Den Prozess des Werdens können wir jeden Tag üben. (AHS)
Endlich wieder Reiten nach der langen … ? Was war das eigentlich? Bzw. ist? Nun, jetzt habe ich Grace. Eine süße Haflingerstute (14), die ihren Namen alle Ehre macht. Da, wo ich hektisch bin, baut sie viele kleine Zeitlupen ein. Ich lasse mich auf Grace‘ Körperspannung ein, sie nicht nur auf meine. Ich liebe es, wie sie abschnaubt. Überhaupt mag ich sie. Man lernt durch das Reiten das Behutsame, die Zeitlupe, das Loslassen. Die schöne Seite der Schwerkraft. Die Ruhe. Auch Feldenkrais hilft, zu entspannen. Das Ziel hier ist für mich das mentale Üben und Spüren: Die Decrescendi in der Musik… Abschnauben, entspannen…
Wenn man motiviert ist, geht das Meiste auch digital. Eigentlich zeigt sich erst hier, wie motiviert und pädagogisch kreativ Lehrende sind.
Ich habe im BR gehört, wie viele Professoren gerade jetzt ihren Lehrverpflichtungen nicht nachgehen. Aber es gibt auch SPITZENMÄSSIGE.
Reiten geht natürlich nicht digital, und vieles andere Wichtige auch nicht.
Dirigieren macht Spaß. Ich vergleiche Buchbinder mit Barenboim, mit Järvi. Diese besondere Sprache der Musikalität habe ich noch nicht ganz verstanden, die Funktion, diese „Kontrolle“. Die Musik, Musikalität überschwemmen mich. Es geht aber dabei nicht um meine Musikalität. Ob ich irgendwann mal vom Flügel aus dirigieren werde?
Die Improvisation vermittelt in der Musik auf die unmittelbarste Art Idee und Tat, Wollen und Können, Drang und Vollendung. (Jean Guillou)
Natürlich kommt es sehr darauf an, was mit Improvisation gemeint ist. Ist damit gemeint, Stile anderer gut nachzumachen? Choralvorspiele, Fantasien und Suiten „im Stile von“, im Stile einer bestimmten Epoche oder eines bestimmten Künstlers? Für mich ist das noch zu wenig. Auch und gerade wenn man das gut beherrscht, so sind es doch vor allem Methoden, Techniken und sogar Stereotypen, die angewendet werden. Für mich ist das nicht Improvisation, sondern nur das, was man im eigenen Stil improvisiert und erschafft. Das, was man wirklich selbst ist. Oder könnte man sich vorstellen, dass Beethoven, Mozart und Bach im Stil anderer improvisiert haben? Vielleicht um zu zeigen, dass sie es konnten. Aber im Grunde ging es ihnen nicht darum, Stile anderer zu kopieren, sondern Neues zu schaffen. Trotzdem werden heute Leute, die hauptsächlich andere kopieren, als „große Improvisatoren“ bezeichnet. Eventuell schließt es sich aber sogar aus: Die, die Neues schaffen wollen, wollen (und können) nicht Meister darin werden, andere perfekt zu imitieren. Sogar Improvisations-Festivals und Improvisations-Unterricht/Wettbewerbe sind oft darauf aus, nur andere zu kopieren. Auch durchgestylte Improvisation ist für mich nicht wirklich kreativ. Es ist nicht falsch, das zu können, sogar eine gute Übung; aber nicht das Ziel; man sollte eben vorsichtig sein, all das als (große) eigene Improvisation zu bezeichnen. Für manche ist Liturgisches Orgelspiel schon Improvisation. Das kann es sein, wenn man einen eigenen Stil hat – doch meist…
Es ist ein besonderer und kreativer Prozess, einen eigenen Stil zu finden. Am Schluss improvisiere ich in fast jedem Konzert. Viele sagen zu mir: „Die Klangwelt, die du in deinen Improvisationen und Stücken aufbaust, so etwas habe ich noch nie gehört.“
Ja, ich werde meist noch mit anderen verglichen. Es ist auch nicht so leicht, in dieser Welt als Frau meinen eigenen Stil zu finden. Es ist ein Prozeß. Selbst die Kompositionswelt ist eine Art Lobby. In Frankfurt darf man nur Komposition studieren, wenn man die ganz bestimmte Richtung des Lehrers folgt. Da ist natürlich wenig bis gar keine Freiheit gegeben. Leider aber betrifft so etwas wohl sehr viele Städte. Und manches ist „in“, anderes gilt automatisch als „veraltet“ – das sind nur Strömungen. Man muss sehr rabiat den eigenen Weg gehen. Man darf manchmal gerade nicht auf andere hören. Selbst Beethoven war so und zig andere. Aber da handelt man sich eben Ärger ein. Dabei sollte jeder reife, musikalische Mensch wissen, dass es anders nicht geht, wenn man Neues schaffen will. Die meisten aber haben zu viel Angst, Neues zu schaffen. Sie sind zu beschäftigt, sich bei anderen anzubiedern.
Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht. (Albert Schweitzer)
Gesegneten Feiertag! Ja, man ist auch nicht automatisch Christ, nur weil man in der Kirche arbeitet, musiziert oder predigt. Man wird natürlich auch kein Christ, nur weil (oder wenn) man nicht in die Kirche geht. Es kommt immer auf den inneren Menschen an. Deutschland ist wahrscheinlich das einzige Land mit Kirchensteuer dieser Art, aber ich finde das nicht falsch, im Gegenteil. Ich liebe schöne Kirchen und Orgeln.
Anbei etwas andere expressive Kunst: SCHATTEN-CODE
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So weit deine Selbstbeherrschung geht, so weit geht deine Freiheit. (M.v. Ebner-Eschenbach)
Das ist richtig. Für mich ist es schwer, nicht wütend zu werden, wenn ich erfahre, dass Kantoren mich bewusst nicht an die Orgel lassen. Mit widersprüchlichen und haarsträubende Ausflüchten verweigern solche Männer die Orgel, die ihnen nicht gehört. Ausländische Organisten lassen sie an die Orgel, da sie Trading-Tausch-Konzerte durchführen, was ihnen von Vorteil ist. Haben diese Männer keinen persönlichen Nutzen davon, weil ich das Stipendium für Orgel-Videos habe, nicht sie, nutzen sie ihre Macht, um Nein zu sagen. Ich erinnere mich, dass Hans-Ola mir schrieb: „Menschen, die dich nicht an ihre Orgel lassen, sind A….“ Es gibt noch mehr Kandidaten, die nur die, deren Nase passt, an die Orgel lassen. Da ist viel Klüngelei, Lästern und Machtgerangel am Werk. Auffällig ist hier immer wieder, dass Frauen kaum dabei sind, die an diesen Orgeln spielen. Ich glaube, die meisten dieser Männer sind nicht gewöhnt, dass eine Frau sich so etwas nicht gefallen lässt und sich wehrt. Ab einer bestimmten Etage im Leben trifft man fast nur noch auf Männer. Denn die meisten Frauen, die ich kenne, haben auf das Machtgerangel in dieser Etage keine Lust und ziehen sich zurück. So steht man da oft allein gegen Männer. Dann fragen mich Männer: „Wo sind denn führende Frauen auf diesem oder jenem Gebiet?“ Wo sollen sie sein? Sie sind weggeekelt worden oder gehen von allein. Ich merke doch, wie es wird ab einer bestimmten Etage. Diese Männer sagen mir nicht direkt, was sie denken, weil sie mit Frauen im Beruf nicht umgehen können, sondern es läuft meistens hintenrum oder in höflichen Ausflüchten, die ich sofort durchschaue. Die Kirchen darüber anschreiben? Macht leider keinen Sinn, weil diese ja mit diesen Kantoren den Rest ihres Lebens zusammenarbeiten müssen und sich hüten, es sich mit diesen zu verscherzen. Es müsste eine Stelle (in der Kirche) geschaffen werden, die sich mit solchen Fragen beschäftigt und an die man sich wenden kann. Es ist eine gesellschaftliche, ethische, moralische und rollenspezifische Frage. Wie kann die Kirche es zulassen, dass diesen Kantoren ein solch diskriminierendes, egoistisches, unchristliches Verhalten eingeräumt wird? Ich komme mir vor die David gegen Goliath in solchen Dingen. Aber wer hat damals gewonnen? David. Traurig, dass viele Kirchenmusiker ein Lästerhaufen sind, der sich gegenseitig zerfleischt. Was ich da täglich mitbekomme, ist schlimm. Ich muss lernen, damit entspannt umzugehen.
Eine neue Komponistin habe ich entdeckt: Ruth Zechlin. Super, gefällt mir.
Der Weg dazwischen: dass ein Werk von ganz nett zu sehr gut wird, ist anstrengend. Der Weg von ganz neu hoch zu sehr gut – das ganz nett überspringend – ist kurzzeitig noch anstrengender.
Musik ist physische Berührung. Auch auf Distanz. (AHS)
Es ist erstaunlich, wie ganz und gar anders Bach den wunderschönen Choral Heiliger Geist bearbeitet hat (BWV 651 und 652) als Scheidemann: Scheidemann eher distanziert, nüchtern, „objektiv“. Ich liebe es. Er spiegelt die Reinheit des Heiligen Geistes wider. Bachs Musik dagegen ist wie immer sehr persönlich, sehr eindrücklich und haut einen um. Er spricht mit Gott, klagt, zweifelt, kämpft, seine Musik ist voll Zweifel, Rufen und Schmerz, und doch: Bach hält in all diesem die Balance. Seine Musik ist nie voll Zweifel wie bei anderen Künstlern, beispielsweise Reger. Diese Balance zwischen hochpersönlicher, emotionaler Musik, Leid und Beziehung in dieser perfekten musikalischen Balance – umwerfend. Besonders der Halleluja-Teil 651 rührt mich jedes Mal zu Tränen.
Die Achteln bei Muffat sind wiederum ganz anders als bei Bach und Scheidemann. Diese vielfältige, aktive Artikulation gefällt mir an der Orgel. Trotz dieser müssen Ruhe und Linie gewahrt bleiben. Am Flügel habe ich viel akkordisch gedacht. Das ist nun ganz anders. Manchmal falle ich hier und da noch in die Agogik eines Chopin Nocturnes.
Ich habe eine neue Autorin entdeckt: Amelie Nothomb. Super! Besonders Winterreise. Wenn ich lese, liege ich auf dem überdachten Balkon so, dass ich den Himmel weit über den Häuserdächern sehen kann. Sehr schön. Dazu esse ich Tomaten. Am schönsten ist es, wenn es dann auch noch etwas regnet.
Hier bin ich auf Instagram (Fotos von mir an Instrumenten):
Artikulation geht nicht über die Tasten, sondern über die Ohren. (AHS)
Ich freue mich, wenn ihr mir auf Spotify folgt und mich liket. Danke für 1000 Abonnenten auf YouTube.
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Ich freue mich, dass die Stadt Würzburg Fachbereich Kultur meine neuen Videos fördern wird (Förderung kultureller Projekte). Anbei mein neues Bach-Video:
Wenn ich übe, fällt mir auf, dass jedes Stück (trotz aller Konformität, die manche Klassiker wollen) für Interpretierende doch etwas Individuelles und Persönliches bereit hält wie ein Geheimnis: Der eine spielt das gleiche Werk schneller, virtuoser, die andere nachdenklicher, der eine trillert mehr, die andere ist sehr glatt und strikt… aber genau das macht es aus und lebendig und sollte nicht rigide eingeschränkt werden. Ich habe beispielsweise eine sehr große Persönlichkeit. Wenn man die zu sehr einschränkt, werde ich unglücklich. Das bedeutet, dass auch meine Persönlichkeit in der Musik und Klassik atmen können muss. (Natürlich immer im professionellen Kontext.)
Nun also müssen wir mit Maske leben wie Zombies; individuelle Gesichtszüge verdeckt, und täglich Drosten hier, Drosten da. Es ist natürlich Ohnmacht und Hilflosigkeit, so zu entscheiden. Doch wer Tiere, Erde und Klima zerstört, muss sich am Ende nicht wundern. Leider trifft es auch die Falschen.
Wenn die ganze Welt mit Maske herumläuft, bräuchte ich es ja eigentlich nicht mehr.
Bach Kunst der Fuge Contrapunctus 7:
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An der Orgel ist nicht nur der Raum Resonanzboden, sondern auch ich. Ich bin der Raum. Mein Nacken, mein Kopf, mein Brustkorb, mein Kiefer, meine Handflächen. Die Orgel schwingt durch mich. (AHS)
Sogar Feldenkrais und Achtsamkeit geht über Skype. Es ist natürlich absolut nicht dasselbe wie live, aber es geht mal.
Ich freue mich, dass nur noch 10 Abonnenten fehlen, und dann habe ich 1000 auf YouTube. Auf Instagram habe ich auch über 1000. Merci!
Heiner Gembris gilt als einer der führenden Forscher im Bereich Musikpädagogik und Musikwissenschaft. Man sagte mir, ich könne gar nicht promovieren, ohne ihn gelesen zu haben. Nun, ich habe ihn gelesen. Dieser Mann stellt schon in einem seiner ersten Bücher eine meiner Meinung nach frauenfeindliche Frage in der Gliederung: „Sind Frauen weniger musikalisch begabt?“ Ich finde einen solchen Titel bedenklich, auch von der Formulierung her. Als ich ihn dazu befragte, bekam ich keine Antwort. Dennoch weiß ich, dass ich mehr Vertrauensvorschuss auch in die geben muß, die in einer Weise formulieren, dass ich erst mal abgestoßen bin. Dieser Titel (Frage?), so behauptet er, stellt sich im Zusammenhang, warum es so wenig Komponistinnen und Virtuosinnen gibt. Allein das fragliche Synonym musikalisch = virtuos. Auch, dass Frauen früher nicht instrumental lernen und komponieren durften, sondern heiraten und Kinder kriegen mussten, und zwar Dutzende Kinder, finanziell abhängig vom Ehemann, erörtert er nicht genug meiner Meinung nach. Die Frage der Begabung stellt sich doch kaum: Männer dominierten Frauen und Gesellschaft. Bis heute ist die Männerdominanz in der Kulturszene massiv. Die Frage sollte eher lauten: „Sind Männer weniger musikalisch begabt?“ Da sie es nötig haben, Frauen wegzudrängen. Bin ich nicht eine Parade-Beispiel? Wie viele Organisten wollten mich von Anfang an ausbremsen, u.a. wegen meiner schnellen Klavierfinger… Was und wer virtuos und musikalisch ist, wer bewertet dies? Männer. Denn im Studium und auch zuvor in der Schule sind es oft die Frauen, die hochbegabt sind. Aber die Männer landen auch heute letztendlich in den Machtpositionen (Seilschaften, Männerbündnisse). Nicht wegen musikalischer Begabung, sondern wegen Klüngelei und Profilierung. Begabte, virtuose Frauen werden kleingehalten. Auch die Jurys von Kompositionswettbewerben und Orgelwettbewerben sind fast nur Männer. Gerade in akademischen Kreisen muss Heiner Gembris doch das Ungleichgewicht in Machtpositionen, die Ursachen und Folgen bemerkt haben, nennt es aber nicht oder nicht genügend. Da er dies nicht genügend benennt, sondern diese Frage nur viel zu kurz umreißt (wenn schon, dann bitte richtig), macht mich misstrauisch. Wie kann man so einen Titel (Frage?) in so wenigen Seiten abhandeln? Wer solch eine krasse und provozierende „Frage“ stellt, aber offensichtliche Fakten nicht genug erwähnt, schweigt.
Ich habe mir überlegt, zu genau dieser Frage, ob Frauen weniger musikalisch seien, ein Buch zu schreiben.
So steht es in meiner Dissertation. Da habe ich noch nichts von Corona gewusst. Ich hatte schon immer ein prophetisches Händchen.
Es ist doch sehr nett mit Skype und Zoom, auch diese großen Meetings. Ich kann in meiner bequemen Lieblings-Kleidung an den Meetings teilnehmen, zum Beispiel in meinem gemütlichen Herz-Fleece-Anzug. Ich habe zwar das Gefühl, ich bin die einzige, die das macht, aber das stört mich nicht.
Bei Skype und Zoom ist es übrigens gut, wenn man nur viele 8-Füße verwendet, keine 4 und 2 und keine Mixturen, also kein Plenum, das verzerrt das Klangbild. Zudem ist es gut, wenn man immer eine Schwebung verwendet. Das macht es seltsamerweise klarer für die andere Seite. Und möglichst trocken! Man kann die Sample-Sets bei Hauptwerkorgeln individuell mit und ohne oder weniger Hall loaden.
Heute war der glorreiche Tag, dass ich anonyme Beschwerden vorfand in meinem Briefkasten, aus meiner Wohnung würde immer „laute Orgel- und Kirchenmusik dringen“. „Schon ab 7:45!“ Ich bin begeistert, dass aus meiner Wohnung „Kirchenmusik“ dringt und strömt, fühle mich geehrt. Meine Nachbarn hören Salsa-Musik. Und zwar wird dieser Salsa-Rhythmus über alles gekippt wie Currysauce über jedes Essen (was ich auf dem Balkon hören kann), sogar über Schokolade, Spargel, Bärlauch und Forelle: Salsa-Rhythmus zu Jazz, Salsa-Rhtyhmus zu The Pink Panther, Salsa-Rhythmus auch zu Bach, wenn ich gerade übe. Und unweigerlich kommt der Moment in jedem Song (wahrscheinlich der Höhepunkt), wo der Standard-Konserven-Salsa-Rhythmus an scheppernde Kuhglocken auf der Alm erinnert.
Das erinnert mich an meinen lieben Klavier-Prof. in den USA, der dachte, an seinem Auto wäre etwas kaputt, weil der Fahrer neben uns laut Salsa-Musik hörte. Ich habe mich kaputt gelacht. „This music makes me think that there is something wrong with my car“.
Ich habe darüber nachgedacht, wie seltsam eigentlich der „Orgel-Sprech“ ist: Eines der Hauptmerkmale und Lieblingsworte dieses Orgel-Sprechs ist: Artikulation. Hier geht es nicht um intelligente Artikulation, sondern um ein Füllwort, das für alles herhalten muss. Eine Floskel. Das Wetter ist heute schlecht? Artikulation. Jemand hat Durst? Artikulation. Wie drücke ich dies musikalisch aus? Artikulation. Kurz: Für viele Organisten gibt es nur a) Legato oder b) Artikulation. Als ob Artikulation nichts mit Legato zu tun hätte, als wäre Artikulation das Gegenteil von Legato! Als wäre Artikulation ein Synonym zu Absetzen. Absolut nicht. Einem Pianisten würde es nicht im Traum einfallen, so zu denken. Es gibt artikuliertes Legato: Dichtes und weniger dichtes Legato, sattes Legato, markiertes Legato – viele Möglichkeiten und Schattierungen, Legato auszuführen. Legato ist ein wichtiger Teil von Artikulation, kein Gegensatz dazu. Am Anfang, als ich neu war und fragte: „Wie wird das hier gespielt?“, sagte man mir: „Das hier wird artikuliert gespielt“. Ich dachte damals schon: What?
Statt Non Legato und Portato wird bei Organisten einfach nur das Wort Artikulation verwendet. Ich habe bei Organisten fast noch nie das Wort Portato gehört. Viele wissen nicht, dass dieses existiert.
Ich glaube, es liegt daran, dass Organisten das Legato am Klavier nicht kennen. Das dynamische, das fliegende, das strömende Legato am Flügel. Das sostenuto-Legato oder das flirrende mit unacorda und Mittelpedal. Natürlich ist das Legato an der Orgel anders, sachlicher, klarer, nüchterner; die Mittelstimmen an der Orgel müssen angepasst werden an die Oberstimme, dürfen nicht kürzer sein und „fliegen“ wie beim Flügel, wo jeder Ton vibriert und ein automatisches Decrescendo besitzt. Dennoch: Musik nur auf Legato oder Artikulation zu begrenzen ist schon sehr dürftig. Und das ausgerechnet bei der Orgel! Dem Orchester im Instrument! Wie will man mit diesem Verständnis Mendelssohn spielen? Wie will man das Legato bei Mendelssohn verstehen oder seine Bögen? Es gibt bei Mendelssohn ein Legato im Legato, so etwas wie ein Grundgedanke Legato, und ein Geigenbogen-Legato. Kein Wunder, dass, wenn man dies nicht kennt, die Phrasierung so oft falsch gemacht wird. Ich bin übrigens völlig verliebt in Mendelssohns vierte Sonate. The best!