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18. Oktober 2025

Heute erinnere ich an Erna Lincke, 1899, Malerin.

Nach Stuttgart mit dem Zug zu fahren, ist eine Katastrophe. Es gibt von Franken und Bayern aus gesehen keine Direktverbindung, sogar Schienenersatzverkehr. Man braucht mehr als doppelt so lang als mit dem Auto, muss wirre Umwege fahren, und wenn man endlich in Stuttgart angekommen ist, soll man um einen ellenlangen Bauzaun herumlaufen, um überhaupt irgendwo hinzukommen. Überall ist Hässlichkeit, Lärm, Schmutz und Gewusel. Es hat sich über die Jahre hinweg nicht verbessert, sondern verschlimmert.

Im Bahnhofsgebäude selbst, wenn man es überhaupt so nennen kann, wird (und das ist das Schlimmste von allem) Schuberts Unvollendete gespielt, in all dem Dreck und Müll, und Bachs h-Moll, um Menschen fernzuhalten, die nicht willkommen sind und die trotzdem da sind: Betrunkene, Drogenabhängige, mit Schaum vor dem Mund und Rentner, die in Papierkörben wühlen, während die Geigen aus schlechten lauten Boxen spielen wie die Hintergrundmusik zu einem Horrorfilm. Ich stand mit offenem Mund da. Was ist aus den Großstädten und Bahnhöfen der Bundesrepublik Deutschland geworden? Was ist aus dem Stadtbild unserer Städte oder besser, aus unseren Städten und Menschen geworden?

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17. Oktober 2025

Ich lese von Ilse Pohl: Miniaturen. Johann Sebastian Bach.

Ich glaube, entscheidend für alles, was Johann Sebastian widerfuhr, war der Tod der Mutter. Ich glaube, dass die 8 Schwangerschaften (!) und der Tod ihrer jungen Kinder (!) und die unglaublichen Pflichten, zusätzlich einen riesigen Haushalt mit Gästen und Lehrlingen zu führen, sie getötet haben. Der Tod der Mutter war ein Schlüsselerlebnis und wird viel zu wenig beachtet in den Bach-Biographien. Er zeigt auch, wie Frauen und Kinder behandelt und misshandelt wurden.
Aber das, was wir mitnehmen nach dem Tod, ist unser Charakter.

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16. Oktober 2025: Würde J.S. Bach vor Freude über die Druckknöpfe der modernen Orgeln jauchzen?

Oder würde Johann Sebastian, um Albert Schweitzer zu zitieren, „seine Perücke in die Luft werfen und sich von einem ‚Orgelvirtuosen‘ belehren lassen, was man auf der modernen Orgel alles aus seiner Musik herausholen kann?

Ich verstehe, dass manche denken, der Ton oder gar der Klang der Orgel sei unbeugsam. Ich bin eigentlich froh, dass ich mit dem warmen, dynamischen Klavierklang aufgewachsen bin. Dynamische Instrumente machen sensibel und musikalisch. Die gewisse spezifische Unbeugsamkeit der Orgel hängt vielleicht zusammen mit der Härte gewisser Kirchenmusiker.

Allerdings sehe ich in der Unbeugsamkeit der Orgel etwas Schönes, Heiliges, vor allem dann, wenn die Unbeugsamkeit auf die brennende Leidenschaft in der Brust trifft.

Heute erinnere ich an Ruth Berghaus, 1927, Theaterleiterin.

15. Oktober 2025

Wir reden und streiten alle viel über Musik. Aber Musik ist so viel mehr als Instrumente spielen, sogar mehr als Singen. Musik ist innendrin. In der Luft. In den Blättern. In mir. In der Stille. Gott ist nicht Musik, aber er ist so groß, so künstlerisch, er kann gar nicht anders, als dass im Atmen, in der Liebe, im Sprechen, im Universum, im Klopfen des Herzens, in der Stimme und im Ton Musik ist. Im Wort Musik ist.

In der Lyrik. Im Leben. In der Schöpfung. In der Berührung.

Menschen streiten über Geschmack und Musikrichtungen, was gut, heilig, richtig ist. Aber wird man nicht erwachsen und wächst darüber hinaus? Und weiß, dass auch im finstersten Tal oder im Gefängnis, im Tod oder am Ende der Welt Gottes Stimme die schönste Musik ist? Menschen wie Bonhoeffer haben im größten Elend die schönste Musik geschrieben: Im Gehorsam. Im Leben. Im Wort. Im Segnen.

Letztendlich ist es weder J.S. Bach noch Hillsong, weder Orgel noch Schlagzeug, weder Pop noch Songs noch Choral noch Klassik – es ist .. ja was? Es ist der eine, der einzige, der zählt. Der klingt.

Denn ich mache keinen letzten Atemzug – ich atme hier aus und bei Gott wieder ein.

Und was wird der Himmel klingen!

14. Oktober 2025: Die Kränkbarkeit des Menschen ist die Hauptursache für Kommunikationsstörungen. (Hildegard Horie)

Heute erinnere ich an Tony Sender, Politikerin, 1888.

Als Konzertkünstlerin hat man es manchmal nicht leicht. Meistens ist alles wunderbar und schön. Doch manchmal (Gott sei Dank selten) treffe ich auf Verwaltler, die meist keine Ahnung vom Leben von Konzertmusikern haben, die mich 5 Mal eine Rechnung umschreiben lassen, bis sie ihnen passt, also möglichst viel Aufwand meinerseits für möglichst wenig Bezahlung ihrerseits und diese möglichst spät.

Denn ich bin ja seit 2016 keine Kleinunternehmerin mehr – das Wort Großunternehmerin gibt es allerdings nicht -, und manchmal zanken gewisse Verwaltler um 7 Prozent Umsatzsteuer mit mir, was ich schon seltsam finde, so geschehen gerade in Kirchberg, um 35 € Umsatzsteuer.

Dabei kosten Orgeln meist Millionen, die aufgrund mangelnder Konzerte massive Standschäden entwickeln, die ins Dreißigfache einer Konzertgage gehen. Ein Konzert spart mindestens eine teure Wartung.

13. Oktober 2025: Ein Großteil unserer Kommunikation besteht aus Irrtum. Missverstehen ist der Normalfall – wir merken es nicht. (Gerhard Roth)

Heute erinnere ich an die Sängerin Elisabeth Reichelt, 1910. Und an die kürzlich verstorbene Sofia Gubaidulina.

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12. Oktober 2025: Die Banalität des Bösen

Ich mag pneumatische Orgeln.

Ich empfehle sehr den neuen dokumentarischen Film über die jüdische deutsche Denkerin Hannah Arendt, ein Film von der genialen Chana Gazit. Viel Neues über unsere Geschichte ist hier zu lernen. Er ist sehr berührend. Man kommt nicht umhin, zu weinen, wenn man die originalen, teils schockierenden Bilder, Zitate, Stimmen und Aufnahmen von den Zwanziger Jahren bis heute sieht und hört.

Die Zeit von 1923 bis 1933 ist sehr lehrreich auch für unsere eigene Zeit. Wer hat damals wirklich begriffen, wie schlimm es werden würde? Wieviele sagten damals wie sie es heute sagen, es ist doch alles noch irgendwie ok… Ist doch alles nicht so schlimm… Das sind die, deren normales privates persönliches Leben überhaupt nicht tangiert wird. Die morgens zur Arbeit radeln und den ganzen Tag im Büro sitzen. Die eigentlich keine Ahnung haben, was uns bevorsteht. Und die es auch nicht sehen wollen.

Hannah Arendt hat schon früh die Zusammenhänge erkannt und war nicht überrascht über das, was kam. Wie viel weniger sollten wir überrascht sein. Sie war dennoch überrascht über den Massenmord an den Juden. Ich frage mich immer noch, wie das überraschen konnte!

Schockiert hat mich, dass Martin Heidegger Nazi und Ehebrecher war und dennoch bis heute als „Philosoph“ gefeiert wird, er, der jahrelang Studentinnen in Affären lockte und sofort klein beigab, als die Nazis an die Macht kamen. Und wieviele andere Männer! Was nützt es, wenn ein solcher Mann über ein neues „Weltverständnis“ schwafelt? Seine Lehren haben nichts verändert und hatten eher etwas Heuchlerisches und Sektenartiges.

Laut Hannah Arendt waren es gerade die Akademiker, die sofort eingeknickt sind. Sie hatten ja viel zu verlieren. Ist es nicht heute genauso? Die Banalität des Bösen.

Wenn man über diese kluge Frau hört und liest, die ja auch später massivst kritisiert und angefeindet wurde, so denke ich: Was unsere Welt verbessert und verändert hätte, wäre gewesen, kluge Frauen anzuhören und ernst zu nehmen und wertzuschätzen.

11. Oktober 2025: Und die Streicher, die Flöten, die Akustik und die 16-Füße.

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10. Oktober 2025: Was ist das, eine Orgel? So viel Gewalt und Zartheit.

Heute besuchte ich eine Freundin in Dresden. Ich freue mich sehr auf die Semperoper. Was mich immer am meisten an der Oper interessiert, sind Musik, Orchester und Dirigentin oder Dirigent. Dann erst die Sängerinnen und dann das Bühnenbild und dann erst die meist etwas dümmliche Geschichte der jeweiligen Oper. Intrigen, „Liebe“…

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9. Oktober 2025: Bei mir kerzt es das ganze Jahr über.

Die wahre Form des Dirigierens und der Chorleitung, die wirklich führen ist, sticht absolut heraus. Es stimmt, dass es einiges an Chorleitung und Dirigieren gibt, das eher an Choreographie erinnert, aber nicht an Leiten und Führen. Das wahre Führen, Formen und Färben des Klangs und auch das konkrete klare rhythmische Führen setzt voraus, dass man das Stück in-und auswendig kennt und auch das richtige Handwerkszeug besitzt.

Besonders das Arbeiten mit Profis hilft hier. Da das Arbeiten mit Profi-Sängern und Orchestern etwas anderes ist, als mit Laien zu arbeiten. Beides ist wichtig.

Man muss einfach in der Praxis stehen. Es ist ein Unterschied, ob ein Professor etwas erklärt, der kaum noch in der Praxis steht, oder ob dir jemand etwas zeigt, der absolut in der Praxis steht, und zwar am besten mit Chor und Orchester.

Ich erinnere mich, wie ich in Greifswald nie das Klavier zur Hilfe nehmen durfte. Der Flügel stand abgedeckt und verkettet in der Ecke. Stattdessen mussten wir mit einer winzigen Stimmgabel arbeiten. Wehe, du hattest die nicht dabei. Ich holte mir jedes Mal blaue Flecken, wenn ich aus der Stimmgabel einen Ton herausbekommen wollte, und schrie laut auf, weil du ja auf Knochen schlagen musst, damit ein gequältes a herausbricht.
Am liebsten hätte ich dem Lehrer seine Stimmgabel in den Hintern geschoben.
Seither bin ich allergisch gegen Stimmgabeln.

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