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Ann-Helena Schlüter

07. September 2009

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Meine Hände

gehören im Moment des Konzertes nicht mehr mir. Wem gehören sie? Ich habe mich dennoch bewusst bemüht, meine Hände als Teil von mir anzusehen. Es kam mir vor, als würden sie ab Berührung der Tasten in eine andere Welt getaucht werden, als wäre meine Gabe nicht mehr meine, ich selbst wundere mich, andere auch. Sie betrachten anschliessend meine Hände und sehen nichts, was ihnen eine Erklärung bieten könnte, im Gegenteil. Meine Hände sind klein und weich. „10 Finger. Mehr nicht?“

Meine Hände gehören nicht mir. Was ich einsetze, sind meine Arme und mein Rücken, aber wenn ich lange genug spiele, passiert es, dass irgendwann mein gesamter Körper und auch meine Seele in die Musik getaucht sind. Wenn die Musik eine Welt der verschwommenen heißen Farben ist, dann verschwinde und zerschmelze ich darin, und eine Frau in Flammen spielt am Flügel. Neu ist, dass ich beim Auswendig-Spielen in der Gegend herumschaue, auch Leuten ins Gesicht, und nicht mehr nur mit geschlossenen Augen spiele.

05. September 2009

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Intuition hat weniger mit Impulsivität zu tun als mit Strategie

Kunst ist nur eine Facette von Liebe, eine wichtige zwar, aber nur eine. Tiefer als all das ist doch das Sein, und dazu gehören vor allem Beziehungen. Es ist sowieso immer eine neue Definitionsfrage, was Kunst, Literatur und Musik eigentlich genau sind. Dazu gehört die Aussage von Goethe, erst in der Beschränkung zeige sich der Meister. Das stimmt. Oder das es eben zwei Dinge (zwei Gaben) sind:der Verstand und sich seiner bedienen zu können.

Der wichtigste Teil beim Schach ist doch das Ende, wie im Leben, und dort kann man am meisten lernen. Die Eröffnungen und das Mittelspiel sind gut, aber eine Partie gut zu Ende zu führen, ist noch mal eine ganz andere Sache. Dazu gehört auch, dass man überhaupt verlieren kann. So auch im Leben.

Die nächsten zwei Wochen werde ich die Andachten allein leiten, das hat sich so ergeben, morgen ist mein Konzert hier. Die Andachten werden auch in der ganzen Umgebung hier gesendet.

30. August 2009

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Darmstadt

Es war schön, in Darmstadt zu spielen. Es war ein kleiner, aber guter Yamaha-Flügel in schöner Akustik. Roh Kudus. Es ist erstaunlich, was eine Sprache über sein Land aussagt. Ich habe ein Angebot, in Jakarta zu spielen, der Hauptstadt Indonesiens. Dabei kann ich sicher einen Abstecher oder Urlaub in Bali machen. Aber zuerst werde ich in Ägypten sein auf der Kreuzfahrt, dann auf den Philippinen. Ich mag die asiatischen, indonesischen, thailändischen, feinen Menschen, sie haben so etwas Zartes und Feinfühliges, ich fühle mich wohl und bekomme bei ihrer Feinheit Gänsehaut, wohlfühlend, obwohl ich vom Aussehen völlig heraussteche.

In den USA habe ich sehr viel mit Asiaten zu tun gehabt. Aber es ist sicher anders, sie in ihrer ursprünglichen Heimat zu erleben. Viele von ihnen sind auch hin- und hergerissen zwischen Welten, sogar zwischen Kontinenten. Ich traf auch einige kleine Kinder und Erwachsene, die ‚Halbe‘ sind wie ich, halb afrikanisch oder halb indonesisch; vielleicht fühlen sich Halbe instinktiv zueinander hingezogen. Mit einem Amerikaner habe ich anschließend Schach gespielt. Er hat an der Arizona State University gearbeitet, dort, wo ich 2 Jahre studiert habe. Er kommt sogar aus Arizona, aus der Wüste, hat auch an der Arizona State studiert, arbeitet nun in Deutschland. Ich habe das erste Mal auf Englisch Schach gespielt. Er hat mich während des Spiels über alles mögliche ausgefragt, über mein Leben, und Schach lief bei ihm nebenbei, nur als Mittel zum Zweck, während ich mein 31. Schachspiel gewinnen wollte. Er verlor im Gespräch viele wichtige Figuren, zumindest im Tausch, aber es war ihm egal. Ich habe niemanden so schnell spielen sehen. Plötzlich aber war seine Dame ungeschützt in dem empfindlichsten und gefährlichsten Teil meines Spielfeldes direkt an meinem König, es war Abzugs-Schach in Greifweite, und ich bekam seine lästige Dame nicht weg, während er sich einfach weiter mit mir unterhielt und völlig nebenbei gewann. Ich dachte mir, es ist unfassbar, wie manche Menschen Schach spielen. Irgendetwas mache ich verkehrt. Es läuft alles sehr gut, bis ich plötzlich eingekeilt bin. Ich spiele noch zu defensiv, ich vergesse symbolischerweise oft, dass es um den König geht. Ich bin zu sehr mit der Dame beschäftigt, mit der ich mich identifiziere.

Roh KudusBagi Mu Tuhan, Penuhi kami dengan RohMu. Kurindu kan selalu dalam hidup ku.

23. August 2009

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Viele Stunden geübt

Schach ist ein sehr ästhetisches und künstlerisches Spiel. Zu kombinieren ist für mich Sprache. Auch beim Schach heißt es Notation, durch sie kann eine Partie nachgespielt werden. Ob nun schnell oder langsam gespielt wird, beim Schach geht es immer um Zeit, um Timing, erst recht beim Blitz-Schach. Remis zu enden ist momentan für mich ein Erfolg. Die Bedeutungen der Türme, der Rochade und des Zuges en passant sind mir erst beim 20. Spiel aufgegangen. Es fällt mir schwer, schweigend Schach zu spielen. Heute habe ich gehört, dass mein Lachen ansteckend sei. Man muss sofort lächeln. Außerdem, dass ich Kunst studieren sollte. Ich kann nicht alles studieren.

Sitze in der Orgel

Öttingen

Das Konzert im Residenzschloss in Oettingen (Bayern) war sehr schön, das Schloß ist romantisch und der Saal auch. Ich hatte viel Ruhe auf der Bühne und genoß die Akustik, über mir die Renaissance Engel und die Bilder der Götter der Jahreszeiten, und als ich das Thema der Goldberg-Variationen als Zugabe spielte, was mehr Konzentration fordert am Ende eines Klavierabends als ein virtuoses Stück, so weich, so zart, als wäre ich in einer Seifenblase, als würde ich mich jemandem vierhändig spielen, er spielte unten, ich spielte oben, merke, dass die Symbolik eine Rolle spielt: ob nun Götter der Nacht oder Soli Deo Gloria. Es erstaunt mich, wie unfassbar geduldig Gott ist. Er lässt sich nicht reizen. Manchmal ist alles eine Frage der Sichtweise. Er ist der Mittelpunkt, nicht wir.

Heidelberg

21. August 2009

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Meisterkurs Saarbrücken

Der Wald hier ist herrlich, alles hängt voll Brombeeren und Himbeeren und Rehkitze springen furchtlos um einen herum. Die Probe lief sehr gut, ich übte in der Gnadenkirche. Die Mischung aus Improvisation und Komposition ist einmalig, auch gerade vierhändig, das Vierhändige an der Orgel. Es kommen mir dabei so viele Ideen, dass ich anschließend erschöpft bin.

Mein Schachspiel habe ich leider verloren. Kollegen und ich spielten im Speisewagen des ICE nach Frankfurt. Ich muss sagen, dass ich im Blitzschach besser spiele: Je schneller, spontaner und mutiger, desto besser für mich. Je länger, strategischer und schweigsamer, desto schwieriger für mich. Speisewagen in ICEs sind für mich ein sehr gemütlicher Ort, vor allem, wenn man darin einen Eintopf ißt, wie früher, als ich klein war und mit meinem Vater auf Konzertreise unterwegs.

Ohne Intuition fehlt etwas Entscheidendes. So möchte ich nichts auslassen, nicht Mathematik durch Sprache ersetzen.

Auch der Meisterkurs Bach in Saarbrücken war sehr interessant: Es ist schön, mit anderen aus Frankreich, Asien und Deutschland zusammen über Bach zu meditieren und sich vorzuspielen und zu lernen. Mittlerweile vergleiche ich fast alles im Leben mit Schach, selbst das Klavierspielen. Ich frage mich jedoch, wie ich das Intuitive verbinden kann mit kühler Logik, Konzentration, Erfahrung, Wissen, Brillanz und Mathematik — es muss sich verbinden lassen; ich bin mir sicher, diese Dinge schließen sich nicht aus.

20. August 2009

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Konzerte in Süddeutschland

Symbolik ist Logik. Da ich auf einer Trommel Gedichte schrieb, machte ich beim Schreiben ungewollt Musik und Rhythmus, und da ich vorher gemalt hatte, waren meine Arme und Finger voller Farbe. Der Klavierstimmer hat auf meinen kleinen Wink hin meinen Kawai im Kirchsaal gestimmt, nicht nur den Flügel, dafür bin ich sehr dankbar.

Heute ist der heißeste Tag des Jahres; ich werde gleich zum Zug gebracht, bin aber morgen abend wieder zurück. Ich weiß: mein Leben ist manchmal von Ausnahmen durchdrungen.

19. August 2009

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Treuchtlingen

Morgen ist mein Konzert in der Nähe von Treuchtlingen, ein Schloßkonzert.  Der Steinway im Saal hier klingt durch die enorme Akustik im weißen Gewölbe — und nach einiger Zeit Durstüben auf einem alten Kawai im Kirchsaal — wie prasselnde, glänzende Edelsteine von hohen Dächern herab geschüttet, ich vergaß alles um mich herum. Der Steinway ist nicht mehr der Jüngste. Die Tasten waren etwas holprig, aber er wickelte sich um mich, frisch gestimmt, und wollte mit seiner goldenen Klang-Zunge jede Ritze meiner Finger und des Hauses ausfüllen. Es gibt etwas Schöneres als normale Konzerte: wenn Menschen, die sonst nie in ein Konzert gehen würden, einfach so kommen und sich stundenlang mein Üben anhören und lächeln dabei. Es sind Menschen darunter, die noch nie mehr als Für Elise gekannt haben und plötzlich ruhig 50 Minuten Bachs Goldberg-Variationen anhören, ohne es zu merken.

14. August 2009

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Töne

Ich liebe Sommergewitter an Augustabenden. Wenn es draußen brodelt, blitzt und in langen silbernen Schleiern nach unten regnet, drückt das Wetter das aus, was ich manchmal empfinde — und das in einer Intensität, die ich liebe und die für mich reine Kunst ist: Der Himmel wird lila, rot, schwarz, silber. Duftender Wind mit kalten Nähten treibt die nasse Gewalt zum Tanzen auf warmem Asphalt. Wenn ich dabei zusehe, werde ich ruhig.

Und ich liebe das Meer.

Mir sagen manchmal Menschen: Wenn man so Klavierspielen kann, was nur wenige auf diese Weise so können auf der Welt… dann… dann ist man unabhängig von Menschen?

Musik vergeht, Ton auch, aber ich bin noch da. Es ist zwar Musik in mir, Rhythmus in mir, aber das Sein ist länger und eher da als Musik und deutlich wichtiger.

Traveling the world