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Konzerte

27. Juli 2022: Biographie

Die Orgel ist für mich ein biographisches Schlüsselerlebnis. (AHS)

Foto: Elektropneumatische Reinisch Orgel Schwaz an der Inn in Tirol, Österreich

Auflösung des musikalischen Rätsels gestern im Blog – wer hätte es erraten?:

Bei halbvermindert und vollvermindert geht der Basston halbtönig nach oben in der Auflösung. Bei halbvermindert oben große None, löst sich ganztönig nach unten auf. Bei vollvermindert kleine None, löst sich halbtönig nach innen auf.

Die große Orgel zu Schwaz bei Innsbruck

Das Besondere dieser romantischen Orgel ist, dass sie (da die gotische Stadtpfarrkirche, um 1330 erbaut, später vierschiffig wurde, was selten ist, die meisten Kirchen sind max. dreischiffig) in 5 Einzelwerken ab 1898 -1910 auf der Westempore aufgebaut werden konnte: Das Rückpositiv ist hierbei um eine Säule gewickelt, was extrem selten ist und was ich noch nie zuvor gesehen habe. Zudem ist das Rückpositiv das 4. Manual, was auch sehr selten ist (meist 1. M). Mit 65 Registern war die Orgel lange die größte Orgel in Tirol, nun von Innsbruck abgelöst. Hinter dem freien elektropneumatischen Spieltisch steht das Schwellwerk (2. Manual). (Der Schweller ist nicht sehr deutlich, wenn Prinzipale gezogen sind, da diese im Prospekt stehen.)

Ihr gegenüber das 3. Manual und vorne das HW (1. M) mit Pedalwerk. Diese separaten Einzelwerke umrunden mich in einer Orgelwelt auf der Empore. Das barocke Gehäuse ist mit allen Engeln und Instrument und dem Gold sehr schön anzusehen. Ein Engel spielt Horn, ein anderer ein Positiv. Das ist besonders schön. Das Rückpositiv ist im Prospekt nicht mehr klingend wie früher, nur hinten, da es sonst zu aufwändig wäre.

Pneumatik

Die Reinisch Orgel ist leichtgängig und spielt mit starker Verzögerung in einer Akustik von ca. 6 Sekunden, was anfangs verwirrend ist, besonders bei Bach, aber später sehr gut zu nutzen ist und irgendwann in Fleisch und Blut übergeht. Vorgänger-Orgeln: 1735 Köck (Westempore), 1588 Pöckh Südseite, erstmals hier erwähnte Orgel: 1482. Ich habe in Tirol schon viele Orgeln gespielt und kennengelernt.

Heute erinnere ich an alle Frauen, die Konzertreihen organisieren. Danke an Veronika und Klemens! 😍

Tirol. Im Westen Österreichs

Wir waren essen (Tiroler Schlutzkrapfen mit Spinat und Käse), Soda mit Zitrone, später Salat. Die Hitze löste sich während des Konzertes in ein Gewitter mit Starkregen auf – was irgendwie großartig war, Reger mit Blitzen zu spielen, die die blauen Fenster durchzuckten. Draußen im Park klingt die Orgel noch schöner als innen. Wir liefen danach durch den erfrischenden Regen. Es regnete die ganze Nacht, wie ich erbetet hatte. Am Morgen lagen Wolken und Nebel dampfend auf den Bergen. Insekten gibt es schon lange nicht mehr.

Kirche Burg Freundsberg

Sehr fein sind die Wander- und Spazierwege rund um Schwaz, richtig schön und sauber angelegt mit Trinkbrunnen (mit super Wasser), Wandertafeln, Wissenswertes über Vögel, mit Bänken, Mülleimern und Spielplätzen. Eine unglaublich schöne Aussicht bietet sich auf diesen sogenannten Wohlfühlwegen.at:

Die Inn, die nach dem Gewitter gestern wild statt grün ist, große Wolkengestalten über den Bergen, die Burg Freundsberg, das Inntal (nah dem Zillertal und Achensee-Tal), Brombeersträuchern, Wald, der Lahnbach (Lawinenbach) mit seinen Wasserfällen und Gärten und winzig von oben die große Kirche, in der ich gestern gespielt habe. Es tröpfelt und scheint die Sonne. Es war nach dem Gewitter angenehm kühl. Und der Brenner ist nur eine halbe Stunde entfernt, hinein nach Südtirol. Und die Leute sind alle so wohlerzogen und freundlich, grüßen und lächeln. Wo gibt es Trinkwasser-Brunnen in Deutschland? Zudem ein ausgezeichnetes 5G-Netz. Da merkt man deutlich den Unterschied. Sogar auf Wanderwegen.

Konzert-Rituale

Ich habe von Kindheit an bestimmte Rituale bei Konzerten mitbekommen. Wenn da eines davon fehlt oder wegfällt, bin ich enttäuscht und irritiert. Wenn alles dabei ist, bin ich glücklich.
Wenn ich abgeholt und begrüßt und verköstigt und beschenkt und gut untergebracht und (relativ) gleich bezahlt werde und wenn wir nach dem Konzert ein wenig feiern: Das ist das Beste. Vor allem, wenn es nette, unkomplizierte, verlässliche und interessante Leute sind, mit denen man super ins Gespräch kommt und die einen wertschätzen. Ich liebe neue Kontakte und bin sehr kontakt- und reisefreudig. Gestern haben wir Hugo getrunken und in einem Zelt gegessen, während der Regen gemütlich auf das Dach tropfte. Einige deutsche Kirchenmusiker sind erstaunlich schlechte und ungehobelte Konzertveranstalter. Da fehlt vieles oben genannte. They miss out on a lot of things mentioned above. Das kenne ich aus der Klavierwelt ganz anders. Aber in Schwaz war es top! Es muss doch Spaß machen, Künstlerinnen einer Konzertreihe, die man betreut und verantwortet, hervorragend zu behandeln. No matter what.

Blog

Heimweh, Freiheitsweh (aus Zyklus Längtan) – Reinisch Orgel, Schwaz bei Innsbruck, Tirol, Österreich

Orgel zu Schwaz

Beyond Bühne AHS

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25. Juli 2022

Beyond Bühne AHS

Konzert Eggenfelden, Bayern

Das Konzert in Eggenfelden, Niederbayern, an der großen schönen Klais in der katholischen, grossen, roten Stadtpfarrkirche St. Nikolaus gestern Abend war sehr gut, die Leute waren begeistert. Die Johannes Klais Orgel hat 43 Register und 3 Manuale und wurde 1996 gebaut. Es war das erste Meister-Konzert des Festivals und gut besucht, ca. 130 Leute. Demnächst spielen Willinger und Seifen. Eggenfelden liegt zwischen München und Passau. Ich mag den Dialekt hier. Sehr putzig. Wenn etwas kaputt geht oder schlecht ist, nennt man es „a Klump“. In Würzburg nennt man es „a Gelump“.

Thüringen-Niederbayern

Da ich aus Thüringen kam und am 23. ebenfalls dort ein Konzert hatte, mußte ich nach dem Konzert (Klavierabend) nach Leipzig gebracht und dann nachts um eins von der Bahn in Mühldorf bei München von dem netten Organisator Markus Asböck abgeholt werden. Weil ich so müde war und es so heiss, bin ich aus Versehen eine Station früher ausgestiegen in Trance. Ich habe nur gesehen, 00:38 Ankunft, ok, es ist 00:38, ich steige aus. Dann musste ich in Ampfing auf meinen Fahrer warten, da der Zug 5 min Verspätung hatte. Es war dunkel und einsam um diese Uhrzeit und knisterte im Gebüsch. Ängstlich sah ich mich um. Aber alles war in Ordnung. Ich schaue zuviel True Crime.

Klais Orgel Eggenfelden

Ich mag den typisch runden Klais-Spieltisch. Die Orgel spielt sich weich wie Butter, das Pedal ist ganz leicht gewölbt und die Akustik mit 6 Sekunden Nachhall brillant. Die Orgel besitzt ein Rückpositiv, wird demnächst gereinigt und bekommt eine neue Setzeranlage etc. – ca. 100.000 €. Die Setzeranlage ist momentan noch „umgekehrt“, d.h. die Buchstaben und die Zahlen sind „upside down“ – genau umgekehrt, als man es gewöhnt ist. Ich habe eigene Stücke gespielt, Bach, Reger, Ritter und Mozart. Obwohl die Zungen wohl gestimmt worden waren, hat die Hitze einiges wieder ins Schwanken gebracht. Habe CDs verkauft. Ich bin nach vorne gegangen zum Verbeugen und strahle alle an, das lieben die Leute.

Foto: Klais Orgel St. Nikolaus Eggenfelden

Georg Jann Orgel Eggenfelden

Die Jann Orgel in der kleinen evangelischen Reformations-Gedächtniskirche nebenan mit 2 Manualen ist auch schön, gut für Buxtehude usw. Die spielte ich am Vormittag. In der Kirche war es unangenehm heiss, auch an der Orgel. Die Hitze hat die Zungen verstimmt. Obwohl ich geduscht hatte, war ich am Schwitzen. Von der Hitze waren meine Füße angeschwollen und meine Haare wellig, aber waren am Morgen nach 8 h Schlaf wieder gut. Da war die große spätgotische St. Nikolaus eine Wohltat. Das Festival sollte schon vor einem Jahr stattfinden, wurde aber wegen Corona abgesagt. Übernachtet habe ich im Hotel Garni Leitl, es war ok, ich habe aber schon viel schönere Hotels erlebt. Es gibt auch noch einige andere Jann Orgeln hier in der Umgebung und eine schöne Klosterkirche.

Vor der Klais gab es eine Steinmeyer, weiter davor eine Barockorgel. Welche? Ich mag das Rippengewölbe in der spätgotischen Kirche, das Kruzifix im Bogen von 1520, hoch im Osten, mit Blick auf den Chor. Auf der Westempore thront die Königin.

Termine

Südtirol

Und heute fahre ich nach … Nordtirol, Österreich ❤️. Heute Abend 20 Uhr ist das nächste Konzert, das 3. Konzert in Folge. Das 4. ist Anklam bei Greifswald in Pommern ❤️
Beyond Bühne: Empore.

Jann Orgel Eggenfelden

Konzert Barockschloss Orangerie Meuselwitz

19. September 2021

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An jeder neuen (fremden) Orgel muss frau sich erst wieder neu eingrooven, Hüfte, Gelenke, Körper, sich strecken. (AHS)

Konzert war super, „ausverkauft“, etwas mehr als 100 Leute (mehr durften mit „3 G“ nicht hinein), 1 1/2 Stunden gespielt. Presse war auch da (Zeitung für Nürtingen und Esslingen). Blumen. Ich berichte morgen, bin grad erst ins Hotel zurückgekehrt.

Dadurch, dass ich in der Mitte des Konzertes meine eigene Lyrik gelesen und gesungen habe, hatte ich mein gutes zeitliches Gespür für die Länge eines Konzertes etwas verloren… deswegen die Überlänge ohne Pause. Plus Zugabe.
Ich habe aber gemerkt, wie sich Erschöpfung einstellte bei den letzten beiden großen Bach-Werken am Ende des Konzertes. Dadurch hätte ich merken müssen, dass ich bereits weit mehr als 60 Minuten das Publikum „entertained“ hatte.

Nürtingen liegt praktisch: Nah an Ulm, Stuttgart, Reutlingen, Augsburg…

Die Albiez-Orgel lässt sich ja nicht ganz so easy spielen, da sie federt und die Sternsetzer unten schwer zu sehen sind, vor allem die beiden letzten außen. Wenn man dann alles selbst macht, dann fiebern Kollegen, die wissen, was es heißt, unten mit. Ritter und Bach. Pandemic Dance. Andreas und Hanzo sind sehr nett. Danach waren wir essen beim Italiener. Ich habe Tatar und Parfait gegessen und dazwischen Trüffel-Spaghetti. Ich liebe den Duft von Trüffel.

Happy Birthday, Emilia! ❤️

Neu an der Albiez-Orgel:

Schlüter – Komet

18. September 2021

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Ich bin wieder im Maskenland Deutschland. (AHS)

Ich bin in Nürtingen angekommen. Eine schöne Stadt zwischen Stuttgart und Tübingen. Tolle Orgel, liebe Leute, ich berichte morgen.

Es ist eine sehr schöne Albiez Orgel in St. Johannes (katholisch) von 1974, 2 Manuale, Stern-Setzer unten im Pedal, mit Absteller und tutti, Radialpedal mit schmalen Tasten, nach innen gebogen, schöne Schleierbretter aus Holz, große Pedalpfeifen aus Kupfer (Zinn war damals viel teurer) rechts und links. Sehr schöne Zungen. Schwellwerk mit Schwellern aus Glas (Vorsicht schwergängig; und kein Lärm zu machen). Die Orgel federt beim Spiel, da sie „windstößig“ ist, bedeutet, dass der Winddruck nicht immer hoch genug ist und sie dann zu wenig Luft bekommt. Dadurch kann man auch interessante Effekte beim Improvisieren kreieren. Interessant ist auch die None im 2. Manual und neu das Bourdun 16 im 1. Manual. Die Akustik ist glänzend, schöner Nachhall. Große und helle Kirche. Albiez ist völlig anders als Wiegleb, Mühleisen oder Walcker. Jedes WE eine neue Orgel. Manche Orgeln sind eher laut und robust, andere machen Lärm beim Umregistrieren, andere wiederum sind sehr leichtgängig.

Die Albiez Orgel wurde gestern frisch gestimmt. Orgelbauer waren da. Top! 

Albiez hat sich wohl wegen großen Problemen mit der Kirche und Geld (Schulden) das Leben genommen, erzählte mir der Kantor. Sehr traurig. Solche Dinge machen mich fassungslos. Ein so guter Orgelbauer! Das erinnert mich an Trost. Offenbar geht die Kirche mit ihren Orgelbauern manchmal nicht gut um.

Heute Abend ist das Konzert, auch mit meiner Lyrik. Morgen lerne ich auch die Goll-Orgel in Nürtingen kennen.


Rudolstadt und Nürtingen

Orgel-Vlog #11

11. September 2021

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Der Motor meines Handelns ist Gerechtigkeit. (Alice Schwarzer)

Bin in Ansbach (wunderschön, Mittelfranken, 49.000 Einwohner). Kaum zuhause, am nächsten Tag schon wieder im ICE: Diesmal zuerst Unterricht Stiftskirche Stuttgart bei Kay, dann Konzert Ansbach. Gleich zwei tolle Orgeln hintereinander an einem Tag, und so unterschiedlich wie Tag und Nacht, Stiftskirche und Gumbertus beim Schloss, Mühleisen und Wiegleb. Ich übernachte in Ansbach und treffe morgen vielleicht Rainer Goede wegen den Rezensionen. Die Konzerte in Schmölln sind auf Oktober verlegt. Rudolstadt ist am 3.10.
Nächste Konzerte Ansbach, Nürtingen, Liebenrode Hohenstein und Mannheim. Die Wiegleb 2007 ist einfach genial, was für wunderschöne Farben und Prinzipale! Ich berichte morgen.

Der Unterricht in Stuttgart ist super an der Orgel: Produktiv, auf den Punkt gebracht, sehr effektiv, klar und direkt und trotzdem ruhig. Es kommt mir wie „Hausputz“ oder wie „Zähne putzen“ vor: Ein guter Lehrer ist wie eine regelmäßige Reinigung. Sei es ein Fingersatz, ein Fußsatz, eine Korrektur, Legato, Erkenntnisse der Einstellung zum Instrument im Allgemeinen. Beispielsweise stretta – eine (von mir geliebte) beliebte „Vorgehensweise“ am Klavier, jedoch problematisch an der Orgel. Denn stretta kann man am Flügel gut ausgleichen und abfangen durch Dynamik und Klang, der automatisch entsteht (crescendo). Jedoch an der Orgel ist kein Ausgleich durch Dynamik da, daher verliert stretta an Klang! Dieses von mir instinktiv gewählte Ausdrucksmittel fällt an der Orgel also meist flach. Im Gegenteil: Zügel in der Hand. Tastengrund ausfüllen. Ruhig fließen.
Genauso auch Kraft und Adrenalin: An der Orgel braucht man mehr Kontrolle als Kraft. Dass ich eine Kompass-Nadel werde, die gleich aus dem Gehäuse springt, nutzt an der Orgel wenig. Im Gegenteil. Man braucht viel Erdung und Ruhe, um (positiv) Kontrolle zu haben. Weiterhin ist auch, neben starken (kontrollierenden) Fingern das weiche Strömen in oder auf der Luft wichtig, ohne Akzente, ohne ritardandi, ohne Drücken.
Die Pedale in der Stiftskirche sind schmal. Daran muss ich mich immer erst gewöhnen. Die Setzeranlage ist top. In Ansbach wiederum gibt es keine, auch keine Zahlen. Ein Registrant hat auch keinen Sinn, denn es soll hier „Horror“ sein zu registrieren, denn man sieht von der Seite die Schrift kaum, und zudem kann leicht verwechselt werden, zu welcher Schrift welcher goldene Knopf gehört, darüber oder darunter. Die einzige Möglichkeit ist es, es selbst zu tun. Die Verschmelzung mit den Registerfeldern ist hierbei wichtig. Das Fühlen, wo was ist. Das Wissen. Wie auf den Tasten. Genauso. Hier ist d und es auf den Tasten und in den Noten, hier ist die Posaune und die Pedalkoppel in den Feldern. Die Pedalkoppel muß angehoben werden. Die Mixtur auf II Ist weicher. 32 Fuß mächtig. Posaune gut gestimmt. Usw. Das muss ich alles im Kopf und im Herzen haben. Das Echo in III ist erstaunlich laut, das Bügeleisen (Schweller) wird nach rechts laut, barocke Wiegleb-Klänge in Ritter draußen lassen (wissen, wo die sind, also Sesqui, Aliquoten, Zimbel, Quinta, Quintatön, 2-Fuß, Vorsicht auch mit der Mixtur…). Wo kann man oktavieren. Usw. Es sind also vier Bereiche: Manuale (Aufteilung auch), Pedale, Noten und Registrierfelder. Die Pedale sind dick und weit. In Stuttgart schmal und eng. Jede Orgel anders. Und der fünfte Bereich Klang: Die jeweilige Größe der Orgel und die Akustik des Raumes. Die jeweiligen Einzelfarben und die „chemischen“ Reaktionen auf das Mischen.



Wiegleb Orgel Ansbach

24. Juli 2021

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Romantische Fülle heute in Ann-Helenas Konzert. (Bettina Astfalk)

Heute dreifache Premiere:

  1. Ritter Sonate das erste Mal im Konzert gespielt
  2. Zwei romantische Sonaten in einem Orgel-Konzert gespielt (Mendelssohn und Ritter)
  3. Ein Physharmonica-Stück komponiert und uraufgeführt an der wunderschönen Klais (Baujahr 2015) in Neckarsulm bei Heilbronn

Und alles gefilmt. Das ist Pandemic Dance. Der apokalyptische weiße Ritter aus der Offenbarung, Teil 1.

Die Physharmonica ist ein außergewöhnlicher Registerzug an einer außergewöhnlichen Orgel. Die Tonerzeugung und der Klang sind ähnlich einer Mundharmonika, mit einer unglaublich großen dynamischen Bandbreite. Die Töne entstehen durch durchschlagende kleine Zungen, viele Metallzungen; die Lautstärke wird mit dem Fuß über einen Windschweller geregelt. Mehr Wind: lauter, weniger Wind: leiser. Der Klang erinnert mich an ein Akkordeon. Ein Akkordeon funktioniert auch mit durchschlagenden Zungen; ein Akkordeon ist auch eine kleine Orgel. Summend, wie eine Hummel positiv beißend klingt es. Ich kann den Klang und die Lautstärke an der Klais Orgel nicht nur durch den rechten Windschweller steuern, sondern da diese Register im Schwellkasten stehen, zusätzlich genialerweise die Physharmonica durch beide Schweller beeinflussen (Schweller sind windregulierbare Schlitze, die den Austritt des Schalls regulieren; beim normalen Schweller ist der Schallaustritt, nicht die Windzufuhr für die Lautstärke verantwortlich). Das ist aussergewöhnlich, dass ich die Physharmonica durch beide Schweller anschwellen und dynamisch bedienen kann, selbst in Hoffenheim gibt es das nicht. Nur noch an der Klais in Würzburg (Saal-Orgel). Es ist klanglich ein großer Unterschied, ob ich mit der Windzufuhr oder mit dem Schallaustritt arbeite. Das Pianissimo ist durch den Windschweller geradezu entschwebend oder aus dem Nichts kommend, wie es nicht durch ein Schwellwerk herstellbar ist. Ursprung der Physharmonika ist das vom genialen E. F. Walcker erstmals in Hoffenheim (zwischen Heidelberg und Heilbronn) eingebaute Register. Diese Orgel in Hoffenheim ist eine phantastische Orgel. Das von Walcker erfundene und in Hoffenheim erstmal eingebaute Register Physharmonica hat Klais wundervoll nachgebaut: Eine regionale organologische Rarität und Spezialität. Die Physharmonica habe ich mit Traversflöte 4, später mit Nasard und auch mit Schwebung gemischt – ich liebe diese verrückten und ausgefallenen Klangfarben. Dazu Zungen im Pedal, frisch gestimmt, und helle Aliquoten (Flötenmensur) und Klangkronen (Mixturen).

Kleine Quizz-Insider-Frage: Durch was wurde Hoffenheim in Zusammenhang mit mir noch berühmt? 🙂

Ritter-Sonate:

12. Januar 2021

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Daß nicht vergessen werde,
was man so gern vergißt:
daß diese arme Erde
nicht unsre Heimat ist. (Eleonore Reuß)

Ach, was für ein wundervolles Kirchenlied von dieser Frau.

Ich freue mich, mit der Künstlerin Frau Maqsoodi (Tholey-Fenster) in Kontakt zu stehen. Sie ist super.

Heute habe ich mit der neuen Programmiererin meiner Webseite gesprochen. Es ist schön und wichtig, dass meine so große Seite regelmäßig gewartet und upgedatet wird. Das ist ja wichtig bei WordPress. Dazu neue Plugins, Hääändyversion… usw. Code is Poetry. Allerdings. Design und Programmierung ist eine Welt für sich.

Ich höre gern englische True-Crime-Stories auf YouTube beim Üben – ich weiß, eigentlich passt das nicht ganz zusammen, aber manchmal mache ich das, um mich bei Laune zu halten beim stundenlangen Üben. Außerdem liebe und vermisse ich die amerikanische Welt. Es wirkt so viel unkomplizierter und relaxter und ich denke gern an meine wunderwunderschönen Zeiten in den USA. Man muss nur vorsichtig sein, dass man nicht YouTube-süchtig wird – falls euch das auch so geht, jetzt, wo man nicht reisen kann. Allerdings reise ich wieder am Mittwoch, yuchu. Bis Freitag.

Die Diagramme und Grafiken für meine Dissertation gehen voran… Es scheint nur irgendwie kein Ende zu nehmen, weil mir immer etwas Neues ein- und auffällt. So, morgen kommt mein Link in der Mainpost UND ein neues Bach-Video, freut euch darauf.

28. Oktober 2020

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Mit der Welt in Beziehung treten, sich Welt anverwandeln in einem vibrierenden Resonanzdraht. (Hartmut Rosa)

Wieder in Stade. Schnitger-Love. Mittlerweile ist mir die Orgel vertraut, ich begrüße sie mit zärtlichen Gefühlen. Aber natürlich ist sie mir auch noch fremd. Beides. Vertraut und fremd. Man muss sich erst wieder gewöhnen, wieder einrichten, wo HW (2. Manual) ist: ganz außen, welche Klänge wo im Rückpositiv, wie der Umfang und was nicht geht.. was muss ich arrangieren, ah, die kurze Oktave –

Wir haben später die Zungen gestimmt, die leisen, die ich möchte, also Dulzian im RP und natürlich das besondere Krummhorn im OW (3. Manual). Es ging recht zackig.

Was macht es beispielsweise schwer, an dieser Schnitger Trio-Sonate zu spielen? Es ist die etwas unbequeme Möglichkeit des Sitzens, dazu die nicht leichtgängigen Manuale (was mir ja entgegenkommt) und die noch fremden Klänge, die hinter dem Rückpositiv noch etwas abgewürgt klingen, so, als säße man in einem Tunnel, was natürlich in Alkmaar noch viel stärker ist, die große Schwester, die sehr große Schwester … dort ist das Rückpositiv so riesig, noch größer als in Hamburg, dass man gar nicht mehr das Gefühl hat, mit der Orgel verbunden zu sein, gar überhaupt noch an einer Orgel zu sitzen, man sitzt in einem Spaceschiff, in einer Höhle, in einem Tunnel, in einem Schrank. Und irgendwo in der Vorstellung schwebt eine riesige Orgel in einem, um einen, über einem.

Ich brauche meist Momente mit mir allein mit der Orgel, um mich zu akklimatisieren. Sie ist mächtig und dennoch klein, sie ist rustikal, aber sie ist zart (insbesonders das b1 im Pedal).

Das Hotel ist schön, Stade eine wunderschöne Stadt. Michael hat schon heute Abend alles aufgebaut. Ich bin über Harburg umgestiegen. Ich erinnere mich, wie schüchtern ich der Orgel das erste Mal begegnet bin, 2018.

Gefallen hat mir, was Martin Böcker über Monet und Musik sagte. Je nachdem, zu welcher Jahreszeit man ein Bild malt – zu welcher Tageszeit –  ändert sich das gleiche Motiv sehr stark. Genauso ist es mit Interpretationen vom gleichen Werk. Orgelspielen ist wie Malen. Ich glaube, das ist genau das, was ich liebe an der Orgel. Ich habe eine Gänsehaus bekommen, als er das sagte, denn es spricht mir aus dem Herzen.

Ich habe, weil mir das immer wieder wichtig erscheint, nachgedacht, wie wichtig Musik für mich ist. Ich glaube, ich kann gar nicht an mich heranlassen, wie wichtig Musik für mich ist. Ich würde mittlerweile sagen: Musik ist für mich wie Atmen. Ist für mich Atmen. Allerdings ist es das dann doch nicht alles: Ich brauche auch lebendige Herzwesen: Gott, Menschen. Ich kann merken, dass  durch die Kunst meine Seele sich immer noch formt und wächst. Ich kann manchmal richtig spüren, wie meine Seele Wachstumsschmerzen hat. Wachstumsmuskelkater. Ich glaube, noch schöner als die Welt zu bereisen ist, sein eigenes Wesen kennenzulernen: Wer man wirklich ist. Besonders wenn man Dinge tut, die man noch nie getan hat oder wenn man über sich hinauswächst oder wenn man hinter dem steht, was man tut oder wer man ist, oder wenn man erkennt, was noch fehlt. Und wie dankbar ich sein kann für all die, die mich unterstützen, in dieser Welt.

Zum oberen Zitat: Resonanz. Das funktioniert mit Musik sehr gut, besonders in Konzerten. Hier eröffne ich Resonanzräume, Resonanzzonen. Es bebt von Resonanz, von Widerhall, von Berührtwerden. Das ist mehr als Kompetenz, Können, Performanz. Das ist Beziehung.

Climate Change für Orgel 2020

Erzeuge, aber nimm nicht in Besitz. Fördere, ohne zu beherrschen. (Lao-Tse)

Das Konzert gestern war sehr schön, wieder hatte ich Standing Ovations. Die Leute sind begeistert und schauen mich von oben bis unten an, als würden sie sich wundern, dass ich die große Orgel gespielt habe. Ich gebe zu, ich wundere mich selbst darüber. Ein von Mozart durchwebtes Programm von 75 Minuten. Beide Fantasien f-Moll und das Andante. Der März hat sehr gut begonnen.

Man hätte in einem Päuschen Mozartkugeln anbieten können, ganz recht. Es war ein Frauenpower-Konzert: Thalea ist die beste Blätterin, oder Blätteresse, die ich je hatte, und Anke eine der tollsten und bescheidenste Kantorin. Man erkennt am Blättern, wie musikalisch jemand ist. Ich habe bei Thalea gar nicht gemerkt, dass sie blättert, so gut war es, samtig und unsichtbar. Da die Orgel etwas auf einem Podest steht, musste sie um mich herum springen, da meine Noten besonders geklebt sind, lange Bandwürmer, da ich immer darauf gefasst sein muss, allein blättern zu können. Ich bin froh, dass Tobias auf die Idee kam, die Noten als Kompaktes, Ganzes zu blättern, indem man sie übereinander legt, vor allem bei Mozart und Liszt B-A-C-H.

Die Setzer habe ich alle selbst bedient, das ist mir sicherer. Dennoch habe ich das Gefühl, es gibt Heinzelmännchen (böse) in Orgeln: Es ist oft mindestens ein Setzer spurlos verschwunden. Ich habe sogar das Gefühl, es sind Heinzelmännchen in Noten: Plötzlich sind Fingersätze verschwunden. Es ist immer ein spannendes Abenteuer.

Was macht denn so Spaß an einem Orgelkonzert? Das Unberechenbare, das Bedienen der Tasten, Schweller und Setzer mit Händen und Füßen, das Glücksgefühl, wenn eine Setzerkombination noch da ist und funktioniert, das Einregistrieren, ja, das Verstehen der Orgel und des Raumes und das Sich-Verbinden mit Orgel und Raum, denn der wichtigste Registerzug ist die Akustik, die Artikulation, die Frage, wie es den Zungen geht und ob etwas verstimmt ist, das Verschmelzen und Kommunizieren und Aufeinanderabstimmen der Werke, das Mischen der Farben –

Kurz, das Technische und Komplexe an der Orgel, und dass Leute hin und wieder gern ohrenbetäubend gerauscht sein wollen inklusive mir. Ja, der Klangrausch. Nach fünf Stunden Einregistrieren höre ich auch nichts mehr. Ersetzt jede Disco und jedes Rockkonzert.

Empfehlen kann ich die Heizdecke stoov – sie ist relativ kabellos. Zum Üben gut zu verwenden (jedoch nicht im Konzert. Im Konzert geht auch keine Miniheizung. Aber das braucht man dann auch nicht mehr). Meine Stücke Snö und Längtan kamen auch gut an.

Was schrieb Mozart? “Als ich Herrn Stein sagte, ich möchte gern auf seiner Orgel spielen, denn die Orgel sei meine Passion, so verwunderte er sich groß und sagte: Was, ein solcher Mensch wie Sie, ein großer Clavierist und Pianist, will auf einem Instrument spielen, wo keine Expression ist?” So ähnlich sprechen Leute auch zu mir. Aber die Orgel hat Expression. Man muss sie nur zu beherrschen wissen.

25. Februar 2020

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Folge nicht den Fußspuren der Meister. Suche, was sie gesucht haben. (Basho)

Diese Erde scheint am Ende, überall Horror-Nachrichten, und was mache ich? Ich spiele Orgel und Klavier. Ist schon seltsam. Aber solange noch Vögel singen?

Früher mussten die Organisten genau lernen, wie man mit Walze spielt. Heute nicht mehr. Viele mögen Walze nicht so gern. Ich schon. Man muss eben darauf achten, dass die Walze meist auf alles greift, auf die Lichter, die helfen, weil sie anzeigen, wo sie sich befindet, und ganz genau und vorsichtig abwägen können – auch wissen, wie sensibel sie zu bewegen ist (meist nach unten laut und nach oben leise). Früher wurde auch gelehrt, wie man völlig selbständig blättert und ohne Hilfe registriert. Das mache ich meist ohnehin schon selbst.

Ich mag meine alten Noten gern, sie sind wie ein altes Nachthemd, in dessen vertrautem Duft man selbst im fremdesten Hotelzimmer gut schläft, oder wie mein altes Konzertkleid, das mir selbst in der kältesten Kirche oder an der fremdesten Orgel vertraute Gefühle weckt.

Ich habe festgestellt, dass manche Menschen recht ruppig mit ihren Instrumenten umgehen, Kameras oder Handys auf den Flügellack knallen etc. Das würde ich nie tun. Mit Sorge lass ich nur Samtenes in die Nähe meines Flügels.

Schade, dass sich Künstler und Kantoren manchmal wenig verstehen. (Manchmal aber sehr gut. Es gibt ja auch wirklich nette, besonders dann, wenn Kantoren selbst Künstler sind.) Ich erlebe leider, dass manche langjährigen und erfahrenen Kantoren nicht wissen, was ich meine, wenn ich von Orgeln spreche. Die nicht kennen, was ich fühle, die nie diese Leidenschaft kannten, die nach Schema F klingen, als wären sie von gestern; die leider nicht außerhalb der Box denken gelernt haben. Kantor ist Kontor?

Auf manchen Orgelreihen haben noch nie Frauen gespielt, wurden noch nie Frauen eingeladen. Und das, obwohl “hochkarätige” Leute sie betreuen. Auch das Kessel-Festival (wenn auch ganz andere Sparte von Musik, eher Rock, Pop, Jazz) hat als Haupt-Acts 2020 zu 90 Prozent erneut nur Männer eingeladen. Als ob die Bühne nur Männern gehört. Und Männer nur Männern etwas zutrauen. Ein Hauptproblem sind auch frauenfeindliche Frauen. Warum gönnen viele Frauen Frauen keinen Erfolg?

Katastrophal sind in meinen Augen sogenannte Kirchenmusikausbildungsstätten, in denen sich bewusst hauptsächlich männliche Dozenten tummeln. Und von denen kein kleiner Teil ihre Ehefrauen (und Kinder) sitzenlassen oder den Ruf haben, Affären mit Studentinnen zu haben oder in wilder Ehe leben. Wo Frauen flüchten, weggemobbt werden, sich umbringen oder kaum eine Position von Macht erhalten. Was für charakterlich zerstörte, unglückliche Absolventen werden wohl später als Kirchenmusiker oder Lehrer eingesetzt, die gelernt haben, hintenrum zu sein, dass Lästern “zum guten Ton” gehört, dass  Männer die erste Geige spielen, die andere ablehnen und mobben und die meinen, dass man mit dem Strom schwimmen muss, weil man sonst keine Chance hat, sonst nicht dazugehört. Diese (frisch gebackenen) KantorInnen können Gift und Höllenkandidaten für die Kirchen werden und bringen eher den Teufel mit.

Leider kann ich den Film Die Polizistin nicht empfehlen. Ich war entsetzt.

Ich freue mich auf meine neuen Konzerte: