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1. April 2020

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Gibt es denn ein sinnlicheres Instrument als die Orgel? Schöpft nicht jeder Ton sein Leben aus der Luft, die wir atmen? Sie lebt! (Jean Guillou)

Ja, sie lebt, schwingt, obertönt – und ist doch ein Symbol für etwas Ewiges, dass Leben ohne Atmen ist, dass ist, weil es ist, dass Schwingung und Liebe ist, denn Liebe schwingt. Symbol dafür, dass Leben Vereinigung ist. Geist ist.

Mein neues Orgel-Werk Pandemic Dance: Teil 2 von APOKALYPTIKA.

Unheimliche Erwartung, unvorhersehbare Entwicklung, überraschender Ausbruch von Entsetzen, Panik und ungewisses Ende.

White Panic

Vielen Dank an klenkfilm Stuttgart und an die tolle Drohne! Ich freue mich auf die große Resonanz und auf das tolle Video und meine Stücke:

13. März 2020

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Seht, wie die Bäume, die Blumen, das Gras in einer tiefen Stille wachsen. (Mutter Teresa)

Gott liebt Stille. Ich auch.

Ich bin unglücklich, dass das Bach-Festival 2020 wegen dem Virus ausfällt. Aber ich freue mich, dass es auf 2021 verschoben ist. Ihr könnt mich dann dort in Arnstadt am 20.3.2021 hören. So etwas ist das erste Mal in meinem Leben. Das muss ich erst mal verkraften, ich habe geweint. Ich hasse und verabscheue diesen Virus. So traurig. Aber so geht es gerade vielen Musikern, und diese alle tun mir leid. Ich denke an euch. Dieser Shutdown-Corona-Virus….

Was mir an der Orgel sehr gefällt ist, dass man durch gute Artikulation und gute Verbindung mit der Akustik der Kirche (so wie man beim Pferd am Zügel durch Training eine gute Anlehnung erhält, wie es genannt wird) das Sostenuto-Pedal wie am Flügel erfährt, das man aufblühen lassen, das man “kneten”, mit dem man arbeiten kann und das ich anfangs so vermisste an der Orgel – es ist da, wenn man sich sensibel und mit Erfahrung in die Akustik legt, besonders bei Mozart.

Anbei ein Orgelstück von mir: Tanz an der Orgel, vom Konzert Internationalen Orgelsommer Riddagshausen/Braunschweig an der Führer-Orgel in der schönen Klosterkirche.

Ich freue mich und es tröstet mich, wenn ihr dieses und alle meine Videos auf YouTube liked.

Und es gibt Neues hier:

Komponistin Ann-Helena Schlüter

25. Februar 2020

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Folge nicht den Fußspuren der Meister. Suche, was sie gesucht haben. (Basho)

Diese Erde scheint am Ende, überall Horror-Nachrichten, und was mache ich? Ich spiele Orgel und Klavier. Ist schon seltsam. Aber solange noch Vögel singen?

Früher mussten die Organisten genau lernen, wie man mit Walze spielt. Heute nicht mehr. Viele mögen Walze nicht so gern. Ich schon. Man muss eben darauf achten, dass die Walze meist auf alles greift, auf die Lichter, die helfen, weil sie anzeigen, wo sie sich befindet, und ganz genau und vorsichtig abwägen können – auch wissen, wie sensibel sie zu bewegen ist (meist nach unten laut und nach oben leise). Früher wurde auch gelehrt, wie man völlig selbständig blättert und ohne Hilfe registriert. Das mache ich meist ohnehin schon selbst.

Ich mag meine alten Noten gern, sie sind wie ein altes Nachthemd, in dessen vertrautem Duft man selbst im fremdesten Hotelzimmer gut schläft, oder wie mein altes Konzertkleid, das mir selbst in der kältesten Kirche oder an der fremdesten Orgel vertraute Gefühle weckt.

Ich habe festgestellt, dass manche Menschen recht ruppig mit ihren Instrumenten umgehen, Kameras oder Handys auf den Flügellack knallen etc. Das würde ich nie tun. Mit Sorge lass ich nur Samtenes in die Nähe meines Flügels.

Schade, dass sich Künstler und Kantoren manchmal wenig verstehen. (Manchmal aber sehr gut. Es gibt ja auch wirklich nette, besonders dann, wenn Kantoren selbst Künstler sind.) Ich erlebe leider, dass manche langjährigen und erfahrenen Kantoren nicht wissen, was ich meine, wenn ich von Orgeln spreche. Die nicht kennen, was ich fühle, die nie diese Leidenschaft kannten, die nach Schema F klingen, als wären sie von gestern; die leider nicht außerhalb der Box denken gelernt haben. Kantor ist Kontor?

Auf manchen Orgelreihen haben noch nie Frauen gespielt, wurden noch nie Frauen eingeladen. Und das, obwohl “hochkarätige” Leute sie betreuen. Auch das Kessel-Festival (wenn auch ganz andere Sparte von Musik, eher Rock, Pop, Jazz) hat als Haupt-Acts 2020 zu 90 Prozent erneut nur Männer eingeladen. Als ob die Bühne nur Männern gehört. Und Männer nur Männern etwas zutrauen. Ein Hauptproblem sind auch frauenfeindliche Frauen. Warum gönnen viele Frauen Frauen keinen Erfolg?

Katastrophal sind in meinen Augen sogenannte Kirchenmusikausbildungsstätten, in denen sich bewusst hauptsächlich männliche Dozenten tummeln. Und von denen kein kleiner Teil ihre Ehefrauen (und Kinder) sitzenlassen oder den Ruf haben, Affären mit Studentinnen zu haben oder in wilder Ehe leben. Wo Frauen flüchten, weggemobbt werden, sich umbringen oder kaum eine Position von Macht erhalten. Was für charakterlich zerstörte, unglückliche Absolventen werden wohl später als Kirchenmusiker oder Lehrer eingesetzt, die gelernt haben, hintenrum zu sein, dass Lästern “zum guten Ton” gehört, dass  Männer die erste Geige spielen, die andere ablehnen und mobben und die meinen, dass man mit dem Strom schwimmen muss, weil man sonst keine Chance hat, sonst nicht dazugehört. Diese (frisch gebackenen) KantorInnen können Gift und Höllenkandidaten für die Kirchen werden und bringen eher den Teufel mit.

Leider kann ich den Film Die Polizistin nicht empfehlen. Ich war entsetzt.

Ich freue mich auf meine neuen Konzerte:

22. Februar 2020

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Wirf deine Angst in die Luft. Noch bist du da. Gib was du hast. (Rose Ausländer)

Wunderschön ist die neue, große Bach-Orgel in Hannover in der Neustädter Hofkirche bei Waterloo: weiß, drei Manuale, mit goldenen Flügeln an den Seiten und braunen, sinnlichen Registerknöpfen. Sie erinnert mich sehr an die Bach-Orgel Ansbach und an Katharinen Hamburg natürlich. Und auch an Silbermann hier und da. Sie ist nach dem Vorbild mitteldeutscher Orgeln von der belgischen Orgelfirma Thomas (Thoma ausgesprochen) gebaut und besitzt ein gerades, angenehmes Pedal, Gambe, Gemshorn, Salicional, Schalmey, viele schöne Flöten, Streicher und Zungen. Aber auch die Prinzipale sind weich und warm. Das Hauptwerk ist in der Mitte, Oberwerk oben, Hinterwerk unten. Sie wurde von der Hannover Musikhochschule in Auftrag gegeben.

Weiter hinten seitlich steht die spanische, rote Orgel. Auch sie ist wunderschön, ein Kunstwerk, bei dem man den Wind betätigen kann, wenn man möchte, bemalt, wie ein Acrylbild von mir, mit spanischen Trompeten, mitteltönig, ein Manual mit dem Bruch in der Mitte, kurze Oktave, und auch im “Stummelpedal” für Liegetöne kurze Oktave. Schön für spanische Musik, aber auch für Sweelinck und moderne, zeitgenössische Werke. Die Trompeten haben enormen Drive und Lautstärke. Ich habe an diesen beiden Orgeln über fünf Stunden geübt, und es war wie drei Minuten. Die Bach-Orgel ist natürlich völlig anders als die romantische F. E. Walcker im Saal des musikwissenschaftlichen Instituts Hamburg. Aber genau diese Unterschiedlichkeit ist faszinierend. Die Unterscheidlichen – nicht nur die Farben, auch die Orgeln an sich.

Der Boden der Kirche wird gerade erneuert. Besonders schön ist für mich, Bach an einem Instrument zu spielen, dass er so hatte oder haben wollte und das auch heute absolut genial ist. Ich kam spät nach Hause und fiel völlig erschöpft ins Bett. Ich spiele momentan jeden Tag über 6 Stunden an verschiedensten Orgeln.

Empfehlen kann ich den Film 90 Minutes in heaven.

Fotos der Bach-Orgel Hannover:

 

21. Februar 2020

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In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. (Goethe)

Es hat mir sehr gefallen, die schöne, romantische zweimanualige F. E. Walcker-Orgel Ludwigsburg von 1895 opus 736 im Saal des musikwissenschaftlichen Instituts Hamburgs zu spielen. Der Schweller ist mit einem Stopper zu verschließen, die Pfeifen singen mir direkt schön ins Gesicht, die Setzer und Registerzüge haben die typischen Farben gelb-rosa-türkis, sie braust und singt mit Streichern, Zungen und Flöten. Mir gefällt das authentisch Direkte. Die Orgel erzählt eine lange Geschichte der Schönheit und des Schmerzes, die nicht von der Stange ist und die etwas mit Demut zu tun hat. Es ist eine sehr musikalische Orgel Walcker & Cie. 

Ich wünsche mir ein Pedalclavichord. So etwas hatte Bach auch. Und man kann immer damit üben. 

Oft habe ich sehr schöne, aber manchmal auch seltsame Erlebnisse mit Kantoren. Ich habe den Eindruck, weil ich eine Frau bin, meinen manche, wenn ich die Orgel kennenlerne, müssten sie die ganze Zeit dabei sitzen, während männliche Kollegen dort allein ein und aus gehen. 

Walcker-Orgel opus 736 Hamburg:

 

16. Februar 2020

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Wir brauchen keine Evolution, sondern Revolution. (Stephen Covey)

Ich glaube auch, dass die Dinge viel mehr Revolution als Evolution sind.

Von John Cage bin ich fasziniert.

Unterwegs zu neuen Konzerten… Ich freue mich auch auf das Klaviermusik-Festival in Wilhelmshaven im Oktober mit Beethoven, Chopin, Schluter. Am selben Tag spiele ich in Fulda im Dom mittags die wunderschöne Orgel.

Empfehlen kann ich den Film Frühlingssinfonie. Grönemeyer spielt Schumann. Sehr gut. Der Film ist recht alt, aber gut. Zwischen den Zeilen ist viel zu lernen über Robert, Clara und ihren Vater, über die Zeit in Leipzig, Deutschland, Franck, Liszt, Mendelssohn, Grillparzer, Beziehungen… mit Vorstellungskraft, Hintergrundwissen und Phantasie. Was waren das für Zeiten gewesen? Wie ist das Leben der Komponisten gewesen?

Aber schon damals gab es aufgeblasene “Meister”, die die Kreativen hindern, Entmutiger, Zweifler, aus dem engsten Kreis; aber auch Förderer, Unterstützer, Genies, Halb-Genies, Viertel-Fausts, Lyriker, Virtuosinnen, Schöpfer, Geschäftsleute, Dilettanten, musikalische Freundschaften und harte und gute Lehrer. Eigennutz und Neid. Dieser Film wirft wieder ein anderes Licht als der Film Geliebte Clara. Er zeigt die Anfangszeit. Geliebte Clara Mitte und Schluss. Es gab damals Doktortitel für Künstler, Kunst, Eleganz und Kompositionen. Und heute nur für trockene Schriften.

Schumann war nicht bei der Beerdigung der Mutter. Er hatte eine schwere Familie, litt angeblich unter Trunksucht.

Mich inspirieren Biographien und biographische Filme über Künstler und Künstlerinnen, den Schleier zu lüften: Es waren Menschen aus Fleisch und Blut wie ich mit gleichen Problemen. Zeit finden für das Schöpferische. Geld und Kunst. Die Berufung finden. Träumen. Kämpfe. Zukunft. Mehrere Gaben haben. Was ist Erfolg? Was ist langfristig, was kurzfristig? Was ist langfristiger Erfolg? Zeitloses?

Clara gab Roberts Musik heraus und spielte und feierte sie noch vierzig Jahre nach seinem Tod. Das ist Liebe. Er wurde nur 46 Jahre alt.

Natürlich gibt es in dem Film wieder zu viel Vulgäres, als ob Schumann ein Lustmolch gewesen ist.

Anbei die für mich mit bisher schönsten Orgeln:

Lieblings-Orgeln von Ann-Helena

9. Februar 2020

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Sei reizend zu deinen Feinden, nichts ärgert sie mehr. (Carl Orff)

Nachdem ich das Konzert in der Marktkirche Wiesbaden gespielt habe, durfte ich die kleinere Walcker-Orgel in der wunderschönen Ringkirche Wiesbaden spielen. Die Kirche ist groß und rund mit bunten Fenstern, Gemälden an Wänden und Decke und einem leuchtenden Altar, über den direkt die Orgel thront wie in der Christuskirche Karlsruhe. Mir gefällt das Modell, dass die Orgel über dem Altar ist, also mit das erste ist, was man sieht, wenn man durch die Vordertür eintritt. Die dreimanualige, romantische Orgel original von 1894 ist apart und klangvoll, mit schön geschnitztem Schmuck, ideal für Mendelssohn, Reger, Brahms, Messiaen, Liszt, Mozart… Sie soll erweitert und umgebaut werden, auch in Verbindung mit dem kleinen Fernwerk gegenüber. Wiesbaden hat viel zu bieten, Bergkirche, Lutherkirche, die griechische Kapelle… Selbst der Hauptbahnhof sieht wie eine Kirche aus.

Und überall schießt kochend heißes Wasser aus dem Boden: die heißen, schwefelhaltigen Quellen, die gesund sein sollen zum Baden und Trinken. Ein Kollege meinte, meine Virtuosität würde Geysire generieren :). Und in den Bäumen rund um die Marktkirche zwitschert und singt es ohrenbetäubend laut, ohne dass man die Vögelchen sieht. Tritt man an den Baum, wird es kurz für Sekunden ganz still. Dann geht es von vorne los. Die Vögel können nicht anders als singen.

Ich frage mich, warum Menschen in Zeiten der Umweltkrise ihre Autos anlassen, wenn sie gar nicht fahren, sondern irgendwo halten. Sogar, wenn sie aussteigen, lassen sie ihr Auto Schadstoffe in die Luft pumpen.

Auch in Wiesbaden kennen die Menschen ihre Kirchen nicht. Als ich spazieren war, wollte ich zurück zur Kirche.

“Wie komme ich zur Marktkirche?”

“Hä?”

“Zum Markt?”

“Supermarkt?”

In Heilbronn bin ich angekommen, obwohl Züge schon mal prophylaktisch wegen Orkan Sabine ausfielen, obwohl es nirgends windet. Gleich findet das Konzert statt: Klavierabend diesmal, gestern Orgelkonzert. Genauso wie ich es wollte.

Heute Klavier, morgen Orgel.

8. Februar 2020

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Wir Musiker müssen an der Kante der Katastrophe wandeln, das ist das Risiko, das wir suchen. (Harnoncourt)

Das Konzert in der Marktkirche an der Walcker-Orgel mit ihrem majestätischen Prospekt war sehr schön und gut besucht, mind. 400 Leute. Es gab viele Bravo-Rufe und Standing Ovations. Es waren auch bekannte Gesichter darunter, die extra wegen mir gekommen sind. Mein eigenes Stück Snö (Schnee) kam sehr gut an: Es schneite in der Kirche, und die Flocken rieselten herunter. (So empfanden es die Leute.) Eine wunderschöne Walcker-Sauer-Oberlinger-Orgel, 1863 Neubau, Umbau 1900, 1929, 1938, 1970.

Bach kam auch gut an. In meine letzten leisen Liszt-Takte von B-A-C-H läuteten die melodischen Glocken.

Ich habe viele CDs verkauft. Jedes Orgelkonzert ist noch ein Abenteuer für mich. Eine Bergwanderung hoch zum Gipfelkreuz. Jedes Mal passiert Unvorhergesehenes. Ich gerate in eine Lawine, ein Sturm kommt auf. Ich genieße das Adrenalin.

Da ich Liszt nur mit der Walze gespielt habe, also ohne Setzer und allein, war die Orgel teilweise mit seinem Bombardewerk wunderschön laut, da die Walze, ganz nach unten gewalzt, an der Orgel so ziemlich alles zieht, was sie hat. Aber ich genoss das oben. Und das Publikum unten offensichtlich auch, denn alle waren sehr begeistert. Ich hatte das Gefühl, die Orgel gibt alles. Wunderschön ist auch die Doppelflöte 8, die Schwebung Unda maris mit der Gambe 8 und die Acht- und Sechzehnfüße, das Herz der Orgel. Und der 32-Fuß.

Diese vielen Achtfüße kommen mir vor wie Samt und Seide: Die Schwebung wie Samt, die Flöten wie Seide. Viele dieser Achtfüße, auch die Doppelflöte 8, sind original Walcker-Pfeifen von 1863. Ich empfinde jede Orgel an sich als etwas so Wichtiges, Künstlerisches, dass es mir beim Spielen vorkommt, als wären all die Pfeifen in meinem Bauch. Ich werde die Orgel. Die Akustik ist natürlich recht enorm in dieser großen Kirche. Die Chororgel wirkte sehr weit weg für mich. Wenn man direkt darunter steht, soll sie wohl angeblich spucken. Aber ich war wie Kilometer entfernt und habe doch Connection aufgebaut. Zu allen Werken möchte ich an der Orgel, an der ich spiele, Verbindung haben. Die Chororgel und die Walze (und der Schweller) waren meine besten Freunde. Und das Pedal ist herrlich übersichtlich und angenehm. Auch Max Reger war hier Gast!

Ich selbst weiß, das ich Potential habe, crazy gut zu spielen. Aber eine Orgel hat seine Tücken. Da ich nicht fünf Sekunden wartete, bevor ich die Chororgel nach der Hauptorgel anstellte, war ich plötzlich auf der Setzeranlage der Chororgel gelangt, die mit 99 beginnt. Das wusste ich nicht. Nur, dass ich keine Setzer mehr hatte. Daher stieg ich komplett auf die Walze um, die sehr fein und sensibel bedient werden muss und immer einen freien Fuß braucht. Mir macht die Walze viel Spaß.

Aber ich habe daraus gelernt: Habe ich das nächste Mal Probleme mit irgendeiner Setzeranlage: Die Orgel erst mal noch einmal ausstellen.

Zudem erkannte ich final: Meine Noten müssen übersichtlicher sein. Aus meinen Liszt-Noten kann nicht mal ich mehr spielen. Und das will was heißen. Sie sind im Grunde von meinen Reisen und von meinen Eintragungen und Überlegungen voll, verknickt, zerfetzt und zerlöchert. Manche Töne konnte ich heute nur noch erraten.

Es gab Registranten, die sich weigerten, bei diesen Noten Registrant zu sein. Sie sind natürlich ein Kunstwerk, aber sicher gäbe es auch Leute, die denken, ich hätte diese Noten mal eben aus dem Müll gefischt. Manche meinten, meine Noten sehen aus wie Regers handschriftliche Werke. Ob dies meine eigene Komposition sei. Ich muss also alle Noten doppelt haben. Auch einmal frisch für mich und für eventuelle Helfer. Auch meine Kopien gegen Blätterer müssen besser angeordnet sein. Ich gebe zu, ich bin gern oben allein an der Orgel, ohne Helfer. Doch so oder so: Die Kopien dürfen nicht “ins Gesicht der Noten” segeln und mich und Helfer “wahnsinnig” machen oder mir das Gefühl geben, ich muss so schief gucken, dass ich eine Nackenstarre bekomme. Dennoch genieße ich es, allein an der Orgel zu sein. So sehr, dass ich auf Blätterer, Registranten etc. verzichte und lieber alles allein mache. Mir sagte jemand, dass es absolut erforderlich ist, es auch allein zu können. Sich selbst allein zu registrieren, sich selbst zu blättern zu können. Früher wäre das wohl auch geprüft worden im Studium. Ich lasse eigentlich nur gern mir sympathische Menschen als Helfer zu (auch wenn das nicht immer geht). Ich brauche an der Orgel einfach viel Raum für mich und mag es nicht, wenn mir jemand auf die Finger starrt oder nervöser ist als ich. Heute aber hatte ich einen netten Blätterer bei Bach g-Moll 542 (auch wenn er einmal vergaß zu blättern).

7. Februar 2020

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Jeder Ton beginnt mit der Stille und kehrt zur Stille zurück. (Leopold Mozart)

Ich bin in Wiesbaden angekommen. Die Marktkirche ist groß, rot und schön, mit “zackigen” Türmen. Der Kirchenraum riesig, hoch und langgezogen. Hoch oben thront die große, viermanualige Walcker-Orgel. Das vierte Manual ist die Chororgel, sie ist wie ein Fernwerk und besitzt sehr schöne Vierfüße; besonders gut gefällt mir hier Scharff 4. Mozart klingt hier wundervoll, die Auswahl der Stimmen ist immens, ich komme mir vor wie an einem großen Buffet von Köstlichkeiten. Auch mit köstlichen zarten und glockigen Achtfüßen, selbstredend. Ich spiele morgen im Konzert Liszt, Bach, Mozart und eigene Werke. Ich kann heute die ganze Nacht spielen. Jetzt bin ich aber erst mal im Hotel in der Taunusstraße.

Mir gefallen Hotels, die noch richtige Schlüssel haben und keine Chipkarten. Wo also die Steckdosen und Lichtschalter im Zimmer normal funktionieren wie daheim.

Mein Zimmer hat sogar einen kleinen Erker und eine Badewanne. Ich mag auch, wenn dort Schokolade bereit liegt und Wasser mit Sprudel. Trotzdem kann ich es mir nicht zu gemütlich einrichten, denn ich möchte gleich noch mal los und spielen. Das Gästebuch für alle Organisten an der Walckerorgel zeigt mir, dass (zumindest laut Gästebuch) ich hier die erste deutsche Organistin bin. Zudem Komponistin. Nunja, ich bin ja eigentlich schwedisch-deutsch. Aber eben nicht aus Asien oder Russland oder USA. (80 Prozent sind natürlich ohnehin Männer.)

Auf dem Weg hierher habe ich die ganze Zugfahrt wie ein Stein geschlafen. Ich bin froh, dass ich auf Knopfdruck (ein)schlafen, entspannen und mich so wieder aufladen kann. Könnte ich das nicht, würde ich nie im Leben das Programm schaffen, dass ich mir aus Leidenschaft “auferlege”.

Denn meist gehe ich sehr spät ins Bett und stehe dennoch sehr früh auf. Obwohl ich eigentlich acht Stunden Schlaf brauche. (Leider merke ich manchmal zu spät, wenn mein Akku komplett leer ist. Dann kann ich kaum noch mehr etwas in der Hand halten, laufen oder denken. Glücklicherweise lade ich schnell wieder auf.)

Ich kann schlecht Nein sagen. Wenn man mir sagen würde, morgen wäre eine Orgelfahrt zum Mond, ich würde “Hier” rufen. Und erst später meinen Terminkalender prüfen. Und ich würde auch dann noch mit zum Mond fliegen wollen, wenn ich zeitgleich zum Jupiter fliege und umgekehrt. Das war schon immer so. Terminkalender machen einem schmerzlich bewusst, dass man nicht wie Gott an zwei Orten gleichzeitig sein kann. Wie gerne wäre ich dies.

Sehr schön für mich war gestern, eine kleine Weile in Ruhe an der tollen Schnitger-Orgel in St. Jacobi Hamburg zu spielen. Ich hatte sofort eine gute Connection zur Orgel. Das hat mich selbst gewundert. Meine erste Begegnung mit dieser Arp-Schnitger-Orgel war während der Orgelfahrt mit der HfMDK, und ich hatte Angst vor der Orgel; alles war mir fremd. Aber jetzt, alleine, hatte ich das Gefühl, dass die Orgel sehr zart, freundlich, übersichtlich, liebevoll ist. Handy.

Man muss sich auf sie einstellen, auch vom Pedal und vom Umfang her. Aber das war nicht schwer. Ich denke, hier kann man ungewöhnliche Sachen spielen, nicht immer das typische Programm (norddeutsch rauf und runter). Sie ist eben nicht mitteltönig, sondern modifiziert, 1/5 syntonisches Komma. (Mitteltönig ist 1/4.)

Auch Mozart würde hier gut gehen, nicht alles natürlich, aber das Andante, wenn man eine Oktave tiefer spielt mit Vierfüßen. Klingt spitze. (Die Kemper-Orgel eine Etage tiefer gefällt mir nicht sonderlich.)

Kerstin hat für die Schnitger-Orgel schöne, braune, kleine “Handschühchen” für die Registerknöpfe nähen lassen, mit Zahlen, damit es für die Registranten einfacher ist. Denn ohne Hilfe kann man hier manches schlecht spielen. Und verändern geht nicht, wegen Denkmalschutz. Diese Näherin war sogar an der Orgel zum Maßnehmen. Ich habe schon gehört, dass Laien zu den Registerzügen “Stöpsel” gesagt haben.

Beim Spielen hören einem die Engel an den Seiten zu. Und die plötzlich wie aus dem Nichts herausgeschossenen tollen Pedalpfeifen rechts und links.

Erschreckend ist, wenn ich nach dem Weg frage zu den Hauptkirchen, dann wissen die Leute nicht mal, wo St. Jacobi ist, oder sie schicken mich stattdessen zur Petrikirche, weil sie die Namen nicht kennen und die Kirchen verwechseln.

Orgeln sind so komplex. Leider ist es noch immer so, dass ich selbst trotz Lesen, Üben, Spielen, Reisen vieles zur Orgelwelt noch nicht weiß und Dinge verwechsle. Aber dafür sind ja tolle Lehrer da.

Und bald spiele ich in Altona.

5. Februar 2020

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Gott hat auf seiner Harfe ein Lied gespielt, und ihre Saiten gehen durch meine Seele. (Hildegard von Bingen)

Es war sehr spannend, die schöne Beckerath Orgelbaufirma Hamburg heute zu besuchen. Die große Werkstatt duftete nach Holz und Sägespänen. Diese Späne werden an den riesigen Säge-Maschinen durch Schläuche nach draußen gepumpt. Dies ist gesetzlich vorgeschrieben, da Sägespäne gesundheitsschädlich für Mitarbeiter sind. Sie können ins Auge gehen, eingeatmet werden etc. Andere große Schläuche dienen zur Beheizung der Werkstatt. Dieselben Späne werden zu Pellets gepresst (sie haben eine eigene Pressmaschine dafür), und mit diesen wird im Ofen geheizt. Alle trinken sehr gern schwarzen Tee mit Milch (oder Zitrone) und Zucker. Wie ich. Sie hatten noch nie einen Gast, der genauso gern und viel Tee getrunken hat wie ich. Überall hängen Bilder von tollen Orgeln. Um eine Orgel zu planen, gehen viele Schritte als Grundschritte voraus. Es wird oft mindestens ein Jahr geplant, bevor gebaut wird. Und das dauert dann auch noch mal ca. ein Jahr. In welchen Raum kommt die Orgel? Wie groß soll sie sein, also wieviele Register? Wer bezahlt sie? Wieviel Geld steht insgesamt zur Verfügung? Heute sind 50 Register schon groß. Ein Register kostet ca. zwischen 13.000 und 17.000 €. Was für ein Spieltisch? Radialpedal oder nicht? Ich mag es lieber, wenn das Pedal nicht versetzt ist. Ich finde das unnötig. Wenn die Orgel Raum und Platz hat, nicht nur für die Pfeifen, sondern vor allem für die Spielenden vorne für Hände und Füße. Nichts darf eng und sperrig sein. Viel Umfang. Neue Klänge. Erst zum Schluss geht es um Pfeifen, Winddruck und Intonation. Diese drei Dinge aber sind das Kernstück der Orgel. Lebendiger Wind oder nicht, Keilbalg oder nicht? Welche Klänge? Was ist realistisch? Was ist keine gute Idee? Alle Werke sollten gut miteinander korrespondieren. Nicht einfach von berühmten Orgeln zusammenkopieren und zusammenstückeln. Jede Orgel hat ihr eigenes Gesicht.

Ich habe eine Traumorgel im Kopf. Sie muss nur noch realistisch werden. Es braucht Visionäre, Erfahrene, Bodenständige, Weise. Eben ein Team. Ich habe die Vision. “Hast du nicht erst mal versagt mit deinem Traum, also bist du nicht zunächst gescheitert, war dein Traum, deine Vision nicht groß genug.” So sagen weise Worte. Man darf und soll und muss aus Fehlern lernen! 

Die Werkstatt ist in viele Teilwerkstätten unterteilt. In einer werden die Pfeifen hergestellt. Sie sind mit das Herz der Firma. Die Pfeifen in allen möglichen Größen bis hin zu offenen 32-Füßen werden nicht irgendwo in Rumänien oder anderswo bestellt, also keine zusammengestückelten Orgeln, sondern selbst gegossen, geschnitten und angefertigt, vorintoniert. Ich habe eine Hausorgel gesehen, Orgeln, die gerade restauriert werden, Beckerath opus 1 (mittlerweile gibt es opus 500) für die Elisabethkirche neben dem katholischen Dom Hamburgs (Marienkirche), die drei neue Werke bekommen soll, von 14 Register auf 45 aufgestockt, Truhenorgeln usw. Und viele, viele Pfeifen.

Es hängen auch Gemälde mit Brahms, da Johannes Brahms mit Beckerath befreundet war. Die Firma gibt es also schon sehr lang. Brahms, wie er pfeiferauchend mit Bart am Flügel hängt – ein völlig anderer als der Charmeur aus dem Film Geliebte Clara – ja, diesen Bart-Brahms habe ich auch zuhause als Postkarte, schon als Kind. Das Original befindet sich im Besitz des Hauses Beckeraths. Leider hat Brahms wenig für die Orgel komponiert. Und am Klavier auch ganz anders, viel intensiver. Ganz im Gegenteil zu Bach. Seine Orgelwerke empfinde ich als die Krönung seines Schaffens. Diese Erkenntnis hat mich zur Orgel geführt! 

Ich habe schon einige schöne Beckeraths gespielt, in Würzburg, Wetzlar, Saarbrücken, Frankfurt am Main… Und bald in Heessen. Sehr unterschiedliche, alte und neuere. Und es werden viele neue gebaut, zum Beispiel auch ins Ausland, besonders USA. Auf dem Tisch lag das brandneue, weiße Buch Die Orgeln Hamburgs.

Ich wurde von Dammtor abgeholt, weil gerade ohnehin eine geliehene Truhenorgel (um die 40.000 €) zurück nach Wandsbek geliefert werden sollte. So eine Truhenorgel hätte ich auch gern. 

Ja, die Welt der Orgeln ist wohl bedroht. Beispielsweise war die Elbphilharmonie-Orgel ursprünglich nicht geplant gewesen, wurde nachträglich durch einen einzigen Privatspender eingebaut. Sonst gäbe es keine Orgel dort. Viele Kirchen in Hamburg und Umgebung sind vom Schließen bedroht. Und die Orgeln? Sollen als Gebrauchtorgeln verscherbelt werden. In den Osten. Ins Ausland. Das geht doch nicht. Es gibt einen riesigen Gebrauchtorgel-Markt. Es wundert mich, dass die Kirchen dennoch sperrig, unfreundlich und konservativ bleiben, anstatt aufzuwachen und die jungen Leute in die Kirche zu holen, damit sie nicht dicht machen müssen. Stattdessen gibt es oft Streit, Lästereien, Regeln und Verbote, viele schlecht bezahlte, neidische Kirchenmusiker, die dann auch noch die letzten willigen Musiker vergraulen, und gut bezahlte Pfarrer, die von Musik keine Ahnung haben.

Aber ohne Kirchen und Kirchenmusiker sind die Orgelbaufirmen existenziell bedroht. Konzertorgeln werden viel zu selten in Auftrag gegeben. Die Orgel ist nicht abgekoppelt von der Kirche. In den USA sieht es da anders aus. Ich hoffe, Deutschland wird wieder ein christliches Land. Die vielen Orgel-Fans und Orgelfreaks bringen nicht das Geld und die Aufträge für die Orgelbauer. Was weiter hier noch wichtig ist: Neue Kompositionen für die Orgel! 

Das Team ist jedenfalls sehr nett, ich wurde anschließend in die Kreuzkirche Wandsbek gefahren und habe dort an der Kemper-Beckerath-Orgel Mozart und Bach geübt. Sie ist neu restauriert; drei Manuale, schöne Zungen. Die Firma Kemper aus Lübeck gibt es leider nicht mehr, wie so viele Firmen nicht mehr. 

Ich habe gefragt, warum bei großen aufwendigen Restaurationen die neue Orgelfirma nicht angeschlagen steht. “Das macht man nicht.” Das finde ich demütig. Geübt habe ich am Ende des Tages auch in Altona St. Petri an der Schuke-Orgel. Dafür mussten wir quer von Wandsbek nach Altona fahren. Durch Hamburg durchfahren dauert mit dem Auto manchmal eine Stunde.

Es gibt in der Hauptkirche St. Petri eine große Beckerath-Schuke-Orgel, d.h. Schuke hat sie verändert, erweitert. Es gibt viele solcher “Misch-Orgeln”. 

Ich habe oft das Gefühl, dass sich Orgeln freuen, wenn man kommt. Orgeln sollten immer viel gespielt werden. Es ist ja sogar schlecht für ein Auto, wenn es nur herumsteht.

Nun, die Traktur lächelt, wenn eine Frau spielt. 

Haerpfer-Orgel im französischen Forbach Saint Remi