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Ann-Helena Schlüter

Nachtgedanken

Der Mond hatte gestern Adern. Die Wissenschaft ist ein sprachlicher Prozess, sogar für meine Ohren. Rhythmus hat viel Power, es macht mich lächeln und tanzen. Meine ganzes Gesicht tanzt mit.

Meine Stimme ist lebendige Tinte aus Klang, Tintenklang. Ich komme mir vor wie eine brennende Kerze, die hier auf Erden alles gibt, die sich ernährt von Kraftvergeudung im positivsten Sinne. Kunst sind ganz andere Kapitalströme als die, die wir so kennen.

Magdeburg

Die Musik macht mich

“Es gibt etwas viel Wichtigeres als einen Menschen, der den Mond betritt — Gott betrat diese Erde.” (Mond-Astronaut James Erwin)

Wenn ich eine fremde Sprache höre, und sie wie Musik in meinen Ohren hüpft, begreife ich erst nicht, dass ich die Sprache nicht verstehe — obwohl ich sie doch verstehe. Aber ich kann die Worte nicht greifen, nur den Klang, der immer bekannter wird wie Musik.

Ich träumte. Am Schluss stand ich auf einem Berg, der allmählich hell und weich und kleiner wurde, und irgendwo mittendrin war ein winziges, leuchtend rotes Herz. Die Golddecke klappte auf wie geschmolzenes Wachs.

Leipzig

Nichts ist stumm

Jedes Wesen hat seinen Ton. Auch die Tiefsee ist voller Klänge.

“Die Musik ist eine vermischte Mathematische Wissenschaft, welche von den Ursachen, Eigenschaften und Unterschieden des Klanges handelt, woraus eine liebliche Sangweise gemacht wird, Gott zu loben und zu ehren, den Menschen zu bewegen zur Andacht, Freude, Traurigkeit und Tugend. Was ist Kunst? Eine Nachahmung der Schöpfung.” (L.C. Mizler, 1725)

Die ersten Minuten eines Konzertabends zählen, das Jetzt und Diesseitige zu verlassen, ungefähr so, als würde man das Bewusste abstreifen, ins Unbewusste gehen. Wie die Minuten vor dem Einschlafen, das Loslassen, so empfinde ich das, sofort abgeholt, eingetaucht in tiefere Ebenen.

Es kommt mir vor, als würde meine Seele über meinen Wasserwogen schweben, über meine Seele. Aber nicht nur über meine Seele allein, sondern auch über die Seelen des Publikums.

Jerusalem

Eaux natales

Ich bin eine Flügel-Zigeunerin. Meine Geige ist das Klavier. Meine Geige ist die Orgel. Die Orgel singt.

Eine Wikingerin. Musik wegzulassen kommt mir vor, als müsste ich über die Nordwand den Berg des Lebens besteigen. Ich sehe die anderen lachend an der Südwand. Aber die Nordwand hat auch Vorteile: ich spüre eine intensive Tiefe zu den Menschen, die dort aus freien Stücken unterwegs sind. Man muss die Nordwand wählen, wenn man es ernst meint.

Israel

Göttingen, Berlin-Spandau

Heute fahre ich über Göttingen nach Berlin zum Orgelkonzert, spiele morgen um 18 Uhr und komme am Montag zurück. Meine CDs habe ich verkauft.

Die Realität ist nicht ein Stück hinter, sondern ein Stück vor Musik. Oder besser, die Realität ist nicht nur ein Stück vor, sondern auch in und hinter der Kunst.

24. April 2019

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Reiten

Der Mond hatte heute Adern. Ich bin dabei, mich auf das Reitabzeichen RA5 vorzubereiten, Springen weit über 65 cm. Reiten erdet mich und macht Spaß. Nepi, Josie, Bilou… im Reitverein am Schenkenturm. Auch als Musikerin brauch ich Sport. Bewegung ist so wichtig für mich.

Reiten ist auch Kopf-Sport. Locker sein, aber Beine lang und Unterschenkel dran, Fersen tief, Hände fest zu, Gewicht nach links oder rechts, ich oben aber gerade und zurück, Pferd stellen und biegen, dabei ist die Bewegung, die man oft automatisch machen möchte, genau die falsche, man muss also umgekehrt denken (ich jedenfalls)… und alles mit Schwung und Fleiß und Rhythmus, mit Spannung und Entspannung, und das Pferd und seinen Kopf und seine Schulter und Beine fühlen und beobachten… Oft muss der Körper sozusagen widersprüchlich (und dabei exakt und feinfühlig) reagieren: Ellenbogen elastisch, Hände fest, Steigbügel fest, aber nur mit Spitze, Oberschenkel locker, aufgerichtet: alles gleichzeitig. Und dabei darf der Körper nur genau da angespannt sein, wo er sein soll, nirgendwo anders. Meist will ich da locker sein, wo er angespannt sein muss, und umgekehrt. Durch den Schwung des Pferdes kommt man dabei auch ganz außer Atem. Balance! Gleichgewicht! Reiten hat viel mit Erdung und Disziplin zu tun.

Im Juli spiele ich Orgelkonzerte in Süditalien und freue mich darauf. Der Wandel der Musik…

Der Wandel beginnt bei einem selbst.