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25. Mai 2009

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Bremerhaven

Von den bulgarischen Sängern erfuhr ich, dass Russland ihr Alphabet übernommen hätte und dass wir Deutsche in Wien Piefke heissen. Um uns herum lag ein ruhiges internationales Bremerhaven, dass offensichtlich nicht daran interessiert war, 60 Jahre Grundgesetz zu feiern.
Am nächsten Tag besuchte ich das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven. Ich verbrachte dort fast drei Stunden und hätte beinahe meinen Zug verpasst- es war ein Wunder, dass ich ihn noch erwischt hatte — ich kam 12:32 am Bahnhof an, und mein Zug ging um 12:28.

Aber dieses Museum zeigte mir, was der Sinn eines Museums ist, da Fernweh, Heimweh und die Suche nach Heimat an persönlichen Einzelschicksalen aufgezeigt wurden. Atmosphäre und Stimmung mischten sich mit Information. Über sieben Millionen Menschen sind bis heute ausgewandert oder geflüchtet, in grossen Emigrations-Schiffen, aus Bremerhaven auslaufend. Noch nie hatte ich das Ausmaß des Zweiten Weltkrieges so deutlich verstanden wie an diesem Morgen, obwohl ich mich nun so eingehend jahrelang mit den Weltkriegen und Deutschlands Geschichte beschäftigt hatte. Ich musste drei mal weinen in diesem Museum, vor allem, als ich ankam in der Neuen Welt, in den USA, und Dvoraks Sinfonie Neue Welt lief. Ich bemühte mich, alle Schicksale zu hören; es dauerte sehr lang. Ein Leben berührte mich besonders, das Leben einer jungen Ärztin, die 1933 alles verloren hatte und um das Leben ihrer Kinder bangen musste. Sie hatten kein Geld, obwohl sie reich war; die Nachbarsländer und Grenzen waren zu und selbst, als jedes Jahr lebensgefährlich wurde, bestand die USA auf Wartezeiten, Papiere und Bürgschaften zur Einreise. Dennoch hatten sie es geschafft nach Jahren der Qual, und sie standen vor dem Nichts, als sie endlich in den USA ankamen. Selbst die Schiffsüberfahrt war ein Tortur. Auf der Freiheitsstatue stand: Willkommen, ihr Massen an Sehnsucht, ihr, die keiner sonst will. Ich war berührt von dem Mut dieser Frau. — Ich kann nachvollziehen ein Stück weit, was es bedeutet, alles zu verlieren, machtlos zu sein, loslassen zu müssen, vor dem Nichts zu stehen, keine Vergeltung fordern zu können, keine Gerechtigkeit zu spüren und dennoch das Land zu lieben, zu brauchen. Und dabei war es noch das Leben, mit dem sie davon kamen. Andere verloren selbst das. Wer war diese Frau? Da ich keinen Stift hatte, wollte ich mir ihren Namen merken — dann stellte ich fest, dass zufällig genau ihr Name auf meiner Eintrittskarte stand — denn, das hatte ich vergessen, jeder war einer bestimmten Person von damals zugeteilt worden. Ihr Name ist Hertha Nathorff.

23. Mai 2009

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Ich höre Erschaffung

An Materialien für Kunst liebe ich Seide, Gold, Leder, Haar, Acryl und Öl. Morgen besuchen wir das Auswandererhaus in Bremerhaven und heute Abend die Operette Vogelhändler, die Ara dirigiert: die Abschlußvorstellung von dem Bassisten Klaus Damm, die dernière (letze Vorstellung).

Abends ging ich erst einmal auf Uhrenjagd. Anna sagte, sie könne es nicht glauben, dass ich noch die Uhr aus dem Badezimmer höre. Es gibt Geräusche, die ich sehr gerne höre beim Schlafen: Wind, Sturm, Regen oder das gleichmässige Schnurren in Autos und Zügen.

Linie 1 ist ein berührendes und schockierendes Musical. Die Theatermaler malten in den Werkstätten des Theaters Graffity-Wände, die Techniker bauten eine U-Bahn mit Licht und Geräuschen aus Berlin, der Tonmeister nimmt die Geräusche auf — das allein, all die Requistiten sind Kunst und Kreativität pur.

Die Menschen hier haben Theaterwissenschaften, Kulturwissenschaften und Medienwissenschaften studiert.

In der Pause saßen wir mit der Band des Musicals in der Theaterkantine. Ich mag den Nachgeschmack von Balisto. Viele Schauspielerinnen haben einen Gastvertrag. Ara hat das meiste mit den Schauspielern einstudiert, die auch singen und tanzen müssen und oft keine Noten lesen können.

Die Männer spielen gerne Frauen. Es ist unheimlich, wenn eine solche ‚Frau‘ riesig und geschminkt auf mich zukommt. Sie verlieren sich im unendlich Weiblichen, sagen sie, und sind sehr erfreut, eine Frau zu sein.

Es gibt einige Schauspieler, die noch mit 65 in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen. Für Neue Kunst, egal, welche Form, ist es oft nicht leicht, die richtige Grenze zu finden zwischen Provokation und Pornographie. Manchmal braucht es aber auch einen mutigen Schritt aus dem Alten heraus. Überhaupt braucht es unbedingt Mut zur Kunst. Seine Hände tropfen mit Geschichte. Und auch ich suche. Dadurch ist mir die Mathematik sehr sympathisch geworden. Sie ist Musik. Sie entfaltet sich erst im Rhythmus, wenn sie den Herzschlag schlagen kann. Und besonders im menschlichen Gesang findet sie Erfüllung, im Weichen, Persönlichen, Verletzlichen. Mathematik ist nicht dazu da, unpersönlich und abstrakt zu sein.

22. Mai 2009

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Nordseeküste

Bremerhaven ist wie ein Kurort, ein Bad — teure Hotels und Restaurants, moderne Architektur, die roten Straßensteine wie auf den Nordsee-Inseln, salzige Meeresluft, das Meer, das die Gerüche von Dänemark, Schweden und vom Baltikum herüberträgt — man ist schwerlich noch in Deutschland. Ich kann an diesen Meeres-Gerüchen erkennen, wie sehr sich Deutschland und Europa vermischen, dass es einmal nur noch Europa gibt. Das tut mir auch weh.

Zuerst möchte ich immer das Meer sehen. Das Meer ist für mich eine solche Offenheit, dass die Einsamkeit darin nicht mehr schmerzlich ist. Es war sehr windig, als ich es endlich sah am Abend des Tages, und die Sonne ging gerade unter, rot und ruhig, kurz nach neun Uhr abends. Es ist mir unbegreiflich, wie schnell die Sonne untergeht, wenn sie einen bestimmten Punkt erreicht hat.

Die Nordsee, viel salziger als die Ostsee, küsst irgendwo um Schweden unten herum die Ostsee. Im ICE nach Bremerhaven ist mir, wie oft, passiert, dass ich ins Gespräch komme mit meiner Nachbarin, diesmal einer Schauspielerin aus München mit einem niedlichen Hund — dann kaufte sie spontan eine CD von mir.

Zunächst sah ich in Bremerhaven das Stadttheater, recht rund, weiß und groß, und spielte mich hinten im Zimmer des Solorepetitors und Kapellmeisters ein, einem guten Freund aus der Musikhochschule Würzburg, ein Grieche. Das Theater ist nah am Hafen, am Strand, und das Fenster stand auf. Hinter den Kulissen herrscht ein anderes künstlerisches Treiben von Orchestermusikern, Sängern, Tänzern und Schauspielerinnen, den Dirigenten und den Korrepetitoren, die die ganze Einstudierung sorgfältig übernehmen, und die Techniker, die Leiter. Das ist das dritte Mal in diesem Jahr, dass ich hinter den Kulissen eines Opernhauses lief oder spielte, in Nürnberg, Riga und Bremerhaven. Natürlich habe ich Würzburg nicht mit eingerechnet. All diese Häuser sind auch ähnlich, bis auf Würzburg. Was genau die Unterschiede zwischen Staatstheater, Stadttheater und Oper sind… In Würzburg ist das Theater eher wie ein flaches Kino mit niedrigem Luftdruck. Aber das Wichtige passiert innen.
Reife ist etwas Sensibles und nichts Festgelegtes.
In der modernen Oper Melusine von Reimann saßen wir in der 2. Reihe. Die zeitgenössische Musik ummantelt den Zeitgeist deutlich — Menschen, die nicht vertraut mit Oper und schon gar nicht mit Neuer Musik sind, schauen sich erst einmal irritiert um, ob dies alles seine Richtigkeit habe. Ich persönlich finde Neue Musik sehr interessant. Auch ich musste diesmal mein Programmheft währenddessen im Dunkeln lesen, obwohl ich die Oper in- und auswendig kennt. Es ist schön, die Menschen, die man kennengelernt hat, hinter den Kulissen plötzlich verwandelt auf der Bühne zu sehen. Künstler sind ein Geheimnis, sie gehen weit über das Irdische hinaus, da Kreativität nicht irdisch ist.

Es war wieder Aras Raum mit dem Yamaha-Flügel, an dem kein Klavierstuhl steht, sondern ein Drehstuhl. Es war ein Wunder, dass ich beim Spielen nicht wegrollte. An den Türen sind große Walfischaugen, kreisrunde Fenster, Bullaugen wie auf einem Schiff. Man sagte, man kann an meinem Klavierspiel hören, dass ich Lyrikerin sei, allein an meinen Händen, an meinem Anschlag könne man es sehen. Er hatte sich so gesetzt, dass er meine Hände sehen konnte. Er sagte, im Klang zwischen meinen Fingerkuppen auf den Tasten sei Leidenschaft. Er möge weder das Donnern noch das Säuseln mancher Pianisten. Ich würde das große Bild erkennen, Lyrik mit Rückgrat und Tiefe spielen, glockenhell und auch mit tiefem Bass, er würde selten so eine Energie in Lyrik hören. Er wollte auch meine Nationalität wissen, er dachte vielleicht, ich sei Schwedin und spreche sehr gut Deutsch. Da ich vorher in dem Raum geübt habe einige Stunden am Vormittag, habe ich barfuß Pedal getreten. Anschließend aßen wir in der Kantine des Theaters. Währenddessen läuft auf einem Bildschirm die Bühnenprobe, Durchsagen sind ein normales Hintergrundgeräusch. Es ist schön, wenn Technik und Kunst dicht zusammenfallen — das ist bei Kunst immer der Fall.

Wir sind hörende Wesen

Wenn ich dachte, dass im künstlerischen Bereich viel Konkurrenz sei, da habe ich nicht gewusst, was für ein Konkurrenzdruck im wissenschaftlichen Bereich vorliegt.

Gerade die Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft finde ich spannend, auch zwischen der historischen und der systematischen oder psychologischen Musikwissenschaft von Universität und Musikhochschule.

Bachs Musik ist eine Augenbeute. (AHS)

Es ist schön, Konzerte in meiner nahen Umgebung, in meiner Heimat zu geben: Konzert-Blumen, die ich direkt mitnehmen kann, nach dem Essengehen gleich heimfahren können, nachbestellte CDs abgeben, wenn ich nicht genügend dabei hatte — sehr entspannt.

Allerdings bin ich auch gern Gast in grossen Städten wie Berlin. Übermorgen nach meinem Vormittagskonzert treffe ich den Chef der Stadthalle Bremerhaven. Anschließend bin ich in Stuttgart bei meiner Schwester und besuche Kollegen, schaue mir eine TV Sendung hinter den Kulissen an.

Danach spiele ich Filmmusik mit Schauspielern vom Bayerischen Fernsehen ein. Aber all dies läuft nebenbei, da ich für Wettbewerbe übe und nach einem Jahr meine Magisterarbeit für Musikwissenschaft schreibe. Die Analyse der Werke habe ich meistens in den Fingern, als ob diese mein Mund wären und sprechen könnten. Analyse ist Mund. Hören ist wichtig.

Meine Augenfarbe wechselt je nach Licht und Stimmung.

12. Mai 2009

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Bremen

Bremen ist die Partnerstadt von Riga, daher sieht man in der Stadt auch die Bremer Stadtmusikanten als Denkmal in der Nähe des Schwedischen Tores. Die russisch-orthodoxen Kirchen, die ich das erste Mal in Riga bewusst besuchte, und dies zufällig zu Gottesdienstzeiten, schwimmen in einem starken Weihrauchduft. Die Räume haben eine vollgestopfte kindliche Süßlichkeit, erfüllt von dem entfernten monotonen, unverständlichen Gesang von Priestern, teilweise off tune, wenn andere einsetzen. Wir Menschen sind klein wie Menschenpuppen und des Trostes sehr bedürftig.

Riga-Frankfurt

Meine Zeit ist zuende in Riga, ich fliege heute zurück nach Frankfurt, dann nach Mainz. Gestern besuchten Dace und ich das große ethnographische Open-Air-Museum am Jugla See, ähnlich wie in Litauen in der Nähe von Siauliai, in dem, da Muttertag, stundenlang lettische Tänze in traditionellen Gewändern aufgeführt wurden, Kokle-Spielerinnen zusammenspielten, wir lettisches Bier tranken, mit Prieka! anstießen und Pirags aßen, bevor wir zum internationalen Konzert in der Nähe der Musikschule per Taxibus fuhren. Konzerte und Meisterklassen sind vorbei. Am späten Abend feierten wir noch Abschied. In vier Stunden fliege ich los, wir frühstücken noch zusammen in der Musik-Akademie. Ich liebe das Improvisieren, denke an die Wale, die improvisierende Wesen sind, die ihre Lieder Ton für Ton wiederholen können, obwohl sie 30 Minuten lang improvisiert hatten – die singende Wale, wie liebe ich sie!

Größe 36

Riga, Lettland

Am Abend des Tages war Feuerwerk in Riga, da dies der Erinnerungsabend des Sieges der Russen ist, und in langen Märschen marschierten die Russen teils sehr betrunken und schreiend zum Siegesdenkmal. Das ist schwer für Lettland, zu ertragen. Sie fürchten sich oft und bleiben in ihren Häusern, vor allem die Mädchen und Frauen. Ich finde es schade und traurig, vor allem, weil es so viele ganz junge Russen sind, die durch die Stadt laufen, „Nacija“ schreien, singen und rote Flaggen schwingen. Zuerst dachte ich, sie schreien Vacija, was Deutschland heisst. Manche Letten sagen, sie würden sofort erkennen, ob jemand russisch ist, andere sagen, das sei unmöglich. Aber die russische Sprache ist viel dominanter und härter als Lettisch, und es ist schwer für Lettland zu vergessen, was Russland Lettland angetan hat, und wie groß, nah und gefährlich Russland nach wie vor für sie ist und präsent im eigenen Land, in Lettland. Es ist unsicher, auf nächste Generationen zu warten, die anders sein könnten, wenn so viel Hunger da ist auf jedem Gebiet, vor allem in der Krise. Aber ich sehe auch eine Leidenschaft in den Augen der Letten, eine Wildheit, die ich oft woanders sehr vermisse, dort, wo es immer brav und nach denselben Regeln zugeht, ohne Entscheidendes zu verändern. Auch Zaiga hatte Angst, da dies eine organisierte Feier ist. Als ich nach Hause kam und singend das Treppenhaus hochlief, lief Ilze mir warnend entgegen, eine betrunkene Frau läge im Treppenhaus und schlief. Wir weckten sie, aber sie konnte nichts sprechen und schlief sofort wieder ein.

Heute fand die Improvisations Meisterklasse auch in der Musikakademie statt, da dort die Kokles in einem Extra-Raum stehen. Wir improvisierten diesmal direkt in einer größeren Gruppe mit zwei Kokles, Akkordeon, Klavier, Geige und Gesang — eine solche Kombination habe ich noch nicht erlebt. Mir sind die Tränen gekommen. Warum wird etwas so Wichtiges und Schönes so selten gemacht? Besonders als die Geigerin einsetzte, konnte ich mich kaum beherrschen. Ich habe das Gefühl, ich bin durch eine neue Tür hindurchgegangen. Es ist emotional sehr anstrengend für mich, höre, leite, führe, aber möchte und muss gleichzeitig vor allem anleiten, dass die jungen Musiker vor Ort selbst wissen, wie sie sich führen können.
Wir sprechen viel in meinem Improvisationskurs miteinander, da durch die Musik so viel ausgelöst wird. Ich war erstaunt, die ‚Mutter‘ des Kokles zu sehen: eine Art Holz-Zither, wie eine Gitarre klingend, ein uraltes Instrument, vielleicht das Instrument Davids, ein nationales Instrument, das das Herz der kleinen Nation trägt.

Auch Finnland hat ein ähnliches Instrument, allerdings chromatisch. Kokle selbst wird nun sogar mit Mikrofonen gebaut und mit Klappen, damit es lauter klingt, und ist ein diatonisches Instrument. Natalija spielte uns ihre eigenen Stücke vor, Stücke, wie die Letten von den Russen nach Sibirieren verbannt worden sind, so wie Israel damals nach Babylon verbannt wurde, und wie sie zurückkamen. Auch mich bewegte das sehr, denn auch ich fühle mich manchmal als Künstlerin verbannt und warte auf Leben und Gerechtigkeit. Ich habe erlebt, dass Menschen, die kein Instrument spielen und Zweifler sind, so wunderschön improvisiert haben, dass ich fast weinen musste, denn sie haben eine Offenheit, eine Ehrlichkeit, eine kindliche Art zu suchen, die notwendig ist, um Kreativität ‚zu holen‘. Sie verbannen Scheu und unguten Ehrgeiz. Die Musik rollt irgendwann von allein.

09. Mai 2009

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Agenskalns-Kirche Alt-Riga

Die Improvisations-Meisterklasse in der großen weißen Agenskalns-Kirche am anderen Ende der Stadt und des Flusses war ein Genuss. Ich hatte einen kleinen braunen Flügel, einen Babygrand, und sprach in deutsch und englisch, da viele Amerikanerinnen da waren; Zaiga und Ilze übersetzten ins Lettische. Es war eine junge Russin da, die nur Russisch verstand, so wurde ich von Natalija Munda, einer jungen Komponistin, ins Russische übersetzt. Es ging dadurch alles ein wenig langsam und doch geordnet zu. Ich erzählte darüber, was für mich als Musikerin Kreativität bedeutet, sowohl in der Interpretation klassischer Werke als auch in ganz neuen, eigenen Wegen: in Komposition, Improvisation und Songwriting. Wie lange der Prozess bei mir gedauert hat, mich zu trauen, Neues zu wagen und zu finden, kreativ zu sein außerhalb von Leistungsdenken, Bewertung, Wettbewerben und Konkurrenz, mich zu lösen von der Norm, auch von den festen Rahmen von Musikhochschulen und CD-Einspielungen, wie etwas zu sein, zu klingen hat.

Für mich ist es besonders inspirierend und dringlich, zu jungen Musikern zu sprechen. Sie verstehen mich vielleicht noch einmal in einer ganz anderen Tiefe. Ich sprach auch davon, was für Regeln zu beachten sind, auch in Technik, Harmonien, in der Logik einer Sprache, da Musik Sprache ist, auch dort muss man Grammatik und Verben kennen. Zuerst übten wir, in zwei Harmonien zu bleiben und zu improvisieren.

Die Akkordeonistin improvisierte wunderschön und sang ein eigenes Lied dazu in wehmütigen, doch goldenen, hoffnungsvollen Klängen. Sie erzählte, sie hätte zuerst ein Bild im Kopf gehabt: Eine Prinzessin, die weint, die Tau auf ihrem Gesicht hat. Es kam ein Mann und sagte: Warum bist du so traurig, Prinzessin? Der Tau steht dir nicht. Aber die Sonne steht dir! Weine nicht mehr, die Strahlen der Sonne werden den Tau auf deinem Gesicht trocknen. — Aus diesem Bild entstand eine Melodie, dann der konkrete Text. Ich war überwältigt: es klang so schön in Lettisch.
Ein weiteres Puzzlestueck in meinem Leben wurde eingefügt und berührte meinen Geist.

Ich hätte nie gedacht, dass Akkordeon ein so herrliches Instrument ist und so gut harmoniert mit Klavier. Jedes Instrument ist eine Gabe des Himmels, wenn es gut gespielt wird — jedes Instrument. Liene erzählte mir, dass sie erst mit zehn Jahren begann, und da blieb für sie damals nur das Akkordeon übrig in der Musikschule. Und nun ist es ihr Instrument — ein seltenes. Es ist berührend zu sehen, wie diese zarte, kleine Frau ein so grosses Instrument beherrscht und auf den Knien hält. Da hat sich jemand was besonderes ausgedacht! Es ist nicht leicht, zu seinem eigenen Instrument zu stehen; es ist oft eine Art Hassliebe. Viele Musiker haben insgeheim eine Liebe, eine Sehnsucht zu einem anderen Instrument, zum Beispiel viele Geiger nach dem Klavier; viele Pianisten sehnen sich nach der Geige oder nach der Orgel, ich auch; man braucht zwei Instrumente.
Die Basis für die Improvisation ist natürlich die Stimme. Eine lettische Pianistin sang mit heller, fast schneidend schöner Stimme ein lettisches Lied. Ihre Klänge sind in angenehmer Weise melancholisch. Sie wiederum hatte zuerst die Melodie und dann den Text, allerdings fast gleichzeitig.

08. Mai 2009

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Riga

Zaiga (Zaiga mit weichem s ausgesprochen; im Schwedischen gibt es kein weiches s), Kokle-Spielerin, wird mich heute und morgen auf dem Meisterkurs ins Lettische übersetzen. Mir ihr bin ich gestern durch das nächtliche Riga geschlendert. Leider gibt es keinen lettischen Wein.

Wenn statt Englisch und Schwedisch in meinem Kopf vermischt, mein Gehirn allmählich versteht, was was ist und ich in Schwedisch nun zu denken beginne, freue ich mich. Die lettische und litauische Volksmusik berührt mich sehr. Ich liebe es, neue Klänge zu hören. Volksmusik und Chormusik formen eine Nation.

Maya von Patel schreibt: „Die Seele eines Landes liegt in ihrer Musik. Ein Land, welches seine Musik verkauft, ignoriert oder dem Kommerz preisgibt, verdient es, Coca Cola als Folge zu haben.“

Es macht Spaß, mit Dace Violin-Stücke vom Blatt zu spielen im Herzen von Riga, denn Riga ist so romantisch in sich, an sich, dass auch ein verstimmtes Klavier nicht stört: Wokaliza von Rachmaninov, russische Komponisten. Auf dem Turm der St Petera Baznica stand ich zwischen Schweden und Deutschen und innerlich symbolisch zerrissen. Wie angenehm der schwedische Klang, die Melodie ist — eine Offenbarung, sie zu verstehen. Die Gruppe der Sachsen und Deutschen dagegen klang so hart und konservativ, dass ich abgeschreckt war. Warum sage ich eigentlich nicht, dass ich schwedisch-deutsch bin? Das stimmt genauso. Kommt mein Fernweh vielleicht daher, dass ich eigentlich schwedisch bin und im falschen Land wohne? Eine Sprache macht sich nicht nur durch Worte aus, es sind auch die Schnauber durch die Nase, sogar das Seufzen, dass im Schwedischen so anders und weich klingt. Daher formt eine Sprache das Herz des Menschen, des Landes. Dennoch liebe ich Deutschland und werde es nicht verraten. Da stand ich mit meiner schwedischen Tasche zwischen Russen, Japanern, Amerikanern. Als ich die Kirche verliess, kam mir ein Mann entgegen und murmelte: ah, svenska — als er mich sah.

Ich lief über eine der großen Brücken, die Steinbrücke, die sich über den breiten Daugava Fluss spannt hinter dem Ocupation-Museum, und kam mir vor wie damals New York, auf der Washington Bridge über den Hudson River, nur dass diese Brücke viel niedriger war.

Ich liebe Brücken trotz Höhenangst. Dort, wo Wind und Sonne die Wasseroberfläche berühren und küssen, antwortet sie mit vielen Lippen und Mündern, die sich immer wieder neu formen und Gold auf ihren Rändern zeigen. Eigentlich ist diese Schönheit zu verwirrend, zu viel für einen Menschen: die Antwort des Wassers auf Sonne und Wind — und doch nur sichtbar, wenn ein Mensch genau hinsieht. Es gibt so viel überwältigende Schönheit, die noch nicht wahrgenommen wird.

Rigas Geschichte ist schwer und traurig, denn erst 1991 war Lettland eine freie Nation, also lange nach dem Zweiten Weltkrieg. Zaiga hat als Kind noch erlebt, dass das Ausland Russland war und die Grenzen zu.
Zurück spazierte ich die Freiheitsstrasse am Park entlang, die Brivibas Allee. Wie schön, dass auch Riga eine Freiheitsstatue hat.

Ich kenne mich mittlerweile in dieser Fast-Millionen-Stadt ganz gut alleine aus, zu Fuß und mit Tram. Und wenn ich einmal alleine bin, dann rufen sich Zaiga und Ilze gegenseitig an, ob ich wann und wo und wie gut angekommen bin. Ein Lit ist mehr wert als ein Euro, und 3.50 Lit sind schon über 5 Euro, während es in Litauen genau anders herum ist, 3.50 Lat sind erst ein Euro — wenn man zwischen diesen Ländern hin und her pendelt, darf man da nicht durcheinander kommen, da die Dinge, die man für umgerechnet 5 oder 1 Euro kaufen kann, oft auch noch gleich sein können.

Die meisten Balten haben untereinander kaum etwas miteinander zu tun. Unser Lieblingsplatz ist ein kleines zweistöckiges Teehaus mit großen Glasfenstern in der Nähe der Akademie und der Oper am Vermanis Park. Man trinkt im Liegen auf dicken Kissen seinen Tee, isst Schokolade mit Honig und schläft fast ein oder sieht auf den Kanal von Riga und die kleinen Boote. Der Strand von Jurmala ist einsam und wundervoll, die Stadt selbst ein kleiner Kurort, das „russische Paradies“ mit sehr wertvollen Häusern und Autos von reichen Russen, das schockierende Gegenteil vom Zugbahnhof in Riga, auf dem ich viele Arme, Resignierte und Betrunkene gesehen habe; in den Zügen, in die man hineinklettern muss, verkaufen sie in langen russischen Litaneien Zeitungen, Eis, Blumen. Bevor ich verstand, dass die Quittung mein Zugticket war, hatte ich beinahe mein „Ticket“ weggeworfen. Wir fuhren über den großen Daugava, der viel größer noch ist als der Rhein, und den Lielupe (Großer Fluß), der direkt ins Meer fließt. Als Zaiga und ich in Jurmala ankamen, trafen wir auch auf einen menschenleeren Strand, da die Saison erst im Juni beginnt. Es war sonnig und windig, Bernstein wird wohl in Massen an den Strand gespült laut den Geschäften. Es tut mir gut, schweigend auf das Meer und in den Himmel zu sehen und das Rauschen der Wellen zu hören. Ich mag das Beängstigende, Gezähmte des wilden Meeres, als hätte Gott es nur angestupst und nun rollt es von alleine. Immer noch spüre ich dumpfes Fernweh, wenn ich in der Ferne Schiffe sehe, noch dazu, wenn ich weiß, dass hinter dem Horizont Skandinavien liegt.