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Ann-Helena Schlüter

Bad Homburg

Ich bin in der Nähe von Frankfurt und erhole mich im Thaunusgebiet. Ich wohne direkt über dem Flügel und übe aber auf einem kleinen Klavier versteckt im Kirchsaal. Viele Leute sitzen den ganzen Tag und hören mir zu. Sie sagen, sie fühlen sich gesegnet, mir zuzuhören. Ich muss durch meinen Berg von Noten durchkommen. Abends gehen wir im Wald joggen, es ist wunderschön.

Es kommt mir vor, als wären die Noten in meinen Beinen und rennen mit mir im Gesang davon.

Mit Lena Duo zu spielen war wieder sehr schön (Duo Passion, Violine und Klavier).

31. Juli 2009

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Kids und JS Bach

Die Bachvermittlung macht mir immer mehr Spaß. Musikvermittlung ist wichtig.

Tonstudio Würzburg

In einem Studio Lieder aufzunehmen wie in einem Saal ist noch einmal eine ganz andere Sache, an die ich mich langsam gewöhne. Es ist viel enger. Ich nehme spontan Klavier und Gesang gleichzeitig auf, ich will mich entspannen, damit meine Stimme weich klingt, weich wird, denn dann entspannt mein Atem, es dauert eine Weile, bis ich nicht mehr abgelenkt bin. Recording ist auch Vermittlung.

Ausdruck

Kinder oder Menschen, die nach Ausdruck ringen, sind oft Menschen, auf die das eine oder das andere nicht unbedingt zutrifft: intakt, wohlbehütet oder reich. Ich kann fast mit Sicherheit sagen, dass Kinder, die anfangen, von sich aus Melodien zu erfinden und sogar aufschreiben wollen, Sehnsucht haben nach mehr.

Bibliothek der Residenz

Leider zieht die musikwissenschaftliche Bibliothek der Residenz um, aber kommt mir so schön geheimnisumwittert vor, als könne ich den Geist, die Atmosphäre der Bücher spüren und wittern. Draußen lacht mich die Sonne und der blühende Rosengarten an, und die Touristen und Menschen gehen im Residenzpark spazieren, während wir innen vor Büchern sitzen — eine andere Welt. Innen sitzen wir an unseren Büchern, Noten und Laptops. Der Sinn und die Aufgabe der Forschung für mich? Ich mag Musikwissenschaft sehr gern. Es ergänzt meine künstlerische Tätigkeit.

Ps: Innerdeutsche Flüge verbieten? Für viele Männer kaum vorstellbar. Eher muß die Welt untergehen.

14. Juli 2009

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Polen

In Polen war ich öfter: in Zakopane auf einem Klaviermeisterkurs bei Gulda und in Warschau, in Krakau, in Breslau — aber hier in Schlesien auf dem Slot Art-Festival hatte ich noch einmal neue Erfahrungen gemacht:
Genossen habe ich das Üben in einem abgeschirmten Raum mitten auf dem Gelände, in dem alle Instrumente und Boxen standen und streng und schwer bewacht wurden und ein Trubel und Kommen und Gehen war. Da ein Amplifier fehlte, war ich gewzungen, dort mit Kopfhörer zu üben. Es kamen einige Band vorbei, meistens Jungs, die mich fragten, was ich übe. Ich sagte: Bach. Sie sagten: Was, Bach? Und konnten es nicht fassen.

Was für ein Kontrast! Am Wochenende ist mein Improvisations-Workshop, für den auch junge Leute aus dem Osten Deutschlands kommen. Ich bin gespannt.

Am Samstag morgen musste ich für ein Konzert in Nürnberg auf der Burg Wernfels mit dem Zug früher die Heimreise aus Polen antreten; es war über Wolow, Breslau, Liegnitz, Chemnitz, Zwickau. Nachts wurde ich dann abgeholt und auf die Burg gebracht. Ich liess mich verwöhnen auf der Burg und übte im grossen Saal. Der war kalt, so hatte ich mich eingewickelt in die Flügeldecke, sie war um mich herum wie ein schwarzes dickes Lederkleid mit rotem Futter. Beim Konzert sprachen der Landesbischof Bayern und Fürst zu Castell-Castell und andere, und ich spielte Chopin, Bach.

Slot-Art-Festival SAF

Rock meets Classic. Eigentlich ist das SAF (Slot Art-Festival) im schlesischen Kloster Leubus ein Rockmusik-Festival. Umso erstaunlicher ist es, dass mein Konzert am Freitag so voll und sehr gut besucht war, dass die Leute nicht mehr ins Zelt passten und draußen und innen stehen mussten; Rock meets Art, und das, obwohl einige Parallelkonzerte liefen. Ich dachte mir: Was werden sie denken, wenn ich diese Massen nicht bändigen kann? Dies ist kein Konzertsaal. Zuerst war ich auch nervös, vor allem beim Soundcheck, aber der Soundman war sehr gut. Ich glaube, ich habe erst dreimal in meinem Leben in einem Zelt gespielt. Es waren viele Deutsche da, die bei dem Satz, „Ich komme aus Deutschland“, laut jubelten. Ich musste Zugaben spielen, und ich wählte Bach, und das war so berührend, als die zarte, leise, zärtliche Aria erklang und das ganze voll besetzte Zelt mitten in der Nacht bis draußen still und ruhig war. Ja, dass Bach seit Jahrhunderten Herzen berührt. Es kam mir vor, als sänge Bach ins All hinaus, in die Unendlichkeit.

Einige Leute fingen das Tanzen an zu Bach. Das habe ich noch nicht erlebt, dass Leute zu Goldberg-Variationen tanzen. Rock meets Art.

Kloster Leubus

Stockfechten und Bogenschießen auf dem Kloster Leubus — bei mir geht der Pfeil eher zart, weich und etwas kurvig ins Ziel. Manchmal spüre ich, kurz bevor ein Konzert losgeht, einen seltsamen Druck und Widerwillen in mir hochsteigen, den Wunsch, mich zurückzuziehen. Jedes Geräusch wird mir plötzlich zu viel, ich fühle mich wie aus Glas. Aber dann, wenn ich spiele, verflüchtigt sich das gleich.

Schlesien

Es ist schön hier: Ein altes leeres Kloster und seine Ruinen und Säle bei Lubaz, 30 km von Legnica; das Kloster heisst Opactwo Cysterskie. Es soll sehr beruehmt sein. Wir fuhren ueber Chemnitz und Goerlitz nach Liegnitz, alles war bis Breslau einmal deutsch gewesen. 6000 junge Leute, hauptsaechlich Polen, aber auch Deutsche, Oesterreicher, Neuseelaender, Norweger, Amerikaner, Tschechen, Kroaten, Schweizer kommen zusammen, alle Raeume und Wiesen erobert und grosse Zelte aufgebaut haben, um gemeinsam Kunst und Musik zu machen. Ich bin voellig hingerissen, so stelle ich mir ein wenig den Himmel vor. Da sitzen sie alle, malen, jazzen, singen, bauchtanzen, machen Musik, jonglieren, rappen, zeichnen, tanzen, trinken Kaffee, und mittendrin sitze ich und spiele Bach und eigene Songs und Chopin. Im Ausland glaubt man nicht, dass ich Deutsche bin, sie denken sofort an Skandinavien.
Ich genoss die Musik, als wuerde meine Seele an der Zeltwand haengen, als wuerde mein Geist auf meinem Herz liegend die duennen luftigen, gelbgrauen Zeltwaende beruehren.

Das Gefuehl von internationaler Gemeinschaft sensibler Menschen, die suchen, aktiv und leidenschaftlich sind und auf einem Gelaende zusammenkommen und wohnen und essen, und dann gemeinsam singen, erfuellt mich jedes Mal mit Ruehrung, dass das Unsichtbare auf das Sichtbare trifft, und ich kann Unsichtbares sehen und Sichtbares hoeren und fuehlen. Alles nehme ich ueberstark wahr, dass auch meine Haut unter Strom steht. Der juedischen Jazzer Paul Zarecki, der ein weites Herz hat, Bzim, so wie er genannt wird, hat recht: Es gibt c-Moll, und es gibt ein c-Moll-Universum, und ohne Skalen geht es eben nicht. Er sagte mir, ich brauche keine passion, ich brauche patience, und BIBLE sei Basic Instruction Before Leaving Earth. So wie er es aussprach mit seinem Akzent, hoerte es sich fast gleich an. Ich mag Zelte, da ich darin das Gefuehl habe, sowohl drinnen als auch draussen zu sein.

Liegnitz, Erfurt

Die Konzerte in Erfurt waren sehr schön. Nun fahre ich heute nach Liegnitz mit anderen Musikern und anschliessend zum Konzert in Nürnberg.

In der Pause nahm ich am Bogenschiessen auf der Wiese teil. Es machte so viel Spass, doch es war nicht leicht: Obwohl ich mir meinen schlimmsten Feind vorstellte, landete mein Pfeil auf der Wiese. Der Bogen ist schwer, man muss sich ziemlich verdrehen, zielen und genau wissen, wann loslassen. Die Atmosphaere des Klosters ist voller Geschichte, Duft, Aufeinanderprallen von Zeit und Kulturen — allein sich drin aufzuhalten ist ein kreativer Akt und inspiriert mich enorm. Beim Ueben heute fiel mir einmal mehr auf, wie bedeutungsvoll Harmonien sind.