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12. Februar 2021

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Für Pianistinnen: Kulturschock KiMuWelt. (AHS)

Kirchenmusikwelt.

Ich erinnere mich an meine Anfangszeit mit Registrieren in Frankfurt an der Hochschule. So niedlich! „Wie würden Sie dies registrieren?“ „Ähm …“

Und jetzt liebe ich Registrieren!

Bei Bach finde ich es wichtig, an Schönheit zu denken, nicht an Wildheit. Daran, dass Kadenzen entspannt sind und dennoch keine Spannung verlieren dürfen (klingt das nicht etwas widersprüchlich).

Pedalorientiert, mit exzellent etablierter Bewegungsqualität und Gewichtung, Auftakte timen und variieren, Pausen nicht überwuchern durch Klang, Elastik, Touché, Katabasis, Anabasis, Circulatio. Klein am Ventil und ohne Gewalt.

Super Unterricht gehabt und stundenlang registriert.

22. Januar 2021

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Es kostet Kraft, ein Gesamtkunstwerk zu sein. Schreibe ich an meinem Roman, so verändere ich mich; so wie ich mich verändere, so verändert sich meine Kunst.” (AHS, 22. Januar 2010)

So ist es heute immer noch. Ich liebe es, eigenschöpferisch zu sein.

Es war heute recht windig-sonnig-kalt in Hamburg. Ich übte heute sieben Stunden in St. Katharinen (ich nenne es immer Katharine) ab acht Uhr, Menschen hörten unten zu, freuten sich und klatschen. Ich hatte Unterricht, habe diesen vor- und nachbereitet, mich eingespielt, schrieb alles auf, nahm auf. Sonne kam heraus. Auf dem Weg zurück habe ich mich verfahren. Später holte ich mir bei einem Italiener Spaghetti Bolognese, und es war fast wie eine Art Zurückholen von Normalität (Spielen und Spaghetti essen hinterher), obwohl ich es auf einer sonnigen Brücke im Stehen aß (und die Leute mich freundlich anlächelten).

Später habe ich mit Katelyn Emerson aus den USA gesprochen, eine phantastische Organistin. Es war ein sehr ermutigendes, fröhliches Gespräch. Wir sprachen u.a. über Frauen an der Orgel und unser gegenseitiges Erleben in der Orgelwelt.

Wir überlegten, dass die Orgelwelt eine andere Kultur sei als die Welt der Pianisten oder anderer Instrumente. Meine extrovertierte Art voller Ziele wäre zudem noch mal eine ganz eigene Kultur. Jeder Mensch ist eine eigene extra Kultur. Das ist gut, darüber nachzudenken.

In der Pianistenwelt denkt jeder von sich: I am the best. Und das ist ok. Muss so sein. Doch wehe, man überträgt dieses Mindset in die Orgelwelt. Dann ist man arrogant. Kulturschock.

Hater sollte man generell ignorieren, meinte sie.

Ausländer haben es oft leichter, da sie als faszinierend gelten für Deutsche. (Die Deutschen mögen Deutsche oft nicht. Egal, wo.) Umgekehrt auch, als ich in den USA war, war ich die faszinierende Europäerin. Außerdem gehen Ausländer oft wieder zurück. Warum sie also als Konkurrenz wahrnehmen?

Und überhaupt, wie geht man mit weiblicher Konkurrenz um? Viele Männer können ohnehin schon mit Frauen nicht normal umgehen, geschweige denn, wenn sie Konkurrenz sind oder sein könnten. Das ist noch eine Stufe schwieriger / höher.

Der Punkt, dass, sobald man über Frauenfeindlichkeit spricht, viele Männer panisch dicht machen und nicht mehr zuhören, fand ich einen wichtigen Punkt. Man muss diplomatisch um die Sache herum reden. Denn wenn sich Männer unwohl fühlen, ist es schwer, sie für Verständnis zu gewinnen.

Ich spazierte dabei durch die Innenstadt. Katelyn ist mit einem australischen Orgelbauer verheiratet. Sie meinte, ich solle unbedingt ein Buch über meine Erlebnisse in der Kirchenmusik schreiben. Sie findet das spannend. Ich nenne das Buch Kulturschock Kirchenmusik. 

Spannend war in Katharine, den extra stehenden Cornet-Baß 2 im Pedal zusätzlich im Scheidemann-Choral zu ziehen. Wow! Das ist etwas Besonderes. Es wird dadurch ein vierstimmiges Werk, als käme zum Bass noch ein imitierender und vorimitierender Sopran in Otavparallelen hinzu. Man muss jedoch zweimal oktavieren und den Cornet-Baß 2 am Ende herausnehmen. Ich liebe die melodiösen Durchgangsviertel, das Dichte. Die Zinke war kältemäßig verstimmt, eine Coronazinke. Ich finde Registrierung so interessant. Ich könnte da stundenlang tüfteln. Ganz am Anfang hatte ich Angst vor Registrierung. So vor drei Jahren. Am schönsten ist, wenn man dann wirklich eine hat, die dann final ist und die man durchgehend und immer gut findet.

Wenn man koppelt, muss man das jeweilige Keyboard nach hinten ziehen.

Wichtig ist im Pedal, dass es trotz Artikulation dicht und flächig und singend bleibt. Da ich meine Orgelschuhe vergaß, habe ich mit Socken gespielt.

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5. April 2020

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Möge ein Lied aufsteigen am Morgen, das Leben zu begrüßen wie die Amsel, deine Seele aufleuchten im Festkleid der Freude, möge der Himmel über deine Schwelle treten. (Antje Naegeli)

Und möge der Himmel über seine Schwellen treten. Gesegneter Palmsonntag!

Anbei neu: Video Bach Kunst der Fuge im Bechstein-Centrum Frankfurt am Main:

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Menschen sind für das Jenseitige geschaffen, für das Erhabene. (Desmond Tutu)

Es war sehr schön, gestern an der wunderschönen Wender-Schuke-Orgel in Mühlhausen zu spielen (historisches Gehäuse). Für mich ist das alles heiliges Gemäuer, fast ein wenig wie in Israel zu sein, wo ich schon zweimal war, obwohl der Vergleich natürlich hinkt. Aber immerhin war hier der, der in meinen Augen die schönste Musik der Welt geschrieben hat. Und er hatte es nicht leicht hier. Bach.

Der Altar und der Taufstein sind noch original aus Bachs Zeit. Die Orgel samt Prospekt wurde von Schuke nach Plänen Schweitzers rekonstruiert.

Einer der Kantoren hat dort eine schöne selbstgebastelte Wärmewand aufgestellt, und eine Orgel aus Strohhalmen lächelt vom Schrank herunter, sehr kreativ. Da es warm war, brauchten wir diese Schutzschleuse nicht. Die Menschen feiern dort Andacht, was ich sehr gut finde, sie lassen sich nicht von heidnischen Verboten abhalten, während überall anders säkulare Privatparties gefeiert werden und Ostern näher rückt. Ich habe gespürt, dass Gott daran Wohlgefallen hat, wenn eine kleine Schar, ca. zehn  Menschen zusammenkommen und beten. Es liegt letztendlich in seiner Hand, was passiert. Ich habe ein Passionslied mit ihnen gespielt und hatte Gänsehaut. Und Bach natürlich. Das Pedal ist anfangs nicht ganz leicht an dieser Orgel, aber nach einer Weile zieht sie einen hinein in den Klang, und alles gewinnt an automatischer Gravität. Ich habe sehr genossen, an ihr zu spielen, und am Schluss war die Orgel “leicht”, so soll es sein. Gravität und Leichtigkeit, Klang, Fülle und zarte Verspieltheit. Ich liebe es, wenn ich spüre, dass auch meine Füße virtuos werden. Die Divi-Blasii-Kirche lag majestätisch in der Sonne auf dem Bach-Platz. Die Tür zum Orgelaufgang zu öffnen und zu schließen brachte mehr Übung als das Orgelspielen an sich.

Anbei von meinem 1. Semester damals in HfMT Hochschule für Musik Köln Cologne:

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17. März 2020

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Kunst ist Poesie und Technik. (Ann Schlüter)

Obsessive Kreativität fühlt sich auch manchmal an wie eine Krankheit oder ein Virus: Zwischendurch wird einem kurz schlecht oder schwindlig. Ich freue mich, dass meine Noten Stille och Snö auch in den Musikläden Weimars ausliegen, wie mir heute Wolf Leidel erzählte.

Lustig, wenn manche Musikpädagogen “Üben ist Handeln” in ihren Büchern deklarieren. Als ob das nun eine Neuigkeit wäre. Aufs Klo gehen ist auch Handeln. Warum wird darüber nicht musikpädagogisch reflektiert. Ich denke, in diesem bizarren Definitionskampf um “musikalisches Üben und Lernen” und musikpädagogische Begriffe weiterer Art stehen besonders die, die nie üben. Sonst hätten sie für Derartiges keine Zeit.

Mein Beethoven-Klavierkonzert vom Januar mit der Deutschen Radio Philharmonie (Ausschnitt):

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28. Januar 2020

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Eben sehe ich, dass Ehe eine sehr musikalisches Wort ist und zugleich eine Quinte. (Schumann an Clara)

Weil Liebe ein süßer Ton ist und ein Klang, den wir brauchen?

Anbei das Interview mit mir im SR Kulturradio (Saarländischer Rundfunk Mediathek):

Interview über Beethoven im Saarländischen Rundfunk SR2

Einige haben mir letzte Woche beim SR und SWR gesagt, dass ich eine wunderschöne Sprechstimme habe, eine Melodie in der Stimme, dass ich Hörbücher sprechen sollte, und einen besonderen Klang am Flügel habe. Ich suche meine eigenen Klang-Schwingungen und fühle, dass es wie beim Singen ist: Ich empfinde das Öffnen des Ventils, kontrolliere die Luftzufuhr. Das Singen ist ein Register, während ich bei der Orgel eine Klangwelt von vielen Registern mit Luftstrom zu versorgen habe. Beim Spielen und Singen öffne ich die Rückseite meines Körpers, die Flanken, den Nacken. Das Relaxen hinten und an den Seiten kommt von unten, von meinen Füßen, von der Erdung. Ich stoße mich von unten ab. Nun kann die Energie und die Luft durch meinen Körper fließen. So auch in Bachs Musik an der Orgel und am Flügel. Die Ordnung und die Erdung liegen im Generalbass, richten sich von hier aus auf. Ich muss meinen Hals, meine Kehle und meine Handgelenke nicht festhalten, den Klang nicht drücken, den Schwung nicht lähmen, um Volumen zu erhalten.

Es ist schön, wenn das Leben fließt. Jemand sagt Z und ein anderer ergänzt zum Z ein A und wiederum eine andere fügt an ZA ein B hinzu oder ein Y. Alles wird wie ein großer, schwingender, schwerer Reifrock. Das Leben ist ein Reifrock. Von unten her ein Kreis, ein Strömen. Gerade habe ich noch privat etwas gedacht, und jemand spricht die Ergänzung aus, als hätte Gott eine Antwort auf mein Denken. Und so ist es auch. Gott hört mein Denken. Er kennt mein Denken.

Ich freue mich, dass ich nun einen offiziellen Künstler-Kanal auf YouTube habe, das bedeutet, dass der CD-Kanal von Naxos und Hänssler Classic mit meinen CDs mit meinem persönlichen Musikkanal verschmolzen wurde: Offizieller Youtube-Kanal Ann-Helena Schlüter

“Wie kann ich jemals deine Art begreifen? Du hast die Macht, doch du missbrauchst sie nicht. Du lässt die Freiheit langsam in mir reifen, und ich gewöhne mich allmählich an dein Licht.” (Johannes Nitsch über seine Beziehung zu Jesus)

Beckerath-Orgel Saarbrücken

25. Januar 2020

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Wo man am meisten fühlt, weiß man am wenigsten zu sagen. (Annette von Droste-Hülshoff)

Die nächsten Konzerte in Kaiserslautern geschafft: Die Akustik ist trocken, der Flügel im SWR- Studio anders als im Sendesaal Saarbrücken, vor allem motorisch, aber auch vom Klang. Die Lichttechnik ist ohne mich abgesprochen, so tanzten blaue und gelbe Flecken und deren Schatten auf meinen Tasten. Im winzigen Solistenzimmer gibt es kein Sofa, so habe ich mich zum Ausruhen auf den Tisch gelegt. Das Dirigentenzimmer ist im Vergleich dazu eine Suite.

Die Kinder im Publikum waren aufmerksam. Hinterher versammelten sie sich spontan um den Flügel und spielten mir etwas vor, wollten ein Autogramm haben, einige erzählten mir, wie lange sie schon Klavier spielen “und Keyboard” oder dass sie anfangen möchten. Dort entstand endlich Kontakt. Ich frage mich, ob man mit Shows dieser Art Kinder wirklich erreicht, da sie doch weit weg sind. Es ist aus meiner Sicht zu wenig persönlicher Kontakt da, dafür viel Zirkus, den die Kids ja ohnehin schon im Alltag haben. Die Musik selbst tritt zu sehr in den Hintergrund, als Hintergrundsmusik zur Pantomime.

Sie lernen, dass Bratschen “Bratschomaten” und Geigen “Geigomaten” heißen, und dass Beethoven “Frauen liebte und unordentlich war” und zu Symphonien beliebige Texte und Storys aufgrund von Klischees. Inwiefern das wirklich dazu führt, sich dieser Musik zu nähern?

Hinterher habe ich die größte Orgel in Saarbrücken gespielt, die viermanualige Johannes-Klais-Orgel mit 77 Registern in Christkönig. Die große Orgel hat einen versteckten Contra-32-Fuß oben rechts und ein imaginäres fünftes Manual, also Register, die zu einem gewünschten Manual gezogen werden. Sie ist cremig weich auch im Tutti und sehr schön für Mozarts Fantasien f-Moll. Es ist angenehm, dort vier Stunden zu sitzen und in der nächtlichen Stille, von Kerzen umgeben, Musik zu machen. Was ist das, Musik zu machen? Mit Entertainment wird man diese Liebe zur Musik nicht erreichen. Sie entsteht aus Begegnung.

Sie muss echt sein. Was nützt es, “alle Menschen werden Brüder” (und Schwestern) aus der 9. Symphonie zu singen, aber hinter der Bühne wird etwas ganz anderes gelebt? Daher darf diese Begegnung nicht mit Entertainment verknüpft werden, denn die wird nur blass bleiben, da zählen nur Leistung, Hierarchie, Geld und Tratsch.

Für eine echte Begegnung darf man nicht nur von Heiligtum singen, es muss auch etwas Heiliges da sein, Raum, Liebe.

Musik und Liebe sind so eng miteinander verknüpft, merke ich, wenn es wirklich Impact haben soll. Aber heute wird Musik in diesen Häusern mit Ruhm und Angst verknüpft, jeder denkt nur an seinen Namen und an seinen Job, den er nicht verlieren will, und wenn das Team neu ist, geht es jedem nur um sich selbst und um seinen Marktwert. Es geht dann nicht um Liebe und Musik, es ist nur ein Überlebenskampf. Warum sollte das schmackhaft gemacht werden oder schmackhaft sein?

In Musik geht es um Schönheit. Hinter der Bühne war es meist hässlich. Nach außen hin Solistin, aber hinter der Bühne, wieviel wert?

Schuke-Walcker Völklingen/Saar

24. Januar 2020

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Ich lasse das Leben auf mich regnen. (Rahel Varnhagen von Ense)

Saarländischer Rundfunk: Die nächsten beiden Konzerte im Großen Sendesaal gestern im Funkhaus Schloss Halberg, Saarländischer Rundfunk, waren sehr schön. Es macht Spaß, die jungen Menschen mit Musik von Beethoven abzuholen. Roland Kunz war als Beethoven verkleidet, und am Schluss hat der ganze Saal gesungen (9. Symphonie). Es waren Filmleute vom SR Kulturradio da, ein koreanisches Filmteam, das schon bei den Proben gefilmt hat, und Fotografen. Und natürlich die Tontechniker.

Es ist schön, im Klangkörper des Orchesters zu sitzen. Es ist ein großes, erfahrenes Orchester, und die einzelnen Musiker sind Teil eines großen Ganzen, und ein Klavierkonzert mit ihnen zu spielen ist vor allem eines: Kammermusik. Das Denken von Solist und Orchester ist irreführend. Es ist im Grunde Kammermusik, und jeder hört auf den anderen, und ich auf das Orchester.

Es ist berührend, in die Gesichter der Musikerinnen und Musiker zu blicken, es sind bescheidene, hingegebene Gesichter, authentisch, ungeschminkt, nackt. Die große Musik wird im Kollektiv ohne viel Firlefanz und Druck mächtig und erhaben. In diesem Mächtigen, Erhabenen sitze ich und lasse Beethoven auf mich regnen und hinaus ins Publikum, hinaus in die Welt.

Die Musik fließt durch das Gefühl wie ein Bach. Die Stimmführungen in den Symphonien und im Klavierkonzert, das runde und gebündelte Gemisch von Hoch und Tief, von Streichen und Blasen, von großen und kleinen Stimmen, dieses Orchester mit seinen tiefen und hohen Klängen wird eine  Menschen-Orgel mit unzähligen Registern. Ich verstehe jetzt das Denken an der Orgel. Das Orchesterdenken. Während ich so dasitze, habe ich eine unbändige Leidenschaft, für Orchester zu komponieren und diese Farben und Klänge neu zu bündeln. Ich fürchte mich vor der Arbeit, und dass man noch seltsamer werden könnte. Ich hatte schon als Kind die Sorge, ein “Musiker-Freak” zu werden wie beispielsweise Tschaikowski, Beethoven oder Schubert.

Nun sind wir in Kaiserslautern angekommen, und heute gehen die Konzerte weiter, im SWR. Ich berichte mehr nach dem Frühstück.

Großer Sendesaal Saarländischer Rundfunk Saarbrücken

21. Januar 2020

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Musiker sein heisst nicht, sich dem applaudierenden Publikum zeigen, sondern sich viel Arbeit zu unterziehen – sonst ist man höchstens eine brauchbare Maschine, die Beifall produziert. (A.B. Michelangeli)

Erster Tag im Funkhaus Saarbrücken (auf dem Berg im Schloss Halberg) gut gelaufen. Abends hatte ich noch das Interview oben mit dem SR2 Kulturradio, es war schön: Wir haben über die Tiefe in der Musik geredet. Es wird Samstag um 11 Uhr gesendet und in die Mediathek gesetzt.

Es ist interessant, zu erfahren, wie ein Funkhaus funktioniert; die Mitarbeiter, die helle, schöne Kantine, die Orchestermanagerin, die Orchesterwarte (beide sehr nett), Tonmeister, Lichttechniker, Musikvermittler, und dass man plötzlich “in Frankreich” per SMS begrüsst wird (nach Paris ist es nur ein Katzensprung). Das große Dirigentenzimmer mit Espressomaschine, Sofa, Schreibtisch und dem alten Steinway, in dem ich sein darf. Daneben das kleine Solistenzimmer mit Klavier ohne alles weitere.

Der Sendesaal ist angenehm (ich habe automatisch nach der Orgel gesucht, die es nicht gibt), der Flügel blühend und schön; das weiße SR thront über allem. Erst wurde diskutiert, wo der Flügel steht, dann, ob das Orchester amerikanisch oder deutsch aufgestellt wird (unser Dirigent ist Wiener), wo die Bläser sind, wer den Flügel auf und zumacht, dann alle schauspielerischen Einlagen für die Musikvermittlung, dann das Klavierkonzert.

Roland Kunz und Azis aus Wien sind sehr nett. Die Deutsche Radio Philharmonie besteht aus Musikerinnen und Musikern aus zwei Bundesländern.

Ich habe aber auch Orgel geübt in der kleinen Kapelle neben dem Hotel. Saarbrücken an der Saar ist etwas größer als Würzburg. Wir sind dann noch durch die Innenstadt gebummelt… die Stengel-Kirchen, Rathaus, Theater, Brücken, St. Johanner Markt, Schloss. Empfehlen kann ich den dramatischen Film Queen & Slim (zwei Schwarze auf der Flucht vor der rassistischen Justiz), ein wenig erinnernd an Bonnie and Clyde. Ich muss sagen, dass mich das Zusammenhalten der Schwarzen sehr berührt.

Wer singen will, findet immer ein Lied. Und Musikerin sein bedeutet mehr als horrende Arbeit. Sondern Herz. Geist. Seele. Gefühl. Sonst ist man nur eine Maschine. Genauso die Orgel: Ohne Herz ist sie nur ein Apparat. Mit Geist und Seele aber ein Kraftwerk: Soli Deo Gloria. Sie veredelt und verwebt, perlt und singt, schweigt, bereitet vor, beeinflusst, spricht von Eindrücken. Aber Musik ohne Geist – da ist nichts mehr. Nur Geschwätz und Geplapper. Lästerei. Da ist nur Schmeichelei und Einschläfern.

Ich bin froh, dass ich mit Unbefangenheit an die Orgel herangetreten bin. Wenn ich gewusst hätte, wie konservativ und ungläubig die Orgel-Welt ist, hätte ich mich von der Orgel ferngehalten.

Warum sind Menschen eigentlich gemein? Das frage ich mich manchmal. Da ist so ein Hübner, der in Seniorenheimen für Spottgelder Frauen spielen lässt, dafür 60 Euro Provision einkassiert und aggressiv wird, wenn man dagegen vorgeht. Und “Studentensprecher”, die vor Neid und Hass geradezu blind sind.