Ich lese Ken Follett, sein Handwerk ist erstaunlich, jedoch ist seine Dramaturgie Unterhaltung, und ich wünsche mir, dies und Spannung mit Kunst zu verbinden, nicht mit einem meist immer gleichen Rezept, das einem schon während des Lesens klar wird.
Gestern bin ich die lange Außenmole in Sassnitz entlang gelaufen, eine der längsten Europas, war innen im engen U-Boot-Museum, Usedom ist nicht weit weg, Möwen füttern ihre Jungen, ich habe die wunderschöne, hohe Kreideküste mit ihren Buchenwäldern vom Schiff MS Cap Arkona aus bewundert, das Fischerdorf Lohme mit seinem Findling, den Königsstuhl, Wissower Klinken, die Halbinsel Jasmund mit dem nördlichsten Punkt Cap Arkona, zweitnördlichster Punkt Deutschlands, wieder Seebad Binz, mir einen Sonnenbrand auf dem Schiff geholt – diese Kreidefelsen aber sind explodierende Kunst. Die Kreide zusammen mit dem Meer und dem Grün des Urwalds, die weißen Pfeiler, zu Fels erstarrtes Orgelbrausen. Ruhe und Klang. Leuchten. Abbruchkanten und Hangwälder. Kreide küsst Wogen.
Die Dinse-Orgel (Berlin) in Sassnitz St. Johannis (pneumatische Traktur) gefällt mir. Die Kirche ist wegen der See genordet, nicht geostet. Wenn ich oben an der Orgel übe, höre ich kein Dolby Surround, von C bis Cis, aber unten, vor allem, wenn man ein Engel in der Luft wäre. Mc=Manualkoppel, Pc= Pedalkoppel. Dann gibt es das Forte für Tutti, auch Mf. Und eine Glocke, die nicht mehr funktioniert. Die Kirchen auf Rügen sind in letzter Zeit oft verwüstet worden. Dennoch sind sie geöffnet, was ich schön finde. Ich freue mich, die Grüneberg-Orgel in Bergen kennenzulernen. Man spürt, dass Schweden ganz nah ist, nur vier Stunden Fähre. Die Fähren fahren vor meinem Fenster vorbei und tuten. „Schillerlocken“ vom Dorn-Hai, Dorsch, Hornfisch, Heilbutt und Lachs gegessen. Das Klavier in Sassnitz ist ein Köslin-Klavier. Das Konzert war sehr schön.
Bei Bach kommt es mir vor, als wäre hinter seinem schönen, weißen „Putz“ festes rotes Mauerwerk, stabiles Gestein, Rahmen.
Ich freue mich sehr, dass mein Roman Frei wie die Vögel auf der EKD.de (Deutsche Evangelische Landeskirche) als Buchtipp für Friedenskultur neben Margot Käßmann empfohlen wird. Ich freue mich auch, dass eine Frau EU-Chefin geworden ist – da mögen manche (Frauen leider auch) noch so neidisch lästern. Das, was Frauen lernen können, ist, zusammenzuhalten in der Männerwelt und Seilschaften zu bilden, wie es unter Männern Gang und Gäbe ist. Man muss leider sagen: Das, was in islamischen Ländern in Frauendiskriminierung offensichtlich geschieht, dies geschieht in westliche Ländern subtil. Ich frage mich manchmal, warum Männer Frauen auf der einen Seite lieben und begehren, und auf der anderen Seite kleinhalten wollen. Das passt nicht zusammen. Und wer wären sie ohne ihre Mütter? Erstaunlich ist nicht nur der Frauenhass, sondern auch, dass Deutschland Deutschland nicht wählt. Mir fällt dies auch in der Kunst- und Kulturszene Deutschlands auf: Man fördert alles, nur den deutschen Nachwuchs nicht. Denn dann ist man ein Nazi?
Ich freue mich auf mein Konzert heute Abend in Sassnitz an der romantischen Orgel.
Kinden-Orgel in St. Michael Sagard – wunderschöne Orgel! Mit einer Trompete im Oberwerk – und Vorsicht, drei Sperrventile! Ich wohne in Sassnitz direkt am Meer und habe eine Traumaussicht auf den Hafen und die Ostsee, auf die Kutter und Boote und Segler. Das Konzert gestern Abend war sehr schön. Und bald spiele ich in Sassnitz. Es ist doch kaum zu fassen, dass Johann Sebastian Bach im Grunde den Ton h erfunden hat. Das war seine Erfindung, sein Ding. Und dass die Orgel im Grunde den Stereo-Sound erfunden hat. Ach, ich würde Bach so gern einmal fest umarmen. Für alles, was er geleistet hat. Die ICE-Fahrt von Regensburg nach Rügen war eine ziemliche Odyssee. Aber wenigstens hatte ich in den übervollen Ersatz-Zügen immer einen Platz. Ich saß mit im Kleinkind-Abteil, und die Kleinen haben mit mir geflirtet. Während ich schreibe, singen die Möwen. Dies Tag und Nacht. Manchmal wache ich davon auf. Dazu roter Vollmond gestern Abend. Die Seeluft macht angenehm müde. Eine Möwe hat mich auch schon an der Tür besucht.
Bei manchen Menschen habe ich das Gefühl, deren Gesichter sind seelenverwandt mit meinem.
Das Konzert in St. Wolfgang Regensburg war sehr schön, ein Boston-Flügel; jetzt unterwegs nach Rügen zu den Orgelkonzerten. Die ICEs sind sehr voll. Auffällig ist, dass bei Tische und Stühle verstellen in Kirchgemeinden oft nur Frauen helfen, keine Männer. Aus „Emanzipationsgründen“ (?) habe ich eine Flasche Wein bekommen. Am meisten aber freute mich die Schokolade 🙂
Faith is actually sometimes the opposite of performance.
Ich freue mich auf die Konzerte im Ruhrgebiet. Mir fällt auf, dass manche Menschen meinen, es sei vor allem Talent, von Gott, nicht in erster Linie viel Arbeit, als würde man einen Klavierabend oder ein Orgelkonzert mal eben aus dem Ärmel schütteln.
Schwedische Nationalhymne gerade in Deutsch gesetzt:
Heute Klavierabend in Regensburg, dann von dort nach Rügen, Orgelkonzerte. Rügen und Hiddensee erinnern mich an die Fischerdörfer in Norwegen. Ich liebe das Meer.
Eine träge Fliege balancierte auf meinen Tasten herum, während ich übte. Habe ich sie träge gespielt oder war sie ein hartnäckiger Fan?
Orgel: Spiegelbild der Seele. Technik an der Orgel
Es ist wichtig, das Pedal wirklich zu hören. Der Bass setzt die Zeit. Das Mass. Durch meine Geschichte bin ich daran gewöhnt, das Helle, Obere als Lead-Voice wahrzunehmen. Der Bass war höchstens der Butler, der den Tee bringen durfte. Jedoch ist er ein wahrer Gentleman, ein eleganter Diener, der eigentlich der Boss ist, aber gern dienend und tragend ist, wie ein Hirte die hellen Stimmen zusammenhält, zu edel, um sich wichtig zu tun.
Es ist sehr wichtig, ihn wahrzunehmen und zu formen.
Es gibt nicht viele gute Orgelpädagogen. Das Pedalspiel ist zunächst vom Sitz her eine rein pragmatische, sehr körperliche Angelegenheit, die nichts mit Musikalität zu tun hat. Das mag großen Männern nicht so vorkommen, die autodidaktisch Orgel gelernt haben. Aber zunächst mal ist es körperlich ungewohnt, gerade und mittig und nicht zu weit nach hinten zu sitzen und dennoch frei mit den Fußgelenken, mit den Beinen zu sein, gerade außerhalb der Comfort-Zone – ohne ein schwer arbeitender Hampelmann zu werden, oder besser eine kleine Hampelfrau. Das heißt, Bauchmuskeln sind hier angesagt. Was haben Bauchmuskeln mit Musikalität zu tun? Nichts.
Mittig. Ruhig. Fußgelenke. Wissen, was wo wann bewegt wird. Statik. Das stark machen, was noch schwach ist.
Dann kommt die Musikalität: Die Orgel singt ganz anders als der Flügel. 60 Prozent der Orgelmusik ist wortbezogen. Ganz anders als beim Flügel. Die Orgel spricht. Sie singt sprechend! Der Flügel brilliert. Das geht so bei der Orgel nicht, im Gegenteil, ist verheerend. Gewisse Vorteile vom Flügel helfen mir bei der Orgel nicht: Virtuose Finger, schnelle Triller („Sie trillern einfach zu gut“), Überlegato, meine „übergerüstete“ Technik, selbst meine Gabe, Obertöne am Flügel hervorzuheben und mit dem Handgelenk Klang zu schaffen – bei der Orgel sinnlos. Nicht nur sinnlos, sondern falsch. Diese unterschiedlichen Parameter muss man ganz genau kennen, die müssen ins Blut übergehen. Ganz pragmatisch. Das Singen an der Orgel erfolgt ganz anders. Es wird auch anders artikuliert.
Es mag widersprüchlich klingen: Auf der einen Seite nicht übergerüstet sein, sondern so wenig wie möglich geben, sich tragen lassen, auf der anderen Seite hoch aufgerüstet in allen Facetten der Artikulation sein, und wissen, wie. Das Ohr allein hilft nicht. Man braucht das ganz pragmatische Handwerkzeug, Zeit und Erfahrung.
Daher ist das Orgelbüchlein so wichtig. Die Orgel kennt und spricht und verkündet, sie ‚tutet‘ und dröhnt nicht.
Bei ihr muss der Ton geschnitten und gelüftet werden, nicht wie beim Flügel möglichst gezogen. Gravierende, faszinierende Unterschiede. Bach wusste dies ganz genau. Er wusste, wie er durch seine introvertierte d-Moll-Triosonate lyrisch seufzen und Ton verpuffen lassen kann, um dennoch eine dramatische Linie zu halten bis zum Höhepunkt. Bei ihm ist nichts wie am Fließ band wie bei Händel, dem Könner (jedoch die Händel-Perahia-CD ist schön). Jede Triosonate Bachs ist anders vom Charakter.
Zudem ist die Orgel imitierend. Sie ist eine sprechend-singende, imitierende, predigende Frau. Vielleicht sogar eine schwarze Frau. Eine mit dem Blues.
Bach ist der Weg zur Orgel. Blues und Bach sind ganz nah.
Es ist doch erstaunlich, dass manche Organisten glauben, es ginge hauptsächlich um die Größe der Orgel. Ich finde, ein solches Denken ist das Gegenteil von Musikalität. Natürlich ist es eine Zeitlang sehr spannend und verlockend, die großen und größten Orgeln der Welt zu bestaunen und zu spielen. Aber irgendwann sollte man damit einigermaßen gesättigt sein und nicht dort stehenbleiben. Dann geht es schließlich wieder um die Musik. Hierbei geht es um den schöpferischen Klangwillen. Dabei ist die Größe der Orgel nicht entscheidend. Darum geht es nicht.
Bachs Trio-Sonaten haben mit „der Größe der Orgel“ nichts zu tun. Auch nicht mit „raffinierten“ Setzeranlagen oder „geschickten“ Registerkombinationen oder einem „Maschinendenken“. Immer neue Gebilde entwachsen aus den Triosonaten, Vereinigungen, Einheiten. Hier muss man einfach sehr gut spielen können, gut hören, musikalisch sein. Durch nichts wird der Mangel hier „verdeckt“ oder kompensiert.
She’s taking me to moonlight, only to burn me with the sun…
Natürlich muss man sich auch mit der Wucht und der Größe einer Orgel und ihrer enormen Komplexität identifizieren. Das tue ich. Ich habe oft das Gefühl, die Orgel ist mir sehr ähnlich: komplex, variierend, voller Power und Schönheit, in gewisser Weise geheimnisvoll, überbordend, sowohl introvertiert wie auch extrovertiert, gewaltig. Dennoch ist – und ich habe oft das Gefühl, danach lechzt die Orgel – der sanfte, lyrische, virtuose, pianistische, kammermusikalische Zugang sehr wichtig, die Poesie an der Orgel, das Weibliche.
Manche meinen, je größer und komplexer die Orgel ist, desto männlicher wäre sie. Ganz im Gegenteil. Frauen sind ja nun eindeutig wesentlich komplexer als Männer und auch viel runder :).
Einige traditionelle Kirchenmusiker blocken, wenn es um Organistinnen geht, tun sich selbst aber keinen Gefallen damit: Es geht um die Zukunft der Orgel.
She’s taking me to moonlight, only to burn me with the sun…
Die Orgel ist wie eine Freundin, eine Seelenverwandte für mich. Der Flügel ist wie ein scheuer, brillanter Liebhaber, ein Lover, oder besser, wie ein Ehemann, die Orgel wie meine große Schwester.
Sie ist eine sprechend-singende, imitierende Verkündigerin.
Im August wird meine neue Bach-CD bei Hänssler Classic im Saarländischen Rundfunk vorgestellt: am 6.8. um 11.20.
Frisuren-Tag. An mir Frisuren ausprobiert. Welche wohl am besten ankommt? Ich liebe Flecht-Frisuren. Schnecke oder Muschel oder Welle oder Zopf oder Kranz? Das ist hier die Frage.
Wenn Holz oder Saite, Sprache, Klang Rettung wird, fragen selbst sie: Warum?