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Tourblog

9. Dezember 2019

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Impuls 6:

Einheit, Zweiheit und Entzweiung

Entzweiung ist etwas anderes als Zweiheit. Zweiheit ist Einheit, oder sollte es sein, kann es sein; ist es von Natur her; ich würde von Dreiheit ist Einheit sprechen; jedoch Entzweiung ist das Verabsolutieren von Gegensätzen und Widersprüchen mit dem Ziel der Trennung und der Zerstörung von kreativen Synergien (die durch Unterschiedlichkeiten, Gegensätzen und Widersprüche, durch das Kreuzen von Vertikal und Horizontal im Dialog erst entstehen.)

Wie schreibt Henri Frédéric Amiel: “Doch selbst wenn wir eine ethische Wahrheit auf alle Arten durchdrungen und besessen haben, kann sie sich uns dennoch entziehen.” Wie? Wenn wir Wahrheiten zwar erkennen, aber nicht leben, wenn Wahrheiten nicht in unser Sein eingedrungen sind, sondern wenn wir sie an uns binden wollen, wenn es uns mehr um uns als um die Wahrheit geht, dann werden wir außerhalb von ihr bleiben.

Denn es geht nicht um das Besitzen von Wahrheiten; nicht um Eitelkeit; sondern um das Leben von Wahrheit und das Weitergeben. Um das Vorleben und Lehren. Um Sein von Wahrheit. 

Einheit ist kostbar und zerbrechlich. “Wer sein inneres Gedankengebäude nicht zu verändern vermag, wird niemals die Realität verändern und keinen Fortschritt erreichen.” (Anwar El-Sadat).

Das Evangelium hätte nie die Welt durchdrungen, wenn Jesus sich seine Anhänger ausgesucht hätte: “Bei dir passt mir die Nase nicht.”

Was ich am meisten an Jesus mag: Er hat die typisch vertikale männliche Kommunikation von Revier, Besitz, Bühnenverhalten und Hierarchie verlassen. Er hat die Rangordnung nicht klargemacht. Jetzt erst und heute wird mir bewusst, was er als Mann damit geleistet hat. Wie revolutionär! Das ist ungetoppt! Nie wieder so dagewesen! Und dann noch als Gott! Er wurde nicht unsicher, weil er nicht ständig sagte, dass er der Heiland, Retter und Richter sei. Er sagte es selten. Er wurde gefragt. Er fragte und hörte zu.

Es hat ihn nicht irritiert und verwirrt, dass die Rangordnung ins Wanken kam, dass sterbliche Menschen den ungleich Höhergestellten ablehnten. Er musste nicht “der große Macker” sein. Er drückte nichts durch. Er suchte keine Zeugen und Indizien, er wurde das Lamm. Er ließ sich verurteilen! 

Als Kind hatte ich dies sein Verhalten eine Zeitlang als “Softie-Verhalten” missverstanden. Heute ist mir durch meinen eigenen Alltag klargeworden (und durch das Buch Das Arroganz-Prinzip von Modler, in dem er das vertikale Verhalten von Männern detailgenau beschreibt, was ich täglich erlebe), was für eine enorme Kraft und Power im Verhalten Jesu steckt. Dadurch kann ich mit Erleichterung deutlich feststellen: Das Verhalten Jesu als (Prototyp) Mensch auf dieser Erde ist so dermaßen “unmännlich”, dass es klar ist, dass Gott auf keinen Fall ein Mann ist (was viele behaupten, da er sich Vater nennt). Er ist die perfekte Synergie aus horizontal und vertikal, aus männlich und weiblich. Kreuz. Er ist Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Mensch und Gott. Auch die akademisch-frauenfeindlichen Hierarchien und der “ganz normale” tägliche Alltagssexismus in Hochschulen und Kirchen sind durch Jesus an den Pranger gestellt. Das verärgert viele. Die Rangordnung muss doch ständig für viele Männer klar sein!

Ganz klar verurteilt die Bibel durchgehend das vertikale Machtstreben von Männern. Die Bergpredigt ist das Gegenteil von dem, was heute überall gang und gäbe ist. Unser Auftrag, den wir haben, lautet: das Gegenteil zu sein. Dazu gehört viel innere Kraft, Selbstsicherheit, Demut und Weisheit. Bach war so einer. Erstaunlich ist, dass es auch Männer gibt, die anders sein wollen und anders sind. Gott sei Dank. 

Im Himmel zählt nicht mehr Mann oder Frau. Endlich! Bis dahin ist durchhalten. I love you.

8. Dezember 2019

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Musikalischer Impuls 5: (Gesegneten 2. Advent!)

Cembalo

Ich mag das Schwungvolle und Gefühlvolle der sogenannten Alten Musik. Wie kann so ein Zupfinstrument mit Tasten Sprache malen?

Das Cembalo ist für mich exotisch. Als würde ich in die Vergangenheit reisen und als wäre ich Bach dadurch näher. Beim Cembalospiel erwacht Bachs Epoche und seine Werke und all die Epochen zuvor zu ganz neuem Leben. Ich hoffe, nächstes Jahr ein eigenes Cembalo zu bekommen. Ich brauche jeden Tag meine motorische, tägliche Dosis von Anschlag Flügel, Cembalo, Orgel. Viele Pianisten können mit Cembalo nichts anfangen; viele Organisten auch nicht.

Als hätte ich einen Reifrock oder ein Kleid aus seiner Zeit an, als wäre ich auf einem Ball und werde zum Tanzen aufgefordert. (Und tripple mit kleinen Schritten davon.)

Spaß beiseite: Wichtig beim Cembalo-Spiel ist natürlich, dass beide Hände unabhängig voneinander sein können, so dass sich die rechte Hand mit Melodien und Linien (das Horizontale) frei vom Vertikalen (Akkorde) der linken Hand und auch unabhängig von deren Betonungen und Struktur bewegt und entkoppelt ist, damit diese Ebenen nicht aneinander kleben. Dabei soll die freie Melodie und auch die Verzierungen weich, nicht hölzern oder hart klingen. Die Verzierungen sind bei Louis Couperin besonders wichtig; hier nicht überartikulieren; ich liebe seine Unmeasured Préludes; hierzu hilft es, die Hände dicht an den Tasten zu lassen, um den Druckpunkt besser zu spüren. Gitarrenmusik.

Ich mag das Überlegato beim Cembalo. Ich habe schon einiges am Cembalo gespielt, Muffat, Froberger, Steigleder, Böhm, Couperin und Bach; die Regeln, wie man Akkorde bricht, wie man Klang steigern kann: hochinteressant. Auch das Cembalo weckt den Spieltrieb in mir.

Den Aufbau von Musik lernt man an “nicht-dynamischen” Instrumenten oft besser, denn es ist, als würde man in härterem Ackerboden graben. Man muss einfach Dynamik, Spannung und Entspannung durch Artikulation (bei Sequenzen, Synkopen, Kadenzen, Dissonanzen und Auflösungen…) herstellen – und die Feinheit dabei erreichen. Die Feinheiten sind die Kunst.

Empfehlung: Sehr empfehlen kann ich den Film Sein oder Nichtsein von E. Lubitsch.

7. Dezember 2019

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Musikalischer Impuls 4:

Erkenntnis, Interpretation, Disposition und Improvisation

Genius ist Obsession. Ob Musik eine Art Droge sein kann?

Ich glaube nicht, da Tiefe, Vernunft und Werte in der Kunst liegen. In dem Buch Die Orgeln J.S. Bachs und bei Klinda lese ich viel über unterschiedliche Dispositionen der Thüringer Orgeln, der Orgeln aus Sachsen und der norddeutschen Orgeln. Ich meditiere über diese, wie was zusammen klingt, was wie begleitet werden kann und wie die Orgeln aufgebaut sind, wo welches Werk positioniert ist, wo die Streicher sind, wo was ineinandergreift, wie aufregistriert werden kann, welche Werke korrespondieren, wie die Orgel proportioniert ist – da mir die Registrierungen zu Bachs Orgelwerken wichtig sind (nicht nur 8-4-2-Mixtur…).

Da sind zum Beispiel die Johanniskirche in Lüneburg, Naumburg, die Kirchen und Orgeln in Dresden und die große Trost-Orgel in Waltershausen bei Gotha von 1730, die Bach eventuell kennengelernt hat (er arbeitete hier bereits 8 Jahre in Leipzig). Es ist für mich spannend, Dispositionen zu meditieren und einen Orgeltyp mit einem anderen (den ich schon kenne) zu vergleichen. Der Unterschied zu den Orgeln Mitteldeutschlands und den norddeutschen (und sowieso süddeutschen) ist groß. In Waltershausen gibt es im Hauptwerk sechs Achtfüße und einige Streicher und Schwebung. Mit diesen Streichern und vielen Acht- und Vierfüßen kann man neue Farben kreiert.

An norddeutschen Orgeln gibt es keine Streicher und keine Möglichkeit, viele Achtfüße zusammenzuziehen, im Gegenteil, dies ist zu vermeiden. Wenn man Dispositionen nicht meditiert, können schöne Orgeln sehr schnell sehr schlecht klingen. Man kann an Dispositionen natürlich nicht alles und vieles nicht erkennen: Man kann beispielsweise nicht ablesen, ob die Mixtur eine Terz hat oder nicht.

Jede Mixtur ist ein Unikat. Waltershausen hat eine tiefe Mixtur. Jedoch erst am Repetieren einer Mixtur ist zu erkennen, wie tief oder hoch eine Mixtur wirklich ist. Waltershausen besitzt sehr viele Grundregister vieler verschiedener Bauarten. Neobarocke Orgeln werden heute mit zu vielen Aliquoten gebaut.

Waltershausen besitzt sogar einen Geigenprinzial, eine Art Koppel, obwohl dies eigentlich ein Registerzug für die Romantik ist, wie viele sagen, dazu viele weiche Flöten, eine überlassene, spuckende Traversflöte, ein Nachthorn als milde Quintadena (immer gedackt), Blockflöte und Gemshorn.

Wichtig ist, nie zu vergessen, dass man bei einer Orgel Flächen zum Klingen bringen muss (Koppeln) und dass Orgelspielen ein Spielen in Räumlichkeiten ist. Dass man im Resonanzkörper der Orgel sitzt.

Ich beschäftige mich auch mit Eggebrechts Orgelbewegung von 1967. Erstaunlich ist, dass dieser berühmte Forscher von “wahrheitsgemäßen, gültigen und vorbildlichen Orgeln” spricht und damit bestimmte Orgeln abwertet und nicht den Schaden der Orgelbewegung erkennt. Die Frage der Orgel ist noch immer nicht geklärt. Natürlich hat die Orgelbewegung auch Gutes und Nachdenken bewirkt. Aber eben nicht nur.

Dabei gibt es so viele spannende Orgeln: Auch die neue Klaisorgel in Würzburg mit lieblicher Cytharra (Streicher), Physharmonika und ihrem Windschweller, Holzharmonika, Harmonium und dass man die Windzufuhr komplett von 0-9 einstellen kann, fasziniert mich. Hier zu improvisieren und dabei einfach die Orgel “machen lassen”, ohne Melodien, ohne konkreten harmonischen Plan, sie einfach klingen (oder nicht klingen) zu lassen, mal wie ein Schlaginstrument, mal wie Frösche eines Akkordeons…

Musikalischer Impuls 3: (Gesegneten Nikolaus!)

Widerspruch, Gegensätzlichkeit und Einheit

Leonard Bernstein (New York Young People’s Concerts 1965) ist nicht der Meinung, dass Musik eine konkrete Bedeutung hat. Er behauptet sogar, dass eine Note noch keine Musik sei. Dieser Meinung bin ich nicht. Stille ist schon Musik.

Musik lässt intensive innere Bilder entstehen, oft sogar Lyrik in mir. Besonders bei Bach, Brahms, Beethoven.

In Bachs Musik finden wir je mehr als ein inneres Bild, sogar mehr als ein spezifisches inneres Bild: Es ist die intensive Botschaft des Evangeliums, manchmal alles in einem Takt. Bachs Musik drückt in meinen Augen das Evangelium aus: Immer wieder neu vertont er Erlösung und Trost in seiner Musik. Dadurch lebt er, was er ist.

Bachs Musik ist ein sozialer Spiegel, ein Skript, ein Stamm, Wurzel, Vermächtnis und Liebesbrief.

Aus was besteht Musik? Aus Tonleitern, aus Melodien, Harmonien und Akkorden… Laut Bossert und Eggebrecht ist in unserem Abendland der Akkord Schwerpunkt, während in anderen Ländern der Akkord nicht zentriert im Mittelpunkt steht, sondern beispielsweise schwebende Pentatonik…

Leonard Bernstein spricht von horizontalen und vertikalen Intervallen, Bossert von vertikalen (Akkorde) und horizontalen (Linien, Melodien) Gegensätzen, die die Musik an sich von alleine aufweist. Ich lese das Horizontale und Vertikale auch im Weiblichen und Männlichen, in Braut und Bräutigam und in der oft sehr unterschiedlichen Kommunikation unter der Zweiheit der Geschlechter, die eine Einheit sein soll, sein kann (zum Beispiel durch Geburt): Unterschiedlichkeit als Trennfaktor oder als Verbindung, Trost und Einheit. Das ist die Frage.

Ich sehe: Bach nimmt diese Gegensätzlichkeit in der Musik, um die Gegensätzlichkeit in Leben und Glauben auszudrücken. Aber nicht nur die Gegensätzlichkeit, sondern auch die Einheit, in die die Gegensätze, Widersprüche und Widersprüche letztendlich fallen. Überall im Leben finden wir diese Widersprüche, die sich auflösen in Trost und Einheit: Beispielsweise in dem Weihnachtslied Maria durch ein Dornwald ging: “Da haben die Rosen Dornen getragen”. Ist Gott nicht der größte Philosoph? Der größte Künstler und der größte Mathematiker. An Gott vorbei zu philosophieren ist geradezu lächerlich. Hier eine Zusammenfassung und meine Schlussfolgerung: Was vertont Bach? Was ist das Evangelium? Und wie vertont Bach?

Bach vertont,  dass Jesus als Mensch und Gott unerschaffen und wesens–eins mit dem Vater und gleichzeitig wesens-eigen, also eine eigene Person ist. Die Worte wesens-eins und wesens-eigen (Bossert) finde ich besonders eindrücklich. Für mich ist der Heiland am Kreuz ein Widerspruch, der aber der Weg schlechthin wird. Unsere Erlösung, der Plan Gottes für unsere Rettung ebenfalls schon maximaler Gegensatz zu unserer Natur. Dass Gott unsere Sünde auf sich nahm: Für viele Menschen ein völliges Paradoxum. Und wie vertont Bach, dass der Heiland unsere Schuld auf sich nahm? Ist es nicht bereits perfekt, dass Musik an sich schon Gegensätze verbindet?

Wie drückt Bach das Symbol der Gebrochenheit aus?

Den gebrochenen Körper Jesu am Kreuz drückt Bach laut Bossert unter anderem durch gebrochene Akkorde, durch den Styl Brisé, maximalen Querstand, durch Pausen, die Töne zerschneiden (Tmesis: Zerschneidung in zwei Gebilde) und durch das Kreuzmotiv aus, wenn sich Linien zerschneiden. Ich glaube, Musik an sich wie unsere Schöpfung drückt die Gebrochenheit unserer Welt aus, das Elend und den Schmerz seit dem Sündenfall. Allein gebrochene Tasten an Orgeln drücken Gebrochenheit aus. Leonard Bernstein beschreibt Kirchentonarten als Kick, verbindet Sibelius, Bach und Beatles und ebenso Gegensätze.

Doch Bach ist für mich der musikalische Verbinder, Brücke, Medizin und Salbe, vom Geist überflutet, der der Tröster ist, der nicht nur lehrt, sondern lebt, was er ist und sagt.

Bachs Musik ist nicht nur Heftpflaster und Aspirin, sondern Raum zwischen Reiz und Reaktion.

Musikalischer Impuls 2:

LO – wie übe ich “Liturgisches Orgelspiel”?

Ob Bach anders komponiert hätte, wenn er in Hamburg die Stelle bekommen hätte? Hätte er beispielsweise Manualwechsel konkret notiert, da er eine ganz andere Orgel zur Verfügung gehabt hätte? Und ich frage mich manchmal, wie menschlich-bodenständig Bach eigentlich war. Da er musikalisch gesehen so revolutionär war! LO brauchte er sicher nicht zu üben.

Hier 12 Punkte zum Üben von LO / Liturgisches Orgelspiel: 

  1. Tonleiter harmonisieren, zurück Pachelbelbass
  2. was auch passiert, denke generalbassmäßig von unten her
  3. keine Angst vor Sextakkorden, nur eben nicht die Terz verdoppeln
  4. ein Gefühl bekommen für Gegenbewegungen
  5. Fugata üben, beide Hände unten, Kadenzen, Luft dazwischen, evtl. Pedaleinsatz
  6. Suiten üben
  7. Terzfall und Kadenzen enge und weite Lage üben und verbinden, auch mit Stimmtausch

Empfehlen kann ich heute den neuen Kino-Weihnachtsfilm Last Christmas. Hier kann man lachen und weinen! Perfekt!

Und einen Tipp für Adventskalender: Das Lukas-Evangelium hat 24 Kapitel, jeden Tag eines lesen bis Weihnachten!

Ebenfalls spannende Lektüre: Wild von C. Strayed.

Musikalischer Impuls 1:

Orgel, Flügel und Orchester

Es kann sicherlich sein, dass die Orgel lange vor dem Orchester tonangebend war; dann wiederum übernahm das Orchester die Führung: Beethoven an der Wendemarke mit Oktaven und Bläserpartien; dann kam wieder die Orgel; und nun? Für mich ist besonders entscheidend, was die fundamentalen Unterschiede von Flügel und Orgel sind.

Hier 21 Punkte für Pianist*innen, die zudem Organist*innen sind (besonders für die Newbies):

Der entscheidende Unterschied liegt im Großen und Ganzen zwischen dem eindrucksvollen Klang-Legato (Singen) am Klavier und der ganz anderen Herangehensweise durch Artikulation an der Orgel. Es gibt das pianistische Legato an der Orgel nicht! Versuche es erst gar nicht. Vergebliche Liebesmüh! Auch nicht das klangliche Herausarbeiten der Spitzentöne bei Akkorden! 

Das typisch Pianistische ist oft fatal an der Orgel. Es muss hier ein automatisches klares Verstehen (warum was und was nicht) und dadurch jeweils ein Umswitchen geschehen. Am Flügel zählt das Hineingehen in die Taste, bei der Orgel das Herausgehen aus der Taste. Dies ist nachhaltig umzusetzen!

Orgel ist an sich strukturierter, nüchterner anzugehen, während mir das Klavierspielen durchaus auch intuitiv und sinnlich vorkommt. Der Flügel ist an sich schon sinnlich; dazu steht er einladend in einem warmen Raum oder beheizten Saal. Der Flügel ist nie eine Maschine. Er atmet schon lange, bevor ich komme. Die Orgel schlägt erst die Augen auf, wenn sie eingeschaltet wird. Sie ist erst kalt,  und um sie herum ist es ebenfalls kalt. Das Warme und Berührende entsteht erst (später). 

Mir liegt beides. Das Strukturierte und Intuitive. 

An der Orgel 21 Tipps:

  1. Triller mit 1-3 typisch pianistisch; sind an der Orgel, vor allem bei Stücken vor der Romantik, nicht ratsam. Es ist besser, mit 3-2 zu trillern. Zudem: nicht mit 4-5 trillern, besser mit 4-3. Sogar “blinde Triller” beherrschen
  2. Triller ingesamt nicht im Stile Beethovens – also nicht zu gut trillern, nicht zu schnell und virtuos, sondern eher langsam, eher portato, kein (über)legato, sondern gezählt, metrisch 
  3. Triller meist non legato an der Orgel, vor allem bei Mozart 
  4. Triller am Klavier sind oft am Tastenboden, hier kann man dadurch immer noch unten weich, virtuos und klar trillern; jedoch an der Orgel ist oft der Druckpunkt viel höher; es gibt in diesem Sinne keinen Tastenboden; es muss also viel höher getrillert werden; und je langsamer (gefühlt Zeitlupe), desto klarer 
  5. kein Überlegato generell
  6. Vorsicht! Klang nicht instinktiv durch überlegato oder intensives legato erreichen wollen! Fatal an der Orgel
  7. kein Ellenbogen-Einsatz! Ellenbogen ruhig! Am Flügel die Ellenbogen “ausfahren”, jedoch nicht an der Orgel
  8. Hände dicht an den Tasten 
  9. Finger vorne an den Tasten 
  10. keine fliegenden, hohen Finger – du stößt nur ans andere Manual! 
  11. bei decrescendo und Seufzern Handgelenk hoch
  12. bei ausdrucksstarken Linien und Melodien nicht drücken (siehe Klavier-Legato), sondern leicht spielen – kein Gewicht
  13. wirklich richtig absetzen vor den Taktstrichen (nicht nur andeuten), auch wenn das am Klavier in diesem intensiven Maße nicht vorkommt – auch dann, wenn es nicht in den Noten steht (zum Beispiel Bindebögen)
  14. Ruhige Bewegungen; Kopf ruhig. Mach die Orgel durch intensive Körperbewegungen nicht kirre
  15. Setze deine Energie sparsam ein! Nicht die Energie in den Wind schießen und Kraft verpulvern, die du für die Konzentration brauchst. Stell dir vor, du spielst nüchtern und konzentriert auf Sparflamme. Verwende deine Konzentration für andere Dinge: Polyphonie, weiche Töne, Überlegung, welche Töne kommen später, welche früh, zarter Anschlag, Achtel erzählend, Sechzehntel ruhig, Koordination…
  16. verwende im Pedal viel Spitze, da die Ferse zum Überlegato verleitet; Knie manchmal über dem Fuß; viel Innenseite; sehr gut sind die Pedalschulen Germani und Dupre zum Legatospiel im Pedal: Die Feder überwinden, das Pianogefühl im Fuß bekommen
  17. Anschlag weich, aber mit Biss 
  18. Prüfe, ob die Tasten sperrig und damit von unten zu nehmen sind oder nicht
  19. Schleiflade: griff, mit Druckpunkt; Kegellade durchlässig wie Klavier ohne Druckpunkt  
  20. Bögen sind bei der Orgel keineswegs das Gleiche wie am Klavier, auch bei Mozart nicht. Es wird an der Orgel immer artikuliert. Mal ganz sanft, mal ganz deutlich. Andeuten reicht nicht. Wichtig jedoch immer: Unter den Bögen liegt ein decrescendo
  21. Pedal: Mit dem großen Zeh und der inneren Seite spielen; auch bei kleinen Füßen relevant. So üben, dass auch auf historischen Orgeln Stücke gut gespielt werden können; das heißt, viel Spitze. Vor allem in der Mitte der Pedaliatur sind Fersen nicht gut angebracht
  22. Es gib viele unterschiedliche Pedal-Technik, wie mit Fersen, Seiten, Spitze umgegangen werden soll. Die einen sind viel mit Spitze und Portato unterwegs aufgrund wunderschöner historischer Orgeln in Holland und Deutschland (alles vor Bach, Bach, Klassik, Frühromantik, Moderne), die anderen sehr mehr Legato und Ferse aufgrund französischer Schule und Romantik 

3. Dezember 2019

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10jähriges Tourblog-Jubiläum 2009-2019: Zeit fliegt schön 

Mein Kunstwerk ist nun 10 Jahre alt.

Neu: Buxtehude 137. Und viel Mozart. 

Es macht Spaß, bei Buxtehude, Bruhns und Bach über Registrierung nachzudenken: Kammermusikalische Consort-Registrierung nach Vogler für die Fuge (zum Beispiel Keysound Flöte oder Zunge), wobei die Stimme jeweils von Klangfarben anderer Pfeifenbauart zusammengesetzt sind, z.B. Zunge 8, Oktave 4, Flöte 2. (Zunge wird meist mit Gedackt stabilisiert.)

Das Plenum, für freie Teile und Toccaten, das meist die Mixtur braucht, sollte immer klar und schlank, nicht dick sein, sonst empfinden es einige als “stilistisch unsauber”. Jedoch kann das berühmte Buxtehude g-Moll auch mal nicht im Plenum beginnen, sondern ganz zart!

Die zweite Fuge bei Buxtehude könnte mit 16-Fuß sein, also voller oder größer klingen, für Abwechslung. Wichtig ist, sich zu trauen, Zungen und auch den Tremulanten einzusetzen. Zungen müssen besonders atmen. Pausen schwingen. Singuläre Stimmen dürfen hervortreten. Welche Partien sind besonders schön für selbstbewusste Trompeten? Kurz gesagt: Buchstäblich ein Händchen bekommen. Die freien Teile bei Buxtehude und die e-Moll Bruhns (ausschlagend für Bach) können Plenum oder aber auch melancholische, zartere Elevations-Toccaten sein.

Es gibt in der Musik tatsächlich gut und schlecht, auch falsch und richtig; doch dann gibt es, und das ist noch wichtiger: die Freiheit, selbst zu entdecken und selbst zu entscheiden; frei zu sein, meine eigenen Entdeckungungen zu interpretieren. (Trillere ich hier auf der Hauptnote oder von oben mit Vorhalt? Welche Ausgabe bevorzuge ich und warum? Wie spiele ich die 36 Neumeister, an welcher Stelle mit Pedal? Oder ganz manualiter? Wechsle ich die Manuale für Echoeffekt oder nicht? Wie arrangiere ich Mozart? Schubert? Mendelssohn? Was für Strophen möchte ich für welches Choralvorspiel verinnerlichen?…) Die Paradigmen für falsch und richtig, gut und schlecht sollen genauso verinnerlicht sein, um innerhalb dieses Rahmens kreativ und frei zu sein: Crescendo und Decrescendo, Puls, Akzente, Proportionen, Absprache…

“Und wähne nicht Widerspruch zwischen Ja und Nein. Denn Gott steht jenseits davon.” (Dionysius) So auch die Musik. Sagen wir so: In Jesus ist aus dem Nein ein Ja geworden.

Oder: “Zweiheit gleich Einheit.” Wird Einheit. Ist Einheit.

Und: Zweiheit gleich Dreiheit. Die Gegensätze sind verbunden, nicht verabsolutiert. Bach hat die Wahrheit erkannt zwischen Einheit und Zweiheit. Es stimmt, was Christoph Bossert (der in den Neumeister Chorälen Signaturen der Kunst der Fuge findet) sagt: Die Orgel an sich spiegelt die Realität wider: Ohne Atem und ohne Wind ist die Orgel nur eine Maschine. Wie tot.

Ich finde, wir spiegeln dies genauso wider: Erst durch den Wind, der auch in unsere Nase geblasen wurde (wir sind auch ein Blasinstrument!) entstehen Leben und Bewegung. Leben ist Bewegung. 

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2. Dezember 2019

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Maskuline und feminine Orgeln: Ladegast-Orgel ev. Dom Schwerin und Liszt B-A-C-H 

Gesegneten ersten Advent!

Eine maskuline Orgel ist in meinen Augen zum Beispiel die Ladegast-Orgel im Schweriner Dom (1871), eine feminine die Bach-Orgel in Ansbach. Was ist der klangliche Unterschied? Die maskulinen klingen erdiger, die weiblichen lieblicher und auch schärfer. Eine feminine Orgel ist natürlich nicht erst dann eine feminine Orgel, wenn eine Frau daran sitzt. Dann gäbe es ja kaum feminine Orgeln weltweit.

Jede Orgel ist ein Unikat. 

Die wunderschöne romantische Ladegast-Orgel mit vier Manualen und 84 Registern (einige funktionieren momentan nicht wegen des kaputten Barkers) klingt wie ein Grand Seigneur, tief majestätisch, edel, sehr schwergängig, schwerer weiser Klang eines alten Gentleman, Oboe, 32-Fuß, Progressiv-Harmonika… Von Schuke restauriert. Das vierte Manual (eine Art Echowerk) ist besonders schön. Mozart und Liszt klingen herrlich hier. Besonders gefiel mir die zarte tiefe Liszt-Zunge Aeoline, auch wenn sie etwas verstimmt war. Bach und Händel … kann man hier “romantisch” spielen.

Der Porsche in Leipzig erinnert an den typischen Ladegast-Spieltisch. Mich hat natürlich die Schweriner Orgel an Leipzig erinnert. Nikolai. 

Es war schön, nachts im leeren Dom viele Stunden zu spielen, während draußen noch der letzte abendliche Rest des ersten frischen Weihnachtsmarktes herein leuchtete und wehte, besonders Drehorgel, Parytband… Die spitze dunkle Ladegastorgel hat keinen Schweller, jedoch gibt es Fußtritte (10=Schweller), die an eine Art Schweller erinnern. Es war mit sieben Grad auch gerade erträglich mit Mütze und Mantel (7=Tutti-Pedal). Die blauweiße Schrift der Registerzüge erinnerten mich an Teetassen, an Bremer Tee. Hauptwerk ist 2 (=1), 3=2, 1=3, beautiful 4=4. Die Pfeifen der Orgel deuten in den Bögen der Kirche wie Finger in den Himmel. Die Heizstrahler helfen, ansonsten hat der Dom auch so etwas wie eine kleine Winterorgel, wo es beheizt ist. 

So war mein erster Weihnachtsmarkt dieses Jahr in Mecklenburg-Vorpommern. Ich hoffe, ich komme trotz Orgel auch wieder dazu, Lieder und Songs zu schreiben. 

Es gibt Menschen, die meinen, die Manuale und die Traktur der Schnitger und der Ladegast… müssten dringend überholt werden, da verfärbt, wellig, schwergängig, ungleich. Jedoch solle man historische Orgeln ganz mit Vorsicht behandeln. Außerdem ist es gerade das, was mir gefällt. Natürlich braucht man “Finger-Muckies”. Aber das schadet ja nicht. 

Den Umgang mit Wind und Absprache kann ich an meiner Hauptwerk-Orgel “Kairos” (she came in the rain) nicht üben. Dafür die Klais. Das Gehirn muss für Orgel programmiert werden. Ich kann mir hierbei nicht genügend ins Gedächtnis rufen: Ich habe es mit einem Blasinstrument zu tun. 

Vorweihnachtszeit

Oh, es gibt ja leider gar keinen 31. November. Also 1. Dezember.

Bisher war ich diese Weihnachten auf den Weihnachtsmärkten Schwerin, Stade, Hamburg und Würzburg. Meistens esse ich Lachs auf den Weihnachtsmärkten, Flammlachs oder Stremellachs oder Lachsburger. Mit Glühwein bin ich so sehr schnell beschwipst, dass ich ihn meist nicht anrühren kann: warmer Alkohol!

In Hamburg habe ich diesmal das Teemuseum Messmer Momentum besucht, das Schokoladenmuseum Chocoversum Hamburg. Und flaniert um Elphi und Steinway.

Anbei eine Rezension zu meiner Bach-WTK-CD im Vivita Würzburg:

Seite 20/21:

Bach-Rezension WTK CD

https://www.vivitamagazin.de/images/franken-aktuell/pdf-ausgabe/vivitaFranken_129.pdf

Hus/Schnitger-Orgel Stade/Hamburg St. Cosmae et Damiani

Die mitteltönige Schnitger-Orgel mit kurzer Oktave (Manual und Pedal) von 1670 im gerade adventlichen Stade bei Hamburg (3 Manuale, das Hauptwerk in der Mitte (2) und Springlade) ist traumhaft und wunderschön. Es braucht Erfahrung und Training, gut mit ihr umzugehen und sie zu kennen.

Die meisten Pfeifen von 1670 sind bis heute erhalten! Es hat mir sehr gefallen, dass ich auf dem Weg nach Stade durch Buxtehude gefahren bin. Ich bin sogar ausgestiegen und habe mir dort einen Chickenburger geholt und genoss den Bahnhof und die Strassen in Buxtehude. Unglaublich, dass es dort ganz normale Menschen gibt; und nicht alles Musiker oder Buxtehude-Fans.

Viele Buxtehuder kennen Buxtehude nicht mal. Und dabei gibt es in dieser ganzen Gegend viele viele wundervolle historische Orgeln; auch norddeutsche romantische wie Furtwängler; und es werden auch hier händeringend Organist*innen gesucht!

“Kennen Sie Buxtehude?” “Klar. Ich wohne hier.” “Und Dietrich? “Wie bitte? Ich kenne keinen Dietrich und weiß nicht, ob hier einer wohnt.” “Kennen Sie Dietrich Buxtehude?” “Dietrich? Wie gesagt, ich kenne keinen Dietrich.”

Es gibt auf dem Weg nach Stade viele Felder, Pferde und Schrebergärtchen, weites Land: ein Highlight sicher für Hamburger Stadtmenschen. Ich eilte durch den Weihnachtsmarkt und durch den Geruch von Mandeln zur Kirche St. Cosmae.

Ich war nun schon das zweite Mal in Stade (das erste Mal mit der HfMDK Frankfurt) und hatte nun beim zweiten Mal alleine ein viel intensiveres Erlebnis mit ihr, der Cosmae-Orgel, da ich in Ruhe alleine mit ihr sein und sie etwas für mich zähmen konnte.

Die Orgel ist ein Wildpferd, das man zähmen muss. Ich hatte das Gefühl, dass die Orgel auf Martin, den Dompteur, ganz anders reagiert, weil die Orgel ihre “Besitzer” bzw. ihre alten Meister kennt. Jedoch sehnt sie sich nach neuen. Man muss sich selbst bei jeder Orgel erst zur Meisterin erspielen. Die Orgel selbst ist die Lehrerin. Und ich bin ihre Kulturbotschafterin. Welche Frau schreibt sonst schon über Krummhörner? 😊

Pedal, Oberwerk und Rückpositiv sind alles Schleiflade. Man sitzt hinter dem Rückpositiv verschanzt und verborgen, das Farben wie ein zartes Regal (Zunge) auf dem unteren Manual (1) aufweist; es gibt ein schönes Glockenspiel (mit Gedackt und Flöte zusammen besonders schön) und eine Querflöte im Oberwerk (Manual 3), die hell und gleichzeitig erdig wie eine Traversflöte klingt und die nur bis zur Hälfte des oberen Manuals tönt, mit Gedackt 8 (Begleitung) ein Klangerlebnis.

Auch der süddeutsche Georg (und Gottlieb) Muffat klingen hier wunderschön sowie Mozarts Andante, Rathgeber, Scarlatti, italienische und spanische Musik, natürlich Buxtehude, Bruhns und Bach, Scheidemann und allgemein norddeutsche Musik, die aber mittlerweile dort kaum noch einer mehr hören will, da viel zu viel gespielt.

Natürlich ist Muffat in Maihingen noch viel schöner. Die Streicher entwickelten sich eher im Süden Deutschlands. Im Norden Europas kommen Streicher (Viola da Gamba) erst zu Beginn des 18. Jh. in Mode.

Darum hatte Schnitger keine Veranlassung, Streicher zu bauen. Die Zungen als Streicherersatz bauen erst die Söhne Schnitgers. So hat die Martiniorgel in Groningen und die F.C. Schnitger-Orgel in Alkmaar eine Viola da Gamba, was aber ein Zungenregister ist.

Bei A. Schnitgers Orgeln kann man kaum ein Zungen-Register als Streicherersatz nehmen. Da passt dann eher die Quintadena 8‘ zusammen mit einer Flöte oder einem P 8‘ als Streicherersatz. Wir haben zwar keine schöne fauchende Gambe oder Streicher in Stade für Muffat, aber Flöten und Zungen.

Das heisst, gewisse Streicher können “ersetzt” werden. Man muss kreativ sein; genauso wie man Mozarts Andante mit reinem Vierfuß an manchen Orgeln spielen kann wie Katharinen Flentrop, Maihingen und Schnitger, weil beispielsweise Schnitger in Stade eine besondere Blockflöte hat; man muss alles eine Oktave tiefer spielen, da man sonst vom Tonumfang nicht hinkommt. Aber es geht wunderbar!

Insgesamt muss/kann man hier manchmal fehlende Töne jeweils durch Pedal-oder Manualtöne ausgleichen.

Es gibt aufschlagende und durchschlagende Zungenpfeifen. Die normale Zungenkonstruktion ist die aufschlagende. Die aufschlagende Klarinette klingt wie ein weicher Dulcian.

Die durchschlagenden Klarinette hat eine langsamere Ansprache und der Ton ist weicher und noch klarinettenähnlicher. In Süddeutschland mischt man sich die Klarinette durch Streicher und Flöten zusammen. Stade besitzt gar keine Klarinette.

Ich muss mich daran gewöhnen, dass es an den Orgeln zum Üben oft unbeheizt ist, das heißt, man muss lernen, mit Mantel und Jacke und Mütze zu spielen und nicht dadurch irritiert zu sein – weil man vor lauter Mantel kaum die Pedale sieht oder der Mantel in den Daumen hineinhängt etc.

Hauptwerk und Oberwerk können gekoppelt werden (aber nicht während des Spiels), die Springladen-Registerzüge müssen gut eingehängt werden, sonst klingt die Orgel verstimmt.

Im Hauptwerk gibt es eine schöne 16-Quintadena, im Pedal eine super 16-Posaune, im Oberwerk ein norddeutsches Krummhorn (das zarter klingt als ein französisches Krummhorn). Viele Orgeln heute bauen ein französisches Krummhorn ein in eine vom Vorbild her norddeutsche Orgel, und diese mischt sich dann gar nicht mit den anderen Farben, da oft zu grell.

Die Farben der Schnitger-Orgel sind allgemein eher erdig und kräftig. Mir gefallen die Zungen und die Grundtönigkeit, vor allem auch, dass die Oktaven 4  wohlklingend sind. Wie oft passiert es, dass an einer Orgel ausgerechnet Oktave 4 nicht gut klingt, sondern viel zu scharf und zu grell! Dann ist meist auch Oktave 2 viel zu schrill (ganz zu schweigen dann von Aliquoten und Mixturen).

Die Mixturen an dieser Schnitger-Orgel sind ohne Terz, aber es gibt auch schöne Extra-Terzen, die man hinzu ziehen kann. Die Register des Rückpositiv sind hinter mir. Ob Bach auch noch nach Stade gelaufen ist, wagt man eher zu bezweifeln. Vielleicht aber doch?

Ich konnte auch die Gewinde, die Ledermütter, die Lamellen aus Holz, die Abstrakte und die mechanische Traktur (leicht zugänglich) hinter dem Spieltisch sehen und kletterte auch in den “ersten Stock” anhand einer Leiter, um dort die konischen Pfeifen (Nasard…) und die Springlade zu besichtigen. Das Metall der Pfeifen ist sehr weich und wirkt grünlich. Die Pfeifen mit dem weichen Metall sind die Trompeten im Hauptwerk.

Aber auch alle anderen Pfeifen außer den Principalen im Prospekt sind aus dieser weichen Metalllegierung gemacht. Zum Besichtigen musste ich wieder meine Höhenangst überwinden. Das Absteigen ist ja besonders schlimm.

Springlade mit Leder und Löchern wird aus Kostengründen heute kaum noch gebaut, war aber sehr interessant zu sehen. Auch zu erfahren, was beim Stimmen von Zungen schief gehen kann. Ich saß anschließend viele Stunden übend mit Bach und Mozart an der Orgel und genoss die Klänge und die kurze Oktave.

Natürlich ist das Hauptwerk anders schwergängig als die Tasten jeden Flügels – daran muss man sich eben gewöhnen. Auch an die reinen Terzen und an die Mitteltönigkeit, und dass eben nicht jedes Stück spielbar ist. Durch die Mitteltönigkeit gibt es spezielle Tonartcharakteristik, und diese Charaktere sind wichtig fürs Ohr.

Selbstverständlich gibt es keinen Schweller, jedoch kann man die Türen des Spieltisches schließen (die erst nachträglich hinzukamen) und so klangliche Effekte erzielen.

Ein Schnitger-Plenum ist wirklich etwas Besonderes. Mir kann dies gar nicht “zu laut” sein, da sich alles sehr schön mischt, auch die Mixturen mit den Zungen. Auch die Mechanik ist nicht laut. Die Prinzipale sind sinnlich und geben somit das Fundament.

Heutzutage wissen die Leute nicht mehr, wie ein Krummhorn oder ein Regal oder eine Hohlflöte klingen, also historische “ausgestorbene” Instrumente, und daher sind die historischen Orgeln sehr wichtig und wertvoll, da sie diese Klänge noch widerspiegeln und präsentieren. Sozusagen ist eine Orgel eine Art Schaustück oder auch ein Kultur-Zoo, da hier ausgestorbene Arten noch klanglich zu bewundern sind.

Sagen wir mal, es werden Orgeln gebaut mit Klängen von E-Gitarre und E-Bass etc., und im Jahr 2166 gibt es keine E-Gitarren mehr, dann hätten wir jedoch noch Orgeln mit diesen Klängen. Wäre das nicht eine Idee, eine neue Orgel mit E-Gitarre und Schlagzeug, also nicht wie ein Orchester, sondern eher wie eine Band aufzubauen? Als Experiment?

Dass keine Terzen bei norddeutschen Orgeln eingesetzt werden können und das “Equalverbot” generell erscheinen mir manchmal schwierige Informationen zu sein. Ist die Orgel nicht emanzipiert?

Klingt nicht hier in Stade eine Sesquialtera vom Rückpositiv wunderschön im Plenum? Bach liebte wohl den Einsatz der vielen verschiedenen Achtfüße zusammen, die nun nicht alle Solostimmen sind. Warum sollte man sie nicht zusammenziehen können, wenn man dies möchte und braucht?

Man sollte natürlich nicht übertreiben und das Ohr schulen. Genauso wie man sich selbst trainiert, stets die leisen Obertöne (Oktave, Terz, Quinte, Septime…) in einzelnen Tönen heraus hören zu können.

Welche Orgel nun wirklich eine Bach-Orgel ist, so wie Bach es sich vorgestellt hat, wissen wir nicht, können wir aber ahnen. Ich persönlich glaube, dass Bach keinen Orgel-Prototyp hatte, sondern dass ihm wie mir viele unterschiedliche Orgeln gefallen, weil er musikalisch gesehen ein Revoluzzer war.

Ihm gefiel die schöne Arnstädter Bach-Orgel, aber natürlich war er auch fasziniert von den 17 Zungen der Katharinen-Orgel oder der Schnitger-Orgel in Hamburg oder von Naumburg, der Erweiterung einer Silbermann-Orgel, die er sehr gelobt hat.

Ich denke, Bach war wie bei allen Tasteninstrumenten immer auf der Suche nach mehr und nie wirklich schon befriedigt oder zufriedengestellt. Unabhängig davon sollte die Arnstädter Bach-Orgel unbedingt (wieder) als Vorbild für neue Orgeln heute dienen. Ich freue mich, dass die Bossert-Klais-Orgel Würzburg die Arnstädter Orgel als Vorbild genommen hat.

Bach (und Buxtehude) hatten wohl eine himmlische Vision einer Orgel und eines Flügels im Kopf, die wir vielleicht erst im Himmel kennenlernen werden. Ich glaube, dass es im Himmel die besten Orgeln und durchaus exotische geben wird. Vielleicht ist ja der ganze Himmel eine riesige Orgel?

Und Bach sitzt schon drin und dran. Wait for me!