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Ann-Helena Schlüter

24. August 2020

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Fernsehen durch die Geschlechterbrille betrachtet, ist komisch. (Wencke Mühleisen)

Gut, dass ich bewusst schon lange keinen Fernseher habe.

Ich habe mal getestet, welche der momentanen Werke meines Repertoires bei Laien besonders gut ankommen: Sieger: Mozart Andante KV 594 und Liszt Ad nos, gefolgt von Reincken und Bach. Verlierer: Messiaen. Kommentare zu Messiaen: „Das tut in den Ohren weh“ und „Das klingt so bedrückend“ (Himmelfahrt!!) und „Das klang ganz übel.“ Das war das vierte von Messiaens Himmelfahrt.

Die meisten Menschen mögen glückliche, leichte Stücke.

Manchmal übe ich an Orgeln, bei denen der Schweller wie eine alte, rostige Gartenlaube klingt oder wie ein herausgezogener Backenzahn. Ich ertappe mich dabei, dass ich mich immer noch wundere, dass ein Ton an der Orgel unendlich hält- selbst die hässlichen.

23. August 2020

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Die Leute bezeichnen mich jedes Mal als „Feministin“, wenn ich Ansichten vertrete, die mich von einem Fußabtreter unterscheiden. (Rebecca West, 1913)

Die spannende Frage ist nicht, warum eine Frau „Feministin“ ist (das Leben macht einen dazu), sondern eher, warum so viele Frauen es nicht sind. (Grethe Nestor) Ich weiß, warum: Frauen müssten dann ihr Leben ändern.

Dass Frauen oft die größten Feinde von Frauen sind, so schreiben auch Liza Marklund und Simone de Beauvoir.

22. August 2020

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Die Sonne, ein Gestirn, eine Diva, gebündelte Energie und brennende Quelle. Und wir leben in ihrem Lebenswinkel. Ich liebe sie. (AHS)

400 Quadrillionen Watt, unvorstellbar: Energieproduzentin. Lebenslicht, umfließend, Sonnengeflecht. Nicht ausbrennend bis zur Ewigkeit. Gott treibt sie an. Und unsere kleine Erde liegt im perfektesten Winkel der Sonne, im perfekten „Windschatten“ des Lichtes, genau ausgerechnet:

Deswegen gibt es bei uns Leben und nirgends anders, denn kein Planet wird je diesen Lebenswinkel haben. Für mich ist die Sonne weiblich, ein weiblicher Himmelskörper, ein Feuerwerk. Die Sonne gebiert und ist Leben, wie die Frau. Und ich liebe ihr Feuer, ihre Kraft und ihr Geheimnis. Extrem, impulsiv, lodernd. Sonnenwinde, Sonnenflecken. Sie ist Saat und Dichte, ein zündender Stern. Mit unsichtbarem, ultraviolettem Licht. Sie ist mein Vorbild. Sie ist und formt ein Sonnensystem. Sie ist so schnell. Sie ist zart. Sie ist so anders als das kalte, kontrollierte System der Männer dieser Erde. Übrigens haben die Wiener Philharmoniker mit ihren 5 Prozent (!) Frauen eine Kleiderregel: Die Frauen müssen eine Hose tragen. Dass sie keine Krawatte tragen müssen, ist erstaunlich. Dabei reflektiert der Mond nur die Sonne. Der Mond ist trostlos, kalt und unfruchtbar. Die Oberfläche des Monds ist graues Gestein. Die Oberfläche der Sonne pure Energie. Nun, ich liebe Sonne und Mond. Vollmond spüre ich immer. Ich glaube, zwischen Frau und Mann herrscht oft Kalter Krieg – wie zwischen USA und Russland. Das Patriarchat ist einfach, grau und langweilig. Vielleicht müssen sich seine Prügelknaben deswegen immer über Leistung definieren. Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.

Auch das Orgelspiel soll für mich wie Sonne sein. Strahlend. Das erinnert mich an meinen Taufspruch. Dazu darf man nicht „registriergläubig“ sein – denn jede Orgel ist anders.

21. August 2020

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Alles wankt, wo der Glaube fehlt. (Schiller)

Heute ist Lili Boulangers Geburtstag! Sie ist eine geniale Komponistin und ein Vorbild für mich. Das erste Mal habe ich ihre Musik in Karlsruhe gehört. Dann habe ich mir ein wenig in ihr Leben eingelesen. Ihre Psalmen sind viel ergreifender als Mahlers Musik. Man kann ihre Musik gar nicht in Worte fassen. Es ist sehr geheimnisvolle, tiefe, prophetische Musik. Es ist für mich immer noch erstaunlich, dass ihre Werke nicht auf allen Festivals andauernd gespielt werden so wie Beethoven und Mahler und Schönberg. Warum ihr Leben so kurz und tragisch war. Warum Menschen immer noch erstaunt sind, dass es geniale Frauen gibt. Als würde dies die Ordnung der Welt stören und in Frage stellen.

Ich glaube, männliche „Emotion“ ist besser ertragbar als weibliche Emotion, weiblicher Schmerz und Genialität. Denn dieses sprudelt aus der Tiefe, beinahe erschreckend. Aus den tiefsten Tiefen. Ich liebe die Kombination Chor und Orchester, wie im 130. Psalm von Lili. Wann werde ich meine Symphonien schreiben?

Nach Bachs Passacaglia, dem symphonischen Schreittanz, höre ich Lili.

Die Orgel ist schon ein „verrücktes“ Instrument.

Heute kam mein Vertrag vom Furore-Verlag Kassel (Merseburger/Pan) an, für fünfzehn Werke, freue mich und bin gespannt.

Freue mich auch auf die Konzerte in Bremerhaven, Kolbermoor, im Spessart Marktheidenfeld, Würzburg und Dresden.

Ich mag sehr gern Kleider an der Orgel tragen, warum immer lange Hosen und Lackschuhe? Ich hoffe, dass ich dazu beitragen kann, dass die Orgel keine Männerdomäne mehr bleibt. Ich sehne mich nach einem deutlichen und bleibenden Umbruch. Ich finde, man hat es als deutsche Konzertorganistin in Deutschland nicht leicht. Da ist es leichter als Organistin aus dem Ausland. Dabei gibt es doch noch so wenige deutsche Konzertorganistinnen. Auf hundert Männer eine Frau. Aber ich merke immer deutlicher, dass die Frauen es einen nicht leichter machen als die Männer. Manche Frauen sind frauenfeindlicher als Männer. Das ist für mich ein Schock. Ich werde von manchen Männern vor Frauen verteidigt. Mein Herz schlägt dennoch für Frauen (denn Männer haben genug Lobby). Wie Moses Herz für das widerspenstige Volk.

20. August 2020

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Selbstvertrauen ist Vertrauen auf Gott. Er wird mich schon nicht stecken lassen. (Bettina v Arnim)

Mir fällt auf, dass Frauen so eine andere Sprache sprechen als Männer, dass diese oft leicht von Frauen irritiert sind. Daher arbeiten sie lieber mit Männern? Oder weil die Ehefrauen nicht wollen, dass Männer mit Frauen arbeiten? Jemand sagte mir, „eine berufliche Beziehung zwischen Mann und Frau sei intensiver als eine sexuelle.“ Ich verstehe nicht, was das soll. Durch solche Aussagen werden Frauen oft von Männern und von Frauen angegriffen und behindert. An wen soll man sich als Frau dann noch wenden? Es gibt kein drittes Geschlecht. Aber es gibt Gott. Denn wenn dies tatsächlich gedacht wird, dass Frauen nicht intensiv mit Männern zusammenarbeiten dürften, dann sind auch Frauen daran beteiligt, andere Frauen beruflich nicht vorwärts zu bringen, weil sie „Angst um ihre Männer haben“. Zudem fiel mir folgendes auf: Frauen werden seit Jahrhunderten, in Filmen, von der Mutter, in Büchern etc. bis heute dazu erzogen, anderen Frauen zu misstrauen, sie nicht zu mögen und nur für Männer  da zu sein – für „den einen“ – und der soll andere nicht anschauen, „denn die anderen Frauen sind dann schuld, wenn etwas ist“ – etc. Dieses Denken kommt sicher von Männern und wurde den Frauen eingetrichtert, damit Frauen keine Freundschaft untereinander pflegen, nicht zusammen halten, sich gegenseitig misstrauen und damit dem autoritären Männer-Hype Auftrieb geben. Frauen müssten aufgeklärt werden, wie das wirklich läuft. Es ist für manche Männer sogar unheimlich, wenn Frauen lächeln. 

Gelesen habe ich zur Entspannung den Thriller Ein gutes Mädchen – allerdings kam mir die Geschichte halb geklaut  vor von einem Film, den ich im Flugzeug gesehen habe – eine schreckliche Geschichte. Empfehlen kann ich den Film 10 Days in A Madhouse – ich wünschte mir, ich wäre so mutig wie sie. 

19. August 2020

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Ich fürchte mich zu kennen und kann mich doch nicht ignorieren. (Voltaire)

Beim Registrieren werde ich immer perfektionistischer. Ich bin fast nie ganz zufrieden. Am nächsten Tag ändere ich einiges wieder um. An einem Tag ist mir vieles zu laut, am anderen zu leise. Aber es macht Spaß. Sehr gut schmeckt beim Üben Nachtisch-Tee von Tee-Fee. Sehr gefällt mir der Film Fräulein Smillas Gefühl für Schnee. Sie erinnert mich an mich. 

Es hat mir gefallen, wie Riccardo Muti, Joana Mallwitz, Gianluca Capuano und Kent dirigiert haben. Dagegen Barenboim hat mir nicht sehr gefallen, auch nicht sein Sohn, den er als Konzertmeister pusht, denn er wirkte genauso gelangweilt wie sein Vater. In Barenboims langer Vita und auch in der Vita seines homosexuellen Solisten waren nur Männer erwähnt. Auch das hat mich nachdenklich gemacht. 

Männer scheinen eine Dauereinrichtung in Festivals zu sein. Sie haben die Festivals gegründet. Aber sie haben auch Autos, Strassen, Asphalt und Hochhäuser gegründet. Es gibt nur diese eine Welt, keine zweite. Wenn Männer sich so weit ausbreiten und alles unter den Nagel reißen, wo sollen sich Frauen ausbreiten, wo Frauen etwas gründen? Und wie kaputt ist unsere Welt durch das viele „Gründen“ der Männer? Gibt dieses massive Ausbreiten das Recht, Frauen zu unterdrücken? Das, was sie Frauen eintrichtern ist, dass sie folgsam und brav sein sollen. Das nennen sie „Respekt“ ihnen gegenüber. Doch dieser „Respekt“ wird Frauen in der Männerwelt zum Verhängnis.

Darin, Frauen ihren rechtmäßigen Platz (zurück) zu erobern, kann eine Frau leider nicht damit rechnen, von anderen Frauen Unterstützung zu bekommen. Die Abhängigkeit, die Angst, die Tradition der Rollenverteilung und die Sehnsucht nach Männern ist für die meisten Frauen Grund genug, nicht zu helfen, dass alle Frauen gleichberechtigt behandelt werden. Ich weiß, dass es früher sehr viel schlimmer gewesen sein muss. Doch das ist für mich kein Trost, im Gegenteil. Noch 1887 wurden Mädchen in Anstalten misshandelt und ermordet, wie in Blackwell’s Island, NY. Leider geschah dies mit Hilfe von Frauen, die wiederum meinten, durch das Zusammenhalten mit Männern das Wohlgefallen dieser und durch Strenge gegenüber Frauen sich selbst ein besseres Leben und Vorteile zu verschaffen. 

Ich sehe an weiblichen Vorbildern, dass man als Frau wohl einen extremen Weg gehen muss, um auf diese Missstände hinzuweisen und die Wahrheit ans Licht zu bringen. Es ist schwer, mutige Frauen zu finden. Doch ich liebe es, wenn Frauen zusammenhalten. 

Ich hoffe, ich erlebe diesen Sommer keinen weiteren Machismo-Schock. 

18. August 2020

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Die Großen hören auf zu herrschen, wenn die Kleinen aufhören zu kriechen. (Schiller)

Schöne Fiakerfahrt in Salzburg in der Sonne – nun, unser wettergegerbter Kutscher, der „schon mal Lang Lang fahren durfte“, konnte leider wenig zur Stadt sagen, obwohl er seit Jahrzehnten hier fährt (als ich ihn fragte, wer der Name auf einem Schild sei, antwortete er, das wisse er nicht, das Schild sei ihm noch nie aufgefallen). Die beiden Haflingerstuten trabten lieb an der Salzach entlang und dann immer rund um den großen Dom. Es ist wirklich ein Wunder, dass diese hübsche Stadt, etwas größer als Würzburg, nicht stark getroffen wurde im Krieg.

Abends war dann wieder Konzert im Festspielhaus. Wenn es dort jedesmal heißt, man würde empfehlen, „die Maske“ auch im Konzert zu tragen und dann dennoch 80 Prozent „die Maske“ abnehmen, dann muss das doch peinlich für die Veranstalter sein. Es haben hauptsächlich wenn, Frauen die Maske weiter getragen, gehorsam wie sie sind, während die vielen alten Männer (die Risikogruppe) keine Maske trugen.

Auf allen sieben Konzerten fiel mir auf, da ich ja auch weit vorn saß, dass der „harte Kern“aller Orchester samt fast aller Außensitzen von Männern dominiert waren. Dort in diesem inneren harten Kern schlagen sich die Männer grinsend auf die Schulter, tuscheln und planen miteinander, schauen sich auch beim Spiel verschwörerisch an und bedanken sich hinterher beieinander. Die Frauen lächeln am Rande schweigend dazu. Sie sind im Grunde außen vor. Das alles hat mich sehr nachdenklich gemacht. Die beste Aufführung war mit Abstand Cosi fan tutte – von Frauen geleitet. Warum haben Männer so Angst vor dem Können von Frauen?

Viele Organisten spielen vielleicht richtig artikuliert, aber ohne Seele, ihre Töne singen nicht, es klingt sehr spitz, herzlos, nicht süffig, ohne Rundungen, alles Knochen, lieblos. Man merkt, dass sie die Musik an sich nicht gelernt haben.

17. August 2020

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Zu glauben, dass Gott nicht existiert, ist ein Fehler, den nicht mal der Teufel begangen hat. (Steve Zschunke)

Das Diwan-Orchester mit Barenboim (der eher apathisch dirigierte) konnte ich von der Mitte erster Reihe aus gut sehen. Ich saß direkt vor ihm.

Die ständigen Umbauten von Maskenmännern zwischen den Werken zerstörte die Atmosphäre.

In der Mozartmatinee am Morgen im Haus Mozart Felsenreitschule saß ich wieder in der ersten Reihe. Die Sopranistin Julia Lezhneva hat mich zu Tränen bewegt. Leider saß neben mir jemand, der während der Konzertes Dirigier-Sportübungen machte. Ich versuchte, mir seinen Anblick durch meine Haare und durch das vorgehaltene Programm zu ersparen.

Hier in Österreich heißt die Apfelsaftschorle Apfel gespritzt, oder man wird gefragt: „Mit Soda oder Leitung“? Das heißt, nicht mit Mineralwasser, sondern mit gezuckertem Wasser oder mit Leitungswasser, gar nicht mit Mineralwasser. Das Leitungswasser kostet hier übrigens 1,20. 🙂 Man bekommt sogar Orangensaft gespritzt. In eine Karaffe mit Strohhalm. Ich mag am liebsten Marille gespritzt. Und ich mag die Mozartkugeln, die hier echt handgemacht sind, am liebsten die von Holzermayr, mit viel Marzipan. Nicht die aus dem Handel. Marzipan wird ja in Deutschland geradezu ausgerottet. Kein Bäcker hat etwas mit Marzipan. Hier in Salzburg gibt es keinen Bäcker ohne. So soll es sein. Dann gibt es hier Spinatknödel mit Parmesan. Sehr lecker.

Dass die Salzburger Festspiele möglich sind, liegt natürlich daran, dass sie in Österreich stattfinden. In Deutschland hätte die Presse so Druck gemacht, dass sie nicht möglich gewesen wären. Seit hundert Jahren laufen die Festspiele, sogar 1944 hatten sie die Spiele geplant, doch aufgrund der Attentats wurden alle Häuser geschlossen. Damals soll Strauss gesagt haben, nach seiner öffentlichen Generalprobe am 16.8.44, als er all die geschlossenen oder zerbombten Opernhäuser und Konzertsäle sah: „Das ist das Ende der Opernwelt“. Doch schon 1945 gingen die Spiele weiter! Jetzt hat der Zustand auch etwas Kriegsähnliches. Manche betonen jeden Tag, „es würde nie wieder so werden wie früher.“ Erinnert mich an Strauß. Leider sind die Festspiele noch immer sexistisch. Ich weiß nicht, wann dies jemals anders wird. Ich komme mir vor, als würde ich gegen einen dicken Vorhang ankämpfen, in dem es schrecklich mieft.

Üben tue ich täglich auf einer Haydn-Orgel im Stadtteil Salzburg-Herrnau. Die Kirche hat eines der größten Altarbilder der Welt. Dann bald ab nach Hause.

16. August 2020

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Dort, wo die Gefahr am größten ist, wächst auch das Rettende. (Anonym)

Dies habe ich heute auf einer Litfaßsäule in Salzburg gesehen, es hat mir sehr gefallen.

Ich war heute in Mozarts Cosi fan tutte im großen Saal des Salzburger Festspielhauses – es war die bestgesungenste Oper, die ich je gehört habe! Und ich habe schon viele gehört, auch Cosi fan tutte zweimal. Auch Bayreuth war nicht besser. Heute war die vorletzte Aufführung dieser Oper. Die Sängerinnen waren gleichzeitig phantastische Schauspielerinnen, ich habe noch nie so viel gelacht in einer Oper. Besonders diese Despina – die Zofe – einfach köstlich. Ich habe mich ausgeschüttet vor Lachen. Und die beiden Mädchen, Dorabella und Fiordiligi, haben wunderschön gesungen, hell, rein, ohne dieses übertriebene Opern-Vibrato, dazu sehr emotional und spannend. Es war nicht einfach nur steif und perfekt, wie sie oft ist, die militärische Klassik. Es war endlich etwas, was ans Herz ging.

Das Beste aber war Joana Mallwitz, endlich eine Dirigentin! Und was für eine. Sehr gut. Sie dirigiert nun meine Schwester in Nürnberg. Ich habe so viel „Bravo“ gerufen, dass ich ganz heiser bin. Ich hatte einen sehr guten Platz vorne, ich konnte ihre eleganten Bewegungen sehr gut sehen, konnte das ganze Orchester im Graben beobachten, jeden. Diese junge Frau hat sich, um ins Männersystem zu passen, die Haare ganz kurz geschnitten und nach hinten mit Gel gestrichen! Damit sie ja wie ein Mann aussieht oder nahe herankommt. Traurig, was Frauen auf sich nehmen müssen. Dabei ist sie sehr weiblich.

Dennoch hatte sie es mit den Wienern nicht leicht. Dieses Wiener Orchester hat lange keine Frauen im Orchester zugelassen, sie hatten auch heute nur ein einzige Frau im Graben! – und werden nun gar von einer jungen Frau dirigiert! Man kann sich vorstellen, wie schwer sie es gehabt haben muss. Ich habe diese Männer genau beobachtet, zwei Stunden lang. Einer kam zu spät – bei den Salzburger Festspielen! – , und viele haben getuschelt und gegrinst. Bei Ricardo Muti heute morgen (Beethovens Neunte) waren sie alle wie eine Eins. Was für eine Truppe! Angeschaut hat sie nur der Pianist am Hammerklavier, dieser war sehr gut.

Dennoch hat sie alle Einsätze perfekt dirigiert. Und was schreibt das Programmheft? „Sie ist die erste Frau in der Geschichte der Festspiele, der eine ganze Aufführungsserie anvertraut wird.“ Anvertraut. Was für ein Armutszeugnis für die Salzburger Festspiele, die seit 1945 hundert Jahre gebraucht haben, eine Frau eine ganze Serie dirigieren zu lassen.

Dabei gibt es so viele hochbegabte Frauen. Die Salzburger Festspiele sind leider noch immer sehr männerlastig, noch immer ein sexistisches Festival mit vielen alten Männern – dadurch wirkt alles so grau, steif und militärisch. Alle Komponisten: Männer. Fast alle Solisten: Männer. Fast alle Dirigenten: Männer. Fast alle Instrumentalisten: Männer. Fast alle Texte in den Programmheften: von Männern. Die einzigen, die promotet werden, sind Sängerinnen, weil Männer nicht wie Frauen singen können. Könnten sie es, hätten sie diese Partien auch übernommen.

15. August 2020

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Wo der Wille nur erwacht, dort ist schon fast etwas erreicht. (Hofmannthal)

Ich freue mich auf die Presse von Erlangen. Die schöne Walcker-Jann-Orgel ist erneut eine „Universalorgel“ im besten Sinne.

Bin nun in Salzburg gelandet. Salzburger Festspiele.

Salzburger Festspiele

Kent Nagano heute in der Felsenreithalle mit Mahlers Lied von der Erde war sehr interessant, ich habe seine Bewegungen genau verfolgt.

Das Stück Jedermann von Hofmannsthal im Festspielhaus gestern Abend war spannend. Es wird wohl seit hundert Jahren jedes Jahr gespielt. Es wirft natürlich den Mann an sich in ein schlechtes Licht. Schön ist, dass es ein christliches, weises Stück ist. Jedoch wird dies wohl meist verkannt, diesen wahren Aspekt. Da sitzen nämlich die reichen Jedermänner im Publikum mit ihren teuren Karten und verstehen nicht, dass sie selbst gemeint sind, dass sie selbst umkehren müssen. Der Mittler, der mitgeht, ist Jesus, keine Menschen, keine Werke, auch nicht der eigene Glaube. Denn der kann gar nicht existieren ohne Jesus. Man muss wissen, an wen man glaubt und warum. Dies wurde nicht genug herausgebracht. Das Evangelium blieb dadurch an entscheidender Stelle im Stück auf der Strecke, wahrscheinlich durch die Inszenierung. Daher bekam der schwule Teufel am Schluss den meisten Applaus. Ich war berührt, dass am Ende, als wir das Haus verließen, Christen Zettel verteilten, auf denen das Evangelium stand. Passend zum Stück.

In Salzburg gibt es an sich keine Maskenpflicht, was einen ja schon mal aufatmen lässt. Frische Luft zu atmen ist Luxus geworden. Überall höre ich Französisch, Italienisch und Bayerisch. An sich sprechen die Österreicher auch bayerisch.

Das neue Museum für moderne Kunst (Museum der Moderne) auf dem Mönchsberg ist sehr schön; moderne Kunst war es natürlich nicht. Daher passt der Titel des Hauses nicht ganz. Aber es wurden viele Frauen ausgestellt, endlich. Wunderbare jüdische Künstlerinnen, deren Werke mir sehr gut gefielen: Lotte Laserstein, Else Lasker-Schülers Zeichnungen und Louise Kolm-Fleck. Wobei der Mann, ein Thöny, die größte Fläche bekommen hat. Seine Bilder gefielen mir nicht. Zudem kam es mir suspekt vor, dass von ihm berichtet wurde, er hätte „ganz nach seiner Gewohnheit im Exil New York jahrelang im Hotel gewohnt, so wie in Graz.“ Wie konnte er sich das leisten? Wurde nicht erwähnt. Es wurde im Grunde die gesamte Realität weggelassen. Die Lebensrealität. „Sein Problem war, wie er die Lichter der Stadt malen sollte.“ Aha. Dieses Problem hätten andere Juden, die sich eine Überfahrt nach New York nicht leisten konnten, sicher auch gern gehabt.

Endlich hat Salzburgs Stolpersteine auch den jüdischen Künstlerinnen Patz gemacht, wie Alma Rose. Da Frauen nicht so aggressiv wie Männer auf Erinnerung von sich selbst pochen, werden sie oft vergessen, wird erschreckend lang über sie geschwiegen. Aber nun ist Salzburg aufgewacht. Ich hoffe nur, dass die Bewegung, Frauen ihren rechtmäßigen Platz zu geben, nicht zerstört wird. Es gibt ja nun genügend Männer, deren Kultur es nicht ist, Frauen zu ehren. Und Frauen sind oft zu leise darin, andere Frauen zu ehren.

Heute freue ich mich dennoch auf Barenboim abends und Mozart frühs.

Schön war es, im Cafe Tomaselli „Mozarts Mandelmilch“ zu trinken, „die er immer trank, im Kirschenzimmer, wenn er Noten schrieb“. Okay, klar. Schön war es trotzdem, vor allem, die Fiaker zu sehen, die mit ihren lieben Pferden vorbeitraben. Heute Abend gibt es Mahler. Die facebook-Gruppe Pinnwand Kirchenmusik schaltet Beiträge von Organistinnen kaum frei, so dass die Gruppe zu 90 Prozent aus männlichen Beiträgen besteht.