6. Februar 2026
Foto: Luxemburg 2026
Künstlern wird ja oft nachgesagt, sie seien unbeholfen. Ein entscheidender Punkt hier ist, dass wir meinen, wir hätten alles im Griff und gar nicht merken, dass wir unbeholfen sind, weder damit rechnen noch dies miteinkalkulieren noch akzeptieren noch wissen. Jedes Mal ist es eine große Überraschung, wenn man sich verläuft oder im Kreis irrt oder an der völlig falschen Stelle aussteigt. Bei mir geht die Unbeholfenheit, wie meine Freunde sie betiteln, dann erst richtig los: In Weltuntergangsstimmung frage ich verzweifelt nach dem Weg, dass die Betroffenen mich ihr ganzes Leben lang nie wieder vergessen werden.
Ich bin in einem solchen Moment der Meinung, die Landkarte, die Straße, die Stadt, das Internet, das GPS, die Schwerkraft oder die Welt hätten sich gedreht. Ähnlich ist es, wenn ich etwas suche. Was oft der Fall ist. Am Ende ist die Materie, mit der ich aus Wut spreche, oder sogar Gott schuld, und ich knie dramatisch mit einer ausgewälzten, entleerten Tasche auf dem Bürgersteig, um mich her eine Wolke intensiver Gefühle.
Als ich neulich bei einer Flugticket-Buchung unter “Bemerkungen” etwas ausfüllen könnte, tippte meine Schwester: Künstlerin (= unbeholfen) ein. Falls mir mal wieder ein Koffer verloren geht. Unbeholfen und hochsensibel.
Wenn ich das erste Mal die Aufnahme für meine neue CD anhöre, bin ich immer nervös. Manchmal lasse ich Tagen oder Wochen verstreichen, bis ich mich überwinden kann, mich anzuhören … weil man hohe Erwartungen an sich selbst hat. Es ist ja nicht die Orgel, die man hört, sondern sich selbst. Ich höre mich, nicht “die Orgel”. Es ist ja nicht der Flügel, den ich höre, sondern mich. So wie eine Sängerin ihre Stimme hört. Die neue Bach berühren – meine 10. Bach-CD – schwingt in schöner, brillanter Akustik und fasziniert, wie ich finde, besonders durch die kreativen Wiederholungen der Goldberg-Variationen, die ich immer wieder neu, anders und außergewöhnlich registriert, kreiert und klanglich gestaltet habe. Zudem die virtuosen Tempi, zudem wie und wo ich das Pedal eingebaut, also transkribiert habe. Toms hat es genial aufgenommen. So eine Barockorgel aufzunehmen, erfordert höchste Professionalität. Es ist ja alles real und echt, keine KI.
Übrigens lese ich gerade Paula Ludwig (1900): Dem dunklen Gott. Gedichte. Sie hatte ein schwieriges Leben, von Armut und Verlassenheit geprägt, so wie ich das herauslese. Leider schien sie sehr von der Gunst und der Zuneigung von Männern abhängig zu sein, hatte offenbar eine Liebelei nach der anderen, vor allem mit mehr oder weniger bekannten, verheirateten Männern aus der Kunst- und Literaturszene, von denen sie benutzt wurde und von denen sie sich Anerkennung und Hilfe auch im künstlerischen Bereich erhoffte, um zu überleben. Männer, die so etwas tun, möchte ich erst gar nicht lesen. Leider hat sich Paula offenbar nicht zugetraut, dass ihr Talent auch ohne die “Hilfe” von Männern groß genug ist. Daher sind Paula Ludwigs Gedichte schön, aber irgendwie verloren und traurig.
Ich lese auch heraus, dass es damals wie heute eine von Männern bewusst dominierte und kontrollierte Kunst- Musik- und Literatur- Szene in Europa ist. Zu allem Überfluss und sehr befremdlich anfühlend stellt Volker Weidermann und C.H.BECK die Lyrikerin in diesem Buch so dar, als wäre sie erst dadurch interessant, weil sie mit Iwan Goll eine Affäre hatte (name-dropping) und dass sie “immerhin in der literarischen Welt mitgezählt wurde”. Mitgezählt? Was ist denn diese literarische Welt? Eine von Männern bewusst kontrollierte und dominierte Blase. Und so sind auch alle Urteile und Behauptungen daraus dementsprechend gefärbt.
Genauso liest sich auch dieses angebliche “Lob” (was nichts weiter als ein misogyn anmutendes Urteil ist) von Weidermann: Im ersten Jahr ihrer Affäre mit Goll gelingen Paula Ludwig Gedichte von einer Schönheit wie vorher und nachher nur selten. …. Das liest sich wie eine Tatsache und ist lediglich eine Meinungsäußerung eines Mannes. Ein Mann, der behauptet, dass Paulas Gedichte nur im Zusammenhang mit Iwan Goll und unter seinem Einfluss und unter dieser sexuellen Affäre wirklich gut waren … aber danach, alleine, nicht mehr. Die ganz normale Frauenfeindlichkeit – oft in Wohlwollen und Lob getarnt.
https://www.ann-helena.de/orgelinformation