Archiv

17. April 2021

Schlagwörter: ,

2 Kommentare
Kommentar verfassen

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, das Unbeschreibliche, hier ist‘s getan: das Ewig-Weibliche zieht uns hinan. (Goethe)

Dies gefällt mir; das hätte ich Goethe gar nicht zugetraut. Aber das sagt mir zu.

Geschafft! CD eingespielt! 2 Tage, 11 Werke! Virtuos, schnelle Tempi, heftige Orgel, samtig-trockene Akustik (was die Sache nicht leichter macht ☺️) – super gut geworden, ich bin dankbar, zufrieden und glücklich!
Meine Hände sind geschwollen, ich sehe aus wie ein Wrack, aber glückliches Wrack. Vielen Dank an Theo! Das Pedal ist natürlich nicht gerade für Frauenfüße gebaut. Überhaupt die ganze Orgel nicht, doch von Basislager zu Basislager erklomm ich den Mount Everest. 6-8 Videos sind ebenfalls entstanden, die toll geworden sind (Drohne ….). Vielen Dank an Jens und Tom! Ludgers inspirierende Art hat mir sehr geholfen. Zudem: Er sandte mir via WhatsApp Fotos der Männer-Ahnengalerie der Sakristei, wo er saß, nach oben, immer wieder ein neues finster dreinblickendes Pfarrergesicht der Männergilde. Manchmal nah gezoomt. Dies half mir vorwärts.

Danke auch an Tillmann und Justus. Heute haben wir die Passacaglia und Fuge gemacht und Choräle. Das Frühstück war lecker, Nudeln und Pizza auch. Das tiefe C und D im Pedal war so anstrengend zu erreichen, aber mehr noch zu halten – mit der Ferse keine Chance, da kam kein Sound! Ging nur mit der Spitze, und war dann mit dem ganzen Körpergewicht zu halten. Man kann sich also vorstellen, wie es zuging in der Passacaglia! Ich war ein Ackergaul, der in der Furche sprang und schräg wieherte. Und dennoch musste ich mich immer wieder erinnern, nicht zu überdampfen, nicht als Wildpferd davon zu galoppieren. Dafür ist ein Tonmeister Gold wert: Geduld, Psychologie, die musikalische Kutsche lenken. „Und wo ist jetzt bitte das C im Altpapier?“

Diese enorme Konzentration in Aufnahmen, den FlOW, das liebe ich. Gemeinsam an einem Strang ziehen und ein Produkt erschaffen. Manche denken vielleicht, es sei eingebildet, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Aber mein Beruf geht ohne Öffentlichkeit gar nicht, bedingt im Grunde fame. Aber eingebildet ist das nicht, es gehört „zum Geschäft“. Zudem sind Fleiß, harte Arbeit, Herzblut und Mut so riesige Anteile meines Berufes, das für das angebliche Eingebildetsein gar keine Zeit bleibt.

2. Februar 2021

Schlagwörter: ,

1 Kommentar
Kommentar verfassen

Ist die Wirklichkeit schneller als die Phantasie? Bei mir nicht. (AHS)

Wer oder was schlägt schon meine Phantasie?

Außer Gott.

Die Aufnahmen / Videos haben heute viel Spaß gemacht.

9 Werke. Richtig fleißig waren wir. Top Orgel-Mikrofone. Mein Gehirn ist ganz anders fokussiert und konzentriert beim Aufnehmen als (nur) beim Üben. Ich kann spüren, wie bei Anstrengung meine Seele und mein Verlangen mit meinem Gehirn clashen. Warum? Meine Seele ist ein weites Meer und mein Gehirn (nur) ein Organ. Aber ein sehr gutes. Nun, beide müssen täglich gepflegt, erzogen und ernährt werden: Seele und Gehirn. Und beide sind angekoppelt an meinen Geist. Ich erkenne das Große und Ganze alleine durch Üben nicht so wie durch Aufnahmen. Dazu analysiere und denke ich beim Üben. Jedoch beim Aufnehmen entsteht automatisch durch den Druck der große Überblick. Man sieht nicht mehr Bäume, sondern hört den Wind in den Fichten.

Draußen regnet es.

Brahms, Mendelssohn, Bach, Messiaen, Chopin.

Danke, Andreas! Es tut gut, so entspannte, unkomplizierte Musikerfreunde zu haben. Alles geht wie geschmiert.

Und auch hier in Schongau gibt es einen schönen Bücherschrank. In einer gelben Telefonzelle!

ps: Wenn eine Orgel einen freien Spieltisch hat, der Weg eventuell nicht direkt geht, sondern erst in die entgegengesetzte Richtung, also nach unten statt nach oben, dann dennoch sollte das Spielgefühl geschmeidig, nie teigig sein.

Danke für eure neuen Bestellungen!



30. Januar 2021

Schlagwörter: ,

1 Kommentar
Kommentar verfassen

 Terzhaltige Mixturen. (AHS)

Heute lernte ich die wundervolle Stumm-Klais-Orgel in der Basilika in St. Wendel im Saarland kennen bzw. sie mich. Das wunderschöne historische Gehäuse, riesig von unten. Und kaum ist man oben, begegnet man einem völlig anderen Wesen, zerbrechlich, zart, fast klein. Das liebe ich so an Orgeln. Die zwei Wesen. Tough, stark, mächtig. Und gleichzeitig zart, empfindsam, verletzlich. So wie ich. Zwei Seiten. Parallel.
Ich übte zwei Stunden. Mendelssohn ist hier perfekt! Vier Manuale. Morgen dazu mehr.


Als Pianist und Organist lernt man, dass die Musik dann „entsteht“ oder klingt, wenn man nach unten drückt. Eigentlich fatal.
Selbst das Flügelhämmerchen schlägt nach oben; die Pfeife strömt die Luft nach oben. Aber wir haben gelernt, nach unten zu drücken. Dabei ist Musik von der Schwerkraft „befreit“. Will sagen: Selbst Gravität schwingt und federt wieder nach oben, beflügelt.

Musik hat die Sortierung und den Fluß. Vor allem aber das Fließen. Dazu ist die Orientierung nach oben gegeben. Als Dirigentin federe ich ebenfalls nach oben. Nicht nach unten.

Als Dirigent legt man die Welle. Man gibt die Akustik vor, die Schwingung, und das Orchester resoniert. Musik strömt nach allen Seiten.

Ich liebe zu dirigieren. Ich lerne durch das Dirigieren viel für das Komponieren. Schuberts Unvollendete, seine „Dreithematik“, die Aufhebung der Sonatensatzform. Die Behandlung des Einführungsthemas in der Durchführung.

Ich mag es, wenn drei Themen behandelt werden, siehe Dvorak, Bruckner, Mahler. Nicht nur zwei wie vorher üblich. Oder Mozart mit seinen unendlichen Einfällen.

Das Schwingen betrifft auch das Asymmetrische. Schuberts Liebe zur Symmetrie und zur Periode scheucht er gleich wieder auf, indem er das Asymmetrische betont, dann, wenn es zu behaglich wird.

Dirigieren war heute wunderbar. Die rechte Hand schwingt nach oben. Wichtig sind Spiegel und Podest. Kopf nach hinten. Ich liebe meinen Taktstock.

Sowohl beim Dirigieren als auch an der Orgel Schlag Zwei nicht einfach „übergehen“. Sonst wird alles automatisch immer schneller.

Infraschall, Macroschwingungen, diese zu übertragen mit dem Oberkörper oder der Seele, in einer Bewegung rechts ohne Schlacken, Zögern oder Ecken, mit Impulsen, aber rund. Und beim Ritenuto ziehe ich den Stock wie einen warmen Käsefaden hoch, das Handgelenk erhöht.

Ich mag die Übeorgeln in Hamburg, Georg Jann, Klaus Becker, Hermann Weber, Führer Wilhelmshafen, aber natürlich besonders das Riesen-Kleinod in St. Katharinen, die ich zärtlich Katharine nenne.
Es kommt mir fast futoristisch vor, wenn man in der Orgel auf dem Notenpult (Desktop) Zoom eingibt und die Kopfhörer dazu auf den Registern baumeln. Und dann in Holland landet.

Dann war ich unterwegs nach St. Wendel. Die UGGs halten mich warm. Schnee, Wind.

Rezept: Terzhaltige Tinkturen.

27. Januar 2021

Schlagwörter: ,

2 Kommentare
Kommentar verfassen

Erst muss man sich in ein Stück verlieben, sonst wird da nichts draus. (AHS)

Darf ich euch verraten, dass ich manchmal ein Whitney-Houston-Fan bin? Ich liebe besonders das Lied Run to you. Ich weiß, es mag kitschig klingen. Ist mir egal. Ich mag es auch, wenn Männer das Lied singen. Einmal hörte ich es in einem Hotel in Dauerschleife. Als ich wenig später auf dem Gang erschien, betrachtete mich der Typ vom Nachbarzimmer etwas skeptisch.

Wenn ich viel übe, werde ich BlackRoll-süchtig, anstatt ins Bett zu gehen.

Heute habe ich zufällig (scheinbar lebe ich hinter dem Mond?) zum ersten Mal von Gladbeck gehört (beim Üben). Ich bin entsetzt, was da passiert ist, besonders von Udo Röbel. In was für einer Welt leben wir, dass ein solcher Mensch anschließend Chefredakteur der Bild wurde, anstatt bestraft zu werden?

Wenn ich so etwas erfahre, dann bin ich froh, dass ich warm und sicher mit der Musik beschäftigt bin, egal, wie böse die Welt da draußen ist. Was wäre ich ohne die Musik?

Am WE werde ich neue Orgeln kennenlernen. Psst. Geheimnis.

Für mich hat Musik viel mit Gnade, mit Grace zu tun, mit Filigranität. Obwohl ich so ein schneller Mensch bin, wirke ich bei manchen Dingen wie ein Spätzünder. Macht nichts. Fliege ins Leben, lande bei Gott.

Anbei ein älteres Video:

24. Dezember 2020

Schlagwörter: ,

2 Kommentare
Kommentar verfassen

Es duftet her von Gottes Kraft,

da er nie hat vergessen,

wie schwach wir sind und ohne Macht

und ohne ihn vermessen. (AHS)

Gesegnete Weihnachten!

Meine Promotionsarbeit ist, da ja gerade wegen Corona keine Konzerte möglich sind, ein ganzes Stück gut voran gekommen. Es ist ein Studie, wie man Interesse für Bachs Musik an Jugendlichen messen bzw. wecken kann, eine Evaluationsstudie, Mixed -Methods, Transferdesign. Unter Mixed-Methods wird die Kombination von qualitativen und quantitativen Methoden verstanden. Es ist eine vielfältige, komplexe Methodenkombination, in der qualitative Daten quantifiziert werden.

Es war alles in allem eine schöne Erfahrung, junge Menschen mit Bachs Musik zu konfrontieren. Ob wirklich eines Tages der Tag kommt, an dem ich es abgebe? Den Verlag habe ich schon.

Ich höre dabei die Bauern-Kantate auf Platte, liebe Nikolaus Harnoncourt. Walcha – ich bin nicht wirklich Fan, sein Spiel ist in meinen Augen recht starr und stoisch. Aber es vielleicht eine Gemüts- und momentane Geschmacksache.

Ich mag sehr Grieg, Elgar und Respighi. Das slowakische Kammerorchester spielt wundervoll. Nach wie vor liebe ich die Texte von Matthias Claudius. Und dann am Ende meiner persönlichen Platten-Pandemie höre ich Jaques Loussier und Clara Haskil. Natürlich nicht zusammen. Und natürlich bin ich auch gern am Flügel.

Empfehlen kann ich die Calm-App, zufällig entdeckt. Ist wirklich süß gemacht. Ich mache hier jeden Tag eine Meditation.

Wichtig ist, nie zu vergessen, dass es unmöglich ist, es allen recht zu machen. Ich interpretiere, wie es mir gefällt, und nicht, um es allen Hobbyorganisten oder “Konkurrenten” auf dieser Welt recht zu machen.

Ich freue mich auf das grüne, hübsche Spinett, das mich noch dieses Jahr erfreuen wird. Neue Noten sind bei mir im Shop.

Und gesegnete Weihnachten! Happy Christmas!

26. November 2020

Schlagwörter: ,

2 Kommentare
Kommentar verfassen

Das Dirigieren von Orchester ist wie eine pneumatische Orgel. Der Klang ist nicht analog, sondern verspätet. (AHS)

Diesen Tag widme ich der Ärztin Mechthild Bach.

Es wird von mir erwartet, dass ich etwas zur politischen Situation meiner Zeit sage. Vorgestern waren laut RKI 33 Personen in Deutschland hospitalisiert wegen Covid 19. Die Freiheit der Menschen wird weiter sehr eingeschränkt. Die Infektionszahlen stehen im Mittelpunkt. Dass es indirekten Impfzwang geben wird wie jetzt Maskenzwang, ist sehr möglich. Wenn Zwang einmal losgeht, mache ich mir Sorgen. Ich vertraue aber auf den, der alles in der Hand hat.

Es gibt übrigens sehr nette Männer, falls ich hier einen falschen Eindruck erweckt habe – die meine Kunst unterstützen und lieben. Es ist nun mal bekannt, dass Frauen in der Öffentlichkeit in Männerdomänen (weibliche Bürgermeister, Schiedsrichter, Organisten…) mit sexistischen Anfeindungen leben müssen. Es sind Hass-Fans. Im Grunde entartete Fans, so wie beim Krebs entartete Zellen wuchern. Ich glaube, diese denken, sie könnten Frauen stoppen oder zermürben, nach dem Motto “Selbst schuld, wenn man in der Öffentlichkeit sein will. Dieses Risiko geht man dann ein. Wir machen es dir schwer.” Anderen Männern gegenüber würden sie nie so viel Interesse widmen. Im Grunde ist die männlich-verbale Anfeindung gegen Frauen im Beruf ein weiterer Krakenarm des me too – ich hoffe sehr, dass ich mit beitragen kann, dass dieses Verhalten ein Straftatbestand wird.

Je mehr Widerstand, desto höher schießt meine Kreativität, desto intensiver wird mein Wille, desto mehr weiß ich, was ich will und was wichtig ist. Weibliche Virtuosität an der Orgel ist wichtig.

7. November 2020

Schlagwörter: ,

Kommentar verfassen

Kreativität ist mein Lebenselixier. (AHS)

Schade, dass ich heute in Hannover nicht konzertieren kann wegen der … Pandemie. Nicht jedes Konzert kann als musikalische Andacht umgetauft werden.

Ich freue mich, dass die Anthologie des Ulrich Grasnick-Lyrikpreises heute angekommen ist, mit Belegexemplare für mich.

Das Symposium, wie man Musik älteren Leuten anbietet, Pflicht im Rahmen der Promotion, ins Innsbruck via Webex war und ist interessant. Weiter hatte ich sehr wichtige Zoom-Meetings.

11. August 2020

Schlagwörter: ,

Kommentar verfassen

Moses gab den Auftrag, Posaunen anzufertigen; mit Flöten- und Harfenklang hat das auserwählte Volk Loblieder gesungen. Wir sollen loben und jubeln. (AHS)

Es war wunderschön im Merseburger Dom. Ich habe vier Tage dort Tag und Nacht geübt. Es war sehr anstrengend, aber ich war trotzdem glücklich. Was für eine Orgel, vier Manuale, sehr selten in Sachsen-Anhalt, eine Orgel von 1855. Schweitzer war nie hier, hat aber die Orgel aus der Ferne gelobt. Die Orgel mit dem wunderschönen Rückpositiv ist voller Engel. Die Registerzüge gehen genau bis zur Zahl 100. Setzer gibt es natürlich nicht, auch keinen Barker. Wenn man die Manuale koppelt, hat man zu kämpfen, was mir aber Spaß macht, besonders bei Bach Fantasie G-Dur Piece d’ Orgue. Die Orgel ist nie zu laut. Meine fünfte Ladegast. Nur einmal sagte man am letzten Tag, die Besucher könnten ihren Audio-Guide nicht mehr verstehen. (Da fragt man sich, was wichtiger ist, der Audio-Guide oder Liszt?) Ich liebe die Undamaris, die Flöten und die 16′ und  32′, besonders in den Manualen, die Schallmay (Zunge) und alle Zungen. Die Prospekt-Fassade ist überwältigend, doch noch schöner sind die Klangfarben aus dem Herzen des Instruments. Auch die kleine weiße Ladegast (ein Manual) unten habe ich gern gespielt- ich liebe die historischen, runden Registerknöpfe und die Gambe. Sie erinnerten mich an meine Thüringen-Orgel-Zeit Anfang des Jahres.

Unterricht, Hochzeit, Gottesdienst, Konzert: Der Dom ist so einladend, hell, mit Originalsteinen und Grabplatte, die über 1000 Jahre alt sind, mit einem Rabenkäfig (die beiden großen schönen Raben, ein Paar, tun mir allerdings sehr leid – sie brauchen und wollen eigentlich Freiheit, können in dem Käfig kaum fliegen, sind aber sehr musikalisch und machten meine Zungengeräusche nach) und einem wunderschönen Kreuzgang.

Hinter dem Dom liegt direkt das Schloss, dahinter der Schlosspark mit Brunnen und gelbem Sommerschloss, in dem eine Malerin arbeitet, und untendrunter fließt friedlich die Saale, umsäumt von alten, wertvollen Riesenbäumen. Franz Liszt war hier, an diesem Fluss, bei diesen Bäumen, in diesem Dom, an dieser Orgel, auf der Orgelbank, auf der ich sitze. Ich wohnte direkt am Dom, auf dem Platz, und musste nur ein paar Schritte zum Bäcker gehen. Zudem gibt es zwei nette Restaurant, eins davon eine ehemalige Kunstgalerie, eins ein Kartoffelhäusle, wie es wohl in Sachsen-Anhalt einige geben soll. Auf die “Zaubersprüche” kann ich allerdings verzichten.

Die Ladegastorgel ist unvergesslich, eine der klangschönsten Orgeln, die ich je gespielt habe, eine historische Universal-Orgel im besten Sinne, ein Bach-Orgel, eine Liszt-Orgel, eine, auf der Mozart mit brillanten Flöten und Muffat herrlich klingen aufgrund der wunderschönen Streicher und Prinzipale, genauso wie Scheidemann mit wunderschönen Zungen, eine Orgel, auf der man auch wunderschön Messiaen spielen kann. Auf facebook habe ich sie mit Videos vorgestellt.

Die Orgel, auf der Ad nos uraufgeführt wurde: Also habe ich hier an dieser Domorgel Liszt Ad nos und Liszt B-A-C-H tage- und nächtelang geübt und die Aeoline 16 auf dem vierten Manual samt allen weiteren Klängen der Orgel in mein Gedächtnis eingegraben. 5700 Pfeifen, 81 Stimmen (an Registerzügen): Friedrich Ladegast hat ein Wunder erschaffen.

Sehr schön ist auch das Stahlspiel auf dem 3. Manual (Glockenspiel). Man muss 9 Sperrventile nach dem Einschalten ziehen, damit die Orgel spielt, fünf rechts (davon drei rosa) und vier links (davon zwei rosa), darunter auch die Basskoppel. Die Registerknöpfe sind wunderschön, Rosa für Pedal, dem viertem Manual und Rückpositiv (erstem Manual), weiß für HW und OW. Liszt hat hier registriert, als Winterberger Ad nos uraufführte.

Wir besuchten am Samstag auch Naumburg, die Bachstadt, ganz nah von Merseburg, mit der weltweit größten Bachorgel, der Hildebrandt-Orgel in der Marktkirche Wenzelskirche von 1746, die Bach selbst geprüft und gelobt hat: Weiß verziert, wappengeschmückt, samt dem herrlichen, nicht allzu großen Naumburger Dom (UNESCO) mit der kleinen, ebenerdigen Eule-Orgel, klangschön, in einer herrlichen Akustik. Dort habe ich eine Stunde Bach gespielt, während mir viele Leute zugehört haben, die meisten Rucksacktouristen.

Es waren sehr heiße Tage, doch in den Domen war es schön kühl.

Ich habe meinen Spieltrieb auf meine Ohren übertragen. Leider sind manche Griffe in Liszt und Messiaen unerträglich gross für meine Hände, es klingt dann wie Fischsuppe, wenn ich keine kreative Lösung finde.

“Haben Sie so kleine Pfoten? Zeigen Sie mir mal, wie Ihre Fischsuppe klingt.”

Ich hätte gern mal ein Salzwasser-Aquarium. So schön.

Ich finde die Welt der herkömmlichen Kirchenmusiker oft so steif. Schrecklich. Ich komme mir da wie ein exotisches Wesen vor.

Manchmal haben die Kirchen massive Schlüsselbunde. Wenn man da mal einen sucht…

“Wir haben kaum noch Schlüssel übrig, da wir so viele Messner sind.”

“Das macht Sinn.”

“Wahn-Sinn, da haben Sie Recht.”

6. Dezember 2019

Schlagwörter: , ,

Kommentar verfassen

Musikalischer Impuls 3: (Gesegneten Nikolaus!)

Widerspruch, Gegensätzlichkeit und Einheit

Leonard Bernstein (New York Young People’s Concerts 1965) ist nicht der Meinung, dass Musik eine konkrete Bedeutung hat. Er behauptet sogar, dass eine Note noch keine Musik sei. Dieser Meinung bin ich nicht. Stille ist schon Musik.

Musik lässt intensive innere Bilder entstehen, oft sogar Lyrik in mir. Besonders bei Bach, Brahms, Beethoven.

In Bachs Musik finden wir je mehr als ein inneres Bild, sogar mehr als ein spezifisches inneres Bild: Es ist die intensive Botschaft des Evangeliums, manchmal alles in einem Takt. Bachs Musik drückt in meinen Augen das Evangelium aus: Immer wieder neu vertont er Erlösung und Trost in seiner Musik. Dadurch lebt er, was er ist.

Bachs Musik ist ein sozialer Spiegel, ein Skript, ein Stamm, Wurzel, Vermächtnis und Liebesbrief.

Aus was besteht Musik? Aus Tonleitern, aus Melodien, Harmonien und Akkorden… Laut Bossert und Eggebrecht ist in unserem Abendland der Akkord Schwerpunkt, während in anderen Ländern der Akkord nicht zentriert im Mittelpunkt steht, sondern beispielsweise schwebende Pentatonik…

Leonard Bernstein spricht von horizontalen und vertikalen Intervallen, Bossert von vertikalen (Akkorde) und horizontalen (Linien, Melodien) Gegensätzen, die die Musik an sich von alleine aufweist. Ich lese das Horizontale und Vertikale auch im Weiblichen und Männlichen, in Braut und Bräutigam und in der oft sehr unterschiedlichen Kommunikation unter der Zweiheit der Geschlechter, die eine Einheit sein soll, sein kann (zum Beispiel durch Geburt): Unterschiedlichkeit als Trennfaktor oder als Verbindung, Trost und Einheit. Das ist die Frage.

Ich sehe: Bach nimmt diese Gegensätzlichkeit in der Musik, um die Gegensätzlichkeit in Leben und Glauben auszudrücken. Aber nicht nur die Gegensätzlichkeit, sondern auch die Einheit, in die die Gegensätze, Widersprüche und Widersprüche letztendlich fallen. Überall im Leben finden wir diese Widersprüche, die sich auflösen in Trost und Einheit: Beispielsweise in dem Weihnachtslied Maria durch ein Dornwald ging: “Da haben die Rosen Dornen getragen”. Ist Gott nicht der größte Philosoph? Der größte Künstler und der größte Mathematiker. An Gott vorbei zu philosophieren ist geradezu lächerlich. Hier eine Zusammenfassung und meine Schlussfolgerung: Was vertont Bach? Was ist das Evangelium? Und wie vertont Bach?

Bach vertont,  dass Jesus als Mensch und Gott unerschaffen und wesenseins mit dem Vater und gleichzeitig wesens-eigen, also eine eigene Person ist. Die Worte wesens-eins und wesens-eigen (Bossert) finde ich besonders eindrücklich. Für mich ist der Heiland am Kreuz ein Widerspruch, der aber der Weg schlechthin wird. Unsere Erlösung, der Plan Gottes für unsere Rettung ebenfalls schon maximaler Gegensatz zu unserer Natur. Dass Gott unsere Sünde auf sich nahm: Für viele Menschen ein völliges Paradoxum. Und wie vertont Bach, dass der Heiland unsere Schuld auf sich nahm? Ist es nicht bereits perfekt, dass Musik an sich schon Gegensätze verbindet?

Wie drückt Bach das Symbol der Gebrochenheit aus?

Den gebrochenen Körper Jesu am Kreuz drückt Bach laut Bossert unter anderem durch gebrochene Akkorde, durch den Styl Brisé, maximalen Querstand, durch Pausen, die Töne zerschneiden (Tmesis: Zerschneidung in zwei Gebilde) und durch das Kreuzmotiv aus, wenn sich Linien zerschneiden. Ich glaube, Musik an sich wie unsere Schöpfung drückt die Gebrochenheit unserer Welt aus, das Elend und den Schmerz seit dem Sündenfall. Allein gebrochene Tasten an Orgeln drücken Gebrochenheit aus. Leonard Bernstein beschreibt Kirchentonarten als Kick, verbindet Sibelius, Bach und Beatles und ebenso Gegensätze.

Doch Bach ist für mich der musikalische Verbinder, Brücke, Medizin und Salbe, vom Geist überflutet, der der Tröster ist, der nicht nur lehrt, sondern lebt, was er ist und sagt.

Bachs Musik ist nicht nur Heftpflaster und Aspirin, sondern Raum zwischen Reiz und Reaktion.