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7. August 2020

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Man muss oft „kaltblütig“ üben. (AHS)

Ich freue mich, Gottesdienst und Hochzeit in Merseburg zu spielen und dort zu üben. Es ist eine der schönsten Orgeln der Welt, wie ich gehört habe.

Gestern war ich wieder in Marktheidenfeld an der restaurierten und neu intonierten Elenzorgel in St. Laurentius in der Fußgängerzone mit den drei Zungen – die ganze Kirche wurde für 700.000 € neu restauriert, alles glänzt weiß und sauber und festlich. Es ist eine süße kleine Stadt.

Es ist erstaunlich, wie kreativ man an der Orgel sein kann. Es ist tatsächlich auch sehr schön, die Passacaglia von Bach mit fast jeder Variation anders zu registrieren bzw. viele Manualwechsel durchzuführen, wenn man möchte – wenn man einen sensiblen Umgang und Wissen mit Registern hat. Alles hat seine Berechtigung, wenn man es sehr gut macht. Ich sehe nicht ein, irgendeine Version zu verteufeln oder abzulehnen. Das hätte Bach selbst nie getan. Wenn man alles in einer Farbe spielt, muss dementsprechend sehr gut interessant und neu gespielt werden. Das sollte man auch, wenn man Farben wechselt. Wie sagte Herr Kaunzinger zu mir: Man braucht schon manchmal „Organistenohren“, um gewisse Versionen zu ertragen. Das kann schon stimmen, aber ich habe keine typischen Organistenohren, wofür ich dankbar bin, und ich sehe, dass man in vielen kreativen, verschiedenen Weisen ein Stück hervorragend interpretieren kann. Genauso auch Piece d‘ Orgue – auch hier gibt es viele Möglichkeiten, und alle sind sehr gut, wenn man es überzeugend interpretiert. Ist es nicht erstaunlich, wie sich da gegenseitig zerrupft wird, wenn es doch durchaus möglich ist, es auch anders zu machen?

Wie kann man immer nur eine einzige Version spielen? Da muss man schon sehr überzeugt sein, dass diese die einzig richtige ist. Da ist man dann ja mehr überzeugt von sich selbst als Bach von sich war.

Es ist so hilfreich, als Organistin mit vielen, verschiedenen Organisten zusammen zu arbeiten. Ich bin sehr dankbar für alle, die mir helfen. So geht es schneller voran. Sehr dankbar bin ich für Hans-Ola, aber auch für Herrn Kaunzinger, für Jan, für Hans-Jürgen, für Alexander, überall lerne ich eine neue, individuelle, besondere Herangehensweise an die Orgel, an die Werke. Es widerspricht sich oft, aber im Großen und Ganzen dann doch nicht. Ich finde immer die Brücke in mir, denn ich bin wie ein Schwamm. Im Wasser wachsen alle meine Bäume. Letztendlich bin ich die Künstlerin, die entscheiden und verantworten muss. Ich umarme alles. So wie alle Orgeln.

Konzert nächste Woche, auch Link dazu: Konzert Bachverein Erlangen

6. August 2020

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Langsam üben ist schnell üben. (Hans-Jürgen Freitag)

Ich freue mich sehr auf die schöne Walcker-Jann-Orgel in Erlangen nächste Woche im Konzert. Danach Salzburg, vorher Merseburg. Gestern Lohr, heute Marktheidenfeld, davor Mellrichstadt, Kitzingen, Hüttenheim, Würzburg und Urspringen. Alles tolle Orgeln.

5. August 2020

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Es hört jeder nur, was er versteht. (Goethe)

Es stimmt, dass die Orgel eine sehr klare Sprache spricht. Üben bleibt wichtig. Noch wichtiger ist das Hineinhören in sich selbst. Soli Deo Gloria.

Es war schön, wieder in Lohr an der Sandtner- Orgel zu üben. Sie ist ein sehr schöne, tiefe, grundtönige, klare, „männliche“ Orgel mit süffigem Plenum. Lohr am Main ist ein süßes Städtchen volle Fachwerkhäuser. Es hat Spaß gemacht, mit Registrant zu üben. Ich habe auch mal die evangelische Kirche besucht. Heute nun das süße Marktheidenfeld.

Eine digitale, trockene Orgel (keine Hauptwerk) in einem trockenen Raum ist oft gnadenlos und zeigt, was nicht geht. So schlecht ist dies gar nicht. Dann muss der „Gnadenhall“ einer Kirche kein Gnadenhall mehr sein.

Es ist wichtig zu wissen, dass die Fußknöchel sehr aktiv sind. Besonders bei Liszt. Obwohl ich Schulen nicht so gern mag, sind gewisse Pedalschulen ab und zu gar nicht schlecht. Ich gebe zu, ich mag das sportliche Spiel, aber es darf nie hektisch werden, sondern immer gelassen und klar bleiben, mit leichten Achteln.

Registrierung finde ich nach wie vor faszinierend: Man muss die Ohren trainieren, einzelne Register ab- und annehmend gut in ihrer Wirkung erkennen:

a) Hat das Register eine Wirkung? Wenn nicht, weg. Denn dann ist es nur „Müll“ für den Klang und macht ihn unnötig dick und schwimmend. Vorher genau hinhören: Hat das Register wirklich keine Wirkung in dieser Kombination? Es geht nicht um Dezibel. Sondern um Fülle, um Körper, um Charakter, um Zeichnung, um Schärfe oder Farbe.

b) Muss ich Register austauschen? Welcher 4-Fuß oder welche Mixtur passt besser? Sich entscheiden. Nicht doppelt ziehen. Schon gar nicht bei einem Kornett.

c) Welches Aliquot hilft in dieser Kombination besser, zu zeichnen? Oder welcher 4-Fuß lässt die Quinte besser zeichnen? Höre darauf, was einen Klang schärfer und klarer und sauberer macht.

d) Sensibel sein mit Steigerungen. Werde besonders sensibel bei allen Registern, die „quietschen“. Finde die schönsten Register der jeweiligen Orgel und verwende diese besonders häufig und kreativ, z.B. Rohrflöte 8.

e) Tendiere nicht dazu, zu schnell zu heftig zu registrieren. Achte auf den Klang im Raum. Der Raum bestimmt. Sei sparsam.

f) Versuche den Klang, den du haben möchtest, in Worte zu fassen. Beschreibe ihn. Beschreibe den Charakter. Dann suche den Klang dazu. Oft ist nicht immer viel nötig, sondern nur die richtigen Register zusammen.

g) Wenn du trainierst, ziehe so lange und probiere so lange aus, bis du den Klang, den du haben willst, gefunden hast. Höre jedes einzelne Register durch. Vertiefe dich in einzelne Register, höre sie einzeln ab mit einem Ohr bis zum Altar. Höre ganz lang, im Raum, wie das Gedackt 8 hier klingt.

h) Teste kurz am Spieltisch aktiv aus, was du für eine Orgel vor dir hast. Höre den Klang der jeweiligen Orgel in dir. Dann aber registriere erst einmal anhand deines Wissens und deiner Augen mit den Registern, ohne  zu spielen.

i) Mixtur im Pedal ohne Zunge kaum in der Romantik verwenden.

Erstaunlich ist, dass die Hände an der Orgel vom Pedal getragen werden. Ohne ein stabiles Pedal nutzen schnelle Finger an der Orgel nichts, denn dann wird die linke Hand blockiert bleiben.

Nach dem Üben gibt es Zwetschgenkuchen mit Sahne.

4. August 2020

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Ich fühle mich durchgekoppelt, wenn ich an der Orgel sitze. (AHS)

Heute habe ich wieder viel getüftelt mit Registrierung. Es macht Spaß. Ich habe erkannt, dass man Quinten nicht doppeln sollte, außer im ff, und nicht  zu viele Farben auf einmal anwenden, sondern eher sparsam sein. Vor allem mit Quinten und Terzen. Eigentlich mag ich auch eher lieber (vor allem bei romantischen Solostimmen) die Kombination grundtönige Zungen, dazu evtl. Mixturen und Klangkronen (doch diese nie oder fast nie ohne Zungen) – statt zu farbige Aliquoten (ohne Zungen und Mixturen). Wobei dies auch sehr schön sein kann ab und zu. Zunächst baue ich mir meist ein mf, ein f, ein ff – als Basis sozusagen. Wobei ich 16-Fuß erst ab ff verwende im Manual, meist. Ich bin jedenfalls davon abgekommen, zu früh (und vor allem nicht ohne Zungen) Mixturen zu verwenden, erst recht nicht im Pedal. Es ist jedoch immer wieder erstaunlich, wie völlig anders unten alles klingt. Ist die Kirche groß mit schöner Akustik, dann ist unten selbst die scharfe Mixtur aus dem Schwellwerk mild und warm. Dann klingt selbst die verstimme Oboe wundervoll abgemildert. Merci, Agustin!

Ich mag sehr den Bücherschrank in der Eichhornstraße, ich habe dort schon so viele schöne Geschenke bekommen.

Wenn ich einen Eisladen aufmachen würde, würde ich eine Kugel Eis Quarten auf Tritonus nennen mit dem Untertitel Messiaen-Eis. Mozart-Eis gibt es ja auch schon.

Corona-Sprüche, Teil 4:

Ich vergesse immer noch die Maske, wenn ich zum Bäcker etc. gehe. Wenn ich Jeans anhabe und T-Shirt, ziehe ich mir dann mein T-Shirt eilig über die Nase. Die meisten Leute lächeln und sagen: So geht es auch. Es ist jedoch nicht einfach, mit T-Shirt über der Nase festhaltend mit Handy, Portemonnaie und Tasche zu hantieren. Denn dann hat man nur noch eine Hand frei. 

Er: Es wäre schon gut, wenn man drei Hände hätte.

Ich: Allerdings (an die Orgel denkend).

Er: Soll ich Ihnen helfen und Ihnen die Nase zuhalten, damit Sie zwei Hände frei haben?

3. August 2020

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Kein Genuss ist vorübergehend. Der Eindruck, den er hinterlässt, ist bleibend. (Goethe)

Das stimmt. Beispielsweise der Genuss eines Orgelklangs, der Genuss von Registrierung.

Ist es nicht erstaunlich, dass es kaum deutsche, international bekannte Konzertorganisten oder Konzertorganistinnen in Deutschland gibt? Das System der Kirchenmusik hat dies wohl sich so ergeben lassen? Die meisten sind unbeschriebene Blätter und kennen nur ihre Kirche, sitzen an „ihrer“ Orgel wie ein Drache. Daher sind diese auch sauer auf beschriebene Blätter und auf die, die mehr wollen, die sich umhören und reisen, auf die, die künstlerisch sind. Es reicht doch nicht aus, nur ein „erfahrener Kirchenmusiker“ zu sein – im Gegenteil, das ist eher negativ, spricht bände, was das Künstlerische angeht. Das bedeutet nämlich meist künstlerischer Stillstand, da man nur mit Laien zu tun hat. Man muss als Künstler mit anderen Künstler zu tun haben. Dringend. Und diese nicht hassen, sondern lieben. Wer Künstler hasst, ist keiner.

Und ich liebe Grieg, Sibelius, Saariaho, Berwald, Groendahl. Laterna von Saariaho ist sehr interessant: Für Dirigenten und Schlagwerk eine echte Herausforderung.

Auffällig ist, dass die Werke von Komponistinnen oft von Männern angegriffen und abgewertet werden. Gefährlich aber sind auch Frauen, die anderen Frauen fast wie aus Prinzip keinen Erfolg gönnen.

2. August 2020

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Die wahre Liebe ist, wenn Herz, Verstand und Körper miteinander im Einklang sind. (George Sand)

Das scheint selten. Sie ist ein Vordenkerin gewesen, die ganz früh den „Männerwahn“ erkannt hat und versuchte, sich der Männerwelt zu stellen. Ich finde sie wundervoll. Wie gern hätte ich sie kennengelernt. Sie muss eine sehr mutige Frau gewesen sein. Es muss damals noch schwerer gewesen sein als Frau als heute. Die Zwänge waren wahrscheinlich enorm. Sie hieß eigentlich Aurore Dudevant. Man kann ihr Vorwürfe machen, warum sie ihre Kinder im Stich ließ. Aber wieviele Männer lassen ihre Kinder im Stich und dies gesellschaftlich völlig akzeptiert? Und wie unglücklich muss sie gewesen sein?

Ich bin sehr begeistert von Messiaens L’Ascension, besonders von 1,3 und 4. Man merkt zwar deutlich, dass es eine Transkription von Orchester ist, besonders im zweiten Stück. Aber ich mag, wie er die „Logik“ des Schwellers bezeichnet, also die Dynamik auf Farben bezieht (das Forte in 1 in ganz anders und viel lauter als das Forte in 4) – auch wenn er hierbei nur an seine Orgel in La Trinité (Coll, Windladensystem Schleiflade) dachte, an der er vierzig Jahre war, und nicht an uns… Ich mag, dass man fast alles selbst registrieren kann – man bedenke, er hatte keine Setzer. Und dass er Farben von romantischen und (neo)barocken Klängen einbaut. Man muss eben etwas umbasteln hier in Deutschland, da wir nicht so eine feine Oboe habe, nicht ein Celeste wie er, nicht so flötige, warme Prinzipale, bei weitem nicht so ein Recit oder Tutti wie in Trinite oder Clothilde, wo Franck spielte. Aber die Franzosen sind ja selbst nicht so akribisch, sondern eher gelassen. Ich bin noch so überwältigt von den Orgeln in Deutschland, dass ich noch nicht in Paris oder in Frankreich war in dieser Orgelwelt. Aber ich freue mich auf den Moment, wo ich dort eintauchen werde.

Ach, ich liebe die 4 in ihrem sehr langsamen Sternentempo (Modus 3) (und Pedalkoppel Tirasse) und die virtuose 3 (Modus 2) – und die 1 (mit Sperrventil Appel gespielt in Frankreich, da man die Zungen einfach ab- und dazuschalten kann, was sehr praktisch ist, so auch in Ilmenau). Denn die Lade mit den Zungen in Frankreich hat oft auch Aliquoten und Mixturklänge – nicht nur Zungen. Man darf auch nicht vergessen, dass alles immer direkt durchgekoppelt ist. Ich fühle mich auch oft durchgekoppelt an der Orgel, durchgeschüttelt.

Das erste Stück von Messiaens Himmelfahrt ist für mich Farbe Gold, Fanfaren, Klangstück, aufwühlend, stauend, Gregorianik, majestätisch, eine Zeremonie, jeder neuer Akkord eine Offenbarung. Die Wirkung des Schwellers ist entscheidend wichtig.

Jetzt freue ich mich erst einmal auf den Merseburger Dom. Und es war wieder sehr schön an der Walcker in Ilmenau.

Es ist so heiss, dass man Kübel mit Wasser zum Gießen verwendet. Meine Kakteen blühen lieb. Eine Palme habe ich umgetopft, seitdem stimmt etwas nicht mit ihr.

1. August 2020

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Es gibt viele unterschiedliche Facetten von Schönheit: Schönheit ist nicht nur schön, sondern auch wild, schmerzvoll, reißerisch, traurig – (AHS)

Es war wieder sehr schön, in Ilmenau an der Walcker-Orgel zu üben. Und ich freue mich auf die Ladegast in Merseburg, meine dritte. In Mellrichstadt habe ich so lange geübt, dass ich den letzten Zug verpasst habe und bei den Schwestern übernachten musste. Die Orgeln sind alle unterschiedlich wie Tag und Nacht und doch die selbe edle Rasse. 

Ich liebe die skandinavische, nordische Musik. Norwegen und Finnland haben zwei weltbekannte Komponisten: Grieg und Sibelius, beides nationale Helden – Schweden hat leider bis heute nichts vergleichbar international Bekanntes. Der Schwede Berwald ist super, sehr schöne Sinfonien. Was mir an Grieg gefällt, ist, dass er diese poetischen, lyrischen Linien und Melodien gezeichnet hat, Stimmungen, Natur – er war vielleicht kein großer Symphoniker, aber ein Lyriker in Musik, wie man beispielsweise in der Peer Gynt-Suite deutlich merkt, die ich gerade dirigiere (beide Suiten haben je 4 Sätze). Sowohl Grieg als auch Sibelius haben erst für Klavier komponiert und dann für Orchester.

Orchesterdirigieren macht sehr viel Spaß, heute wieder. Es ist wichtig, die Hintergründe zu den jeweiligen Werken gut zu kennen. Im Grunde hat sich Grieg um Ibsens Gedicht Peer Gynt nicht gekümmert, er wollte nur schöne Musik machen. Ganz anders sein Landskollege Saeverud – sehr gut, dieser hat Ibsens Text richtig vertont, mit all der Ironie, sehr schön auf Spotify mit dem finnischen Dirigenten Ari Rasilainen. Saeveruds Enkel ist ein berühmter Geiger in den USA. Dennoch ist natürlich Griegs Musik beliebter, weil dieser so wunderschöne Melodien geschrieben hat, wie in der Morgenstimmung oder in Ases Tod (Ase ist die Mutter von Peer Gynt).

Sehr schön finde ich die Musik und die neue Oper von der finnischen Komponistin Kaija Saariaho und der norwegischen Komponistin Agathe Grondahl. 

Was mir am Dirigieren gefällt ist, das jeweilige Stück genau zu kennen. Beispielsweise Morgendämmerung in Griegs Suite 1 – erst Flöte, dann Oboe, dann Flöte, dann wechseln sich diese ab, bevor die Streicher den intensivsten Einsatz haben – man muss alles im Blick haben, besonders den Einsatz der Pauken. Ja, die Timpani nie vergessen, genau wissen, mit welchem Ton diese beginnen. Immer erst Blickkontakt, bevor man den Einsatz gibt. Wird der Blickkontakt nicht erwidert, gibt es keinen Einsatz. Es geht um Menschen, nicht um Instrumente. Auch wichtig: Was für Schlegel haben die Pauken? Härtere sind hier eher besser. Pauken und Hörner sitzen meist links-mittig, vorher genau die Lage studieren. 

Da der 6/8-Takt nicht sehr langsam ist, wird er in Zwei dirigiert (Schaukel). (Wäre er sehr schnell, könnte man eventuell in Eins dirigieren.) Im langsamen Tempo in 6 – dazu sind 2 und 3 auf der linken Seite, wobei die 2 eher unten als links ist, denn die 3 ist schwer, und 4 und 5 rechts, wobei die 4 schwerer ist als die 5. Ases Tod wird ebenfalls in Zwei dirigiert. Wichtig bei beiden Sätzen ist, dass man nicht eilt. Im Gegenteil, Widerstand, Spannung, Agogik und eher die Kunst der Langsamkeit. Obwohl das Spätkommen der Eins wichtig ist, muss man dennoch immer früher sein. Man muss also früh zu spät sein. Der Tanz wird durchgehend in Eins dirigiert, außer bei den zwei kurzen Ritardando-Stellen. Wichtig ist aber immer die weiche linke Hand. Ich merke, wie ich mich von Mal zu Mal verbessere. 

31. Juli 2020

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Man ist Künstlerin und wird Künstlerin. Beides. (AHS)

Franken besitzt so eine bezaubernde süddeutsche Orgellandschaft: Es war sehr schön, in Hüttenheim (bei Kitzingen) gespielt zu haben gestern: Eine wunderschöne, einmanualige Steinmeyer-Orgel (Kegellade), von Hey-Orgelbau monatelang restauriert. (Es wurden aus Unwissenheit nasse Tücher zuvor in die Orgel gelegt und damit die Pfeifen durch die Feuchtigkeit beinahe zerstört.) Nun ist die Orgel wiederhergestellt, ein Schmuckstück und Klangstück. Genauso auch die entzückende, bläuliche Barockorgel in Markt Einersheim (bei Kitzingen) – im Originalprospekt, drei Manuale (das 1. Manual ein Koppel-Manual). Die Pfeifen sind seit dem Krieg nicht mehr original. Die Kirche hat schöne blaue und rote Farben in Balkon und Bänken, die Orgel passt genau zum Raum – ein Genuss. Ich bin sehr froh, dass die Familientradition Orgelfirma Hey aus Urspringen die vielen schönen historischen Dorforgeln in Franken restauriert, Stück für Stück. Unten gibt es auch von diesen ein sehr schönes Positiv mit einem glockigen 8-Fuß. Auch die edle neue, zweimanualige Hey-Orgel bei den Rita-Schwestern in Würzburg ist schön zu spielen, angenehm.

Eine Wucht ist die große Hey-Orgel in Mellrich-Stadt (Schleiflade): herrliche Farben für Liszt Ad nos, glitzernd, golden, silbern, in einem großen, hohen Raum mit wunderschöner Akustik. Nur muss die Kirche restauriert werden, die Wände sind schwarz. Je größer der Raum und der Hall, desto glitzernder darf die Orgel sein, finde ich. In Lohr ist die Sandtner-Orgel sehr  grundtönig und tief, was dort auch sehr gut passt, da es kaum Hall gibt. Die glitzernden Orgeln sind für mich weiblich, die tieferen, grundtönigen männlich.

Ich übe jeden Tag an einer anderen Orgel. Ich finde, dies schult enorm. Sehr schön ist es auch, an der großen Sandtner-Orgel in Lohr zu spielen. Überall trainiere ich Registrierung und Setzer für Liszt Ad nos. Es ist spannend und anstrengend. Man wird ganz empfindlich. Ich höre Türen in gis quietschen. Wenn jemand unten in der Kirche zu laut spricht oder herumläuft, kommt beinahe Groll in mir hoch. Ansonsten klatschen die zufälligen Besucher immer Beifall, wenn ich übe. Manche sind auch ein wenig frech. Wenn ich mal eine Pause mache: „Wann geht es denn weiter?“ Oder: „Geht es mit der Musik gleich weiter, dann setze ich mich noch mal hin?“ Ich bin ja nicht der Musik-Automat. Oder es wird ganz laut auffordernd geflüstert:“ Gleich geht es weiter! Gleich kommt wieder die Orgel?“ Ok, ich habe verstanden. Was ich nicht verstehe, wenn Leute in der Kirche laut herumtratschen.

Es macht Spaß, Orgeln zu vergleichen. Sie sind alle sehr unterschiedlich. Das Handwerkliche. Die Tasten. Ob eine Orgel konventionell ist oder altmodisch – das würde ich so nie sehen. Die eine liegt einem mehr als die andere. Doch ich will überall sehr gut spielen können.

In Marktheidenfeld übe ich auch sehr gern, an der Elenz-Orgel. Ich liebe dort die Rohrflöte 8 besonders und freue mich auch, wenn die Zungen gestimmt sind.

Generell: Es ist oft nicht so leicht, an verstimmten Zungen oder „quietschenden“ hohen Registern vorbei zu registrieren. Wobei ich das Laute, Helle mag, glitzernde, silbrige Klangkronen.

Sehr geholfen hat mir der Besuch meiner vierten Orgelbauwerkstatt: Hey-Orgelbau diesmal. Es ist sehr hilfreich und lehrreich, zu sehen, wie die Windladensysteme hergestellt oder restauriert werden, die Spieltische… Die Schleiflade ist spannend, aber auch Kegellade und Taschenlade. Die neue Saalorgel hier ist ja auch eine Kegellade, was ungewöhnlich ist. Orgelbau ist Teamarbeit: Schreinerei, Hören, Intonieren, Bauen, handwerklich enormes Geschick, besonders bei Restaurationen, und ein genaues Verstehen der Sache – jeder ist Experte für seinen Bereich. Es geht vor allem um sehr viel Erfahrung. Leider gibt es hier immer noch wenige Frauen.

Anfangs war ich etwas skeptisch gewisser Romantik gegenüber auf der Orgel. Schumann und Franck beispielsweise – doch nun liebe ich es, liebe auch Schumanns Skizzen und romantische Choräle.

Ich mag sehr die französische Klassik bzw. Barockmusik an der Orgel in Frankreich, beispielsweise die beiden Messen von Couperin, oder Veni Creator von Grigny: Die starken, lauten, frischen Solostimmen wie Krummhorn, gemischt mit Bordon 8 (und Prestant 4, etwas leichter als Oktave 4) oder Cornet 5-fach für die Obertonreihe zu 8 (selbst zusammengestellt cornet décomposé mit flötig Bourdon 8, Prestant 4, Nasard Quinte 2 2/3, 2 und Terz 1 3/5, man verdoppelt nicht, füllt jedoch immer aus). Man kann ein fertiges Cornet auch ziehen (sehr schön als abgesetztes, abgetrenntes Cornet im Recit als fertige Solostimme, als hohe, solistische Stimme = cornet séparé), aber meist befindet sich ein fertiges Register nur im Diskantbereich und klingt nicht über die komplette Klaviatur, und klingt auch anders. Das Cornet verstärkt und verdichtet auch die Zungen (mit Grand Jeu begleiten). Ich mag, dass man mit den weichen, französischen, flötigen Prinzipalen begleiten kann, beispielsweise Montre 8 im HW. Ich mag es, dass es in Frankreich eine tiefe Terz mit 16-Fuß gibt (beispielsweise Toulouse). Und Terz im Bass oder Tenor. Ich mag die kleine, weite, flötige Quinte Larigot  1 1/3. Es gibt also viele unterschiedliche Quinten, Quarten und Terzen, Nasard Quinte, Nasard Quarte… Es gibt die „normale“ Quinte 2 2/3, dann die höhere 1 1/3, dann  die tiefere 5 1/3, dann die ganze tiefe 10 2/3 (Pedal Quintbass). 1 3/5 ist immer Terz. Ich mag die französischen Dialoge mit räumlichen Klangquellen: Das nahe Positif gegenüber dem weit entfernten Recit.

Ich mag auch Solo-Stimmen aus mehreren Aliquotreihen sehr. Überhaupt mag ich Aliquoten.

Natürlich mag ich auch die deutschen Klänge, besonders die von den schönen Walcker-Orgeln mit ihren Kegelladen.

30. Juli 2020

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Das Absprechen des Tones singt.

Wortgrenze durchbrochen. (AHS)

Schön und berührend finde ich Hakims „Jüngstes Gericht“, gestern im Radio gehört, Aufnahme aus München. Er konnte sich das Böse sehr gut ausmalen, hervorragend komponiert. Das Gute kam dabei leider nicht ganz so gut weg. Aber das Dämonische hat er umwerfend dargestellt. Ich konnte das Dämonische lachen, schreien, toben hören. Die Orgel an sich verwandelte sich in etwas Dämonisches. Für mich ist und bleibt das eine Facette von Schönheit in der Kunst, das Böse darzustellen. Manche sehen „schön“ als so oberflächlich bequem und lau und faul an, ohne die Spannung und Ängste und Realität des Lebens musikalisch zu berücksichtigen. Da bleibt dann nur das Alte und Philosophien und nüchtern Zahlen und Modi übrig.

Ach, ich liebe Orgel selbst im Radio auf der Autobahn. Es war dunkel um mich, als ich das Werk hörte, nur die Scheinwerfer der wenigen anderen Autos. Umwerfende Kulisse für das Werk. The last judgement. 

Und ich liebe auch Reubkes Orgel-Sonate von Kaunzinger gespielt vom Jahr 2000. Sehr gut, umwerfend gut gespielt. Es gibt auch eine Klaviersonate von Reubke. Diese ist mir noch nie untergekommen.

Und ich liebe Messiaens Himmelfahrt. Farben in Musik zu hören bzw. zu sehen soll eine Störung sein wie das absolute Gehör. Dann habe ich schon zwei Störungen. (Manche würden jetzt sagen, mindestes.) Für mich sind es nun mal Farben in Messiaens Himmelfahrt und in seinen Klangstücken generell, beispielsweise das erste Stück „Gold“, das vierte „Weiß“ (in Himmelfahrt).

29. Juli 2020

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Gib mir die Blume. (AHS)

Konzertblumen. Sonnenblumen. Alles schön. Ich liebe Pflanzen, ich liebe Tiere. Bei Hunden mag ich besonders gern Golden Retriever und (große) Boxer und Labrador und Dackel. Aber auch alle.

Orgelspielen ist Ohr. Eigentlich sind die Manuale egal. Man spielt mit dem Ohr. Wo ist der Klang im Raum? Das muss man trainieren. Sonst: Fehlplanung. Man darf nicht gefangen sein am Spieltisch. Dort ist nicht der Klang. Im Gegenteil – man kommt dort in einen Spieltrieb, in ein Rauschen, und es ist Wind im Kopf – das reicht nicht. Der Klang ist im Raum. 

Klar, der Spieltrieb ohne Ohr ist wie unter Drogen, man kompensiert, man meint Wunder, wie es klingt – aber das ist zu wenig, das ist kindlich, denn das, was zählt, ist, wie es wirklich klingt, real, unten. Nicht in einer Traumwelt.

Es ist anstrengend, auf Ohr umzustellen, und auch schmerzlich, wenn man sich der Realität stellt – aber wenn man seinen Ohren nicht (zu)traut, den wahren Klang zu finden, dann misstraut man sich selbst, dann wird man den Durchbruch nicht finden und nie zufrieden sein. Ich bin froh und glücklich, dass meine Ohren den Klang finden, sie sind willig und gehorsam und entzückt. Ohr sein ist Sein. Wirklich sein. Das ist die Musik. Alles andere ist Vorstufe. 

Ich vergesse nie dieses Aha-Erlebnis: Der Sound. Das Runde. Als wäre der Klang von den Manualen abgekoppelt, buchstäblich, abgepolstert, als wäre der Spieltrieb nicht in den Händen, sondern im Ohr! Als würde man mit Spinnweben zwischen den Händen spielen wie Spiderman, als hätte man Weben zwischen den Fingern. Alles wird vom Klang zusammengeschmolzen, zusammengehalten, rund und warm und weich. 

Es ist Resonanz. Das ist es, was es ist: RESONANZ. Nicht Dezibel. Nicht mechanisches Spiel. Die Resonanz zu finden. Das ist es.