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Organistin

21. März 2020

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Ich habe mich aufgerafft, zu schmollen, dann konnte ich schon einen Blues schreiben. (Duke Ellington)

Die Wender-Orgel in der Bachkirche Arnstadt ist wunderschön. Das Pedal ist aufgrund der weiten Abstände nicht leicht zu spielen. Auch die Manuale sind, wenn man sie koppelt, nicht leicht – aber insgesamt eine klangliche Schönheit, an die man sich schnell auch motorisch und spieltechnisch gewöhnt. Besonders schön ist die Quinte 6 zusammen mit Gedackt als Solostimme, sehr schöne Gambe, wunderschöne Zungen. Sehr passend und glockig für Bachs Triosonaten. Schade, dass es Orgelbau Wender nicht mehr gibt, der in Dörna gewohnt hat, wo ich auch war. Er hat sehr schöne Orgeln hergestellt. Die ganze Bach-Orgel glänzt weiß und golden mit Engeln und Putten in einer hellen, weißen, beinahe durchsichtigen Kirche. Ich bin nicht nur ein Orgel-, sondern auch ein Kirchenfan. Zur Zeiten Bachs war alles braun wie in einer überdimensionalen Zigarrenschachtel. Die Fenster glitzern heute türkis-silber wie Opale. Die Logen sind noch wie damals, auch Taufbecken und das Gestein von außen. Die Akustik ist klar und fein, besonders wenn man unten die Steinmeyer-Orgel spielt.

Unter der Wender-Orgel thront der Spieltisch der romantischen Steinmeyer-Orgel (Spieltisch Laukhuff) mit Pfeifen u.a. von Hesse. Die Pfeifen sind versteckt in der weißen Wand. Hier klingen Werke von Liszt und Messiaen wunderschön, habe hier gleich ich Liszt B-A-C-H gespielt, Jörg hat geblättert. So kann man hier in der Bachkirche wunderschön alte und neue und romantische Musik spielen, beinahe alles. Auf den begrenzten Umfang der Bach-Orgel Arnstadt muss man sich einstellen, da oben im Pedal (und auch im Manual) cis und d  fehlen, die ja in Bachs Werken fast immer auftauchen. So muss man diese Stellen anders spielen und bearbeiten, nach unten versetzen, so auch bei der Trio-Sonate d-Moll und bei Bach 542, sogar Bach 543. Es war schön, Mittagsmusik zu spielen für die vereinzelten Menschen, die noch in der Krise Zuflucht suchen dürfen in der Kirche und andächtig lauschen. Den „lümmelnden Bach“ auf dem Vorplatz mag ich nicht so gern.

Sehr schön ist auch die Schuke-Orgel (Potsdam) in der Liebfrauenkirche. Wenn es dort auch sehr kalt war. Ich bin wirklich ein absoluter Schuke-Fan, war ich von Anfang an, auch wenn mir manche Menschen das „austreiben“ wollten. Aber alle drei Schuke-Orgeln der letzten drei Tage – in Gotha, Arnstadt und Mühlhausen, waren jede für sich einzigartig und wunderschön. Eine klangliche Wucht. Vielen Dank, Jörg!

Schlimm finde ich, dass unser Land dabei ist, alle Unternehmen, Selbständigen zu zerstören – alle diese Menschen haben sich viel aufgebaut. Diejenigen, die die Läden leer kaufen und jammern, sie würden sterben, sind hysterische Angestellte, die nichts zu verlieren haben. Da Homeoffice viel gemütlicher ist, plädieren sie darauf, dass alles still steht und zerstören damit das Land.

Ann-Helena Youtube

20. März 2020

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Menschen sind für das Jenseitige geschaffen, für das Erhabene. (Desmond Tutu)

Es war sehr schön, gestern an der wunderschönen Wender-Schuke-Orgel in Mühlhausen zu spielen (historisches Gehäuse). Für mich ist dies heiliges Gemäuer, fast ein wenig wie in Israel zu sein, wo ich schon zweimal war, obwohl der Vergleich natürlich hinkt. Aber immerhin war hier der, der in meinen Augen die schönste Musik der Welt geschrieben hat. Und er hatte es nicht leicht hier. Bach.

Der Altar und der Taufstein sind noch original aus Bachs Zeit. Die Orgel samt Prospekt wurde von Schuke nach Plänen Schweitzers rekonstruiert.

Einer der Kantoren hat dort eine schöne selbstgebastelte Wärmewand aufgestellt, und eine Orgel aus Strohhalmen lächelt vom Schrank herunter, sehr kreativ. Da es warm war, brauchten wir diese Schutzschleuse nicht.

Die Menschen feiern dort Andacht, was ich sehr gut finde, sie lassen sich nicht von heidnischen Verboten abhalten, während überall anders säkulare Privatparties gefeiert werden und Ostern näher rückt. Ich habe gespürt, dass Gott daran Wohlgefallen hat, wenn eine kleine Schar, ca. zehn  Menschen zusammenkommen und beten.

Es liegt letztendlich in seiner Hand, was passiert. Ich habe ein Passionslied mit ihnen gespielt und hatte Gänsehaut. Und Bach natürlich. Das Pedal ist anfangs nicht ganz leicht an dieser Orgel, aber nach einer Weile zieht sie einen hinein in den Klang, und alles gewinnt an automatischer Gravität.

Ich habe sehr genossen, an ihr zu spielen, und am Schluss war die Orgel „leicht“, so soll es sein. Gravität und Leichtigkeit, Klang, Fülle und zarte Verspieltheit. Ich liebe es, wenn ich spüre, dass auch meine Füße virtuos werden. Die Divi-Blasii-Kirche lag majestätisch in der Sonne auf dem Bach-Platz. Die Tür zum Orgelaufgang zu öffnen und zu schließen brachte mehr Übung als das Orgelspielen an sich.

Anbei von meinem 1. Semester damals in HfMT Hochschule für Musik Köln Cologne:

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15. März 2020

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As an organist, practicing „social isolation“ feels remarkably the same as ever. (Michael T.C. Hey)

So true. Und der lustigste facebook-Spruch so far. Das Wort remarkably gefällt mir hier besonders. Das gilt für PianistInnen natürlich genauso. Auch wenn ansonsten alles verrückt ist, lache ich mich über solche Dinge schlapp.

Der Klavier-Wettbewerb in Frankfurt heute in der Musterschule als Jurorin war sehr interessant, wenn auch anstrengend, 8-21 Uhr.

Es ist leider so, dass in Wettbewerben Politik eine viel zu große Dimension einnimmt. Männer sind sehr daran interessiert, Jungs mit Sonderpreisen zu versehen, vor allem dann, wenn Mädchen gewinnen. Da gewinnt ein Mädchen mit Höchstpunktzahl aufgrund einer hervorragenden Beethoven-Leistung, aber es wird dennoch ein „Beethoven-Preis“ aus dem Hut gezaubert und jemand anderem gegeben, damit dieser „nicht zu kurz kommt“. („Das Mädchen hat ja schon einen 1. Preis, sie wird schon genug Größe haben, ihm das zu gönnen.“ (Zitat)

Wenn ich nicht dabei gewesen wäre, wäre es sicher noch viel drastischer dazu gekommen, Jungs zu bevorzugen. Besonders laute Showoff-Stücke wurden überdimensional bepunktet. Ich war die einzige aktive Pianistin in der Jury. Es wurde sich nie darüber Gedanken gemacht, einem Mädchen einen Sonderpreis zu geben.

Obwohl ich gelernt habe, dass man sich nicht darauf verlassen kann, bei der Förderung von Frauen andere Frauen mit im Boot zu haben (im Gegenteil, manche Frauen sind fixiert darauf, Männern zu gefallen), habe ich beschlossen, mit der Förderung von Mädchen und Frauen nicht nachzulassen. Auch wenn ich noch nicht genau weiß, wie dies aussehen wird.

Ansonsten waren alle jungen Musikerinnen und Musiker heute beachtlich. Ich denke, Frauen und Männer mit Söhnen wollen Mädchen und Frauen nichts gönnen. Und Männer, die in der Schule Lehrerinnen hatten, von denen sie sich unterdrückt fühlten. Man kann sich nun genau vorstellen, wie es in (Orgel)wettbewerben wie ISAM und Wiesbaden etc. zugeht, in denen nur Männer in der Jury sitzen bzw. eine Frau (die meist eine ist, die Männern gefallen möchte, um beliebt zu sein, sonst wäre sie nicht ausgewählt worden – oder eine, die schweigt und lächelt) – oder in denen Leute wie Lohmann, Essl etc. in der Jury sitzen, die meist ihre eigenen Schüler gewinnen lassen und die es überhaupt nicht stört, dass in den Eignungsprüfungen und Wettbewerben nur Männer in der Jury sitzen und hauptsächlich Männer gewinnen.

Dieses Stück wurde in der letzten Kategorie auch gespielt:

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Seht, wie die Bäume, die Blumen, das Gras in einer tiefen Stille wachsen. (Mutter Teresa)

Gott liebt Stille. Ich auch.

Ich bin unglücklich, dass das Bach-Festival 2020 wegen dem Virus ausfällt. Aber ich freue mich, dass es auf 2021 verschoben ist. Ihr könnt mich dann dort in Arnstadt am 20.3.2021 hören. So etwas ist das erste Mal in meinem Leben. Das muss ich erst mal verkraften, ich habe geweint. So traurig. Aber so geht es gerade vielen Musikern, und diese alle tun mir leid. Ich denke an euch. Dieser Shutdown-Corona-Virus….

Was mir an der Orgel sehr gefällt ist, dass man durch gute Artikulation und gute Verbindung mit der Akustik der Kirche (so wie man beim Pferd am Zügel durch Training eine gute Anlehnung erhält, wie es genannt wird) das Sostenuto-Pedal wie am Flügel erfährt, das man aufblühen lassen, das man „kneten“, mit dem man arbeiten kann und das ich anfangs so vermisste an der Orgel – es ist da, wenn man sich sensibel und mit Erfahrung in die Akustik legt, besonders bei Mozart.

Anbei ein Orgelstück von mir: Tanz an der Orgel, vom Konzert Internationalen Orgelsommer Riddagshausen/Braunschweig an der Führer-Orgel in der schönen Klosterkirche.

Ich freue mich und es tröstet mich, wenn ihr dieses und alle meine Videos auf YouTube liked.

Und es gibt Neues hier:

Komponistin Ann-Helena Schlüter

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12. Februar 2020

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Wer Musik hört, fühlt seine Einsamkeit bevölkert. (Robert Browning)

Die Orgelwerke von Mozart sind Spätwerke. Das spüre ich, sie sind anders als die meisten Klaviersonaten.

Im April werde ich in Darmstadt interviewt.

Ich mag das Tränenstück von Sweelinck, das Troststück, die Fantasia crommatica. Das Original. Der Niederländer Sweelinck war der Vorgänger von vielen. Ich mag seine Form, die sich immer weiterentwickelt. Ich schätze es, wie er imitatorisch arbeitet, in Augmentation, in Diminution. Wie er verdichtet, Engführung, wie er entspannt, wie er mit Chromatik umgeht, mit Tempo:

Auf der einen Seite sehr meditativ, dann plötzlich brillante Läufe und Sextolen. Er hat wichtige Musiker vor Bach inspiriert: Scheidemann, der an der Pest gestorben ist (warum machte die Pest nicht Halt vor diesen Künstlern?), Praetorius, Scheidt, Scheidemanns Nachfolger Reincken… Der Komponist aus Amsterdam hat seine norddeutschen Künstler vermutlich auf plattdeutsch unterrichtet.  

Es ist nicht so leicht, das interpretatorisch Künstlerische zeitlich gut unterzubringen mit dem wirklich Künstlerischem: dem eigenen Schaffen. Das Üben ist dringlich für die Konzerte etc. – aber das eigene künstlerische Schaffen ist wichtig. Zwischen wichtig und dringlich gibt es einen großen Unterschied: Das Dringliche aufdringlich, drängend, fordernd. Jedoch das Wichtige zart, still, wartend, nie aufdringlich. Dem Wichtigen muss ich mich hingeben.

Aber wir sind dem Dringlichkeitswahn verfallen, eine Dringlichkeits-Sucht. Ich glaube, dies ist der Grund, warum große Künstler viel geschafft haben: Sie haben das Wichtige erkannt. Und das Dringliche beiseite geschoben. 

Die Werke von Reger sind nicht unverständlich und anstrengend: Die Choräle und Fantasien und kürzeren Werke sind eigentlich sehr klar und angenehm.  

Der Bachfilm von The Great Composers wird zwar dominiert von den subjektiven Aussagen der alten, männlichen Hasen der Bachszene, jedoch jedesmal lerne ich sogar durch diese Ausschnitte über Johann Sebastian, wie er wohl gewesen sein könnte – ich lerne zwischen den Zeilen. Bach muss das Komponieren der 200 Kantaten geliebt haben. Er muss geliebt haben, dass die Werke, noch warm, direkt geprobt und aufgeführt wurden, auch wenn oder gerade weil es oft Laien waren. Ich glaube, dass dies ihn lange inspiriert und ermutigt hat, denn gerade das „gemeine Volk“ schätzte seine Musik. Ob seine Musik später „galant“ wurde – ich würde das so nicht sagen. Im Gegenteil. Und Bachs Stil ist so eigen. 

18. Januar 2020

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Das Unendliche im Endlichen, das Genie in jeder Kunst ist die Musik. (Bettina von Arnim)

Widor, Vierne, Franck…

Begrifflose Begeisterung für Musik –

Dass das Beste an Musik Melodie ist, wie E.T.A. Hoffmann schrieb, dies stimmt meiner Meinung nach nicht. Mir gefallen Franck, Vierne und Widor dennoch sehr gut, ich habe Feuer gefangen für französische symphonische Musik, besonders die Suiten und Fantasiestücke von Vierne, Feux Follets, Clair de Lune, Impromptu, Westminster gefallen mir, aber auch die Symphonien 3 und 6 und Widors wunderschöne Fünfte. Was mich etwas wundert ist, dass wir bei Olivier Latry lernen, wie man französische Musik französisch (und eben nicht typisch deutsch) spielt, aber auf der anderen Seite spielt er selbst Bach französisch und nennt dies kühn. Seine Bach-CD ist Bearbeitung und Transkription, sicher gewollt, er verändert die Musik, erfindet Töne hinzu usw. Würden wir dies mit Franck oder Widor machen – oh, da wäre die Kritik groß. Wie kann dies sein? Ist Bach so universell, dass er jedem gehört? Sicher, aber warum gibt es dann starke Gesetzmäßigkeiten in der französischen Musik, die nicht kühn erneuert werden dürfen? Sehr schön ist die virtuose Kuhnorgel in der Kulturkirche Altona Ost (St. Johannis). Ohja, sehr laut, aber auch mit wunderschönen zarten Farben. Was ich ebenfalls liebe, sind die vielfältige Orgelkünstler*innen aus ganz Europa, die zusammenkommen.

Sehr mag ich die Musik von Sofia Gubaidulina, besonders Seven Words mit Akkordeon. Und sehr gut gefallen mir die Renaissance-Bußpsalmen von Melchior Franck und die italienischen Lamentationes von Durante. Ob Bach ihn kannte?

Nett, aber etwas steif finde ich die Musik für Orgel von Vincent Lübeck, ich mag seine Musik nicht so gern wie Bruhns, Buxtehude oder Muffat. Jedoch das Praeambulum G-Dur gefällt mir; und seine Cembalowerke. Den Kreuzweg von Dupré finde ich interessant – um kreuz und quer gegangen zu sein.

Es fällt mir auf, dass nur wenige Menschen andere Menschen führen können. Sie wenden nur einen Führungsstil an (und den auch noch unabänderlich); als würde ein Mensch nicht unterschiedlich weit entwickelt sein und wachsen in verschiedenen spezifischen Gebieten und Zielen. Es ist kontraproduktiv, dort Boss zu sein, wo jemand schon weit entwickelt ist, und dort im Stich zu lassen, wo Direktive gebraucht wird. Man muss den selben Menschen unterschiedlich führen können und immer wieder prüfen und diagnostizieren. Viele sogenannte Leiter aber behalten eine fixe Meinung, die meist sogar noch von Anfang an falsch ist. Warum? Aus Unwissenheit, Bequemlichkeit oder aus Mangel an Interesse. Es ist Arbeit, sensibel zu sein, richtig zu bewerten, zu delegieren, zu loben, zu trainieren und zu wissen, welcher Führungsstil in welcher Situation angebracht ist. Es ist leichter, zu herrschen, zu kontrollieren (Günstlingswirtschaft) und nicht zu wollen, dass der anvertraute Mensch wirklich richtig gut wird.

Der Film Amadeus über Mozart (oder besser über Salieri) ist recht vulgäres, dramatisches Entertainment, aber gut gemacht und berührend. Es ist wie bei Astrid Lindgren: Die Kunst fröhlich, das Leben voll Schmerz. Und: Realistisch ist, dass es im Leben oft um Neid, Mittelmaß, Genie und Wahnsinn geht.

Ganz süß finde ich den dänischen Laden Sostrene Grenes mit Gewürzen, Deko, Marmelade.

17. Dezember 2019

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Musikalischer Impuls 10:

Der Unterschied zwischen Orgel und Klavier

„Jeder von uns trägt ein unermessliches Potential in sich, das jedem Vergleich mit anderen widersteht.“ (Stephen R. Covey)

Bei der Orgel müssen sich Laien zunächst oft an den Klang gewöhnen, der etwas blurry wirken kann. Der Klavierklang dagegen wirkt schneidend klar und brillant, auch wenn tatsächlich ein großer Teil der Obertöne durch die Filzhämmerchen absorbiert und gedämpft wird. Bei einem Cembalo dagegen werden die Saiten durch einen Federkiel oder ein Plastik-Pendant angerissen. Hier reden wir daher von unterschiedlichen Stimmsystemen. Bei einem Flügel geht es lediglich um eine leicht modifizierte Gleichstufigkeit durch Spreizung.

Die Orgel übertrifft das Cembalo noch in ihrer Obsession für Obertöne. Obertöne stehen nicht unbedingt für Klarheit, aber auch an der Orgel können klare Klänge produziert werden, in allen Lautstärken.

Am Steinway braucht man, so sagen die Organisten, sehr viel Kraft. Ich empfinde das gar nicht so. Aber was ich empfinde: Ich brauche viel weniger Kraft an der Orgel. Ich habe zu viel Kraft, Hilfe! Die Orgel bebt.

Mir hat ein Umblätterer mal gesagt: Meine Energie wäre auf ihn übergegangen, hätte ihn geradezu angesengt, es wäre „ein tolles Gefühl“ gewesen. Er wäre verbrannt. Hm. Also, ich weiß nicht. Dass ausgerechnet die große Orgel so viel weniger Kraft braucht. Völliges Paradoxum. Und doch gerade nicht. Es ist eben ein Blasinstrument. Ökonomisch an der Orgel bleiben. Mir hilft, mir meine Seele als eine konische Pfeife vorzustellen; ich spüre die Länge meiner Seele; eine, die auf dem Kopf steht. (Wo der Pfeifenfuß genau steht, weiß ich nicht.) Sie strahlt in meine Gliedmaßen, besonders in meine Hände. Wenn meine Daumen, mein Nacken (Schaltstelle), mein Gehirn, meine Mitte und meine Handinnenflächen frei und entspannt sind, ist es auch mein Klang. Feldenkrais hilft. Mein Körper reagiert ganz automatisch. Die Mitte ist hinten, im Rücken. Ich muss nichts festhalten. Ich mag auch sehr gern Alexandertechnik.

Mixturen und Quintregister beschäftigen mich gerade. Quinta 3 ist 2 2/3 (der Tastenton C erklingt als Ton G, also als Quinte). Andere Quintregister in weiterer Flötenmensur werden meist Nasat genannt, selten Quinte. Mixtur III oder Cornett III (dreifach) haben drei Pfeifenreihen, drei Chöre, wie man sagt: Es klingen pro Taste drei Töne, meist im Oktav- und Quintabstand. Zimbel ist eine hohe Mixtur. In der französischen Tradition wird sie immer zur Mixtur gezogen, in Norddeutschland eher selten.

Sie besitzt unterschiedliche Zusammensetzungen, meist häufige Repetitionen. Es gibt aber auch Solo-Zimbeln, die mit Gedackt kombiniert für solistische Zwecke genutzt werden. Mixturen beispielsweise: 16, 8, 4, 2 2/3, 2, 1 1/3, 1, 1/2, 1/3, 1/4. Orgelbauer lieben Verdoppelungen, daher gibt es zusätzlich meist auch Einzel-Aliquoten, wie man die Terz- und Quintregister nennt. Aufgrund von Einzel-Aliquoten bräuchte es keinen 4-Fuß-Chor in der Mixtur. Gibt es aber oft, wegen der Lust auf Verdoppelung.

Im Grunde ist eine Mixtur ein großer Vielfach-Chor, mit Repetitionspunkten. Selbst in den alten Blockwerk-Orgeln gab es riesige Mixturen (12fach, 25fach) , die man hinzuziehen und wieder abstoßen konnte. In den alten italienischen Orgeln gab es dagegen nur Mixtur-Einzelreihen zum Kombinieren.

Ich liebe Beethovens Waldstein-Sonate, auch den alternativen zweiten Satz Andante Favori. Neben der Orgel wiederum am Flügel zu sitzen und den genialen Beethoven zu spielen ist sehr schön, Pathetique, Appassionata, Mondschein… Genial! Im Kontext immer genialer.

Seltsamerweise empfinden manche Songwriter Beethovenspielen als „Nachspielen“ und „Nachspielen würde ja jeder können; Chillout-Songs wären viel besser.“

Nun. Muss ich dazu etwas sagen?

Empfehlen kann ich heute den Film Nowhere Boy über John Lennon. Und ich mag die Filmmusik von ganz alten Schwarz-Weiß-Filmen wie beispielsweise Zu neuen Ufern. 

5. Dezember 2019

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Musikalischer Impuls 2:

LO – wie übe ich „Liturgisches Orgelspiel“?

Ob Bach anders komponiert hätte, wenn er in Hamburg die Stelle bekommen hätte? Hätte er beispielsweise Manualwechsel konkret notiert, da er eine ganz andere Orgel zur Verfügung gehabt hätte? Und ich frage mich manchmal, wie menschlich-bodenständig Bach eigentlich war. Da er musikalisch gesehen so revolutionär war! LO brauchte er sicher nicht zu üben.

Hier 12 Punkte zum Üben von LO / Liturgisches Orgelspiel: 

  1. Tonleiter harmonisieren, zurück Pachelbelbass
  2. was auch passiert, denke generalbassmäßig von unten her
  3. keine Angst vor Sextakkorden, nur eben nicht die Terz verdoppeln
  4. ein Gefühl bekommen für Gegenbewegungen
  5. Fugata üben, beide Hände unten, Kadenzen, Luft dazwischen, evtl. Pedaleinsatz
  6. Suiten üben
  7. Terzfall und Kadenzen enge und weite Lage üben und verbinden, auch mit Stimmtausch

Empfehlen kann ich heute den neuen Kino-Weihnachtsfilm Last Christmas. Hier kann man lachen und weinen! Perfekt!

Und einen Tipp für Adventskalender: Das Lukas-Evangelium hat 24 Kapitel, jeden Tag eines lesen bis Weihnachten!

Ebenfalls spannende Lektüre: Wild von C. Strayed.

4. Dezember 2019

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Musikalischer Impuls 1:

Orgel, Flügel und Orchester

Es kann sicherlich sein, dass die Orgel lange vor dem Orchester tonangebend war; dann wiederum übernahm das Orchester die Führung: Beethoven an der Wendemarke mit Oktaven und Bläserpartien; dann kam wieder die Orgel; und nun? Für mich ist besonders entscheidend, was die fundamentalen Unterschiede von Flügel und Orgel sind.

Hier 21 Punkte für Pianist*innen, die zudem Organist*innen sind (besonders für die Newbies):

Der entscheidende Unterschied liegt im Großen und Ganzen zwischen dem eindrucksvollen Klang-Legato (Singen) am Klavier und der ganz anderen Herangehensweise durch Artikulation an der Orgel. Es gibt das pianistische Legato an der Orgel nicht! Versuche es erst gar nicht. Vergebliche Liebesmüh! Auch nicht das klangliche Herausarbeiten der Spitzentöne bei Akkorden! 

Das typisch Pianistische ist oft fatal an der Orgel. Es muss hier ein automatisches klares Verstehen (warum was und was nicht) und dadurch jeweils ein Umswitchen geschehen. Am Flügel zählt das Hineingehen in die Taste, bei der Orgel das Herausgehen aus der Taste. Dies ist nachhaltig umzusetzen!

Orgel ist an sich strukturierter, nüchterner anzugehen, während mir das Klavierspielen durchaus auch intuitiv und sinnlich vorkommt. Der Flügel ist an sich schon sinnlich; dazu steht er einladend in einem warmen Raum oder beheizten Saal. Der Flügel ist nie eine Maschine. Er atmet schon lange, bevor ich komme. Die Orgel schlägt erst die Augen auf, wenn sie eingeschaltet wird. Sie ist erst kalt,  und um sie herum ist es ebenfalls kalt. Das Warme und Berührende entsteht erst (später). 

Mir liegt beides. Das Strukturierte und Intuitive. 

An der Orgel 21 Tipps:

  1. Triller mit 1-3 typisch pianistisch; sind an der Orgel, vor allem bei Stücken vor der Romantik, nicht ratsam. Es ist besser, mit 3-2 zu trillern. Zudem: nicht mit 4-5 trillern, besser mit 4-3. Sogar „blinde Triller“ beherrschen
  2. Triller ingesamt nicht im Stile Beethovens – also nicht zu gut trillern, nicht zu schnell und virtuos, sondern eher langsam, eher portato, kein (über)legato, sondern gezählt, metrisch 
  3. Triller meist non legato an der Orgel, vor allem bei Mozart 
  4. Triller am Klavier sind oft am Tastenboden, hier kann man dadurch immer noch unten weich, virtuos und klar trillern; jedoch an der Orgel ist oft der Druckpunkt viel höher; es gibt in diesem Sinne keinen Tastenboden; es muss also viel höher getrillert werden; und je langsamer (gefühlt Zeitlupe), desto klarer 
  5. kein Überlegato generell
  6. Vorsicht! Klang nicht instinktiv durch überlegato oder intensives legato erreichen wollen! Fatal an der Orgel
  7. kein Ellenbogen-Einsatz! Ellenbogen ruhig! Am Flügel die Ellenbogen „ausfahren“, jedoch nicht an der Orgel
  8. Hände dicht an den Tasten 
  9. Finger vorne an den Tasten 
  10. keine fliegenden, hohen Finger – du stößt nur ans andere Manual! 
  11. bei decrescendo und Seufzern Handgelenk hoch
  12. bei ausdrucksstarken Linien und Melodien nicht drücken (siehe Klavier-Legato), sondern leicht spielen – kein Gewicht
  13. wirklich richtig absetzen vor den Taktstrichen (nicht nur andeuten), auch wenn das am Klavier in diesem intensiven Maße nicht vorkommt – auch dann, wenn es nicht in den Noten steht (zum Beispiel Bindebögen)
  14. Ruhige Bewegungen; Kopf ruhig. Mach die Orgel durch intensive Körperbewegungen nicht kirre
  15. Setze deine Energie sparsam ein! Nicht die Energie in den Wind schießen und Kraft verpulvern, die du für die Konzentration brauchst. Stell dir vor, du spielst nüchtern und konzentriert auf Sparflamme. Verwende deine Konzentration für andere Dinge: Polyphonie, weiche Töne, Überlegung, welche Töne kommen später, welche früh, zarter Anschlag, Achtel erzählend, Sechzehntel ruhig, Koordination…
  16. verwende im Pedal viel Spitze, da die Ferse zum Überlegato verleitet; Knie manchmal über dem Fuß; viel Innenseite; sehr gut sind die Pedalschulen Germani und Dupre zum Legatospiel im Pedal: Die Feder überwinden, das Pianogefühl im Fuß bekommen
  17. Anschlag weich, aber mit Biss 
  18. Prüfe, ob die Tasten sperrig und damit von unten zu nehmen sind oder nicht
  19. Schleiflade: griff, mit Druckpunkt; Kegellade durchlässig wie Klavier ohne Druckpunkt  
  20. Bögen sind bei der Orgel keineswegs das Gleiche wie am Klavier, auch bei Mozart nicht. Es wird an der Orgel immer artikuliert. Mal ganz sanft, mal ganz deutlich. Andeuten reicht nicht. Wichtig jedoch immer: Unter den Bögen liegt ein decrescendo
  21. Pedal: Mit dem großen Zeh und der inneren Seite spielen; auch bei kleinen Füßen relevant. So üben, dass auch auf historischen Orgeln Stücke gut gespielt werden können; das heißt, viel Spitze. Vor allem in der Mitte der Pedaliatur sind Fersen nicht gut angebracht
  22. Es gib viele unterschiedliche Pedal-Technik, wie mit Fersen, Seiten, Spitze umgegangen werden soll. Die einen sind viel mit Spitze und Portato unterwegs aufgrund wunderschöner historischer Orgeln in Holland und Deutschland (alles vor Bach, Bach, Klassik, Frühromantik, Moderne), die anderen sehr mehr Legato und Ferse aufgrund französischer Schule und Romantik 

25. November 2019

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Die norddeutschen Orgeln

Ich freue mich, sowohl die norddeutschen als auch die süddeutschen Orgeln sehr gut kennenzulernen. Muffat kann man durchaus auf Ahrend-Orgeln spielen, vor allem auf den mitteltönig gestimmten. Man muss den Klang herstellen – schauen, ob dies überhaupt geht.

Das Besondere an den norddeutschen Orgeln ist, dass man sowohl auf dem Rückpositiv als auch auf dem Hauptwerk, auf allen Werken sowohl mit Solostimmen brillieren als auch klar und zart begleiten kann, die Orgeln sind so aufgebaut, dass immer alles gezeichnet klingt. Wichtig ist hier, dass man keine Achtfüße (oder gleiche Füße) gleichzeitig ziehen sollte, ausgenommen in der Registrierung mit Zungen (für den runden Klang) oder in Ausnahmefällen (Gedackte gleichzeitig für Schwebung).

Vogelerkundungen VI

Der Kampf mit den Tauben war recht intensiv. Ich musste sogar Orangen nach ihnen werfen. Das Vogelfutter steht nun ganz dicht an der innersten Balkontür, um es vor den dicken Tauben zu schützen. Das bedeutet, die Kohlmeisen müssen mit sehr viel Mut kommen. Aber sie kommen. Sie flattern leicht hysterisch in der Luft am Anfang, aber sie kommen. Leider scheinen mir die Tauben deutlich aufmerksamer und „klüger“ zu sein als die kleinen Kohlmeisen.

Neuer Track aus der Bach-CD (von Naxos, YouTube und hänssler Classic provided):

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