„In der Musikerausbildung gewöhnt man sich daran, für nichts als Ruhm und Ehre aufzutreten. Auf das Umdenken nach dem Studium – also sich des Wertes für Veranstalter, Publikum, Gesellschaft bewusst zu werden und sich richtig zu verkaufen – bereitet dich niemand vor. Und das bei viel Konkurrenz und recht verschlafenen Entscheidern bei Labels und Konzerthäusern.“
Schönes Zitat:
„Ich habe niemanden gezwungen, dass er das Neue Testament lese, das ich übersetzte, und es ist niemandem verboten, es besser zu machen. Wer es nicht lesen will, der lasse es liegen.“
Es war sehr schön, eine der ältesten Orgeln Sachsens kennenzulernen (eine Woche zuvor die älteste Baden-Württembergs) und zu spielen, die Richter-Orgel, Renaissance-Orgel mit einem Manual, kurzer Oktave, von Engeln und Notentafeln umgeben und geschmückt in der Wehrkiche Pomßen, ca 30 km entfernt von Leipzig. Auch die Sauer-Orgel in der Michaeliskirche in Leipzig hat mich mit ihrem Klang sehr beeindruckt, die „kleine Schwester“ der großen Sauer-Orgel der Thomaskirche, perfekt für Schumann, Reger… Auch die Orgeln der Musikhochschule, besonders der französischen kleinen aus dem Kammermusik-Saal. Die Kurse mit Cea Galan (spanische Orgelmusik), Fairs und Jacobs waren sehr interessant mit Messiaen, Durufle, Bach, Correa etc,, und die Konzerte. Ich bin immer noch sehr verliebt in Bach, der den Choral als Eckstein seiner Musik ausgewählt hat. Bach-Schemelli und die Choräle zu hören (zum Beispiel live oder auf Schallplatte), auch die Texte, sind für mich Gottesdienst, viel mehr als irgendwo sitzen und sich politische Predigten anzuhören.
Auch die enorme Ladegastorgel im Merseburger Dom hat mich sehr begeistert. Merseburg ist eine der ältesten Städte der Welt, und diese Kirche ist sehr kostbar mit ihren Schätzen, Schriftstücken, 900 Jahre alten Türmen, der Bibel, ihrer Geschichte, der Saale und den Figuren und Kunstwerken mit ihren bewegenden Gesichtsausdrücken.
Die Texte, die Bach vertont hat, sind wie Medizin, vor allem, wenn man Ermutigung braucht:
„Sprecht Gottes Taten aus mit neu erweckten Zungen.“
„Dass wir lieben für und für.“
Bach vermittelt so viel Erkenntnis und Weisheit. Dass zwischen Sterben und Verderben ein großer Unterschied ist.
Mit offenem Verdeck nach Hause gefahren. Sonnenbrand. Obwohl ich zwei Wochen nicht zuhause war, blühten meine Pflanzen.
Nun bin ich schon seit über einer Woche in der Landesakademie in Ochsenhausen in Oberschwaben mit ISAM-Masterclasses Komposition und Orgel. Es macht sehr viel Spaß. Gestern Abend habe ich den Pianistin Grigory Sokolov mit Beethoven und Brahms gehört; an diesem Steinway im Bibliothekssaal spielte ich auch meine Komposition Snö (Schnee). Jeden Tag lernen wir andere Orgeln kennen. Am schönsten ist natürlich die Gabler-Orgel hier in St. Georg mit vier Manualen, aber auch die Barockorgel Holzhey in St. Verena in Rot an der Rot ist wunderschön (drei Manuale). Geübt habe ich aber auch in Heilig Geist und Dreifaltigkeit Biberach, in Ringschnait, an der schönen Sandtner-Orgel in der erstaunlichen Klosterkirche Gutenzell und in Hürbel, auch in Schloss Zell mit der schönen, alten, schwarzen Chor-Orgel, umarmt von Engeln. Jede Orgel ist ganz anders und sehr interessant, jede hat eine andere Windversorgung, einen anderen Touch, andere Klänge. Besonders gern mag ich hier an der Gabler-Orgel im Kloster die Vox Humana (im dritten Manual) im Tenor zusammen mit dem Tremulanten. Muffat, Knecht, Klassik, italienische, spanische, süddeutsche und norddeutsche Musik und auch Bach klingen hier sehr schön. Auch Improvisation und Contemporary Classical Music. Man ist sehr inspiriert von den vielen Kunstwerken an den Decken und Seiten, dazu Skulpturen, Schnörkel und Engel (teilweise in Rosa). Es ist viel zu tun, so dass wir kaum Zeit haben, die schöne Gegend mit Wiesen und Wäldern zu erkunden. Jedoch habe ich schon Rehe und Hirsche gesehen. Und Pferde.
Auch Komposition ist sehr spannend. Wir haben jeden Tag Unterricht, dazu Gruppenunterricht und Überzeiten. Da ich zwei Klassen managen muss, schlafe ich kaum, da ich ja komponiere jeden Tag. Dazu kommen noch viele Abend-Konzerte und Matineen und Gottesdienste, die alle spannend sind, eines davon im Ulmer Münster und Kunsthalle Weishaupt.
In Komposition habe ich sehr viel über die Instrumentierung von Percussion, Body Percussion und die vielen Klänge der Querflöte gelernt (Romantic Flute, Traverso, Modern Flute, Alto, Piccolo…) mit Flutter Tongue, Jet etc. Sehr spannend, große Scores zu schreiben.
Ansonsten ist es hier sehr international, was schön und lehrreich ist: Iran, Indien, USA, Türkei, Serbien, Kolumbien, Ukraine, Russland… So viele verschiedene Rhythmen! Ich finde, die Scores sagen bereits viel über jemanden aus. Ich schreibe oft am liebsten handschriftlich. Die Männer hier schreiben mit Note Performer Sibelius.
Jedoch gehen die Frauen immer noch massivst unter. Es wundert mich: In Schule und Studium sind Frauen meist die Besten und werden dann im „richtigen Leben“ von Männern beiseite gedrängt. Und niemand sagt etwas. Es ist „ganz normale“ Diskriminierung und im Grunde viel eingefleischter und schlimmer (da subtil) als die Diskriminierung zwischen Schwarz und Weiß. Ob ich dagegen kämpfen kann? Es wirkt wie ein riesiger Berg. Zudem: Die Frauenrolle in der Männerwelt haben Homosexuelle übernommen.
Kinden-Orgel in St. Michael Sagard – wunderschöne Orgel! Mit einer Trompete im Oberwerk – und Vorsicht, drei Sperrventile! Ich wohne in Sassnitz direkt am Meer und habe eine Traumaussicht auf den Hafen und die Ostsee, auf die Kutter und Boote und Segler. Das Konzert gestern Abend war sehr schön. Und bald spiele ich in Sassnitz. Es ist doch kaum zu fassen, dass Johann Sebastian Bach im Grunde den Ton h erfunden hat. Das war seine Erfindung, sein Ding. Und dass die Orgel im Grunde den Stereo-Sound erfunden hat. Ach, ich würde Bach so gern einmal fest umarmen. Für alles, was er geleistet hat. Die ICE-Fahrt von Regensburg nach Rügen war eine ziemliche Odyssee. Aber wenigstens hatte ich in den übervollen Ersatz-Zügen immer einen Platz. Ich saß mit im Kleinkind-Abteil, und die Kleinen haben mit mir geflirtet. Während ich schreibe, singen die Möwen. Dies Tag und Nacht. Manchmal wache ich davon auf. Dazu roter Vollmond gestern Abend. Die Seeluft macht angenehm müde. Eine Möwe hat mich auch schon an der Tür besucht.
Bei manchen Menschen habe ich das Gefühl, deren Gesichter sind seelenverwandt mit meinem.
Heute Klavierabend in Regensburg, dann von dort nach Rügen, Orgelkonzerte. Rügen und Hiddensee erinnern mich an die Fischerdörfer in Norwegen. Ich liebe das Meer.
Eine träge Fliege balancierte auf meinen Tasten herum, während ich übte. Habe ich sie träge gespielt oder war sie ein hartnäckiger Fan?
Ich freue mich auf meine Konzertlesungen in Leer. Ich spielte bereits in Aurich, Rysum und der Gegend, Emden, Juist, Langeoog und Norderney. Borkum habe ich besucht. Vielleicht diesmal Baltrum?
Süditalien vermisse ich nun, das große Meer in allen Blautönen, das gezähmt und mit salziger weißer Salzrüsche als Dekoration sanft für uns an den Strand läuft, damit die kleinen Menschen mit ihren Babies im Wasser planschen können – und doch auf offener See wild und stark ist; Schönheit und Schrecklichkeit; die Felsen und den Sonnenuntergang, den Palmen- und Kakteen-Garten der Santuario di Santa Maria dell’Isola di Tropea. Dort liefen große Hasen und Kaninchen herum in allen Farben, miteinander schmusend, in Formen und Farben, die ich noch nie so gesehen habe, Kreuzungen zwischen Meerschweinchen und Kaninchen und zahm, ließen sich streicheln und fraßen Blätter vor meiner Nase. Die Aussicht dort ist unbeschreiblich, auch die Aussicht von der hohen Stadt Tropea selbst hinunter in die Bucht. Und die schöne Castello die Murat in Pizzo und Piedigrotta.
Das Eis und das Sorbet ist himmlisch in Tropea und Pizzo Vibo, besonders das Mandel- Zitronen- und Orangensorbet. Aber auch Fisch, Meeresfrüchte und Muscheln direkt frisch aus dem Ionischen Meer und der Tyrrhenischen Küste. Leider reagiere ich auf zu starke Sonne oft mit Sonnenallergie (rote Punkte) seit Australien.
Aber am schönsten ist es, im Mittelmeer zu baden, wenn die Sonne untergeht und frau ganz allein ist. Das Wasser ist rotorange und türkis und golden und silber, leise und mysteriös, während die Planeten sich drehen und der Himmel rot ist, bevor er schwarz wird. Noch nie war mir das Universum so bewusst wie dann. Als würde das Meer direkt aus dem Universum kommen wie die Sonne und der Mond.
Das Konzert in Curinga war sehr schön. Eine sehr spannende Tamburelli-Orgel von ca. 1845, Rotelli-Orgel in der Terme Romane Curinga (Römische Bäder von Curinga). Die italienischen Prinzipale (vor allem kombiniert mit Flöte) sind sehr weich und warm. Die Pronesti-Orgeln (Betonung auf dem i) von Salvatore Pronesti gefallen mir sehr, auch die historischen Orgeln von Rotelli, alle italienischen Napoli-Orgeln.
Zum ersten Mal spielte auf dieser italienischen historischen Orgel jemand Bach Goldberg-Variationen. Natürlich spielen die Italiener Bach anders, romantischer. Dennoch war alles sehr schön. Ich spielte zudem Muffat, Pachelbel, Frescobaldi, eigene Kompositionen, Sweelinck. Ich, meinen geliebten Steinway zuhause, spürte die Knie hart an dieser alten grünen Orgel, fiel fast rückwärts in die Tiefe, da die schwere Bank am Abgrund stand, welche Prinzipale und Lebensgefahr.
In Italien war ich nun schon so ziemlich überall (genau wie in den USA und Europa, besonders Schweiz, Österreich, Skandinavien, Deutschland, Osteuropa): In der Mitte (Toskana, Rom, Neapel in Kampanien, Cesenatico, mein Kindheitsurlaubsort, weiter runter nach Venedig und Venetien, auf der Insel Sardinien bei Korsika) und im Norden, Milano, Florenz, Bozen… Natürlich war ich auch schon in Südtirol, am Gardasee, an der Adria. Nun auch in Kalabrien, Sizilien (nur die Meerenge nach Messina, der schmutzigen Großstadt) im Süden, fast bei Afrika, „an der Spitze des Schuhs“ :). Süditalien liebe ich sehr: Berge, Meer, Serpentinen, Farben, der chaotische, wilde Verkehr.
Gern möchte ich noch die Gegenden Molise, Latium, Umbrien und Abruzzen mehr kennenlernen. Und im Vatikan war ich auch noch nie. Hier habe ich aber viel Schlimmes gehört: Frauenfeindlichkeit, homosexuelle „Elite“, Parties mit „Boys“ etc. Was sagt nur der Papst dazu? Es geht wohl viel um Macht und Geld. Beispielsweise kann man dort für 15.000 € eine Ehe annullieren lassen, wie mir jemand aus eigener Erfahrung berichtete. Unfassbar. In Italien gibt es wohl auch in der Orgelwelt eine starke frauenfeindliche, homosexuelle „Orgel-Elite“.
Mir hat in Pizzo in Calabria die Piedigrotta besonders gut gefallen mit ihren Steinfiguren und sanften, lokalen und geheimen Buchten mit klarem Wasser. Auch dass in den Gärten in Öfen und Grills, die wie kleine Häuschen aussehen, Pizza selbst gemacht wird, so lecker, ich habe einige Ann-Helena Calabrese selbst kreiert mit Mozzarella, Oliven, den frischen Pfefferschoten (dem roten Symbol von Kalabrien), Basilikum, italienischer, scharfer Wurst und roten Zwiebeln in allen Größen. Dazu frische selbst frittierte Zwiebelburger und Zwiebelfritten, Salat, Eierkuchen, Wein und Prosecco – in der Orgel-Factuary Salvatore Pronesti.