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7. Februar 2020

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Jeder Ton beginnt mit der Stille und kehrt zur Stille zurück. (Leopold Mozart)

Ich bin in Wiesbaden angekommen. Die Marktkirche ist groß, rot und schön, mit “zackigen” Türmen. Der Kirchenraum riesig, hoch und langgezogen. Hoch oben thront die große, viermanualige Walcker-Orgel. Das vierte Manual ist die Chororgel, sie ist wie ein Fernwerk und besitzt sehr schöne Vierfüße; besonders gut gefällt mir hier Scharff 4. Mozart klingt hier wundervoll, die Auswahl der Stimmen ist immens, ich komme mir vor wie an einem großen Buffet von Köstlichkeiten. Auch mit köstlichen zarten und glockigen Achtfüßen, selbstredend. Ich spiele morgen im Konzert Liszt, Bach, Mozart und eigene Werke. Ich kann heute die ganze Nacht spielen. Jetzt bin ich aber erst mal im Hotel in der Taunusstraße.

Mir gefallen Hotels, die noch richtige Schlüssel haben und keine Chipkarten. Wo also die Steckdosen und Lichtschalter im Zimmer normal funktionieren wie daheim.

Mein Zimmer hat sogar einen kleinen Erker und eine Badewanne. Ich mag auch, wenn dort Schokolade bereit liegt und Wasser mit Sprudel. Trotzdem kann ich es mir nicht zu gemütlich einrichten, denn ich möchte gleich noch mal los und spielen. Das Gästebuch für alle Organisten an der Walckerorgel zeigt mir, dass (zumindest laut Gästebuch) ich hier die erste deutsche Organistin bin. Zudem Komponistin. Nunja, ich bin ja eigentlich schwedisch-deutsch. Aber eben nicht aus Asien oder Russland oder USA. (80 Prozent sind natürlich ohnehin Männer.)

Auf dem Weg hierher habe ich die ganze Zugfahrt wie ein Stein geschlafen. Ich bin froh, dass ich auf Knopfdruck (ein)schlafen, entspannen und mich so wieder aufladen kann. Könnte ich das nicht, würde ich nie im Leben das Programm schaffen, dass ich mir aus Leidenschaft “auferlege”.

Denn meist gehe ich sehr spät ins Bett und stehe dennoch sehr früh auf. Obwohl ich eigentlich acht Stunden Schlaf brauche. (Leider merke ich manchmal zu spät, wenn mein Akku komplett leer ist. Dann kann ich kaum noch mehr etwas in der Hand halten, laufen oder denken. Glücklicherweise lade ich schnell wieder auf.)

Ich kann schlecht Nein sagen. Wenn man mir sagen würde, morgen wäre eine Orgelfahrt zum Mond, ich würde “Hier” rufen. Und erst später meinen Terminkalender prüfen. Und ich würde auch dann noch mit zum Mond fliegen wollen, wenn ich zeitgleich zum Jupiter fliege und umgekehrt. Das war schon immer so. Terminkalender machen einem schmerzlich bewusst, dass man nicht wie Gott an zwei Orten gleichzeitig sein kann. Wie gerne wäre ich dies.

Sehr schön für mich war gestern, eine kleine Weile in Ruhe an der tollen Schnitger-Orgel in St. Jacobi Hamburg zu spielen. Ich hatte sofort eine gute Connection zur Orgel. Das hat mich selbst gewundert. Meine erste Begegnung mit dieser Arp-Schnitger-Orgel war während der Orgelfahrt mit der HfMDK, und ich hatte Angst vor der Orgel; alles war mir fremd. Aber jetzt, alleine, hatte ich das Gefühl, dass die Orgel sehr zart, freundlich, übersichtlich, liebevoll ist. Handy.

Man muss sich auf sie einstellen, auch vom Pedal und vom Umfang her. Aber das war nicht schwer. Ich denke, hier kann man ungewöhnliche Sachen spielen, nicht immer das typische Programm (norddeutsch rauf und runter). Sie ist eben nicht mitteltönig, sondern modifiziert, 1/5 syntonisches Komma. (Mitteltönig ist 1/4.)

Auch Mozart würde hier gut gehen, nicht alles natürlich, aber das Andante, wenn man eine Oktave tiefer spielt mit Vierfüßen. Klingt spitze. (Die Kemper-Orgel eine Etage tiefer gefällt mir nicht sonderlich.)

Kerstin hat für die Schnitger-Orgel schöne, braune, kleine “Handschühchen” für die Registerknöpfe nähen lassen, mit Zahlen, damit es für die Registranten einfacher ist. Denn ohne Hilfe kann man hier manches schlecht spielen. Und verändern geht nicht, wegen Denkmalschutz. Diese Näherin war sogar an der Orgel zum Maßnehmen. Ich habe schon gehört, dass Laien zu den Registerzügen “Stöpsel” gesagt haben.

Beim Spielen hören einem die Engel an den Seiten zu. Und die plötzlich wie aus dem Nichts herausgeschossenen tollen Pedalpfeifen rechts und links.

Erschreckend ist, wenn ich nach dem Weg frage zu den Hauptkirchen, dann wissen die Leute nicht mal, wo St. Jacobi ist, oder sie schicken mich stattdessen zur Petrikirche, weil sie die Namen nicht kennen und die Kirchen verwechseln.

Orgeln sind so komplex. Leider ist es noch immer so, dass ich selbst trotz Lesen, Üben, Spielen, Reisen vieles zur Orgelwelt noch nicht weiß und Dinge verwechsle. Aber dafür sind ja tolle Lehrer da.

Und bald spiele ich in Altona.

26. Januar 2020

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Sich des Lebens zu freuen, ist die beste Kosmetik. (Rosalind Russell)

Es war spannend, die wunderschöne, dreimanualige Walcker-Schuke-Orgel in der evangelischen Versöhnungskirche Völklingen/Saarbrücken an der Saar zu spielen, eine der klangvollsten Orgeln, die ich bisher kennengelernt habe. Die Kirche hat eine edle, hohe, oval wirkende Decke durch ein majestätisches Deckengemälde “über die Siegkraft des Evangeliums”, die Kirche ist jedoch oben nicht rund, es scheint nur so. Die unten thronende Orgel mit den ca. 55 Registern und den Löwenköpfen ist optisch sehr ansprechend angelegt. Ich liebe die Farben dieser Orgel und das Rückpositiv. Man kann hier alles spielen, Bach, Liszt, Neue Musik… Ich war von Anfang an eine Verehrerin von Walcker und Schuke. Hier in dieser Orgel von 1930 findet man beide Künstler vereint.

Man ist ab hier ganz nah an der Grenze zu Frankreich, ganz nah an Forbach. Überall gibt es schon französische Bäckereien und französische Lidls. Es gibt auch das Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Es ist interessant, Industrie als Kultur zu bezeichnen, und Saarstahl. Am Anfang, als ich das Wort Hütte ständig im Gespräch mit mir hörte, dachte ich, es wäre ein Slang, der hier für Haus verwendet wird, nach dem Motto Bude. Vielleicht fehlt es mir trotz meiner Reisen doch an Weltgewandtheit für andere Dinge als Musik. Onkel Toms Hütte? Oder Die Hütte, in der Gott eine schwarze Frau ist?

Die Saar fließt in die Mosel. Ich wurde dann ins französische Forbach gebracht. Dort gibt es in der großen, gotischen katholischen Kirche Eglise Saint Remi eine beeindruckende monumentale Orgel mit ca. 60 Registern, über 3000 Pfeifen und vier Manualen, eine Haerpfer-Orgel. Sie thront ganz weit oben, klingt mächtig ins Kirchenschiff hinein und besitzt im Prospekt viele Kupferpfeifen. Hier klingt vor allem französische Musik gut, französische Romantik und französischer Barock. Mozart und Bach eher weniger. Es war spannend, sie zu spielen, denn sie hat heftige spanische Trompeten und andere (scharfe) Zungen, als hätte man eine Ladung Chili in die Orgel gekippt. Die 32-Füße und eben dieses Chamade-Register machen die Orgel ohrenbetäubend laut. Mein erster kleiner, musikalischer Auslands-Ausflug 2020.

Das kleine Saarland ist eine beeindruckende Orgellandschaft. “Gehst du an einer Kirche vorbei und hörst du Orgel darin spielen, so gehe hinein und höre zu. Wird es dir gar so wohl, dich selbst auf die Orgelbank setzen zu dürfen, so versuche deine kleinen Finger und staune vor der Allgewalt der Musik” (Robert Schumann).

Außerdem kann man hier wunderbar shoppen, obwohl ich nun wirklich kein Shopping-Typ bin. Aber mir wurden zwei besondere Läden schmackhaft gemacht, die es sonst nicht gibt, süße Läden alle rund um den St. Johanner Markt, dort habe ich mir in YaaYaa einen Samtschal von Monk & Anna gekauft, eine Stola, weich, in einem rauchigen hellen, etwas glitzernden Blau. Ein Blau, das sehr gut zu meinen Augen passt. Die Stola kann man sehr gut an der Orgel in Konzerten tragen, wenn es kalt ist. Es gibt Schalbinde-Apps auf dem Handy. Und man kann sich hineinkuscheln. Es gibt Leute, die behaupten, dass ich mich gern “verstecke”, hinter meinen langen Haaren oder in langen Ärmeln und Pulswärmern und daheim mit Kissen – und dieser Schal eignet sich ebenfalls hervorragend. Und warum sollte man sich nicht vor dieser Welt ein- und wegkuscheln?

Außerdem kaufte ich mir ein neues schwarzes Konzertkleid, zart-glitzernd, und ein rotes Tüll-Jäckchen von der israelischen Designerin Alembika in Autre Chose. Ich wurde sehr liebevoll von allen Seiten beraten und bekam am Ende dazu eine schöne grüne Tasche. Ich liebe zwar mein altes Samtkleid aus den USA, das ich auf allen Konzerten trage. Aber…

Essen waren wir im Luuc in der Türkenstrasse und in der Kartoffel, in der es typisch saarländische Kartoffelgerichte gibt, aber auch Lachsauflauf, den ich genommen habe. Es gab auch leckere Waffeln mit Mascarponecreme. Das Saarländisch ist ein lustiger Dialekt.

Es hat Spaß gemacht, die Mittagsmusik mit Mozart an der großen Beckerath-Orgel in der Ludwigskirche (1762-1775  von Stengel erbaut) zu spielen. Danach waren einige Kinder oben an der Orgel, denen vor allem mein eigenes Werk gut gefallen hat. Sie haben in Snö (Schnee) ein Stück gehört, in dem sie sie eine Maus erkannt haben, die in der Orgel herumgelaufen ist. 🙂 Die Erwachsenen haben den Schnee gehört, sie sagten, sie hätten “das weiße Rauschen” und das Nordlicht erkannt, und wie unterschiedlich Schnee fallen kann und dass Schnee unterschiedliche Temperaturen hat. Das hat mir sehr gefallen. Das Stück ist eine Kompensation dafür, dass wir leider keinen Schnee mehr haben.

Danach waren wir auf dem Markt hinter der Ludwigskirche, auf dem ich zum ersten Mal saarländischen Mispelbrand probiert habe (ich konnte ihn nicht trinken, schon gar nicht “kippen”) und Bliesgau (Kirschbrand), der schon besser geschmeckt hat, da er süßer war. Der Mispelbrand wird aus Riesenmispeln hergestellt, erklärte man mir, und diese würde man “Hundsärsch” nennen. Es gab auf dem Markt aber auch Eier, Wurst, Obst, Oliven… Es gibt auch ein Restaurant in Saarbrücken, das eine englische Karte hat, in der bestimmter Wein als “furzdry” angekündigt wird (=furztrocken).

Es war natürlich auch sehr schön, in der Basilika St. Johann direkt am Johanner Markt die herrliche, fünfmanualige romantische Mayer-Orgel zu spielen. Sie hat ganz besondere Solostimmen, man kann unzählige Farbkombinationen zusammenstellen, und besonders Spaß macht es, Register zusammenzuziehen, die eigentlich nicht zusammengehören. Man kann hier wundervoll ausprobieren und improvisieren. Allein die vielen zarten Vierfüße, die es gibt… auf jedem Manual mindestens einen. Wenn ich eine neue Orgel kennenlerne, probiere ich momentan immer erst Mozarts Flötenuhr mit den Vierfüßen und arbeite mich von dort nach außen. Anhand der Vierfüße kann ich sofort erkennen, “wie die Orgel klingt und tickt”. Wir waren auch kurz in der Schlosskirche und in der schönen HfM und in der Musikschule. Es gibt noch einige tolle Orgeln, die hier kennenzulernen sind, die englische Orgel und die Orgel in St. Michael, der Silbermann-Nachbau in Forbach, den der Niederländer Koopmann einweihte, die Kuhn-Orgel in St. Arnual… Der Tourblog hilft mir, meine Gefühle und Erinnerungen zu reorganisieren für einen Gesamtsinn im Leben. Vermummen und ein-igeln und doch öffentlich sein, das ist kein leichter Gegensatz. Sind Menschen nicht etwas verrückt?

Das Saarland ist eine Erfahrung. Ich habe dort vor langer Zeit schon mal gespielt, jedoch war ich noch keine intensive Woche dort, und kenne nun mehr Orgeln und Kirchen als die meisten Saarbrücker. Interessant sind auch die Kompositionen von Theo Brandmüller.

Die Orgelpfeifen brauchen den Luftstrom genauso wie die Welt den Geist Gottes. Die Orgel steht zwischen Himmel und Erde wie wir.

23. Dezember 2019

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Gesegnete Weihnachten!

Kevelaer, Teil 1

Ich bin im wunderschoenen Wallfahrtsort Kevelaer in der Naehe von Duesseldorf und staune ueber die Marienbasilika und ihre Orgeln, ueber all die vielen Orgeln in dieser wunderschoen geschmueckten kleinen Stadt. Die beruehmte Orgelbaufirma Seifert hat hier ihren Sitz schon seit der 5. Generation. Die Orgeln der ganzen Gegend sind Seifert-Orgeln, auch die groesste Deutschlands (nach Passau, die ja aus unterschiedlichen Orgeln besteht) mit ueber 10.000 Pfeifen in der Basilika aus einem Stueck. Original 1906. 1926 erweitert. An ihr durfte ich viele Stunden ueben und im Gottesdienst spielen. Die Basilia sieht aus wie ein riesiges, exotisches Schmuckkaestchen mit Wandteppichen, Sternen und intensiven Farben,  und hoch oben ueber den geschnitzten Eingangstueren thront die grosse, praechtige Orgel mit ihrem Gehaeuse aus hellem Holz, roetlich angestrahlt, inmitten blauen Sternenwaenden. Sie ist eine viermanualige romantische Orgel mit 138 Stops (elf werden in den naechsten Jahren ergaenzt) mit wunderschoenen Vierfuessen, Floeten und blendende Zungen. Sehr gut gefaellt mir das Fernwerk, das links weit entfernt als grosse eigene Orgel mit zwanzig Stops steht, mit einer Solo-Trompete. Das Fernwerk hat auch eine unglaublich schoene Traversfloete, perfekt fuer Mozarts Floetenuhr. Jedoch ist das Fernwerk im Dialog nicht so leicht zu spielen aufgrund der Akustik. Jedoch ist die Akustik insgesamt ein wundervoller Traeger fuer die Orgel, nicht so gigantisch wie im Koelner Dom:

Die Orgel blueht hinein in die Akustik, die fuellt und nicht ueberwaeltigt. Ich spielte meine drei Mozartstuecke, und die zarten Acht-und Vierfuesse waren charmant wie Puffaermel an Kleidern, die Hohlfloete, Floete Harmonique, die Doppelgedackten, Streicher, vier Serafonfloeten, durchschlagende Zungen wie Euphonium und Englisch Horn (Fernwerk) und Fagott (Oberwerk), warm und harmonisch reich. Zungenbatterie fuer Vierne und Widor. 

Es ist eine elektrisch-pneumatische Orgel, aber sie ist durch die geniale Entdeckung und Erfindung der Membranenladen vom Gruender Ernst Seifert stets klar, schnell und brillant. Ich wusste, irgendetwas ist anders, als ich spielte, die Manuele und der Touch gefielen mir jedoch gleich. Die Orgel ist perfekt fuer Liszt, Reubke, Ritter, Brahms, Mozart, Mendelssohn, Vierne und auch Bach. Nicht so geeignet ist sie fuer Muffat, Buxtehude etc. Auch die kleine Chororgel mit zwei Manualen unten gefiel mir.

Wunderschoen fuer Mozart. Sie steht inmitten groesser Tannenbaeume, Adventskranz und Krippen. Der Kapellenplatz ist ebenso geschmueckt, in ihrer Mitte die Gnadenkapelle ohne Orgel, dafuer spielte ich Seifert-Orgel in der Kerzenkapelle, die alte Orgel in der Sakramentskapelle mit 5 Stops, die suesse Orgel in der Beichtkapelle an der Seite mit 10 Stops und die Hauptorgel und Kapellenorgel in Sankt Antonius. Die vielen Kerzen lagern Russ in der Orgel in der Kerzenkapelle ab, dadurch sind manche Floeten halb erstickt im Klang oder scheinen zu ueberblasen. Jedoch ist gerade diese Kerzenkapellen-Orgel einfach wunderschoen. 

Ueberall Pilger und Kleinkunst, Weihnachtsmarkt, Punsch, herzhafte Pfannkuchen, Esel, Rotwein, Tannenbaeume und Krippen. Die Innenstadt wirkt mit all ihrem Schmuck sehr reizend, und die Italiener haben herrliche Trueffelpasta. 

Es war spannend, an drei Tagen hintereinander drei sehr unterschiedliche Orgeln zu spielen: Saalorgel Klais Wuerzburg, Schnitger Alkmaar, Holland und die grosse Seifert Kevelaer. Ueberall spielte ich Mozart. Schnitger faellt natuerlich sowieso aus dem Rahmen, dreihundert Jahre vor den anderen beiden. Und der Unterschied zwischen Klais und Seifert (beide Firmen sind gleich alt)? Klais ging mehr mit der Orgelbewegung, aber beide haben ihre Staerke in der romantischen Orgel. Die komplett neue elektrische Saalorgel-Klais ist natuerlich voellig anders als die viel groessere Seifertorgel in der Marienkapelle. Klais benutzt die gleichen Stops auf verschiedenen Manualen, viele Transmissionen. Seifert benutzt keine Transmissionen. Hier sind alle Pfeifen da. Ich mag beide sehr.

Alle Orgeln sind sehr gut intoniert. Andrew zeigte mir alles, er arbeitet fuer Seifert. Danke! Durch ihn habe ich viel gelernt ueber Orgelbau. Wir kletterten auch in die grosse Kapellenorgel hinein, wobei ich auf halber Strecke steckenblieb, da meine Hoehenangst mich nicht weitergehen liess. Danke, Elmar, Andrew und Patryk! 

 

3. Dezember 2019

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10jähriges Tourblog-Jubiläum 2009-2019: Zeit fliegt schön 

Mein Kunstwerk ist nun 10 Jahre alt.

Neu: Buxtehude 137. Und viel Mozart. 

Es macht Spaß, bei Buxtehude, Bruhns und Bach über Registrierung nachzudenken: Kammermusikalische Consort-Registrierung nach Vogler für die Fuge (zum Beispiel Keysound Flöte oder Zunge), wobei die Stimme jeweils von Klangfarben anderer Pfeifenbauart zusammengesetzt sind, z.B. Zunge 8, Oktave 4, Flöte 2. (Zunge wird meist mit Gedackt stabilisiert.)

Das Plenum, für freie Teile und Toccaten, das meist die Mixtur braucht, sollte immer klar und schlank, nicht dick sein, sonst empfinden es einige als “stilistisch unsauber”. Jedoch kann das berühmte Buxtehude g-Moll auch mal nicht im Plenum beginnen, sondern ganz zart!

Die zweite Fuge bei Buxtehude könnte mit 16-Fuß sein, also voller oder größer klingen, für Abwechslung. Wichtig ist, sich zu trauen, Zungen und auch den Tremulanten einzusetzen. Zungen müssen besonders atmen. Pausen schwingen. Singuläre Stimmen dürfen hervortreten. Welche Partien sind besonders schön für selbstbewusste Trompeten? Kurz gesagt: Buchstäblich ein Händchen bekommen. Die freien Teile bei Buxtehude und die e-Moll Bruhns (ausschlagend für Bach) können Plenum oder aber auch melancholische, zartere Elevations-Toccaten sein.

Es gibt in der Musik tatsächlich gut und schlecht, auch falsch und richtig; doch dann gibt es, und das ist noch wichtiger: die Freiheit, selbst zu entdecken und selbst zu entscheiden; frei zu sein, meine eigenen Entdeckungungen zu interpretieren. (Trillere ich hier auf der Hauptnote oder von oben mit Vorhalt? Welche Ausgabe bevorzuge ich und warum? Wie spiele ich die 36 Neumeister, an welcher Stelle mit Pedal? Oder ganz manualiter? Wechsle ich die Manuale für Echoeffekt oder nicht? Wie arrangiere ich Mozart? Schubert? Mendelssohn? Was für Strophen möchte ich für welches Choralvorspiel verinnerlichen?…) Die Paradigmen für falsch und richtig, gut und schlecht sollen genauso verinnerlicht sein, um innerhalb dieses Rahmens kreativ und frei zu sein: Crescendo und Decrescendo, Puls, Akzente, Proportionen, Absprache…

“Und wähne nicht Widerspruch zwischen Ja und Nein. Denn Gott steht jenseits davon.” (Dionysius) So auch die Musik. Sagen wir so: In Jesus ist aus dem Nein ein Ja geworden.

Oder: “Zweiheit gleich Einheit.” Wird Einheit. Ist Einheit.

Und: Zweiheit gleich Dreiheit. Die Gegensätze sind verbunden, nicht verabsolutiert. Bach hat die Wahrheit erkannt zwischen Einheit und Zweiheit. Es stimmt, was Christoph Bossert (der in den Neumeister Chorälen Signaturen der Kunst der Fuge findet) sagt: Die Orgel an sich spiegelt die Realität wider: Ohne Atem und ohne Wind ist die Orgel nur eine Maschine. Wie tot.

Ich finde, wir spiegeln dies genauso wider: Erst durch den Wind, der auch in unsere Nase geblasen wurde (wir sind auch ein Blasinstrument!) entstehen Leben und Bewegung. Leben ist Bewegung. 

 

10. November 2019

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Hoffenheim: Romantische, historische Walcker-Orgel (1846)

Ich bin begeistert von dem Denkmal der Frühromantik, der Walcker-Orgel in Hoffenheim (bei Heidelberg). Eine schöne durchlässige Kegelladenorgel von Eberhard Friedrich Walcker in der evangelischen Kirche Hoffenheim (die sogar einen kleinen Flügel besitzt),  opus 62 von 1846 (Restaurierung 2012 von Orgelbau Lenter, Sachsenheim). Sie besitzt eine schöne brüchige, exotische Holzharmonika (offener Streicher aus Holz) im zweiten Manual, die dem Gedackt, Dolce und der Flute d’amour besondere Würze und Helligkeit gibt, und eine Physharmonika mit Windschweller (durchschlagene Zunge) – mit Akkordeon oder Mundharmonika haben beide nichts zu tun. Es geht eher um die Harmonie, um Idealklänge, um neu erfundene, kreative, eigene Instrumente. Besonders die Physharmonika ist eine eigene kleine “Maschine” mit Klangplättchen. Beide sind sehr zart im Klang und im Pianobereich. Sehr schön ist auch die Gambe im ersten Manual. Calcant (Windmotor).

Die Orgel ist ein Wunder. Sie vermittelt einen pianistischen und dynamischen Klang, ihre Klänge und Register blühen nach oben auf und wechseln innerhalb einer Tonleiter von Flöte zu Streicher. Albertibässe sind absolut möglich, wie beim Flügel. Hier ist also der Flügel in der Orgel. Das, was man mir sagte, dass es nicht ginge. Ja, es geht: mit Flöten und Streichern.

Man muss den Anschlag jedoch stets sehr anpassen. Nie zu hart sein. Eher sehr zurückhaltend. Ihre leisen Klänge sind die inspirierenden. Nicht das laute Plenum. Es ist ja eine verhältnismäßig kleine Orgel, zwei Manuale, die Pedalpfeifen versteckt, ohne Schweller, ohne Setzer. Den Holzschweller zur Physharmonika muss man hochklappen, sonst kann man das Pedal drunter nicht mehr gut erwischen.

Liszt B-A-C-H hier zu spielen eine Herausforderung, um nicht zu sagen, sehr schwer. Jede Pfeife, jedes “Pult” muss man im Blick haben, wo was ist, auswendig kennen. Auch, dass das Pedal oben ist. Man braucht zudem sehr fite Registranten auf beiden Seiten und saubere, frische Noten. Warum? Die Registerzüge sind aufgrund der Kegellade komplex, sie machen Lärm, müssen sanft gezogen und eingehängt werden, verhalten sich bei jedem Register anders, und beim Abregistrieren noch mal anders. Zudem müssen sie in einer Art Griff gezogen werden, da man oft 3 oder mehr gleichzeitig braucht. Es ist ganz schön Arbeit. Die Holzharmonika und die Physharmonika (und die Traversflöte) waren ebenfalls Vorbild für die Bossert-Klais-Orgel im Saal Würzburg. Andreas Saage wurde von Christoph Bossert nach Hoffenheim geschickt. Viele kennen Hoffenheim gar nicht, außer vom Fußball. Auch die Orgelfirma Lenter wird von Herrn Bossert unterstützt. Ich muss sagen, dass ich die Lenterorgeln mit Kegellade ebenfalls sehr mag. Sie haben sogar eine labiale Klarinette. An der Walcker-Orgel in Hoffenheim kann man Klarinetten- und Hornklang herstellen – auf kreative Art und Weise. Es ist schön, wenn man Flöten, Streicher, Zungen, Prinzipalchor, Schwebung, konische Pfeifen vorfindet. Die Unterscheidlichen. Die Ehrlich-Orgel in Bad Wimpfen besitzt sogar eine konische Pfeife aus Holz, eine Spitzflöte. Wo sind in heutigen Orgeln solche Besonderheiten?

Wie wichtig Streicher sind, war mir lange nicht bewusst. Bach liebte wohl Gambe und Quintatön. Rieger (aus Österreich) und andere heutige Orgelbauer scheinen oft nicht die exotischen schönen Flöten- und Streicherstimmen mehr zu treffen. Es ist natürlich traurig, dass manche aus der Orgelbewegung meinten oder noch immer irrtümlicherweise meinen, Walcker-Orgeln seien “Fabrik-Orgeln” gewesen. Das ganze Gegenteil ist der Fall. Das Poetische der Orgel ist wichtig, nicht so sehr das Kühle, Professionelle. Den Keysound finden. Früher hatte Walcker Orgeln mit 100 Registern gebaut – alles zerstört.

Die Orgel ist sehr schön geeignet für Brahms, Mendelssohn, Schubert, Schumann, Ritter, sogar für Bach und Liszt.

7. November 2019

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Lutherkirche Leer, Ostfriesland, Ahrend-Orgel von 2002

Die Lutherkirche mit niedriger Decke ist sehr besonders. Die dreimanualige Ahrendorgel thront mit Rosen, Girlanden und Rosengirlanden verziert über allem. Goldene Rosen auf den silbernen Pedalpfeifen an den Seiten! Es gibt Zungen (Trompete, Posaune, die berühmte Ahrend-Spezialität: die fünffach geöffnete Vox Humana), Flöten, die konischen Pfeifen wie Gemshorn 16, Nasard, die Spitzigen, Streicher (eine schöne Gambe), Schwebung und alles, was das Herz begehrt. Die sogenannten Unterscheidlichen. Dazu Vogel und Stern – beides die schönsten Zierdeklänge. Man kann ein wunderschönes Cornett zusammenstellen aus Rohrflöte 8, Spitzflöte 4, Nasard 3, Gemshorn 2 und Terz. Ich glaube, dass man hier sehr wohl auch Muffat spielen kann, da Gambe und Gemshorn wunderschön sind und genau die Farben haben, die man braucht. Außerdem stehen Ahrend-Orgeln auch in Süddeutschland. Farben können Gebiete einnehmen und ändern. 

In jedem Werk eine Mixtur 4-fach. Im Brustwerk ist diese allerdings in separat zu registrierende Reihen zerlegt, wie man das auch in alten italienischen Orgeln findet (dort “Ripieno” genannt). 

Natürlich bin ich wieder in das Innenleben der Orgel geklettert und habe mir die Vox Humana (Zunge) genau angesehen und vorsichtig in Händen gehalten. Die Vox Humana (mit ihren fünf Öffnungen) ist natürlich nicht zu verwechseln mit der Voce Umana oder Piffero (Schwebung).

In der Orgel sieht man die Posaune im Pedal (Holz), den Subbass (Holz, gedackt, mit Stöpsel) im Pedal, die tiefe Hohlflöte aus Holz gedackt mit Stöpsel, ebenso den Bordun aus Holz gedackt mit Stöpsel, und wenn die Hohlflöte höher wird, ist sie aus Metall (zugelötet mit Seitenbärten), immer kleiner werdend; und je höher und kleiner, bekommt sie auch noch ein Rohr. Die schmalen Gamben (Reihe) aus Metall gehen etwas konisch auf.

Auf der anderen Seite die sehr kleinen Pfeifen aus Metall, die kleinen Spitzigen und kleinen Gedeckten: Hier sieht man das Gemshorn (oder Spitzflöte) 4, Nasard 3, Gemshorn 2 und dahinter die kleine Terz (flötig), ganz hinten Rohrflöte 8: ein wunderschönes Cornett (immer aus Flöten): Horn. 

Draußen scheint die Sonne. ps: Sehr empfehlen kann ich: Biofit von Dr. Schaette, wenn einem nach dem Üben die Arme wehtun.

24. Oktober 2019

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Klosterkirche Maihingen: Muffat, Steigleder, Knecht, Frescobaldi, Froberger, Mozart, Sweelinck, Pachelbel, Bach, Mendelssohn

Die perfekte Muffat-Orgel. Sie ist eine klanglich und optisch wunderschöne, zweimanualige, süddeutsche Barockorgel, 1737 Baumeister, mit Holzpfeifen im Prospekt. Sie ist mit Engeln verziert, groß, Schleiflade mit Druckpunkt, ohne Zungen, und besitzt ein französisches Positiv.

Ihr Quintatön, ihre Spitzflöte, ihre Gambe, Coppula, Flaute und Cythara sind herrlich. Ich liebe schöne Solostimmen, Flötenregister, Streicher und Schattierungen, die sogenannten Unterscheidlichen. Sie besitzt einen Abzug (eine Windkoppel) mit Pedal, die einzige Koppel.

Sie hat eine kurze gebrochene Oktave im Pedal und in den Manualen.  Besonders ihre Gambe gefällt mir, sie ist fauchend, kratzend, küssend, knirschend, rauchend, und eine Chyterra (Gitarre). Zu den Streichern kann man gut die Schwebung einsetzen.

Ich mag es sehr, wenn Orgeln Nebengeräusche macht, die Körperlichkeit von musikalischem Ausdruck. Ich verstehe die Gleichschaltung nicht, wenn Orgeln heute nur noch edel sind, aber keinen individuellen Charakter mehr haben. Es wirkt so leblos und synthetisch, was neu gebaut wird. Viele Orgelsachverständige reißen alte Orgeln ab, anstatt den Charakter und die Phänomene der Klänge zu verstehen: Erregte Klänge, mal matt, mal rund, mal bauchig, mal kratzig mit Krallen und Biss. Es braucht Orgelkunstverständige. Das Problem ist, dass die Fehler, die OSV machen, nicht mehr umzukehren sind: Ist die alte Orgel erst einmal weggerissen, ist sie weg. Damit zerstören diese Menschen Geschichte. Die Orgel ist Geschichtetes. Zudem muss man auf jeder Orgel spielen können, nicht nur auf den edlen. Wenn Organisten nur einen Typ Orgel spielen können (den, den sie haben), sind sie keine Künstler. Das Umgehen mit den Teiltönen. Die Aliquoten sind das Innere.

Ich schätze süddeutsche Orgeln sehr, auch wenn sie vielleicht nicht so berühmt sind wie die norddeutschen und deren berühmte Komponisten.

Die Maihinger Barockorgel hat wellige Tasten vor Gebrauch, und man muss ihre Handhabung erst lernen wie bei einem neuen Pferd. Den Druckpunkt finden und ganz weich und ruhig spielen. Ist eine Orgel an sich schon impulsiv wie diese und ich komme auch noch mit Impulsivität an sie heran, dann wird sie ganz nervös und fängt an zu jammern. Ich muss merken, wenn meine Orgel jammert. Ist eine Orgel lahm, brauche ich mehr Energie. Es ist wie bei den Pferden. Ist ein Pferd nervös, fängt es an zu äpfeln und zu schwitzen. Ich muss ihre Sprache verstehen. Auch bei Orgeln muss ich die Gangart verstehen. Insgesamt lieber immer zärtlich und fühlend. Ich spiele Pfeifen, keine Tasten. Ich brauche bei der Orgel immer eine starke Beziehung zu meinen Fingern.

An der neuen Orgel immer fragend: Wer bist du? Den Klang führen, aber die Orgel nicht beherrschen, sich von ihr führen lassen.

Diese Orgeln sind immer phantastisch für Klavierwerke Bachs.

18. Oktober 2019

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Kulturschaffende sein und Künstlerin

Also Denkmalpflege betreiben und auch frei Schöpfende sein – das ist ein großer Unterschied, ein großes Vorrecht.

Ich freue mich, bald ein Konzert in Wiesbaden in der Marktkirche zu spielen, in Limburg und Fulda im Dom. Aber jetzt erst mal Orgelkonzerte und Klavierabende in Heiligenstadt, Thüringen und Leer. Ich freue mich auch, dabei zwei wichtige Orgelfimen kennenzulernen. Die Decke an einer großen Konzertsaalorgel zu entfernen, den dicken Schlauch an die Orgel anzustecken, die Atmosphäre des Saales dabei einzuatmen – das ist wunderschön.

3. Oktober 2019

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Feiertag – endlich!

Kunst ist, in den großen Reigen der Wiederherstellung einzutreten. Bewusst. (Ann-Helena Schlüter)

Für mich ist es mit Dissertation, Beethoven-Üben und Orgel genauso viel Arbeit wie an den anderen Tagen. Ich freue mich auf den Orgelkurs mit Daniel Roth und auf die Konzerte am WE, besonders auf die Schuke-Orgel in der Praetoriuskirche Wolfenbüttel.

Musikvermittlung soll aus Begeisterung heraus geschehen, aus Freude an der schöpferischen Leistung. Was sich nicht so leicht vermitteln lässt, ist eine Herausforderung.