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Ann-Helena Schlüter

Wo man am meisten fühlt, weiß man am wenigsten zu sagen. (Annette von Droste-Hülshoff)

Die nächsten Konzerte in Kaiserslautern geschafft: Die Akustik ist trocken, der Flügel im SWR- Studio anders als im Sendesaal Saarbrücken, vor allem motorisch, aber auch vom Klang. Die Lichttechnik ist ohne mich abgesprochen, so tanzten blaue und gelbe Flecken und deren Schatten auf meinen Tasten. Im winzigen Solistenzimmer gibt es kein Sofa, so habe ich mich zum Ausruhen auf den Tisch gelegt. Das Dirigentenzimmer ist im Vergleich dazu eine Suite.

Die Kinder im Publikum waren aufmerksam. Hinterher versammelten sie sich spontan um den Flügel und spielten mir etwas vor, wollten ein Autogramm haben, einige erzählten mir, wie lange sie schon Klavier spielen “und Keyboard” oder dass sie anfangen möchten. Dort entstand endlich Kontakt. Ich frage mich, ob man mit Shows dieser Art Kinder wirklich erreicht, da sie doch weit weg sind. Es ist aus meiner Sicht zu wenig persönlicher Kontakt da, dafür viel Zirkus, den die Kids ja ohnehin schon im Alltag haben. Die Musik selbst tritt zu sehr in den Hintergrund, als Hintergrundsmusik zur Pantomime.

Sie lernen, dass Bratschen “Bratschomaten” und Geigen “Geigomaten” heißen, und dass Beethoven “Frauen liebte und unordentlich war” und zu Symphonien beliebige Texte und Storys aufgrund von Klischees. Inwiefern das wirklich dazu führt, sich dieser Musik zu nähern?

Hinterher habe ich die größte Orgel in Saarbrücken gespielt, die viermanualige Johannes-Klais-Orgel mit 77 Registern in Christkönig. Die große Orgel hat einen versteckten Contra-32-Fuß oben rechts und ein imaginäres fünftes Manual, also Register, die zu einem gewünschten Manual gezogen werden. Sie ist cremig weich auch im Tutti und sehr schön für Mozarts Fantasien f-Moll. Es ist angenehm, dort vier Stunden zu sitzen und in der nächtlichen Stille, von Kerzen umgeben, Musik zu machen. Was ist das, Musik zu machen? Mit Entertainment wird man diese Liebe zur Musik nicht erreichen. Sie entsteht aus Begegnung.

Sie muss echt sein. Was nützt es, “alle Menschen werden Brüder” (und Schwestern) aus der 9. Symphonie zu singen, aber hinter der Bühne wird etwas ganz anderes gelebt? Daher darf diese Begegnung nicht mit Entertainment verknüpft werden, denn die wird nur blass bleiben, da zählen nur Leistung, Hierarchie, Geld und Tratsch.

Für eine echte Begegnung darf man nicht nur von Heiligtum singen, es muss auch etwas Heiliges da sein, Raum, Liebe.

Musik und Liebe sind so eng miteinander verknüpft, merke ich, wenn es wirklich Impact haben soll. Aber heute wird Musik in diesen Häusern mit Ruhm und Angst verknüpft, jeder denkt nur an seinen Namen und an seinen Job, den er nicht verlieren will, und wenn das Team neu ist, geht es jedem nur um sich selbst und um seinen Marktwert. Es geht dann nicht um Liebe und Musik, es ist nur ein Überlebenskampf. Warum sollte das schmackhaft gemacht werden oder schmackhaft sein?

In Musik geht es um Schönheit. Hinter der Bühne war es meist hässlich. Nach außen hin Solistin, aber hinter der Bühne, wieviel wert?

Schuke-Walcker Völklingen/Saar

Ich lasse das Leben auf mich regnen. (Rahel Varnhagen von Ense)

Saarländischer Rundfunk: Die nächsten beiden Konzerte im Großen Sendesaal gestern im Funkhaus Schloss Halberg, Saarländischer Rundfunk, waren sehr schön. Es macht Spaß, die jungen Menschen mit Musik von Beethoven abzuholen. Roland Kunz war als Beethoven verkleidet, und am Schluss hat der ganze Saal gesungen (9. Symphonie). Es waren Filmleute vom SR Kulturradio da, ein koreanisches Filmteam, das schon bei den Proben gefilmt hat, und Fotografen. Und natürlich die Tontechniker.

Es ist schön, im Klangkörper des Orchesters zu sitzen. Es ist ein großes, erfahrenes Orchester, und die einzelnen Musiker sind Teil eines großen Ganzen, und ein Klavierkonzert mit ihnen zu spielen ist vor allem eines: Kammermusik. Das Denken von Solist und Orchester ist irreführend. Es ist im Grunde Kammermusik, und jeder hört auf den anderen, und ich auf das Orchester.

Es ist berührend, in die Gesichter der Musikerinnen und Musiker zu blicken, es sind bescheidene, hingegebene Gesichter, authentisch, ungeschminkt, nackt. Die große Musik wird im Kollektiv ohne viel Firlefanz und Druck mächtig und erhaben. In diesem Mächtigen, Erhabenen sitze ich und lasse Beethoven auf mich regnen und hinaus ins Publikum, hinaus in die Welt.

Die Musik fließt durch das Gefühl wie ein Bach. Die Stimmführungen in den Symphonien und im Klavierkonzert, das runde und gebündelte Gemisch von Hoch und Tief, von Streichen und Blasen, von großen und kleinen Stimmen, dieses Orchester mit seinen tiefen und hohen Klängen wird eine  Menschen-Orgel mit unzähligen Registern. Ich verstehe jetzt das Denken an der Orgel. Das Orchesterdenken. Während ich so dasitze, habe ich eine unbändige Leidenschaft, für Orchester zu komponieren und diese Farben und Klänge neu zu bündeln. Ich fürchte mich vor der Arbeit, und dass man noch seltsamer werden könnte. Ich hatte schon als Kind die Sorge, ein “Musiker-Freak” zu werden wie beispielsweise Tschaikowski, Beethoven oder Schubert.

Nun sind wir in Kaiserslautern angekommen, und heute gehen die Konzerte weiter, im SWR. Ich berichte mehr nach dem Frühstück.

Großer Sendesaal Saarländischer Rundfunk Saarbrücken

23. Januar 2020

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Wenn ein Mensch verliebt ist, zeigt er sich so, wie er immer sein sollte. (Simone de Beauvoir)

Es war sehr schön im Funkhaus, die Konzerte sind super gelaufen. Sie waren ausgebucht, in den Großen Sendesaal passen aber auch höchstens vierhundert Menschen. Die Kinder waren absolut niedlich, aufmerksam und gut vorbereitet. Der Flügelstimmer ist jeden Morgen am Flügel; gestern war vorher noch eine Seite gerissen, beim h2: Den Ton brauche ich in Beethoven sehr oft (Läufe). Überhaupt ist Beethoven ein Fan von Läufen über die ganze Tastatur. Gleich geht es heute wieder los mit zwei Konzerten, diesmal mit Roland Kunz als Moderator.

Anschließend spielte und übte ich auf der sehr schönen, dreimanualigen Beckerath-Orgel mit dem weiß verschnörkelten Gehäuse von Stumm in der stolzen Ludwigskirche, die auf einem großen, freien Platz trohnt. Der Innenraum der Kirche ist genauso dekoriert, und weiße Frauen tragen lächelnd das Dach. Das Pedal der Beckerath-Orgel ist schwerer zu spielen als an der Kleuker-Orgel, da die Pedaltöne nicht unter den Manualtasten stehen: Das g liegt unter a und h – also sehr verschoben. Zudem ist eine Extra-Leiste im Pedal eingebaut zwischen f und e. Aber Mozart klingt herrlich, die Akustik angenehm. Da ich so schnelle und fliegende Finger durch das Klavierspielen habe, erwische ich oft die leichten Setzer zwischen den Tasten. Da ich Setzer gesetzt hatte, ist dies verheerend, wenn diese ohne mein Wissen weitergesprungen sind. Daher müssen die Finger nah, dicht und schleichend wie eine Schlange über die Orgeltasten gleiten. Ich spiele hier am Samstag die Mittagsmusik.

Ich denke, auch für Klavierabende in Kirchen ist es sehr hilfreich, zusätzlich Organistin zu sein, um mit der Akustik und dem Raum hervorragend umgehen zu können. Dieses Hören des Raumes lernt man an der Orgel sehr gut. Denn sonst kommen Klavierabende in großer Akustik schlecht an, weil alles verschwimmt. Man muss den Raum verstehen und erkennen.

Sehr schön ist auch, dass ich so nah am Orchester sitze und Beethoven mit ihm spiele. Seitdem atme ich anders an der Orgel und verstehe viel mehr, dass sie ein Orchester sein will oder gar ist auf eine andere Art und Weise. Dass sie nicht wie ein Flügel atmet, diese Wunderklangmaschine, die als Solo-Instrument brilliert, sondern als Orchester atmet. Gerade bei Mozart an der Orgel tritt dieses Orchesteratmen an der Orgel deutlich zu Tage.

Ich freue mich auf die Konzerte heute, morgen und übermorgen, es ist sehr schön, den spritzigen Beethoven Rondo c-Moll mit Orchester zu spielen.

Musik ist der Wein, der zu neuen Erzeugungen begeistert, sagt Beethoven.

22. Januar 2020

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Atmen ist Anfang und Ende vom Musizieren. An der Orgel besonders.  (AHS)

Oder wie MM zu sagen pflegte: Dinge gehen schief, damit du zu schätzen weißt, wenn es gut läuft. 

Ein weiterer Tag im Funkhaus Saarbrücken. Jedes Musikbusiness hat seine eigenen Gesetze, die man erst mal kennenlernen muss. Ein Rundfunkorchester ist anders als ein Opernorchester. Kirchen sind ganz anders als Sendesäle. Konzertsäle auch. Die Welt hinter der Bühne noch mal anders. Mir tun manchmal die normale Mitarbeiter gut: Die, die das Headset festkleben, Flügel aufmachen, Stühle stellen. Sie sind so einiges gewöhnt und wirken sehr bescheiden und demütig und gleichzeitig sensibel und nehmen die Dinge gelassen und mit Humor. Da, wo für mich die Welt untergeht, erzählen sie mir vor Nena, die ihre Zigaretten im Essen ausdrückt oder lächeln; ein Blick sagt manchmal mehr als tausend Worte. Es ist schön, dass manche Menschen im Musik-Business Bodenhaftung, Zeit und Trost haben. Ich komme mir manchmal vor wie ein Ballon, der wegfliegt, wenn man ihn nicht festhält. Ohne Gnade und Erbarmen hat man das Leben verfehlt.

Dennoch, so oder so ist das Business hart. Die Maschinerie interessiert es nicht sehr, ob man Schmerzen hat, müde und erschöpft ist oder Gespenster sieht. Solistin ist Solistin. Ist Leistung. Und dennoch lächeln. Die Herausforderung ist, inmitten dieser Welt zu finden, wer man wirklich ist. Denn es geht doch darum, mit Musik Gefühle auszudrücken. Ich freue mich auf die Konzerte und bin gespannt. Zudem bin ich froh, dass es viel Obst und Tee gibt. Gerade Bananen pushen mich.

Ja, wie Marilyn Monroe zu sagen pflegte: Dinge gehen schief, damit du zu schätzen weißt, wenn es gut läuft. Oder: Bedauernswert die Frau, die nichts zu bereuen hat.

Kolbermoor Orgeltage

Abends habe ich dann einige Stunden in der schönen Johanneskirche (mit Steinweg-Flügel) an der großen Kleuker-Orgel geübt (46 Register, weiß, geformt wie ein Engel, 3 Manuale). Es ist wohl eine Universalorgel (allerdings aus den 60igern) – also eine von den Orgeln, die heute durchaus manchmal “verteufelt” werden. Aber sie machte mit ihren schönen Zungen einen top Eindruck auf mich. Das Pedal ist weit und übersichtlich, das c über c usw. An sich ist die Orgel barock intoniert, eng und spitzig. Aber auch sehr schön für Mozart und Liszt. Es tat mir richtig gut, von der einen Welt in die nächste zu wechseln, von der turbulenten Rundfunkwelt in die stille, nächtliche, einsame Kirche mit Akustik und Zungen. So war es wohl auch für Bach? Vom Hofe in die Kirche. Back and forth. Es ist zwar anstrengend, zwischen den Welten zu wechseln. Aber ist es nicht viel verheerender, von den Gesetzen einer Welt gefangen, abgestumpft und abhängig zu sein? Die Kirche liegt nah am beleuchteten Rathaus und nahe am Hotel. Es gibt eine elektronische Bibel in der Kirche, und der Vers, der (rot) angezeigt wurde, sprang mich richtig an.

Morgen früh heisst es: Um 8 Uhr Einspielen.

Und hier noch mal eine Erinnerung vom Michel in Hamburg:

21. Januar 2020

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Musiker sein heisst nicht, sich dem applaudierenden Publikum zeigen, sondern sich viel Arbeit zu unterziehen – sonst ist man höchstens eine brauchbare Maschine, die Beifall produziert. (A.B. Michelangeli)

Erster Tag im Funkhaus Saarbrücken (auf dem Berg im Schloss Halberg) gut gelaufen. Abends hatte ich noch das Interview oben mit dem SR2 Kulturradio, es war schön: Wir haben über die Tiefe in der Musik geredet. Es wird Samstag um 11 Uhr gesendet und in die Mediathek gesetzt.

Es ist interessant, zu erfahren, wie ein Funkhaus funktioniert; die Mitarbeiter, die helle, schöne Kantine, die Orchestermanagerin, die Orchesterwarte (beide sehr nett), Tonmeister, Lichttechniker, Musikvermittler, und dass man plötzlich “in Frankreich” per SMS begrüsst wird (nach Paris ist es nur ein Katzensprung). Das große Dirigentenzimmer mit Espressomaschine, Sofa, Schreibtisch und dem alten Steinway, in dem ich sein darf. Daneben das kleine Solistenzimmer mit Klavier ohne alles weitere.

Der Sendesaal ist angenehm (ich habe automatisch nach der Orgel gesucht, die es nicht gibt), der Flügel blühend und schön; das weiße SR thront über allem. Erst wurde diskutiert, wo der Flügel steht, dann, ob das Orchester amerikanisch oder deutsch aufgestellt wird (unser Dirigent ist Wiener), wo die Bläser sind, wer den Flügel auf und zumacht, dann alle schauspielerischen Einlagen für die Musikvermittlung, dann das Klavierkonzert.

Roland Kunz und Azis aus Wien sind sehr nett. Die Deutsche Radio Philharmonie besteht aus Musikerinnen und Musikern aus zwei Bundesländern.

Ich habe aber auch Orgel geübt in der kleinen Kapelle neben dem Hotel. Saarbrücken an der Saar ist etwas größer als Würzburg. Wir sind dann noch durch die Innenstadt gebummelt… die Stengel-Kirchen, Rathaus, Theater, Brücken, St. Johanner Markt, Schloss. Empfehlen kann ich den dramatischen Film Queen & Slim (zwei Schwarze auf der Flucht vor der rassistischen Justiz), ein wenig erinnernd an Bonnie and Clyde. Ich muss sagen, dass mich das Zusammenhalten der Schwarzen sehr berührt.

Wer singen will, findet immer ein Lied. Und Musikerin sein bedeutet mehr als horrende Arbeit. Sondern Herz. Geist. Seele. Gefühl. Sonst ist man nur eine Maschine. Genauso die Orgel: Ohne Herz ist sie nur ein Apparat. Mit Geist und Seele aber ein Kraftwerk: Soli Deo Gloria. Sie veredelt und verwebt, perlt und singt, schweigt, bereitet vor, beeinflusst, spricht von Eindrücken. Aber Musik ohne Geist – da ist nichts mehr. Nur Geschwätz und Geplapper. Lästerei. Da ist nur Schmeichelei und Einschläfern.

Ich bin froh, dass ich mit Unbefangenheit an die Orgel herangetreten bin. Wenn ich gewusst hätte, wie konservativ und ungläubig die Orgel-Welt ist, hätte ich mich von der Orgel ferngehalten.

Warum sind Menschen eigentlich gemein? Das frage ich mich manchmal. Da ist so ein Hübner, der in Seniorenheimen für Spottgelder Frauen spielen lässt, dafür 60 Euro Provision einkassiert und aggressiv wird, wenn man dagegen vorgeht. Und “Studentensprecher”, die vor Neid und Hass geradezu blind sind.

20. Januar 2020

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Lese-Konzerte und Recitals und Saarland

Die intensivste Beziehung, die wir haben können, ist die mit uns selbst. (Shirley MacLaine)

Und zu Gott. Freue mich auf die Klavierabende in Heilbronn und Böckingen.

Ich bin nun in Saarbrücken, das Hotel ist sehr schön, und abends habe ich die Stumm-Mayer-Orgel in St. Josef Wehrden (Schleiflade) und die katholische, pneumatische, historische Späth-Orgel in Lauterbach (Kegellade) kennengelernt (Reißer-System) mit einer Sexquialter (für Organisten unter 18 nicht geeignet), dazu eine Klosterflöte. Und in St. Josef rauchiges, streichendes, weiches 16-Holzprinzipal im Pedal (Prinzipalbass 16 aus Holz). Und ein extra Spieltisch für das zweite Manual direkt unter den Pedalpfeifen. Das Saarland ist schön, das Theater übrigens von Hitler gebaut, Stahlwerk Saarland, verpeilte Priester, gutes Essen.

Warum ich Orgel spiele? Orgel ist meine Verlangsamungstherapie. Man kann sie auch als Kur verschrieben bekommen. Orgel ist mein Pilgerweg.

Ich bin gespannt, morgen den Dirigenten kennenzulernen.

19. Januar 2020

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Wie wunderbar ist es, dass niemand auch nur einen Moment warten muss, bevor er oder sie anfängt, die Welt zu verbessern. (Anna Freud)

Freue mich auf die Konzerte in Wiesbaden. Empfehlen kann ich die (Klavier)schulen Karl Philipp Emanuel, Martienssen, Neuhaus, Feldenkrais, Gellrich, Barlow. Heute fahre ich nun nach Saarbrücken.

Ich mag die alten Musikfilme gern, zum Beispiel Die Deutschmeister mit Romy Schneider; diese Filme sind so unschuldig, reizend, witzig und lieb. Wie von einem anderen Stern.

Wenn ich über das Leben von Musikern nachdenke: Da sind also Menschen wie Mozarts Vater, der einsam und allein stirbt, obwohl sein Sohn tatsächlich ein “Star” geworden war – aber der Vater wollte etwas anders: einen Menschen, der agierte wie er, und eine königliche, sichere Anstellung.  Und da sind Menschen wie Salieri, der tatsächlich ein “Star seiner Zeit” geworden war, aber voll Gram und Neid, denn er wollte Mozarts Gabe haben. Und da sind Menschen wie Mozart, der wie ein Besessener komponierte, ähnlich wie Reger, und kindlich blieb. Stabile Genies scheint es nicht wirklich viel zu geben. Jemand, der mir einfällt, ist Bach.

18. Januar 2020

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Das Unendliche im Endlichen, das Genie in jeder Kunst ist die Musik. (Bettina von Arnim)

Widor, Vierne, Franck…

Begrifflose Begeisterung für Musik –

Dass das Beste an Musik Melodie ist, wie E.T.A. Hoffmann schrieb, dies stimmt meiner Meinung nach nicht. Mir gefallen Franck, Vierne und Widor dennoch sehr gut, ich habe Feuer gefangen für französische symphonische Musik, besonders die Suiten und Fantasiestücke von Vierne, Feux Follets, Clair de Lune, Impromptu, Westminster gefallen mir, aber auch die Symphonien 3 und 6 und Widors wunderschöne Fünfte. Was mich etwas wundert ist, dass wir bei Olivier Latry lernen, wie man französische Musik französisch (und eben nicht typisch deutsch) spielt, aber auf der anderen Seite spielt er selbst Bach französisch und nennt dies kühn. Seine Bach-CD ist Bearbeitung und Transkription, sicher gewollt, er verändert die Musik, erfindet Töne hinzu usw. Würden wir dies mit Franck oder Widor machen – oh, da wäre die Kritik groß. Wie kann dies sein? Ist Bach so universell, dass er jedem gehört? Sicher, aber warum gibt es dann starke Gesetzmäßigkeiten in der französischen Musik, die nicht kühn erneuert werden dürfen? Sehr schön ist die virtuose Kuhnorgel in der Kulturkirche Altona Ost (St. Johannis). Ohja, sehr laut, aber auch mit wunderschönen zarten Farben. Was ich ebenfalls liebe, sind die vielfältige Orgelkünstler*innen aus ganz Europa, die zusammenkommen.

Sehr mag ich die Musik von Sofia Gubaidulina, besonders Seven Words mit Akkordeon. Und sehr gut gefallen mir die Renaissance-Bußpsalmen von Melchior Franck und die italienischen Lamentationes von Durante. Ob Bach ihn kannte?

Nett, aber etwas steif finde ich die Musik für Orgel von Vincent Lübeck, ich mag seine Musik nicht so gern wie Bruhns, Buxtehude oder Muffat. Jedoch das Praeambulum G-Dur gefällt mir; und seine Cembalowerke. Den Kreuzweg von Dupré finde ich interessant – um kreuz und quer gegangen zu sein.

Es fällt mir auf, dass nur wenige Menschen andere Menschen führen können. Sie wenden nur einen Führungsstil an (und den auch noch unabänderlich); als würde ein Mensch nicht unterschiedlich weit entwickelt sein und wachsen in verschiedenen spezifischen Gebieten und Zielen. Es ist kontraproduktiv, dort Boss zu sein, wo jemand schon weit entwickelt ist, und dort im Stich zu lassen, wo Direktive gebraucht wird. Man muss den selben Menschen unterschiedlich führen können und immer wieder prüfen und diagnostizieren. Viele sogenannte Leiter aber behalten eine fixe Meinung, die meist sogar noch von Anfang an falsch ist. Warum? Aus Unwissenheit, Bequemlichkeit oder aus Mangel an Interesse. Es ist Arbeit, sensibel zu sein, richtig zu bewerten, zu delegieren, zu loben, zu trainieren und zu wissen, welcher Führungsstil in welcher Situation angebracht ist. Es ist leichter, zu herrschen, zu kontrollieren (Günstlingswirtschaft) und nicht zu wollen, dass der anvertraute Mensch wirklich richtig gut wird.

Der Film Amadeus über Mozart (oder besser über Salieri) ist recht vulgäres, dramatisches Entertainment, aber gut gemacht und berührend. Es ist wie bei Astrid Lindgren: Die Kunst fröhlich, das Leben voll Schmerz. Und: Realistisch ist, dass es im Leben oft um Neid, Mittelmaß, Genie und Wahnsinn geht.

Ganz süß finde ich den dänischen Laden Sostrene Grenes mit Gewürzen, Deko, Marmelade.

17. Januar 2020

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Make organ alive!

Stabilisiere den Wind.

Musik ist in dem Haus nötig wie die Orgel in der Kirche. (Elise Polko)

Wenn der Flügel anders steht, zum Beispiel diagonal, hat dies schon zunächst eine Auswirkung auf mein Spiel. Die Stellung des Flügels ist also wichtig.

Gern mag ich immer noch die einfachen, hellen Upright-Klaviere, aufgrund meiner Kindheit und des Klaviers in meinem Zimmer, das ich immer sah, wenn ich aufwachte. Ich mag den Touch dieser Klaviere. Meist sind sie hellbraun.

Ich habe gehört, es gibt Laien, die nennen Organisten Orgelnisten oder Orgler, und sie fragen, “wann man seine eigene Orgel baut”. So etwas alles ist mir allerdings noch nie passiert. Ich habe nur das Gefühl, ich habe Orgelfüße bekommen und kann selbst dann, wenn der Bus oder der ICE schräg stehen, immer noch gut mit Halt stehen.

Traurig ist, dass überall, wo man geht und steht, eine Verwahrlosung und ein Verkommen der Sprache, des Rhythmus und der Musik geschieht. Man findet kaum noch einen Hinweis oder ein Schild mit Aufdruck, geschweige denn handschriftlich, was grammatikalisch richtig ist und alle Kommas aufweist. Teilweise 3-5 Fehler in einem Satz. Und gedudelt wird aus jedem Ohrstöpsel.

Bald geht es nun nach Beethoven zu den acht… nein, nach Saarbrücken zu den acht Beethoven-Konzerten, nach Kaiserslautern, dann nach Wiesbaden (Orgelkonzert), Heilbronn (Klavierabend), vorher Hannover, Hamburg… Ich darf nicht vergessen, mein Airdrop auszuschalten, denn es gibt Leute in ICEs oder anderen Verkehrsmitteln, die sofort iPhones finden. Dann erhält Phönchen seltsame Foto-Angebote.

Nachtzug nach Lissabon zumindest als Film kann ich nicht empfehlen, im Grunde ist es eine abstruse Vermischung aus Politik, unchristlicher Philosophie und plakativer Liebesgeschichte. Gott wird mit immer denselben Vorwürfen bombardiert, während applaudiert wird, und die grauenvolle, melancholische Filmmusik plätschert dazu pausenlos mit Terzengeklimper vor sich hin. Treulosigkeit, dienende Frauen, die sich dauernd schuldig fühlen (“Gar nicht für”), ältere Männer von jungen Frauen umspült, Frauen, die nur dazu da sind, um Männer in deren Seele zu führen, und die typischen Dialoge: “Ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle.” “Ach, ich bin so fasziniert von Ihnen.” Wer halt wohl was gesagt?

Ich finde, es klingt niedlich, wenn Europäer Scheiße sagen. Besonders bei Franzosen.

Katie Meluas Stimme gefällt mir.

16. Januar 2020

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Spielen ist Ausdruck der Seele. Singen ist Berührung mit Sehnsucht. (AHS)

Zu viel üben sollte man natürlich nicht, sonst wird man noch ein Einsiedlerkrebs.

The Choice – ein schöner Film, auch wenn die Tränen immer genau an der richtigen Stelle kommen, alle ewig jung, ewig schön, das Blumenwasser immer sauber und immer jemand da, der tröstet; auch hier wird an Sterne und an den Mond geglaubt, was absurd ist. Hat der Mond das Universum geschaffen oder die Sterne sich selbst?

Ab und zu kommt eine Kirche oder ein Pastor vor, damit (weit entfernt) noch etwas Christliches in der Geschichte dabei ist.

Wir alle suchen alle nach Geborgenheit. Die, die am unabhängigsten erscheinen (wollen), am meisten. Das Leben wird von Entscheidungen aneinandergehalten. Eine nach der anderen. Man muss auf sein Herz hören und dies akzeptieren. Es ist keine Schande, ein zerbrochener Mensch zu sein. Es trifft oft die Tapferen. Sie sammeln ihre Teile wieder ein.

Kurzgeschichten von Les A. Murray kann ich heute empfehlen. Und Die Katze auf der Orgelbank.