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Ann-Helena Schlüter

Ich lese Effi Briest, ein Roman, der mich tief bewegt. Wie früh schon über haarsträubende Frauenfeindlichkeit geschrieben wurde, von Fontane! 1895! Nüchtern, klar, ohne Vorwürfe und doch bis zum letzten Buchstaben anklagend. Danke, Theodor! Ich liebe dich!

Ich lese auch gern über Palestrina von Eugen Schmitz.

Politik ist daneben immer grob.

Weigle Orgel Mannheim

1. April 2023: “Das Leben ist eine Hymne. Singe sie. Verteidige deine Hymne.” (Mutter Teresa)

Foto: Arizona State University Phoenix, USA (Master of Music), Katzin Concert Hall

Heute erinnere ich an Amadeus Schlüter ❤️

Schade, dass ich Hedwig Bilgram nicht kennengelernt habe. Warum habe ich nicht früher die Orgel entdeckt? Seufz. Sie hat wie ich in Lohr gespielt. Höre sie gerade auf B4 Klassik.

Von meinem Papa Karl-Heinz Schlüter habe ich viele alte wertvolle Bücher, die nach altem Papier duften, Bücher von 1954 und 1949, Musikbücher, hauptsächlich, zB von C.A. Martienssen, aber auch Thomas Mann, Festschriften zum Goethejahr 1949.

Hier hat mein Papa in der Goethe-Festwoche in Weimar 1949 einen Chopin-Abend gespielt. Darüber berichtete das Thüringische Tageblatt am 30.8.1949, von seiner „blendenden Technik“ und einem „einmaligen Erlebnis“. Hier war die „nachschaffende Persönlichkeit“ 29 und lebte in Detmold als Dozent. Ich vermisse ihn. Damals wusste er noch gar nicht, dass es mich mal geben wird.

Und ach, diese schöne alte deutsche Sprache. Heute stehen auf Frühstücksverpackungen wie „Zimtinos“ von Lidl nicht mal mehr Kommata, und das lesen Kinder jeden Tag unbewusst.

Eine Klavierlehrerin meines Papas hieß „Fräulein Clara Spitta“. An sie erinnere ich heute. Mein Papa hat also Thomas Mann persönlich kennengelernt. ❤️ Wenn ich diese Gedenkschrift lese: Vaterland und Deutschland waren ganz andere Begriffe als heute, auch „Fräulein“ oder „Weib“ waren sehr positive und respektvolle Worte. Wie hat sich das alles verändert!

Die Handschrift meines Vaters ist meiner so ähnlich. Er hatte ja auch ganz kleine Hände. Wie ich. Er war mit 29 unglaublich gutaussehend. Schwarzes, wildes, dichtes Haar. Blaue Augen. Schönes Gesicht. 1949 ist für mich fast identisch mit „Krieg“. Das ist ja falsch.

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Wusstet ihr, dass ein Schraubenschlüssel im Ausland „kleiner Schwede“ heißt aufgrund seines Erfinders Johannson? Und Donald Duck heißt Kalle Anka. Schweden und Finnland kommen in die Nato ❤️ Ich erinnere an das einzige Frauen-Museum in Schweden: in Umeå. Schade ist, dass Frauen hier oft mit „Me too“ und „queer“ in Verbindung gebracht und reduziert werden. Warum?

Viele Leute schreiben und komponieren eingängig, um vom Publikum gemocht zu werden. Grete von Zieritz schreibt dazu, dass bei Männern Skandale zur Reklame taugen, aber Frauen stets ohne Misserfolg dastehen müssen. Warum eigentlich?

Die deutsche Justiz: Von 800.000 Fällen pro Jahr werden weniger als einen Bruchteil (ca. 2000 Fälle) wieder aufgenommen (Zahlen von 2010). Wiederaufnahme wird oft verhindert, dabei sagt Eschelbach am Bundesgerichtshof, mind. jedes 4. Urteil sei ein Fehlurteil nach seiner Schätzung, das bedeutet, mindestens 659 Menschen pro Tag werden falsch verurteilt. Die Justiz gibt kaum Fehler zu. Die Angst vor Gesichtsverlust ist groß. Verdiente Kollegen, Gutachter, Schulterschluss…

Als ob Richterinnen, Gutachter und Staatsanwälte unfehlbar wären? Gott? Gerade in schweren bedenklichen Fällen gibt es wohl viele Ausflüchte, warum nicht revidiert und wieder aufgenommen werden kann, da ja sonst Fehler gemacht wurden, wer will das verantworten? Gibt es überhaupt wissenschaftliche Studien zu Fehlurteilen?

Wie stur ist unsere Justiz? Wie einsichtig? Kann die Justiz Irrtümer zugeben? Dringend braucht es eine Reform der Justiz!

Anwältin Rick, die sich um eventuelle Fehlurteile kümmert, aus München: Hut ab! Fall Genditzki, der seit 2009 in Haft sitzt, Fall Rupp! Und wenn jemand keine Schuldeinsicht hat, weil er unschuldig ist, wird er zudem noch erst recht hart bestraft! Selbst die Polizei sagt: Recht haben heißt nicht, Recht bekommen.

Foto: Koblenz

Es geht nicht darum, wer sich am besten ausdrückt, dann wäre Musik nur Leistung. Es geht darum, dass sich alle wirklich trauen und wollen. Gerade bei Kindern merke ich eine sehr persönliche, verletzlich machende Angelegenheit, sich intensiv, spontan und frei auszudrücken und wahrzunehmen.

Ich merke es an den großen Augen und an ihrer Konzentration.

Konzentration ist gut und wichtig; sie entspannt. Gemeinsam improvisieren weckt Kreativität. Zu kombinieren ist für mich Sprache und Musik.

31. März 2023: Gib dem Himmel Luft. (AHS)

Blick aus dem Mund:
Dein Wort ist Blick.
Halligen Schmerz
hast du mit Lavendel bestreut. (AHS)

De profundis. Frauen sind Vorkämpferinnen der Reformation. Und Nachkämpferinnen.

Heute erinnere ich an die schwedische Unternehmerin Anneli Hellström.

Foto: Freiburg

Endlich wird verstanden, dass intuitive Musik ähnlich klingt wie strenge, fleissige, regelgebundene (serielle) Musik – wobei mit intuitiv hier eher „Zufallsmanipulation“ gemeint ist und von „Resultaten“ die Rede, was eher unmusikalisch klingt oder a-musikalisch.

Trotzdem ist es spannend, was Leute sich alles einfallen ließen: Prepared Piano (Cage), der sich gegen das Widerklingende wehrte, Kagels instrumentales Theater gegen überholtes Komponieren, fort vom Nachtonalen.

Kagel schreibt, dass man als Komponist von der Unfehlbarkeit der eigenen Phantasie überzeugt sein muss. Vermutlich nur als Mann, denn wenn man als Frau von der „Unfehlbarkeit“ der eigenen Phantasie überzeugt ist, kommen schnell Lästerer wie Jan Wilke auf den Plan, den es sehr interessiert, was ich mache.

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Die neue Musik war nach und vor 1945 extrem vermaskulinisiert, es ist hier von „vollkommener Rationalität“ die Rede, von „strenger serieller Musik“, von „Ergebnissen der Reihenmusik“ und „Handwerklich-Rationalem“ und so fort. Teilweise ist die Art der Begrifflichkeit mehr einer Schleifanlage oder einer Eisenfabrik ähnlicher als Musik. Zumindest ist zu erkennen, dass Weibliches, Gefühl, Zartes, Impulsives hier keine große Rolle spielen durfte. Selbst „Melodie“ war verpönt. Die Krise der Form.

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Für den Meisterkurs von ISAM für Komposition hatte ich ein Stipendium, aber es hat mir nicht gut gefallen, da man im Grunde nur tonal oder nachtonal oder posttonal komponieren durfte. Meine Musik dagegen ist intuitiv, subtil, Farbe ohne Reihe, weibliche Avantgarde, spirituell und ohne stilistische Verpflichtung, experimentell, mehrdeutig und improvisatorisch. Eine andere Suche in der Krise der Form. Die meisten „Orgelimprovisationen“ dagegen heute (nicht nur von Laien) bleiben nachahmend in Klischees stecken, mit angeeigneten Gesten, eher als eine Art Selbsterfahrung.

 

Foto: Frankfurt

Gib dem Himmel Luft.

30. März 2023: Ein Gedicht ist zur Ruhe gekommene Unruhe. (Reiner Kunze)

Ich glaube, Kunst ist eine Person. Man kann sie kennen lernen. Man kann sie fühlen, nicht ‘erwissenschaften’. Die Konzertsäle lechzen nach ihr, nach echter Kunst. Güte soll wachsen und um sich greifen.

Sonst trifft nur das ‘grosse Professionelle’ auf das ‘große Biedere’: auf die, die das Geld für die Tickets haben.

Ich bin wieder zuhause.

Foto: Residenz Würzburg, Toscanasaal

Ukraine Song 

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Es ist erschienen

IN CANONE all’ Ottava a 2 Clav e Pedale, BWV 629 Orgelbüchlein Ev. Dom Greifswald, Pommern, Buchholz-Orgel.
Ich liebe das frische Tempo und den Kanon.

29. März 2023: Wir müssen in der Musik raus aus der engen Formelhaftigkeit. (AHS)

Vergiss die Sicherheit. Lebe, wo du zu leben fürchtest. (Rumi) Hmmm…

Foto: Dom Greifswald

Heute erinnere ich an Annelise Pflugbeil, die unter schweren Bedingungen das Institut in Greifswald, für Kirchenmusik, zur Uni gehörend, gründete und, soweit ich weiß, dort nicht genug geehrt wird.

Frost und Schnee in Greifswald. Orgel-Prüfung in Kirchenmusik an der Buchholz-Orgel von 1842 ist sehr gut gelaufen. Die Dom-Orgel ist eingetütet in einen warmen Kokon, man hört sich kaum selbst.

Ich glaube, ich bin gerade der einzige Mensch in Deutschland, der einen Ohrwurm von Petr Eben hat. Der Zyklus Sonntagsmusik. Das ist nämlich für Zuhörende eher anstrengende, schwere und schwer zugängliche Musik. Was ich natürlich nicht so empfinde. ☺️

Mozart KV 608 habe ich mit Spaltklängen registriert. Reaktion: Sehr experimentell. Ach, ich liebe, wenn Leute diplomatisch sind. 😊

Meine 4 lieben Helferlein am „Registrierpult“ hatten heute extra schulfrei wegen mir bekommen. Danke! Als Dankeschön habe ich im Saal der Musikschule gespielt. Der war schön dekoriert für den Landeswettbewerb Jugend musiziert. Ja, an „Jugend musiziert“ erinnere ich mich auch noch gut..

Ich denke in meinem Kopf oft Code-Switching-mäßig in Deutsch, Schwedisch, Englisch gleichzeitig.

Danke für alle Gebete und Glückwünsche.

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Buchholz Jehmlich Orgel Dom Greifswald

 

28. März 2023: Nachtschöpferin.

“Die Seele eines Landes liegt in ihrer Musik. Ein Land, welches seine Musik verkauft, ignoriert oder dem Kommerz preisgibt, verdient es, Coca Cola als Folge zu haben.” (Maya von Patel) Die Seele eines Landes ist wichtig. 

Foto: Kunst AHS

Morgen ist meine Prüfung um 9:30 im Dom, bitte betet. Konja und ich haben heute die Zungen gestimmt. Es ging schnell.

Die tschechische, lettische und litauische Volksmusik berührt mich. Ich mag Riga und ihre neuen Klänge. Volksmusik und Chormusik formen eine Nation. Musik sagt das Unsagbare und verbindet uns mit unsichtbaren Fäden.

Vor allem aber hat sie eine internationale Allgemeingültigkeit, was unsere innere Sprache und unsere Gefühle angeht. Als ich eine Woche lang Moskau besuchte, wurde ich mit anderer Musik konfrontiert.

Foto: AHS in Afrika

Intuitives zu verbinden mit Logik, Konzentration und Erfahrung ist eine Herausforderung — es muss sich verbinden lassen.

Wenn man Künste miteinander verbindet, heißt es nicht, dass man sich verzettelt. Es bedeutet nur, dass man zurückkommt zu dem, was große Künstler auch getan haben.

Intuition ist die Bereitschaft, neue und risikoreiche Gedanken und Wege zuzulassen, selbst wenn sie der bisherigen Erfahrungen, der Norm und der Statistik widersprechen oder Widerstände und damit Schmerzen bedeuten, Kritik.

Oft gibt die Intuition die richtige Lösung für den entscheidenden Moment. Sie ist eine prophetische Vorahnung, deren Äste und Krone nach oben wachsen, sich ausbreiten: dorthin, wo die Sonne ist. Sie ist teuer. Sie ist die Königslinie (wie beim Schach), das Ziel zu ‘schlagen’ in dem Sinne, es zu erreichen und nicht zu verfehlen.

Es geht dabei um den richtigen Zeitpunkt. Dazu muss man manchmal schnell und mutig sein können und auf der anderen Seite geduldig bereit, auszuharren. Es gibt zudem eine spezielle Art der künstlerischen Intuition, die Neues möglich macht. Sie verfehlt das Ziel nicht.

Foto: Edinburgh

Meine Anfangszeit mit der Orgel: Schweden ❤️

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27. März 2023: Ich möchte nicht um jeden Preis etwas „Schönes“ schreiben. (Pierre Boulez)

Es ist nicht möglich, zu schweigen. Die innere Haltung macht die Musik.

Foto: Neuer Gedichtband 2023: Gesungene Sehnsucht

Heute erinnere ich an die schwedische Erfinderin Ninni Kronberg.

Windiges Greifswald. Heute war ich wieder oben auf dem Dom und genoss die Aussicht. Eine der Treppen ist besonders steil und gefährlich, die nach den Glocken, mit dem gelben Absatz. Ich betete, dass mir nichts passiert. Man braucht als Organistin gesunde Arme, Beine, Hände und Kopf. Selbst ein wehes Schienbein ist ungut für Konzert und Orgelprüfung. Eigentlich kann man immer nur daheim bleiben. Aus Sicherheitsgründen, um sich nicht weh zu tun.

Oben auf dem Dom sieht man die „dicke Marie“ und alle anderen Kirchen und an manchen Tagen auch die Kreidefelsen. Kreidefelsen. Klingt so exotisch. Rügen mag ich.

Gottesdienst war schön. Habe heute im Dom geübt und unterrichtet. Ich habe ein paar Chemie-Prof.s, die ich in und an Orgel unterrichte.

Ansonsten bestehen meine Tage hier aus Üben, Konzentrieren, Schlafen, Essen, Üben.

Boris Blacher hätte ich gern kennengelernt. Seine Einstellung zu Komposition ist meiner ähnlich. Er schreibt, dass es eine Spitze gibt und dann die Masse, die die Spitze kopiert. Hindemith war die Spitze in den zwanziger Jahren, wie er schreibt.

Egal wer heute an der „Spitze“ ist, es wird nachgeahmt. Aber man muss doch nach Neuem suchen. Diese dauernde Nachahmerei!

Die Großen haben nie eine Akademie besucht. Laut Blacher kann man Komponieren nicht lernen.

Heute wird als „Orgel-Improvisation“ meist postromantischmodern der französische Orgelstil nachgeahmt. Das wäre umgekehrt undenkbar übrigens, glaube ich. Haben Deutsche keine eigenen Ideen mehr? Das ist doch langweilig.

Ich finde es wie Ligeti unbefriedigend, Musik zu schreiben, die schon mal da war. Ein Idiom zu überwinden, ist aber gar nicht so leicht. Ligeti mußte sich von Bartok lösen und Versäumtes nachholen. Er selbst beschrieb sich als „nicht bescheiden“. Ob er deswegen attackiert wurde?

Es ist interessant zu lesen, wie Komponisten ihr eigenes darstellen wollen: G. M. Koenig: Computermusik und Geräusch. Fortner: 12-Ton-Musik. Ligeti: „Klangflächen-Gewebe“…

Musik aber kann glücklicherweise gegen das Misstrauen Wahrheit konkret und auch abstrakt definieren. Sie ist eine flammende Rede mit ungeheuchelter Gestik und Mimik, perfekt in den Übergängen, rund, zärtlich, manchmal bitter, voll Küsse, Einladung und Warnung, wie ein Rausch und doch klar zu Herzen gehend – zu Tränen, Lächeln und Lachen rührend.

Eine so gute Rede wie Musik habe ich noch nie gehört. Die Sprache der Musik muss man dabei erst lernen: Jede kann sie hören, aber nicht jeder gleich verstehen, nicht einmal die Ausführenden selbst.

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26. März 2023: Wir brauchen den Luxus der Einsamkeit. (Anne Ranasinghe)

Kierkegaard lese ich gerne, da mir Humor, klug, lyrisch und nicht boshaft, gefällt; ich mag das weiche Zynische; ich muss schmunzeln; es ist dennoch aufrüttelnd, oder ich verstehe jedenfalls, dass es so gemeint ist.

Die kirchendichteste Gegend in Schweden befindet sich übrigens in Gotland. Zwischen dem 19. und 24. Juli gibt es eine Frauenwoche in Schweden. ❤️ Übrigens Kompliment an Frankreich mit 45 % Frauen in wirtschaftlichen Führungspositionen. 🌷Deutschland ist … 8. Platz. 

Foto: Kunst AHS

Es gibt für mich keinen Dilettantismus in Neuschöpfung. Es gibt natürlich einen Unterschied zwischen musikalischer Aktivität und Kunst — aber dieser Unterschied kann fließend sein. Die Kunst ist lebensnotwendig und nicht nur Luxus oder Schmuck.

Heute habe ich den ganzen Tag im Dom gespielt. Die Küster sind alle so nett und goldig. Abends kommt immer so ein netter älterer Herr und arbeitet an einer Schleifmaschine unten in der Winterkirche. Zuerst habe ich mich erschrocken. 

Der Begriff ‚gute Musik‘ ist vielleicht schwierig, da wertend, wobei Wertung durchaus nicht immer etwas Schlechtes ist, im Gegenteil, sie ist wichtig. Die Kunstmusik hat mit Klangvorstellung zu tun, die reifen muss.

Dabei ist jede Klangvorstellung mit Vorsicht zu geniessen, da sie einengend werden kann. Eine Klangvorstellung sollte kein festes Prinzip sein. Kunst ist Revolution, Symbolwelt, Tiefe. Man muss jedoch bedenken, vorsichtig sein, da alles Einseitige eine manipulierende Macht werden kann.

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Kreativität ist eine Person, die anklopft und darauf wartet, von mir entdeckt zu werden. Wenn ich etwas nicht entdecke, wird es vielleicht solange nicht da sein, bis ich es erkenne.

Denn Zeit ist ein Teil der Kreativität und des Prozesses. Jeder Augenblick dabei ist Kreativität. Anstrengend und arbeitsam ist es, das Gefundene zu behalten, zu formen, zu schmiergeln, zu bebauen. Struktur, Bescheidenheit, Konzentration und Demut sind Wegbegleiter von Kunst.

Foto: Kampala

Konvention und Norm: Übereinkünfte, dass etwas normal zu sein hat. Sobald etwas konventionalisiert wird, gebunden, systematisiert, können Begriffe und Inhalte kaputt gehen. In dem Sinne sind viele Traditionen verheerend, da sie lähmen und stoppen und an Generationen kleben bleiben. Beethoven hat sich nicht an die ‚Sonatenhauptsatzform gehalten’, diese ‘Form’ wurde erst nachträglich daraus gezogen.

Kein Wunder, dass die jungen Musiker an der Hochschule große Schwierigkeiten haben, in der Theorie mit Freude zu sitzen. Das Neue wird zur Routine. Theorie ist ja etwas sehr Spannendes, braucht Zeit zum Reifen. Ich sehne mich nach neuen Symphonien in unserem Jahrhundert.

Wenn Schubert Beethoven ‘überwinden‘ konnte — dann können wir auch überwinden und Neues schaffen. Beethoven komponierte dramatisch mit dem Endziel am Schluss, doch Schubert hatte seinen Höhepunkt in der Mitte seiner Symphonie. Neues umsetzen bedeutet oft Radikalität.

Foto: Calvi, Corse

Kreativ sein bedeutet Finden. Finden, was bereits da ist. Und doch erschaffen wir etwas, das vorher noch nicht da war, noch nicht ins Leben gerufen. Aus der Quelle, die um mich ist, erschaffe ich: sichtbar zu machen, was unsichtbar war.

25. März 2023: Wähle den Weg über die Bäche und stürze dich nicht gleich in das Meer. (Aquin)

Foto: Kampala, Uganda (my hair)

Heute erinnere ich an Wilhelmina Skogh, schwedische Unternehmerin, 1850.

Gedichte von Eichendorff, Rückert, Keller, Celan, Fried, Augustinus, Rilke und vor allem Georg Trakl — zärtliche, dunkle Literatur, die etwas Ruhiges, Zynisches, Suchendes hat — gefallen mir. So auch manchmal Thomas Bernhard oder Musik Hindemiths.

Bachs Musik aber spricht rund und frei von Trost, von Liebe, als könnte ich mitschreiben, jeden Tag etwas anders, tröstend, doch immer im Niedergehen die große Kraft, im Beugen die größte Spannung und Ermutigung. Bachs Musik ist eine Einladung, von Gott getröstet zu werden. Eine Einladung zur Ewigkeit, zum Loslassen, Vertrauen, Glauben. Energie in Zärtlichkeit. Tontendenzen. 

Der Quintenzirkel ist eine Art Gottesbeweis. An Gott zu glauben ist nicht intellektuell anspruchslos. Die Wissenschaft ist nicht der Feind oder Gegner des Herzens, des Kopfes, des Glaubens und der Literatur.

Genauso wenig wie Musikwissenschaft Gegner der praktischen Musik ist, auch wenn es oft so scheint.

Bach war ein großer Dichter und Denker; viele andere, die unser Land beeinflusst haben. Sie arbeiteten mit verborgener Symbolik. Symbolik addiert sich in meinen Gedanken wie verselbständigte Kunst, um auf den rechten Zeitpunkt zu warten und auf dem rechten Weg zu bleiben.

Heute habe ich 4 jungen Leuten die Dom-Orgel erklärt. Das macht mir richtig viel Spaß, weil ich ja selbst noch genau weiß, wie es war, als ich das Instrument Orgel kennenlernte. Das ist ja noch nich lange her. Ich möchte, dass der gleiche Funke überspringt.

 

Fotos: Calvi, Rotterdam, Stuttgart, Kampala, Oberösterreich, Schwäbisch Gmünd mit Heidi Bieber (xpand), Saal Schönblick

24. März 2023:  Was vor uns liegt und was hinter uns liegt, sind Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was in uns liegt. (H. Thorau)

Ich bin eine Flügel-Zigeunerin an der Orgel. Meine Geige ist das Klavier. Kunst ist sinnlicher Intellekt.

  

Fotos: Köln und Aachen

Ich war auf einer Tour, Musik unter das Volk zu mischen, den Menschen Musik zu bringen, die in keinen Konzertsaal gehen, wie zum Beispiel auf der Kölner Domplatte — Musik ist grenzenlos. So spielte ich auf dem Dreiländerpunkt Belgien/Deutschland/Holland.

Nun bin ich wieder in Greifswald. Am Dienstag ist mein Konzert/Prüfung. Ich mag die Domorgel, auch wenn manche behaupten, sie sei schwierig oder nicht groß oder raumfüllend genug. Es gibt tatsächlich nicht viele romantische Klangfarben, doch die Akustik macht vieles wieder wett. Oben klingt sie sehr schön, nur unten verflattert sich der Klang etwas. Super wäre eine Orgel unten.

Mir gefällt der Zyklus Sonntagsmusik von Petr Eben. Es groovt.

Musik ist sinnlicher Intellekt. Künstlerinnen sind inspiriert von Geist. Auf der ernsthaften Suche nach Wahrheit, mit Sinnlichkeit (mit den Sinnen zu erfahren), wird komponiert und geschrieben.

Künstler können durchaus eine tickende Zeitbombe sein, wenn sie sich nicht mehr auszudrücken wissen. Daher ist Charakter wichtig.