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Ann-Helena Schlüter

9. Dezember 2025: Anders als Mozart und Beethoven bleibt Bach hinter seinem Werk verborgen. (Die Zeit, 2008)

Ich lese Karl Krolow (1915) und Ernst Jünger, beides Schriftsteller aus längst vergangenen Zeiten. Aus Zeiten, die mir fremd sind. Gerade deswegen finde ich deren Leben und Gedichte sehr eindrücklich und in gewisser Weise beängstigend, denn ihre Worte zeigen mir, wie wenig wir doch als Menschen wissen von fremden Welten, Worten und Zeiten. Obwohl wir heute meinen, durch Medien und Bildung alles oder das Meiste zu wissen.

Wissen ist ein Schatz und eine Bürde. Wenn ich auf neue Gedankengänge stoße, auf neue Wörter und Formulierungen, dann jauchzt etwas in mir vor Vergnügen. Vermutlich mein Horizont, der sich weiter dehnt und wie ein Schwamm ist. Man trifft ja lange heute auf nichts Gutes mehr, überall Schrott, in Buchläden besonders. Es ist also ein Geschenk, plötzlich und überraschend auf richtig gutes Futter zu treffen.

Um an Kunst und Literatur dran zu bleiben, braucht es viel Arbeitswillen, es ist mühselig, man ist durch gesellschaftliche Anforderungen oft beinahe gehindert. Mein Lebenselixier ist zudem die Musik. Mit einer Eindringlichkeit zieht sie mich an sich. In der Musik sehe ich die höchste Literatur und Verdichtung.


8. Dezember 2025

Heute erinnere ich an Franz und Else Rauhut, 1898 geboren und in Würzburg gelebt, er war romanischer Philologe.

J.S. Bach war nicht der typische Kirchenmusiker, Kantor oder Dommusiker von heute: junger weißer Mann mit dem oft langweiligen Lebenslauf eines typischen Kirchenmusikers, oft an einer Stelle studierend und dann oft Assistent bei einem Dommusiker und dann 40 Jahre an der gleichen Stelle, bis alter weißer Mann – nichts verändert und nicht über den Tellerrand geschaut und alles bekämpft, was neu und anders ist.

Bach aber war an sehr vielen Orten, war Kammermusiker, Geiger, Komponist und Tasteninstrumentler. Viele Kirchenmusiker dagegen können kein einziges Tasteninstrument spielen (die Orgel gehört nur bedingt dazu, ist zudem ein Pfeifeninstrument) – es hört bei den meisten beim Klavier und Cembalo auf, von Geige ganz zu schweigen, und wenn, dann auf keinem hohen Niveau; von Komponieren und Kammermusik mal ganz ganz zu schweigen. Dazu im Vergleich war Johann Sebastian völlig anders, so gesehen beinahe gar kein Kirchenmusiker / Kantor, denn er war Künstler und hat unglaublich viel verändert. Man mag nur allein an das WTK denken.

Noch im letzten Jahr seines Lebens nahm er Schüler in seine Wohnung auf, die bei ihm lebten. In der deutschen Abteilung Kirchenmusik heute unvorstellbar. Da wird ein Graben zwischen Dozent und Studierenden gemacht. Viele weiße alte Männer reisen sofort nach dem Unterricht ab in ihre Parallelwelt in eine andere Stadt zur family. Manche können gar den Hals nicht voll kriegen und haben gleich 2 Professuren, pendeln und machen Dienst nach Vorschrift.

Bach aber hatte Jünger wie Jesus, Nachwuchs, der bei ihm und seiner Frau lebte, mit ihm diskutierte, mit ihm aß und ihn beobachtete, wie er wirklich war. So hatte der gesegnete Gottlieb Müthel noch die unfassbare Gelegenheit gehabt, bei Bach zu leben. Obwohl JSB bereits fast blind gewesen sein könnte. Und noch immer bekämpfte er seine Feinde mit der Waffe der Kunst.

Leider war J.S. Bach auf einen gewissen „Arzt“ John Taylor hereingefallen, der ihn nicht gesund machen konnte. Bach starb am 28. Juli 1750.

7. Dezember 2025: Nicht nur durch die richtige Predigt oder die richtigen Worte, wie die Bibel sagt, sondern auch durch Hören von Musik, die selig macht. Die die Wahrheit und Schönheit spricht, auch ohne Worte: Durch Hören selig werden.

Gesegneter 2. Advent!

Wenn Bach kein Musikwissenschaftler war, was war er dann? Er war Musikgelehrter, der über 260 Kantaten geschrieben hat und der – schon damals zum Trotz des Jung-Sein-Wahns – in seinen letzten Jahren wieder trotz Leid seine größten Werke schrieb, eine Ausnahme in Alter, in seiner ganzen Art … der sich Ausnahmen schuf, weil er selbst eine Ausnahme war.


Ich glaube, dass jemand, der eine Ausnahme ist, Ausnahmen für sich schaffen muss, um zu leben, um zu überleben.


Welche Gestalt wollte Johann Sebastian Musik bringen? Nicht in die Gestalt von Theorie und Wissenschaft, sondern in die Gestalt von Kunst.

Obwohl Thomasschulkantor, betrat er die grässliche Schule nicht mehr, sondern unterrichtete zuhause. Obwohl im hohen Alter, führte er seine Passionen und Kantaten auf. Es kann sein, dass er 1749 noch Kantaten komponierte.

Das alles passte dem Rat in Leipzig nicht. Sie entwürdigten Bach und hatten schon einen Nachfolger… ein Unbekannter, ein Harrer, der 13 Monate warten musste, bis Johann Sebastian starb.

Wie kann man so einen unglaublich tollen Menschen entwürdigen? Wie überhaupt auf die Idee kommen? Jemand, der so wundervoll ist, dass ich mich sehr darauf freue, ihn im Himmel endlich persönlich zu treffen? (Warum Angst vor dem Tod haben? Diesen Weg gingen bereits meine größten Vorbilder, Jesus, Bach, Bonhoeffer, Jeanne d’Arc, Maria, Gerhardt…)

JS tat ihnen den Gefallen erst mal nicht und erholte sich. Trotz Schmerzen war er in den Jahren 1749 und 1750 sehr produktiv und kreativ und widmete sich ganz dem Komponieren und seiner Familie und ließ alles andere liegen. Er war auch nicht verbohrt wie viele heute, die massiv zwischen evangelisch und katholisch unterscheiden, sondern komponierte eine wundervolle katholische Messe.

Wenn Bach kein Musikwissenschaftler war, was war er dann? Ein Kunstgeist mit eigenem Kunststil, schrieb Forkel, der unermüdlich studierend und arbeitend das Gebiet der Kunst in der Musik bis ins Letzte auszudehnen und auszuweiten gedachte – Ideale und unvergängliche Muster zu schaffen – warum? Weil diese Kunst bereits ausstarb. Bach muss gewusst haben, dass seine Kunst über alle Zeit erhalten bleibt. Er ordnete seine Werke wie ein Verrückter in seinen letzten Jahren.

Er war ein Prophet. Der erste wahre Künstler, das erste wahre Genie.

6. Dezember 2025: Da steig ich im stiller Stund auf den höchsten Berg in die Weite, grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund! (Eichendorff)

Heute erinnere ich an die Sängerin Faustina Bordoni, eine Anhängerin und Freundin Bachs.

Das stimmt, dass man sich in Instrumenten und deren Klang verlieben kann – und auch sollte. Es wäre schlimm, wenn nicht. Es ist schön, wenn man sich nicht satthören kann. So geht es mir auch mit Stimmen.

Musik ist das Wahrzeichen Gottes. Sie muss süffig, nicht trocken sein. Johann Sebastian Bach mochte die Musikwissenschaft nicht sehr und schrieb, er sei „kein Freund von trockenem, theoretischen Zeug“ – gar ein „Gegner, Musik in die Gestalt einer Wissenschaft zu bringen“ (der angeblich ach strenge trockene Fugenkomponist, wie manche ihn sehen bzw. (nicht) hören).

Es gibt Menschen, die sind dafür umso geflissentlicher dabei, Musik und Kunst in Theorie und Wissenschaft zu bringen. Bach in seiner unübertroffenen musikalischen Klugheit gehörte nicht dazu. Ich glaube, er wusste von der Einzigartigkeit seiner Kunst. Insgesamt hat er zudem weit über 100 Schüler unterrichtet.

3. Dezember 2025

Foto: Schmid Orgel St. Mariä Himmelfahrt Kirche Landsberg 2025

Die 32′-Register sind eigenständig.

Die Chororgel ist vom II. Manual aus elektrisch anspielbar.

Die große Kirche wirkt etwas kühl und dunkel trotz Gold und Weiß, sehr hübsch sind jedoch der kleine Brunnen mitten im Gang, der barocke goldene Hochaltar 1679, die Kunstwerke und die bunten Farbglasfenster aus dem 15. Jahrhundert.

Bach erlebte das Hin und Her, das typisch ist für Künstler: Auf der einen Seite in einer Sänfte in Kassel, von Erbprinzen und Gönnern mit Ringen, Titeln und Achtung beschenkt; auf der anderen Seite die bedrückenden Jahre mit den armseligen Neidern, weswegen er sich schon ab 1730 zurückzog und das Komponieren stark einschränkte. Insgesamt kam er mit den Adeligen viel viel besser zurecht als mit der Kirche. In Leipzig war er oft isoliert, er hatte gegen Intrigen zu kämpfen.

Und von Anna Magdalena gibt es nicht mal eine Beschreibung, geschweige denn ein Bild.


2. Dezember 2025

Foto: Schmid Orgel Landsberg 2025

Vor meinem Konzert besuchte ich auch die Schmid Orgel in Landsberg:

Große romantische Schmid Orgel kath. Mariä Himmelfahrt Kirche Landsberg am Lech, Oberbayern, 4 M, 60 R

Das mechanische Schleifladeninstrument steht sehr weit weg, golden, alt, auf der WE, mich erinnernd optisch an die große Orgel in Schwaz, Österreich: Große Reinisch Pirchner Orgel kath. Kirche Schwaz, Tirol, Österreich, 4 M, 45 R, Kegelladen, ebenfalls mit Werken verteilt auf der Westempore. Jedoch diese hier in Landsberg ist nun eine romantische Orgel geworden.

Das historische Gehäuse von David Jacob Weidtner mit lebensgroßen, mächtigen Figuren wie König David und musizierenden Engeln aus der Werkstatt Lorenz Luidl mit ihren Seitenwerken rechts und links ist unten und oben majestätisch im Look. Wie schön, dass sich große Teile dieses alten imposanten Gehäuses erhalten ließ!

Das Hochdruckgebläse der sonoren Tuba mirabilis 8′ ist beeindruckend.

Diese Tuba wurde nach angelsächsischer Bauart gefertigt und wird über einen separaten Schlüsselschalter gesichert.

Das ganze Bombardewerk (Flûte harmonique 8′, Chamade 16′, Chamade 8′, Chamade 4′ und Tuba mirabilis 8′)
ist als floating divisionfrei an jede Klaviatur ankoppelbar.

Die Tuba erinnert mich an die englische milde Tuba in der Basilika St. Clemens Rheda, wo ich neulich konzertierte.

Die Orgelbauer Gerhard Schmid und Siegfried Schmid sind übrigens nicht verwandt, sondern zwei unterschiedliche Orgelbaufirmen. Beide Firmen kenne ich und habe sie bereits gespielt, besonders Gerhard in München und Berlin. Hier treffen die beiden aufeinander.

Die Orgel wurde 1982 neu erbaut im alten Gehäuse.

Die Orgel besitzt keine Transmissionen oder Extensionen. Das Großpedal steht hinter der Emporenwand.

Die Nebenregister (Schellencymbel, Glockencymbel, Glockenspiel = Schalenglocken) sind in der Schublade zu schalten. Auch die Registertaster für die Chororgel sind in der Schublade sowie der Schlüsselschalter für die Tuba mirabilis.

Die Seitenwerke sind von Peter Paul Hörmiller von 1826. 2004 und 2009 wurde die Orgel bereits erneuert bzw. ergänzt:

Schmid Orgel Stadtkirche Landsberg

1. Dezember 2025

Foto: Jann Orgel Landsberg 2025

Gesegneter 1. Adventskalendertür-Tag.

Das Konzert gestern war sehr schön und sehr gut besucht trotz des stolzen Preises von 18 Euro Eintritt. Die gelbe Christuskirche, schon ohne Menschen samtig-trocken, war nun komplett trocken – und da muss man fehlerfrei spielen, da die Pfeifen direkt und sprechend die Luft schneiden.

Danach waren wir beim Griechen essen.
In der Nähe stürzt sich der Lech in die Tiefe, und in der Altstadt tobt der quirlige Weihnachtsmarkt.

Mechanische Jann Orgel Christuskirche Landsberg am Lech, bei München, 2 M, 17 R, Schleifladen, Schweller

Das Instrument in der hübschen Kleinstadt in Oberbayern wurde 2023 von Orgelbau Reinhard Frenger generalüberholt. Sie geht mit dem Calcanten an.
Der Ammersee ist nur 20 Minuten entfernt.

Die gelbe kleine, einzig evangelische Kirche im katholischen Landsberg ist innen schön geschmückt mit jüdischen Symbolen.

Angenehm schöne, sprechende und klare Akustik, natürlich und unverzerrt. Hübsche Oboe. Bei dieser Akustik kann man nichts verbergen.

Ich bekam schöne Blumen, Schokolade und habe CDs verkauft. Als Zugabe spielte ich adventliche Improvisationen. Presse war auch da, Kreisbote und LT. Vorgestern bekam ich nach dem Konzert Rotwein aus Bethlehem. 

Disposition zum ersten Mal aktualisiert und mit Fotos im Netz:



30. November 2025

Foto: Konzert Landsberg 2025

Gesegneten 1. Advent!

Heute erinnere ich an Sarah Beckstrom, National Guard, mit 20 erschossen von Terroristen.

Das Konzert gestern in St. Anna Fulda war sehr schön und adventlich grün beleuchtet mit Strahlern. Ich spielte Bachs Goldberg-Variationen und verkaufte CDs. Die Veranstalter besitzen einen wunderschönen roten großen Rasse-Jagdhund (Langhaar) namens Hugo (der Name passt nicht ganz zu ihm), der mich liebt. Er ist gesittet, verwuschelt und bellt nie.

Nun bin ich unterwegs in die andere Richtung, Richtung München, zum Konzert in Landsberg an der österlichen äh österreichischen Grenze. Zur Jann-Orgel in der evangelischen Christuskirche. Diesmal fahre ich wieder mal erster Klasse, das ist viel ruhiger, und man kann auch gemütlich in die DB Lounge zwischendurch.

Zum Thema, was für Gott Scheitern ist und was nicht: Es ist nicht Scheitern, wenn man einen Standpunkt hat gegen selbstgefällige Vorgesetzte oder Behörden. Auch wenn es Kraft kostet und peinvoll ist. Es ist aber Scheitern, sich so zu verbiegen, dass die Gaben, die man selbst und andere haben, brach und ungenutzt darniederliegen, weil man sich anpasst oder Böses mitmacht. Auch wenn es nach außen nett aussehen mag. Auf diese Weise wird Potential verschwendet. Was letztendlich auf uns alle zurückfallen wird.