In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. (Goethe)
Es hat mir sehr gefallen, die schöne, romantische zweimanualige F. E. Walcker-Orgel Ludwigsburg von 1895 opus 736 im Saal des musikwissenschaftlichen Instituts Hamburgs zu spielen. Der Schweller ist mit einem Stopper zu verschließen, die Pfeifen singen mir direkt schön ins Gesicht, die Setzer und Registerzüge haben die typischen Farben gelb-rosa-türkis, sie braust und singt mit Streichern, Zungen und Flöten. Mir gefällt das authentisch Direkte. Die Orgel erzählt eine lange Geschichte der Schönheit und des Schmerzes, die nicht von der Stange ist und die etwas mit Demut zu tun hat. Es ist eine sehr musikalische Orgel Walcker & Cie.
Ich wünsche mir ein Pedalclavichord. So etwas hatte Bach auch. Und man kann immer damit üben.
Oft habe ich sehr schöne, aber manchmal auch seltsame Erlebnisse mit Kantoren. Ich habe den Eindruck, weil ich eine Frau bin, meinen manche, wenn ich die Orgel kennenlerne, müssten sie die ganze Zeit dabei sitzen, während männliche Kollegen dort allein ein und aus gehen.
Wir brauchen keine Evolution, sondern Revolution. (Stephen Covey)
Ich glaube auch, dass die Dinge viel mehr Revolution als Evolution sind.
Von John Cage bin ich fasziniert.
Unterwegs zu neuen Konzerten… Ich freue mich auch auf das Klaviermusik-Festival in Wilhelmshaven im Oktober mit Beethoven, Chopin, Schluter. Am selben Tag spiele ich in Fulda im Dom mittags die wunderschöne Orgel.
Empfehlen kann ich den Film Frühlingssinfonie. Grönemeyer spielt Schumann. Sehr gut. Der Film ist recht alt, aber gut. Zwischen den Zeilen ist viel zu lernen über Robert, Clara und ihren Vater, über die Zeit in Leipzig, Deutschland, Franck, Liszt, Mendelssohn, Grillparzer, Beziehungen… mit Vorstellungskraft, Hintergrundwissen und Phantasie. Was waren das für Zeiten gewesen? Wie ist das Leben der Komponisten gewesen?
Aber schon damals gab es aufgeblasene „Meister“, die die Kreativen hindern, Entmutiger, Zweifler, aus dem engsten Kreis; aber auch Förderer, Unterstützer, Genies, Halb-Genies, Viertel-Fausts, Lyriker, Virtuosinnen, Schöpfer, Geschäftsleute, Dilettanten, musikalische Freundschaften und harte und gute Lehrer. Eigennutz und Neid. Dieser Film wirft wieder ein anderes Licht als der Film Geliebte Clara. Er zeigt die Anfangszeit. Geliebte Clara Mitte und Schluss. Es gab damals Doktortitel für Künstler, Kunst, Eleganz und Kompositionen. Und heute nur für trockene Schriften.
Schumann war nicht bei der Beerdigung der Mutter. Er hatte eine schwere Familie, litt angeblich unter Trunksucht.
Mich inspirieren Biographien und biographische Filme über Künstler und Künstlerinnen, den Schleier zu lüften: Es waren Menschen aus Fleisch und Blut wie ich mit gleichen Problemen. Zeit finden für das Schöpferische. Geld und Kunst. Die Berufung finden. Träumen. Kämpfe. Zukunft. Mehrere Gaben haben. Was ist Erfolg? Was ist langfristig, was kurzfristig? Was ist langfristiger Erfolg? Zeitloses?
Clara gab Roberts Musik heraus und spielte und feierte sie noch vierzig Jahre nach seinem Tod. Das ist Liebe. Er wurde nur 46 Jahre alt.
Natürlich gibt es in dem Film wieder zu viel Vulgäres, als ob Schumann ein Lustmolch gewesen ist.
Sei reizend zu deinen Feinden, nichts ärgert sie mehr. (Carl Orff)
Nachdem ich das Konzert in der Marktkirche Wiesbaden gespielt habe, durfte ich die kleinere Walcker-Orgel in der wunderschönen Ringkirche Wiesbaden spielen. Die Kirche ist groß und rund mit bunten Fenstern, Gemälden an Wänden und Decke und einem leuchtenden Altar, über den direkt die Orgel thront wie in der Christuskirche Karlsruhe. Mir gefällt das Modell, dass die Orgel über dem Altar ist, also mit das erste ist, was man sieht, wenn man durch die Vordertür eintritt. Die dreimanualige, romantische Orgel original von 1894 ist apart und klangvoll, mit schön geschnitztem Schmuck, ideal für Mendelssohn, Reger, Brahms, Messiaen, Liszt, Mozart… Sie soll erweitert und umgebaut werden, auch in Verbindung mit dem kleinen Fernwerk gegenüber. Wiesbaden hat viel zu bieten, Bergkirche, Lutherkirche, die griechische Kapelle… Selbst der Hauptbahnhof sieht wie eine Kirche aus.
Und überall schießt kochend heißes Wasser aus dem Boden: die heißen, schwefelhaltigen Quellen, die gesund sein sollen zum Baden und Trinken. Ein Kollege meinte, meine Virtuosität würde Geysire generieren :). Und in den Bäumen rund um die Marktkirche zwitschert und singt es ohrenbetäubend laut, ohne dass man die Vögelchen sieht. Tritt man an den Baum, wird es kurz für Sekunden ganz still. Dann geht es von vorne los. Die Vögel können nicht anders als singen.
Ich frage mich, warum Menschen in Zeiten der Umweltkrise ihre Autos anlassen, wenn sie gar nicht fahren, sondern irgendwo halten. Sogar, wenn sie aussteigen, lassen sie ihr Auto Schadstoffe in die Luft pumpen.
Auch in Wiesbaden kennen die Menschen ihre Kirchen nicht. Als ich spazieren war, wollte ich zurück zur Kirche.
„Wie komme ich zur Marktkirche?“
„Hä?“
„Zum Markt?“
„Supermarkt?“
In Heilbronn bin ich angekommen, obwohl Züge schon mal prophylaktisch wegen Orkan Sabine ausfielen, obwohl es nirgends windet. Gleich findet das Konzert statt: Klavierabend diesmal, gestern Orgelkonzert. Genauso wie ich es wollte.
Wir Musiker müssen an der Kante der Katastrophe wandeln, das ist das Risiko, das wir suchen. (Harnoncourt)
Das Konzert in der Marktkirche an der Walcker-Orgel mit ihrem majestätischen Prospekt war sehr schön und gut besucht, mind. 400 Leute. Es gab viele Bravo-Rufe und Standing Ovations. Es waren auch bekannte Gesichter darunter, die extra wegen mir gekommen sind. Mein eigenes Stück Snö (Schnee) kam sehr gut an: Es schneite in der Kirche, und die Flocken rieselten herunter. (So empfanden es die Leute.) Eine wunderschöne Walcker-Sauer-Oberlinger-Orgel, 1863 Neubau, Umbau 1900, 1929, 1938, 1970.
Bach kam auch gut an. In meine letzten leisen Liszt-Takte von B-A-C-H läuteten die melodischen Glocken.
Ich habe viele CDs verkauft. Jedes Orgelkonzert ist noch ein Abenteuer für mich. Eine Bergwanderung hoch zum Gipfelkreuz. Jedes Mal passiert Unvorhergesehenes. Ich gerate in eine Lawine, ein Sturm kommt auf. Ich genieße das Adrenalin.
Da ich Liszt nur mit der Walze gespielt habe, also ohne Setzer und allein, war die Orgel teilweise mit seinem Bombardewerk wunderschön laut, da die Walze, ganz nach unten gewalzt, an der Orgel so ziemlich alles zieht, was sie hat. Aber ich genoss das oben. Und das Publikum unten offensichtlich auch, denn alle waren sehr begeistert. Ich hatte das Gefühl, die Orgel gibt alles. Wunderschön ist auch die Doppelflöte 8, die Schwebung Unda maris mit der Gambe 8 und die Acht- und Sechzehnfüße, das Herz der Orgel. Und der 32-Fuß.
Diese vielen Achtfüße kommen mir vor wie Samt und Seide: Die Schwebung wie Samt, die Flöten wie Seide. Viele dieser Achtfüße, auch die Doppelflöte 8, sind original Walcker-Pfeifen von 1863. Ich empfinde jede Orgel an sich als etwas so Wichtiges, Künstlerisches, dass es mir beim Spielen vorkommt, als wären all die Pfeifen in meinem Bauch. Ich werde die Orgel. Die Akustik ist natürlich recht enorm in dieser großen Kirche. Die Chororgel wirkte sehr weit weg für mich. Wenn man direkt darunter steht, soll sie wohl angeblich spucken. Aber ich war wie Kilometer entfernt und habe doch Connection aufgebaut. Zu allen Werken möchte ich an der Orgel, an der ich spiele, Verbindung haben. Die Chororgel und die Walze (und der Schweller) waren meine besten Freunde. Und das Pedal ist herrlich übersichtlich und angenehm. Auch Max Reger war hier Gast!
Ich selbst weiß, das ich Potential habe, crazy gut zu spielen. Aber eine Orgel hat seine Tücken. Da ich nicht fünf Sekunden wartete, bevor ich die Chororgel nach der Hauptorgel anstellte, war ich plötzlich auf der Setzeranlage der Chororgel gelangt, die mit 99 beginnt. Das wusste ich nicht. Nur, dass ich keine Setzer mehr hatte. Daher stieg ich komplett auf die Walze um, die sehr fein und sensibel bedient werden muss und immer einen freien Fuß braucht. Mir macht die Walze viel Spaß.
Aber ich habe daraus gelernt: Habe ich das nächste Mal Probleme mit irgendeiner Setzeranlage: Die Orgel erst mal noch einmal ausstellen.
Zudem erkannte ich final: Meine Noten müssen übersichtlicher sein. Aus meinen Liszt-Noten kann nicht mal ich mehr spielen. Und das will was heißen. Sie sind im Grunde von meinen Reisen und von meinen Eintragungen und Überlegungen voll, verknickt, zerfetzt und zerlöchert. Manche Töne konnte ich heute nur noch erraten.
Es gab Registranten, die sich weigerten, bei diesen Noten Registrant zu sein. Sie sind natürlich ein Kunstwerk, aber sicher gäbe es auch Leute, die denken, ich hätte diese Noten mal eben aus dem Müll gefischt. Manche meinten, meine Noten sehen aus wie Regers handschriftliche Werke. Ob dies meine eigene Komposition sei. Ich muss also alle Noten doppelt haben. Auch einmal frisch für mich und für eventuelle Helfer. Auch meine Kopien gegen Blätterer müssen besser angeordnet sein. Ich gebe zu, ich bin gern oben allein an der Orgel, ohne Helfer. Doch so oder so: Die Kopien dürfen nicht „ins Gesicht der Noten“ segeln und mich und Helfer „wahnsinnig“ machen oder mir das Gefühl geben, ich muss so schief gucken, dass ich eine Nackenstarre bekomme. Dennoch genieße ich es, allein an der Orgel zu sein. So sehr, dass ich auf Blätterer, Registranten etc. verzichte und lieber alles allein mache. Mir sagte jemand, dass es absolut erforderlich ist, es auch allein zu können. Sich selbst allein zu registrieren, sich selbst zu blättern zu können. Früher wäre das wohl auch geprüft worden im Studium. Ich lasse eigentlich nur gern mir sympathische Menschen als Helfer zu (auch wenn das nicht immer geht). Ich brauche an der Orgel einfach viel Raum für mich und mag es nicht, wenn mir jemand auf die Finger starrt oder nervöser ist als ich. Heute aber hatte ich einen netten Blätterer bei Bach g-Moll 542 (auch wenn er einmal vergaß zu blättern).
Jeder Ton beginnt mit der Stille und kehrt zur Stille zurück. (Leopold Mozart)
Ich bin in Wiesbaden angekommen. Die Marktkirche ist groß, rot und schön, mit „zackigen“ Türmen. Der Kirchenraum riesig, hoch und langgezogen. Hoch oben thront die große, viermanualige Walcker-Orgel. Das vierte Manual ist die Chororgel, sie ist wie ein Fernwerk und besitzt sehr schöne Vierfüße; besonders gut gefällt mir hier Scharff 4. Mozart klingt hier wundervoll, die Auswahl der Stimmen ist immens, ich komme mir vor wie an einem großen Buffet von Köstlichkeiten. Auch mit köstlichen zarten und glockigen Achtfüßen, selbstredend. Ich spiele morgen im Konzert Liszt, Bach, Mozart und eigene Werke. Ich kann heute die ganze Nacht spielen. Jetzt bin ich aber erst mal im Hotel in der Taunusstraße.
Mir gefallen Hotels, die noch richtige Schlüssel haben und keine Chipkarten. Wo also die Steckdosen und Lichtschalter im Zimmer normal funktionieren wie daheim.
Mein Zimmer hat sogar einen kleinen Erker und eine Badewanne. Ich mag auch, wenn dort Schokolade bereit liegt und Wasser mit Sprudel. Trotzdem kann ich es mir nicht zu gemütlich einrichten, denn ich möchte gleich noch mal los und spielen. Das Gästebuch für alle Organisten an der Walckerorgel zeigt mir, dass (zumindest laut Gästebuch) ich hier die erste deutsche Organistin bin. Zudem Komponistin. Nunja, ich bin ja eigentlich schwedisch-deutsch. Aber eben nicht aus Asien oder Russland oder USA. (80 Prozent sind natürlich ohnehin Männer.)
Auf dem Weg hierher habe ich die ganze Zugfahrt wie ein Stein geschlafen. Ich bin froh, dass ich auf Knopfdruck (ein)schlafen, entspannen und mich so wieder aufladen kann. Könnte ich das nicht, würde ich nie im Leben das Programm schaffen, dass ich mir aus Leidenschaft „auferlege“.
Denn meist gehe ich sehr spät ins Bett und stehe dennoch sehr früh auf. Obwohl ich eigentlich acht Stunden Schlaf brauche. (Leider merke ich manchmal zu spät, wenn mein Akku komplett leer ist. Dann kann ich kaum noch mehr etwas in der Hand halten, laufen oder denken. Glücklicherweise lade ich schnell wieder auf.)
Ich kann schlecht Nein sagen. Wenn man mir sagen würde, morgen wäre eine Orgelfahrt zum Mond, ich würde „Hier“ rufen. Und erst später meinen Terminkalender prüfen. Und ich würde auch dann noch mit zum Mond fliegen wollen, wenn ich zeitgleich zum Jupiter fliege und umgekehrt. Das war schon immer so. Terminkalender machen einem schmerzlich bewusst, dass man nicht wie Gott an zwei Orten gleichzeitig sein kann. Wie gerne wäre ich dies.
Sehr schön für mich war gestern, eine kleine Weile in Ruhe an der tollen Schnitger-Orgel in St. Jacobi Hamburg zu spielen. Ich hatte sofort eine gute Connection zur Orgel. Das hat mich selbst gewundert. Meine erste Begegnung mit dieser Arp-Schnitger-Orgel war während der Orgelfahrt mit der HfMDK, und ich hatte Angst vor der Orgel; alles war mir fremd. Aber jetzt, alleine, hatte ich das Gefühl, dass die Orgel sehr zart, freundlich, übersichtlich, liebevoll ist. Handy.
Man muss sich auf sie einstellen, auch vom Pedal und vom Umfang her. Aber das war nicht schwer. Ich denke, hier kann man ungewöhnliche Sachen spielen, nicht immer das typische Programm (norddeutsch rauf und runter). Sie ist eben nicht mitteltönig, sondern modifiziert, 1/5 syntonisches Komma. (Mitteltönig ist 1/4.)
Auch Mozart würde hier gut gehen, nicht alles natürlich, aber das Andante, wenn man eine Oktave tiefer spielt mit Vierfüßen. Klingt spitze. (Die Kemper-Orgel eine Etage tiefer gefällt mir nicht sonderlich.)
Kerstin hat für die Schnitger-Orgel schöne, braune, kleine „Handschühchen“ für die Registerknöpfe nähen lassen, mit Zahlen, damit es für die Registranten einfacher ist. Denn ohne Hilfe kann man hier manches schlecht spielen. Und verändern geht nicht, wegen Denkmalschutz. Diese Näherin war sogar an der Orgel zum Maßnehmen. Ich habe schon gehört, dass Laien zu den Registerzügen „Stöpsel“ gesagt haben.
Beim Spielen hören einem die Engel an den Seiten zu. Und die plötzlich wie aus dem Nichts herausgeschossenen tollen Pedalpfeifen rechts und links.
Erschreckend ist, wenn ich nach dem Weg frage zu den Hauptkirchen, dann wissen die Leute nicht mal, wo St. Jacobi ist, oder sie schicken mich stattdessen zur Petrikirche, weil sie die Namen nicht kennen und die Kirchen verwechseln.
Orgeln sind so komplex. Leider ist es noch immer so, dass ich selbst trotz Lesen, Üben, Spielen, Reisen vieles zur Orgelwelt noch nicht weiß und Dinge verwechsle. Aber dafür sind ja tolle Lehrer da.
Gott hat auf seiner Harfe ein Lied gespielt, und ihre Saiten gehen durch meine Seele. (Hildegard von Bingen)
Es war sehr spannend, die schöne Beckerath Orgelbaufirma Hamburg heute zu besuchen. Die große Werkstatt duftete nach Holz und Sägespänen. Diese Späne werden an den riesigen Säge-Maschinen durch Schläuche nach draußen gepumpt. Dies ist gesetzlich vorgeschrieben, da Sägespäne gesundheitsschädlich für Mitarbeiter sind. Sie können ins Auge gehen, eingeatmet werden etc. Andere große Schläuche dienen zur Beheizung der Werkstatt. Dieselben Späne werden zu Pellets gepresst (sie haben eine eigene Pressmaschine dafür), und mit diesen wird im Ofen geheizt. Alle trinken sehr gern schwarzen Tee mit Milch (oder Zitrone) und Zucker. Wie ich. Sie hatten noch nie einen Gast, der genauso gern und viel Tee getrunken hat wie ich. Überall hängen Bilder von tollen Orgeln. Um eine Orgel zu planen, gehen viele Schritte als Grundschritte voraus. Es wird oft mindestens ein Jahr geplant, bevor gebaut wird. Und das dauert dann auch noch mal ca. ein Jahr. In welchen Raum kommt die Orgel? Wie groß soll sie sein, also wieviele Register? Wer bezahlt sie? Wieviel Geld steht insgesamt zur Verfügung? Heute sind 50 Register schon groß. Ein Register kostet ca. zwischen 13.000 und 17.000 €. Was für ein Spieltisch? Radialpedal oder nicht? Ich mag es lieber, wenn das Pedal nicht versetzt ist. Ich finde das unnötig. Wenn die Orgel Raum und Platz hat, nicht nur für die Pfeifen, sondern vor allem für die Spielenden vorne für Hände und Füße. Nichts darf eng und sperrig sein. Viel Umfang. Neue Klänge. Erst zum Schluss geht es um Pfeifen, Winddruck und Intonation. Diese drei Dinge aber sind das Kernstück der Orgel. Lebendiger Wind oder nicht, Keilbalg oder nicht? Welche Klänge? Was ist realistisch? Was ist keine gute Idee? Alle Werke sollten gut miteinander korrespondieren. Nicht einfach von berühmten Orgeln zusammenkopieren und zusammenstückeln. Jede Orgel hat ihr eigenes Gesicht.
Ich habe eine Traumorgel im Kopf. Sie muss nur noch realistisch werden. Es braucht Visionäre, Erfahrene, Bodenständige, Weise. Eben ein Team. Ich habe die Vision. „Hast du nicht erst mal versagt mit deinem Traum, also bist du nicht zunächst gescheitert, war dein Traum, deine Vision nicht groß genug.“ So sagen weise Worte. Man darf und soll und muss aus Fehlern lernen!
Die Werkstatt ist in viele Teilwerkstätten unterteilt. In einer werden die Pfeifen hergestellt. Sie sind mit das Herz der Firma. Die Pfeifen in allen möglichen Größen bis hin zu offenen 32-Füßen werden nicht irgendwo in Rumänien oder anderswo bestellt, also keine zusammengestückelten Orgeln, sondern selbst gegossen, geschnitten und angefertigt, vorintoniert. Ich habe eine Hausorgel gesehen, Orgeln, die gerade restauriert werden, Beckerath opus 1 (mittlerweile gibt es opus 500) für die Elisabethkirche neben dem katholischen Dom Hamburgs (Marienkirche), die drei neue Werke bekommen soll, von 14 Register auf 45 aufgestockt, Truhenorgeln usw. Und viele, viele Pfeifen.
Es hängen auch Gemälde mit Brahms, da Johannes Brahms mit Beckerath befreundet war. Die Firma gibt es also schon sehr lang. Brahms, wie er pfeiferauchend mit Bart am Flügel hängt – ein völlig anderer als der Charmeur aus dem Film Geliebte Clara – ja, diesen Bart-Brahms habe ich auch zuhause als Postkarte, schon als Kind. Das Original befindet sich im Besitz des Hauses Beckeraths. Leider hat Brahms wenig für die Orgel komponiert. Und am Klavier auch ganz anders, viel intensiver. Ganz im Gegenteil zu Bach. Seine Orgelwerke empfinde ich als die Krönung seines Schaffens. Diese Erkenntnis hat mich zur Orgel geführt!
Ich habe schon einige schöne Beckeraths gespielt, in Würzburg, Wetzlar, Saarbrücken, Frankfurt am Main… Und bald in Heessen. Sehr unterschiedliche, alte und neuere. Und es werden viele neue gebaut, zum Beispiel auch ins Ausland, besonders USA. Auf dem Tisch lag das brandneue, weiße Buch Die Orgeln Hamburgs.
Ich wurde von Dammtor abgeholt, weil gerade ohnehin eine geliehene Truhenorgel (um die 40.000 €) zurück nach Wandsbek geliefert werden sollte. So eine Truhenorgel hätte ich auch gern.
Ja, die Welt der Orgeln ist wohl bedroht. Beispielsweise war die Elbphilharmonie-Orgel ursprünglich nicht geplant gewesen, wurde nachträglich durch einen einzigen Privatspender eingebaut. Sonst gäbe es keine Orgel dort. Viele Kirchen in Hamburg und Umgebung sind vom Schließen bedroht. Und die Orgeln? Sollen als Gebrauchtorgeln verscherbelt werden. In den Osten. Ins Ausland. Das geht doch nicht. Es gibt einen riesigen Gebrauchtorgel-Markt. Es wundert mich, dass die Kirchen dennoch sperrig, unfreundlich und konservativ bleiben, anstatt aufzuwachen und die jungen Leute in die Kirche zu holen, damit sie nicht dicht machen müssen. Stattdessen gibt es oft Streit, Lästereien, Regeln und Verbote, viele schlecht bezahlte, neidische Kirchenmusiker, die dann auch noch die letzten willigen Musiker vergraulen, und gut bezahlte Pfarrer, die von Musik keine Ahnung haben.
Aber ohne Kirchen und Kirchenmusiker sind die Orgelbaufirmen existenziell bedroht. Konzertorgeln werden viel zu selten in Auftrag gegeben. Die Orgel ist nicht abgekoppelt von der Kirche. In den USA sieht es da anders aus. Ich hoffe, Deutschland wird wieder ein christliches Land. Die vielen Orgel-Fans und Orgelfreaks bringen nicht das Geld und die Aufträge für die Orgelbauer. Was weiter hier noch wichtig ist: Neue Kompositionen für die Orgel!
Das Team ist jedenfalls sehr nett, ich wurde anschließend in die Kreuzkirche Wandsbek gefahren und habe dort an der Kemper-Beckerath-Orgel Mozart und Bach geübt. Sie ist neu restauriert; drei Manuale, schöne Zungen. Die Firma Kemper aus Lübeck gibt es leider nicht mehr, wie so viele Firmen nicht mehr.
Ich habe gefragt, warum bei großen aufwendigen Restaurationen die neue Orgelfirma nicht angeschlagen steht. „Das macht man nicht.“ Das finde ich demütig. Geübt habe ich am Ende des Tages auch in Altona St. Petri an der Schuke-Orgel. Dafür mussten wir quer von Wandsbek nach Altona fahren. Durch Hamburg durchfahren dauert mit dem Auto manchmal eine Stunde.
Es gibt in der Hauptkirche St. Petri eine große Beckerath-Schuke-Orgel, d.h. Schuke hat sie verändert, erweitert. Es gibt viele solcher „Misch-Orgeln“.
Ich habe oft das Gefühl, dass sich Orgeln freuen, wenn man kommt. Orgeln sollten immer viel gespielt werden. Es ist ja sogar schlecht für ein Auto, wenn es nur herumsteht.
Nun, die Traktur lächelt, wenn eine Frau spielt.
Haerpfer-Orgel im französischen Forbach Saint Remi
Sich des Lebens zu freuen, ist die beste Kosmetik. (Rosalind Russell)
Es war spannend, die wunderschöne, dreimanualige Walcker-Schuke-Orgel in der evangelischen Versöhnungskirche Völklingen/Saarbrücken an der Saar zu spielen, eine der klangvollsten Orgeln, die ich bisher kennengelernt habe. Die Kirche hat eine edle, hohe, oval wirkende Decke durch ein majestätisches Deckengemälde „über die Siegkraft des Evangeliums“, die Kirche ist jedoch oben nicht rund, es scheint nur so. Die unten thronende Orgel mit den ca. 55 Registern und den Löwenköpfen ist optisch sehr ansprechend angelegt. Ich liebe die Farben dieser Orgel und das Rückpositiv. Man kann hier alles spielen, Bach, Liszt, Neue Musik… Ich war von Anfang an eine Verehrerin von Walcker und Schuke. Hier in dieser Orgel von 1930 findet man beide Künstler vereint.
Man ist ab hier ganz nah an der Grenze zu Frankreich, ganz nah an Forbach. Überall gibt es schon französische Bäckereien und französische Lidls. Es gibt auch das Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Es ist interessant, Industrie als Kultur zu bezeichnen, und Saarstahl. Am Anfang, als ich das Wort Hütte ständig im Gespräch mit mir hörte, dachte ich, es wäre ein Slang, der hier für Haus verwendet wird, nach dem Motto Bude. Vielleicht fehlt es mir trotz meiner Reisen doch an Weltgewandtheit für andere Dinge als Musik. Onkel Toms Hütte? Oder Die Hütte, in der Gott eine schwarze Frau ist?
Die Saar fließt in die Mosel. Ich wurde dann ins französische Forbach gebracht. Dort gibt es in der großen, gotischen katholischen Kirche Eglise Saint Remi eine beeindruckende monumentale Orgel mit ca. 60 Registern, über 3000 Pfeifen und vier Manualen, eine Haerpfer-Orgel. Sie thront ganz weit oben, klingt mächtig ins Kirchenschiff hinein und besitzt im Prospekt viele Kupferpfeifen. Hier klingt vor allem französische Musik gut, französische Romantik und französischer Barock. Mozart und Bach eher weniger. Es war spannend, sie zu spielen, denn sie hat heftige spanische Trompeten und andere (scharfe) Zungen, als hätte man eine Ladung Chili in die Orgel gekippt. Die 32-Füße und eben dieses Chamade-Register machen die Orgel ohrenbetäubend laut. Mein erster kleiner, musikalischer Auslands-Ausflug 2020.
Das kleine Saarland ist eine beeindruckende Orgellandschaft. „Gehst du an einer Kirche vorbei und hörst du Orgel darin spielen, so gehe hinein und höre zu. Wird es dir gar so wohl, dich selbst auf die Orgelbank setzen zu dürfen, so versuche deine kleinen Finger und staune vor der Allgewalt der Musik“ (Robert Schumann).
Außerdem kann man hier wunderbar shoppen, obwohl ich nun wirklich kein Shopping-Typ bin. Aber mir wurden zwei besondere Läden schmackhaft gemacht, die es sonst nicht gibt, süße Läden alle rund um den St. Johanner Markt, dort habe ich mir in YaaYaa einen Samtschal von Monk & Anna gekauft, eine Stola, weich, in einem rauchigen hellen, etwas glitzernden Blau. Ein Blau, das sehr gut zu meinen Augen passt. Die Stola kann man sehr gut an der Orgel in Konzerten tragen, wenn es kalt ist. Es gibt Schalbinde-Apps auf dem Handy. Und man kann sich hineinkuscheln. Es gibt Leute, die behaupten, dass ich mich gern „verstecke“, hinter meinen langen Haaren oder in langen Ärmeln und Pulswärmern und daheim mit Kissen – und dieser Schal eignet sich ebenfalls hervorragend. Und warum sollte man sich nicht vor dieser Welt ein- und wegkuscheln?
Außerdem kaufte ich mir ein neues schwarzes Konzertkleid, zart-glitzernd, und ein rotes Tüll-Jäckchen von der israelischen Designerin Alembika in Autre Chose. Ich wurde sehr liebevoll von allen Seiten beraten und bekam am Ende dazu eine schöne grüne Tasche. Ich liebe zwar mein altes Samtkleid aus den USA, das ich auf allen Konzerten trage. Aber…
Essen waren wir im Luuc in der Türkenstrasse und in der Kartoffel, in der es typisch saarländische Kartoffelgerichte gibt, aber auch Lachsauflauf, den ich genommen habe. Es gab auch leckere Waffeln mit Mascarponecreme. Das Saarländisch ist ein lustiger Dialekt.
Es hat Spaß gemacht, die Mittagsmusik mit Mozart an der großen Beckerath-Orgel in der Ludwigskirche (1762-1775 von Stengel erbaut) zu spielen. Danach waren einige Kinder oben an der Orgel, denen vor allem mein eigenes Werk gut gefallen hat. Sie haben in Snö (Schnee) ein Stück gehört, in dem sie sie eine Maus erkannt haben, die in der Orgel herumgelaufen ist. 🙂 Die Erwachsenen haben den Schnee gehört, sie sagten, sie hätten „das weiße Rauschen“ und das Nordlicht erkannt, und wie unterschiedlich Schnee fallen kann und dass Schnee unterschiedliche Temperaturen hat. Das hat mir sehr gefallen. Das Stück ist eine Kompensation dafür, dass wir leider keinen Schnee mehr haben.
Danach waren wir auf dem Markt hinter der Ludwigskirche, auf dem ich zum ersten Mal saarländischen Mispelbrand probiert habe (ich konnte ihn nicht trinken, schon gar nicht „kippen“) und Bliesgau (Kirschbrand), der schon besser geschmeckt hat, da er süßer war. Der Mispelbrand wird aus Riesenmispeln hergestellt, erklärte man mir, und diese würde man „Hundsärsch“ nennen. Es gab auf dem Markt aber auch Eier, Wurst, Obst, Oliven… Es gibt auch ein Restaurant in Saarbrücken, das eine englische Karte hat, in der bestimmter Wein als „furzdry“ angekündigt wird (=furztrocken).
Es war natürlich auch sehr schön, in der Basilika St. Johann direkt am Johanner Markt die herrliche, fünfmanualige romantische Mayer-Orgel zu spielen. Sie hat ganz besondere Solostimmen, man kann unzählige Farbkombinationen zusammenstellen, und besonders Spaß macht es, Register zusammenzuziehen, die eigentlich nicht zusammengehören. Man kann hier wundervoll ausprobieren und improvisieren. Allein die vielen zarten Vierfüße, die es gibt… auf jedem Manual mindestens einen. Wenn ich eine neue Orgel kennenlerne, probiere ich momentan immer erst Mozarts Flötenuhr mit den Vierfüßen und arbeite mich von dort nach außen. Anhand der Vierfüße kann ich sofort erkennen, „wie die Orgel klingt und tickt“. Wir waren auch kurz in der Schlosskirche und in der schönen HfM und in der Musikschule. Es gibt noch einige tolle Orgeln, die hier kennenzulernen sind, die englische Orgel und die Orgel in St. Michael, der Silbermann-Nachbau in Forbach, den der Niederländer Koopmann einweihte, die Kuhn-Orgel in St. Arnual… Der Tourblog hilft mir, meine Gefühle und Erinnerungen zu reorganisieren für einen Gesamtsinn im Leben. Vermummen und ein-igeln und doch öffentlich sein, das ist kein leichter Gegensatz. Sind Menschen nicht etwas verrückt?
Das Saarland ist eine Erfahrung. Ich habe dort vor langer Zeit schon mal gespielt, jedoch war ich noch keine intensive Woche dort, und kenne nun mehr Orgeln und Kirchen als die meisten Saarbrücker. Interessant sind auch die Kompositionen von Theo Brandmüller.
Die Orgelpfeifen brauchen den Luftstrom genauso wie die Welt den Geist Gottes. Die Orgel steht zwischen Himmel und Erde wie wir.
Wie wunderbar ist es, dass niemand auch nur einen Moment warten muss, bevor er oder sie anfängt, die Welt zu verbessern. (Anna Freud)
Freue mich auf die Konzerte in Wiesbaden. Empfehlen kann ich die (Klavier)schulen Karl Philipp Emanuel, Martienssen, Neuhaus, Feldenkrais, Gellrich, Barlow. Heute fahre ich nun nach Saarbrücken.
Ich mag die alten Musikfilme gern, zum Beispiel Die Deutschmeister mit Romy Schneider; diese Filme sind so unschuldig, reizend, witzig und lieb. Wie von einem anderen Stern.
Wenn ich über das Leben von Musikern nachdenke: Da sind also Menschen wie Mozarts Vater, der einsam und allein stirbt, obwohl sein Sohn tatsächlich ein „Star“ geworden war – aber der Vater wollte etwas anders: einen Menschen, der agierte wie er, und eine königliche, sichere Anstellung. Und da sind Menschen wie Salieri, der tatsächlich ein „Star seiner Zeit“ geworden war, aber voll Gram und Neid, denn er wollte Mozarts Gabe haben. Und da sind Menschen wie Mozart, der wie ein Besessener komponierte, ähnlich wie Reger, und kindlich blieb. Stabile Genies scheint es nicht wirklich viel zu geben. Jemand, der mir einfällt, ist Bach.
Es kommt mir manchmal beim Üben so vor, als wäre meine Wirbelsäule mit meiner Nase verbunden.
Es war spannend, mit Roland Kunz die Beethoven-Abende Saarbrücken und Kaiserslautern Musik für junge Ohren zu planen. Das Buch der BUGA Heilbronn mit den Konzerten Klavier ist ebenfalls angekommen. Freue mich auf die nächsten Bundesgartenschaus.
Mozart an der Orgel ist spannend, weil man ihn nicht nur üben, sondern auch bearbeiten muss.
Es wundert mich, dass Beethoven keine Orgelwerke schrieb. Seine Musik hat so viel Grave und Gravität.
Unter eingefleischten, herkömmlichen Organisten steht das Wort Pianistin oft für zweierlei: Einmal für Ehre, Respekt und Achtung, und einmal für: eben keine Organistin (und wird hoffentlich nie eine werden).
Lecker und gut gegen Entzündung sind Zink, Zimt, Curry, Kurkuma, Bananen, Zwiebeln, Ingwer, Brokkoliwasser, grüner Tee
Lecker und gesund statt Fleisch sind Buttergemüse, Spinat, Brokkoli und Kohlrabi
Wenn man Reis erneut anbrät, dann etwas Wasser dazu, schmeckt saftiger
Die Orgelbewegung Teil 3
„Das uferlose Nachahmen alter Aufführungspraktiken“, „Stilgetreuheit“ und „Klangstil-Thesen“ (Eggebrecht) sind wirklich nicht die wahre Musik. Es gibt keine wahre Orgel oder wahre Musik. Alles lebt von Verzicht, das hat Eggebrecht sehr gut dargestellt. Es ist Heuchelei und tatsächlich normativ, dass „im Namen Bachs“ oder „im Namen Luthers“ die Orgelbewegung agierte (um die „wahre Musik“ zurückzuhaben und darzustellen), denn wohl Bach als auch Martin Luther haben abgelehnt, was zum Dogma erhoben wurde und haben beide neue Wege beschritten, waren eher Rebellen.
Es kann nicht nur neobarocke Orgeln geben. Es geht um Transformation, denn auch perfekt notierte Musik ist lebendig und nicht starr und fixiert. Karl Straube selbst spielte Regers Musik. Warum sollte er sich gegen Reger gewandt haben? Ich verstehe, um was es Schweitzer, Jahnn, Gurlitt etc. ging: Um Werte und die Schönheit und Einfachheit der gottesdienstlichen Musik, um ungemischte Eigenfarben, um die Suche nach Inbegriffen und Symbolen für die Wahrheit – doch Wahrheit ist Liebe und keine Kontrolle und Fixierung. Ich glaube, die Kirche und die Kirchenmusik haben in weiten Teilen Gott nicht erkannt. Unter anderem die Orgelbewegung zeigt dies mehr als deutlich. Sie erinnert mich an die Kreuzzüge.
Was macht Spaß, an den großen Orgeln zu spielen? Auf die Größe einer Orgel kommt es dabei allein gar nicht an. Natürlich ist es schön, mit der großen, dramatischen, deutsch-romantischen Seifert-Orgel auch entsprechend mächtig zu spielen. Aber das ist nur ein Effekt. Man kann den zarten Streicherchor mit nur einem Knopfdruck betätigen (chooses stops blind), den Flötenchor (puffig wie dicke Kissen oder Puffärmel), den Gambenchor (Streicher, sehr laut, da Hochdruck-Gamben) und den Prinzipalchor.
Das Oberwerk (2. Manual von unten) besitzt brillante Solostimmen, die lauter sind als die entsprechenden im Hauptwerk, dem ersten (untersten) Manual. Beispielsweise ist der Prinzipal 4 im OW viel lauter als im HW (Solo-Devision). Die Flauto Dolce im OW spielt sich wie Creme und klingt herrlich und butterweich, die Flauto Harmonique zusammen mit dem Nasard 2 2/3 (OW) klingt exotisch. Sehr schön ist auch die Clarinette im OW, sie klingt wie eine wirkliche Klarinette, nicht wie ein Fake. Toll ist auch die Schalmei im OW, eine Zunge. Und die Zungenbatterie und das Chamadewerk in französischer Manier von Romanus Seifert.
Von Register-Namen darf man sich nicht verwirren lassen. Manche heißen Horn und sind Flöten, andere heißen Pfeife und sind Zungen.
Mozarts Flötenuhr auf dem Fernwerk (4. Manual) zu spielen ist eine Wucht (Traversflöte 4 eine Oktave tiefer). Die Traversflöte 4 im Fernwerk trillert wie ein Wellensittich, dazu ihr „Mate“ Quintatön 8 oder Serafon 8 oder Cor anglais 8. Die Traversflöte 4 klingt zudem sehr schön zusammen mit Celesta oder Waldflöte. Die Traversflöte 4 ist auch allein einfach outstanding.
Die Orgel-Bänke haben hier alle eine Lehne, das gefällt mir. Das Pult lässt sich weit nach vorn verschieben. Ein Rückpositiv gibt es nicht, was ich erstaunlich finde. Das Rückpositiv hat ja wie in der Oper die Solisten nach vorn geholt. Doch hier sind die Solisten auch ohne Rückpositiv sehr präsent.
Doch wie lieblich klingt Mozart auch an der Chororgel, die mal ein Hochaltar war (wie auch die Orgel in der Beichtkapelle) mit der schönen Flöte im Schwellwerk.
Auch Mozarts Orgelwalze klingt hier toll und die Fantasie f-Moll. Ich mag auch sehr, wie Jean Guillou Mozart spielt.
Das Schwellwerk (3. Manual) hat besondere Klänge, Seraphonstreicher und einen sehr schönen Flötenchor: Rohrflöte 8 und 4, Seraphonflöten (Hochdruck, zwei Münder, a lot of Power), Concertflöte 8, Flaut amabile 8, Travers 4, Nachthorn 4 (Flöte), Flautino 2.
Mit das Wichtigste für mich an einer großen Orgel ist, dass die Orgel schöne Prinzipale hat, zudem viele schöne, verschiedene Acht-und Vierfüße und einen Flötenchor im Pedal. Die Prinzipale müssen wie Sprechstimmen sein, nicht schreien. Sie müssen Konsonanten haben, p-k – aber auch nicht zu starke, nicht sch-t. Man muss hören können, wo und wie die Pfeifen ansetzen und beginnen. Der Klang darf nicht zu flach, sondern sollte delikat und warm sein, auch nicht too bright, mit einem Crescendo nach oben.
Mit solch schönen Prinzipalen kann man jedes Bachstück spielen, ja, hier würde schon ein schöner Prinzipal 8 ausreichen. Hat man solche Prinzipale nicht, muss man ausweichen, was kompliziert werden kann. Auch im Pedal braucht es einen schönen Flötenchor, also mindestens einen Flötenbass 8, mindestens einen eleganten Vierfuß (Flöte4) und einige kernige 16- und 32-Füße (Subbaß 16, Oktavbaß 16). Und man muss gut und schnell alles koppeln können. All dies hat die erstaunliche Seifert-Orgel zu bieten. Ich bin gespannt, Kleuker-Orgeln kennenzulernen.
Interessant: Exakt gerade als ich Guillous Mozartorgelwalze auf YouTube abspielte, sagte Mozart im Spielfilm: „Ich habe sogar für eine Orgelwalze komponiert!“ I am a Pipe. Intoniert mich!
Lecker: Hier gibt es süße Pasta mit Birnen und Pflaumen. Und Pasta mit Gamben statt Garnelen. 🙂