lieber alles allein mache. Mir sagte jemand, dass es absolut erforderlich ist, es auch allein zu können. Sich selbst allein zu registrieren, sich selbst zu blättern zu können. Früher wäre das wohl auch geprüft worden im Studium. Ich lasse eigentlich nur gern mir sympathische Menschen als Helfer zu (auch wenn das nicht immer geht). Ich brauche an der Orgel einfach viel Raum für mich und mag es nicht, wenn mir jemand auf die Finger starrt oder nervöser ist als ich. Heute aber hatte ich einen netten Blätterer bei Bach g-Moll 542 (auch wenn er einmal vergaß zu blättern).