1. Mai 2023: Von Misserfolg hängt deine Identität nicht ab. (AHS)
Foto: Salzburger Festspiele
Ich kann es kaum fassen, dass es schon Mai ist. Ein Jahr ist rund. Ist alles viel, komme kaum noch hinterher. Reubke hat mich eingesaugt.
Reeeeds, Leute
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Heute erinnere ich an die Schwedin Eleonora Lindström, an Louise Otto-Peters, 1819, Mutter der Frauenbewegung. Sie gründete die erste Frauenzeitung: „Dem Reich der Freiheit werbe ich Bürgerinnen“. Sie lebte in Dresden. Sie half, Frauen zum Schutz vor Männern zu bilden. Ungebildete Frauen waren / sind für Männer viel leichter zu dominieren.
Beethoven on Street
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Ich freue mich auf die Paulskirche und liebe solche symbolischen und geschichtsträchtigen Feiern und Gedenkstätten. Es ist mir eine Ehre, dort Bach und die Deutschlandhymne zu spielen. ❤️
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30. April 2023: Gott lenkt, die Künstlerin denkt, der Laie Johannes Sommer henkt. (AHS)
Tja. Die Zeiten ändern sich nicht.
Heute Reubke an Rieger. Der federnde, schwingende Anschlag. Das ist echt am Besten. Wusstet ihr, dass eine Orgel, die quietscht und klappert, besonders im Pedal, über Jahre entsprechend gespielt wurde?
Es gibt in der deutschen Orgelwelt 5 sehr verschiedene Gruppen. Ich beginne mit der größten, gehe von der Größe zuerst hin zur kleinsten Gruppe.
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1. Die sog. Orgelliebhaber, Orgelfreunde oder Orgel-Nerds, auch Laien, Semis usw. genannt. Das ist die mit Abstand größte Gruppe, hauptsächlich aus Männern bestehend. Sie haben nicht viel mit Musik am Hut und nicht Musik studiert und sind oft mehr an der Orgel bzw. deren Ausstattung und Technik als an Musik interessiert. Es geht eher um Lust auf die Orgel als Maschine. Je größer und lauter, desto besser. Bedeutet: Eine oft a-musische, wenn nicht gar unmusikalische Haltung und Gesinnung. Sie erkennen daher oft nicht den Unterschied zwischen sich und studierten Musikern – weil sie Gottesdienste spielen und damit lokale Helden ihrer Kirchen sind.
Musik ist meist nicht ihre Liebe, ihr Ziel und ihre Leidenschaft. In dieser Gruppe sind zum Großteil keine Musikliebhaber. Keine, die im Publikum sitzen oder sich mit Orgelmusik oder mit Musik auskennen oder diese lieben. Es sind Orgelnerds. An einer lauten Orgel kann auch der unmusikalischste Grobian tönen und „klingen“. Er muss ja nur ziehen und drücken. Manche aus Gruppe 1 betiteln sich sogar als „Konzertorganisten“, obwohl inkompetent.
2. Die Kirchenmusiker. Viele haben ihr Augenmerk nicht auf die Orgel gelenkt, sondern auf alles mögliche andere, Chor, Büroarbeit, Planen, Geldsammeln, Bürokratie usw. Ihre Ausbildung ist gut, aber querfeldein, es ist kein konzentriert künstlerisches Studium des professionellen Orgelspiels, sondern so weitläufig, dass Orgelspiel eins von zig andren Fächern ist. Dass man da überhaupt zum Üben kommt, das braucht enorm viel Disziplin und Talent. Viele Kirchenmusiker üben in ihrem Beruf kein neues (großes) Repertoire mehr, wenn sie überhaupt noch üben. Viele kommen gar nicht dazu, bzw. es hat ihnen sowieso nie Spaß gemacht, zu üben. Das technische und generelle Können allgemein an Tasten ist oft nicht vergleichbar mit Altersgruppe II Klavier bei Jugend musiziert, also mit 12jährigen Pianistinnen. Auch in dieser Gruppe sind die meisten Männer. Motto der Gruppe: „Und jetzt spielt die Orgel“.
3. Die Orgelbauer. Eine sehr künstlerische Gruppe, die nicht hoch genug zu loben ist. Ich wünsche mir hier mehr Frauen. ❤️
4. Die sogenannten Orgelsachverständigen, einige davon aus Gruppe 1, viele davon sind keine Musiker, was schlimme Konsequenzen hatte und hat: Kleine und große historische Orgeln wurden vernichtet, zerstört und viele Orgeln bis zur Unkenntlichkeit umgebaut. Es geht hierbei oft um Macht, Geld und Politik. Es fehlt in dieser Gruppe an Künstlerinnen und Musikern. Auch hier sind die meisten Männer.
5. Die mit Abstand kleinste Gruppe sind die Konzertorganisten, die kleinste Gruppe hier insgesamt die der Konzertorganistinnen. Viele aus Gruppe 1-4 registrieren gar nicht, dass es die Gruppe 5 überhaupt gibt (außer im Ausland) und sind irritiert und baff, wenn sie auf diese treffen. Bei anderen Instrumenten ist diese Gruppe ganz normal. Gruppe 5 sind die Menschen, die künstlerisch studiert haben, vllt sogar zusätzlich Kirchenmusik, und von Konzerten leben.
Für sie ist die Musik oben an, nicht die Orgel an sich, heißt, die Orgel wird nie als Maschine gesehen. Kleine, historische Orgeln werden von Herzen geliebt, weil Größe und Lautstärke nicht entscheidend sind. Im Gegenteil.
Das Repertoire, Können und das Territorium werden täglich erweitert. Ohne Üben, Konzert und Musik können sie nicht leben. Sie sind empfindlich, emotional, ehrgeizig, individuell, anders, geräuschempfindlich und leben in der Musik. Sie opfern viel dafür. Sie sind eine Rarität. Eine Seltenheit. Wie eine aussterbende Spezies, die man beschützen muss.
Sie spielen oft auch andere Instrumente, unterrichten und können auch andere Kunstformen. Sie sind an der Orgel wegenMusik und deren Kompositionen interessiert. Daran, wie man diese Werke gut spielen kann. Am know-how. Dazu kommt das Interesse zum Orgelbau.
Sie sind Künstler und suchen immer nach mehr. Acht Stunden üben am Tag sind für sie kein Problem. Sie lieben die Bühne, Reisen, Einsamkeit, Leistung und meiden Mobs.
Leicht zu sehen: Die Unterschiede sind riesig. Kein Wunder, dass es da clashen kann – bei den kaum zu vereinenden Interessenlagen. Kein anderes Instrument weist das so auf wie die Orgel: Hier trifft sich alles, vom Amusicus über respektlosem Charakterschwein bis zum Genie.
Beethoven
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Übrigens: Das klackende Geräusch von Dosen, die geöffnet werden, gehört meiner Meinung nach zu den hässlichsten Geräuschen.
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29. April 2023: Fordere die Sünde (nicht) heraus. (AHS)
Foto: Fehmarn
Entferne dich von herkömmlichen “Sicherheiten“. (P. Teilhard de Chardin)
Heute erinnere ich an Tony Sender. Politikerin 1888-1964. Sie setzte sich stets für Frauenrechte ein. Und an die schwedische Autorin Gunilla Bergström.
Sehr schöne Orgel:
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Zu Reubke-Ausgaben: die neuen (Schott etc.) sind sehr gut zum Üben (weil weit und groß), doch die alte Peters-Ausgabe (klein, kompakt, kleines Notenbild) ist sehr gut zum Konzertieren (wegen Blättern). Man braucht beide! Mit Schott kommt man mit Blättern im Konzert nicht weit. Man braucht also als Organistin auch sehr gute Augen, was ich habe.
Bachvermittlung
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28. April 2023: Bachs Well-Tempered Clavier ist eine Unterhaltung, ein Gebet. (AHS)
Kleines Ratespiel: Welche Takte sind im ersten Satz von Reubke bis Grave / Adagio die gleichzeitig schönsten und schwersten? Wer mir die richtigen Taktzahlen nennt (als erstes), bekommt meinen neuen Lyrikband geschenkt. 🙂
Bach Aria Steinway Flügel Shorts:
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Ich überhole mich ja oft selbst, aber: Immer noch enttäuscht bin ich, dass Bach nicht aus dem traurigen Tod seiner ersten Frau gelernt hat, die er jedes Jahr schwängerte und die deswegen schwach wurde und starb, während er ehrgeizig seine Karriere „machte“.
Mit der zweiten Frau, die ihre Karriere wegen ihm aufgab, ging er nämlich exakt genauso um, wohlwissend, dass er Anna Magdalena zumutete, eventuell ebenfalls früh zu sterben und sie 8 volle Jahre schwanger sein zu lassen, mit dem Wissen, dass viele Kinder damals gar nicht überleben konnten, heißt, sie „umsonst“ für seine Lust zu schwängern: Da war der Tod die anerkannte Abtreibungs- bzw. Verhütungsmethode auf Kosten von Frau und Kind für den Sex des Mannes. Damals starben die Frauen vor den Männern, obwohl sie viel jünger waren. Heute ist es meist umgekehrt. Männer sind oft viel älter als ihre Frauen, was ja auch einiges aussagt. Wenn Männer 15 Jahre älter sind als ihre Frauen, sind diese Frauen viel leichter zu manipulieren und zu beeinflussen. Männer suchen sich dazu nie Frauen im gleichen Alter aus.
Ich kenne kein (musikwissenschaftliches) Buch, welches das anspricht. Ihr? Im Gegenteil. Männer werden als Genies bezeichnet und Frauen als „weniger künstlerisch begabt“.
Meine Liebe zu Bach ist momentan in einer Krise, wie ihr merkt. Daher Themen-Wechsel.
Schweller:
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Nur in guten Befehlen sollt ihr der Obrigkeit gehorchen, bei schlechten aber kühn euch widersetzen! (Jan Hus) Das hat ihn das Leben gekostet.
Jan Hus
Hus wurde wegen Geld, Politik, Sex ermordet, da die Bischöfe, Kleriker und Päpste an Macht, Geld und Sex interessiert waren. Genau das kritisierte Hus öffentlich. Da hatten die sogenannten Geistlichen mit ihrer Gier große Angst vor Demaskierung. Deswegen versuchten sie, Hus zu verfluchen, zu verbannen, zu schmähen. Sie machten ihn schlecht, auch mit Lügen. Viele seiner „Freunde“ verrieten ihn plötzlich. Sie belegten ihn mit dem Bann. Er war ein Störenfried. Es ist heute nicht anders.
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27. April 2023: Hab immer ein Buch dabei, wenn du ausgehst. (AHS)
Heute erinnere ich an die schwedische Autorin Karin Smirnoff und an Mary Quant, die den Minirock erfunden hat. Und an Kiki Kogelnik, Queen of Pop-Art, lange vergessen.
Es gibt ASMR auch von Männern auf YouTube, und ein paar sind richtig gut. Aber bei denen finde ich es eher sexy als entspannend, und das stört mich dann beim Relaxen. Ich kann das nicht so gut vereinen. Daher lieber Frauen.
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Heute habe ich das erste Mal Reubke öffentlich gespielt, und zwar in Greifswald. Nach ein paar Wochen. Es hat viel Spaß gemacht, obwohl die Domorgel ohne Setzeranlage eine (zwar romantisch angehauchte, aber) neobarocke Orgel ist. Trotzdem passte es.
Raus aus dem Zug und ran an die Orgel und dann direkt Konzert nach 9 Stunden Fahrt in der kalten Kirche!
Ich finde es übrigens falsch, LO (Liturgisches Orgelspiel) „Improvisation“ zu nennen, da die meisten hier überhaupt nicht frei improvisieren, also weder Studierende noch Kirchenmusiker, sondern ein aufgeschriebenes, erlerntes Konzept abspielen, und zwar immer von der gleichen Art. Und an der Weise, wie sie sich verspielen, merkt man, dass sie ein erlerntes (notiertes) Schema abspielen, das so weit von freier Improvisation entfernt ist wie die Sonne vom Mond. Alles, was freier Improvisation näher kommt, ist sehr kurz. Der überwiegende Rest ist Schema F.
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26. April 2023: Nimm nicht den Rat der Gottlosen an. (AHS)
Foto: Erlangen
Entferne dich von herkömmlichen “Sicherheiten“. (Paul Teilhard de Chardin)
Buße ist kein einmaliger Akt, denn das Herz muss ständig zurück gerissen werden. (AHS)
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Heute erinnere ich an die schwedische Schriftstellerin Karin Boye (1900) und an Hilde Rakebrand, Direktorin des Porzellanmuseums Dresden 1940. Und an die Sopranistin Georgine Schubert, 1840.
Ich mag christliche Denkmäler.
Mein Gedichtband ist angekommen ❤️ mein op. 4 in Lyrik
Seit seinem 16. Lebensjahr wurde Mancini als Kastratensänger in Italien und Deutschland engagiert. Berühmt wurde er aber nicht als Sänger, sondern als Gesangslehrer. Besonders die Österreicher liebten den italienischen Star. G.B. Martini und Manciniarrangierten einen Part in Glucks Oper Alceste im Jahr 1778.
Mancini vertrat den virtuosen und komplexen Belcanto-Stil im Gesang (der heute oft als mysteriös gilt) und seine Verwirklichung und Abläufe in der Praxis als Kunstform und Tradition, existierend von Mitte des 17. Jahrhunderts bis hin zum frühen 19. Jahrhundert mit seinem Höhepunkt und Triumph des Kastratentums in der Oper. Das Kastratentum beherrschte über 150 Jahre lang den Gesangstil.
Kastraten und Belcanto
Die Pädagogik des Belcanto-Gesanges, aus dem Osten kommend, wurde bei Mancini berühmt: Virtuosität, Leichtigkeit und schöner Ton als Tonqualität sind seine Grundlagen, was sicher bis heute wichtige und gültige Grundlagen für Gesang generell darstellen. Mancinis Traktat ist eine typische Beschreibung der Kastratenvirtuosität: „Practical Reflections an the Figurative Art of Singing.“
Zur Erklärung: Die Praxis des Kastrierens von Jungen, die eine besonders schöne, einzigartige Stimme besaßen, war in dieser Zeit typisch. Diese kastrierten Sänger konnten später gefeiert werden auf Bühnen und ihre Familien gut ernähren.
Die Stimmorgane der Knaben, der Kastraten, der erwachsenen „normalen“ (natürlichen) Männer und der Frauen und Mädchen sindim Wesentlichen identisch. Es gibt keine grundlegenden Unterschiede in der Physiologie. Doch durch die Kastration ist der natürliche Prozess des Stimmbruchs aufgehoben, mit dem Ziel, daß der kastrierte Mann mit einem „weiblichen Kehlkopf“ sang, allerdings mit dem großen Kehlkopf eines Mannes, was die Klangfarbe besonders und einzigartig macht, ganz unterschieden von der Frauenstimme oder der vorpubertären Knabenstimme.
„Vorgetäuschte Stimme“
Manche bezeichnen diesen Vorgang als unnatürlich oder gar pervers, denn das normale Wachstum des Kehlkopfes ist durch diesen Eingriff bzw. diese irreparable Körperverletzung stehengeblieben, nur um einen männlichen Sopran zu kreieren.
Es gibt vier Arten von Stimme: Baß, Tenor, Alt und Sopran. Der Teil über der natürlichen Stimme (Bruststimme) wird Falsettstimme genannt, mit der Höhe und pathetische Effekte produziert werden können.
Nachdem der Schüler den Umfang seiner natürlichen Stimme (Bruststimme) kennenlernen konnte, sollte der Schüler seine Gedanken darauf lenken, die natürliche Stimme mit den ersten Noten des Falsettes zu verbinden und zwar in solcher Feinheit, daß die Verbindung nicht hörbar wird.
Gerade bei Kastraten fand die technische Grundlage des Belcanto Stils in der westlichen Welt Verbreitung und Anklang. Bevor sich der a-cappella-Stil verbreitete, glaubte man, daß die Stimme nur aus zwei Erscheinungsformen bestand: aus der „vox integra“, der natürlichen Stimme, und aus der zweiten Klangerscheinung, die man „vox ficta“ oder falsche Stimme nannte. Hierzu zählten die Falsettisten, die also die männliche Kopfstimme, in der Kehle erzeugt, gebrauchten und während des Singens des Diskants ihr Falsett gebrauchten und gezwungen waren, ihr Falsett über die Grenzen hinaus weiter fortzuführen.
Man sehnte sich also stets nach einer größeren Fertigkeit in der hohen Stimmtechnik bei Männern. Der Falsetto wird übrigens „vorgetäuschte Stimme“ (falso = falsch, limitiert) genannt.
Ein Lehrer, so Mancini, sollte sich bemühen, einem männlichen Sopran, der ohne Falsett nur ein paar Noten in seinem natürlichen, eingeengten Umfang singen könnte, zu helfen, hoch und virtuos zu werden, immer noch höher. Dies gelang bei Kastraten am besten, obwohl diese Fertigkeiten bei Männern sehr gekünstelt und unnatürlich waren, dennoch Belcanto (= schöner Gesang) genannt wurden.
Die Kastraten müssen sich ihre technischen Stimmfähigkeiten mit viel Disziplin und Ausdauer erarbeitet haben, denn ein Knabensopran kam nicht an die Virtuosität der Kastraten in der Zeit vor und während des Kastratentums (das sogenannte „Goldene Zeitalter des Belcanto“) heran.
Lehrer wie Mancini hatten das Ziel, die Gründlichkeit, die funktionalen Abläufe und die klangvolle Tonproduktion zu lehren, zu verfeinern und immer weiter zu entwickeln, den Verzierungsreichtum und die Raffinesse.
Leider kann man heute nicht wissen, wie die spezielle Toneigenschaft der Kastraten geklungen hat und beschaffen war, da es damals natürlich keine Tonaufnahmen gab. Wir können heute nur spekulieren und vermuten.
Manche behaupten, der Klang sei eine Mischung aus Knabenstimme und Frauenstimme gewesen, etwas dazwischen – was den Eindruck verstärkt, dass es etwas Unnatürliches gewesen sein könnte, nämlich ein männlicher Sopran, was es physikalisch gesehen nicht gibt.
Doch 150 Jahren nach dem Goldenen Zeitalter des Belcanto wurde die Gesellschaft müde darauf, Kastraten zu hören, denn der Text mußte sich ständig der Musik unterordnen und die Arien selbst schienen oft ohne Inhalt, eine leere, eitle Spiegelung von Läufen, Trillern, Arpeggios, Kadenzen und überbordenden und überladenen Verzierungsarten, dem Sänger angepasst, ohne größere Tiefe und ohne spannende Geschichten und Texte, die die Menschen hören wollten.
Ein Beispiel solcher fast ins Lächerliche führenden Ausschweifungen, die auch Christoph Gluck (1714-1787) den italienischen Sängern und Kastraten der Oper vorwarf, ist eine Passage aus Porporas Siroe, in der über 140 Töne auf einer Silbe gesungen werden, und in der Abschlußkadenz noch mal zusätzlich 12 Triller. Zu viel, wie Gluck fand, diese Effekthascherei des Singstils der Kastraten, die von vielen nur noch als dramatische Diven gesehen wurden.
In einem Artikel von Benedetto Marcello für „Il Teatro Alla Moda“ (1721) findet sich folgende Behauptung eines Zeitzeugen:
„Beim Singen einer Arie, kann es passieren, daß der Sänger pausiert, wo und wann er will; daß er in den Kadenzen die Passagen derartig frei Improvisiert und verziert, daß der Dirigent seine Hände vom Cembalo nimmt, eine Prise Schnupftabak nimmt und mit Vergnügen den Divo erwartet. Er treibt die dramatische Handlung seiner momentanen Stimmung und seiner Laune entsprechend voran, da er es weder nötig hat, Gefühle, die in den Worten ausgedrückt sind, wirklich zu verstehen, noch auf das Zusammenspiel von Gestik und Bewegung zu achten.
Beim Da capo wird er die ganze Arie so verändern, wie es ihm paßt, obwohl seine Varianten keinerlei Verbindung mehr mit der vom Kompositeur vorgeggebenen Harmonik hat, noch wird er Rücksicht auf die Orchestermusiker nehmen, obwohl diese Veränderungen sogar einen Tempowechsel einschließen. Niemand kümmert sich um einen werkgetreuen Aufführungsstil, da der Komponist des Werkes auf alles gefaßt scheint.“
Männlicher Falsett und kein Bruch in der Stimme
Mancini beschreibt in seinen Schriften vor allem den Gesang des berühmten Kastraten Baldassare Ferri (1610-1680).
Dieser besaß in Mancinis Augen Perfektion in jeder Stilart des Balcanto, ununterbrochen trillernd, mit atemberaubenden technischen Fähigkeiten und mit Ausdruck in allen Gefühlslagen.
Bontempi indessen kommentiert den Gesang von Baldassare Ferri (1610-1680) in seinen „Historica Musica“ so:
„Jemand, der diesen feinfühligen Sänger noch niemals gehört hat, kann sich kein Bild von der Klarheit seiner Stimme, seiner Beweglichkeit, von der bewundernswerten Leichtigkeit in den schwierigsten Passagen, von der Treffsicherheit seiner Intonation, der Brillanz seiner Triller und seinem unerschöpflichen Atemhaushalt machen.
Jemand, der ihn oft gehört hat, berichtet von der Ausführung schneller und schwierigster Passagen mit jeder Schattierung von Crescendo und Decrescendo; und gerade dann, wenn es den Anschein hat, daß er müde wird, brilliert er mit seinen endlosen Trillern, steigt auf und steigt ab in allen Graden der chromatischen Skala über zwei Oktaven mit unfehlbarer Genauigkeit. Und alles dies scheint nur ein Spiel für ihn zu sein.“
Mit Pathos sang Ferri laut Mancini zwei Oktaven in einem Atemzug herauf und herunter, akkurat die chromatischen Tonfolgen treffend, mit und ohne Begleitung, mit absolutem Gehör, nie zu tief oder zu hoch, so beschreibt es Mancini.
Welchen Stimmmechanimus es dafür braucht, dies legt Mancini in seinem Buch dar. Mancini betont, wie wichtig hierbei ein guter Lehrer ist, um technische Fehler zu erkennen und auszumerzen. Er lobt den Lehrer Pistochi, der seinem Schüler Bernacchi bei seiner Karriere half, indem er solche Fehler geduldig aufdeckte.
Bernacchi zögerte nicht, den Versuch zu unternehmen und traf sich zu einer festen Zeit mit seinem Lehrer, um zu üben. Während dieser Übejahre sang er weder in Kirchen noch in der Oper, sondern hielt sich komplett zurück, während sein Lehrer seine Technik kontrollierte. Am Ende dieser Zeit wurde Antonio Bernacchi ein hervorragender Sänger.
Mancini will daher mit seiner Schrift ermutigen, dass aus jedem fleißigen Schüler mit harter Arbeit und Disziplin unter einem engagierten Lehrer etwas wird und dass sich eine schlechte Stimme sich zu einer guten verwandeln kann.
Er lobt also in seiner Schrift nicht nur die Stimmen Hochbegabter, die von Natur aus edel sind, sondern auch die Arbeit der Lehrer, die belastete oder weniger begabte Stimmen verbessern, korrigieren und ihnen zu einem neuen Klangniveau verhelfen, ebenso den Fleiß und die Hartnäckigkeit von Schülern, die dieses Angebot annehmen und gehorsam und mit eisernem Willen mit dem Lehrer an ihrer Karriere arbeiten.
Gehorsam, Demut und Leidensfähigkeit setzt er voraus, um die Technik zu erlernen und die Stimme auf höchstes Niveau zu bekommen. Er betont aber, dass sich eine solche Strapaze lohnen würde und Früchte bringt.
Die Kastraten müssen sich ihre technischen Errungenschaften als aussergewöhnliche Vokalkunst hart antrainiert haben. Mancini hatte hier als sorgfältiger und gewissenhafter Lehrer großen Erfolg. Er war Schüler von Antonio Bernacchi und wurde Re del Cantatori (König der Sänger) genannt.
Mancini beschreibt Stimmtechnik genau zur Behandlung der Stimme und auch Solfege und Portamento.
Folgende Ratschläge gibt Mancini seinen Schülern:
Die Stimme muss sauber und klar klingen und darf nicht im Rachen stecken (di petto oder di testa). Diesen Ratschlag gab auch Pier Francesco Tosi (1647-1727) in seinem Buch Opinioni de’ cantori antichi e moderni (1723).
Die Stimme muss voll sein: Voce di petto, die ausdrucksstarke Stimme.
Die Stimme muss zudem auch sonor und beweglich klingen können: Voce di testa, von der Kehle her, nicht nur von der Brust.
Die Stimme muss einen brillanten Falsetto besitzen, in der Kehle erzeugt.
Die Stimme muss einen großen Umfang besitzen, bis über den vierten Zwischenraum, der C ist, hinaus oder bis zur fünften Linie, also dem D im Sopranschlüssel.
Die Stimme darf nicht brechen oder sich aufteilen zwischen der vorgetäuschten Stimme (Falsett) und der natürlichen Stimme, weder beim Höherschreiten zu den höheren Noten noch beim Herabsteigen zur natürlichen Stimme, sondern muß stets verbunden und perfekt vereint sein. Ein Lehrer sollte helfen, die vorgetäuschte und die natürliche Stimme so zu vereinen, dass sie nicht mehr unterschieden werden kann, um nicht Höhe und Brillanz zu verlieren. Der schlimmste Fehler sei laut Mancini, einen plötzlichen Wechsel in der Tonfolge von der natürlichen Stimme (Bruststimme) zur vorgetäuschten Stimme (Falsett) zu vollziehen. Dies sei ungeschickt und sehr unschön.
Die Klangfarben der Stimme mit ihren Stimmregistern (Vokalregister) sind dem Gebrauch von verschiedenen Registerzügen einer Orgel ähnlich, wie auch Tosi bestätigt, von John Ernest Galliard ins Englische übersetzt.
Klare Aussprache und offene Vokale sind wichtig (italienischen Vokale „a“ (agile, mare, anima), offenes „e“ (cette, tempo) und offenes „o“ (Ostia, Carlotta), zudem eine große Spannbreite im Crescendo und Decrescendo.
Der Sänger soll ohne Ticks, ruhig, selbstbewusst und lächelnd stehen, während er mit den Appoggiaturen beginnt, mit Trillern und Repetitionen fortfährt.
Da die Falsettstimme keine Kraft besitzt, muß die natürlichen Stimme (Bruststimme) bereits hochvirtuos sein und von Anfang an fein mit der Falsettstimme verbunden werden, damit ein eventueller Bruch unhörbar wird.
Voce di petto / Voce di testa
Mancini bespricht Verzierungen wie Mordent, Praller, Triller, Vorschläge und das messa di voce. Weiter schreibt Mancini über die Registerfrage: „Die normale Stimme teilt sich selbst in zwei Register, in das Brustregister und das Falsett.
Jeder Schüler, ob Sopran, Alt, Tenor oder Baß kann leicht den Unterschied zwischen diesen zwei Registern feststellen. Die große Kunst des Singens besteht darin, den Übergang von einem Register in das andere so zu bewerkstelligen, daß es für das Ohr kaum wahrnehmbar ist.“
Vincenzo Manfredini (1737-1799), MancinisKonkurrent, aber schreibt in seinem Buch „Regole Armoniche“ (Venedig 1797), übersetzt von Duey: „Die Verbindung von Bruststimme mit der Kopfstimme, die allgemein Falsett genannt wird, ist wichtig. Was die Verbindung dieser zwei Register betrifft: Man kann sie nicht durch Forcieren der hohen Brusttöne hervorbringen, sondern eher durch Stärkung der tieferen Töne des Falsetts; oder man mache das Gegenteil, wenn die Brusttöne sehr schwach und mangelhaft, und die Falsettöne dagegen voll und kräftig klingen.“
Ähnlich beschreibt es Domenico Corri (1746-1825), der fünf Jahre mit Porpora, dem Lehrer von Farinelli und Caffarelli, zwei der größten Sänger dieser Zeit, studierte, in seinem Buch „The Singers Preceptor“ (London: Chappell & Co), das 1810 in einer englischen Übersetzung zum ersten Mal veröffentlicht wurde.
Porporas Korrepetitor war übrigens Franz Joseph Haydn. Cori rät bei Gefahr von Bruch der Stimme, „lieber den tieferen Teil der Stimme zu opfern als den Bruch von der natürlichen Stimme zur vorgetäuschten Stimme zu riskieren“.
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25. April 2023: Viele Menschen haben ein kaltes, verkrüppeltes, gefangenes oder abhängiges Herz. (AHS)
Foto: Erlangen
Ich habe eine Notenständer-Phobie, da ich mir schon mal die Finger eingezwickt habe. Seitdem mache ich, wenn es geht, einen Bogen darum, sie aufzubauen, aufzuklappen etc. Sie scheinen nach mir zu schnappen. Die dünnen faltbaren sind die schlimmsten. Halten tun sie alle sowieso nicht.
Heute erinnere ich an die Komponistin Rachel Portman, erster weiblicher Oscar für Filmmusik, Claudine Gay, erste schwarze weibliche Präsidentin an Harvard, an Stritt Marie, 1855, Frauenrechtlerin. Und an Dr. Else Beil, eine der ersten Frauen, die sich in den Hörsälen für die Rechte der Frauen einsetzte.
Ich liebe Leipzig, die Stadt, in der ich mich als Pianistin völlig überraschend in die Orgel verliebte. Als ich durch die Stadt mit dem Auto fuhr und mich verfuhr, dachte ich, ich hätte eine Erscheinung, als ich das erste Mal das mir völlig unbekannte Völkerschlachtdenkmal sah. Ich mag den Mendebrunnen, den Augustusplatz, die Uni, die Alte Börse, die Museen usw.
Fortsetzung zum fiktiven Konzert, Teil 2, Dvorak Cellokonzert:
Dvořák schrieb es in den USA zwischen dem 8. November 1894 und dem 9. Februar 1895, obwohl er sich zunächst für das Instrument nicht erwärmen konnte. Zudem war sein erstes Cellokonzert von1865 in A-Dur (ohne opus) nicht erfolgreich – oder jedenfalls nicht gut genug in seinen Augen, denn er veröffentlichte es nie.
Der klassisch gegliederte erste Satz Allegro dauert ca. 16 Minuten mit dem eindrücklichen, süffigen und bekannten Hauptthema und dem darauffolgenden ruhigen Seitenthema mit Horn solo. Das sehr spät einsetzende Cello entwickelt schließlich einen eigenständigen und eigenwilligen Dialog mit dem Orchester als Soloinstrument. Der ganze Satz ist strahlend, fulminant.
Wenn das Cello einsetzt, später nur von zarten Flöten begleitet, ist man von der Wucht und Leidenschaft erstaunt. In diesem Konzert kann das Cello alles zeigen, was es kann: Es singt, kratzt, schreit, kitzelt alle Extreme aus, jammert, klagt und weist zurecht. Es behauptet sich gegenüber dem Orchester, ohne aufdringlich zu sein. Es bleibt in allem, was es tut, lyrisch. Auch ist dieser Satz kein typisches Allegro, sondern ähnelt eher einem Lied voll Sehnsucht.
Jacqueline du Pre ist auch in ihren begleitenden Linien fulminant und wild im authentischsten, schönsten Sinne.
Im zweiten ruhigen Satz, dem Adagio, ma non troppo von ca. 12 Minuten Länge, erklingt Dvořáks Lied „Lasst mich allein“ op. 82. Nr. 1. Es soll der Legende nach ein heimliches Liebeslied für seine 1895 verstorbene Schwägerin gewesen sein.
Jacqueline du Pre ist in ihrem Spiel so eindringlich wie ein Feuer spuckender frisch geschliffener Diamant, beinahe noch raw – mit einem Ton, der tief durch die Knochen dringt. In ihrem Spiel glitzert die menschliche Seele mit all ihrem Kummer und ihrer Sehnsucht.
Der schnelle dritte Satz, der Schlusssatz, das Finale. Allegro moderato von 13 Minuten Länge, beginnt ebenfalls ruhig, aber steigert sich immer mehr, zusammen mit dem Cello, das das Thema zum ersten Mal ganz spielt. Das Lied „Lasst mich allein“ erscheint in der Coda wieder. Daher wollte der Komponist auch keine Kadenz mehr haben.
PAUSE
(Getränke, Eis und Snacks im Foyer)
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Florence Beatrice Price: Symphonie Nr. 1 e-Moll (1931-1932) ca. 40 Minuten
Die erste afroamerikanische, schwarze Komponistin, die Beachtung mit „klassischer Musik“ fand, war Florence Price, am 9. April 1887 geboren in Little Rock, Arkansas, USA. Sie komponierte bereits als Kind und studierte Orgel und Klavier am New England Konservatorium.
Sie war eine der wenigen, die in beiden Konzertfächern einen Abschluss erzielte, sowohl in Orgel als auch in Klavier. Sie unterrichtete anschließend beide Instrumente, jedoch litt unter dem andauernden Rassenkonflikt in ihrem Land.
In Chicago fühlte sie sich sicherer, daher zog sie 1927 in diese Stadt, in der ihre Kompositionen erstmals von Verlagen entdeckt und veröffentlicht wurden, unter anderem vom G. Schirmer Verlag.
Sie wurde in ihrer Musik von Antonin Dvořák beeinflusst und ließ auch die Inspiration von afrikanischen Trommeln mit Upbeat in ihre Werke mit einfließen, so im dritten Satz „Juba Dance“ ihrer ersten Symphonie.
Ebenso zitierte sie Spirituals in vielen Kompositionen, so auch in der ersten Symphonie. Der majestätische, süffige erste Satz mit 18 Minuten Länge lässt schon eine Ahnung von klagenden, verträumten Negro Spirituals anmuten, so auch im Bläsersatz ihres Largos. Florence Price hat mit ihrem „Juba Dance“ den Stil Bernsteins bereits vorweggenommen.
Als Price ihre erste Symphonie schrieb, hatte sie sich ihren Fuß gebrochen. Es ist ein vierteiliges Werk, und Price stilistische Merkmale sind die Anklänge und Arrangements von Spirituals in ihrer Orchestrierung, die an Gottesdienst, Andacht und Kirchenmusik erinnern, jedoch auch an Schmerz und Ausbeutung der Schwarzen in ihrer Zeit.
Die beiden Schlusssätze 3 und 4 sind kurze tänzerische Sätze, der dritte „Juba Dance“ scheint Bernstein vorwegzunehmen, frech, mild-jazzig, Upbeat, der vierte ist ein kurzer, filigraner Tanz.
Mit dieser ihrer ersten Symphonie in e-Moll gewann sie den berühmten Rodman Wanamaker Kompositions-Wettbewerb mit einem 500 Dollar-Preis und war damit auch die erste schwarze Komponistin, die mit einem großen symphonischen Werk mit einem großen Orchester national Anerkennung fand.
Der Dirigent Frederick Stock mit den Chicago Symphonikern führte ihre Symphonie am 15. Juni 1933 auf. Es war ein großes Orchester gefragt: zwei Flöten, zwei Piccoli, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagott, vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Tuba, Pauken, Schlagwerk und der Streicher-Apparat.
Diese Aufführung verhalf ihr zum Durchbruch, und sie konnte ihre Werke, darunter Lieder, Orgelwerke, Klavierwerke sowie Chor-, Kammermusik- und Orchesterwerke, in Verlagen unterbringen und zur Aufführung bringen.
Ihre Musik galt lange als verloren, vergessen, bevor sie vor kurzem wiederentdeckt wurde. Mittlerweile gibt es Plattformen, Vereine und Gruppen, die ihre Musik bewusst der Öffentlichkeit zugänglich machen, damit in Konzertprogrammen nicht nur zu 99 Prozent Männernamen auftauchen. Viele Dirigentinnen und auch schwarze Dirigenten nehmen sich ihrer Musik an.
Karen Walayn beispielsweise sammelte Geld, um ihr Gesamtwerk einzuspielen. Es ist tragisch, dass Price viel zu selten auf großen Konzertprogrammen erscheint, besonders in Europa. Es muss aufhören, dass nur Männer gespielt werden. Dies ist eine absurde Tradition, die durchbrochen gehört.
Lydia Tar ist die erste Chefdirigentin eines großen internationalen Orchesters, der Berliner. Sie ist bekannt dafür, sämtliche große Zyklen der Romantik für die Deutsche Grammophon aufgenommen zu haben. Aufgrund ihrer einzigartigen Stellung war sie so umstritten, so dass sie eine Zeitlang auf die Philippinen flüchten und sich in vielen Intrigen verantworten musste, nachdem sie von ihrer Position gestürzt wurde.
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Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. (Jochen Klepper in seinem Tagebuch, offline damals, kurz vor seinem Tod)
Ein fiktives Konzert: Bernstein, Dvorak, Price
Leonard Bernstein: Three Dance Episodes from “On the town”
Antonin Dvořák: Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104 B. 191
Allegro
Adagio ma non troppo
Finale. Allegro moderato
Pause
Florence Beatrice Price: Symphonie Nr. 1 e-Moll
Allegro ma non troppo
Largo maestoso
Juba Dance
Finale
Konzert im Konzerthaus Amsterdam am 22. Juli 2023 mit den New York Philharmonikern unter der Leitung von Lydia Tar
Solistin: Camille Thomas (oder noch fiktiver: Jacqueline du Pre, auferstanden)
Leonard Bernstein: Three Dance Episodes from “On the town” (1945) ca. 10 Minuten
Der Plot von „On the town“ ist die Geschichte von drei jungen, tanzenden, unerfahrenen Seemännern, die 24 Stunden New York erleben und zum ersten Mal mit dieser mächtigen und spannenden Stadt konfrontiert sind, die ihre Bewohner für völlig selbstverständlich halten. Jedoch diese Seeleute kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus und verführen auch das Publikum zum Staunen über ihre Abenteuer.
Die erste Dance Episode (der erste Satz) heißt Dance oft he great lover. The great lover displays himself. Der romantisch veranlagte Seefahrer Gabey, etwas naiv, aber hartnäckig, ist in der U-Bahn eingeschlafen. All die vielen Eindrücke haben ihn komplett erschöpft. Was gibt es für schöne Frauen in New York! Er träumt, wachend und schlafend, von einer Miss Turnstiles, in die er sich verliebt hat und die er stark durch Tanz und seine Art beeindrucken möchte.
Die zweite Dance Episode (der zweite Satz) lautet Pas de Deux (Lonely Town), in der Gabey beobachtet, wie ein sensibles junges Mädchen im Central Park von einem abgebrühten Seemann verführt und dann wie eine heiße Kartoffel fallengelassen wird. Er ist dadurch sehr nachdenklich und bewegt worden. Die Musik hierzu ist Lonely Town, ein berühmter Song von Bernstein.
Das Finale, die dritte Dance Episode (der dritte Satz) ist Times Square Ballet1944 (Allegro) mit dem berühmten Ruf „New York, New York! It’s a helluva town!” ist eine feierliche Tanzszene aller Seeleute, die zusammentreffen im Roseland Dance Pallace, um zu feiern. Dieser letzte Satz kann auch separat aufgeführt werden.
Der erste Satz klingt nach einem typischen Bernstein, jazzig, amerikanisch, mit einem Hauch von Ironie und Witz: Voller Bläsersound, große Akkorde, fröhlich, wie ein Bläserjazzorchester, mit untergeordneten Streichern, ein Tanz mit Schlagwerk, Klavier, Synkopen, mit Pfeffer und Sprühkraft. Das Staunen und die Naivität der reisenden, umherstreunenden Seeleute sind in Musik getaucht. Unschuldig, naiv, ironisch und ein bisschen wie die Musik zu Tom und Jerry. Oft im Offbeat, gegen die Eins, so dass man selbst auch ohne Tänzerinnen und Tänzer die Füße beim Zuhören nicht stillhalten kann, sondern mitwippen muss, da die Musik so begeistert und fetzig ist.
Auch im Lonely Town gibt es die typischen Bernstein-Blue-Notes, die allem, auch dem Melancholischen, ein Augenzwinkern geben, ein abwinkendes Lächeln hineinzaubern, wie jemand, der sich selbst nicht ganz ernst nimmt. Mit einem Touch von Filmmusik wiegt uns das Lied in die Entspannung, ein wenig wie die Musik zu Lassie oder erinnernd an Unsere kleine Farm … Helle Flöten und Streicher, mit Anklängen von Rhapsody in Blue, mit abgedeckt hüstelnden Bläsern.
Dann der längste Satz, das eigenständige Finale, der dritte Satz: Bewusst frech quietschende Klarinetten, dazu tiefe Streicher, Bläser und Taktwechsel, fulminant bis zum Schluss, so endet Bernstein sein Werk – nicht ohne einen verführerisch langsam „schlurfenden“ Mittelteil im Swing zu präsentieren, im ruhigen Zweiertakt dirigiert, mit Saxofon… und Streichern, die Töne bewusst anschleifen lassen.
Mit Kastagnetten, Schlaghölzern und Piccolo-Flöte geht es dann schwungvoll weiter und steigert sich mit Streicher- und Bläser-Pizzicato bis zum Höhepunkt, dem Schluss. Denn zwischendurch besitzen diese Tanzeinlagen keinen Höhepunkt in dem Sinn, sondern steigern sich auf den Schluss zu. Dann verpufft die Musik, genauso frech wie sie gekommen ist. Ein fröhlicher Genuss!
Die Welt-Premiere dieses Werkes fand am 3. Februar 1946 im Civic Auditorium in San Francisco, CA statt. Bernstein dirigierte also ein Jahr nach Veröffentlichung sein Werk in den USA selbst.
Viel Vernügen!
Antonin Dvořák: Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104 B. 191 (1894) ca. 43 Minuten
Das dramatische und beliebte Cellokonzert von Dvořák ist sein letztes Solokonzert, für Antonins Freund Hanus Wihan geschrieben und ihm gewidmet. Das dreiteilige Werk wurde im Mai 1896 uraufgeführt, jedoch mit dem englischen Cellisten Leo Stern in London mit der Royal Philharmonic Society, da der Freund zu viele Veränderungen wollte und sogar wagte, eine Kadenz einzufügen. Der Komponist lehnte die vorgeschlagene Kadenz ab und dirigierte in London selbst, und zwar Stern. Es muss also Streit gegeben haben.
Das Cellokonzert h-moll ist eines der berühmtesten Cellokonzerte überhaupt und gehört zu den wichtigen Werken des Cello-Repertoires. Auch Johannes Brahms soll sehr begeistert gewesen sein, als er die Partitur zum ersten Mal aufschlug.
23. April 2023: Ich bin in einem Haus gefangen. (AHS)
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Der Kurs Kinderchorleitung war wieder sehr schön: Solmisation, Rhythmusschule, Solfege, Kodaly. Wo Kinder singen, öffnet sich der Himmel. Und abends haben wir schwarze frische Tortelloni, Hot Sanddorn, scharfe Fischsuppe und Salat genossen. Lecker! Leute angeln am Bodden und auf dem Marktplatz ist Kunst aufgebaut. Überall prangt das Symbol Anker. Mit Sonne und Radl ist in Greifswald immer Urlaubsstimmung. Touristen in teuren Windjacken staunen herum.
Ich denke mir manchmal, dass Chorleitung und Orgelspiel doch wenig gemeinsam haben, um zu einem Fach (Kirchenmusik) zu gehören. An der Orgel sitzen gefühlt die Autisten und vor dem Chor soll man plötzlich die extrovertierte Nudel sein? Hmmm. Auf der anderen Seite geht es um Musik und mehr – das hält das Ganze zusammen. ☺️ Und dann wieder spüre und weiß ich, dass es zusammen gehört: Man führt und leitet an der Orgel und im Chor und atmet und schwingt.
By the way: Ich empfehle Hindemiths Novelle über Bach.
My Chopin on Street Piano
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Arundel Cathedral Orgel, UK, 3 M (HW auf dem zweiten Manual), Richard McVeigh, aufgenommen (Youtube) im Januar 2023 als live-Konzert
Schreiben über Musik: Mozart KV 608
Rezension Mozart KV 608 f-Moll Große Fantasie für eine mechanische (Orgel-) Uhr (1791), ca. 12 Minuten, in drei Sätzen, „Die Große“
Der britische selbständige Konzertorganist Richard McVeigh mit seiner Reihe BEAUTY IN SOUND spielt hier dieses virtuose, komplexe Werk, das als schwierigstes klassisches Orgelwerk gilt.
Wolfgang Amadeus Mozart hat leider keine originalen Orgelwerke geschrieben, was bedeutet, dass seine Werke für mechanische (automatische, weltliche, selbstspielende) Flötenuhren, Uhren, Walzen, Orgelautomaten oder Spielapparate komponiert wurden, und diese Tatsache macht diese Stücke unbequem und schwierig für reale Spielerinnen an der Pfeifen-Orgel, die diese Werke dann oft für sich arrangieren und mit vielen Fingersätzen versehen müssen, damit sie spielbar werden; dies betrifft auch die Mozartwerke KV 594 und KV 616.
Alle drei berühmten Werke, die Joseph Deym-Müller um 1790 in Auftrag gab, die wenigen Werke für Klassik an der Orgel allgemein, abgesehen von u.a. Knecht und Schnitzler, sind mit ihren Trillern, Doppeltrillern, Kadenzen, chromatischen Läufen sehr anspruchsvoll.
Wolfgang gab hier keine Grenzen in der Virtuosität, da er an mechanische Apparate dachte, deren Antriebswerk eine Walze in Rotation versetzte. Zudem ist das originale Manuskript verloren gegangen. Bei Mozarts Werken ist man immer „auf Glatteis“, da man jeden Fehler sofort hört. Mozart selbst war auch Organist und von Orgeln fasziniert.
Dies merkt man an den Kompositionen, besonders am Pedalsatz – ein großer Unterschied zu komponierenden Nicht-Organisten. Dieses Merkmal haben wir bei Werken von Liszt, der kein Organist war. Liszt‘ Werke an der Orgel sind sehr pianistisch. Das sind Mozarts Werke eindeutig nicht.
Richard spielt die romantisch arrangierte Version von Walter Emery, was jedoch dem Werk keinen Abbruch tut.
Die elektropneumatische Orgel von William Hill mit 39 Registern in der katholischen neugotischen Kathedrale in West-Sussex besitzt horizontale Trompeten, die auch in Mozarts Werk verwendet werden.
Richard Mc Veighs Markenzeichen seiner gut besuchten Youtube-Videos sind seine bunten Socken. In diesem Video spielt er nur mit Socken, auf denen sich Saxophone und Frauengesichter befinden, seinem Ipad und einer Apple-Watch. Natürlich ist er ansonsten bekleidet, sogar mit Nadelstreifenanzug und Krawatte, aber er trägt keine Orgelschuhe.
Er wirkt mit seiner in dieser gewissen Weise lässigen Art sympathisch, während er live schwierige Werke interpretiert. Es besteht also ein Unterschied zu vielen deutschen Organisten männlichen Geschlechts, die eher ernst, konservativ und wenig locker rüberkommen im Internet. Auch Richards Youtube-Beschreibungen machen seine lockere Art, die bei deutschen Organisten undenkbar und verpönt zu sein scheinen, deutlich: „But d’ya know what?“ Er ist äußerst produktiv auf Youtube, da er nach eigenen Aussagen Aufnahmen liebt. Er hat sich hier bewusst eine Community aufgebaut.
Die große Akustik der Kathedrale trägt den großen Klang, auch wenn der Organist ein flottes Tempo gewählt hat. Aufgrund des starken Nachhalls von mind. 5 Sekunden Nachhall spielt er viel leggiero und artikuliert, um Luft zwischen den Tönen zu lassen, auch bei Kadenzen. Auch seine Triller sind oft non legato. Mit der Setzeranlage wählt er selbst die Farben. Auffällig ist, dass er sehr „geradeaus“ spielt, straight forward, ohne viel Firlefanz, komplett ohne Rubato und mit viel Drive und Zungenfarbe.
Obwohl das Werk in drei Sätzen gegliedert ist, ist es dennoch auch ein großer, zusammenhängender Satz, der nicht direkt in drei verschiedene Tempi bewusst ausgeschildert ist. Richard spielt die beiden Kopfsätze auch fast in einem Tempo durch, auch den Mittelteil verhältnismäßig rasch, während viele Organistinnen mindestens drei verschiedene Tempi wählen: Allegro moderato, Andante und Allegro.
Der Andante-Mittelteil, der an die manualiter Flötenuhr KV 616 (Andante, F-Dur) erinnert, nur eben in Moll und mit Pedal, wird trotz seiner vielen Praller, Triller, Terzenläufe und Pedallinien von Richard sehr flüssig und emsig gespielt, vielleicht mit einer Spur zu wenig Andacht; ich mag eher verinnerlichte Hände; ein wenig mehr Seufzen; allerdings sind die Flötenfarben und Streicher, die er wählt, zudem verschieden eingestellte Tremulanten, sehr geschmackvoll und delikat.
Bei Mozart ist jede kleinste Verstimmung, vor allem, wenn man mehrere Vierfüße zieht, Gedackt 4, Traversflöte, Spitzflöte 4 beispielsweise, sofort störend. Das orchestrale Denken in der Registrierung und in der Artikulation muß man überzeugend beherrschen, auch was die Stellen der Pizzicato und der Staccati angeht, ohne spitz zu rupfen, Triller ohne Endüberschlag, denn das Werk ist keine Kammermusik, sondern orchestral angelegt.
Wichtig ist hierbei, nicht zu fett zu registrieren, sondern stets edel und schwingend, was Richard gelingt. Die „kleinere“ Fantasie KV 594 ist eher kammermusikalisch angelegt, ein Trauerwerk, für einen Orgelautomaten, jedoch „die Große“ steht unter einem besonders dichten, langen, orchestralen Bogen.
Seine artikulierte Pedaltechnik ist beeindruckend, alles wirkt buchstäblich leichtfüssig und sicher, er spielt mit den Innenkanten, Knie ebenfalls nach innen. Für die Kadenz am Ende des zweiten Satzes hat er allerdings keine eigenen improvisatorischen Ideen, was schade ist; dies schleppt etwas.
Im dritten Satz, der virtuosen Fuga mit Gegenthemen, steigert sich Richard kurzzeitig beinahe in ein Presto, besonders im Stretto-Teil der Coda (Engführung). Sein Anschlag ist weich, aber mit Biss, seine Staccati dicht an der Taste, also kein aktives Staccato, was den Klang weich, rund und voll macht, ohne störende Betonungen. Denn bei der Orgel zählt das Herausgehen aus der Taste und nicht wie beim Klavier das Hineingehen in die Taste. Er lässt die Orgel singen, drückt nicht und würgt sie nicht ab. Unter den Bögen lässt er stets ein decrescendi anklingen, was den Klang ebenfalls abrundet und Phrasen markiert.
22. April 2023: Wenn ich durch eine sehr schöne Gegend gehe, habe ich dasselbe Gefühl, wie wenn ich spiele und alles gut läuft. (Jacqueline du Pre)
Es ist sonnig und windig in Pommern. Spargelzeit. Ich radle am Wasser und singe pausenlos Reubkes Stretto. Der Kinderchorleitungskurs ist super und macht total Spaß. Sehr nette Leiterin und Leute. Danach war ich mit einer lieben Chorleiterin in Wieck essen. Morgen geht es weiter.
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Jacqueline du Pre ist One of the best, die beste Musikerin aller Zeiten in meinen Augen und in meinen Ohren. Wenn ich an sie denke, finde ich, dass Barenboim seine Frau und die Musikerin in ihrer schlimmsten Krise zu sehr im Stich ließ. Als ich Barenboim in Salzburg bei den Festspielen erlebte, sass ich in der ersten Reihe und dachte daran und mochte ihn nicht. Er sah mir direkt in die Augen, irritiert.
Man kann Dissonanzen in den Metaphern, im Bildbereich hören, die sich auflösen. Ich liebe die deutsche Sprache; am Flügel bin ich Lyrikerin; wenn ich schreibe, Musikerin. Lyrik ist von jeder Form des sprachlichen Ausdrucks die, die der Musik am nächsten ist, da sie über klare Begrifflichkeit hinausgeht.
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