Startseite Nach oben

Ann-Helena Schlüter

15. September 2020

Schlagwörter: ,

Kommentar verfassen

Die Müdigkeit ist mir verschlossen. Nur meine Augen sind geschlossen, wenn ich müde bin. (AHS)

Die Orgel-Aufnahmen mit One Point Media Michael Beier Hannover war sehr gut heute, er hat super Equipment, Mikros, Stative, viele Kameras, wir haben viel geschafft: Liszt Ad nos, Messiaen aus Himmelfahrt, Bach Piece d’Orgue, eigene Werke. Ein gewaltiges Programm für einen Tag. Bei Liszt zwischendurch merkte ich, dass ich noch vom Konzert gestern erschöpft war. Noch dazu war es wieder so heiß. 30 Grad.

Gerade der 2. Satz Liszt braucht sehr viel Konzentration, wenn man diesen schön und musikalisch gestalten will – mit MW, Tremulant, Schwellen, Setzen… Und meinen Sonderideen und Sondereinsätzen für den Registranten, der dann über mich drüber greifen muss… Wir waren dabei umzingelt von vielen Kameras, die auch auf mein Gesicht gerichtet waren… dabei mache ich doch beim Spielen so viele Grimassen… Kameras sind herzlose, kalte Wesen, die alles so filmen, wie es ist. Man lernt bei Aufnahmen enorm viel dazu und immer wieder etwas Neues auch über sich. Michael sagte, er sei erstaunt, wie zäh ich durchhalte. Wir haben einige Speicherkarten und Akkus verbraucht, so viele wie noch nie in seiner bisherigen Laufbahn an einem Tag. Ich könnte wahrscheinlich 20 Stunden am Stück aufnehmen. Ich gehe richtig auf beim Aufnehmen. Ich presse mich aus wie einen Schwamm. Das war schon als Kind bei mir so, wenn mich mein Papa aufgenommen hat.

Bin erstaunt von Carl Orff. Da wird er oft von Kollegen eher abgewertet, aber seine Musik ist sehr experimentell, für seine Zeit erst recht, sehr beeindruckend, besonders Trionfi.

Begeistert bin ich auch von der jüdischen Ärztin Johanna Geissmar – tolle Frau! Sie wurde vom Nazisystem ermordet.

Meine neuen Noten sind meinem Neffen Jaron Vincent gewidmet.

14. September 2020

Schlagwörter:

Kommentar verfassen

Musik ist ein Erdblitz, ein Kugelblitz. (AHS)

Ich spiele ein Programm von der Passacaglia umrundet, die von Muffat nicht unterschiedlicher komponiert werden konnte im Vergleich zur weltberühmten Bach-Passacaglia. Dazwischen zwei Orgeltänze, von Mozart (diesmal F-Dur) und Schlüter, die ebenfalls verschiedener nicht sein könnten und ihre Zeit ausdrücken. Auch der Choral Heiliger Geist findet sein Gegenstück in Bachs freien Orgelwerken: J.S., der stets alle seine Werke mit Soli Deo Gloria versah: Allein zur Ehre Gottes. Dies gilt auch heute. S.D.G.

Das Konzert gestern war sehr gut besucht und hat Spaß gemacht, vor allem, wenn man einen lieben und befreundeten Registranten hat. Da macht es gleich doppelt Spaß. Es war meine Erstaufführung der Passacaglia c-Moll von Bach – ein Sonntagsspaziergang, aber wie! Dies ist das Werk, weshalb ich überhaupt Orgel angefangen habe zu spielen. Und heute! Ich habe es zum Schluss gespielt. Und: Am CD-Tisch frage ich wie immer: Was hat Ihnen am besten gefallen?  – Die Passacaglia!

Danke! Und danke für Gebete, die ich von nah und fern gespürt habe, um den Globus herum, der so klein geworden ist. Facebook ist doch super für so etwas. Für Gebet. Und das Besondere: Ich habe die Passacaglia in EINER Registrierung gespielt – das wollte ich ausprobieren. Und es kam gut an! Ich habe es in einer milden Registrierung gespielt, kein Plenum. Der Bass sollte dunkel und geheimnisvoll immer durchtragen. Und er tat es! Ich wollte nicht davon ablenken. Es soll in ein tröstendes, meditatives und aufwühlendes Stück sein, aber innen. Nicht außen. Auch Piece d’Orgue war sehr schön, bei diesem Werk kann ich mich immer entspannen, es ist einfach für einen selbst tröstend. So kann man nicht sagen, ich hätte zwei Plenumsstücke gespielt, da ich die Passacaglia eher ruhig und klagend gespielt habe.

Die Presse war auch da und hat schöne Fotos gemacht.

Danach waren wir essen mit dem Organisten, Registranten, Dichter, zwei Orgelbauern und mir. Es war sehr lustig. Man hat ja immer so seine Vorbehalte und Vorurteile und man kann nun gemeinsam darüber lachen. Zum Beispiel erzählte jemand, dass ein Orgelbauer einmal bei einer Generalüberholung überall die Lichter der Orgel brennen ließ, dann aber verschwand und in der Zeit zwei Klaviere stimmte. „So etwas ist doch nur windigen Künstlern zuzutrauen… oh, ich habe ja eine Künstlerin neben mir.“ 🙂 Ich hoffe, ich bin keine „windige“ Künstlerin.

Wie kann man Frauen und Männer am besten beschreiben? Die Leistungen von Männern, die von Männern immer wieder hochgelobt werden, sind wie die angeblich „größten Gebirge der Erde“. Aber das größte Gebirge der Erde ist ganz woanders aufzusuchen: Auf dem Boden des Ozeans, verborgen, 60.000 Kilometer lang, ein gewaltiger Gebirgszug, ragt vereinzelt als Inseln aus dem Ozean heraus. Das sind die Leistungen von Frauen: Vielfach größer, submarin. Die Leistungen von Frauen sind Aufwärtsblitze, Kraftbedarf der Atmosphäre, Weidefutter des Meeres. Und sie zeigen Gottes Gesicht: Der kreative, demütige Gott lässt auf dem Meeresboden, dorthin, wo kaum ein Menschenauge blickt, die erstaunlichsten und kreativsten Tiere leben. Kleine, verborgene Tiere in der „ewigen Nacht“, auch Carnivoren. Er kreiert Kunst ganz im Verborgenen, nicht, um anzugeben. Dieser Gott, dessen Energie in Blitzen und Sonnenoberfläche millionenfach größer ist als unsere Energieversuche.

Es ist nur sehr schade, dass Frauen nicht zusammenhalten. Selbst in der Tierwelt, beispielsweise bei Steppenzebras, wurde beobachtet, dass Stuten sich nicht umeinander kümmern, sondern nur um Hengst und Fohlen. Wir aber sind Menschen. Auch in der Tierwelt haben die Hengste eine engere Bindung zueinander, wie man auch bei Menschen sehen kann.

Wenn ich die vielen schrecklichen Nachrichten höre, was Männer in der Welt alles anrichten, morden, plündern, dann stelle ich mir vor, eine Welle zu sein: Diese durchwandern das Meer, nehmen das Wasser aber nicht mit.

Neue Noten im Shop unter „Noten“!

12. September 2020

Schlagwörter:

Kommentar verfassen

Edelsteine schaffen, Strahlen für die Ewigkeit. 

Liszts Ad nos wird sehr unterschiedlich interpretiert, je nachdem, ob das Werk als Orchesterwerk interpretiert wird (besonders in Bezug aus Manualwechsel, Registrierung und Artikulation) oder „nur“ als Orgelwerk, und je nachdem, nach welcher Ausgabe und Fassung gespielt wird (beispielsweise nach Straube, der originalen UE, der Fassung für zwei Klaviere oder der ungarischen Fassung). Und je nachdem, ob man die Ausführungen Liszts (der kein Organist war und der auch bei seinen Orchestrierungen Hilfe hatte) sehr wortwörtlich nimmt oder aber als Anleitung. Die 45 Minuten der Uraufführung in Merseburg, an deren Orgel ich ebenfalls spielte, lässt sich durch deren Ladegast-Orgel gut erklären.

Ich habe gelernt, dass eine Orgel auch abgenutzt oder überfordert sein kann und weint. Ich liebe den Übergang bei Ad nos zur Fuge. Es sind zwei schnelle, laute Seiten. Gern übe ich dies mehrmals hintereinander. Aber manche Orgeln machen das nicht mit, wenn sie schon länger nicht mehr gewartet und reguliert worden sind. Sie beginnen an unterschiedlichen Stellen zu heulen, mal im Schwellwerk, mal im Hauptwerk, mal in den Pedalkoppeln oder im Pedal. Es ist jedoch interessant, die Schwächen der Orgel zu erkennen und auch zu erkennen, was wo wie und warum heult. Ich bin dankbar, dass es so tolle Orgelbauer gibt, die sofort helfen. Durch solche Begebenheiten wächst mir eine Orgel noch mehr ans Herz. Wenn man sie auseinander baut und innen betrachtet, Lösungen findet, dann wird die Beziehung intensiver. Man muss nicht immer stark und perfekt sein. Auch eine Orgel muss das nicht sein. 

Es ist auch wichtig, sich nicht zu erschrecken und gut zu verdauen, dass es so unterschiedliche Sichtweisen über Orgeln und Orgeltechnik gibt. Die einen lehnen neobarocke Instrumente eher ab. Sie sind von Haus aus der Romantik, insbesondere der französischen Romantik verschrieben. Sie wollen Stufendynamik und mögen Terrassendynamik nicht, eigentlich generell keine barocken Klänge wie Krummhorn etc. und keine „alten“ Registrierungen.

Ich verstehe, dass man keinen „Mischmasch“ registrieren soll aus verschiedenen Epochen. Doch manchmal muss man kreativ sein. Und außerdem finde ich jede Orgel spannend, auch neobarocke. Davon gibt es tolle und weniger tolle natürlich. Die einen mögen bei Liszt keine Aliquoten, die anderen finden gerade diese toll. Die einen mögen es glitzernd, den nächsten kann es nicht baßlastig genug sein. Die einen mögen viele Zungen, die anderen sind verhalten. Die einen mögen Mixtur im Pedal, andere gar nicht. Was für den einen zu barock ist, ist für den anderen wieder modern.

Bei jeder neuen Sichtweise lerne ich dazu. Man hört ganz anders. Man hört mit seinem Körper. Dazu kommt der Nachhall unten im Raum. Manchmal könnte ich geradezu streiten mit andern, welche Idee und Registrierung besser sei. Was definitiv auch ganz anders ist zum Klavier abgesehen von den Tempi und dass Läufe sehr locker gespielt werden müssen: Repetitionen müssen ganz intensiv abgesetzt werden. Und lange Töne müssen mit dem Schweller lebendig gehalten oder abgekürzt werden. Ich bin sehr dankbar, wenn tolle Leute mir an den Orgeln direkt zeigen, welche Klänge wann wie gut sind. Jedes Mal ein Aha-Erlebnis. 

Wie hat es Bach nur geschafft, alles so fein säuberlich zu notieren? 

11. September 2020

Schlagwörter:

Kommentar verfassen

Wichtig ist nicht, wie teuer etwas ist, sondern was es einbringt.

Was man für die Kunst wirklich braucht sind Menschen, die an einen glauben. Es gibt für mich nichts Schöneres, als Menschen mit meiner Kunst tief im Herzen zu berühren. Die Ausstrahlung der Musik. Transformation. Es ist dennoch unheimlich, wirklich alles für die Kunst zu geben. Dazu muss man erst mal kennenlernen, was dieses „alles“ ist. Sich selbst überwinden, egal, ob man gewinnt oder verliert.

Ich bin begeistert von Loie Fuller, Wegbereiterin für modernen Tanz. Was für eine Frau! Ich liebe abstrakten Tanz. Ich liebe abstrakte Kunst. Und abstrakte Musik. Es gab damals schon tolle Frauen.

Es ist so schön, Zungen zu stimmen, es macht wirklich Spaß. Und hinterher ist der Klangunterschied wie Tag und Nacht. Es lohnt sich wirklich. Die Orgel ist wie neu geboren. Es macht Freude, an einer ganz frisch gestimmten Orgel zu spielen. Es geht natürlich viel schneller, wenn man einen Profi dabei hat; so wie heute; und es geht nur, wenn man zu zweit ist. Orgelbau Christian Hey ist spitze. Erst das Rückpositiv (Krummhorn, Vox Humana), cis-dis-f-g-a-h-cis (man beginnt mit der kleinen Oktave) und dann eine andere Zunge zurück; die große Oktave unten dann in Oktaven (also groß cis-klein cis bzw. cis null). Dann die Reihe c-d-e-fis-gis-ais-c. Dann die Trompete im HW, anschließend das Pedal: Posaune und Trompete; hierzu nimmt man hinzu die frisch gestimmte Trompete vom HW ans Pedal gekoppelt und den Subbaß als Windgeber. Erst Posaune 16 die Reihe hoch und Trompete 8 die Reihe runter, und umgekehrt. Im Pedal beginnt man direkt mit der großen Oktave. Zum Schluss das SW; Basson, Oboe und Clarion 4. Das SW ist zwar das oberste Manual, jedoch von den Pfeifen her unten; direkt vor mir. Wichtig ist hier, die Oktaven große Oktave-kleine Oktave zusammen zu stimmen. Der obere Diskant des Clarion sind jedoch labiale Pfeifen. Beim Stimmen die Zungenstimmeisen geschickt in der Hand zu halten, so dass alles fein, geschmeidig und schnell geht, ist eine Kunst für sich.

Man kann mit Stimmgerät stimmen oder zur Sicherheit damit überprüfen, oder/ und nach Gehör. Man kann das Stimmgerät ans Ohr halten, nachdem man es eingepegelt hat. Oder man geht rein nach Gehör, was Übung bedarf. Die exakte Mitte zu treffen, so dass der Ton perfekt steht. Dazu muss man die Pfeifenschwingung kennen(lernen). So dass der Ton nicht schwebt oder bricht. Wenn die Pfeife nicht wirklich reagiert, kann man sie abstauben mit dem Mund und einmal nach unten verstimmen und dann wieder hoch. Oder man nimmt sie raus und setzt das Messingblatt wieder gerade, schaut nach, ob der Keil richtig sitzt. Gegen den Stab klopft man leicht, aber bestimmt. Nach unten, wenn man höher will; nach oben, wenn man tiefer möchte.

Wenn man Labiale stimmen möchte, braucht man meist ein Stimmhorn, das sehr interessant aussieht. Mit diesen Stimmhörnern und Stimmglocken kann man kulpen. Hierüber schreibe ich das nächste Mal.

Wenn man einer Orgel anvertraut ist, muss man sich um sie kümmern wie um eine Blume.

10. September 2020

Schlagwörter:

Kommentar verfassen

Gehören Unternehmertum und Musik zusammen? Ja. 

Die selten gespielte, sog. komische Oper von Wagner Das Liebesverbot finde ich interessant, besonders, wenn Spanier deutsch singen. Insgesamt erinnert mich zwar Wagners Musik an „Schlagermusik“, Kunst-Schlagermusik, aber doch in vielem genauso plakativ. Im Cover dieser DVD wird seitenweise von Wagners Sexleben berichtet. Ist alles, was Männer tun, sexuell motiviert?

Jedenfalls begann Wagners Karriere holprig.

Wenn man eine Orgel betreut, erlebt man so einiges. Ein Subbass kann schnarren, weil Türscharniere gegen das Holz vibrieren. Ein Ton im Oberwerk  kann heulen, weil die Führungen einer Koppel SW/HW nicht richtig sitzen…

Im Oktober spiele ich an einem Tag morgens ein Orgelkonzert und abends einen Klavierabend. Freue mich. Ich mag die Kunst-Virtuosen-Fahrten.

Und meine neuen Kompositionen sind eingetroffen. 

Bedenklich finde ich die Opern-Aufführungen bei ArtHaus – sexistische Cover-Motive (meist halbnackte Frauen in seltsamen Posen), während ansonsten untendrunter vor allem Männernamen genannt sind (Dirigent, Stage Director, und zuerst die männlichen Sänger genannt). Und das soll Kunst sein? Auch die „Musikfilme“ wie Yesterday haben wie gewöhnlich die Story einer Frau, die einem Mann zur Karriere verhilft, um sich dann demütig und weinend zurückzuziehen. Auch der ansonsten gute Film „Die Tänzerin“ kann ich nicht empfehlen. Es ist eine Geschichte einer verletzten, schönen, genialen Frau, die in einer Männerwelt Karriere machen möchte – was sie dabei auf sich nimmt, ist beklagenswert und schlimm und zeigt mir, dass Frauen meinen, sich Männern unterwerfen zu müssen, um vorwärts zu kommen. Es scheint mir, das Frauen die meisten Feinde auf dieser Welt haben: Sie haben Frauen als Feinde, sie haben Männer als Feinde, und sie haben Dämonen als Feinde. Männer dagegen haben weder Männer noch Frauen als Feinde. Ob sie Dämonen als Feinde haben, weiß ich nicht. Das einzige, was auf diese am Ende wartet, auf die meisten dieser, ist die Hölle, aber das kümmert sie jetzt wenig.

9. September 2020

Schlagwörter:

Kommentar verfassen

Bebend die Länge
Im Ton 
Nicht laut wie die Welt 
Doch am Abend  
(AHS)
Wir haben den Tod weggemacht. Es soll ihn nicht mehr geben. Für viele gibt es ihn nicht mehr. Und doch haben sie gleichzeitig so viel Angst vor ihm täglich. Aber er ist ein Tabuthema. Der Tod gehört nicht mehr zur modernen heutigen Gesellschaft.
Jedoch zu Bachs Zeiten und in seiner Musik spielt der Tod eine große Rolle. Hier sehe ich den Schlüssel und das Geheimnis zur Tiefe, zur Warnung und zur Schönheit des Trostes in Bachs Musik. Es ist die Art, wie er den Tod und seine Konsequenzen in Musik ausdrückt. Mit allem Schmerz, mit Sehnsucht, Hoffnung und Trost. Diese Tiefe ist nicht möglich, wenn man den Tod ausblendet.
Bachs Musik arbeitet mit Beleuchtung, mit Licht und Dunkelheit. Wie Rembrandts Bilder, die oft dunkel sind und doch gleichzeitig in diesem Schattenspiel so viel Licht aufzeigen, so zeigt Bachs Musik das gleiche Schattenspiel, ausgeleuchtet und mit Hoffnung und Licht umgeben. Diese Tiefe vermisse ich in all der Musik nach ihm, die im Zeichen der Aufklärung geschah. Bach hatte Recht: Wer Gott ausblendet, blendet den Tod aus. Und damit all seine Konsequenzen. Die, die nicht an Gott glauben, glauben im Grunde auch nicht an den Tod. So real der Tod, so real Gott. Die beiden sind eng miteinander verbunden. Das Geheimnis des Todes soll zu Gott führen. Daher ist bei Bach auch im stärksten G-Dur eine Traurigkeit, ein Schmerz, der größtmögliche Switch in den Schatten und in die Dunkelheit, und umgekehrt. In seinem „Spiel“ mit Dur und Moll, Licht und Schatten. Ohne Tod in der Kunst ist sie oberflächlich, hohl, vorübergehend, Täuschung. Hat ihren Sinn verfehlt.

8. September 2020

Schlagwörter:

Kommentar verfassen

Ein Clavichord ist nicht leise. Die Welt ist laut (geworden). Wenn es abends dunkel und die Welt leise ist, dann ist das Clavichord sogar laut. (AHS)

Im Instrument möchte ich die Identität herausfinden: Umfang der Tasten, was für ein Stil es ist, wann gebaut, Merkmale, Besonderheiten, Farben. Und ich möchte die Identität des Werkes auf dem Instrument herausfinden: Umfang der Töne, Form, Struktur, Aufbau, Linien, Merkmale, Besonderheiten, Farben. Jedoch ist es nicht vor allem wichtig, meine Identität herauszufinden, die der Spielerin, meine Merkmale, Besonderheiten, Farben? Mein Temperament, Stil, Umfang, meine Linien, mein Aufbau? Oft kommt dies im Üben und in der musikalischen Entwicklung und Erziehung viel zu kurz. Jedoch ist dies das Entscheidenste: Wer man selbst ist. Die wahre Identität, nicht die gemachte. Die echte. Die gedachte. Die von Anfang an.

Bei einem Clavichord finde ich heraus, dass es z.B. den Umfang C-d‘ besitzt, vier oder fünf Oktaven hat, dass es 1910 oder 2010 oder 1810 gebaut ist, dass es Kopie von xy ist, ein Pedalinstrument oder nicht – aber zählt nicht viel mehr, wer ich bin, die daran spielt? Bei einem Werk finde ich heraus, bis zu welchem range es komponiert wurde, was seine Höhepunkte und Registrierungen sind, wie sein Ende ist  – aber ist nicht zuerst die Identität des Spielers zu klären, der die Registrierung umsetzt? Von was bin ich in eine Kopie? Oder bin ich nicht viel eher ein Original?

SOS: Maria Kolesnikova wurde entführt! Sie ist Musikerin und ein Vorbild für mich! Sie wurde von Männern entführt, die Frauen und Gerechtigkeit hassen. Bitte betet für sie, dass sie frei kommt.

Bebend die Länge 

im Ton 

Nicht laut wie die Welt 

Doch am Abend 

laut wie die Welt 

Doch am Abend 

Bebend die Länge

Im Ton 

Nicht

7. September 2020

Schlagwörter:

Kommentar verfassen

…wie eine stark geschlagene Saite noch lange Zeit forttönt…“ (J.K. Wezel, aus Gefahren der Empfindsamkeit, 1782)  

Vielleicht habe ich die Empfindsamkeit zu sehr verurteilt. Ich liebe sie doch. (Wenn sie nicht Bachs Musik in den Schatten versucht zu stellen, wogegen ich mich automatisch auflehne.) Aber die frühromantische Welt des C.P.E. Bach mit seinem empfindsamen Stil ist berührend auf einem Clavichord (wenn z.B. Dupouy spielt). (An einem Flügel würde es mir nicht gefallen.) Auch die Sinngedichte von Lessing betonen, wie neu die Empfindsamkeit damals war, also eine Revolution. Und so muss man die Musik von Bachs Söhnen betrachten. „Empfindsamkeit“ heute ist ja etwas ganz anderes. Die Empfindsamkeit von 1714 ist nicht mit den Pop-Songs zu vergleichen, denn damals war das bewusst Empfindsame eine Revolution: Experimente mit Klängen, mit Instrumenten. Heute ist das „Empfindsame“ meist nur Musik-Business und Gewohnheit.

Empfindsamkeit gab es ja immer schon. Man hat es nur ab 1714 so genannt. Auch Johann Sebastian Bachs Musik ist hochemotionale, empfindsame Musik.

Mein neues Gedicht zum Clavichord:

Clavichord 

Klingend die Länge

Im Knoten 

Nicht schlagend gegen die Welle 

Doch frei auf eigene Weise

Sanft der Stegdruck 

Im Boden 

Nicht starr wie Köpfe 

Doch gebogen

Bebend die Länge

Im Ton 

Nicht laut wie die Welt 

Doch am Abend 

Mit stillem Kummer in der Brust, schlich ich mich hin zu dir, bring Harmonie in mich und Lust, du liebliches Clavier. (Philippine Gatterer, 1756-1831)

Ich liebe das Clavichord!

Ein Clavichord ist ein Saiteninstrument mit Tasten. Die Tangenten (beim Cembalo heißen diese Springer, aus Holz), also Stäbchen aus Messing am Ende der Tasten, schlagen gegen die Saiten und bestimmen die klingende Länge.

Deshalb ist es recht leise, aber auch direkt beeinflussbar mit dem Finger (Lautstärke, Stimmung und Gefühl). Das bedeutet, dass sowohl im Anschlag, während des Anschlags und beim Ende und Abnehmen des Anschlags der Klang des Tones musikalisch beeinflusst wird. Der Flügel dagegen hat Hämmerchen.

Das Clavichord nicht. Das Cembalo wird gezupft. Dieses Zupfen ist kaum musikalisch beeinflussbar. Jedoch beim Clavichord ist durch den Anschlag  die direkte Verbindung vom Finger zur Saite gegeben. Ein Flügel schlägt gegen die Welle der schwingenden Saite und ist daher im Klang viel lauter.

Jedoch das Clavichord schlägt am Ende der Saite, also im Knoten, dort, wo die Wellen zusammenkommen, bzw. dort, wo die Welle anfängt. Daher ist das Clavichord leiser, da durch Tangenten nur niedrige Wellen entstehen, also nur der Knoten angerührt wird. Ein Clavichord hat keine freie Saite.

Ein Flügel besitzt freie Saiten, und der Hammer schlägt an einen Punkt auf der Saite, wo eine Welle entsteht. Beim Clavichord dagegen wird die Länge begrenzt und bestimmt von der Tangente. Dadurch ist die Welle ganz niedrig. Für die, die immer so großspurig nur Lautstärke wollen (was bei den meisten Organisten und Pianisten leider der Fall ist), ist ein Clavichord also uninteressant.

Aber interessant an einem Clavichord ist: Es ist das einzige Instrument, bei dem man mit dem Anschlag, während und danach noch sogar den Ton beeinflussen kann, die Bebung und das Tragen des Tones.

Das Clavichord ist sehr einzigartig, keineswegs altmodisch, sondern sehr intensiv, sensibel und musikalisch, und vor allem ist es ein sehr gutes Werkzeug zum Üben, sowohl für die Orgel als auch für das Klavier als auch für das Cembalo – kurzum, für alle andern Tasteninstrumente ist das Clavichord ein perfektes Übewerkzeug.

Und mehr als das, es ist ja ein eigenständiges Instrument. Es ist ein Fundament aller clavierten Instrumente. Bis heute! Für immer. Es wird kein Ersatz dafür geben können. Ein Keyboard dagegen macht den Anschlag kaputt.

Ein Clavichord ist nicht wirklich leise. Die Welt ist einfach laut (geworden). Wenn es abends dunkel ist und die Welt ist leise, dann ist das Clavichord sogar laut. Manche Clavichorde sind vom Modell her lauter als andere. Sie sind unterschiedlich laut.

Je weniger Stegdruck (dieser immer gebogen bei allen Tasteninstrumenten, die Brücke zwischen Saiten und Resonanzboden), desto lauter. Sowohl Carl Philipp Emanuel Bach und auch J.S. Bach liebten das Clavichord.

Ab dem Zeitpunkt (Anfang des 19. Jahrhunderten), wo die Menschen Lautstärke mochten und große Säle, wurde das Clavichord uninteressant. Auch die Klaviere wurden immer lauter. Heute ist es durch den Strom noch schlimmer.

Der zarte, berührende, beruhigende und intensive Klang eines Clavichords ist gesund für die Seele und für die Ohren. Besonders in unserer heutigen Welt.

Gerade weil es leise ist, liebe ich das Clavichord.

Ich habe heute ein Clavichord in Auftrag gegeben für mich und bin sehr froh und glücklich. Es wird bis Oktober 2021 fertig gebaut sein.

Ein zweimanualiges Clavichord mit eigenem, selbständigem Pedal, ungebunden, also bundfrei. Ein Pedalinstrument. Ich halte euch auf dem Laufenden. Ich möchte CDs auf Clavichord aufnehmen und Stücke für Clavichord schreiben. Es gibt auch hier kaum Frauen, die das tun. Dabei ist es so wunderbar geeignet.

Sehr empfehlen kann ich den Franzosen Mathieu Dupouy – er hat mit seiner CD Nächtliche Gedanken (Pensees nocturnes) dazu beigetragen, dass ich das Clavichord und sogar Carl Philipp Emanuel Bach sehr mag, den ich früher für etwas oberflächlich hielt im Vergleich zu seinem Vater.

Aber er ist einfach anders, er experimentiert mit dem Clavichord, ist also ein „verrücktes Huhn“ wie ich (wie mir jemand heute sagte) – oder besser, ein verrückter Hahn, und einfach anders als J.S. Dupouy spielt wundervoll. Und virtuos.