Die Altstadt von Fürth ist urig, vor allem im Schnee. Ich bin erstaunt, wie sehr sich Fürth gemausert hat, vor allem für mich als Nürnberger Kind. Früher war Fürth für uns nur ein kleiner Vorort von Nürnberg gewesen, aber eigentlich ist Fürth fast so groß wie Würzburg. Es war seltsam und schön, in einer verrauchten Kneipe Beethoven und Worship zu spielen und von seinem Leben zu erzählen. Es kamen immer mehr Leute dazu, vor allem, als das Stage Piano bei Chopin beinahe umfiel. Zuerst hatte ich Probleme mit dem Pedal: es funktionierte genau umgekehrt und beruhigte sich erst, als ich erst einmal den Stecker zog. Es kamen viele interessante Fragen. Aber es ist anstrengend für mich, aus meinem Leben zu erzählen, es sind für mich noch so viele Fragen offen.
Auch die Chefin der Kaffeebohne kam dazu, sie hatte an dem Tag Geburtstag. Die evangelische Allianz oder überhaupt die evangelische Landeskirche ist sehr aktiv in Fürth in Zusammenarbeit mit den Freikirchen und sogar der katholischen Kirche, ich bin begeistert, wie fit alle sind, vor allem die Frauen. Sie haben Kontakte zu den Kneipenbesitzern und möchten 20.000 Jugendliche erreichen: so viele Jugendliche sind in ganz Fürth. Jeden Monat kommen nun Redner in die verschiedensten Kneipen, zum Beispiel in den Blauen Affen im März, da spricht der Oberbürgermeister und dann ein Polizeichef über junge Menschen in Verantwortung.
Diese Woche habe ich nun noch einige Konzerte und muss vor-unterrichten, da ich nächste Woche in Schweden spiele.
Es hat geklappt an meinem letzten Tag in Schweden 2009, wir konnten nach Jönköping fahren, um meine Verwandten zu besuchen. Es schneite nicht mehr in der Nacht. Wir fuhren an den weiten Golfplätzen, dem kleinen Omberg und Skihügeln vorbei von Östergötland nach Småland, an Gränna vorbei, wo es die leckeren, zähnezerbrechenden rot-weißen, süßen Lutschstangen namens Polkagris (eigentlich ‚Polkaschweinchen‘) gibt. Als der Vätternsee nach der winzigen Insel Visingsö schmaler wurde Richtung Jonköping/ Huskvarna, konnte ich auf die andere Seite sehen, nach Västergötland. Wir fuhren an den Ruinen vorbei, am Brahehus. Nun bin ich wieder zuhause nach einem langen Reisetag. Es regnet hier in Strömen, ich vermisse die weiße Schneewelt, es war so schön, weiße Weihnachten. In Umeå soll es nun bei Hanna minus 28 Grad sein.
Dagegen ist es warm in Deutschland. Wir fuhren also am Montag gegen 8 Uhr nach Linköping, an Gamla Linköping vorbei, tranken Kaffee in dieser schönen kleinen Großstadt, die trotz der identischen Einwohnerzahl mit Würzburg tatsächlich eine Großstadt ist, nicht nur in schwedischer Hinsicht (die fünfgrößte Stadt Schwedens), denn es kommt auf Stil und nicht nur auf Größe an. Schweden ist ja nun größer als Deutschland und hat tatsächlich nur knapp 9 Millionen Einwohner, während Deutschland über 80 Millionen Menschen beherbergt. Daher sind das Zugnetz und die Verbindungen zwischen den schwedischen Orten nicht so gut und schnell. Filme werden nicht synchronisiert, aber dadurch sprechen viele Schweden sehr gut Englisch und Deutsch.
Schweden erinnert mich sehr an Amerika. Es sind ja auch viele Schweden Anfang des Jahrhunderts nach USA ausgewandert, als Schweden arm war, haben diesen Stil geprägt, der jetzt nun überall in den USA zu finden ist — und dies finde ich auch in Schweden: diese Weite und den Stil der Villen und die Freiheit der Kleiderwahl und den lockeren, künstlerischen Kleiderstil und die Shopping Malls und die Inneneinrichtungen, all das ist wie in Amerika. Sehr gefällt mir das Geschäft Åhléns, und es ist lustig, Lidl und Media Markt in Schweden zu finden. H&M wird ‚HoEm‘ gesprochen, da das schwedische H Ho im Alphabet heisst, und das ‚und‘ wird nicht gesprochen, also ‚Ho-Em‘. Der weiße, schwedische Regionalzug fuhr Richtung Uppsala und Gävle an Norrköping und Nyköping und Södertälje vorbei nach Stockholm Arlanda, und mein Gepäck mit den Weihnachtsgeschenken und meinen Einkäufen beim schwedischen REA (= Sale) türmte sich im übervollen Zug bis zur Decke.
In Jönköping besuchte ich einen Teil meiner schwedischen Verwandtschaft, meinen Onkel, meine Tante, meine Cousinen. Man spürt sofort in der Luft, wenn man verwandt ist, und mein Onkel ist ein so attraktiver Mann. Am schönsten aber war es, meine Cousinen wiederzusehen. Sie und Tante Mia wohnen schön, oben am Berg, und haben eine tolle Aussicht über Jonköping und Huskvarna und den Vättern, den großen See. Auch das Haus meiner verstorbenen Oma in der Lundgatan sah ich, es steht zum Verkauf. Als ich klein war, kam mir das alles so riesig vor. Es war sehr emotional alles für mich, ich musste das erst verarbeiten. Alle waren zuhause, alles war wie geplant, und wir fanden die Adressen leicht. Aber meinen Cousin Konrad habe ich nicht gesehen, auch Tante Elisabeth nicht, da haben wir noch nicht geforscht. Im Sommer muss alles ganz anders aussehen, ich freue mich darauf. Ich habe einen katholischen Gottesdienst in Schweden besucht, da die Freikirchen am Sonntag nach Weihnachten nicht auf hatten. Allmählich höre ich die unterschiedlichen schwedische Dialekte heraus. Hätte ich kein Schwedisch gelernt, hätte ich mit meinen Verwandten gar nicht sprechen können.
Sie waren ganz erstaunt, wie gut ich spreche. In Motala habe ich Avatar gesehen, mein erstes Kino in Schweden, ein wirklich schöner Film, ich musste weinen. Ich sehe immer das Evangelium, egal, was ich sehe. Der Busfahrer war aus Bulgarien und erzählte mir von seiner Zeit, 13 Jahre nun, als Ausländer im Schweden. Er mochte mich und schenkte mir tur och retur die Busfahrkarte. Würde so etwas in Deutschland passieren? Als Hanna und ich mit dem Bus das erste Mal durch Östergotland fuhren mit den Östgotatrafiken, schneite es so sehr, dass der Busfahrer immer wieder anhielt und das Eis von den Scheibenwischern wegschlagen musste. Ich bewunderte seine Geduld. Insgesamt lag an vielen Stellen über einen Meter Schnee. Ich hätte drin baden können.
Kulturchock
När jag studerade på Arizona State University i Phoenix, var min första tid mer ‚romantisk‘, äventyrlig och likt ett paradis som europeisk pianist. Först efter ett halvt år förändrades mina tankar så, att jag lät landet USA och den annorlunda, främmande kontinenten med kraft störta in på mig. Jag skulle vilja säga att först efter ett halvår har ett land riktigt kommit dig in på livet. För första gången retade jag mig på människornas uppförande, jag var nästan allergisk mot språket och ville hem. Det är inte bara det främmande språket som utlöser kulturchocken, utan också tankarna bakom kulturen och bakom varje språk som förvirrar när man är utomlands. Att tänka kan vara mycket annorlunda och mäktigt eftersom det präglar humor, emotioner och därmed ett lands mentalitet. Kommunikation, känslor och en nations värden och inställningar, allt detta utgör tankarna bakom ett språk. Att lära sig ett språk betyder för mig också att känna ett språk. Det tyska språket är mycket säreget och speciellt. Det är inte lätt att ta avsked från det lite grand och dyka in i en ny kultur. Det var en speciell chock för mig också eftersom jag lämnade min kontinent Europa och flyttade till kontinenten Amerika. När jag flyttade tillbaka igen till Tyskland efter två år, hade jag en kris med mitt eget land och var chockad för första gången av Tyskland, eftersom den tyska mentaliteten som tycks vara rå och kall ibland hade hunnit ikapp mig. Du får ett nytt intryck av ditt eget land och egen kontinent efter att du har bott några år någon annanstans. Att bo någon annanstans öppnar din horisont. Det är viktig för din egen språkkänsla, för ditt modersmål, att lära dig nya främmande språk och lära känna nya kulturer.
Leider hat es heute so sehr geschneit, dass wir nicht nach Jönköping fahren konnten. Auch gestern fuhren wir nicht nach Mantorp, da es einfach zu gefährlich war wegen den Schneemassen. Am Montag geht mein Flug zurueck, Göran und Christina fahren mich nach Linköping, und von dort geht der Zug nach Stockholm Arlanda Flughafen. Ich komme etwas zu frueh an. Ich hoffe, dass wir morgen nach Jonköping fahren können, da es mein letzter Tag ist, ich hoffe, dass es nicht mehr schneien wird und die Strassen bis nach Mjölby befahrbar sind. Göran fuhr hinter dem Schneepflug her, und doch war es kaum möglich, zu fahren, nach den Feiertagen kommt die Stadt kaum dazu, den Schnee zu räumen, es werden sogar die Bauern gefragt, zu helfen. Ich habe zuerst den Nachnamen meiner Vorfahren mit Elmgren verwechselt, weil so mein Ururgrossvater hiess, der die Buecher geschrieben hat, aber meine Oma hiess dann Lindblad; die Frau am Telefon half uns sehr, eine Dame der Skattverket oder der Folkbokförring, es hat aber 20 Minuten gedauert.
Ein freundlicher Mann in dem Antiquariat hier in Vadstena versprach, nach weiteren Buechern meines Urgrossvaters Clas Elmgren zu suchen, der ein Missionar in Schweden und ein Prediger war in der evangelischen Kirche in Jönköping. Ich finde es spannend, danach zu suchen und dabei ein schwedisches Gespräch zu fuehren. Heute spielte ich wieder in einer befreundeten Familie Klavier, es war ein seltsames, verstimmtes Klavier, eines, das fast nur aus Tastatur bestand; es lag ein schlafendes Baby daneben, das während der ganzen Goldberg-Variationen nicht aufwachte, aber aufwachte, als ich aufhörte zu spielen. Die Eltern konnten nicht fassen, dass das Baby nicht aufwachte, da es sonst bei jeder Radiomusik sofort aufwacht, und es hatte schon eine Stunde geschlafen. Aber gerade die Goldberg-Variationen sind zur ‚Gemuetsergötzung‘ geschrieben worden, auch fuer Laien, und es ist fuer mich eine Ehre, wenn Menschen dabei einschlafen zum Beispiel, also in einen friedlichen, angenehmen Schlaf fallen, dazu ist das Stueck auch gedacht.
Meine Freunde zeigten mir ganz Vadstena, sie kennen fast jeden Menschen dort. Sie zeigten mir das Kloster Vadstena, die Einkaufsstraße, das Schloss von Gustav Vasa, das Archiv, das Antiquariat, ihr Kontur (Büro) in der Stadt, wir besuchten einen schwedischen Männerchor, den Cantuskören — und ein schwedisches Weihnachtsmusical. Trotz allem kam ich ein bisschen zur Ruhe. Die beiden Filme Flickan som lekte med elden und Män som hatar kvinnor habe ich auf schwedisch gesehen und konnte nicht mehr einschlafen.
Das Julklappspel war sehr lustig, auch die schwedischen und englischen Original-Krimis im Fernsehen, wir tranken Wein und Julmust und Skogs Glögg und Milch mit O`Boy und aßen Köttbullar mit Kryddpeppar und Gräddsås, Janssons Frestelse und Sockerkakan med Safran und dem typischen schwedischen Vaniljsocker. Auch Niklas, der Freund von Hannas Schwester Maria, fragte mich, ob ich an Gott glaube, einfach so. Wir aßen Havregrynsgröt, also heiße Haferflocken, gekocht mit Wasser, mit schwedischer Milch, und Filmjölk (Buttermilch mit etwas saurer Milch). Filmjölk ist in jedem Haushalt. Niklas legte sich snus unter die Oberlippe, das ist typisch schwedisch, aber verboten in Deutschland. Die snusdosen liegen im Kühlschrank und sind pro Portion 6x so stark wie eine Zigarette. Viele sind davon abhängig. Ich wollte es unbedingt probieren, aber das Zeug, wohl zurecht gedreht von Niklas, war so scharf in meinem Mund, das ich dachte, ich müsste mich übergeben, ich spuckte es sofort wieder aus, während Niklas lachte. Ihm tat es sicher leid um das schöne snus. Ich hatte noch Stunden später diesen bitteren Geschmack im Mund, der mir alles wegätzen wollte. Niklas hatte jede Stunde neuen snus in seinem Mund.
Ich bin nun in Vadstena, in Östergötland, am gefrorenen Vätternsee. Es schneit noch immer dicke Flocken, aber die Schweden fahren sehr sicher, kein Problem, auf Eis und Schnee zu fahren. Der Kaffee ist so stark hier, dass ich ihn nicht trinken kann, er ist wie Gift, selbst mit Milch und Zucker. Die Julklappar heissen deswegen so, weil Tomte vor langer Zeit geklopft und die Geschenke dann hineingeschmissen haben soll, deswegen heissen die Geschenke nicht Presenter. Jultomte, der schwedische Weihnachtsmann, kam wahrscheinlich von dem schwedischen Troll, oder von dem lieben schwedischen Vätte, den Jenny Nyström eines Tages mit roten Kleidern gemalt haben soll. Santa Claus oder Nikolaus oder Weihnachtsmann…. Morgen werden wir nach Jönköping fahren. Dorther kommen meine schwedischen Wurzeln. Ich bin gespannt, ob wir das ehemalige Haus meiner Oma finden werden. Vielleicht treffen wir meinen Onkel Otto und meine beiden Cousinen. Mein anderer schwedischer Onkel wohnt in Litauen mit meinem Cousin. Jönköping ist ungefähr 2 Stunden entfernt und liegt schon in Småland, dem vielleicht beruehmtesten Teil Schwedens. Vor ungefähr 2 Monaten war ich in Skåne gewesen mit der Uni Würzburg.
In den beiden unteren Teilen Schwedens, Götaland und Svealand, war ich schon, aber noch nie so richtig in Lappland oder in Norrland allgemein, also dem wunderschönen Norden Schwedens. Umeå ist die Partnerstadt Wuerzburgs, dies sei eine sehr moderne, radikale Stadt im Vergleich zum kleinen konservativen Wuerzburg, obwohl Umeå nur 80 000 Einwohner hat. Kein Wunder, dass es fuer Hanna und die anderen schwedischen Erasmus-Studenten und schwedischen Germanisten ein ‚Schock‘ war in Wuerzburg. Ich habe einige gute Gespräche gefuehrt mit meinen neuen Freunden hier, an zwei erinnere ich mich besonders, einmal in einem kleinen Coffeehaus in Stockholm, kurz bevor wir nach Norrköping fuhren mit dem Zug, und eines nachts am Fluss von Norrköping, dem Mutala Ström, der von Mutala nach Norrköping fliesst. Die meisten wollen genau wissen, wie mein Erlebnisse waren und denken darueber nach. Ich spuere dann, dass sich die Atmosphäre ändert. Manchmal aber werden Gespräche auch schwer und nehmen eine wilde Wendung. Obwohl ich meist nur einen Bruchteil sage und so vorsichtig ich kann, passiert es doch, dass Menschen im Innersten getroffen sind, vor allem dann, wenn ich ueber mich berichte und dem, was ich gelernt habe. Sie weinen dann manchmal, und ich muss sie umarmen und beruhigen und kann vieles Gefuehl nachvollziehen. Ich habe dabei vor allem ein Herz fuer Kuenstlerinnen und Kämpferinnen, aber auch fuer Kuenstler und Kämpfer.
Der Mutala Ström in Norrköping ist wunderschön gelegen und war von schneebedeckten Bäumen und schweren, vereisten Ästen umgeben; er floss halb erfroren langsam dahin, in den Weihnachtslichtern der Stadt, etwas kleiner als Wuerzburg, badend, mit schwarzen Enten hier und da, und der Weg in tiefem Schnee fuehrte an Lauben und Ausruheplätzen vorbei. Der grosse Göta Kanal fliesst ausserhalb nach Göteborg. Man kann segeln von Stockholm nach Göteborg wegen dem von Baltzar von Platen gegrabenen Kanal und kreuzt den zweitgrössten See, den Vättern, eventuell auch den grössten, den Vänern. In Göteborg war ich noch nie. In Norrköping liegen Teile der Universität von Linköping. Wir besuchten das Arbeitsmuseum von Norrköping; es war sehr interessant zu sehen, wie sich Schweden aus Zeiten der Armut der 30er Jahre zu solch einem schönen Land entwickelt hat. Vor allem die Entwicklung der Frau, ihre Leistungen und Erfindungen wurden gewuerdigt und gelobt. Das tut mir gut. Ich leide noch immer mit der Geschichte der Frau auf dieser Welt. Ein Teil des Museums zeigte auch Fotographie in Suedafrika. Kunst macht Augen. In der Bibliothek des Arbeitsmuseums gab es ein braunes Klavier ohne Namen, auf dem ich spielte. Leute kamen aus ihren Zimmern, setzten sich, sassen am Boden und lasen und hörten zu. Ich habe fuer Schweden gespielt. Hanna sagte, sie findet es schön: Wo immer wir hinkommen, wir finden ein Klavier. Sie ist eine Kuenstlerin aus der Kunstschule, sie schneidet Bilder und schreibt und illustriert Kinderbuecher. Dann kam mein erstes schwedisches Gedicht: Så vackert är Sverige.
Nun bin ich schon ueber eine Woche im tiefverschneiten Schweden. Das Wetter ist mild und trocken. Sogar die Sonne scheint manchmal. Ich verstehe immer besser. Schwedisch kommt mir als Sprache und auch in meinem Gehirn vor, als wuerde Deutsch und Englisch miteinander gemischt worden sein in einem Mixer — und heraus kommt Schwedisch. Ich weiss noch, dass sich manche Deutsche frueher ueber mein Sing Sang Deutsch lustig gemacht haben, aber das Sing Sang kommt von meinem Gehör, in dem das Schwedisch meiner Mutter sitzt, deswegen habe ich als fränkisches Kind in Sueddeutschlnad, in Bayern, kein Fränkisches gesprochen. Im Vergleich ist Schwedisch eine sehr singende Sprache. Das war so auffällig, dass alle dachten, ich käme aus dem Norden. Kann man eine schwedische Fränkin sein?
Die beruehmte Klosterkirche in Vadstena hatte einen alten schwarzen Fluegel, auf dem ich spielte. Vor mir stand der grosse Tannenbaum, der geschmueckte Weihnachtsbaum. In Schweden gibt es hauptsächlich Glitter, was ich schöner finde als Lametta. Ich spielte Bach, und durch die hohe Akustik des Klosters der Heiligen Birgitta zogen die Klänge.
Als wir im Zug gesessen waren nach Frankfurt, habe ich einen alten Mann bettelnd gesehen, wie er durch den Zuggang ging. Seine Nase war kaputt, seine Augen rot, er hinkte. Er tat mir so furchtbar leid, dass ich dachte, mir dreht sich der Magen um. Ich nahm Geld und lief ihm hinterher. Seine Unsicherheit konnte ich körperlich fuehlen. Ich gab ihm das Geld in seine grosse, steife Hand. Dann ging ich auf die Toilette und weinte. Ich war unglaublich versucht, ihm mein komplettes Reisegeld zu geben. Warum habe ich es nicht getan? Ich war betäubt von mir selbst und hatte nur den Wunsch, ihn zu umarmen. Es war aber eigentlich nicht das Geld oder Nichtgeld, was mich bewegte, sondern ich dachte, dieser Mann könnte ich sein. Denn Elend ist meist innerlich.
Mir liegen vor allem die Künstlerinnen im Netzwerk am Herzen… das leider hauptsächlich wirtschaftlich geprägt ist: Männer aus dem Business-Bereich (in Anzug und Krawatte) — sehr wenig Frauen. Der Bereich Musik/Kunst/Theater hatte bei 170 LOIs gerade mal 6 Leute, da stand mein Herz schon in Flammen, dabei ist der Bereich so wichtig und ohnehin schon stark zusammengefasst. Ich merke, dass Wirtschaft und Kunst mehr zusammenarbeiten müssen und sich gegenseitig sehr befruchten könnten. Der LOI-Tag von xpand in Stuttgart in der Geno-Akademie war intensiv. Die Redner und Referenten (meist Männer) aus ganz Deutschland zeigen viel Erfahrung in Leitung, Berufungsfragen, Lebenswerken, Lebensträume und Führung.
Diesbezüglich habe ich viele gute Gespräche geführt und neue Gedanken gehabt. Ohne Ermutigung ist ein weiches Herz nicht möglich, und gerade das braucht Musik. Es ist schön, andere Frauen zu sprechen, die ebenfalls interessiert sind, ihre Gaben zu zeigen und nicht zu verstecken, dabei ehrlich zu sein ohne Angst. Manchmal spricht man sich gegenseitig aus dem Herzen. Eine junge Frau erzählte mir, sie würde gerne einmal ein Seminar besuchen mit dem Titel: How to read the Bible without getting aggressive. Dennoch war es gerade sie, die sagte, sie würde spüren, ich hätte eine ganz besondere Liebe und Kraft, auch wenn mir das vielleicht selber nicht bewusst wäre. Am Tag danach besuchte ich die City Chapel im Cinemaxx Stuttgart mit Freunden, zufällig zum zehnjährigen Jubliläum. Insgesamt merke ich, dass es mich erleichtert, einfach so mal in der Masse zu sein.
Für manche Musikerinnen und Musiker ist die Versöhnung mit der Vergangenheit wichtig. Für mich hat diese Versöhnung etwas zu tun mit Versöhnung mit Musik. Es ist erstaunlich, wie eng gekoppelt dies ist, Identität und Kunst. Für viele Menschen ist diese enge Verbundenheit zwischen Identität und künstlerischer Gabe nicht nachvollziehbar.
Abends und fast die ganze Nacht live aufgenommen, zuerst Bach, Beethoven, Chopin und Skriabin, dann meine Lieder, die ganze Nacht bis 16 Uhr, und auch die anderen waren große Teile der Zeit ebenfalls vor Ort, und natürlich Andreas Claus, der aufgenommen hat und mit seinem Equipment von Altensteig angefahren kam. Wir haben 15 Songs eingespielt in einer Nacht, von der Klassik-CD ganz zu schweigen, die ich auch aufgenommen habe, also 2 CDs in einer Nacht und am nächsten Tag gleich weiter. Es war trotz der enormen Arbeit auch sehr lehrreich und schön. Den Saal mit dem neuen Steinway hatten wir diese gewisse Zeit zur Verfügung, anschließend hatten wir alle Konzerte hinterher, es war also schön und anstrengend, und wir hätten nie gedacht, dass wir 15 alles tatsächlich schaffen. Zwischen 7 und 9 Uhr morgens war dann der richtig große tiefe Punkt; Daniel schlief im Bus, ich im Erste-Hilfe-Zimmer auf der Liege und Andreas auf den Stühlen im Saal, Lena zuhause. Philipp hatte noch einen Gottesdienst auf der Orgel zu spielen, Daniel unterrichtet noch am Siebold-Gymnasium Musik, und ich bin nach meinem nächsten Konzert eingeschlafen trotz Gans und Kaffee.
Jetzt gehen die Aufnahmen erst mal vor Ort mit Jazz in Altensteig im Studio weiter, also Gesang, Synthi, Bass.
Aber dieses Wochenende ist dann erst mal frei, ich fahre nach Stuttgart zu meiner Nichte, zum LOI- und Mentorentreffen und zu einer Cocktailparty und Schachpartie mit Freunden.
Jag är i Malmö. Ich liebe das Meer, von der Fähre aus zu sehen; es war windig und die Ostsee schmutzig und grau, aber die Weite und die Luft und die vielen Menschen von ueberallher — es ist ein Erlebnis. Höre ich Schwedisch, klopft mein Herz vor Freude. Wir sind bei Puttgarden auf die Fähre nach Dänemark, sämtliche Busse und Autos und der ICE. Dann fuhren wir nach Köpenhamn auf die Öresund-Bruecke und waren anschliessend direkt schon in Malmö. Nach 12 Stunden Busfahrt war ich aber doch ziemlich muede, als wir ankamen.
Malmö ist international, 300.000 Einwohner. Zu viert aus der Universität Würzburg sind wir dann erst einmal losgezogen in ein paar schwedische Pubs. Eine BWlerin, zwei Schweden, wobei einer halbfranzösisch war, und ich. Es dauert eine Weile, bis ich mich entspannt auf Schwedisch unterhalten kann, aber ich bleibe dran, ich möchte nicht ins Englische wechseln, Englisch kann ich schon. Man kommt schnell rein, auch wenn wir oft Haende und Fuesse verwenden. Ich hätte stundenlang zusehen können, wie diese interessanten Menschen sich in dem Pub bewegten. Viele waren sehr tätowiert und hatten Wollmuetzen auf und lange rote oder teilweise blondgefärbten Haare. Das, was ich erwartet hatte, dieses typisch Schwedische, war eigentlich nicht dabei. Aber insgesamt war eine freie, kuenstlerische Atmosphäre. Dennoch hatte ich das Gefuehl, dass ich von einem anderen Planeten komme. Heute fahren wir nach Lund, in diese alte Universitätsstadt, in der bereits die Kinder meiner Uroma studiert haben.
Lund ist eine wunderschöne alte Stadt, ungefähr so gross wie Wuerzburg, 120.000 bis 130.000 Einwohner. Eine sehr freundliche schwedische Dame erklärte uns mit ihrem typischen skandinavischen Singsang (das meine Mutter noch im Deutschen hat nach all den Jahren und ich im Ohr), die Geschichte Schwedens, des Nordens und Lunds. Der grosse Dom Lunds beruehrte mich sehr; meine Urgrossmutter mit ihren Söhnen, als diese um 1900 in Lund studierten, musste hier gewesen sein. Anschliessend liefen wir durch den mit grossen Ulmen verzierten Herbstpark, besuchten die Philosophische Fakultät und das grosse, weisse Tempel — Hauptgebäude der Universität. Wir assen in der Mensa, und hier fand ich all das typisch Schwedische, kein Wunder bei insgesamt 30.000 Studenten. Ich spuere eine besondere Liebe zu diesem Land. Was das genau fuer mich bedeutet, weiss ich nicht. Die Atmosphäre in Lund und unter den schwedischen Studenten und Professoren ist kreativer oder freier, nicht so hart wie in Deutschland. Das liegt sehr an dem Duzen und dass das Land nicht zerbombt worden war. Ich spuere eine groessere Freiheit und Unschuld und insgesamt weniger Traumata. Abends sind wir in die Oper in Malmö gegangen, in eine Oper Rossinis. Die Wissenschaft ist ein sprachlicher Prozess, sogar fuer meine Ohren.
Es ist für mich ein Wunder, dass ich innerhalb kürzester Zeit gelernt habe, wie man wissenschaftlich arbeitet, also auch wissenschaftlich denkt. Es ist wie eine Sprache lernen: im Schwedischen lernt man auch nicht einfach eine Sprache, man lernt, anders zu denken, sogar anders zu fühlen. Schwedische Schriftsteller zum Beispiel vermitteln ganz andere Grundstimmungen als deutsche, die Literatur ist ganz anders. Und so ist die Wissenschaft eine Sprache. Zunächst schweigt sie an der Kreativität vorbei; es kostet mich viel Demut. Sie ist auf der einen Seite hochinteressant und eine Welt für sich, die voll Sortierung und Logik ist, auf der anderen Seite für mich fast widerlich, da ich mich ständig bemühen muss, mein eigenes Surfbrett auf der niedrigsten Welle zu halten, während ich vor mir das große Meer sehe. Ich habe eher Probleme mit niedrigen Wellen als mit großen Wellen. Große Wellen mögen mich, kleine rauben mir den Nerv, mein Gehirn scheint auszusetzen. Vielleicht ist meine Seele auch in meinem Gehirn? Ich bin froh, Wissenschaftler und Forscherinnen zu kennen, die mir helfen, diese Welt zu erforschen.
Nächste Woche dann Schweden. Ich freue mich. Ich habe viele Kindheitserinnerungen: dass unser weißer Mercedes im Schnee — im Graben — stecken blieb und uns ein Traktor herausholen musste — Baden im See, Pilze sammeln, Oma Pilze in der Pfanne, in ihrem Bett zu schlafen, die Waschküche, die Wälder, die großen Städte, die Kirchen, die blauen Schreibhefte, die Treppe im Haus meiner Oma, schwedische Bücher, der Garten im Haus meines Onkels…
Gestern Abend probten Torsten Laux und ich in der Schlosskirche in Düsseldorf, Duo Korg.
Der Flügel ist ein auf die Orgel frisch abgestimmter Gotrian Steinweg-Flügel, gemietet für das Konzert, etwas älter mit leicht gehenden Tasten, zu leicht für meinen Geschmack, ich werde dann übermütig. Ich konnte Torsten oben an der Orgel nicht sehen, und er mich auch nicht unten am Flügel, wo der Altar ist.
Wir spielten blind zu- und miteinander. Das ist auch nicht schlimm, denn wir hatten vorher gut miteinander in Bonn geprobt an zwei Flügeln oder an Flügel und Orgel auf einer Etage. Schlimmer ist, dass die Orgel immer nachhängt, wenn man auf zwei Etagen spielt, also oben und unten, das heißt, es klingt für mich, als wäre sie dauernd zu spät.
Aber ich gewöhnte mich daran. Dass heißt, auch das Publikum wird unten nur in der genauen Mitte der Kirche hören, dass wir zusammen sind. Es geht dabei um Sekundenbruchstücke, aber das ist nervenaufreibend und verwirrend. Es kostet mich Überwindung, frei zu spielen, wenn ständig eine Orgel nachhängt. Dennoch macht diese Kombination großen Spaß, eine Mischung aus alt und neu, aus historisch und modern, Saiten und Pfeifen, vor allem, wenn man improvisiert.
Bei seinen Psalmen gibt es eine Stelle, die wie eine ägyptische Karawane klingt. Es kam mir vor, als schlängele sich die Orgel wie eine Schlange aus dem Korb, während ich als Kamel durch den Wüstenstaub rockte.
Die Atemschaukel, die Herzschaufel und das Herztier Herta Müllers und ihre Schöpfung mit Worten gehen mir nicht aus dem Kopf. Kaum zu fassen, dass diese Kriegszeit kaum ein Menschenleben her ist.
Als ich einem Freund sagte, ich sei die Kurve und divergentes Denken die vierte Dimension, lachte er und sagte, die Kurve solle lieber üben gehen. Ich glaube, es müsste in der Literatur eine wissenschaftliche Abzweigung geben, oder man müsse sagen, Poesie und Kunst sind eine Geisteswissenschaft und auch eine Naturwissenschaft, denn die vierte Dimension lässt sich messen, numerische Begriffe werden in Sprache getaucht.
Es ist dies alles die Symbolik für die Suche nach Wahrheit und Ewigkeit. Ich glaube, dass man diese zeigen kann. Ich weiß, dass es in mehrdimensionalen Räumen manchmal einsam ist, ein Grenzland, da auch die Null unendlich ist und alles in mehrdimensionalen Räumen ins Unendliche konvergiert; da ich nach Unendlich divergiere; aber das Böse kann nicht bis ins Unendliche folgen.