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Orgel

2 1/3

Es war sehr schön, in Buchholz bei Siegburg/Bonn bei Leguano zu spielen mit der Sängerin Olesya Illavsky, die den Kölner Opernpreis gewonnen hat 2019. Wir haben im Duo Tschaikowsky und Puccini etc. zusammen in einem Zelt vorgetragen. Natürlich habe ich auch solo gespielt (Beethoven, Bach usw.) Das Essen war lecker, ich habe mich über meine Leder-Leguanos gefreut.

Dann ging es auf nach Schriesheim/ Heidelberg zum nächsten Konzert, diesmal ein Orgelkonzert an der Weigle/Brommer/Jäger-Orgel, sehr schön gestimmt und intoniert, im Wert von zwei Steinway-Flügeln, überholt. Das Konzert hatte um die 150 bis 200 Leute im Publikum, die Presse war da (Zeitung Rhein-Neckar und Mannheimer Morgen, haben auch sehr schöne Fotos gemacht) und es gab Zugabe und Standing Ovations. Die Gegend mit ihren Weinstädten und der langen Bergstraße, Bad Schönborn und auch Weinheim (nicht zu verwechseln mit Weingarten und Gabler!) ist sehr schön. Mein Hotel war am Wald.

Dann ging es direkt weiter zum Orgelsachverständigen-Kurs nach Heidelberg. Spannend war die schöne neue Ahrend-Orgel in St. Raphael, die man durch einen Bogen betritt, im Wert von 8 Steinway-Flügeln (ich rechne den Wert von Orgeln immer in Steinways), zwei Manuale (HW und drüber UW), mit zwei Zimbelsternen und einer Trommel, die eher so klingt, als hätte die Orgel eine Störung, aufgeteiltem Tremulanten, gut geeignet für Bach, Buxtehude, Mendelssohn etc.

Ansonsten besteht der Kurs in der HfK Heidelberg natürlich aus viel Theorie. Wenn man 30 Stunden „2 1/3“ usw. anhört, könnte man denken, ich sei nun endgültig von der Orgel kuriert – aber nein … Und die Teilnehmenden sind sehr nett – wenn wir auch nur 4 Frauen sind in dieser Männerdomäne.

11. September 2019

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Orgel-Expedition 

Konzert in Heidelberg war sehr schön. Heute habe ich auch die Barockorgel mit der kurzen Oktave, ein Manuel geteilt, beim Kreuzgang des Doms Würzburg kennengelernt.

Es scheint eine (Polar-)Expedition, die Orgel aus ihrer religiösen Umgebung herauszulocken, die konfessionsübergreifend den Mann als Chef des Ganzen erhalten möchte. Es braucht Kraft und Mut, ein solches Problem zu schultern. Es gibt keine reale Domorganistin. Der Beruf der Konzertorganistin wird von vielen  zudem nicht als real existierend gesehen. Der Status Quo der Orgel ist, dass keine Differenzierung von Orgel und Kirche ingesamt vorgenommen wurde. Sie ist dadurch sehr eingeschränkt. Dies ist kein künstlerisches, sondern ein politisches Problem. Das Verrückt daran ist, dass besonders dort, wo „Kirchenmusik“ hochgehalten wird, die Frauenfeindlichkeit der Umgebung stark zunimmt. Dabei sind die meisten dieser Männer nicht mal Christen, sie wollen nur ihre Macht nicht verlieren.

Die gut bezahlten Chef-Stellen gehen meist an Männer: an große, laut redende Männer, die ihr Gehalt zudem massiv verhandeln. Auch in Frauenberufen wie Kindergärten sind Männer Boss. Frauen gehen hier dann oft leer aus bzw. verdienen sehr viel weniger, weil sie so nicht verhandeln. 

Auffallend ist zudem: Männer schauen bei Meetings oft nur Männer an. Wenn eine Frau etwas sagt, wenden sie den Kopf. Offensichtlich bemerken die Männer dieses Verhalten nicht. Wenn man sie darauf ansprechen würde, wären sie irritiert.   

Doch: 

1. September 2019

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Schlosskapelle Solitude Stuttgart, Mühleisen Orgel

Vom Pferdesattel an die Orgelbank: Es war sehr schön, gestern wieder einmal auf Schloss Solitude zu sein. Mein drittes Mal. Diesmal mit Schlossführung, einer schönen Hochzeitsfeier mit Würzburger Streichquartett in der Solitude Gastronomie, und vor allem habe ich auf der Hochzeitszeremonie in der Schlosskapelle die schöne weiße, zweimanualige Orgel (mit Musiziergedackt und Transponierzug) und den wunderschönen Zungen gespielt.

Nun ist es schon September.

Sehr gern würde ich einmal an der Orgel in der Liederhalle spielen.

Während der Feier sagte eine Dame aus Cameroon zu mir, sie sei sich sicher, afrikanische Tänze in Bachs Musik und Rhythmus wiederzukennen. Ob hier eine Verbindung bestanden hätte? Ich fand diese Frage sehr spannend. Sie sagte zudem, dass unterschiedliche Länder am Meer oft gleiche Rhythmen und Melodien hätten, die, die das Meer widerspiegeln würden. Anders als die In-Länder. 🙂

Orgelsachverständige

„Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab. Und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Anführer, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.“

(Gustave Le Bon 1895)

Es ist erstaunlich, dass unter der Zielgruppe der Kurse zu Orgelsachverständigen der Kirchenmusikhochschule Heidelberg seit Jahren Organistinnen und Organisten überhaupt nicht erwähnt werden. Ist es nicht besonders wichtig für Organistinnen und Organisten, die mit den verschiedensten Instrumenten zu tun haben, genau zu wissen, wie eine Orgel funktioniert und gebaut ist? Es werden alle möglichen Leute in der Zielgruppe erwähnt, nur die wichtigste wurde vergessen oder bewusst ignoriert.

Für viele rund um die Orgel scheint der Beruf der Konzertorganistin und des Konzertorganisten nicht real. Dabei ist er real.

Die Orgel wird von Traditionen her oft eingeschränkt – eingeschränkt gedacht, gebaut, gespielt. Die Orgel jedoch ist sinnlich, braucht Tiefe, Entfaltung, Querverbindungen, Befruchtung.

Da Frauen so selten an der Orgel gefördert werden und offenbar nicht gleichgestellt sind, führen manche Kirchenmusiker extra „Frauen-Orgel-Tage“ ein. Anstatt sie ganz normal zu integrieren. Als wären sie etwas Exotisches. 

Kirchenmusiker wie in dem Sinne der Zielgruppe hier gemeint sind Konzertorganisten jedoch wiederum nicht. (Dabei sind Organisten natürlich immer auch Kirchenmusikerinnen. Was sonst? Nicht-Kirchenmusiker?)

Genauso wie Pianisten, die über Klaviere und Flügel viel wissen, sollten auch Organisten zum Bau und zur Planung von Orgeln im künstlerischen Sinne hinzugerufen werden (können).

Weiterhin ist die Frauenfeindlichkeit in dieser Branche schlimmer als in anderen sogenannten „Männerberufen“. Da kommen auf Tagungen dieser Art (zB. in der Elphi) auf 300 Männer vielleicht 10 Frauen. 

Ich kann mir zudem vorstellen, dass es kaum Organistinnen gibt, die auch Orgelsachverständige sind. Wann wurden schon mal künstlerische Frauen zur Planung von Orgeln hinzugerufen?

Mich schreckt diese Frauenfeindlichkeit ab und nicht ab. Ab und zu. Aber das 2019!

Erstaunlich ist: Frauen bringen das Leben in die Welt, und gehen doch oft finanziell leer aus, jedenfalls laut den Rechnungen vieler Autoren und Autorinnen in Finanzbüchern, siehe Natascha Wegelin. Selbst der frauenfeindlichste Mann ist eventuell gut zu seiner Ehefrau (oder auch nicht), die ihm kocht, putzt und bügelt. Aber zu Frauen in Job und Karriere sind sie oft frauenfeindlich (da Konkurrenz); und werden Frauen schlechter bezahlt, weniger ausgewählt, müssen mehr kämpfen, geradezu genial sein. 

14. August 2019

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Kronen-Orgel

Die größte Kraft ist das Pianissimo.

Es wundert mich, dass so viele Orgeltage keine Frauen präsentieren. Gehören nicht schöne Frauen an schöne Orgeln? Jede Frau  ist schön. Gehören nicht Königinnen an die Königin? Der weibliche Orgelklang. Der Sexismus in der Orgelwelt macht mich tief betroffen – noch 2019 in einer patriarchalen Angelegenheit kämpfen zu müssen, in der nur Männer Orgel bauen, Orgel spielen, für Orgel komponieren.

12. August 2019

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Orgelakademie Leipzig, Pomßen und Merseburger Dom 

Es war sehr schön, eine der ältesten Orgeln Sachsens kennenzulernen (eine Woche zuvor die älteste Baden-Württembergs) und zu spielen, die Richter-Orgel, Renaissance-Orgel mit einem Manual, kurzer Oktave, von Engeln und Notentafeln umgeben und geschmückt in der Wehrkiche Pomßen, ca 30 km entfernt von Leipzig. Auch die Sauer-Orgel in der Michaeliskirche in Leipzig hat mich mit ihrem Klang sehr beeindruckt, die „kleine Schwester“ der großen Sauer-Orgel der Thomaskirche, perfekt für Schumann, Reger… Auch die Orgeln der Musikhochschule, besonders der französischen kleinen aus dem Kammermusik-Saal. Die Kurse mit Cea Galan (spanische Orgelmusik), Fairs und Jacobs waren sehr interessant mit Messiaen, Durufle, Bach, Correa etc,, und die Konzerte. Ich bin immer noch sehr verliebt in Bach, der den Choral als Eckstein seiner Musik ausgewählt hat. Bach-Schemelli und die Choräle zu hören (zum Beispiel live oder auf Schallplatte), auch die Texte, sind für mich Gottesdienst, viel mehr als irgendwo sitzen und sich politische Predigten anzuhören.

Auch die enorme Ladegastorgel im Merseburger Dom hat mich sehr begeistert. Merseburg ist eine der ältesten Städte der Welt, und diese Kirche ist sehr kostbar mit ihren Schätzen, Schriftstücken, 900 Jahre alten Türmen, der Bibel, ihrer Geschichte, der Saale und den Figuren und Kunstwerken mit ihren bewegenden Gesichtsausdrücken. 

Die Texte, die Bach vertont hat, sind wie Medizin, vor allem, wenn man Ermutigung braucht: 

„Sprecht Gottes Taten aus mit neu erweckten Zungen.“ 

„Dass wir lieben für und für.“ 

Bach vermittelt so viel Erkenntnis und Weisheit. Dass zwischen Sterben und Verderben ein großer Unterschied ist. 

Mit offenem Verdeck nach Hause gefahren. Sonnenbrand. Obwohl ich zwei Wochen nicht zuhause war, blühten meine Pflanzen. 

 

4. August 2019

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Landesakademie Kloster Ochsenhausen: Gabler-Orgel

Nun bin ich schon seit über einer Woche in der Landesakademie in Ochsenhausen in Oberschwaben mit ISAM-Masterclasses Komposition und Orgel. Es macht sehr viel  Spaß. Gestern Abend habe ich den Pianistin Grigory Sokolov mit Beethoven und Brahms gehört; an diesem Steinway im Bibliothekssaal spielte ich auch meine Komposition Snö (Schnee). Jeden Tag lernen wir andere Orgeln kennen. Am schönsten ist natürlich die Gabler-Orgel hier in St. Georg mit vier Manualen, aber auch die Barockorgel Holzhey in St. Verena in Rot an der Rot ist wunderschön (drei Manuale). Geübt habe ich aber auch in Heilig Geist und Dreifaltigkeit Biberach, in Ringschnait, an der schönen Sandtner-Orgel in der erstaunlichen Klosterkirche Gutenzell und in Hürbel, auch in Schloss Zell mit der schönen, alten, schwarzen Chor-Orgel, umarmt von Engeln. Jede Orgel ist ganz anders und sehr interessant, jede hat eine andere Windversorgung, einen anderen Touch, andere Klänge. Besonders gern mag ich hier an der Gabler-Orgel im Kloster die Vox Humana (im dritten Manual) im Tenor zusammen mit dem Tremulanten. Muffat, Knecht, Klassik, italienische, spanische, süddeutsche und norddeutsche Musik und auch Bach klingen hier sehr schön. Auch Improvisation und Contemporary Classical Music. Man ist sehr inspiriert von den vielen Kunstwerken an den Decken und Seiten, dazu Skulpturen, Schnörkel und Engel (teilweise in Rosa). Es ist viel zu tun, so dass wir kaum Zeit haben, die schöne Gegend mit Wiesen und Wäldern zu erkunden. Jedoch habe ich schon Rehe und Hirsche gesehen. Und Pferde. 

Auch Komposition ist sehr spannend. Wir haben jeden Tag Unterricht, dazu Gruppenunterricht und Überzeiten. Da ich zwei Klassen managen muss, schlafe ich kaum, da ich ja komponiere jeden Tag. Dazu kommen noch viele Abend-Konzerte und Matineen und Gottesdienste, die alle spannend sind, eines davon im Ulmer Münster und Kunsthalle Weishaupt. 

In Komposition habe ich sehr viel über die Instrumentierung von Percussion, Body Percussion und die vielen Klänge der Querflöte gelernt (Romantic Flute, Traverso, Modern Flute, Alto, Piccolo…) mit Flutter Tongue, Jet etc. Sehr spannend, große Scores zu schreiben.

Ansonsten ist es hier sehr international, was schön und lehrreich ist: Iran, Indien, USA, Türkei, Serbien, Kolumbien, Ukraine, Russland… So viele verschiedene Rhythmen! Ich finde, die Scores sagen bereits viel über jemanden aus. Ich schreibe oft am liebsten handschriftlich. Die Männer hier schreiben mit Note Performer Sibelius.

Jedoch gehen die Frauen immer noch massivst unter. Es wundert mich: In Schule und Studium sind Frauen meist die Besten und werden dann im „richtigen Leben“ von Männern beiseite gedrängt. Und niemand sagt etwas. Es ist „ganz normale“ Diskriminierung und im Grunde viel eingefleischter und schlimmer (da subtil) als die Diskriminierung zwischen Schwarz und Weiß. Ob ich dagegen kämpfen kann? Es wirkt wie ein riesiger Berg. Zudem: Die Frauenrolle in der Männerwelt haben Homosexuelle übernommen.

16. Juli 2019

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Orgelsommer Rügen – Musiksommer 

Kinden-Orgel in St. Michael Sagard – wunderschöne Orgel! Mit einer Trompete im Oberwerk – und Vorsicht, drei Sperrventile! Ich wohne in Sassnitz direkt am Meer und habe eine Traumaussicht auf den Hafen und die Ostsee, auf die Kutter und Boote und Segler. Das Konzert gestern Abend war sehr schön. Und bald spiele ich in Sassnitz. Es ist doch kaum zu fassen, dass Johann Sebastian Bach im Grunde den Ton h erfunden hat. Das war seine Erfindung, sein Ding. Und dass die Orgel im Grunde den Stereo-Sound erfunden hat. Ach, ich würde Bach so gern einmal fest umarmen. Für alles, was er geleistet hat. Die ICE-Fahrt von Regensburg nach Rügen war eine ziemliche Odyssee. Aber wenigstens hatte ich in den übervollen Ersatz-Zügen immer einen Platz. Ich saß mit im Kleinkind-Abteil, und die Kleinen haben mit mir geflirtet. Während ich schreibe, singen die Möwen. Dies Tag und Nacht. Manchmal wache ich davon auf. Dazu roter Vollmond gestern Abend. Die Seeluft macht angenehm müde. Eine Möwe hat mich auch schon an der Tür besucht. 

Bei manchen Menschen habe ich das Gefühl, deren Gesichter sind seelenverwandt mit meinem. 

 

Orgel: Spiegelbild der Seele. Technik an der Orgel 

Es ist wichtig, das Pedal wirklich zu hören. Der Bass setzt die Zeit. Das Mass. Durch meine Geschichte bin ich daran gewöhnt, das Helle, Obere als Lead-Voice wahrzunehmen. Der Bass war höchstens der Butler, der den Tee bringen durfte.  Jedoch ist er ein wahrer Gentleman, ein eleganter Diener, der eigentlich der Boss ist, aber gern dienend und tragend ist, wie ein Hirte die hellen Stimmen zusammenhält, zu edel, um sich wichtig zu tun.

Es ist sehr wichtig, ihn wahrzunehmen und zu formen.

Es gibt nicht viele gute Orgelpädagogen. Das Pedalspiel ist zunächst vom Sitz her eine rein pragmatische, sehr körperliche Angelegenheit, die nichts mit Musikalität zu tun hat. Das mag großen Männern nicht so vorkommen, die autodidaktisch Orgel gelernt haben. Aber zunächst mal ist es körperlich ungewohnt, gerade und mittig und nicht zu weit nach hinten zu sitzen und dennoch frei mit den Fußgelenken, mit den Beinen zu sein, gerade außerhalb der Comfort-Zone – ohne ein schwer arbeitender Hampelmann zu werden, oder besser eine kleine Hampelfrau. Das heißt, Bauchmuskeln sind hier angesagt. Was haben Bauchmuskeln mit Musikalität zu tun? Nichts.

Mittig. Ruhig. Fußgelenke. Wissen, was wo wann bewegt wird. Statik. Das stark machen, was noch schwach ist. 

Dann kommt die Musikalität: Die Orgel singt ganz anders als der Flügel. 60 Prozent der Orgelmusik ist wortbezogen. Ganz anders als beim Flügel. Die Orgel spricht. Sie singt sprechend! Der Flügel brilliert. Das geht so bei der Orgel nicht, im Gegenteil,  ist verheerend. Gewisse Vorteile vom Flügel helfen mir bei der Orgel nicht: Virtuose Finger, schnelle Triller („Sie trillern einfach zu gut“), Überlegato, meine „übergerüstete“ Technik, selbst meine Gabe, Obertöne am Flügel hervorzuheben und mit dem Handgelenk Klang zu schaffen – bei der Orgel sinnlos. Nicht nur sinnlos, sondern falsch. Diese unterschiedlichen Parameter muss man ganz genau kennen, die müssen ins Blut übergehen. Ganz pragmatisch. Das Singen an der Orgel erfolgt ganz anders. Es wird auch anders artikuliert.

Es mag widersprüchlich klingen: Auf der einen Seite nicht übergerüstet sein, sondern so wenig wie möglich geben, sich tragen lassen, auf der anderen Seite hoch aufgerüstet in allen Facetten der Artikulation sein, und wissen, wie. Das Ohr allein hilft nicht. Man braucht das ganz pragmatische Handwerkzeug, Zeit und Erfahrung. 

Daher ist das Orgelbüchlein so wichtig. Die Orgel kennt und spricht und verkündet, sie ‚tutet‘ und dröhnt nicht.

Bei ihr muss der Ton geschnitten und gelüftet werden, nicht wie beim Flügel möglichst gezogen. Gravierende, faszinierende Unterschiede. Bach wusste dies ganz genau. Er wusste, wie er durch seine introvertierte d-Moll-Triosonate lyrisch seufzen und Ton verpuffen lassen kann, um dennoch eine dramatische Linie zu halten bis zum Höhepunkt. Bei ihm ist nichts wie am Fließ band wie bei Händel, dem Könner (jedoch die Händel-Perahia-CD ist schön). Jede Triosonate Bachs ist anders vom Charakter.

Zudem ist die Orgel imitierend. Sie ist eine sprechend-singende, imitierende, predigende Frau. Vielleicht sogar eine schwarze Frau. Eine mit dem Blues.

Bach ist der Weg zur Orgel. Blues und Bach sind ganz nah. 

12. Juli 2019

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Poesie an der Orgel – meine Seelenverwandte

Die Orgel: She’s like the wind … 

Es ist doch erstaunlich, dass manche Organisten glauben, es ginge hauptsächlich um die Größe der Orgel. Ich finde, ein solches Denken ist das Gegenteil von Musikalität. Natürlich ist es eine Zeitlang sehr spannend und verlockend, die großen und größten Orgeln der Welt zu bestaunen und zu spielen. Aber irgendwann sollte man damit einigermaßen gesättigt sein und nicht dort stehenbleiben. Dann geht es schließlich wieder um die Musik. Hierbei geht es um den schöpferischen Klangwillen. Dabei ist die Größe der Orgel nicht entscheidend. Darum geht es nicht.

Bachs Trio-Sonaten haben mit „der Größe der Orgel“ nichts zu tun. Auch nicht mit „raffinierten“ Setzeranlagen oder „geschickten“ Registerkombinationen oder einem „Maschinendenken“. Immer neue Gebilde entwachsen aus den Triosonaten, Vereinigungen, Einheiten. Hier muss man einfach sehr gut spielen können, gut hören, musikalisch sein. Durch nichts wird der Mangel hier „verdeckt“ oder kompensiert.

She’s taking me to moonlight, only to burn me with the sun…

Natürlich muss man sich auch mit der Wucht und der Größe einer Orgel und ihrer enormen Komplexität identifizieren. Das tue ich. Ich habe oft das Gefühl, die Orgel ist mir sehr ähnlich: komplex, variierend, voller Power und Schönheit, in gewisser Weise geheimnisvoll, überbordend, sowohl introvertiert wie auch extrovertiert, gewaltig. Dennoch ist – und ich habe oft das Gefühl, danach lechzt die Orgel – der sanfte, lyrische, virtuose, pianistische, kammermusikalische Zugang sehr wichtig, die Poesie an der Orgel, das Weibliche.

Manche meinen, je größer und komplexer die Orgel ist, desto männlicher wäre sie. Ganz im Gegenteil. Frauen sind ja nun eindeutig wesentlich komplexer als Männer und auch viel runder :).

Einige traditionelle Kirchenmusiker blocken, wenn es um Organistinnen geht, tun sich selbst aber keinen Gefallen damit: Es geht um die Zukunft der Orgel.

She’s taking me to moonlight, only to burn me with the sun…

Die Orgel ist wie eine Freundin, eine Seelenverwandte für mich. Der Flügel ist wie ein scheuer, brillanter Liebhaber, ein Lover, oder besser, wie ein Ehemann, die Orgel wie meine große Schwester.

Sie ist eine sprechend-singende, imitierende Verkündigerin.

Im August wird meine neue Bach-CD bei Hänssler Classic im Saarländischen Rundfunk vorgestellt: am 6.8. um 11.20.