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Organistin

11. Dezember 2020

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Eine Durchlässigkeit des Klanges bis zur letzten Spitze des Raumes, nachts im Stillen, wenn alles ergeben und ruhig ist. (AHS)

Ich freue mich auf den Orgel-Kalender 2022, in dem ich eine wunderbare Orgel vorstelle. Nun, welche denkt ihr?

Ich liebe die As-Moll-Fuge von Brahms. Es ist ein Werk, das nicht so leicht ins Ohr geht („wie Peter Alexander“… ein Insider). Es ist ein klagendes Liebeslied für Clara Schumann. Ich finde ein so klassisch-dynamisches Werk immer eine wichtige Übung. Solche Werke spielt man nicht von hinten her, nicht aus der Legato-Sicht Regers, sondern von vorne her: neu gewachsen aus der Klassik, dementsprechend phrasiert. Dazu gehört die Analyse der Fuge, Linien, Imitationen und Artikulation.

Bedenklich finde ich die bewusst gehaltene Kluft zwischen Kirchenmusik und konzertant virtuoser Orgelmusik: Ein Schubladendenken und eine Trennung, die gar nicht sein müsste und die zu beiden Seiten hin schadet. Diese Kluft wird kultiviert.

Dabei geht nicht darum, dass sich die Orgel vom sakralen Raum trennen soll (diese Angst haben manche und denken an Cameron Carpenter), sondern darum, dass man die Orgel aus Verstaubtem, aus Heuchelei, aus Hierarchie und Neid befreit. Ich meine, was sind eigentlich Kirchenmusiker? Und wievielen Kirchenmusikern geht es wirklich um Gott? Oder um christliches Verhalten?  Na also. So ist doch die Sorge um die Orgel als ein heiliges Instrument nur eine Ausrede. Es geht mehr um die Angst und die Sorge, dass jemand viel besser spielen könnte als sie selbst. Oder jefraud. Dass man ihnen ihr Reich, ihr Revier streitig macht.

Die Orgel ist nicht nur ein Begleitinstrument. Man möge sich das bei einem Flügel vorstellen. Geradezu absurd, die Vorstellung. Die Orgel ist vom Wesen her überhaupt kein Begleitinstrument. Sie ist Königin. Natürlich nicht im überheblichen Sinne, sondern im Sinne von majestätischer Anbetung dem König, also Gott gegenüber (was jetzt nicht sexistisch gemeint ist, als müsse die Frau den Mann anbeten. Nein, es geht mir um das biblische Bild von Braut und Bräutigam, wie im Hohen Lied der Liebe in der Bibel).

Und es geht auch nicht um ein Ausstechen gegenseitig, nach dem Motto, entweder virtuos oder Improvisation oder Choral oder… Nein, sondern um Einheit. Das eine greift in das andere. Wie bei Bach. Wie können wir nach Bach so weit weg sein vom eigentlichen Sinn der Orgel? Vom eigentlich Sinn der Kirche?

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An der wunderschönen Trost-Orgel Waltershausen, Thüringen, erscheint offiziell 2022

Die gelbe CD HOLY SPIRIT

Holy Spirit, Holy Ghost, KOMM, HEILIGER GEIST: Release

audite Künstlerseite AHS

audite Künstlerin Ann-Helena Schlüter

Vielen Dank an Theophil und Ludger und Agnes. 14 Tracks. Booklet mit 23 Seiten mit Fotos, deutsch und englisch. 

Bach CD Release VÖ 2022 HOLY SPIRIT

Audite

Bach Orgel 

  • Bach Choräle Heiliger Geist F-Dur und G-Dur BWV 651 und 652
  • Bach Passacaglia und Fuge c-Moll
  • Bach Piece d’Orgue Fantasie G-Dur
  • Bach Toccata und Fuge d-Moll BWV 565
  • Bach Trio-Sonate d-Moll
  • Scheidemann Choral Heiliger Geist
  • Reincken Fuga g-Moll
  • Eigene Werke: Shades (Schatten) und Rapture (Entrückung)

Soli Deo Gloria

Die CD ist gelb und Gelb ist meine Lieblingsfarbe. Gelb steht auch für Freude, für Gold, für mein Haar, für den Heiligen Geist. Das Kunstwerk auf der Frontseite ist von mir, Acryl auf Leinwand, und kann ebenfalls als Original oder Kunstdruck gekauft werden.

 

 

Orgel-CDs bei audite, Klavier-CDs bei hänssler Classic

Fortsetzungs-CD: B-A-C-H von Liszt, Reger, Schlüter

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Ich habe mich so gefreut, denn ich kam spät von Luzern nach Hause, und da standen die beiden großen Pakete mit den CDs. Sie ist wunderschön geworden, ein tolles Booklet mit 22 Seiten, Fotos, Dispo, Vita, Übersetzung von Wolfgang Rathert.

Wunderschön ist der Klang. Es ist meine erste große Orgel-CD; meine zweite Orgel-CD insgesamt, meine erste habe ich schon 2018 bei Classicophon gemacht. Aber diese hier ist eine Wucht. Ich liebe sie. Sie ist süffig im Klang, perfekt registriert, perfekt aufgenommen, und das Pedal klingt so genial. Brausend, dass man Gänsehaut bekommt. Und es sind auch zwei Werke von mir darauf. Am schönsten aber sind Track 8-14, die großen berühmten Bach-Werke, BWV 565 d-Moll und die Passacaglia. Natürlich hat die CD 14 Tracks wie fast alle meine CDs. Denn 14 ist die Bach-Zahl.

Ihr könnt sie bei mir bestellen, mit meiner Signatur wenn gewünscht: 20 € zuzüglich Porto.

Die CD ist gelb, und Gelb ist meine Lieblingsfarbe. Das Gelb steht für Freude, für Gold, für mein Haar, für den Heiligen Geist. Das Kunstwerk auf der Frontseite ist von mir, Acryl auf Leinwand, und kann ebenfalls als Original oder Kunstdruck gekauft werden.

5. August 2020

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Es hört jeder nur, was er versteht. (Goethe)

Es stimmt, dass die Orgel eine sehr klare Sprache spricht. Üben bleibt wichtig. Noch wichtiger ist das Hineinhören in sich selbst. Soli Deo Gloria.

Es war schön, wieder in Lohr an der Sandtner- Orgel zu üben. Sie ist ein sehr schöne, tiefe, grundtönige, klare, „männliche“ Orgel mit süffigem Plenum. Lohr am Main ist ein süßes Städtchen volle Fachwerkhäuser. Es hat Spaß gemacht, mit Registrant zu üben. Ich habe auch mal die evangelische Kirche besucht. Heute nun das süße Marktheidenfeld.

Eine digitale, trockene Orgel (keine Hauptwerk) in einem trockenen Raum ist oft gnadenlos und zeigt, was nicht geht. So schlecht ist dies gar nicht. Dann muss der „Gnadenhall“ einer Kirche kein Gnadenhall mehr sein.

Es ist wichtig zu wissen, dass die Fußknöchel sehr aktiv sind. Besonders bei Liszt. Obwohl ich Schulen nicht so gern mag, sind gewisse Pedalschulen ab und zu gar nicht schlecht. Ich gebe zu, ich mag das sportliche Spiel, aber es darf nie hektisch werden, sondern immer gelassen und klar bleiben, mit leichten Achteln.

Registrierung finde ich nach wie vor faszinierend: Man muss die Ohren trainieren, einzelne Register ab- und annehmend gut in ihrer Wirkung erkennen:

a) Hat das Register eine Wirkung? Wenn nicht, weg. Denn dann ist es nur „Müll“ für den Klang und macht ihn unnötig dick und schwimmend. Vorher genau hinhören: Hat das Register wirklich keine Wirkung in dieser Kombination? Es geht nicht um Dezibel. Sondern um Fülle, um Körper, um Charakter, um Zeichnung, um Schärfe oder Farbe.

b) Muss ich Register austauschen? Welcher 4-Fuß oder welche Mixtur passt besser? Sich entscheiden. Nicht doppelt ziehen. Schon gar nicht bei einem Kornett.

c) Welches Aliquot hilft in dieser Kombination besser, zu zeichnen? Oder welcher 4-Fuß lässt die Quinte besser zeichnen? Höre darauf, was einen Klang schärfer und klarer und sauberer macht.

d) Sensibel sein mit Steigerungen. Werde besonders sensibel bei allen Registern, die „quietschen“. Finde die schönsten Register der jeweiligen Orgel und verwende diese besonders häufig und kreativ, z.B. Rohrflöte 8.

e) Tendiere nicht dazu, zu schnell zu heftig zu registrieren. Achte auf den Klang im Raum. Der Raum bestimmt. Sei sparsam.

f) Versuche den Klang, den du haben möchtest, in Worte zu fassen. Beschreibe ihn. Beschreibe den Charakter. Dann suche den Klang dazu. Oft ist nicht immer viel nötig, sondern nur die richtigen Register zusammen.

g) Wenn du trainierst, ziehe so lange und probiere so lange aus, bis du den Klang, den du haben willst, gefunden hast. Höre jedes einzelne Register durch. Vertiefe dich in einzelne Register, höre sie einzeln ab mit einem Ohr bis zum Altar. Höre ganz lang, im Raum, wie das Gedackt 8 hier klingt.

h) Teste kurz am Spieltisch aktiv aus, was du für eine Orgel vor dir hast. Höre den Klang der jeweiligen Orgel in dir. Dann aber registriere erst einmal anhand deines Wissens und deiner Augen mit den Registern, ohne  zu spielen.

i) Mixtur im Pedal ohne Zunge kaum in der Romantik verwenden.

Erstaunlich ist, dass die Hände an der Orgel vom Pedal getragen werden. Ohne ein stabiles Pedal nutzen schnelle Finger an der Orgel nichts, denn dann wird die linke Hand blockiert bleiben.

Nach dem Üben gibt es Zwetschgenkuchen mit Sahne.

25. Juli 2020

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Sollte es intelligentes Leben auf anderen Planeten geben, so gibt es ja die Chance, dass es das sogar bei uns gibt. (Royne Mercurio)

Es ist kaum zu fassen, wie unterschiedlich Bach Passacaglia gespielt wird. Die einen registrieren jede Variation, die nächsten spielen alles in einer Farbe durch. Dabei sind die unterschiedlichen, „widersprüchlichen“, „gegensätzlichen“ Lager der Standpunkte sehr massiv. Die Standpunkte anderer werden als „unmusikalisch“ und „falsch“ abgewertet. Man würde das Konzert verlassen, wenn jemand die Passacaglia anders spielt, als man es selbst für richtig hält. Ich finde, alles hat seine Berechtigung, wenn man sehr gut spielt. Ich möchte nicht nur eine Fassung haben, sondern mich immer wieder neu dem Stück nähern.

Es ist doch eine Entwicklung im Leben. Das einzige, was ich unmusikalisch finde, ist, 40 Jahre lang das Gleiche und die gleiche Fassung zu spielen. Man muss sich doch Neuem öffnen, wachsen und andere Meinungen anhören und ausprobieren. Ich bin immer durstig, neue Ideen und Standpunkte zu hören, auch wenn es anfangs verwirrend ist. Irgendwo in all dem sitzt die Wahrheit und finde ich meinen Weg. Mir fällt dabei auf, dass manche, die „schon lange im Geschäft sind“, die Dinge, die ich schon gehört und erfahren habe, nie gehört haben und überrascht sind. Weil sie sich nie dafür interessierten und nur einer Lehrmeinung gefolgt sind, ihr ganzes Leben lang.

a) Es kommt auch immer auf die jeweilige Orgel an. Wenn man ein wunderschönes Plenum und eine wunderschöne Orgel hat, warum nicht alles in einer Farbe spielen, wenn man den Drive, das Know How und die musikalische Technik dazu hat? Bach hat die Variationen so abgestimmt komponiert, dass dies möglich und vielleicht sogar (vom Notentext ausgehend) so anvisiert worden ist von ihm – denn wie sonst sollte der Übergang zur Fuge gedacht bzw. möglich sein? Man müsste einen Takt hinzufügen, wenn man hier registrieren will. Dieser Übergang zur Fuge ist ein Hinweis darauf, dass nicht umregistriert werden soll.

Wenn man unmusikalisch spielt, kann es „grauenvoll sein, 14 Minuten lang Posaune und Plenum zu hören“. Allerdings kann dieses Stück für mich nie grauenvoll werden, egal, wie gespielt. Die Passacaglia ist das schönste Stücke, das ich kenne. Man kann es nicht verderben. (Ich kompensiere zudem in meinem Kopf und höre, was ich hören will.) Jedes Mal bin ich aufgewühlt und verschwitzt, wenn ich es übe.

b) Auf der anderen Seite kann man natürlich registrieren, denn es sind ja Variationen – wenn man es musikalisch und sensibel tut – nicht jede Variation vielleicht, außer man sitzt an einer „schlechten“ Orgel, aber sich Punkte auswählen, wo es gut und geschmackvoll und passend ist, und dies mit der jeweiligen Orgel abstimmen. Man will ja keinen Flickenteppich haben. Wichtig hierbei ist immer die Ausgangssituation, mit welcher Farbe man die Passacaglia beginnt. Ist der Anfang tröstend, ist er schmerzvoll, ist er rau? Wie empfinde ich ihn heute? Das Stück bietet sich mir immer wieder anders dar, wie ein lebendiges Wesen. Ist der Anfang zärtlich, werbend, klagend oder dramatisch? Welche Kombination wähle ich? Eher piano oder forte? Das ist bei mir jedes Mal anders. Je nachdem, wie ich heute bin, wie das Stück heute ist, wie die Orgel heute ist. Wir sind alle drei lebendige Wesen. Und dies ist der Startschuss für meine Registrierung. Und dabei hat man immer Anfang und Ende einer Variation gleichzeitig im Kopf. Und vor allem die Fuge. In der Fuge zu viel zu registrieren finde ich eher bedenklich. Ich finde nicht, dass es nötig ist.

Es ist kaum zu fassen, wie unterschiedlich Liszt Ad nos gespielt wird und werden kann. Alle Begründungen sind nachvollziehbar und haben ihre Berechtigung. Ich könnte schon jetzt mindestens fünf unterschiedliche Fassungen spielen. Unterschiedlich sind sie in der technischen Herangehensweise, also in Artikulation (welches Legato, offen und pianistisch oder sehr dicht, wieviel Legato, was genau bedeuten die Bögen, wo setzt man ab und wie setzt man ab? Wie spielt man die Tonwiederholungen und Repetitionen, dicht oder ala Dupre…), aber auch in Agogikfragen, sehr stark abweichend in Registrierfragen, und auch, wie man es sich „leichter“ machen kann, wenn Linien doppelt sind, und dann Basisfragen zur Umsetzung allgemein an der Orgel – was lange Töne, was Pausen etc. angeht… Welche Noten-Ausgabe (hier werden nur bestimmte Ausgaben von „Lagern“ verwendet, dass es mir eher wie Politik vorkommt, nur um sich abzugrenzen), welche Zeit (28, 30, 34, original 45 Minuten), welche Tempi, eher Typus Orchester, eher Typus Klavier, was die Farben angeht. Ich finde alle Fassungen schön und berechtigt, wenn man es sehr gut (=musikalisch) und überzeugend spielt, an einer entsprechenden Orgel. Warum stur und festgefahren sein? Verrückt: Da wird wie wild transkribiert auf die Orgel, was auf den Flügel gehört, aber man schafft es nicht, originale Orgelwerke unterschiedlich zu interpretieren. Das passt nicht zusammen. Es ist schön, ein Orchesterstück daraus zu machen, wenn es die Orgel bietet, und schön, ein pianistisch-virtuoses Stück daraus zu machen, wenn man es kann. Schnelle und virtuose Tempi werden von den Organisten abgelehnt, die das selbst so nicht spielen können. Schön finde ich es, Gemeinsamkeiten zu finden – Dinge, die immer klar sind, für jeden, vielleicht sogenannte Wahrheiten.

Ich weiß noch gut, wie jemand zu mir sagte: „Ad nos ist ungefähr wie Liszt B-A-C-H, nur länger“ – da dachte ich mir: Na, dann – und fing an. Jetzt „im Nachhinein“ (ein paar Wochen später) denke ich mir, wie konnte man das zu mir sagen – das Stück ist mindestens dreimal so schwer und anspruchsvoll. Doch ohne diesen Satz hätte ich vielleicht nicht gleich begonnen.

23. Juli 2020

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Ich weiß nicht, welche Schönheit ich bevorzugen soll: Das Zwitschern des Vogels oder den Moment direkt danach. (Linda Olsson)

Frei übersetzt aus dem Schwedischen.

Ich trage meine Lieblingsfarbe: Gelb. Gern habe ich mein gelbes Eiscreme-Kleid an. Oft bin ich die einzige in der ganzen Stadt mit einem gelben Kleid, mit einem fröhlichen Kleid.

Schade ist, dass es Eismohr nicht mehr gibt. Ich habe das gern gegessen. Sie haben versucht, es umzubenennen, aber dann hat es keiner mehr gekauft. Ich habe gestern noch den letzten Rest der Schokosoße bekommen als eine Art Eismohr. Aber sie schmeckte alt. Dabei habe ich bei Mohr nie an Rassismus gedacht oder rassistische Gedanken gehabt, ich habe überhaupt an nichts gedacht, außer an Eis.

14. Juni 2020

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Bach schwingt zwischen Kadenzen und Höhepunkten, zwischen Abkadenzieren, das meist gleichzeitig ein neues Hochschwingen, neue Anläufe und kein Ende meint – dem manchmal beinahe unerträglich langem Nichtabkadenzieren; er schwingt zwischen lebendig Festlichem und Weichem. (AHS)

Es regnet in Strömen, aber das mag ich gern. Außerdem steigt die Luftfeuchtigkeit enorm, wenn ich die Balkontür aufmache. Die Instrumente baden und glucksen vor Freude.

Ich mag sehr Messiaens Orchesterfassung L’Ascension. Der Zungenklang im Orchester. Das ist tatsächlich eine ganz andere klangliche Vorstellung als ich normalerweise am Klavier hatte. Es gibt keine Zungen am Klavier. Das gibt es wirklich nicht. Daher fand ich Zungen erst mal nicht attraktiv. Aber jetzt schon. Sehr. Es ist, als hätte ich durch die Orgel neue Sinne erhalten. Neue Geschmacksnerven. Messiaen hat dazu beigetragen.

Ich freue mich auf die neuen Orgel-Aufnahmen und dass das Reisen langsam wieder los geht. Fast muss man sich an das erneute Reisen wieder gewöhnen. Ich freue mich auf die Beethoven Klavierabende, die Interviews und auf Marktheidenfeld. Es macht Spaß, an Orgeln zu improvisieren, wenn man mit Tastenfesseln einen Hintergrund legen kann und darüber mit spanischen Trompeten oder mit Superkoppeln Rhythmen zaubern kann. Kreativität ist viel sportliches Auspowern für mich. Ich brauche das ab und zu, sonst platze ich  – wie Leute, die unbedingt joggen gehen müssen.

Erstaunlich, wieviele von den Hobbymusikern oder Semiprofessionellen den Beruf der Musiker und Künstler als den härtesten der Welt abtun, etwas, von dem man nie leben könnte – was eine Lüge ist, offensichtlich. Man muss jedoch wirklich die Berufung dafür auf sich nehmen, sehr fleißig sein und das Leben lang daran feilen. Jedoch für viele ist dies alles nur ein Hobby in der Freizeit. Das ist eine ganz andere Geschichte.

Es geht beim Musikersein nicht um Beruf allein, sondern eben um Berufung.

Eine Berufung ist nie ein Hobby. Das schließt sich aus.

26. Mai 2020

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Ich bin froh, einer dieser Menschen zu sein, die problemlos Musik hören können, ohne dabei zu joggen. (Anonym)

In Concert, erster Aufritt nach der Krise in der Krise: Die schöne renovierte, neobarocke Hey-Orgel in St. Kilian Bad Windsheim von 1986 mit vier Manualen und Setzer-Anlage, Druckpunkt, aktives Pedal, ist sehr spannend, da sie noch in dem wunderschönen alten Prospekt von 1735 steht. Die Orgel wirkt riesig, wenn sie hell erleuchtet ist. Die große schöne Kirche St. Kilian hat viele Orgeln erlebt. Nach dem Stadtbrand vor sehr langer Zeit wurde in Bad Windsheim damals eine wunderschöne Wiegleb-Orgel eingebaut (siehe Ansbach), doch leider wieder vernichtet, dafür eine Steinmeyer-Orgel eingebaut, die auch wieder vernichtet… Viel Chaos nach dem jeweiligen Zeitgeschmack. Aber der herrliche Prospekt ist erhalten geblieben: Überall pfeifentragende Engel und zwei große Männerfiguren, die die Pedalpfeifen tragen. Diese muskulösen Männerfiguren und Engel schauen so verzweifelt und ächzend unter ihrer schweren Last, dass man an der Orgel spielend nach einer Weile, da man diesen Figuren und Engeln ins Gesicht guckt, fast etwas depressiv wird. Der Prospekt wirkt sehr schwer. Viele kleine Pfeifen sind verschnörkelt. Oben auf der Orgel thront ein Engel-Orchester.

Bad Windsheim ist viel kälter als Würzburg. Ich habe schon oft Klavierabende in Bad Windsheim gespielt. Nun Orgel. Auch in dieser schwierigen Zeit leuchtete die große St. Kilianskirche, mit ihrem Brunnen davor. Die Gäste (zwischen 80 und 90 Leute) wurden zu ihren Plätzen begleitet von lieben Damen mit Schutzmaske. Mein erstes Schutzmasken-Konzert. Die Presse war auch da in der ersten Reihe und hat Fotos gemacht. Habe CDs verkauft, mit rasch angelegter Schutzmaske, die mir eilig hinterher getragen wurde. Ich liebe es, mich hinterher schnell nach unten zu begeben und mich zu verbeugen. Die Leute finden diese Kombination „Ann-Helena und Orgel“ immer erstaunlich, das merke ich. Begeisterte emails hinterher erhalten. Anschließend war alles schon zu, aber wenigstens konnten wir zwischendurch tagsüber ein Eis essen und Kaffee trinken. Das Filmen hat Spaß gemacht, auch wenn es anstrengend war. Die Videos kommen bald. Danke, Bernd! 

Eine Orgel ist ein lebendiges Wesen wie ein Tier, sagen wir, ein Pferd (da ich gern reite und auch die Orgel einen trägt). Vor allem, wenn die Orgel schon oft umgebaut wurde, muss man sensibel mit ihr umgehen. Da sie erweitert wurde (die Leute mögen immer gern laute, große Orgeln, neue Setzer-Anlage, neues Extra-Manual und mehr Pfeifen…), stehen die Pfeifen hier eng gedrängt im alten schönen Prospekt. Ich aber glaube, für die Persönlichkeit einer Orgel kommt es auf keinen Fall auf Größe und Lautstärke an. Viele Männer reden immer von Riesenorgeln, von Erweiterungen, von größeren Motoren, von Universalorgeln. Aber das ruiniert manchmal anstatt zu verbessern. Denn dadurch werden Farben und Klänge auch zerstört. Die Orgel muss atmen und ihre Individualität behalten. Mir kommt es auf das Persönliche an, auf die zarten Farben. Man muss eben nicht alles auf einer Orgel spielen können. Im Gegenteil, sonst spielt man zwar alles, aber mehr schlecht als recht, weil nichts wirklich perfekt passt. Man könnte nie mit einem Pferd oder mit einem Menschen oder mit einem Auto alles können! Ein Rennwagen ist keine Kutsche und ein SUV kein Flitzer. Gerade die Entscheidungen machen eine Orgel aus, gerade der Verzicht! Aber das verstehen viele unmusikalische Menschen nicht. Dann haben sie aber auch Musik und schon gar nicht Bachs Musik verstanden, die von Verzicht und Entscheidungen lebt. Auch eine Orgel braucht einen festen Rahmen, zu manchem ein Ja und zu manchem ein Nein.

Wenn man also an einer neuen Orgel ist, muss man sehr kreativ mit den Farben umgehen und im Gehör haben, was man hören möchte. Denn man kann oft nicht die typischen oder die eigentlich „richtigen“ Kombinationen nehmen, sondern muss neue suchen, die dem Gehör nahe kommen, auch ungewöhnliche, „unrichtige“. Dabei hilft, zu koppeln, vor allem das Pedal zu koppeln, wenn man dort eine leise Zunge braucht, die es sonst nicht gibt, oder zum Beispiel mit den Händen mal im Vierfuß eine Oktave tiefer zu spielen. Natürlich muss man sich auch zudem motorisch an jede neue Orgel gewöhnen.

Wenn ich meine eigenen Stücke spiele, hilft mir das sehr, mich mit der jeweiligen Orgel anzufreunden, weil ich mich dann komplett individuell auf die Orgel einstelle. Das freut die Orgel, ich merke das. Ich werfe dann ihre Farben in die Luft und lasse sie strahlen. Ich wähle ganz instinktiv wie eine Malerin Farben aus, die zuvor noch nie oder selten kombiniert wurden. None mit Krummhorn, Plein Jeu mit 32-Fuß, Nasard mit Zimbelstern – ich komme dabei richtig in einen kreativen Flow, in Ekstase. Ich entspanne dabei. Die Orgel biegt sich mir freundlich entgegen, wie ein Pferd, dass endlich durchlässig den Rücken frei gibt. Die Orgel entspannt. Schnaubt ab. Und die Leute staunen. Natürlich ist es auch manchen Leuten zu experimentell oder zu verrückt. Das verstehe ich. Wobei mir es nicht experimentell genug sein kann. Daher habe ich auch immer ein eigenes Stück dabei, das etwas „normaler“ ist. Damit belohne ich alle. 

Ich sende die Videos, sobald sie fertig sind. 

Meine Instrumente genießen hier zuhause Luftfeuchtigkeit 50-55 %. An den Nebel habe ich mich ebenfalls gewöhnt und niese nicht mehr. 

12. Mai 2020

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Ruhe ist die Quelle jeder großen Kraft. (Dostojewski)

Ich verstehe schon, wenn manche meinen, Liszt an der Orgel sei etwas oberflächliche, gar düstere Musik. Aber mir gefällt es schon, es hat doch etwas Wunderschönes, und ich muss sagen, das Orchestrale und die Melodieführungen ist genial: Ich übe nun Ad nos von Liszt, mein bisher längstes Orgelwerk von knapp 30 Minuten. Es ist auch historisch gesehen das erste große symphonische, experimentelles Orgelwerk. Da ist dem Franz Großes gelungen. Er hat eine neue besondere Gattung mit angestoßen und initiiert, und das in vielen Fassungen. Das Werk wird sehr unterschiedlich interpretiert, auch improvisiert. Ich vergleiche dabei oft meine neue UE-Ausgabe mit der alten Straube-Ausgabe. Schon B-A-C-H von Liszt habe ich sehr gemocht, auch wenn dieses viel kompakter ist, nicht so „redselig“.

Auch dass Liszt tutti tenuti „erfunden“ hat, finde ich sehr schön. Die romantische Orgelmusik mit Reubke  und Reger, vor allem in ihrem historischen Kontext und in ihrer Zeit gesehen, hat schon etwas Faszinierendes. Und Liszt liegt mir besonders gut. Die Agogik und Dynamik und Virtuosität. Jedoch vom stundenlangen Üben tun mir manchmal wieder die Hände weh. 

Bei Bach liebe ich die Hexachorde, diese alten, heiligen Linien aus dem 17. Jhd., die er noch verwendet, vor allem in Piece, die drei Hexachorde Durum, Mollum und Naturale. Bevor er Piece schrieb, soll seine erste Frau gestorben sein. In diesem Werk ist Heiligkeit, aber auch ein Liebeslied zu hören, Zartheit, Ewigkeit, Schmerz und Glocken, als wäre bei Bach Tod und Beerdigung und Ewigkeit und Freude auf den Himmel, Aufstieg, Abstieg, Aufstieg  miteinander verwoben, als würde er vertikal und horizontal den Rahmen sprengen, so auch in der Passacaglia.

Klais-Orgel Würzburg 

18. April 2020

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Orgelspielen ist in erster Linie ein Wissen. (AHS)

In der Musik muss man an so vieles denken: Man ist Redner, Präsentationskünstler, spielt nicht nur für sich, sondern macht anderen ein Werk verständlich. Dazu gehört, dass man die nuancierte Mitte kennt, denn in den meisten Stücken ist nichts drastisch, besonders nicht in der Barockmusik. Und dann die feine Ausarbeitung: Auf der einen Seite das Metrum, auf der anderen Seite die Besonderheiten und das Charakteristische der Figuren. Dies beides in eine Einheit zu bekommen, dies macht Musik erst schön und schwingend.

Für mich ist es immer noch ein Schock, wenn Konzerte ausfallen und abgesagt werden, aber: Man darf von Kunst nicht zu abhängig sein. Mein Wert macht sich nicht daran fest, ob und wieviele Konzerte ich spiele. Und es tun sich plötzlich ganz andere Türen auf. Trotzdem habe ich es nicht geschafft, die Konzerte als „ausgefallen“ in meiner Konzertliste zu markieren. Ich hoffe, ihr habt Verständnis dafür. In meiner Vorstellung sind sie gewesen, trotz C-19.

Wichtig ist, dass man in der Musik spricht und die einzelnen Stimmen, zum Beispiel den Tenor, ihn anbindet, verbindet, nicht abreißt oder zu kurz spielt, dass man eben spricht, nicht nur spielt; dass man dabei ruhig ist, nicht hektisch, sondern sich einzählt, sich einschwingt. Artikulieren bedeutet eher ein dichtes Non Legato, und Absetzen ist durchaus auch ein Verbinden.

Nur weil eine Stimme artikuliert, bedeutet es nicht, dass die anderen Stimmen das gleiche machen.

Natürlich mag ich es sehr, zu improvisieren. Meine „Haussprache“ ist romantisch, spätromantisch bis hin zu ganz zeitgenössischen Gefilden; dennoch finde ich es sehr spannend, in allen (alten) Stilen zu improvisieren, und in diesen Stilen jeweils auch zu bleiben.

Momentan liebe ich die Zeitreise hin zu Bach an „giftigen“ alten Orgeln mit spitzen Klängen – für mich sind diese Klänge einfach lieblich. Und jeder Stil, jeder Klang ist anders und hat seine Stärke und ist zu finden und aufzufinden und zu kennen und auszuprobieren, dazu die jeweiligen Komponisten – ich probiere all das momentan mit viel Phantasie an meiner Hauptwerk-Orgel, mit Setzern und Kombinationen – man muss neugierig bleiben. Die unterschiedlichsten Stile in dieser Zeitreise zu kennen, das macht den Reiz aus. Bei all dem darf man nicht vergessen, um was es letztendlich geht.

Ich freue mich, dass die neue hübsche Lupe, die Such-Funktion (die Lupe oben rechts eingebaut) auf meiner Seite seit heute ganz frisch erschienen ist, dort könnt ihr alles ersuchen über mich. Und Spotify ist ebenfalls neu als Button auf der Frontseite. Zudem sind die Header-Bilder bei den Terminen abgegrenzt zum Tourblog-Headerbild und die Links unterstrichen. Ich hoffe, dies sorgt für mehr Durchblick auf dieser großen Seite.

Mit gemütlichen Düften (frisch gewaschene Baumwolle, Regenluft oder geliebter Haut) kann man sich übrigens am besten entspannen.

ps: Ich habe darüber nachgedacht, dass Begriffe und Inhalte wie Zufall, „Wissenschaft“ und „Toleranz“ männliche Begriffe und Inhalte sind und meist einen Atheismus gegensätzlich zur Bibel dokumentieren und sehr hoch gehalten als höchste Werte überhaupt, meist normativ, einen (Ersatz-) Glauben darstellen. Und es heißt sogar, Irren sei wissenschaftlich. Ich freue mich, wenn sich die Milliarden Jahre, die manche Steine und Wesen alt sein sollen, als Irrtum herausstellen. Aber bis heute darf man sich das in Museen anhören, und das von sterblichen Menschen, die nicht mal wissen, was morgen ist. Im Grunde sind alle lebenden Menschen immer jung. Was wissen wir schon von Millionen von Jahren? Die meisten kennen nicht mal hundert Jahre, persönlich.

aus meinen Orgel-Videos Hamm