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28. Februar 2020

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Ich werde unfähig sein zu Halbwahrheiten. Wo meine Erkenntnis ist, da ist mein Herz. (Luise Rinser)

Nun, es geht wohl darum, die eigene Bestimmung zu finden, nicht um persönliche Wünsche. Es ist nicht immer das, was einen inspiriert, was man tun soll.

Sehr schön finde ich, diese verschiedenen Stile in der Tastenwelt zu spielen: Froberger (der den Rhythmus genau notierte) ganz anders als Couperin, wieder ganz anders als Sweelinck und Reincken (der beinahe hundert Jahre alt wurde, und dies zu seiner Zeit! Sein Vorgänger Scheidemann starb früh an der Pest…) und ihre alten Fingersätze – aus Holland, aus Norddeutschland… Ich liebe Reinckens (oder Buttstetts?) Fuge g-Moll, mal 4-Fuß, mal 8-Fuß. Wiederum völlig anders Vierne und seine Schwebeklänge und Legato: der chromatische Debussy. Wieder ganz anders Muffat und sein Sohn. Und dann ganz anders Bruhns (der früh starb) und Scheidemann mit dem Choral Heiliger Geist. Die Filmmusik zu Titanic wurde definitiv von Scheidemann geklaut. Ja, das Empfinden der Stile auf Cembalo, Orgel und Clavichord. Von Bachs Trio-Sonaten ganz zu schweigen. Dazu kommt natürlich das Spannende der völlig unterschiedlichsten Instrumente, beispielsweise von Ahrend, Kuhn, Klais, Schuke, Walcker, Beckerath…. dazu all die Cembali…

Sehr schön ist das große Buch Die bemalten Orgelflügel in Europa. Orgelflügel. Allein das Wort. Perfekt. Es ist voll schöner Farbfotos und Informationen  zu Orgeln aus Belgien, Holland, Italien, Frankreich, Deutschland, Orgeln mit flämischer Kunst – was für grandiose Orgeln, auch in bescheidenen Dorfkirchen. 

Ich bin froh, dass ich die Hausorgel habe, auch wenn sie digital ist. Da ich in kurzer Zeit so viel Repertoire und Technik und Noten “fressen” muss, wäre es anders schwer möglich. Ich liebe, dabei Socken aus Baumwolle zu tragen, sie sind viel bequemer in Orgelschuhen als welche mit Bündchen und Gummi. Ich bin froh, dass ich zu allem gut adapte – es ist natürlich viel Arbeit, nichts kommt dahergeflogen, aber die 28 Sample-Sets machen es mir schmackhafter. Allein das Geräusch der Registerzüge! In meiner Vorstellungskraft bin ich an einer der Orgeln im Orgelflügelbuch, noch dazu bequem und warm und mit Tee.

Ich freue mich auf mein Konzert in Freckenhorst und jetzt am Sonntag in Würzburg. 

Improvisationen

3. Januar 2020

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Digital?

Das Gesetz ändert sich. Das Gewissen nicht.

(Sophie Scholl)

Neues Jahr. 2020.

Unter meinen Konzert- Terminen kann jeder nun auch Datum und Jahr in die Suchfunktion eintragen.

Ich genieße die Zeit an meiner dreimanualigen Hauptwerkorgel; an dieser meiner digitalen Hauptwerkorgel spüre ich zwar nicht den Wind, nicht die Lade. Ich habe hier nicht das Gefühl für Wind und Lade und Ansprache und Mechanik. Die Lade spüre ich nur an realen Orgeln über die Tasten. So ist meine Übeorgel eine Art Simulator, aber ein sehr guter, und ich habe sie als Trainingsinstrument für Motorik, Analyse, Erarbeitung und Koordination. Meine Vorstellungskraft hilft, und ich spiele auch viel an realen Orgeln. Aber es ist gemütlich an ihr daheim, das Üben mit Kerze, Tee, Balkonaussicht und Licht und Wärme lässt mich mehr als dreimal so viel üben.

Empfehlen kann ich heute Menschen im Hotel von Vicki Baum, eine unglaublich zarte, kluge und intensive Sprache. Und den skandinavischen Film The Wave, auch wenn die Filmmusik nicht gut ist. Und den französischen, traurigen Film Liebe mich, wenn du dich traust – trotz eingefahrener Rollenbilder und auf der einen Seite sehr unrealistisch und auf der anderen Seite erschreckend realistisch. Was ich manchmal nicht verstehe ist, wie Männer Bart gut finden können – ich muss wirklich sagen, ich finde in den allerseltensten Fällen Bart gut. Bart ist ungefähr gleich gut wie Schnarchen.

27. November 2019

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Leonard Bernstein Young People’s Concerts 

Ich bin begeistert, wie Leonard Bernstein die Young People’s Concerts 1958 durchgeführt hat. Was ist sein Geheimnis? Er will die Furcht und Scheu vor Klassik nehmen. Das gelingt ihm mit seinem Charme. Er erreicht Kinder, Eltern, Akademiker. Er gibt ihnen das Gefühl, Experten zu werden. Ich habe  nun viele DVD-Boxen von ihm. 

Er ist sehr relaxed, freundlich, unkompliziert, amerikanisch, hat die Hände in den Hosentaschen, wirkt jung und sehr selbstbewusst. Manchmal macht er sogar auf schüchtern. Er bringt Witze, aber nicht ausgedachte, eher aus dem Bauch heraus, wobei er selbst nie lacht, und macht sich auch über sich selbst lustig. Das wirkt sehr lässig. Er scheint sogar das Orchester zu amüsieren. Er WILL die Kids und Leute begeistern. Das ist sein Ziel. Er tut dies tänzerisch und clever. Er singt, jazzt, imitiert, erklärt, spielt Cembalo, Flügel, dirigiert, komponiert, vermittelt, lehrt, entertaint und spielt, und ist immer am Unterhalten.

Das er alles so easy beherrscht, nicht fixiert ist auf eine Sache, macht ihn interessant. Von wegen: “Konzentriere dich auf eines!”

Er erklärt in wenigen Sekunden Kadenz, Concerto, Moll, Harfe, Fuge. Man will nichts verpassen. Es ist einfach sehr “sexy”, wie er komplizierte Dinge einfach macht. 

Alle tanzen nach seiner Pfeife, dabei wirkt er wie ein großer Junge. Was mir gefällt ist, dass er wirklich simpel und mit Herzblut schwierige Themen Kindern und Jugendlichen erklärt, sogar, dass Erwachsene etwas davon haben, die das erste Mal davon hören. “Aha, stimmt, so schwer ist das alles ja gar nicht.”

Und das bei so schwierigen Themen wie “Orchestrierung” oder “Sinn von Musik” und “Was ist klassische Musik”?

Das phantastische Orchester ist wie sein Spielzeug. Es geht ihm dabei nicht unbedingt um seine Interpretation oder Werbung für sich, sondern er erklärt ausführlich und mit Struktur – wobei er stets völlig frei und authentisch redet. Es wirkt fast ohne Konzept, etwas zerstreut, als würde er frei improvisieren, aber nein, alles hat Struktur und Konzept. Er geht dabei so energetisch vor, dass es nie Langweile gibt. Dabei lässt er das Orchester immer gut dastehen.

Er hustet, räuspert sich, redet schnell, als würde er Verwandten oder Nachbarn etwas erklären, stellt Noten vor, Instrumente, Komponisten, fast in rasender Fahrt. Man sitzt in einem Roller-Coaster. Dabei aber hat er eine sehr energische, begeisterte, klare, autoritär-freundliche, leicht ironische, leicht eitle Stimme, die aber wirklich etwas vermitteln möchte. Er vermittelt Begeisterung.

Und er ist sich nicht zu schade, “Babytalk” zu reden oder etwas spontan vorzuspielen. Es wirkt spontan. Besonders wichtig ist es ihm, nie zu langweilen. Er lobt klassische Musik ununterbrochen und kann damit ja nur Liebe zur Klassik vermitteln. Sein Ziel ist/war, Perfektion und Schönheit in Musik zu erwarten, zu erkennen, zu hören und zu lieben – auf eine ganz unkomplizierte Art und Weise.  

Es braucht dringend Musikvermittler*innen in Deutschland. 

 

8. November 2019

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Kadenzen, Harmonisierung, LO (Liturgisches Orgelspiel)

Pianisten haben eine ganz andere visuelle Lesekraft von Musik als Organisten. Ich erarbeite mir beides. Vierstimmige Sätze sofort zu lesen gehört in die Kategorie der Organisten. Auch der Umgang mit Kadenzen und Stimmführungen ist ein anderer im Orgelleben sowie der Umgang allgemein mit der linken Hand. Wie spielt man Abbe Vogler (Würzburger Komponist!) aus dessen “schiefen” Partitur? Durch die Orgel lerne ich nicht nur ein Hören von Kadenzen, sondern auch ein aktives Kennen; ein bewusstes “Arrangieren” der linken Hand. Da bei der Orgel meine Art von Virtuosität wegfällt, kann und muss ich mein Augenmerk hier auf andere Dinge lenken, die mir natürlich auch für das Klavier Rendite bringen.

Es mögen Basics sein, aber Basics sind vielleicht doch das Entscheidende. Auf der einen Seite spielt man das Virtuoseste, auf der anderen Seite Kadenzen. Natürlich braucht man hier Lehrer mit viel Erfahrung, Geduld und Respekt, einen geschützten Raum, in dem man Fehler machen darf, und Lehrer, die Hochachtung vor Pianisten haben und Pianistinnen nicht hassen. Gruppenunterricht hilft. Und Kadenzen sind nicht langweilig. An ihnen übt man auch Registrierung, Manualwechsel, Artikulation (Gambe…), Transponieren, Improvisieren, Konzentration.

Das Improvisieren von barocker Musik braucht viel Erfahrung und Wissen. Wie erkennt man Tanzsätze von Suiten? Wie ist das harmonische Gerüst?

Lagen, Stimmführungen, Erweiterungen. Wie vermeide ich Parallelen? Und es kann Spaß machen. Natürlich habe ich viel aus dem Bauch und aus Instinkt und Kreativität getan, aus Intuition. Das muss ich nicht üben. Ich übe die andere Seite meines Gehirns. Und diese braucht Training. Tonleiter harmonisieren und Kadenzen artikulieren ist schön. Jedenfalls sage ich mir das jeden Tag.

Durch die Orgel ist meine ganze Auffassung von Dynamik, Harmonien und Artikulation revolutioniert worden.

Besonders gut sind natürlich immer die Stücke, die sowohl auf der Orgel als auch auf dem Flügel als auch auf dem Cembalo gehen: zum Beispiel Bachs Italienisches Konzert, das perfekte Stück. Und auch am Cembalo kann man Farben einstellen: Vierfuß, Koppeln oder nicht, Manualwechsel.

Klaviere an HBFs… und Reiten…

Bald spiele ich in Gut Wöllried und in Bad Windsheim.

Auch in Heilbronn gibt es ein Klavier am HBF. Ich habe Umfragen an Klavieren in HBFs in Frankfurt, Salzburg, Amsterdam, Kalabrien, Heilbronn durchgeführt – über die Popularität von Klassik.

Und in vielen Klöstern gespielt, Schwanberg, Puschendorf, Schmerlenbach, Untermarchtal, Münsterschwarzach, Liebfrauenhöhe, Hegne….

Das Reiten macht sehr viel Spaß. Das Schnauben der Pferde ist Musik in meinen Ohren, und ich lerne immer mehr dazu, was zum Springreiten und zur Dressur dazugehört. Dazu gehört viel Musik: Takt, Rhythmus, Schwung… Musik in sportliche Bahnen gelenkt.

Kunst und Echo

“Bevor ein Kind spricht, singt es. Bevor sie schreiben, malen sie. Sobald sie stehen, tanzen sie. Kunst ist die Grundlage menschlichen Ausdrucks.” (Phylicia Rashad)

Wer sich mit Kunst beschäftigt, hat nicht mehr so viel Zeit für Sinnloses.

Wieviele Stunden glaubst du, übe ich täglich an meinen Instrumenten für Konzerte? Klassik ist natürlich nicht nur Abendland, nicht nur “unsere Musik”, als wäre alles andere nur Folklore, zum Beispiel indische oder afrikanische Musik.

Gott ist. Überall. Musik ist gesegnet. Love Supreme. Kunst ist. Überall.

Das Demutsprinzip in Bachs Musik und die Wirkung der Kunst der Fuge im Erstkontakt mit Jugendlichen.

März 2019

kopaed-Verlag München

Buch: https://kopaed.de/kopaedshop/?pg=1_12&pid=1176
Autorenseite: https://kopaed.de/kopaedshop/?pg=45&qa=1016

Programm u.a. Beethoven Klavierkonzert c-Moll 3. Satz, Leitung Azis Sadikovic (Dirigent), SR 2 Kulturradio, Moderation Roland Kunz, Ingrid Hausl, Ulrike Guggenberger

Konzerte SR-Kulturradio Ann-Helena Schlüter

Pathetique, Elise, Wut über den verlorenen Groschen und Mondschein-Sonate

Konzerte und Schnee im Schwarzwald

Das Konzert ist sehr gut gelaufen, der Moderator hielt ein Interview mit mir zwischendurch und danach. Das war nicht geplant, aber spannend.

Ich hatte die Sauna am nächsten Tag nach dem Konzert im Schwarzwald ganz für mich allein; man konnte auf das Dach der Anlage gehen, das ganz in Sonne und Schnee lag. Ich nahm Schnee mit in die Sauna. Der Bademeister kam extra, um nur für mich einen Aufguss zu machen. Im Schwarzwald hat es wiederum auch sehr geschneit.

Ich war recht spät dran, und so vergass ich, das Auto in die Tiefgarage des Hotels zu stellen. Als ich heute losfahren wollte, waren Schnee und Regen dick angeeist, Eisstangen, Eiszapfen hingen von meinem Auto, so etwas habe ich noch nie erlebt. Zuerst sagten ein paar Jungs zu mir, sie würden das Auto für mich freikratzen. Ich dachte, ach, das werde ich wohl alleine schaffen. Als ich zwei Stunden später losfahren wollte, merkte ich, dass ich es nicht schaffen würde. Also halfen mir einige Gäste, die stark waren. In der Zeit, in der ich ein kleines Loch in das Seitenfenster mit Mühe gekratzt hatte, hatte einer fast die ganze Frontscheibe freigekratzt.

Dazu hatte er seinen Kratzer aus dem Auto geholt, der Welten besser war als meiner. Der Bademeister sagte, nun würde mein Beetle mal einen richtigen Winter erleben. Er schenkte mir einen kleinen Besen für die Schneemassen auf dem Autodach. Es war lustig, zusammen am Projekt Auto zu kratzen, während ein tief hängender, orangener Vollmond auf uns niederschien. Als ich losfuhr, begann es erneut zu schneien. Die Nachrichten sagten, man solle nicht fahren, überall 35 km Stau, man solle sich eine Übernachtung suchen. Ich wollte aber nach hause und nicht noch eine Nacht im Wellnesshotel bleiben, so schön es dort ist im verschneiten Schwarzwald mit Thermalbad und Mineralbad, mit Massage und Sauna und Wassergymnastik — aber die Strecke, die ich fuhr, war komplett frei. Ich kam sehr gut durch und sah vor mir stets den tief hängen orangenen riesigen Mond, der fast Adern hatte, so etwas Wunderschönes, ich dachte, ich träume, während ich durch den Winterwald fuhr. Ich kann dann nur eines denken: Wie wunderschön ist der Künstler dieses Mondes. Er hat ein Auge auf mich.

Ich freue mich, bald wieder nach Schweden zu fliegen. Meine Tante Mia (min moster = Tante) und meine Cousinen haben ein Sommarstuga in Falkenberg in Halland, in einem Badeort an der Westküste. Ich freue mich darauf, das zu sehen. Die meisten Schweden haben ein Sommerhäuschen, glaube ich.

Meine Tochter würde ich gern Björna nennen, die Bärin. Aber den Namen gibt es nicht. Stockholm ist so wunderschön, auch im tiefsten Winter. Der Mälaren ist ein See vor Stockholm, der eigentlich zur Ostsee dazugehört. Wenn man in Stockholm ist, denkt man, man ist in New York wegen den hohen Gebäuden und dem Meer. Ich stand am Meer, am Ufer, mitten in der Stadt im Schnee, umgeben von Inseln. Gamla Stan ist wie ein kleines Venedig, eine Insel. Die Schiffe legen an, Schwäne auf dem Wasser, Gänse in der Luft, als ich da stand, Wildgänse flogen über Schweden, fehlte nur noch Nils Holgersson. Die Stadt ist so gut erhalten, die Gässchen und Stadtteile und Inseln und Brücken und vielen hohen Kirchen, ein pittoreskes, edles Labyrinth. Erstaunlich, dass selbst Stadtteile Inseln sind!