Heute erinnere ich an Erna Lincke, Malerin aus der Dresdner Kunstszene. Und an Ida von Lüttichau, Künstlerin mit Büsten aus Gips. Ihr Mann war Intendant.
Und an Charlotte Meentzen, Unternehmerin, eine der ersten Kräuter-Kosmetik-Unternehmen. Dort arbeitete auch ihr Mann. Sie starb leider dann kurz nach der Geburt ihres Sohnes. Wie schrecklich!
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Wieder 2 Prüfungen geschafft. Jetzt fehlen nur noch 6 Prüfungen bis Juli und dann habe ich es fertig geschafft, in Rekordzeit, in etwas mehr als einem Jahr in knapp 3 Semestern. ❤️ Es ist und war trotz allem eine schöne Zeit. Manches war richtig gut und ich bin in meinem Können und meiner Erfahrung gewachsen und sehr gut vorangekommen. Es war nicht immer leicht, manchmal anstrengend und abstrus. Aber ich vergesse schnell das Schlechte im Leben und freue und erhole mich schnell wieder und hoffe, ich bekomme bis August mein Zeugnis Kirchenmusik Diplom (B).
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3. Mai 2023: Liebe brachte uns den Segen. (Christina Rossetti)
Sei einzig, nicht artig. ❤️ Heute bin ich in der Greifswalder Innenstadt, wo man nicht Radl fahren darf (was ich nicht wusste), direkt zwei Wächtern in die Arme geradelt. Eine Oma kam gleich dazu und berichtete voller Elan, dass manche gar mit Elektro-Rollern durch die Innenstadt jagen würden. Ich überlegte kurz, ob ich diese Ablenkung nutzen und schnell davon radeln sollte 🐣 Glücklicherweise ließen sie mich laufen. Neben meinem Radl.
Morgen Vortrag Aufführungspraxis.
Bachs Lebenslinie:
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2. Mai 2023: Wichtig ist, dass man das Orgel-Knigge beherrscht. (AHS)
Foto: Merseburg Orgel
Heute erinnere ich an Ragna Nyblom.
Trost Orgel
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Die Klimaanlage im ICE schmerzt manchmal meinen Augen. In Hamburg habe ich den Anschluss verpasst, obwohl ich auf dem richtigen Gleis war. Aber das Gleis war riesig und der Ostsee-ICE klein und fuhr ganz vorne. Das war Pech. Daher hing ich in Stralsund eine Weile fest. Ein Bundeswehrsoldat lud mich hier zum Döner ein.
Yesterday
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Ich lese BACH von Heinrich Sitte, das entzückende Buch über Bach von Philipp Wolfrum, dann Erzählungen über Bach (Grunow, Schumann, Bachmann …) Ja, alte Bücher gefallen mir. Und ich beschäftige mich mit Neumen.
1. Mai 2023: Von Misserfolg hängt deine Identität nicht ab. (AHS)
Foto: Salzburger Festspiele
Ich kann es kaum fassen, dass es schon Mai ist. Ein Jahr ist rund. Ist alles viel, komme kaum noch hinterher. Reubke hat mich eingesaugt.
Reeeeds, Leute
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Heute erinnere ich an die Schwedin Eleonora Lindström, an Louise Otto-Peters, 1819, Mutter der Frauenbewegung. Sie gründete die erste Frauenzeitung: „Dem Reich der Freiheit werbe ich Bürgerinnen“. Sie lebte in Dresden. Sie half, Frauen zum Schutz vor Männern zu bilden. Ungebildete Frauen waren / sind für Männer viel leichter zu dominieren.
Beethoven on Street
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Ich freue mich auf die Paulskirche und liebe solche symbolischen und geschichtsträchtigen Feiern und Gedenkstätten. Es ist mir eine Ehre, dort Bach und die Deutschlandhymne zu spielen. ❤️
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30. April 2023: Gott lenkt, die Künstlerin denkt, der Laie Johannes Sommer henkt. (AHS)
Tja. Die Zeiten ändern sich nicht.
Heute Reubke an Rieger. Der federnde, schwingende Anschlag. Das ist echt am Besten. Wusstet ihr, dass eine Orgel, die quietscht und klappert, besonders im Pedal, über Jahre entsprechend gespielt wurde?
Es gibt in der deutschen Orgelwelt 5 sehr verschiedene Gruppen. Ich beginne mit der größten, gehe von der Größe zuerst hin zur kleinsten Gruppe.
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1. Die sog. Orgelliebhaber, Orgelfreunde oder Orgel-Nerds, auch Laien, Semis usw. genannt. Das ist die mit Abstand größte Gruppe, hauptsächlich aus Männern bestehend. Sie haben nicht viel mit Musik am Hut und nicht Musik studiert und sind oft mehr an der Orgel bzw. deren Ausstattung und Technik als an Musik interessiert. Es geht eher um Lust auf die Orgel als Maschine. Je größer und lauter, desto besser. Bedeutet: Eine oft a-musische, wenn nicht gar unmusikalische Haltung und Gesinnung. Sie erkennen daher oft nicht den Unterschied zwischen sich und studierten Musikern – weil sie Gottesdienste spielen und damit lokale Helden ihrer Kirchen sind.
Musik ist meist nicht ihre Liebe, ihr Ziel und ihre Leidenschaft. In dieser Gruppe sind zum Großteil keine Musikliebhaber. Keine, die im Publikum sitzen oder sich mit Orgelmusik oder mit Musik auskennen oder diese lieben. Es sind Orgelnerds. An einer lauten Orgel kann auch der unmusikalischste Grobian tönen und „klingen“. Er muss ja nur ziehen und drücken. Manche aus Gruppe 1 betiteln sich sogar als „Konzertorganisten“, obwohl inkompetent.
2. Die Kirchenmusiker. Viele haben ihr Augenmerk nicht auf die Orgel gelenkt, sondern auf alles mögliche andere, Chor, Büroarbeit, Planen, Geldsammeln, Bürokratie usw. Ihre Ausbildung ist gut, aber querfeldein, es ist kein konzentriert künstlerisches Studium des professionellen Orgelspiels, sondern so weitläufig, dass Orgelspiel eins von zig andren Fächern ist. Dass man da überhaupt zum Üben kommt, das braucht enorm viel Disziplin und Talent. Viele Kirchenmusiker üben in ihrem Beruf kein neues (großes) Repertoire mehr, wenn sie überhaupt noch üben. Viele kommen gar nicht dazu, bzw. es hat ihnen sowieso nie Spaß gemacht, zu üben. Das technische und generelle Können allgemein an Tasten ist oft nicht vergleichbar mit Altersgruppe II Klavier bei Jugend musiziert, also mit 12jährigen Pianistinnen. Auch in dieser Gruppe sind die meisten Männer. Motto der Gruppe: „Und jetzt spielt die Orgel“.
3. Die Orgelbauer. Eine sehr künstlerische Gruppe, die nicht hoch genug zu loben ist. Ich wünsche mir hier mehr Frauen. ❤️
4. Die sogenannten Orgelsachverständigen, einige davon aus Gruppe 1, viele davon sind keine Musiker, was schlimme Konsequenzen hatte und hat: Kleine und große historische Orgeln wurden vernichtet, zerstört und viele Orgeln bis zur Unkenntlichkeit umgebaut. Es geht hierbei oft um Macht, Geld und Politik. Es fehlt in dieser Gruppe an Künstlerinnen und Musikern. Auch hier sind die meisten Männer.
5. Die mit Abstand kleinste Gruppe sind die Konzertorganisten, die kleinste Gruppe hier insgesamt die der Konzertorganistinnen. Viele aus Gruppe 1-4 registrieren gar nicht, dass es die Gruppe 5 überhaupt gibt (außer im Ausland) und sind irritiert und baff, wenn sie auf diese treffen. Bei anderen Instrumenten ist diese Gruppe ganz normal. Gruppe 5 sind die Menschen, die künstlerisch studiert haben, vllt sogar zusätzlich Kirchenmusik, und von Konzerten leben.
Für sie ist die Musik oben an, nicht die Orgel an sich, heißt, die Orgel wird nie als Maschine gesehen. Kleine, historische Orgeln werden von Herzen geliebt, weil Größe und Lautstärke nicht entscheidend sind. Im Gegenteil.
Das Repertoire, Können und das Territorium werden täglich erweitert. Ohne Üben, Konzert und Musik können sie nicht leben. Sie sind empfindlich, emotional, ehrgeizig, individuell, anders, geräuschempfindlich und leben in der Musik. Sie opfern viel dafür. Sie sind eine Rarität. Eine Seltenheit. Wie eine aussterbende Spezies, die man beschützen muss.
Sie spielen oft auch andere Instrumente, unterrichten und können auch andere Kunstformen. Sie sind an der Orgel wegenMusik und deren Kompositionen interessiert. Daran, wie man diese Werke gut spielen kann. Am know-how. Dazu kommt das Interesse zum Orgelbau.
Sie sind Künstler und suchen immer nach mehr. Acht Stunden üben am Tag sind für sie kein Problem. Sie lieben die Bühne, Reisen, Einsamkeit, Leistung und meiden Mobs.
Leicht zu sehen: Die Unterschiede sind riesig. Kein Wunder, dass es da clashen kann – bei den kaum zu vereinenden Interessenlagen. Kein anderes Instrument weist das so auf wie die Orgel: Hier trifft sich alles, vom Amusicus über respektlosem Charakterschwein bis zum Genie.
Beethoven
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Übrigens: Das klackende Geräusch von Dosen, die geöffnet werden, gehört meiner Meinung nach zu den hässlichsten Geräuschen.
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29. April 2023: Fordere die Sünde (nicht) heraus. (AHS)
Foto: Fehmarn
Entferne dich von herkömmlichen “Sicherheiten“. (P. Teilhard de Chardin)
Heute erinnere ich an Tony Sender. Politikerin 1888-1964. Sie setzte sich stets für Frauenrechte ein. Und an die schwedische Autorin Gunilla Bergström.
Sehr schöne Orgel:
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Zu Reubke-Ausgaben: die neuen (Schott etc.) sind sehr gut zum Üben (weil weit und groß), doch die alte Peters-Ausgabe (klein, kompakt, kleines Notenbild) ist sehr gut zum Konzertieren (wegen Blättern). Man braucht beide! Mit Schott kommt man mit Blättern im Konzert nicht weit. Man braucht also als Organistin auch sehr gute Augen, was ich habe.
Bachvermittlung
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28. April 2023: Bachs Well-Tempered Clavier ist eine Unterhaltung, ein Gebet. (AHS)
Kleines Ratespiel: Welche Takte sind im ersten Satz von Reubke bis Grave / Adagio die gleichzeitig schönsten und schwersten? Wer mir die richtigen Taktzahlen nennt (als erstes), bekommt meinen neuen Lyrikband geschenkt. 🙂
Bach Aria Steinway Flügel Shorts:
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Ich überhole mich ja oft selbst, aber: Immer noch enttäuscht bin ich, dass Bach nicht aus dem traurigen Tod seiner ersten Frau gelernt hat, die er jedes Jahr schwängerte und die deswegen schwach wurde und starb, während er ehrgeizig seine Karriere „machte“.
Mit der zweiten Frau, die ihre Karriere wegen ihm aufgab, ging er nämlich exakt genauso um, wohlwissend, dass er Anna Magdalena zumutete, eventuell ebenfalls früh zu sterben und sie 8 volle Jahre schwanger sein zu lassen, mit dem Wissen, dass viele Kinder damals gar nicht überleben konnten, heißt, sie „umsonst“ für seine Lust zu schwängern: Da war der Tod die anerkannte Abtreibungs- bzw. Verhütungsmethode auf Kosten von Frau und Kind für den Sex des Mannes. Damals starben die Frauen vor den Männern, obwohl sie viel jünger waren. Heute ist es meist umgekehrt. Männer sind oft viel älter als ihre Frauen, was ja auch einiges aussagt. Wenn Männer 15 Jahre älter sind als ihre Frauen, sind diese Frauen viel leichter zu manipulieren und zu beeinflussen. Männer suchen sich dazu nie Frauen im gleichen Alter aus.
Ich kenne kein (musikwissenschaftliches) Buch, welches das anspricht. Ihr? Im Gegenteil. Männer werden als Genies bezeichnet und Frauen als „weniger künstlerisch begabt“.
Meine Liebe zu Bach ist momentan in einer Krise, wie ihr merkt. Daher Themen-Wechsel.
Schweller:
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Nur in guten Befehlen sollt ihr der Obrigkeit gehorchen, bei schlechten aber kühn euch widersetzen! (Jan Hus) Das hat ihn das Leben gekostet.
Jan Hus
Hus wurde wegen Geld, Politik, Sex ermordet, da die Bischöfe, Kleriker und Päpste an Macht, Geld und Sex interessiert waren. Genau das kritisierte Hus öffentlich. Da hatten die sogenannten Geistlichen mit ihrer Gier große Angst vor Demaskierung. Deswegen versuchten sie, Hus zu verfluchen, zu verbannen, zu schmähen. Sie machten ihn schlecht, auch mit Lügen. Viele seiner „Freunde“ verrieten ihn plötzlich. Sie belegten ihn mit dem Bann. Er war ein Störenfried. Es ist heute nicht anders.
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27. April 2023: Hab immer ein Buch dabei, wenn du ausgehst. (AHS)
Heute erinnere ich an die schwedische Autorin Karin Smirnoff und an Mary Quant, die den Minirock erfunden hat. Und an Kiki Kogelnik, Queen of Pop-Art, lange vergessen.
Es gibt ASMR auch von Männern auf YouTube, und ein paar sind richtig gut. Aber bei denen finde ich es eher sexy als entspannend, und das stört mich dann beim Relaxen. Ich kann das nicht so gut vereinen. Daher lieber Frauen.
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Heute habe ich das erste Mal Reubke öffentlich gespielt, und zwar in Greifswald. Nach ein paar Wochen. Es hat viel Spaß gemacht, obwohl die Domorgel ohne Setzeranlage eine (zwar romantisch angehauchte, aber) neobarocke Orgel ist. Trotzdem passte es.
Raus aus dem Zug und ran an die Orgel und dann direkt Konzert nach 9 Stunden Fahrt in der kalten Kirche!
Ich finde es übrigens falsch, LO (Liturgisches Orgelspiel) „Improvisation“ zu nennen, da die meisten hier überhaupt nicht frei improvisieren, also weder Studierende noch Kirchenmusiker, sondern ein aufgeschriebenes, erlerntes Konzept abspielen, und zwar immer von der gleichen Art. Und an der Weise, wie sie sich verspielen, merkt man, dass sie ein erlerntes (notiertes) Schema abspielen, das so weit von freier Improvisation entfernt ist wie die Sonne vom Mond. Alles, was freier Improvisation näher kommt, ist sehr kurz. Der überwiegende Rest ist Schema F.
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26. April 2023: Nimm nicht den Rat der Gottlosen an. (AHS)
Foto: Erlangen
Entferne dich von herkömmlichen “Sicherheiten“. (Paul Teilhard de Chardin)
Buße ist kein einmaliger Akt, denn das Herz muss ständig zurück gerissen werden. (AHS)
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Heute erinnere ich an die schwedische Schriftstellerin Karin Boye (1900) und an Hilde Rakebrand, Direktorin des Porzellanmuseums Dresden 1940. Und an die Sopranistin Georgine Schubert, 1840.
Ich mag christliche Denkmäler.
Mein Gedichtband ist angekommen ❤️ mein op. 4 in Lyrik
Seit seinem 16. Lebensjahr wurde Mancini als Kastratensänger in Italien und Deutschland engagiert. Berühmt wurde er aber nicht als Sänger, sondern als Gesangslehrer. Besonders die Österreicher liebten den italienischen Star. G.B. Martini und Manciniarrangierten einen Part in Glucks Oper Alceste im Jahr 1778.
Mancini vertrat den virtuosen und komplexen Belcanto-Stil im Gesang (der heute oft als mysteriös gilt) und seine Verwirklichung und Abläufe in der Praxis als Kunstform und Tradition, existierend von Mitte des 17. Jahrhunderts bis hin zum frühen 19. Jahrhundert mit seinem Höhepunkt und Triumph des Kastratentums in der Oper. Das Kastratentum beherrschte über 150 Jahre lang den Gesangstil.
Kastraten und Belcanto
Die Pädagogik des Belcanto-Gesanges, aus dem Osten kommend, wurde bei Mancini berühmt: Virtuosität, Leichtigkeit und schöner Ton als Tonqualität sind seine Grundlagen, was sicher bis heute wichtige und gültige Grundlagen für Gesang generell darstellen. Mancinis Traktat ist eine typische Beschreibung der Kastratenvirtuosität: „Practical Reflections an the Figurative Art of Singing.“
Zur Erklärung: Die Praxis des Kastrierens von Jungen, die eine besonders schöne, einzigartige Stimme besaßen, war in dieser Zeit typisch. Diese kastrierten Sänger konnten später gefeiert werden auf Bühnen und ihre Familien gut ernähren.
Die Stimmorgane der Knaben, der Kastraten, der erwachsenen „normalen“ (natürlichen) Männer und der Frauen und Mädchen sindim Wesentlichen identisch. Es gibt keine grundlegenden Unterschiede in der Physiologie. Doch durch die Kastration ist der natürliche Prozess des Stimmbruchs aufgehoben, mit dem Ziel, daß der kastrierte Mann mit einem „weiblichen Kehlkopf“ sang, allerdings mit dem großen Kehlkopf eines Mannes, was die Klangfarbe besonders und einzigartig macht, ganz unterschieden von der Frauenstimme oder der vorpubertären Knabenstimme.
„Vorgetäuschte Stimme“
Manche bezeichnen diesen Vorgang als unnatürlich oder gar pervers, denn das normale Wachstum des Kehlkopfes ist durch diesen Eingriff bzw. diese irreparable Körperverletzung stehengeblieben, nur um einen männlichen Sopran zu kreieren.
Es gibt vier Arten von Stimme: Baß, Tenor, Alt und Sopran. Der Teil über der natürlichen Stimme (Bruststimme) wird Falsettstimme genannt, mit der Höhe und pathetische Effekte produziert werden können.
Nachdem der Schüler den Umfang seiner natürlichen Stimme (Bruststimme) kennenlernen konnte, sollte der Schüler seine Gedanken darauf lenken, die natürliche Stimme mit den ersten Noten des Falsettes zu verbinden und zwar in solcher Feinheit, daß die Verbindung nicht hörbar wird.
Gerade bei Kastraten fand die technische Grundlage des Belcanto Stils in der westlichen Welt Verbreitung und Anklang. Bevor sich der a-cappella-Stil verbreitete, glaubte man, daß die Stimme nur aus zwei Erscheinungsformen bestand: aus der „vox integra“, der natürlichen Stimme, und aus der zweiten Klangerscheinung, die man „vox ficta“ oder falsche Stimme nannte. Hierzu zählten die Falsettisten, die also die männliche Kopfstimme, in der Kehle erzeugt, gebrauchten und während des Singens des Diskants ihr Falsett gebrauchten und gezwungen waren, ihr Falsett über die Grenzen hinaus weiter fortzuführen.
Man sehnte sich also stets nach einer größeren Fertigkeit in der hohen Stimmtechnik bei Männern. Der Falsetto wird übrigens „vorgetäuschte Stimme“ (falso = falsch, limitiert) genannt.
Ein Lehrer, so Mancini, sollte sich bemühen, einem männlichen Sopran, der ohne Falsett nur ein paar Noten in seinem natürlichen, eingeengten Umfang singen könnte, zu helfen, hoch und virtuos zu werden, immer noch höher. Dies gelang bei Kastraten am besten, obwohl diese Fertigkeiten bei Männern sehr gekünstelt und unnatürlich waren, dennoch Belcanto (= schöner Gesang) genannt wurden.
Die Kastraten müssen sich ihre technischen Stimmfähigkeiten mit viel Disziplin und Ausdauer erarbeitet haben, denn ein Knabensopran kam nicht an die Virtuosität der Kastraten in der Zeit vor und während des Kastratentums (das sogenannte „Goldene Zeitalter des Belcanto“) heran.
Lehrer wie Mancini hatten das Ziel, die Gründlichkeit, die funktionalen Abläufe und die klangvolle Tonproduktion zu lehren, zu verfeinern und immer weiter zu entwickeln, den Verzierungsreichtum und die Raffinesse.
Leider kann man heute nicht wissen, wie die spezielle Toneigenschaft der Kastraten geklungen hat und beschaffen war, da es damals natürlich keine Tonaufnahmen gab. Wir können heute nur spekulieren und vermuten.
Manche behaupten, der Klang sei eine Mischung aus Knabenstimme und Frauenstimme gewesen, etwas dazwischen – was den Eindruck verstärkt, dass es etwas Unnatürliches gewesen sein könnte, nämlich ein männlicher Sopran, was es physikalisch gesehen nicht gibt.
Doch 150 Jahren nach dem Goldenen Zeitalter des Belcanto wurde die Gesellschaft müde darauf, Kastraten zu hören, denn der Text mußte sich ständig der Musik unterordnen und die Arien selbst schienen oft ohne Inhalt, eine leere, eitle Spiegelung von Läufen, Trillern, Arpeggios, Kadenzen und überbordenden und überladenen Verzierungsarten, dem Sänger angepasst, ohne größere Tiefe und ohne spannende Geschichten und Texte, die die Menschen hören wollten.
Ein Beispiel solcher fast ins Lächerliche führenden Ausschweifungen, die auch Christoph Gluck (1714-1787) den italienischen Sängern und Kastraten der Oper vorwarf, ist eine Passage aus Porporas Siroe, in der über 140 Töne auf einer Silbe gesungen werden, und in der Abschlußkadenz noch mal zusätzlich 12 Triller. Zu viel, wie Gluck fand, diese Effekthascherei des Singstils der Kastraten, die von vielen nur noch als dramatische Diven gesehen wurden.
In einem Artikel von Benedetto Marcello für „Il Teatro Alla Moda“ (1721) findet sich folgende Behauptung eines Zeitzeugen:
„Beim Singen einer Arie, kann es passieren, daß der Sänger pausiert, wo und wann er will; daß er in den Kadenzen die Passagen derartig frei Improvisiert und verziert, daß der Dirigent seine Hände vom Cembalo nimmt, eine Prise Schnupftabak nimmt und mit Vergnügen den Divo erwartet. Er treibt die dramatische Handlung seiner momentanen Stimmung und seiner Laune entsprechend voran, da er es weder nötig hat, Gefühle, die in den Worten ausgedrückt sind, wirklich zu verstehen, noch auf das Zusammenspiel von Gestik und Bewegung zu achten.
Beim Da capo wird er die ganze Arie so verändern, wie es ihm paßt, obwohl seine Varianten keinerlei Verbindung mehr mit der vom Kompositeur vorgeggebenen Harmonik hat, noch wird er Rücksicht auf die Orchestermusiker nehmen, obwohl diese Veränderungen sogar einen Tempowechsel einschließen. Niemand kümmert sich um einen werkgetreuen Aufführungsstil, da der Komponist des Werkes auf alles gefaßt scheint.“
Männlicher Falsett und kein Bruch in der Stimme
Mancini beschreibt in seinen Schriften vor allem den Gesang des berühmten Kastraten Baldassare Ferri (1610-1680).
Dieser besaß in Mancinis Augen Perfektion in jeder Stilart des Balcanto, ununterbrochen trillernd, mit atemberaubenden technischen Fähigkeiten und mit Ausdruck in allen Gefühlslagen.
Bontempi indessen kommentiert den Gesang von Baldassare Ferri (1610-1680) in seinen „Historica Musica“ so:
„Jemand, der diesen feinfühligen Sänger noch niemals gehört hat, kann sich kein Bild von der Klarheit seiner Stimme, seiner Beweglichkeit, von der bewundernswerten Leichtigkeit in den schwierigsten Passagen, von der Treffsicherheit seiner Intonation, der Brillanz seiner Triller und seinem unerschöpflichen Atemhaushalt machen.
Jemand, der ihn oft gehört hat, berichtet von der Ausführung schneller und schwierigster Passagen mit jeder Schattierung von Crescendo und Decrescendo; und gerade dann, wenn es den Anschein hat, daß er müde wird, brilliert er mit seinen endlosen Trillern, steigt auf und steigt ab in allen Graden der chromatischen Skala über zwei Oktaven mit unfehlbarer Genauigkeit. Und alles dies scheint nur ein Spiel für ihn zu sein.“
Mit Pathos sang Ferri laut Mancini zwei Oktaven in einem Atemzug herauf und herunter, akkurat die chromatischen Tonfolgen treffend, mit und ohne Begleitung, mit absolutem Gehör, nie zu tief oder zu hoch, so beschreibt es Mancini.
Welchen Stimmmechanimus es dafür braucht, dies legt Mancini in seinem Buch dar. Mancini betont, wie wichtig hierbei ein guter Lehrer ist, um technische Fehler zu erkennen und auszumerzen. Er lobt den Lehrer Pistochi, der seinem Schüler Bernacchi bei seiner Karriere half, indem er solche Fehler geduldig aufdeckte.
Bernacchi zögerte nicht, den Versuch zu unternehmen und traf sich zu einer festen Zeit mit seinem Lehrer, um zu üben. Während dieser Übejahre sang er weder in Kirchen noch in der Oper, sondern hielt sich komplett zurück, während sein Lehrer seine Technik kontrollierte. Am Ende dieser Zeit wurde Antonio Bernacchi ein hervorragender Sänger.
Mancini will daher mit seiner Schrift ermutigen, dass aus jedem fleißigen Schüler mit harter Arbeit und Disziplin unter einem engagierten Lehrer etwas wird und dass sich eine schlechte Stimme sich zu einer guten verwandeln kann.
Er lobt also in seiner Schrift nicht nur die Stimmen Hochbegabter, die von Natur aus edel sind, sondern auch die Arbeit der Lehrer, die belastete oder weniger begabte Stimmen verbessern, korrigieren und ihnen zu einem neuen Klangniveau verhelfen, ebenso den Fleiß und die Hartnäckigkeit von Schülern, die dieses Angebot annehmen und gehorsam und mit eisernem Willen mit dem Lehrer an ihrer Karriere arbeiten.
Gehorsam, Demut und Leidensfähigkeit setzt er voraus, um die Technik zu erlernen und die Stimme auf höchstes Niveau zu bekommen. Er betont aber, dass sich eine solche Strapaze lohnen würde und Früchte bringt.
Die Kastraten müssen sich ihre technischen Errungenschaften als aussergewöhnliche Vokalkunst hart antrainiert haben. Mancini hatte hier als sorgfältiger und gewissenhafter Lehrer großen Erfolg. Er war Schüler von Antonio Bernacchi und wurde Re del Cantatori (König der Sänger) genannt.
Mancini beschreibt Stimmtechnik genau zur Behandlung der Stimme und auch Solfege und Portamento.
Folgende Ratschläge gibt Mancini seinen Schülern:
Die Stimme muss sauber und klar klingen und darf nicht im Rachen stecken (di petto oder di testa). Diesen Ratschlag gab auch Pier Francesco Tosi (1647-1727) in seinem Buch Opinioni de’ cantori antichi e moderni (1723).
Die Stimme muss voll sein: Voce di petto, die ausdrucksstarke Stimme.
Die Stimme muss zudem auch sonor und beweglich klingen können: Voce di testa, von der Kehle her, nicht nur von der Brust.
Die Stimme muss einen brillanten Falsetto besitzen, in der Kehle erzeugt.
Die Stimme muss einen großen Umfang besitzen, bis über den vierten Zwischenraum, der C ist, hinaus oder bis zur fünften Linie, also dem D im Sopranschlüssel.
Die Stimme darf nicht brechen oder sich aufteilen zwischen der vorgetäuschten Stimme (Falsett) und der natürlichen Stimme, weder beim Höherschreiten zu den höheren Noten noch beim Herabsteigen zur natürlichen Stimme, sondern muß stets verbunden und perfekt vereint sein. Ein Lehrer sollte helfen, die vorgetäuschte und die natürliche Stimme so zu vereinen, dass sie nicht mehr unterschieden werden kann, um nicht Höhe und Brillanz zu verlieren. Der schlimmste Fehler sei laut Mancini, einen plötzlichen Wechsel in der Tonfolge von der natürlichen Stimme (Bruststimme) zur vorgetäuschten Stimme (Falsett) zu vollziehen. Dies sei ungeschickt und sehr unschön.
Die Klangfarben der Stimme mit ihren Stimmregistern (Vokalregister) sind dem Gebrauch von verschiedenen Registerzügen einer Orgel ähnlich, wie auch Tosi bestätigt, von John Ernest Galliard ins Englische übersetzt.
Klare Aussprache und offene Vokale sind wichtig (italienischen Vokale „a“ (agile, mare, anima), offenes „e“ (cette, tempo) und offenes „o“ (Ostia, Carlotta), zudem eine große Spannbreite im Crescendo und Decrescendo.
Der Sänger soll ohne Ticks, ruhig, selbstbewusst und lächelnd stehen, während er mit den Appoggiaturen beginnt, mit Trillern und Repetitionen fortfährt.
Da die Falsettstimme keine Kraft besitzt, muß die natürlichen Stimme (Bruststimme) bereits hochvirtuos sein und von Anfang an fein mit der Falsettstimme verbunden werden, damit ein eventueller Bruch unhörbar wird.
Voce di petto / Voce di testa
Mancini bespricht Verzierungen wie Mordent, Praller, Triller, Vorschläge und das messa di voce. Weiter schreibt Mancini über die Registerfrage: „Die normale Stimme teilt sich selbst in zwei Register, in das Brustregister und das Falsett.
Jeder Schüler, ob Sopran, Alt, Tenor oder Baß kann leicht den Unterschied zwischen diesen zwei Registern feststellen. Die große Kunst des Singens besteht darin, den Übergang von einem Register in das andere so zu bewerkstelligen, daß es für das Ohr kaum wahrnehmbar ist.“
Vincenzo Manfredini (1737-1799), MancinisKonkurrent, aber schreibt in seinem Buch „Regole Armoniche“ (Venedig 1797), übersetzt von Duey: „Die Verbindung von Bruststimme mit der Kopfstimme, die allgemein Falsett genannt wird, ist wichtig. Was die Verbindung dieser zwei Register betrifft: Man kann sie nicht durch Forcieren der hohen Brusttöne hervorbringen, sondern eher durch Stärkung der tieferen Töne des Falsetts; oder man mache das Gegenteil, wenn die Brusttöne sehr schwach und mangelhaft, und die Falsettöne dagegen voll und kräftig klingen.“
Ähnlich beschreibt es Domenico Corri (1746-1825), der fünf Jahre mit Porpora, dem Lehrer von Farinelli und Caffarelli, zwei der größten Sänger dieser Zeit, studierte, in seinem Buch „The Singers Preceptor“ (London: Chappell & Co), das 1810 in einer englischen Übersetzung zum ersten Mal veröffentlicht wurde.
Porporas Korrepetitor war übrigens Franz Joseph Haydn. Cori rät bei Gefahr von Bruch der Stimme, „lieber den tieferen Teil der Stimme zu opfern als den Bruch von der natürlichen Stimme zur vorgetäuschten Stimme zu riskieren“.
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