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Tourblog

01. September 2009

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Annahme ist wichtiger als Anerkennung

Es wird ein schöner Herbst, eine warme, dunkle, zarte Sonne bringt viel Ruhe. Meine Konzertplakate hängen überall. Sonntag ist das Konzert.

Heute morgen wurde eins meiner Lieder gesungen und geübt. Am Montag begleite ich eine Sängerin. Ich merke, dass ich mich neu mit Musik anfreunden muss. Meine negativen Assoziationen mit Leistung, Druck, Einsamkeit und Üben haben mich nicht erkennen lassen, was Musik eigentlich ist. Schönheit ist sie.

Meine Liebe und Zärtlichkeit allerdings steckten nur in einer unsichtbaren Welt, verschluckt in Leere, und nur in einem Körperteil: in den Händen. Manchmal hatte ich das Gefühl, meine Seele läuft auf meinen Beinen. Jemand sagte mir, ich sei eine empfindliche Denkerin. Es ist schön, wenn Menschen meine Lieder summen, ohne dass sie wissen, dass sie von mir sind und ohne zu merken, dass sie sie summen.

30. August 2009

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Darmstadt

Es war schön, in Darmstadt zu spielen. Es war ein kleiner, aber guter Yamaha-Flügel in schöner Akustik. Roh Kudus. Es ist erstaunlich, was eine Sprache über sein Land aussagt. Ich habe ein Angebot, in Jakarta zu spielen, der Hauptstadt Indonesiens. Dabei kann ich sicher einen Abstecher oder Urlaub in Bali machen. Aber zuerst werde ich in Ägypten sein auf der Kreuzfahrt, dann auf den Philippinen. Ich mag die asiatischen, indonesischen, thailändischen, feinen Menschen, sie haben so etwas Zartes und Feinfühliges, ich fühle mich wohl und bekomme bei ihrer Feinheit Gänsehaut, wohlfühlend, obwohl ich vom Aussehen völlig heraussteche.

In den USA habe ich sehr viel mit Asiaten zu tun gehabt. Aber es ist sicher anders, sie in ihrer ursprünglichen Heimat zu erleben. Viele von ihnen sind auch hin- und hergerissen zwischen Welten, sogar zwischen Kontinenten. Ich traf auch einige kleine Kinder und Erwachsene, die ‘Halbe’ sind wie ich, halb afrikanisch oder halb indonesisch; vielleicht fühlen sich Halbe instinktiv zueinander hingezogen. Mit einem Amerikaner habe ich anschließend Schach gespielt. Er hat an der Arizona State University gearbeitet, dort, wo ich 2 Jahre studiert habe. Er kommt sogar aus Arizona, aus der Wüste, hat auch an der Arizona State studiert, arbeitet nun in Deutschland. Ich habe das erste Mal auf Englisch Schach gespielt. Er hat mich während des Spiels über alles mögliche ausgefragt, über mein Leben, und Schach lief bei ihm nebenbei, nur als Mittel zum Zweck, während ich mein 31. Schachspiel gewinnen wollte. Er verlor im Gespräch viele wichtige Figuren, zumindest im Tausch, aber es war ihm egal. Ich habe niemanden so schnell spielen sehen. Plötzlich aber war seine Dame ungeschützt in dem empfindlichsten und gefährlichsten Teil meines Spielfeldes direkt an meinem König, es war Abzugs-Schach in Greifweite, und ich bekam seine lästige Dame nicht weg, während er sich einfach weiter mit mir unterhielt und völlig nebenbei gewann. Ich dachte mir, es ist unfassbar, wie manche Menschen Schach spielen. Irgendetwas mache ich verkehrt. Es läuft alles sehr gut, bis ich plötzlich eingekeilt bin. Ich spiele noch zu defensiv, ich vergesse symbolischerweise oft, dass es um den König geht. Ich bin zu sehr mit der Dame beschäftigt, mit der ich mich identifiziere.

Roh KudusBagi Mu Tuhan, Penuhi kami dengan RohMu. Kurindu kan selalu dalam hidup ku.

Viele Stunden geübt

Schach ist ein sehr ästhetisches und künstlerisches Spiel. Zu kombinieren ist für mich Sprache. Auch beim Schach heißt es Notation, durch sie kann eine Partie nachgespielt werden. Ob nun schnell oder langsam gespielt wird, beim Schach geht es immer um Zeit, um Timing, erst recht beim Blitz-Schach. Remis zu enden ist momentan für mich ein Erfolg. Die Bedeutungen der Türme, der Rochade und des Zuges en passant sind mir erst beim 20. Spiel aufgegangen. Es fällt mir schwer, schweigend Schach zu spielen. Heute habe ich gehört, dass mein Lachen ansteckend sei. Man muss sofort lächeln. Außerdem, dass ich Kunst studieren sollte. Ich kann nicht alles studieren.

Sitze in der Orgel

Öttingen

Das Konzert im Residenzschloss in Oettingen (Bayern) war sehr schön, das Schloß ist romantisch und der Saal auch. Ich hatte viel Ruhe auf der Bühne und genoß die Akustik, über mir die Renaissance Engel und die Bilder der Götter der Jahreszeiten, und als ich das Thema der Goldberg-Variationen als Zugabe spielte, was mehr Konzentration fordert am Ende eines Klavierabends als ein virtuoses Stück, so weich, so zart, als wäre ich in einer Seifenblase, als würde ich mich jemandem vierhändig spielen, er spielte unten, ich spielte oben, merke, dass die Symbolik eine Rolle spielt: ob nun Götter der Nacht oder Soli Deo Gloria. Es erstaunt mich, wie unfassbar geduldig Gott ist. Er lässt sich nicht reizen. Manchmal ist alles eine Frage der Sichtweise. Er ist der Mittelpunkt, nicht wir.

Heidelberg

21. August 2009

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Meisterkurs Saarbrücken

Der Wald hier ist herrlich, alles hängt voll Brombeeren und Himbeeren und Rehkitze springen furchtlos um einen herum. Die Probe lief sehr gut, ich übte in der Gnadenkirche. Die Mischung aus Improvisation und Komposition ist einmalig, auch gerade vierhändig, das Vierhändige an der Orgel. Es kommen mir dabei so viele Ideen, dass ich anschließend erschöpft bin.

Mein Schachspiel habe ich leider verloren. Kollegen und ich spielten im Speisewagen des ICE nach Frankfurt. Ich muss sagen, dass ich im Blitzschach besser spiele: Je schneller, spontaner und mutiger, desto besser für mich. Je länger, strategischer und schweigsamer, desto schwieriger für mich. Speisewagen in ICEs sind für mich ein sehr gemütlicher Ort, vor allem, wenn man darin einen Eintopf ißt, wie früher, als ich klein war und mit meinem Vater auf Konzertreise unterwegs.

Ohne Intuition fehlt etwas Entscheidendes. So möchte ich nichts auslassen, nicht Mathematik durch Sprache ersetzen.

Auch der Meisterkurs Bach in Saarbrücken war sehr interessant: Es ist schön, mit anderen aus Frankreich, Asien und Deutschland zusammen über Bach zu meditieren und sich vorzuspielen und zu lernen. Mittlerweile vergleiche ich fast alles im Leben mit Schach, selbst das Klavierspielen. Ich frage mich jedoch, wie ich das Intuitive verbinden kann mit kühler Logik, Konzentration, Erfahrung, Wissen, Brillanz und Mathematik — es muss sich verbinden lassen; ich bin mir sicher, diese Dinge schließen sich nicht aus.

Konzerte in Süddeutschland

Symbolik ist Logik. Da ich auf einer Trommel Gedichte schrieb, machte ich beim Schreiben ungewollt Musik und Rhythmus, und da ich vorher gemalt hatte, waren meine Arme und Finger voller Farbe. Der Klavierstimmer hat auf meinen kleinen Wink hin meinen Kawai im Kirchsaal gestimmt, nicht nur den Flügel, dafür bin ich sehr dankbar.

Heute ist der heißeste Tag des Jahres; ich werde gleich zum Zug gebracht, bin aber morgen abend wieder zurück. Ich weiß: mein Leben ist manchmal von Ausnahmen durchdrungen.

Treuchtlingen

Morgen ist mein Konzert in der Nähe von Treuchtlingen, ein Schloßkonzert.  Der Steinway im Saal hier klingt durch die enorme Akustik im weißen Gewölbe — und nach einiger Zeit Durstüben auf einem alten Kawai im Kirchsaal — wie prasselnde, glänzende Edelsteine von hohen Dächern herab geschüttet, ich vergaß alles um mich herum. Der Steinway ist nicht mehr der Jüngste. Die Tasten waren etwas holprig, aber er wickelte sich um mich, frisch gestimmt, und wollte mit seiner goldenen Klang-Zunge jede Ritze meiner Finger und des Hauses ausfüllen. Es gibt etwas Schöneres als normale Konzerte: wenn Menschen, die sonst nie in ein Konzert gehen würden, einfach so kommen und sich stundenlang mein Üben anhören und lächeln dabei. Es sind Menschen darunter, die noch nie mehr als Für Elise gekannt haben und plötzlich ruhig 50 Minuten Bachs Goldberg-Variationen anhören, ohne es zu merken.

Töne

Ich liebe Sommergewitter an Augustabenden. Wenn es draußen brodelt, blitzt und in langen silbernen Schleiern nach unten regnet, drückt das Wetter das aus, was ich manchmal empfinde — und das in einer Intensität, die ich liebe und die für mich reine Kunst ist: Der Himmel wird lila, rot, schwarz, silber. Duftender Wind mit kalten Nähten treibt die nasse Gewalt zum Tanzen auf warmem Asphalt. Wenn ich dabei zusehe, werde ich ruhig.

Und ich liebe das Meer.

Mir sagen manchmal Menschen: Wenn man so Klavierspielen kann, was nur wenige auf diese Weise so können auf der Welt… dann… dann ist man unabhängig von Menschen?

Musik vergeht, Ton auch, aber ich bin noch da. Es ist zwar Musik in mir, Rhythmus in mir, aber das Sein ist länger und eher da als Musik und deutlich wichtiger.

Traveling the world

Bad Homburg

Ich bin in der Nähe von Frankfurt und erhole mich im Thaunusgebiet. Ich wohne direkt über dem Flügel und übe aber auf einem kleinen Klavier versteckt im Kirchsaal. Viele Leute sitzen den ganzen Tag und hören mir zu. Sie sagen, sie fühlen sich gesegnet, mir zuzuhören. Ich muss durch meinen Berg von Noten durchkommen. Abends gehen wir im Wald joggen, es ist wunderschön.

Es kommt mir vor, als wären die Noten in meinen Beinen und rennen mit mir im Gesang davon.

Mit Lena Duo zu spielen war wieder sehr schön (Duo Passion, Violine und Klavier).