Es kommt mir vor, als wäre Bachs unschuldige Musik, vor allem seine Kantaten, die mich so rühren, in seinem Reichtum und in der perfekten Mischung von Farben und Instrumenten und Intervallen, von Dur und Moll zur genau richtigen Zeit eine Widerspiegelung Gottes in Farben und Formen: wie sich die Wolken und die Sonne im Meer spiegeln, das Spiel von Schatten und Licht, wie das Meer unterschiedliche Blautöne zeigt und es nie langweilt, diese anzusehen, stundenlang auf das Meer zu sehen – Bach gibt Licht und Schatten wider, den Mond, wie er beim Schwimmen fast ganz verdeckt auf mich niederzieht, die Berge hinter dem Meer – diese Demut Bachs, so wie sich der Mond in seiner Schönheit verbirgt, versteckt, nur grau und klein ist, während Wolken und Sonne ziehen –
Das Konzert in Curinga war sehr schön. Eine sehr spannende Tamburelli-Orgel von ca. 1845, Rotelli-Orgel in der Terme Romane Curinga (Römische Bäder von Curinga). Die italienischen Prinzipale (vor allem kombiniert mit Flöte) sind sehr weich und warm. Die Pronesti-Orgeln (Betonung auf dem i) von Salvatore Pronesti gefallen mir sehr, auch die historischen Orgeln von Rotelli, alle italienischen Napoli-Orgeln.
Zum ersten Mal spielte auf dieser italienischen historischen Orgel jemand Bach Goldberg-Variationen. Natürlich spielen die Italiener Bach anders, romantischer. Dennoch war alles sehr schön. Ich spielte zudem Muffat, Pachelbel, Frescobaldi, eigene Kompositionen, Sweelinck. Ich, meinen geliebten Steinway zuhause, spürte die Knie hart an dieser alten grünen Orgel, fiel fast rückwärts in die Tiefe, da die schwere Bank am Abgrund stand, welche Prinzipale und Lebensgefahr.
Bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen wurde mein Rucksack aufgrund meiner Stimmgabel durchsucht. Ich wurde gefragt, was denn die Stimmgabel sei. 🙂
Ich erinnere mich gern an das Meer, an den Pool, an die Mücken sogar, an die unglaublichen Bäume mit ihren riesigen Wurzeln. An die wunderschönen Spinetts, Cembalos, Orgeln. Ich liebe alle Tasteninstrumente. Aufgrund der Hitze habe ich meist barfuß gespielt.
Ich liebe es, dass der Mensch auf Vollkommenheit angelegt ist, Proportionen, Verhältnisse, das universale System. Es war sehr schön, italienische Orgelbauwerkstätten kennenzulernen.
Mir gefallen die Filme Yaya con Dios und Was auch geschehen mag und Das Leben ist schön.
In Italien war ich nun schon so ziemlich überall (genau wie in den USA und Europa, besonders Schweiz, Österreich, Skandinavien, Deutschland, Osteuropa): In der Mitte (Toskana, Rom, Neapel in Kampanien, Cesenatico, mein Kindheitsurlaubsort, weiter runter nach Venedig und Venetien, auf der Insel Sardinien bei Korsika) und im Norden, Milano, Florenz, Bozen… Natürlich war ich auch schon in Südtirol, am Gardasee, an der Adria. Nun auch in Kalabrien, Sizilien (nur die Meerenge nach Messina, der schmutzigen Großstadt) im Süden, fast bei Afrika, “an der Spitze des Schuhs” :). Süditalien liebe ich sehr: Berge, Meer, Serpentinen, Farben, der chaotische, wilde Verkehr.
Gern möchte ich noch die Gegenden Molise, Latium, Umbrien und Abruzzen mehr kennenlernen. Und im Vatikan war ich auch noch nie. Hier habe ich aber viel Schlimmes gehört: Frauenfeindlichkeit, homosexuelle “Elite”, Parties mit “Boys” etc. Was sagt nur der Papst dazu? Es geht wohl viel um Macht und Geld. Beispielsweise kann man dort für 15.000 € eine Ehe annullieren lassen, wie mir jemand aus eigener Erfahrung berichtete. Unfassbar. In Italien gibt es wohl auch in der Orgelwelt eine starke frauenfeindliche, homosexuelle “Orgel-Elite”.
Mir hat in Pizzo in Calabria die Piedigrotta besonders gut gefallen mit ihren Steinfiguren und sanften, lokalen und geheimen Buchten mit klarem Wasser. Auch dass in den Gärten in Öfen und Grills, die wie kleine Häuschen aussehen, Pizza selbst gemacht wird, so lecker, ich habe einige Ann-Helena Calabrese selbst kreiert mit Mozzarella, Oliven, den frischen Pfefferschoten (dem roten Symbol von Kalabrien), Basilikum, italienischer, scharfer Wurst und roten Zwiebeln in allen Größen. Dazu frische selbst frittierte Zwiebelburger und Zwiebelfritten, Salat, Eierkuchen, Wein und Prosecco – in der Orgel-Factuary Salvatore Pronesti.
Es war schön, mit der Fähre zu fahren, von Villa S. Giovanni nach Messina, obwohl ab Messina Marittima die Großstadt chaotisch und schmutzig wirkte, von Bettlern durchsiebt, man konnte kaum die Straße überqueren, ohne Angst vor dem Verkehr zu haben, da es kaum Ampeln gab. Jedoch blieb das Meer wunderschön, und der Dom mit seiner größten Orgel in Sizilien und fünf Manualen war spannend, der Platz und der Turm, das Theater und die Aussichten der Stadt.
Die Kunst an sich hat einen Generalbass, eine lodernde Matrix, eine Sequenz.
Das Konzert in der Harmonie war sehr schön. Ich kam zuvor von Hannover. Dennoch hat es zeitlich gut geklappt. Ein Wunder der Zeitgleichheit, und dank der ICE, der Bahn, über die sonst jeder schimpft. Wer von Stuttgart über Würzburg nach Hannover und dann nach Heilbronn reisen muss, ist froh, dass die Zeit stehen bleibt, wo sie ist. Ich freue mich aber immer, wenn ich Menschen auf der Bühne mit Fuge begeistern kann, mit Musik, mit vibrierender Leidenschaft. Ich bin geradezu auf die Bühne gesprungen.
Freue mich über die Rezensionen zu meiner neuen Bach-CD im Class: aktuell; es ist mein zweites Solo-Album bei Classic Hänssler; gestern in der “Crescendo”.
Üben ist ein Denksportspiel. Aber im Üben schildere ich auch meine Geschichten und Gefühle – auch und zuerst für mich. Ich lote meine Grenzen aus, Kontraste. Nachtfantasien, aber auch Einfachheit, Menschlichkeit, Frisches, Juwelen, Farben, Erbe, Unvergessenes, Klangwolken, Schweigen und Humor. Üben ist der Soundtrack zu meinen Gedanken.
Ich erinnere mich gern an den Gedächtnislauf letztes Jahr; meine gute Zeit in den 10 km; ich weiß ja, dass Bewegung für das Gehirn und die Seele wichtig ist, nicht nur am Instrument sitzen. Nur manchmal vergesse ich es.