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Klavier

3. Dezember 2024: … schimmert so kalt wie der Frost. Schaue nach oben, erblicke den Mond. Senke den Kopf voll Heimweh.

Foto: Hey Orgel St. Anna Kirche Fulda Dietershan

Heute erinnere ich an die Lyrikerin Friederike Kempner.

Dieses Jahr hab ich mind. 40 x konzertiert. Freue mich auf 2025. Ich weiß, berufene Menschen sind Verwalterinnen, nicht Getriebene, die alles an sich reißen müssen. Meine verborgene Welt heißt oft Sehnsucht. Wir Künstlerinnen sehnen uns nach Vollkommenheit, nach einer anderen Welt. Diese Welt darf uns nicht zum Narren halten. Berufung hat viel mit Stille und Güte zu tun.

Diese Welt ist voll mit erfolgreichen Taugenichtsen.

Gedenkt der verfolgten Christinnen und Christen.

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2. Dezember 2024: Ohne dich, was ist die Erde? Ein beschränktes, finsteres Tal. (Philipp Spitta)

Foto: Hey Orgel Annakirche Fulda Dietershan

Neobarocke Hey Orgel St. Anna Kirche Fulda Dietershan, 2 M, 15 R, 1975, Neubau

Die neugotische Kreuzkirche mit Turm und vier Kirchenglocken steht im ländlichen Westen der Stadt.

Das Kreuzrippengewölbe der hellen Kirche und die neugotischen Altäre gefallen mir sehr. Die denkmalgeschützte Kirche ist adventlich geschmückt und geheizt. Besonders gut gefällt mir das Apfelregal. Es war sehr schön, hier zu konzertieren. Die Kirche war ein Kerzenmeer. Wir aßen im schönen Fachwerkhaus gegenüber.

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1. Dezember 2024: Arioso: Erzählendes Singen

Heute erinnere ich an die jüdische Lyrikerin Mascha Kaleko, 1907.

Foto: Acryl AHS

Konzert Dietershan

Erster Advent. Weihnachtsmarkt, Konzert und sonniger Wintertag. Ich bin in Fulda angekommen und freue mich auf St. Anna in Dietershan: Hey Orgel.

Advent Graphophone Edison Walzen-Phonograph (Grammophon) Columbia Eagle B 1897 Shorts #christmas

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Die Disposition ist zum ersten Mal im Netz:

30. November 2024: Der Tag ausgelöscht, die Aufgabe getan. Du tauchst empor, lautlos, schauend.

Heute erinnere ich an Muriel Spark.

Foto: Acryl AHS

1853 gründete der Deutsche Heinrich Steinweg in New York Steinway & Sons ❤️ Seit 150 Jahren werden die Steinways unverändert gebaut. Mein B steht momentan auf Spidern, möchte aber gern die B-Rollen. Morgen Konzert. Der Adventsmonat beginnt mit Flutsplittern, Zuckerperlen, Scherenschnitten, ich zähle die Stunden in deinem Gesicht ab.

Ich lese den Dichter und Zeugen Jochen Klepper.

29. November 2024: Es ist nicht zu begreifen, warum man dem schönen Geschlecht verbieten will, das Lob öffentlich zu singen und zu spielen. (Johann Mattheson)

Heute erinnere ich an die italienische Komponistin Francesca Caccini, 1587, sie lebte in einer Zeit, in der eine Frau nur sittsam musizieren darf, wenn überhaupt. Die Klöster jedoch waren Pflegestätten der Bildung. Francesca kam aus einer Musikerfamilie, was ihr half. Sie durfte Opern schreiben. Ihr Vorbild Hildegard von Bingen, 1098, hatte schon mit dem Vorwurf zu tun, dass talentierte Frauen unzüchtig und verführerisch seien und zu schweigen hätten. Dies alles ist der Estrich, auf dem der Parkett unseres heutigen Musikbusiness liegt.

Teil 2 Orgelvermittlung: Der Spund bei den Holzgedackten ist zum Stimmen gedacht. Bei den Lippenpfeifen jedoch stimmt man an der Stimmrolle; an dieser wird gerieben. Ist der Aufschnitt breit, umso lauter wird die Pfeife. Ist der Aufschnitt hoch, wird der Ton obertonärmer. Die Metall-Gedackten wiederum haben einen Deckel, die Rohrflöten natürlich ein Rohr. Pfeifen sind diatonisch, nicht chromatisch aufgebaut.

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28. November 2024: Ich widme mich der geistigen Betätigung so viel als möglich. (Wilhelmine von Bayreuth)

Heute erinnere ich an die Komponistin Wilhelmine von Bayreuth, 1709, die eine schwere Kindheit inmitten Streit und politischer Intrigen erlebte und einen kunstfeindlichen Vater besaß, der Musik als gefährdend für die Moral ansah. Sie wurde zum Heiraten gezwungen. Aber sie machte das Beste daraus, holte Musiker ins Haus, komponierte Opern, führte auf. In ihren Opern fehlte der männliche Held, die einzige Überlebende war eine Frau. Das kam natürlich nicht gut an.

Auch Wilhelmine hatte Zweifel an ihrem Talent, da weibliche Kunstleistungen nicht dokumentiert und gefeiert wurden und daher kein weibliches Vorbild für Ermutigung, Kontinuität und Beurteilung zu finden ist. Dies ist auch bis heute so: Weibliche Vorbilder haben zu können für das, was man selbst tut, ist schwer.

Gestern Orgel gestimmt: Zungenpfeifen stecken in einem Schutz, Stiefel genannt. Den Stimm-„Draht“ nennt man Krücke. Zum Stimmen der Zungen nimmt man ein Stimmeisen, bei Lippenpfeifen ein Stimmhorn. Ich liebe Zungenpfeifen. Die runde Metallscheibe oberhalb der Kehle und der federnden Zunge (die im Stiefel geschützt ist samt dem ganzen Fuß) nennt man Nuß. Die Kehle ist der (goldene) Stab und am unteren Ende die schnarrende Zunge, kaum zu sehen. Durchschlagende Zungen klingen weicher, da sie ungebremst durchschlagen.

Beim Stimmen der Zungenpfeifen schlägt man nach oben an der Krücke, der Ton wird tiefer, da die Zunge länger wird (sie ist lang und schnarrt nur am unteren Ende, da dort lose). Schlägt man sachte nach unten, wird der Ton höher. Vorsicht, der Ton ist stets sehr laut. Rein ist der Ton dann, wenn die Schwebung bei Null liegt; dies geschieht stets etwas höher, als man zunächst denkt.

Bei Holz-Lippenpfeifen sieht man dagegen den Spund, den „Holz-Stachel“ obendrauf bei den milden, schönen Holzgedackten. Diese und die Zungen stehen oft im Brustwerk, können auch im Schwellwerk stehen. Morgen geht es weiter.

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27. November 2024: Niemals habe ich eine Frau mit solchen Fähigkeiten an Orgel und Cembalo kennengelernt. (Marquis de Dangerau über Elisabeth Jacquet)

Heute erinnere ich an die Pariser Komponistin, Cembalistin, Organistin und Sängerin Elisabeth Jacquet de al Guerre, 1665, die aus einer Musikerfamilie stammte wie ich. Sie heiratete den Organisten Martin, der sie unterstützte. Sie wurde erstaunlicherweise auch von Johann Mattheson unterstützt, der nicht einsehen wollte, warum Frauen nicht in Kirchen singen und spielen sollten, was Papst Sixtus V. verbieten lassen wollte. Mattheson aber nannte Elisabeth ein Wundergeschöpf, eine Berufsmusikerin, was sie auch war. Sie veröffentlichte Noten und Bücher und besaß sogar Ensembles mit anderen Frauen.

Sie war Organistin und Komponistin und ist durchaus mein Vorbild. Obwohl die kirchenmusikalische Situation damals eine andere war, so hatte Kirchenmusik doch immer mit Weltförmigkeit, Profanitität und Sektierersystemen zu kämpfen, was eine schädigende, absinkende Wirkung hat. Kirche steht im Brennpunkt der Beobachtung. An Gott zu glauben, ist keine Illusion, Kirche keine Verpackung.

Almost Advent:

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26. November 2024: Sie ist eine Legende. Legenden sind schwer zu zerstören. (Mahler)

Heute erinnere ich an Alma, 1879, die mich von allen Komponistinnen am meisten fasziniert. Sie ist unglaublich schön und wurde von Männern und Frauen gefürchtet. Jahrhundertwende. Alma hatte beinahe die Unterwürfigkeit verlassen. Aber sie wurde Opfer des Phänomens frauenfeindlicher Frauen: Während Männer es spannend und erotisch fanden, von einer Femme fatale „ruiniert“ zu werden, da sie hoffnungslos verliebt waren, wurde Alma von Frauen (und Männern) auch lange nach ihrem Tod als arrogant, dämonisch, als eine unbarmherzige Herrin, als Sirene bezeichnet.

Wenn viele Männer und Frauen ihre Ängste in den Griff bekommen wollen bei aussergewöhnlichen Menschen, wehrten sie sie ab, werden feindselig und vorwurfsvoll. Besonders die Moral wird angegriffen. Über Frauen wurden später von anderen Frauen geradezu gehässige Biographien geschrieben, es seien nur Brunhilde Sonntag und Francoise Giroud genannt.

Fakt ist, dass Alma eine hochbegabte Komponistin war, was oft vergessen wird. Sie stammt aus einer künstlerischen, gebildeten Familie, studierte Komposition in Wien und hatte große Zukunftspläne. Doch sie wurde früh vom viel älteren Gustav erobert, der sie ganz für sich wollte und eifersüchtig und kontrollierend wurde, wenn sie von eigenen Ideen sprach, erst recht, wenn sie von eigenen Kompositionen berichtete und keine Zeit für ihn hatte. Die narzisstisch anmutenden Briefe, die er ihr schrieb, sind schockierend: „Ich Armer, was das ist für eine fixe Idee, die in deinem Köpfchen Platz genommen … Du musst meine Musik als deine annehmen! … Du hast nur einen Beruf: Mich glücklich zu machen.“ Gustav heiratete sie nach ein paar Wochen, und nun begann eine Leidenszeit

Gustav forderte, das Komponieren aufzugeben. All dies hat mir die Freude genommen, die Musik von Mahler, Schumann und sogar von Brahms zu spielen, da diese Leute hochbegabte Frauen klein gehalten haben. Alma wollte nie nur Hausfrau oder gar Muse sein, sondern sehnte sich nach ihrem eigenen künstlerischen Ausdruck, doch versank in Mahlers „fremder Musik“. Ihre Tonsprache ist völlig anders. Sie war Vorreiterin von Berg und Schönberg. Endlich erlaubte ihr Gustav das Veröffentlichen einiger ihrer Lieder. Aber das alles war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Viel ist verloren gegangen. Tragisch. Empörend.

25. November 2024: Ich glaubte einmal, das Talent des Schaffens zu besitzen, aber zweifle oft ganz an mir, denn eine Frau muss nicht komponieren wollen… (Clara Schumann-Wieck) 

Foto: meine Hände

Heute erinnere ich an Clara, die Wundervolle.
Es tut mir so weh, die Zweifel an sich selbst von diesen hochbegabten Frauen zu lesen, die ich selber kenne. Alma, Nadia, Lili, Fanny … Diese Zweifel an ihren eigenen Fähigkeiten haben Frauen bis heute, und dies nicht von ungefähr. Woher kommen diese Zweifel?

An Claras Leben kann man deutlich erkennen, dass diese Zweifel Männer säen, in Claras direkten Umfeld, in ihrer Erziehung, in Politik und Kultur, im Zeitgeist. Sie lebte in einer Zeit, in der es (laut Danielle Roster) trotz allem geradezu aussichtslos war, als Künstlerin zu leben. Diese Zweifel und Entmutigungen wurden und werden bewusst gesät und pflanzen ein tiefes Mindset der Unsicherheit und Selbstzweifel in Frauen:

Schopenhauer, im Alter von Claras Vater, schrieb zu dieser Zeit: „Schon der Anblick einer weiblichen Gestalt lehrt, dass das Weib weder zu großen geistigen noch körperlichen Arbeiten bestimmt ist.“ Schopenhauer ergießt noch viele andere, drastisch frauenfeindliche und sexistische Aussagen in diesem Stil, die wirklich erschreckend sind.

Claras Mann hatte kein Interesse, Claras Talente zu fördern, im Gegenteil, er half im Haus nicht mit und bemühte sich auch nicht, die Zahl der Schwangerschaften in Grenzen zu halten, im Gegenteil, Clara sollte ständig schwanger sein, mindestens 10 Mal. Dieses Verhalten allgemein kostete unzähligen Frauen das Leben, da sie unter dieser Belastung und der dauernden Schwangerschaften und ohne Medizin, genug Essen, Hilfe oder Betreuung früh sterben mussten. Robert machte Clara das Leben schwer.

Selbst Brahms sah in Clara eine Ausnahme, hielt ansonsten von Komponistinnen nichts. Es ging bei ihm nicht nur um Skepsis, was schlimm genug ist, sondern um deutlich negative Einstellungen Künstlerinnen gegenüber.

In diesem Umfeld keine Zweifel an sich selbst zu bekommen, ist für eine Frau kaum möglich gewesen, denn sie sollte ja Zweifel bekommen.

Wenn man alle Männer mit frauenfeindlichen Aussagen und Taten genauso canceln würde wie die mit rassistischen Aussagen, blieben nicht mehr viele übrig.

Es ging auch nicht um die Zeit: Mittelalter, Barock, 18. und 19. Jahrhundert – das haben wir jetzt alles behandelt und es war immer das gleiche: Frauen hatten kaum eine Chance auf Ruhm oder Erfolg und wurden oft auch von ihren eigenen Leuten ausgebremst. Wir werden morgen sehen, wie es weiter geht.

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24. November 2024: Alle in unserem Haus machten Musik. (Nadia Boulanger)

Foto: Wagner Heinze Orgel St. Nicolai Kirche Bad Blankenburg, Thüringen

Heute erinnere ich an die französische Komponistin und Lehrerin Nadia Boulanger, 1887, eine Vorkämpferin und Pionierin für Recht als Frau im männlichen Business der Komposition und Musik. Sie bekam nur den Zweiten Preis in Rom, obwohl sie (laut Spycket) als Mann den ersten bekommen hätte. Nadia sagt: „Vergessen wir doch, dass ich eine Frau bin, reden wir über Musik!“

Auch ihre hochtalentierte, kränkliche kleine Schwester Lili wurde Preisträgerin und daher über Nacht berühmt. Krieg und Krankheit bedrohten ihre Karriere. Sie komponierte in den letzten sieben Jahren wie verrückt, bevor sie früh sterben musste, weil die Medizin noch nicht so weit war.

Ihre Schwester Nadia leistete auch im Dirigieren Pionierarbeit. Mein Herz geht aus für diese wundervollen hochbegabten Damen, die ihre Kunst ausübten bis zum letzten, auspressten wie eine Orange in einer frauenfeindlichen Welt voll Macht und Kontrolle. Lili spielte Orgel, Nadia war Kapellmeisterin und bildete nach langem Kampf, ob sie unterrichten dürfe als Frau, zahlreiche Komponistinnen aus, aber auch Dinu Lipati und Gardiner. Sie wurde 92. ❤️

Alle in unserem Haus machten Musik. (Nadia Boulanger) Bei mir auch – alle in unserem Haus machten Musik.

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