Startseite Nach oben

Reisen

26. Dezember 2009

Schlagwörter: , , , , ,

Kommentar verfassen

Mantorp und Linköping

Mein zweites, schwedisches Gedicht geschrieben.

Leider hat es heute so sehr geschneit, dass wir nicht nach Jönköping fahren konnten. Auch gestern fuhren wir nicht nach Mantorp, da es einfach zu gefährlich war wegen den Schneemassen. Am Montag geht mein Flug zurueck, Göran und Christina fahren mich nach Linköping, und von dort geht der Zug nach Stockholm Arlanda Flughafen. Ich komme etwas zu frueh an. Ich hoffe, dass wir morgen nach Jonköping fahren können, da es mein letzter Tag ist, ich hoffe, dass es nicht mehr schneien wird und die Strassen bis nach Mjölby befahrbar sind. Göran fuhr hinter dem Schneepflug her, und doch war es kaum möglich, zu fahren, nach den Feiertagen kommt die Stadt kaum dazu, den Schnee zu räumen, es werden sogar die Bauern gefragt, zu helfen. Ich habe zuerst den Nachnamen meiner Vorfahren mit Elmgren verwechselt, weil so mein Ururgrossvater hiess, der die Buecher geschrieben hat, aber meine Oma hiess dann Lindblad; die Frau am Telefon half uns sehr, eine Dame der Skattverket oder der Folkbokförring, es hat aber 20 Minuten gedauert.
Ein freundlicher Mann in dem Antiquariat hier in Vadstena versprach, nach weiteren Buechern meines Urgrossvaters Clas Elmgren zu suchen, der ein Missionar in Schweden und ein Prediger war in der evangelischen Kirche in Jönköping. Ich finde es spannend, danach zu suchen und dabei ein schwedisches Gespräch zu fuehren. Heute spielte ich wieder in einer befreundeten Familie Klavier, es war ein seltsames, verstimmtes Klavier, eines, das fast nur aus Tastatur bestand; es lag ein schlafendes Baby daneben, das während der ganzen Goldberg-Variationen nicht aufwachte, aber aufwachte, als ich aufhörte zu spielen. Die Eltern konnten nicht fassen, dass das Baby nicht aufwachte, da es sonst bei jeder Radiomusik sofort aufwacht, und es hatte schon eine Stunde geschlafen. Aber gerade die Goldberg-Variationen sind zur ‚Gemuetsergötzung‘ geschrieben worden, auch fuer Laien, und es ist fuer mich eine Ehre, wenn Menschen dabei einschlafen zum Beispiel, also in einen friedlichen, angenehmen Schlaf fallen, dazu ist das Stueck auch gedacht.
Meine Freunde zeigten mir ganz Vadstena, sie kennen fast jeden Menschen dort. Sie zeigten mir das Kloster Vadstena, die Einkaufsstraße, das Schloss von Gustav Vasa, das Archiv, das Antiquariat, ihr Kontur (Büro) in der Stadt, wir besuchten einen schwedischen Männerchor, den Cantuskören — und ein schwedisches Weihnachtsmusical. Trotz allem kam ich ein bisschen zur Ruhe. Die beiden Filme Flickan som lekte med elden und Män som hatar kvinnor habe ich auf schwedisch gesehen und konnte nicht mehr einschlafen.

Das Julklappspel war sehr lustig, auch die schwedischen und englischen Original-Krimis im Fernsehen, wir tranken Wein und Julmust und Skogs Glögg und Milch mit O`Boy und aßen Köttbullar mit Kryddpeppar und Gräddsås, Janssons Frestelse und Sockerkakan med Safran und dem typischen schwedischen Vaniljsocker. Auch Niklas, der Freund von Hannas Schwester Maria, fragte mich, ob ich an Gott glaube, einfach so. Wir aßen Havregrynsgröt, also heiße Haferflocken, gekocht mit Wasser, mit schwedischer Milch, und Filmjölk (Buttermilch mit etwas saurer Milch). Filmjölk ist in jedem Haushalt. Niklas legte sich snus unter die Oberlippe, das ist typisch schwedisch, aber verboten in Deutschland. Die snusdosen liegen im Kühlschrank und sind pro Portion 6x so stark wie eine Zigarette. Viele sind davon abhängig. Ich wollte es unbedingt probieren, aber das Zeug, wohl zurecht gedreht von Niklas, war so scharf in meinem Mund, das ich dachte, ich müsste mich übergeben, ich spuckte es sofort wieder aus, während Niklas lachte. Ihm tat es sicher leid um das schöne snus. Ich hatte noch Stunden später diesen bitteren Geschmack im Mund, der mir alles wegätzen wollte. Niklas hatte jede Stunde neuen snus in seinem Mund.

22. Dezember 2009

Schlagwörter: , , , ,

Kommentar verfassen

Sverige

Nun bin schon vier Tage in Schweden. Es ist eine märchenhafte Kulisse hier, ich bin nun in Norrköping, Berge von Schnee, ich komme mir vor wie in einer weissen Sahara, an einem weissen Strand. Als wir mit dem Flugzeug ueber Stockholm flogen, dachte ich zuerst, da ich muede war und es dunkel, es sei Sand unter mir, warum die Tannenwälder in Sand stehen, bevor ich erkannte, dass es Schnee war. Die weihnachtlichen Lichter der Hauptstadt funkelten uns entgegten. Hanna und ich flogen mit der SAS, da konnte ich auch Meilen sammeln, da die Schwedische Airline mit der Lufthansa kooperiert. In Stockholm fuhren wir dann mit dem beruehmten Arlanda Express in die Innenstadt, in die City.
In Stockholm sind die U-Bahnen so abgeschottet wie in London, aber man kann die Tickets ueber Handy kaufen. Es war unglaublich, meinen roten, in Windeseile gepackten Reisekoffer durch den Schnee zu ziehen. Die Rollen des Koffers weigerten sich. Ich dachte, ich träume, als wir aus der U-Bahn auf die Strassen traten: es war mittlerweile 23 Uhr, die Lichter der Stadt lagen in einem Nebel aus Schneeflocken und Nacht, der Wind bliess uns den Schnee ins Gesicht, links und rechts tuermten sich die Schneeberge, gemischt mit Matsch, Strassendreck und Feuchtigkeit, wir liefen auf der Strasse, da kaum noch Autos fuhren. Ich genoss die Schneeflocken in meinem Gesicht. In Wuerzburg hatte es minus 15 Grad gehabt, als wir losgeflogen sind, es war so kalt in Deutschland wie kaum zuvor, dass mir die Nase einfror auf dem Weg zu meinem Fahrrad, mein Fahrradschloss nicht mehr aufging. Stockholm war nur minus 5 Grad, aber dafuer Schnee ohne Ende. Hanna sagte, so viel Schnee sei Luxus, das sei etwas Besonderes, ich hätte Glueck gehabt. Stockholm oder ganz Suedschweden und Mittelschweden hätten selten so viel Schnee. Auf der anderen Seite liebe ich diese Schneewelt, alles ist in dieses verträumte, ruhige, Geräusche abdeckende Weiss eingetaucht, als wuerde die Stadt den Atem anhalten. Als wir am Ziel ankamen, traf ich auf eine grosse Gruppe junger schwedischer Leute, ab da war es nicht mehr so leicht fuer mich, zu folgen, wenn alle schnell und laut und durcheinander Schwedisch sprechen und lachen. Sprache ist doch fuer mich eine wichtige Sache, ein Geschenk, eine Waffe, ein Schutz. Aber es war auch wichtig, kennenzulernen, wie es ist, ohne diese Sprache zu sein, zuzuhören, ohne Worte und ohne Musik zu sein und doch zu sein. Denn ich bin dennoch Sprache.
Es war eine besondere Gruppe, vegan essende, politisch links orientierte, liberale, teilweise homosexuelle junge Schweden, viele Mädchen feministisch, Tierschuetzerinnen, eher radikal-kuenstlerische, suchende Menschen, gegen Religion und Kirche; ich tauchte ein in eine andere Welt. Es gab gleich eine Kostprobe ihres Essens: brauner Reis mit Kohl, Tofu, Knoblauch, Brokkoli, rote Beete, es schmeckte sehr lecker, etwas scharf. Wasser trinken fast alle hier einfach aus dem Wasserhahn, das ist normal. Viele von diesen jungen Leuten trinken weder Kaffee noch Tee, natuerlich auch keine Milch, essen keinen Käse, keine Butter, sondern alles Soja. Ich dachte, okay, mal sehen, wie das alles so schmeckt.
Ich trinke Berge von Schnee.

Unsere Wohnung im Herzen der Stadt liegt so, dass ich vom Fenster den runden Musikdom sehen konnte, blau angestrahlt, in der Form eines Golfballs, Globen genannt, eines der grössten Stadions fuer Musik und Hockey in Europa, von Schnee und Nebel bedeckt, ähnlich dem Musical Dome in Köln, den ich ja neulich wiedersah (von den Kölnern liebevoll blauer Muellsack genannt), in dem ich leider noch nie war, und den Kölner Weihnachtsmarkt am Dom. Wir gingen spazieren in Gamla Stan, der Altsadt von Stockholm, bis zum Weihnachtsmarkt in Stockholm am Hauptbahnhof. Bei einer Freundin spielte ich Klavier, nachdem wir dort alle zusammen gegessen hatten und es draussen schneite vor den Fenstern. Es war eine wunderschöne Wohnung in der Innenstadt. Zum Schluss spielte ich schwedische Weihnachtslieder, alle sangen.

17. Dezember 2009

Schlagwörter: , , ,

Kommentar verfassen

Holland

Ich bin fasziniert, wie friedlich und schön Holland ist — wie wenig wir teilweise unsere Nachbarländer kennen. Die Atmosphäre war ruhig, während wir einen Milchkaffee am Marktplatz tranken und ein Fahrrad mit auf Rot weißgetupftem Sitz, dazu passenden Fliegenpilz-Taschen an beiden Seiten und einem rosa Korb vorne dran vor uns an der Scheibe parkte. Ich geniesse es, aus dem strengen Druck Deutschlands manchmal entfliehen zu können in eine andere Welt, eine Welt der Wiesen, einfach nur Gegend, mit Kühen und Pferden und gelben Nummernschildern — oder irgendwo anders hin. Pia Douwes ist eine sehr charismatische Persönlichkeit, mitten im Leben ohne Starallüren, mit toughen Augen und trotzdem freundlich und erwachsen. Ihr helles Häuschen in der Nähe von Utrecht ist künstlerisch eingerichtet mit einem kleinen braunen Antiquitäten-Flügel von Fritz Sohn, 1878, Paris, Wien. Sie möchte den Flügel generalüberholen lassen, aber er hat auch jetzt schon einen sanften Klang mit blinkendem Sopran. Ansonsten ist alles sehr hell, weiße Türen, ein verwilderter Garten, ein weißer Kachelofen, romantische Unikate als Sessel, originale Gemälde in goldenen Rahmen, dicke Samtvorhänge, ein Esszimmer, violette Gardinen, eine Tapete mit Rosen in hellrosa und lila — alles spezielle Möbel, die es wahrscheinlich kaum mehr woanders gibt, schöne Spiegel, ein verwildertes Bücherregal. Es machte mir Spaß, auf dem alten Flügel zu spielen. Die Musicalwelt ist eine eigene Welt; ich tauchte für einen Tag oder zwei in diese Welt ein. Nur Musicals zu spielen oder zu hören, wäre nichts für mich. Ich brauche auch feste Speise, so etwas wie Vollkornbrot, Bach zum Beispiel. Aber man darf Musicals nicht unterschätzen, es ist sehr schwer zu singen.
Wir liefen erst ein wenig sprachlos herum im Wohnzimmer, wie in einem Museum. Pia sagte, sie sei eben erst eingezogen. Ihr Stil erinnerte mich an mich. Ich spürte sofort, sie war Künstlerin durch und durch, wie eine Seelenverwandte. Sie unterrichtete den ganzen Nachmittag, ich hörte zu, wie sie die Belting Technik erklärte, also das Mischen der Lagen, die Bruststimme mehr oder weniger hochzuziehen, damit es nicht nur klassischer Kopfstimmengesang ist, wenn es in die Höhe geht. Ich mochte ihren Klang live in dem Zimmer, zart und leidenschaftlich.
Während ich die Songs, die sie Nummern nannte, begleitete, zum Beispiel aus dem Musical Elisabeth oder von Le Mis oder von Cats oder Abba, fieberte ich bei ihren Erklärungen mit und konnte ein Summen und Singen kaum unterdrücken hinter dem verschnörkelten Notenpult des braunen Flügels. Mal sollte ich nach oben transponieren, mal eine andere Tonart von anderen Noten (sehr handgeschrieben aussehend) spielen — sie hielt mich schon auf Trab.

Natürlich ist es auch schön, wieder zurückzukommen nach Deutschland — auch wenn ich das Glockenspiel vor meiner Haustür, bevor meine Straße in die Innenstadt mündet, kaum mehr anhören kann. Aber dann, wenn sich das Glockenspiel überschneidet mit Ohrwürmern in mir — denn diesmal das Lied Pias: Ich gehör nur mir,  sitzt in meinen Ohren fest, ein Ohrwurm, der schier von innen lähmt in Schönheit. Übermorgen fliege ich in ein Stockholm voller Schnee.

Jag tvivlar på att följande historia är sann men den lär ha hänt här i Würzburg: En kvinna som bodde med sin man i ett litet hus spelade på ett gammalt piano som bröt ihop en vacker dag.
Då köpte hon en ny svart flygel eftersom hennes man inte ville köpa ett nytt piano. Hon kunde nämligen inte spela piano. Så hon köpte själv till och med en flygel utan att tänka på hur flygeln ska komma in i det lilla huset. Hon måste faktiskt bestämma sig snabbt, för hennes man ska komma hem från arbetet på kvällen. Så lät hon helt enkelt riva av taket och lät flygeln glida ner i vardagsrummet. När hennes man kom hem från jobbet såg han flygeln men inte något tak.

10. Dezember 2009

Schlagwörter: , ,

Kommentar verfassen

Lucia

Am Wochenende sind die Lucia-Feierlichkeiten in Würzburg — da die Universitätsstadt Würzburg eine schwedische Partnerstadt hat, nämlich Umeå hoch im Norden, 600 km von Stockholm entfernt, eine noch sehr junge Universitätsstadt, gibt es hier viele, die sich sehr für Schweden begeistern, hauptsächlich deutsche Studenten und Dozenten. Lucia kommt eigentlich aus Sizilien, hat dort das Christentum und Liebe verbreitet und wurde dafür getötet.

Privat und Beruf sind für mich oft eine Einheit. Das Lebenswerk, das ich arbeite, hat oft direkt mit mir zu tun, bin vielleicht ich. Wenn ich nicht glauben würde, dass das, was ich tue, außergewöhnlich ist, warum sollte ich es tun? Es wäre sinnlos und nicht authentisch. Aber genau dieses Denken stört manche Menschen an Künstlern, was ich verstehen kann.

Am 11.12. davor ist wieder Studioaufnahme, ich freue mich.

Erfurt Concerts

Nächstes Wochenende fahre ich nach Erfurt. Am Sonntag zwischendrin spiele und singe ich im Hochschulgottesdienst der St Stephanskirche. Heute um 20 Uhr eine erste Generalprobe mit meiner kleinen Band im Bechtolsheimer Hof. Meine kleinen Schülerinnen sind extrovertiert, willig und begabt.

Das Ticket nach Schweden ist gebucht, wir fliegen am 19. mit SAS nach Stockholm, fahren später nach Norrköping, dann nach Vadstena an den zweitgrößten See Schwedens. Die Arbeit an der CD macht Spaß, aber ist vor allem neben all der künstlerischen Tätigkeit eine Organisationsfrage, wer wann wo probt und wann wo spielt, Cello, Geige, die Stimmen, Klavier, Percussion … Abläufe, Koordinierung usw. — und ich bin verantwortlich und manchmal etwas überfordert damit in der kurzen Zeit.

Aber ich bin froh, dass die meiste Arbeit bei mir selber liegt und dass ich nun zumindest (als Klassikerin) schon zwei Jahre Studio-Erfahrung habe. Beim Üben am Flügel purzeln bei mir Gedichte, Ideen und Lieder, ich komme kaum hinterher, sie aufzuschreiben. Wie Kerzenwachs. Und ich muss mich auf das normale Üben auch konzentrieren. Mit all meinem Herzen.

21. Oktober 2009

Schlagwörter: , ,

Kommentar verfassen

Surfbrett der Wissenschaft

Es ist für mich ein Wunder, dass ich innerhalb kürzester Zeit gelernt habe, wie man wissenschaftlich arbeitet, also auch wissenschaftlich denkt. Es ist wie eine Sprache lernen: im Schwedischen lernt man auch nicht einfach eine Sprache, man lernt, anders zu denken, sogar anders zu fühlen. Schwedische Schriftsteller zum Beispiel vermitteln ganz andere Grundstimmungen als deutsche, die Literatur ist ganz anders. Und so ist die Wissenschaft eine Sprache. Zunächst schweigt sie an der Kreativität vorbei; es kostet mich viel Demut. Sie ist auf der einen Seite hochinteressant und eine Welt für sich, die voll Sortierung und Logik ist, auf der anderen Seite für mich fast widerlich, da ich mich ständig bemühen muss, mein eigenes Surfbrett auf der niedrigsten Welle zu halten, während ich vor mir das große Meer sehe. Ich habe eher Probleme mit niedrigen Wellen als mit großen Wellen. Große Wellen mögen mich, kleine rauben mir den Nerv, mein Gehirn scheint auszusetzen. Vielleicht ist meine Seele auch in meinem Gehirn? Ich bin froh, Wissenschaftler und Forscherinnen zu kennen, die mir helfen, diese Welt zu erforschen.

Nächste Woche dann Schweden. Ich freue mich. Ich habe viele Kindheitserinnerungen: dass unser weißer Mercedes im Schnee — im Graben — stecken blieb und uns ein Traktor herausholen musste — Baden im See, Pilze sammeln, Oma Pilze in der Pfanne, in ihrem Bett zu schlafen, die Waschküche, die Wälder, die großen Städte, die Kirchen, die blauen Schreibhefte, die Treppe im Haus meiner Oma, schwedische Bücher, der Garten im Haus meines Onkels…

Duo Orgel und Klavier mit Torsten Laux

Das letzte Konzert war sehr schön, Klavier und Orgel im Duo, auch wenn mich die Orgel bei der Zugabe zu Butter spielte. Torsten Laux spielte laut, mein armer Flügel bebte unter der Orgel. Der 100. Psalm machte mir am meisten Spaß.

Die vertonten Psalmen wurden vorgelesen vor dem Spiel. Ich sehne mich sehr danach, auch junge Leute zu erreichen, sie scheinen oft unerreichbar: die breite Masse möchte ich mit der Schönheit ganz neuer und fremder Musik erreichen.

Ich habe mit einem alten Freund Schach gespielt. Es ist möglich, dass einer im Endspiel und der andere noch im Mittelspiel ist und sich das überdeckt. Es ist nicht leicht, eine wirklich saubere, gesunde Partie zu spielen.

15. Oktober 2009

Schlagwörter: , ,

Kommentar verfassen

Bonn

Besuche Bonn. Mein Musikerkollege Organist Torsten Laux wohnt in Bonn, obwohl er in Düsseldorf und Bayreuth unterrichtet. In seiner Wohnung steht ein kleiner Ibach-Flügel, ungefähr so alt wie mein Blüthner-Flügel; Bonn war einmal die Hauptstadt Deutschlands, ich finde, das merkt man, es liegt noch dieser majestätisch schläfrige Schleier über der Stadt mit den 300.000 Einwohnern, die man nicht spürt. Ich wohne mitten in der Innenstadt, hinter dem Theater Bonn, hinter dem Rhein. Trotzdem habe ich den Rhein erst einmal nicht gefunden. Bonn ist eine Großstadt wie Nürnberg, und kommt mir doch nicht wie eine vor. In Nürnberg bin ich geboren und zur Schule gegangen; Nürnberg war immer eine Großstadt für mich, ist es immer noch, und mit die schönste Stadt. Gewohnt hat unsere Familie immer etwas außerhalb von Nürnberg in einer ländlichen Umgebung, in einem Dorf zunächst sogar oder dann in einer Kleinstadt an der Pegnitz.
Bonn ist eine schöne Stadt, ohne Zweifel, wenn auch kalt um diese Zeit. Aber ich habe skandinavisches Blut, keine Kälte kann mir etwas anhaben. Ich genoss sogar Sonne und Sturm, obwohl ich zitterte.
In der Rheinlust saß ich dann mit Musikerkollegen; wir philosophierten über das Leben am Theater oder freischaffend oder an der Hochschule, während neben mir geraucht und Schach gespielt wurde. Uli sagte, er habe nicht genügend Killer-Instinkt für Schach. Ich sagte ihm, man kann sich auch Geschichten dabei ausdenken, sein Land zu retten oder für das Gute zu kämpfen, zu befreien. Er fragte mich, wer mein Vorbild sei. Ich gerate dann ins Schwärmen über Mose aus dem Alten Testament, während wir Burger und Sandwiches essen.

Das Orgel-Festival, auf dem Torsten Laux und ich zweimal spielen zusammen, ist mit das größte Orgelfestival der Welt, er ist der künstlerische Leiter.

Brasov

Brasov, frueher Kronstadt, 350.000 Einwohner, ist eine wunderschoene Stadt mit freiem Marktplatz, Restaurants, Kneipen, interessantem Kleidungs-Stil, Maentel, Leinenkleider, Schuhe und Stiefel, die ich noch nie gesehen habe. Unser Hotel liegt mitten in der Innenstadt, im Aro Palace einige Meter entfernt ist die Konferenz.

Das Toilettenpapier ist pink, das Licht laut, der Fahrstuhl gefaehrlich, aber insgesamt (fuer 4 Sterne), mit einem alten Bluethner in der Eingangshalle, edel, gemuetlich, erinnert mich an ein altes Koenigsschloss; das Aro Palace ist voll Glas, modern und sehr edel.

Wenn ich aus meinem Fenster schaue, ueber die braune, aermliche Skyline, bin ich traurig, weil ich spuere: wenn Geld da waere und weniger Korruption, wie wunderschoen, noch schoener, koennte Brasov sein!

Ich realisierte auch, dass ich mich in Transilvanien befinde — an den Dracula-Tassen. Es ist inspirierend, mit Musikern aus 10 verschiedenen Laendern zusammen zu kommen: Ungarn, Deutschland, Rumaenien, USA, Schweiz, Finnland, Litauen, England, Polen und Italien .. alles Laender, in denen ich bereits war. Ich liebe Osteuropa; die Atmosphaere ist nicht so hart, nicht so perfektionistisch. Ich atme auf.

Das werden in Düsseldorf und Bonn alles ziemliche Brecher: Bachs Goldberg-Variationen, dann Franck Prelude, Choral und Fuge, Ravel Bolero, Gershwin Rhapsody in Blue.

Ein zehnjähriger Schüler sagte zu meinem Vergnügen, Schach sei wie Klavierspielen: Dort tüftele man mit den Figuren, und hier tüftele man mit Noten und Tasten.

Wenn ich eine fremde Sprache hoere, Rumaenisch, und sie wie Musik in meinen Ohren huepft, begreife ich nicht, dass ich die Sprache nicht verstehe — obwohl ich sie doch verstehe. Aber ich kann die Worte nicht greifen, nur den sound, den Klang, der immer bekannter wird, wie Musik.

Ich traeumte. Am Schluss stand ich auf einem Berg, der allmaehlich hell und weich und kleiner wurde, und irgendwo mittendrin war ein winziges, leuchtend rotes Herz. Die Golddecke klappte auf wie geschmolzenes Wachs.

Naechste Woche habe ich viele Konzerte, fast jeden Tag eins. Bucharest werde ich am Montag sehen, die 2-Millionen-Stadt. Und das Dracula Schloss in Bran. Aber am Sonntag auf jeden Fall erst mal Hermannstadt: Sibiu.

21. August 2009

Schlagwörter: , ,

Kommentar verfassen

Meisterkurs Saarbrücken

Der Wald hier ist herrlich, alles hängt voll Brombeeren und Himbeeren und Rehkitze springen furchtlos um einen herum. Die Probe lief sehr gut, ich übte in der Gnadenkirche. Die Mischung aus Improvisation und Komposition ist einmalig, auch gerade vierhändig, das Vierhändige an der Orgel. Es kommen mir dabei so viele Ideen, dass ich anschließend erschöpft bin.

Mein Schachspiel habe ich leider verloren. Kollegen und ich spielten im Speisewagen des ICE nach Frankfurt. Ich muss sagen, dass ich im Blitzschach besser spiele: Je schneller, spontaner und mutiger, desto besser für mich. Je länger, strategischer und schweigsamer, desto schwieriger für mich. Speisewagen in ICEs sind für mich ein sehr gemütlicher Ort, vor allem, wenn man darin einen Eintopf ißt, wie früher, als ich klein war und mit meinem Vater auf Konzertreise unterwegs.

Ohne Intuition fehlt etwas Entscheidendes. So möchte ich nichts auslassen, nicht Mathematik durch Sprache ersetzen.

Auch der Meisterkurs Bach in Saarbrücken war sehr interessant: Es ist schön, mit anderen aus Frankreich, Asien und Deutschland zusammen über Bach zu meditieren und sich vorzuspielen und zu lernen. Mittlerweile vergleiche ich fast alles im Leben mit Schach, selbst das Klavierspielen. Ich frage mich jedoch, wie ich das Intuitive verbinden kann mit kühler Logik, Konzentration, Erfahrung, Wissen, Brillanz und Mathematik — es muss sich verbinden lassen; ich bin mir sicher, diese Dinge schließen sich nicht aus.