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Klavier

3. Februar 2020

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Die Musik wurde nicht nur als Pflanzstätte nationaler Gesinnung, sondern auch als Kunst für sich eine Macht im deutschen Volksleben, die bewies, dass dieses unser Volk musikalisch begabt ist und musikalisch empfindet. (Theobald Ziegler, 1846)

So etwas wäre heutzutage nicht möglich zu sagen. Nationale Gesinnung ist in Deutschland etwas sehr Schlechtes geworden.

Sehr empfehlen kann ich den französischen Film Das Konzert, wenn er auch eher ein Märchen ist. Aber: Moralisch. Witzig. Sehr berührend. Es handelt im Grunde darum, seiner Berufung und seinen Menschen treu zu bleiben. Egal, was passiert. Am besten ist: 1:22:10-05 (also im Grunde die zwanzig Sekunden hier).

Mein Tipp für heute: „Verhandeln ist wie Fahrradfahren. So etwas verlernt man nie“. Selbst Beethoven war ein Businessmann. Also: Kapriziös sein.

Verliebt habe ich mich in Bach BWV 688.

Ich finde es schön, durch die Orgel all die Komponisten vor Bach intensiv kennenzulernen: Sweelinck, Froberger, Muffat, alles inspirierende, wichtige Musik mit eigener Tonsprache.

Nicht empfehlen kann ich den Film Mahler von Ken Russell, denn mir kommt der Film zu abstrus vor. Ich glaube, der arme Mahler sollte hier einen Touch von John Lennon bekommen, verheiratet mit Agneta oder Frida von ABBA. Bedenklich finde ich auch den Film Händel. „Es gibt in Händels Leben keine Bett- und Klatschgeschichten und er war nicht verheiratet, was hatte er also zu verbergen?“ Was ist das für eine Schlussfolgerung? Händel ist zwar niemand, den ich besonders bewundern würde, ich vermisse die Tiefe und Spiritualität in seiner Musik, wie ich bei Bach vorfinde, zudem hat er verpasst, Bach zu begegnen… aber ob er nun homosexuell war oder nicht, spielt für mich keine Rolle. Wie kann man da auf „Spurensuche“ gehen, wie sein Sexleben war? Bewundernswert finde ich, dass er ein Kämpfer war, und dass er als Lutheraner nicht aus Erfolgsgründen katholisch wurde und nicht Lakai, sondern frei. Er war wohl „fame-geil“, wie manche sagen würden, aber er hatte auch seine Talente, vornehmes Leben anzuziehen. Seine Gönner wurden jedoch manchmal seine Gegner.

Seltsam finde ich viele Semi-Professionelle: Auf der einen Seite hatten sie nie den Mumm, Musik zu studieren, geschweige denn, davon zu leben. Sie haben irgendwo einen „sicheren Job“, beispielsweise als Steuerberater. Und am WE spielen oder singen sie umsonst! Und brüsten sich noch damit. Sie haben gar kein Herz für professionelle Musiker.

30. Januar 2020

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Was ist wohl schöner, als die eigenen Gefühle in Töne zu kleiden? Welcher Trost in trüben Stunden, welcher Genuss. (Clara Schumann)

Meine Mozarts beginnt zu grooven.

Das Wichtige an der Orgel:

Man regelt den Klang über Zeit, nicht über Gewicht. Armgewicht. Am Flügel aber breite ich meine Arme aus. 

Klang über Zeit?

Also die Längen der Töne in ihren verschiedenen Tempi und Eigenarten.  Man muss bei der Orgel die Töne immer noch orten können, sonst ist da nur Geräusch. Anders als am Flügel. Also nicht zu kurz.

Ich fange an, das Drehen an der Orgel (das Pedaldrehen) zu mögen. Es ist nicht mehr seltsam und unangenehm.

Ich singe an der Orgel, aber nüchterner. Töne nicht wegrupfen. Das Pedaldrehen, die Knie, das Aufrichten, die Organisation der Längen machen zusätzliche Bewegungen, die vom Klavier her normal sind, wie vor allem meine Ellenbogen, die sich für den Klang wie Flügel ausbreiten, unnötig. Flügel ausbreiten mache ich am Flügel.

Es tut gut, nach dem Üben zu entspannen, ich mag Feldenkrais und Atmen und in meinen Körper spüren. Die Orgel schenkt ein anderes Körpergefühl. Ich bin dankbar für die guten Helfer und Trainer, die ich habe.

Wenn ein großer Führer sein Werk vollbracht hat, sagt das Volk: Wir haben alles selbst getan. 

28. Januar 2020

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Eben sehe ich, dass Ehe eine sehr musikalisches Wort ist und zugleich eine Quinte. (Schumann an Clara)

Weil Liebe ein süßer Ton ist und ein Klang, den wir brauchen?

Anbei das Interview mit mir im SR Kulturradio (Saarländischer Rundfunk Mediathek):

Interview über Beethoven im Saarländischen Rundfunk SR2

Einige haben mir letzte Woche beim SR und SWR gesagt, dass ich eine wunderschöne Sprechstimme habe, eine Melodie in der Stimme, dass ich Hörbücher sprechen sollte, und einen besonderen Klang am Flügel habe. Ich suche meine eigenen Klang-Schwingungen und fühle, dass es wie beim Singen ist: Ich empfinde das Öffnen des Ventils, kontrolliere die Luftzufuhr. Das Singen ist ein Register, während ich bei der Orgel eine Klangwelt von vielen Registern mit Luftstrom zu versorgen habe. Beim Spielen und Singen öffne ich die Rückseite meines Körpers, die Flanken, den Nacken. Das Relaxen hinten und an den Seiten kommt von unten, von meinen Füßen, von der Erdung. Ich stoße mich von unten ab. Nun kann die Energie und die Luft durch meinen Körper fließen. So auch in Bachs Musik an der Orgel und am Flügel. Die Ordnung und die Erdung liegen im Generalbass, richten sich von hier aus auf. Ich muss meinen Hals, meine Kehle und meine Handgelenke nicht festhalten, den Klang nicht drücken, den Schwung nicht lähmen, um Volumen zu erhalten.

Es ist schön, wenn das Leben fließt. Jemand sagt Z und ein anderer ergänzt zum Z ein A und wiederum eine andere fügt an ZA ein B hinzu oder ein Y. Alles wird wie ein großer, schwingender, schwerer Reifrock. Das Leben ist ein Reifrock. Von unten her ein Kreis, ein Strömen. Gerade habe ich noch privat etwas gedacht, und jemand spricht die Ergänzung aus, als hätte Gott eine Antwort auf mein Denken. Und so ist es auch. Gott hört mein Denken. Er kennt mein Denken.

Ich freue mich, dass ich nun einen offiziellen Künstler-Kanal auf YouTube habe, das bedeutet, dass der CD-Kanal von Naxos und Hänssler Classic mit meinen CDs mit meinem persönlichen Musikkanal verschmolzen wurde: Offizieller Youtube-Kanal Ann-Helena Schlüter

„Wie kann ich jemals deine Art begreifen? Du hast die Macht, doch du missbrauchst sie nicht. Du lässt die Freiheit langsam in mir reifen, und ich gewöhne mich allmählich an dein Licht.“ (Johannes Nitsch über seine Beziehung zu Jesus)

Beckerath-Orgel Saarbrücken

27. Januar 2020

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Die Welt muss ich verachten, die nicht ahnt, dass Musik höhere Offenbarung ist als alle Philosophie. (Ludwig van Beethoven)

Andacht oder Tanz, so beschreibt Goethe Musik. Für mich ist sie beides gleichzeitig. Der Tanz ist das Kind der Musik und der Liebe. Ich habe Ohrwürmer von den Beethoven-Orchesterwerken dieser Woche, als hätten sich diese in mich eingebrannt. Es ist sehr schön, Klavierkonzerte mit Orchester zu spielen, und es hat auch seine Vorteile, solo zu spielen. Aber mit Orchester: Dass der Flügel ein verselbständigtes Individuum ist, habe ich umso mehr erkannt. Ein Klavier nimmt seine eigene Rolle im Gesamtgeschehen ein. Es erkämpft sich seinen Freiraum in einem ideologischen System. „Aber ich kann den Geist der Musik nicht anders fassen als in Liebe“ (Richard Wagner).

Ein Vermittlungskonzept ist für mich etwas enttäuschend, wenn es um Show und Selbstdarstellung des Moderatoren, der Moderatorin geht, zumal dies auf Kosten der Musiker hinausläuft: Mir wurde in die Musik geredet, der Klang-Deckel zugeklappt mitten im Spiel, Stücke verkürzt, mein Name sollte verändert werden in Richtung Elise, wogegen ich mich wehrte, und musste Dinge sagen, hinter denen ich nicht stand, und zwischendurch spielen – nicht für Beethoven oder für die Kids, sondern ich musste mich für die Moderatoren „zum Affen machen“, oder besser: Es wurde über mich und den Flügel verfügt als wäre ich eine weitere Requisite auf der Bühne. Die Moderatorin wollte den Flügel aus der Mitte in die Ecke verbannen, was die Orchesterwarte verhinderten. Ich glaube, meine Ideen sind besser, denn die Musik sollte im Mittelpunkt stehen. Die Diskrepanz zwischen der Schönheit der Musik und dem Theater darum herum war für mich nicht leicht zu ertragen. Die Vermittlung deckte sich nicht für mich mit der Realität hinter der Bühne. Wäre Beethoven nicht davon gelaufen vor diesem Konzept? Ich schämte mich Beethoven gegenüber. Auch der verkleidete Beethoven war für mich das Klischee pur: Der wirre, griesgrämige Beethoven in Perücke. Nicht die Kinder vermitteln verlorengegangene Kultur, sondern in meinen Augen die, die solche Konzepte „hervorragend“ finden oder verlangen. Offensichtlich waren die Konzepte früher ganz anders und besser. Man muss sich erst kennenlernen, wie weit man zu gehen bereit ist. Ich bin gespannt, was das Filmteam aus Tokio daraus gemacht hat.

Klautern und Saarbrücken… Leider hatte ich keine Zeit, die Orgeln in Kaiserslautern kennenzulernen. Aber vom Hotel SAKS am Stiftsplatz aus konnte ich oben im schönen Spa-Bereich in der verglasten Dach-Sauna die Stiftskirche und die kleine Skyline der Stadt sehen als warmen Kontrapunkt zur Kälte der Kirche. Ob es stimmt, dass katholische Kirchen um zwei Grad kälter sind als evangelische Kirchen? Christkönig war kalt, die Basilika jedoch angenehm warm. Es ist interessant, mit anderen Organisten und Musikern über PR zu reden. Das Frühstück im Hotel Leidinger Saarbrücken fand ich übrigens viel besser als im SAKS Kaiserslautern, dafür haben die einen Spa-Bereich.

Ich habe die flockigen, flauschigen Flöten der Schuke-Walcker-Orgel noch im Ohr, wie Kolibris, dazu die klagenden, sanften Zungen, die blubbernden Solostimmen, waldromantisch, die tiefen Stimmen ehrwürdig und gutmütig, die gelassenen und ausgelassenen Prinzipale, elegische Streicher, die wie in einer Gondel schweben. Tapsige Klänge, Pfeiler-Klänge, Signalfarben, bewegliche, durchdringende und strahlende Klänge, alles verbunden.

Sehr empfehlen kann ich den Zoo Saarbrücken. Da es Mittagszeit war, konnte ich die Fütterungen der Pinguine, der Schlangen, der Seehunde und der Giraffen beobachten. Sehr gefiel mir das Tier „Das wandelnde Blatt“. So etwas habe ich noch nie gesehen. Es fraß. So auch die Lisztaffen mit ihren empörten Gesichtchen. Sehr eindrücklich war meine Begegnung mit einer Giraffendame. So nah war ich noch nie an einer Giraffe. Sie betrachtete mich neugierig, verdutzt und schüchtern mit ihren warmen, mandelförmigen, riesigen, dunklen Augen. Nur ein schmales Gatter war zwischen uns. Ich war aus Versehen auf einen verbotenen Weg abgebogen.

Mir gefielen auch die Heu kauenden Tapire. Der ganze Zoo futterte. Natürlich war ich auch im Streichelzoo bei den Ziegen, auch wenn gewisse männliche Zungen fragten, ob dies ein „Verwandtenbesuch“ sei, und „so eine Spezies wie mich hätten sie noch nicht angetroffen“. Die tanzenden Seehunde und schnatternden Pinguine gefielen mir.

Ich muss meine Meinung von Frauen und Männern etwas revidieren. Frauen sind zwar weniger bedrohlich, aber sie können genauso gemein sein, so dass das Ergebnis recht identisch ist. Das Problem ist, dass sehr viele Frauen nicht wie Männer zusammenhalten. Es ist zu wenig Zusammenhalt unter Frauen da, sondern das ewige Kreisen um den Mann. Viele Frauen tendieren im Ernstfall dazu, sich an Männer zu halten. Frauen trauen Frauen nicht. Wie fatal. Es sind die Hormone, die Frauen vorgaukeln, bei Männern sicherer zu sein. Frauen agieren aktiv hintenrum gegen andere Frauen. Männer lügen meist aus Feigheit und Bequemlichkeit, aber Frauen lügen aus Angst, weil sie sich an die Welt der Männer anpassen und diesen gefallen wollen. Das Ergebnis ist leider gleich schlecht. Vernunft und Erkenntnis können über Hormone siegen. Höfliche, nette, schmeichelnde, charmante Männer bieten genauso wenig Sicherheit wie arrogante, abstoßende, gefährliche. Wie lange missbilligen Frauen sich gegenseitig noch immer aufgrund von Illusionen?

Ich mag die Orchesterwerke von Genzmer.

Nicht sonderlich empfehlen kann ich den Roman „Jesus liebt mich“. Er ist zwar lustig auf den ersten 20 bis 30 Seiten, flacht dann aber aus meiner Sicht sehr ab und wird dümmlich. Außerdem hat das Buch so eindeutig ein Mann aus der Pseudo-Sicht einer Frau geschrieben, dass ich mich überhaupt nicht identifizieren kann. Vielleicht wären Frauen aber gern so cool wie dargestellt…

SWR-Studio Kaiserslautern

25. Januar 2020

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Wo man am meisten fühlt, weiß man am wenigsten zu sagen. (Annette von Droste-Hülshoff)

Die nächsten Konzerte in Kaiserslautern geschafft: Die Akustik ist trocken, der Flügel im SWR- Studio anders als im Sendesaal Saarbrücken, vor allem motorisch, aber auch vom Klang. Die Lichttechnik ist ohne mich abgesprochen, so tanzten blaue und gelbe Flecken und deren Schatten auf meinen Tasten. Im winzigen Solistenzimmer gibt es kein Sofa, so habe ich mich zum Ausruhen auf den Tisch gelegt. Das Dirigentenzimmer ist im Vergleich dazu eine Suite.

Die Kinder im Publikum waren aufmerksam. Hinterher versammelten sie sich spontan um den Flügel und spielten mir etwas vor, wollten ein Autogramm haben, einige erzählten mir, wie lange sie schon Klavier spielen „und Keyboard“ oder dass sie anfangen möchten. Dort entstand endlich Kontakt. Ich frage mich, ob man mit Shows dieser Art Kinder wirklich erreicht, da sie doch weit weg sind. Es ist aus meiner Sicht zu wenig persönlicher Kontakt da, dafür viel Zirkus, den die Kids ja ohnehin schon im Alltag haben. Die Musik selbst tritt zu sehr in den Hintergrund, als Hintergrundsmusik zur Pantomime.

Sie lernen, dass Bratschen „Bratschomaten“ und Geigen „Geigomaten“ heißen, und dass Beethoven „Frauen liebte und unordentlich war“ und zu Symphonien beliebige Texte und Storys aufgrund von Klischees. Inwiefern das wirklich dazu führt, sich dieser Musik zu nähern?

Hinterher habe ich die größte Orgel in Saarbrücken gespielt, die viermanualige Johannes-Klais-Orgel mit 77 Registern in Christkönig. Die große Orgel hat einen versteckten Contra-32-Fuß oben rechts und ein imaginäres fünftes Manual, also Register, die zu einem gewünschten Manual gezogen werden. Sie ist cremig weich auch im Tutti und sehr schön für Mozarts Fantasien f-Moll. Es ist angenehm, dort vier Stunden zu sitzen und in der nächtlichen Stille, von Kerzen umgeben, Musik zu machen. Was ist das, Musik zu machen? Mit Entertainment wird man diese Liebe zur Musik nicht erreichen. Sie entsteht aus Begegnung.

Sie muss echt sein. Was nützt es, „alle Menschen werden Brüder“ (und Schwestern) aus der 9. Symphonie zu singen, aber hinter der Bühne wird etwas ganz anderes gelebt? Daher darf diese Begegnung nicht mit Entertainment verknüpft werden, denn die wird nur blass bleiben, da zählen nur Leistung, Hierarchie, Geld und Tratsch.

Für eine echte Begegnung darf man nicht nur von Heiligtum singen, es muss auch etwas Heiliges da sein, Raum, Liebe.

Musik und Liebe sind so eng miteinander verknüpft, merke ich, wenn es wirklich Impact haben soll. Aber heute wird Musik in diesen Häusern mit Ruhm und Angst verknüpft, jeder denkt nur an seinen Namen und an seinen Job, den er nicht verlieren will, und wenn das Team neu ist, geht es jedem nur um sich selbst und um seinen Marktwert. Es geht dann nicht um Liebe und Musik, es ist nur ein Überlebenskampf. Warum sollte das schmackhaft gemacht werden oder schmackhaft sein?

In Musik geht es um Schönheit. Hinter der Bühne war es meist hässlich. Nach außen hin Solistin, aber hinter der Bühne, wieviel wert?

Schuke-Walcker Völklingen/Saar

24. Januar 2020

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Ich lasse das Leben auf mich regnen. (Rahel Varnhagen von Ense)

Saarländischer Rundfunk: Die nächsten beiden Konzerte im Großen Sendesaal gestern im Funkhaus Schloss Halberg, Saarländischer Rundfunk, waren sehr schön. Es macht Spaß, die jungen Menschen mit Musik von Beethoven abzuholen. Roland Kunz war als Beethoven verkleidet, und am Schluss hat der ganze Saal gesungen (9. Symphonie). Es waren Filmleute vom SR Kulturradio da, ein koreanisches Filmteam, das schon bei den Proben gefilmt hat, und Fotografen. Und natürlich die Tontechniker.

Es ist schön, im Klangkörper des Orchesters zu sitzen. Es ist ein großes, erfahrenes Orchester, und die einzelnen Musiker sind Teil eines großen Ganzen, und ein Klavierkonzert mit ihnen zu spielen ist vor allem eines: Kammermusik. Das Denken von Solist und Orchester ist irreführend. Es ist im Grunde Kammermusik, und jeder hört auf den anderen, und ich auf das Orchester.

Es ist berührend, in die Gesichter der Musikerinnen und Musiker zu blicken, es sind bescheidene, hingegebene Gesichter, authentisch, ungeschminkt, nackt. Die große Musik wird im Kollektiv ohne viel Firlefanz und Druck mächtig und erhaben. In diesem Mächtigen, Erhabenen sitze ich und lasse Beethoven auf mich regnen und hinaus ins Publikum, hinaus in die Welt.

Die Musik fließt durch das Gefühl wie ein Bach. Die Stimmführungen in den Symphonien und im Klavierkonzert, das runde und gebündelte Gemisch von Hoch und Tief, von Streichen und Blasen, von großen und kleinen Stimmen, dieses Orchester mit seinen tiefen und hohen Klängen wird eine  Menschen-Orgel mit unzähligen Registern. Ich verstehe jetzt das Denken an der Orgel. Das Orchesterdenken. Während ich so dasitze, habe ich eine unbändige Leidenschaft, für Orchester zu komponieren und diese Farben und Klänge neu zu bündeln. Ich fürchte mich vor der Arbeit, und dass man noch seltsamer werden könnte. Ich hatte schon als Kind die Sorge, ein „Musiker-Freak“ zu werden wie beispielsweise Tschaikowski, Beethoven oder Schubert.

Nun sind wir in Kaiserslautern angekommen, und heute gehen die Konzerte weiter, im SWR. Ich berichte mehr nach dem Frühstück.

Großer Sendesaal Saarländischer Rundfunk Saarbrücken

23. Januar 2020

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Wenn ein Mensch verliebt ist, zeigt er sich so, wie er immer sein sollte. (Simone de Beauvoir)

Es war sehr schön im Funkhaus, die Konzerte sind super gelaufen. Sie waren ausgebucht, in den Großen Sendesaal passen aber auch höchstens vierhundert Menschen. Die Kinder waren absolut niedlich, aufmerksam und gut vorbereitet. Der Flügelstimmer ist jeden Morgen am Flügel; gestern war vorher noch eine Seite gerissen, beim h2: Den Ton brauche ich in Beethoven sehr oft (Läufe). Überhaupt ist Beethoven ein Fan von Läufen über die ganze Tastatur. Gleich geht es heute wieder los mit zwei Konzerten, diesmal mit Roland Kunz als Moderator.

Anschließend spielte und übte ich auf der sehr schönen, dreimanualigen Beckerath-Orgel mit dem weiß verschnörkelten Gehäuse von Stumm in der stolzen Ludwigskirche, die auf einem großen, freien Platz trohnt. Der Innenraum der Kirche ist genauso dekoriert, und weiße Frauen tragen lächelnd das Dach. Das Pedal der Beckerath-Orgel ist schwerer zu spielen als an der Kleuker-Orgel, da die Pedaltöne nicht unter den Manualtasten stehen: Das g liegt unter a und h – also sehr verschoben. Zudem ist eine Extra-Leiste im Pedal eingebaut zwischen f und e. Aber Mozart klingt herrlich, die Akustik angenehm. Da ich so schnelle und fliegende Finger durch das Klavierspielen habe, erwische ich oft die leichten Setzer zwischen den Tasten. Da ich Setzer gesetzt hatte, ist dies verheerend, wenn diese ohne mein Wissen weitergesprungen sind. Daher müssen die Finger nah, dicht und schleichend wie eine Schlange über die Orgeltasten gleiten. Ich spiele hier am Samstag die Mittagsmusik.

Ich denke, auch für Klavierabende in Kirchen ist es sehr hilfreich, zusätzlich Organistin zu sein, um mit der Akustik und dem Raum hervorragend umgehen zu können. Dieses Hören des Raumes lernt man an der Orgel sehr gut. Denn sonst kommen Klavierabende in großer Akustik schlecht an, weil alles verschwimmt. Man muss den Raum verstehen und erkennen.

Sehr schön ist auch, dass ich so nah am Orchester sitze und Beethoven mit ihm spiele. Seitdem atme ich anders an der Orgel und verstehe viel mehr, dass sie ein Orchester sein will oder gar ist auf eine andere Art und Weise. Dass sie nicht wie ein Flügel atmet, diese Wunderklangmaschine, die als Solo-Instrument brilliert, sondern als Orchester atmet. Gerade bei Mozart an der Orgel tritt dieses Orchesteratmen an der Orgel deutlich zu Tage.

Ich freue mich auf die Konzerte heute, morgen und übermorgen, es ist sehr schön, den spritzigen Beethoven Rondo c-Moll mit Orchester zu spielen.

Musik ist der Wein, der zu neuen Erzeugungen begeistert, sagt Beethoven.

22. Januar 2020

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Atmen ist Anfang und Ende vom Musizieren. An der Orgel besonders.  (AHS)

Oder wie MM zu sagen pflegte: Dinge gehen schief, damit du zu schätzen weißt, wenn es gut läuft. 

Ein weiterer Tag im Funkhaus Saarbrücken. Jedes Musikbusiness hat seine eigenen Gesetze, die man erst mal kennenlernen muss. Ein Rundfunkorchester ist anders als ein Opernorchester. Kirchen sind ganz anders als Sendesäle. Konzertsäle auch. Die Welt hinter der Bühne noch mal anders. Mir tun manchmal die normale Mitarbeiter gut: Die, die das Headset festkleben, Flügel aufmachen, Stühle stellen. Sie sind so einiges gewöhnt und wirken sehr bescheiden und demütig und gleichzeitig sensibel und nehmen die Dinge gelassen und mit Humor. Da, wo für mich die Welt untergeht, erzählen sie mir vor Nena, die ihre Zigaretten im Essen ausdrückt oder lächeln; ein Blick sagt manchmal mehr als tausend Worte. Es ist schön, dass manche Menschen im Musik-Business Bodenhaftung, Zeit und Trost haben. Ich komme mir manchmal vor wie ein Ballon, der wegfliegt, wenn man ihn nicht festhält. Ohne Gnade und Erbarmen hat man das Leben verfehlt.

Dennoch, so oder so ist das Business hart. Die Maschinerie interessiert es nicht sehr, ob man Schmerzen hat, müde und erschöpft ist oder Gespenster sieht. Solistin ist Solistin. Ist Leistung. Und dennoch lächeln. Die Herausforderung ist, inmitten dieser Welt zu finden, wer man wirklich ist. Denn es geht doch darum, mit Musik Gefühle auszudrücken. Ich freue mich auf die Konzerte und bin gespannt. Zudem bin ich froh, dass es viel Obst und Tee gibt. Gerade Bananen pushen mich.

Ja, wie Marilyn Monroe zu sagen pflegte: Dinge gehen schief, damit du zu schätzen weißt, wenn es gut läuft. Oder: Bedauernswert die Frau, die nichts zu bereuen hat.

Kolbermoor Orgeltage

Abends habe ich dann einige Stunden in der schönen Johanneskirche (mit Steinweg-Flügel) an der großen Kleuker-Orgel geübt (46 Register, weiß, geformt wie ein Engel, 3 Manuale). Es ist wohl eine Universalorgel (allerdings aus den 60igern) – also eine von den Orgeln, die heute durchaus manchmal „verteufelt“ werden. Aber sie machte mit ihren schönen Zungen einen top Eindruck auf mich. Das Pedal ist weit und übersichtlich, das c über c usw. An sich ist die Orgel barock intoniert, eng und spitzig. Aber auch sehr schön für Mozart und Liszt. Es tat mir richtig gut, von der einen Welt in die nächste zu wechseln, von der turbulenten Rundfunkwelt in die stille, nächtliche, einsame Kirche mit Akustik und Zungen. So war es wohl auch für Bach? Vom Hofe in die Kirche. Back and forth. Es ist zwar anstrengend, zwischen den Welten zu wechseln. Aber ist es nicht viel verheerender, von den Gesetzen einer Welt gefangen, abgestumpft und abhängig zu sein? Die Kirche liegt nah am beleuchteten Rathaus und nahe am Hotel. Es gibt eine elektronische Bibel in der Kirche, und der Vers, der (rot) angezeigt wurde, sprang mich richtig an.

Morgen früh heisst es: Um 8 Uhr Einspielen.

Und hier noch mal eine Erinnerung vom Michel in Hamburg:

21. Januar 2020

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Musiker sein heisst nicht, sich dem applaudierenden Publikum zeigen, sondern sich viel Arbeit zu unterziehen – sonst ist man höchstens eine brauchbare Maschine, die Beifall produziert. (A.B. Michelangeli)

Erster Tag im Funkhaus Saarbrücken (auf dem Berg im Schloss Halberg) gut gelaufen. Abends hatte ich noch das Interview oben mit dem SR2 Kulturradio, es war schön: Wir haben über die Tiefe in der Musik geredet. Es wird Samstag um 11 Uhr gesendet und in die Mediathek gesetzt.

Es ist interessant, zu erfahren, wie ein Funkhaus funktioniert; die Mitarbeiter, die helle, schöne Kantine, die Orchestermanagerin, die Orchesterwarte (beide sehr nett), Tonmeister, Lichttechniker, Musikvermittler, und dass man plötzlich „in Frankreich“ per SMS begrüsst wird (nach Paris ist es nur ein Katzensprung). Das große Dirigentenzimmer mit Espressomaschine, Sofa, Schreibtisch und dem alten Steinway, in dem ich sein darf. Daneben das kleine Solistenzimmer mit Klavier ohne alles weitere.

Der Sendesaal ist angenehm (ich habe automatisch nach der Orgel gesucht, die es nicht gibt), der Flügel blühend und schön; das weiße SR thront über allem. Erst wurde diskutiert, wo der Flügel steht, dann, ob das Orchester amerikanisch oder deutsch aufgestellt wird (unser Dirigent ist Wiener), wo die Bläser sind, wer den Flügel auf und zumacht, dann alle schauspielerischen Einlagen für die Musikvermittlung, dann das Klavierkonzert.

Roland Kunz und Azis aus Wien sind sehr nett. Die Deutsche Radio Philharmonie besteht aus Musikerinnen und Musikern aus zwei Bundesländern.

Ich habe aber auch Orgel geübt in der kleinen Kapelle neben dem Hotel. Saarbrücken an der Saar ist etwas größer als Würzburg. Wir sind dann noch durch die Innenstadt gebummelt… die Stengel-Kirchen, Rathaus, Theater, Brücken, St. Johanner Markt, Schloss. Empfehlen kann ich den dramatischen Film Queen & Slim (zwei Schwarze auf der Flucht vor der rassistischen Justiz), ein wenig erinnernd an Bonnie and Clyde. Ich muss sagen, dass mich das Zusammenhalten der Schwarzen sehr berührt.

Wer singen will, findet immer ein Lied. Und Musikerin sein bedeutet mehr als horrende Arbeit. Sondern Herz. Geist. Seele. Gefühl. Sonst ist man nur eine Maschine. Genauso die Orgel: Ohne Herz ist sie nur ein Apparat. Mit Geist und Seele aber ein Kraftwerk: Soli Deo Gloria. Sie veredelt und verwebt, perlt und singt, schweigt, bereitet vor, beeinflusst, spricht von Eindrücken. Aber Musik ohne Geist – da ist nichts mehr. Nur Geschwätz und Geplapper. Lästerei. Da ist nur Schmeichelei und Einschläfern.

Ich bin froh, dass ich mit Unbefangenheit an die Orgel herangetreten bin. Wenn ich gewusst hätte, wie konservativ und ungläubig die Orgel-Welt ist, hätte ich mich von der Orgel ferngehalten.

Warum sind Menschen eigentlich gemein? Das frage ich mich manchmal. Da ist so ein Hübner, der in Seniorenheimen für Spottgelder Frauen spielen lässt, dafür 60 Euro Provision einkassiert und aggressiv wird, wenn man dagegen vorgeht. Und „Studentensprecher“, die vor Neid und Hass geradezu blind sind.