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Klavier

31. Januar 2010

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Nobelpris 

Allmählich kenne ich mich in Stockholm bestens aus, die Svenska Akademie von 1785, dort, wo die 18 schwedischen Wissenschaftler und Schriftsteller noch immer zusammenkommen und einmal im Jahr den Nobelpreis für Literatur vergeben. Mein Herz klopfte, als wir das alte, holzvertäfelte Gebäude betraten. Von den 18 Schriftstellern waren nur 5 Frauen laut den Fotos innerhalb des Gremiums, und zwei davon kommen nach einem Streit nicht mehr. So etwas macht mich traurig. Der Wissenschaftler Nobel, der herausfand, wie man Dynamit, bzw. TNT bindet, hatte in jungen Jahren bei seinen Experiementen seinen Bruder verloren, der tödlich verunglückte bei einer Explosion. Ich merke, dass wenn man das an etwas dran ist, dann kann man selbst bei höchstem Verlust nicht mehr aufhören, zu suchen.

Traf mich heute mit zwei Sängerinnen, es war schön, sich über das Leben mit Musik, gemeinsamen Projekten, Welt, Glaube und Männern auszutauschen.

15. Januar 2010

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Geschichte, Zeit, Schweden

Meine letzte Schwedisch-Klausur fällt genau in die Zeit, in der ich in Stockholm bin. Nun muss ich alleine nachschreiben Ende Februar, dann: Akademisches Arbeiten und Schwedische Literatur.
Heute habe ich gehört, dass ich eine Art Synästhetikerin sei, das heißt, ich kann verschiedene Sinnesebenen koppeln und mischen, konkret: Wort, Ton und Farbe. Das kann auch sehr belastend sein und anstrengend. Ich merke zum Beispiel, dass die Kreativität nicht als Muse kommt bei mir, sondern fordernd. Ich übe, und plötzlich weiß ich das poetische Bild zu einem Gedanken. Ich laufe dann oft zwischen Flügel und Laptop hin und her und kann nach zwei Stunden ins Bett gehen, so müde bin ich, was ich nicht tue. Ich habe Angst vor meiner Kreativität.

Ich habe auch in Kombination von Musik ganz klare Erkenntnisse und ein Wissen über Dinge, als würde mir die Musik das konkret als Schriftzug sagen, was in der Luft liegt. So auch mit Farben und Bilder, nicht ganz so ausgeprägt, da ich es nicht so häufig tue. Meine Antennen sind immer ausgefahren, was mich viel Kraft kostet. Ich muss erstmal lange erklären, warum ich was wie sage. Aber es gibt auch Leute, die sagen, dass das eine Gabe ist, eine Hochbegabung.

Vernunft ist eine kostbare Gabe. Vernunft kommt von Vernehmen. Von Hören. Sprachlich sein.
Heute badete ich mit einem Duschherzen; ich wollte die rote Flüssigkeit aus der Öffnung drücken, was natürlich nicht ging, aber plötzlich bekam das große Herz einen Riss mittendurch und die komplette rote Creme war in meinem Gesicht und an den Kacheln und überall auf mir. Irgendwie fand ich das sehr symbolisch und schön.

Konzerte und Schnee im Schwarzwald

Das Konzert ist sehr gut gelaufen, der Moderator hielt ein Interview mit mir zwischendurch und danach. Das war nicht geplant, aber spannend.

Ich hatte die Sauna am nächsten Tag nach dem Konzert im Schwarzwald ganz für mich allein; man konnte auf das Dach der Anlage gehen, das ganz in Sonne und Schnee lag. Ich nahm Schnee mit in die Sauna. Der Bademeister kam extra, um nur für mich einen Aufguss zu machen. Im Schwarzwald hat es wiederum auch sehr geschneit.

Ich war recht spät dran, und so vergass ich, das Auto in die Tiefgarage des Hotels zu stellen. Als ich heute losfahren wollte, waren Schnee und Regen dick angeeist, Eisstangen, Eiszapfen hingen von meinem Auto, so etwas habe ich noch nie erlebt. Zuerst sagten ein paar Jungs zu mir, sie würden das Auto für mich freikratzen. Ich dachte, ach, das werde ich wohl alleine schaffen. Als ich zwei Stunden später losfahren wollte, merkte ich, dass ich es nicht schaffen würde. Also halfen mir einige Gäste, die stark waren. In der Zeit, in der ich ein kleines Loch in das Seitenfenster mit Mühe gekratzt hatte, hatte einer fast die ganze Frontscheibe freigekratzt.

Dazu hatte er seinen Kratzer aus dem Auto geholt, der Welten besser war als meiner. Der Bademeister sagte, nun würde mein Beetle mal einen richtigen Winter erleben. Er schenkte mir einen kleinen Besen für die Schneemassen auf dem Autodach. Es war lustig, zusammen am Projekt Auto zu kratzen, während ein tief hängender, orangener Vollmond auf uns niederschien. Als ich losfuhr, begann es erneut zu schneien. Die Nachrichten sagten, man solle nicht fahren, überall 35 km Stau, man solle sich eine Übernachtung suchen. Ich wollte aber nach hause und nicht noch eine Nacht im Wellnesshotel bleiben, so schön es dort ist im verschneiten Schwarzwald mit Thermalbad und Mineralbad, mit Massage und Sauna und Wassergymnastik — aber die Strecke, die ich fuhr, war komplett frei. Ich kam sehr gut durch und sah vor mir stets den tief hängen orangenen riesigen Mond, der fast Adern hatte, so etwas Wunderschönes, ich dachte, ich träume, während ich durch den Winterwald fuhr. Ich kann dann nur eines denken: Wie wunderschön ist der Künstler dieses Mondes. Er hat ein Auge auf mich.

Ich freue mich, bald wieder nach Schweden zu fliegen. Meine Tante Mia (min moster = Tante) und meine Cousinen haben ein Sommarstuga in Falkenberg in Halland, in einem Badeort an der Westküste. Ich freue mich darauf, das zu sehen. Die meisten Schweden haben ein Sommerhäuschen, glaube ich.

Meine Tochter würde ich gern Björna nennen, die Bärin. Aber den Namen gibt es nicht. Stockholm ist so wunderschön, auch im tiefsten Winter. Der Mälaren ist ein See vor Stockholm, der eigentlich zur Ostsee dazugehört. Wenn man in Stockholm ist, denkt man, man ist in New York wegen den hohen Gebäuden und dem Meer. Ich stand am Meer, am Ufer, mitten in der Stadt im Schnee, umgeben von Inseln. Gamla Stan ist wie ein kleines Venedig, eine Insel. Die Schiffe legen an, Schwäne auf dem Wasser, Gänse in der Luft, als ich da stand, Wildgänse flogen über Schweden, fehlte nur noch Nils Holgersson. Die Stadt ist so gut erhalten, die Gässchen und Stadtteile und Inseln und Brücken und vielen hohen Kirchen, ein pittoreskes, edles Labyrinth. Erstaunlich, dass selbst Stadtteile Inseln sind!

17. Dezember 2009

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Holland

Ich bin fasziniert, wie friedlich und schön Holland ist — wie wenig wir teilweise unsere Nachbarländer kennen. Die Atmosphäre war ruhig, während wir einen Milchkaffee am Marktplatz tranken und ein Fahrrad mit auf Rot weißgetupftem Sitz, dazu passenden Fliegenpilz-Taschen an beiden Seiten und einem rosa Korb vorne dran vor uns an der Scheibe parkte. Ich geniesse es, aus dem strengen Druck Deutschlands manchmal entfliehen zu können in eine andere Welt, eine Welt der Wiesen, einfach nur Gegend, mit Kühen und Pferden und gelben Nummernschildern — oder irgendwo anders hin. Pia Douwes ist eine sehr charismatische Persönlichkeit, mitten im Leben ohne Starallüren, mit toughen Augen und trotzdem freundlich und erwachsen. Ihr helles Häuschen in der Nähe von Utrecht ist künstlerisch eingerichtet mit einem kleinen braunen Antiquitäten-Flügel von Fritz Sohn, 1878, Paris, Wien. Sie möchte den Flügel generalüberholen lassen, aber er hat auch jetzt schon einen sanften Klang mit blinkendem Sopran. Ansonsten ist alles sehr hell, weiße Türen, ein verwilderter Garten, ein weißer Kachelofen, romantische Unikate als Sessel, originale Gemälde in goldenen Rahmen, dicke Samtvorhänge, ein Esszimmer, violette Gardinen, eine Tapete mit Rosen in hellrosa und lila — alles spezielle Möbel, die es wahrscheinlich kaum mehr woanders gibt, schöne Spiegel, ein verwildertes Bücherregal. Es machte mir Spaß, auf dem alten Flügel zu spielen. Die Musicalwelt ist eine eigene Welt; ich tauchte für einen Tag oder zwei in diese Welt ein. Nur Musicals zu spielen oder zu hören, wäre nichts für mich. Ich brauche auch feste Speise, so etwas wie Vollkornbrot, Bach zum Beispiel. Aber man darf Musicals nicht unterschätzen, es ist sehr schwer zu singen.
Wir liefen erst ein wenig sprachlos herum im Wohnzimmer, wie in einem Museum. Pia sagte, sie sei eben erst eingezogen. Ihr Stil erinnerte mich an mich. Ich spürte sofort, sie war Künstlerin durch und durch, wie eine Seelenverwandte. Sie unterrichtete den ganzen Nachmittag, ich hörte zu, wie sie die Belting Technik erklärte, also das Mischen der Lagen, die Bruststimme mehr oder weniger hochzuziehen, damit es nicht nur klassischer Kopfstimmengesang ist, wenn es in die Höhe geht. Ich mochte ihren Klang live in dem Zimmer, zart und leidenschaftlich.
Während ich die Songs, die sie Nummern nannte, begleitete, zum Beispiel aus dem Musical Elisabeth oder von Le Mis oder von Cats oder Abba, fieberte ich bei ihren Erklärungen mit und konnte ein Summen und Singen kaum unterdrücken hinter dem verschnörkelten Notenpult des braunen Flügels. Mal sollte ich nach oben transponieren, mal eine andere Tonart von anderen Noten (sehr handgeschrieben aussehend) spielen — sie hielt mich schon auf Trab.

Natürlich ist es auch schön, wieder zurückzukommen nach Deutschland — auch wenn ich das Glockenspiel vor meiner Haustür, bevor meine Straße in die Innenstadt mündet, kaum mehr anhören kann. Aber dann, wenn sich das Glockenspiel überschneidet mit Ohrwürmern in mir — denn diesmal das Lied Pias: Ich gehör nur mir,  sitzt in meinen Ohren fest, ein Ohrwurm, der schier von innen lähmt in Schönheit. Übermorgen fliege ich in ein Stockholm voller Schnee.

Jag tvivlar på att följande historia är sann men den lär ha hänt här i Würzburg: En kvinna som bodde med sin man i ett litet hus spelade på ett gammalt piano som bröt ihop en vacker dag.
Då köpte hon en ny svart flygel eftersom hennes man inte ville köpa ett nytt piano. Hon kunde nämligen inte spela piano. Så hon köpte själv till och med en flygel utan att tänka på hur flygeln ska komma in i det lilla huset. Hon måste faktiskt bestämma sig snabbt, för hennes man ska komma hem från arbetet på kvällen. Så lät hon helt enkelt riva av taket och lät flygeln glida ner i vardagsrummet. När hennes man kom hem från jobbet såg han flygeln men inte något tak.

Trinitatiskirche Würzburg

Heute abend ist das Konzert in der Trinitatiskirche Würzburg. Heute und gestern stand ich mit Foto in der Zeitung. Das Videodrehen gestern war spannend.

Durch die vielen schwedischen Filme träume ich schwedisch. Gestern Generalprobe mit Martin Zenck. Die Goldberg-Variationen begann ich in den USA zu studieren, in Phoenix an der Arizona State University. Dass ich dort studierte, war ein geführter Weg.

Die Waldstein-Sonate erinnert mich immer an meinen Papa. Meine pianistische ‚Haupttechnik‘ verdanke ich ihm. Das Herz einer Künstlerin hat mir Gott geschenkt, aber mein Vater und auch meine Mutter, die mich bis vom vierten bis zum sechsten Lebensjahr unterrichtet hat, haben dennoch einen großen Beitrag in mir dazu geleistet, ein künstlerisches Herz zu bekommen. Das Leben als Künstlerin ist nicht immer leicht, doch erstaunlich ist, dass man als Musikerin Beziehungen aufbaut zu den Stücken, die man spielt; zu diesem Werk, Beethovens Waldstein-Sonate, hat sich eine besondere Liebesbeziehung entwickelt.

Beethoven hatte eine schwere Kindheit gehabt, wurde dennoch ein Komponist voll Disziplin, Leidenschaft, Konzentration, Fleiß und Vision. Seine Sonate op. 53 ist für mich ein pulsierender, freundlicher, hoffnungsvoller Lichtblick in seinem Schaffen.

Der Drive dieser Musik weist weit voraus, ist in seinem drängenden, sehnsuchtsvollen, rhythmischen Streben nach vorne und nach innen prophetisch für die Einheit der Stile der Musik: die, die schon war und die, die ist und die, die noch kommen wird. Denn alle diese Musik ist schon da, sie muss nur noch entdeckt werden.

16. November 2009

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Jazz

Ich bin solche Proben mit Jazzmusikern noch nicht gewöhnt. Meine Stücke sind meine Babys. Meine Lieder sind nun nicht so leicht zu spielen, weil ich viele Ideen habe, sie von der Struktur nicht typisch sind, sie komplexer aufgebaut, sind harmonisch, und trotzdem keine Sinfonien, sondern kurze, prägnante Lieder — es ist nicht so leicht, sich da erst einmal hinein zu fühlen, denke ich. Sie waren beide sehr vorsichtig, damit man mich noch hört am Flügel trotz Drum and Bass – bis sie mal richtig losgelegt haben, ich dachte, meine Ohren fliegen weg.

09. November 2009

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Doktorandenseminar

Als ich meine erste wissenschaftliche Arbeit abgab, sagte der Professor: „Sie wissen ja, die Wissenschaft ist emotions-los.“ Es war die sachlichste Arbeit meines Lebens. Ich verstehe nicht ganz, wie emotionale Menschen emotionslose Arbeiten schreiben sollen. Wissenschaft ist für mich in keiner Weise emotionslos.

01. November 2009

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Schweden

Wir fuhren früh gestern los nach Schweden mit dem Kammerchor der Universität Würzburg.

Die Ostsee fiel mit dem Himmel und der aufgehenden Wintersonne zusammen, als wir die Öresundbrücke erreichten, die Brücke über das Meer zwischen Dänemark und Schweden, zwischen Kopenhagen und Malmö, zwischen Seeland und Schonen. Es ist ein Erlebnis, wenn die Brücke schier in der Meerenge verschwindet, aber in einen Tunnel unterhalb des Meeres mündet.
Tags zuvor hatten wir Helsingborg und Helsingör besucht und überquerten die schmalste Stelle dieser Meerenge mit der Fähre Hamlet. Früher war das nun schwedische Gebiet um Lund und Malmö herum dänisch gewesen. Man spürt von der Atmosphäre her vielleicht den Unterschied, wenn man zwischen Dänemark und Schweden pendelt, aber der wunderschöne skandinavische Stil ist doch in vieler Hinsicht gleich hier zwischen den beiden Ländern: die interessanten, freundlichen Farben der Häuser, der geschmackvolle, schlichte Stil, die weißen, großen Fenster, die Sauberkeit, die frische Meeresluft an der Küste, die roten großen Rathäuser. Dänemark kommt mir immer etwas holländisch vor, während Schweden für sich eine eigene Welt ist. Lund am Öresund in Schonen gefiel mir noch besser als Malmö. In Helsingör bewunderten wir die nachgebaute Orgel Buxtehudes in der Marienkirche. Ich musste dabei an Bach denken, der kilometerweit zu Fuß gewandert war, um Buxtehude zu besuchen.

Auch zur Kronborg, der großen Burg an der Küste, in der Shakespeare seinen Hamlet spielen liess, liefen wir. Da ich nicht den Stadtkern von Helsingör mit 35.000 Einwohnern gesehen habe, kann ich leider wenig über diese schöne Stadt schreiben. Aber sowohl Malmö, Lund, Kopenhagen, Helsingborg und Helsingör scheinen insgesamt richtig herrliche Städte zu sein, jede einzelne für sich. Wobei ich sagen muss, dass Malmö nicht ganz meinen Geschmack getroffen hat.

Durch Helsingborg mit seinen knapp 100.000 Einwohnern sind wir leider nur durchgefahren.
Gestern abend besuchte ich ein sogenanntes spex, ein Play, im Medizinergebäude der Universität Lund, ein schwedisches Musical. Die große Universität ist in verschiedene, so genannte Nationen aufgeteilt, das heisst, in etwas ähnliches wie Verbindungen, und jede einzelne hat seine Schauspielgruppe, etwas in der Art, und diese führen Musicals auf, also Plays, dort singen und tanzen sie und haben eine Band oder ein kleines Orchester. Diese Plays heissen spex. Ich merke, dass die schwedischen Studenten sehr auf Gemeinschaft aus sind, zusammen helfen, kaum rauchen. Alles wirkt so sauber und anständig, etwas konservativ vielleicht, aber schön. Das ganze Gebiet wirkt wie von einem anderen Planeten: die großen Herbstbäume, die angestrahlte weißen Universitätsanlage, alles voller Brunnen, Blätter und Fahrräder. Es muss eine schöne Atmosphäre sein, hier zu arbeiten, zu forschen. Die Doktoranden haben dort ein ziemlich gutes Gehalt, ein eigenes Arbeitszimmer. Viele sprechen nicht schlecht Deutsch, alle Englisch. Selbst die Mensa sieht aus wie ein Tempel, sowohl innen als auch außen. Die Aulen und Säle mit Steinway-Flügeln sind eher ein Museum oder eine Kirche und doch nicht steif und kalt, alles ist freundlich, menschlich. Alle Kirchen sind ohnehin beheizt und recht warm. Die verschiedenen Professoren der Hochschule in Malmö und der Universität Lund waren alle sehr interessiert und freundlich, wirken weicher und bescheidener, auch in der Art, wie sie duzen. An den Musikhochschulen einen künstlerischen Doktor zu machen, ist mittlerweile sehr im Kommen. Besonders schön war es, in der Hauptbibliothek die handgeschriebenen Originale von Werken von Schubert und Liszt, also historische Dokumente, die Tinte, das alte, gelbliche Notenpapier, zu sehen, und auch, die Musik des schwedisch-deutschen Komponisten W. W. Glaser kennen zu lernen.

Zurück ging es wieder durch Dänemark vorbei an Rödby mit der großen Fähre nach Deutschland, die eine Dreiviertelstunde bis zur Insel Fehmarn, Puttgarden und der Fehmarnsundbrücke braucht. Genau wie im Systembolaget in Schweden wird auf der Fähre ebenfalls Schlange gestanden für Alkohol. In Lund hatte ich die Gudrun Sjöden-Mode, die es ja auch in Deutschland mittlerweile gibt, kennen gelernt; die Damen-Mode in Schweden ist sehr weiblich, voller Rücke und Kleider und Farben wie Rosa und Lila und Rot, also sehr auffällig durchaus, aber individuell und stilvoll, mit Punkten und auch etwas kindlich, aber schöne Materialien. Ich habe mir einen rosa Windmantel gekauft, sehr auffällig. In Würzburg braucht man ja Mut, um anders auszusehen als die anderen. Schweden ist wie USA, jeder kann tragen, was er will. Großstädte sind insgesamt freier, finde ich, und Lund ist mehr Großstadt als Würzburg — es kommt eben nicht nur auf die Einwohnerzahl an.
Eventuell werde ich Weihnachten in Südschweden verbringen.

Kaum ist meine zweite Schlagzeugstunde um, bat mich Bernd Kremling, in der Philharmonie Würzburg am Wochenende Perkussion, die sogenannte Große Trommel, zu spielen, etwas wie Pauke. Ich habe außer als Solistin keine Erfahrung mit Orchester: also innerhalb eines Orchesters zu spielen — diese schöne Erfahrung macht man als Pianistin nicht, da ich kein Orchesterinstrument spiele. Außer das Celest bei Holsts Planeten in den USA habe ich innerhalb des Orchesters nicht gespielt. Klavierkonzerte habe ich mit Orchester gespielt, aber das ist nicht dasselbe, innerhalb eines Orchesters zu sein. Perkussion im Orchester spielen meist Männer; ich freue mich auf die Trommel, und es ist interessant, aus einer Perkussions-Orchester-Partitur zu lesen, zu spielen. Da ich im Sommer in der Musiktherapie eine Verbindung zur Trommel bzw. Pauke hergestellt habe, ist dies jetzt ein besonderes Geschenk. Was es bedeutet, weiß ich nicht. Ich empfinde fast etwas Zärtliches für die Trommel. Es stimmt, dass Musik Propaganda pur ist — diese Trommel hat so viel Klang, tief und weich, so voll Power und ist doch so zärtlich, finde ich. Morgen beginnen die Orchesterproben.
Wie kann man mit Herz und Seele allein nur im Akademischen aufgehen? Es scheint mir eine Flucht vor dem Wesentlichen zu sein, sogar die Pädagogik kann eine Flucht sein. Es kommt mir immer mehr vor, als sei die Musik und die Kunst das Gegenteil vom Akademischen. Doch ich glaube an eine Verbindung.
Seitdem ich in dem schwedischen Chor Lucia bin, hat Weihnachten spätestens schon angefangen, mit schwedischem Glühwein und Lebkuchen, Gemeinschaft und Liedern — für mich ist die Lucia schön als Lichtträgerin und Hoffnungsbringerin. Es macht Spaß, in einem solchen Laienchor zu singen. Ich freue mich sehr auf unsere Lucia-Auftritte und finde es schön, dass sich der schwedische Stammtisch mit der Uni deckt. Das letzte Mal Lucia war ich mit 10. Ich hatte einen Lichterkranz im Haar, soll wie ein Engel ausgesehen haben im weißen Gewand; ich singe alle schwedischen Texte auswendig.
Die kleine evangelische Kirche in Wenkheim bei Würzburg war ein Genuss. Morgen buchen wir das Ticket nach Vadstena, drei Stunden von Stockholm entfernt.

25. Oktober 2009

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Musikpädagogik

An der Universität habe ich wegen Magister Musikpädagogik Schlagzeug-Unterricht bei Bernd Kremling bekommen. Es ist sehr interessant, plötzlich eine Cajòn zuhause zu haben. Zwei Djemben, groß und klein, original aus Afrika, habe ich mitgebracht. Bernd Kremling kennt meine Familie. Er sagte, ich hätte eine ausgezeichnete Veranlagung zum Rhythmus. Es gehört viel Energie dazu, einen steady Rhythmus zu spielen an einem Drumset, das groovy ist und einen schönen Klang hat, dazu die wirklichen Rhythmen heraus zu akzentuieren. Die wirklichen Rhythmen wie Samba locker aus dem Handgelenk sind nicht das Problem, sondern der stabile Ghost — Rhythmus im Hintergrund. Rhythmus hat viel Power, es macht mich lächeln und tanzen. Mein Gesicht tanzt mit.