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Ann-Helena Schlüter

3. August 2020

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Kein Genuss ist vorübergehend. Der Eindruck, den er hinterlässt, ist bleibend. (Goethe)

Das stimmt. Beispielsweise der Genuss eines Orgelklangs, der Genuss von Registrierung.

Ist es nicht erstaunlich, dass es kaum deutsche, international bekannte Konzertorganisten oder Konzertorganistinnen in Deutschland gibt? Das System der Kirchenmusik hat dies wohl sich so ergeben lassen? Die meisten sind unbeschriebene Blätter und kennen nur ihre Kirche, sitzen an “ihrer” Orgel wie ein Drache. Daher sind diese auch sauer auf beschriebene Blätter und auf die, die mehr wollen, die sich umhören und reisen, auf die, die künstlerisch sind. Es reicht doch nicht aus, nur ein “erfahrener Kirchenmusiker” zu sein – im Gegenteil, das ist eher negativ, spricht bände, was das Künstlerische angeht. Das bedeutet nämlich meist künstlerischer Stillstand, da man nur mit Laien zu tun hat. Man muss als Künstler mit anderen Künstler zu tun haben. Dringend. Und diese nicht hassen, sondern lieben. Wer Künstler hasst, ist keiner.

Und ich liebe Grieg, Sibelius, Saariaho, Berwald, Groendahl. Laterna von Saariaho ist sehr interessant: Für Dirigenten und Schlagwerk eine echte Herausforderung.

Auffällig ist, dass die Werke von Komponistinnen oft von Männern angegriffen und abgewertet werden. Gefährlich aber sind auch Frauen, die anderen Frauen fast wie aus Prinzip keinen Erfolg gönnen.

2. August 2020

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Die wahre Liebe ist, wenn Herz, Verstand und Körper miteinander im Einklang sind. (George Sand)

Das scheint selten. Sie ist ein Vordenkerin gewesen, die ganz früh den “Männerwahn” erkannt hat und versuchte, sich der Männerwelt zu stellen. Ich finde sie wundervoll. Wie gern hätte ich sie kennengelernt. Sie muss eine sehr mutige Frau gewesen sein. Es muss damals noch schwerer gewesen sein als Frau als heute. Die Zwänge waren wahrscheinlich enorm. Sie hieß eigentlich Aurore Dudevant. Man kann ihr Vorwürfe machen, warum sie ihre Kinder im Stich ließ. Aber wieviele Männer lassen ihre Kinder im Stich und dies gesellschaftlich völlig akzeptiert? Und wie unglücklich muss sie gewesen sein?

Ich bin sehr begeistert von Messiaens L’Ascension, besonders von 1,3 und 4. Man merkt zwar deutlich, dass es eine Transkription von Orchester ist, besonders im zweiten Stück. Aber ich mag, wie er die “Logik” des Schwellers bezeichnet, also die Dynamik auf Farben bezieht (das Forte in 1 in ganz anders und viel lauter als das Forte in 4) – auch wenn er hierbei nur an seine Orgel in La Trinité (Coll, Windladensystem Schleiflade) dachte, an der er vierzig Jahre war, und nicht an uns… Ich mag, dass man fast alles selbst registrieren kann – man bedenke, er hatte keine Setzer. Und dass er Farben von romantischen und (neo)barocken Klängen einbaut. Man muss eben etwas umbasteln hier in Deutschland, da wir nicht so eine feine Oboe habe, nicht ein Celeste wie er, nicht so flötige, warme Prinzipale, bei weitem nicht so ein Recit oder Tutti wie in Trinite oder Clothilde, wo Franck spielte. Aber die Franzosen sind ja selbst nicht so akribisch, sondern eher gelassen. Ich bin noch so überwältigt von den Orgeln in Deutschland, dass ich noch nicht in Paris oder in Frankreich war in dieser Orgelwelt. Aber ich freue mich auf den Moment, wo ich dort eintauchen werde.

Ach, ich liebe die 4 in ihrem sehr langsamen Sternentempo (Modus 3) (und Pedalkoppel Tirasse) und die virtuose 3 (Modus 2) – und die 1 (mit Sperrventil Appel gespielt in Frankreich, da man die Zungen einfach ab- und dazuschalten kann, was sehr praktisch ist, so auch in Ilmenau). Denn die Lade mit den Zungen in Frankreich hat oft auch Aliquoten und Mixturklänge – nicht nur Zungen. Man darf auch nicht vergessen, dass alles immer direkt durchgekoppelt ist. Ich fühle mich auch oft durchgekoppelt an der Orgel, durchgeschüttelt.

Das erste Stück von Messiaens Himmelfahrt ist für mich Farbe Gold, Fanfaren, Klangstück, aufwühlend, stauend, Gregorianik, majestätisch, eine Zeremonie, jeder neuer Akkord eine Offenbarung. Die Wirkung des Schwellers ist entscheidend wichtig.

Jetzt freue ich mich erst einmal auf den Merseburger Dom. Und es war wieder sehr schön an der Walcker in Ilmenau.

Es ist so heiss, dass man Kübel mit Wasser zum Gießen verwendet. Meine Kakteen blühen lieb. Eine Palme habe ich umgetopft, seitdem stimmt etwas nicht mit ihr.

Es gibt viele unterschiedliche Facetten von Schönheit: Schönheit ist nicht nur schön, sondern auch wild, schmerzvoll, reißerisch, traurig – (AHS)

Es war wieder sehr schön, in Ilmenau an der Walcker-Orgel zu üben. Und ich freue mich auf die Ladegast in Merseburg, meine dritte. In Mellrichstadt habe ich so lange geübt, dass ich den letzten Zug verpasst habe und bei den Schwestern übernachten musste. Die Orgeln sind alle unterschiedlich wie Tag und Nacht und doch die selbe edle Rasse. 

Ich liebe die skandinavische, nordische Musik. Norwegen und Finnland haben zwei weltbekannte Komponisten: Grieg und Sibelius, beides nationale Helden – Schweden hat leider bis heute nichts vergleichbar international Bekanntes. Der Schwede Berwald ist super, sehr schöne Sinfonien. Was mir an Grieg gefällt, ist, dass er diese poetischen, lyrischen Linien und Melodien gezeichnet hat, Stimmungen, Natur – er war vielleicht kein großer Symphoniker, aber ein Lyriker in Musik, wie man beispielsweise in der Peer Gynt-Suite deutlich merkt, die ich gerade dirigiere (beide Suiten haben je 4 Sätze). Sowohl Grieg als auch Sibelius haben erst für Klavier komponiert und dann für Orchester.

Orchesterdirigieren macht sehr viel Spaß, heute wieder. Es ist wichtig, die Hintergründe zu den jeweiligen Werken gut zu kennen. Im Grunde hat sich Grieg um Ibsens Gedicht Peer Gynt nicht gekümmert, er wollte nur schöne Musik machen. Ganz anders sein Landskollege Saeverud – sehr gut, dieser hat Ibsens Text richtig vertont, mit all der Ironie, sehr schön auf Spotify mit dem finnischen Dirigenten Ari Rasilainen. Saeveruds Enkel ist ein berühmter Geiger in den USA. Dennoch ist natürlich Griegs Musik beliebter, weil dieser so wunderschöne Melodien geschrieben hat, wie in der Morgenstimmung oder in Ases Tod (Ase ist die Mutter von Peer Gynt).

Sehr schön finde ich die Musik und die neue Oper von der finnischen Komponistin Kaija Saariaho und der norwegischen Komponistin Agathe Grondahl. 

Was mir am Dirigieren gefällt ist, das jeweilige Stück genau zu kennen. Beispielsweise Morgendämmerung in Griegs Suite 1 – erst Flöte, dann Oboe, dann Flöte, dann wechseln sich diese ab, bevor die Streicher den intensivsten Einsatz haben – man muss alles im Blick haben, besonders den Einsatz der Pauken. Ja, die Timpani nie vergessen, genau wissen, mit welchem Ton diese beginnen. Immer erst Blickkontakt, bevor man den Einsatz gibt. Wird der Blickkontakt nicht erwidert, gibt es keinen Einsatz. Es geht um Menschen, nicht um Instrumente. Auch wichtig: Was für Schlegel haben die Pauken? Härtere sind hier eher besser. Pauken und Hörner sitzen meist links-mittig, vorher genau die Lage studieren. 

Da der 6/8-Takt nicht sehr langsam ist, wird er in Zwei dirigiert (Schaukel). (Wäre er sehr schnell, könnte man eventuell in Eins dirigieren.) Im langsamen Tempo in 6 – dazu sind 2 und 3 auf der linken Seite, wobei die 2 eher unten als links ist, denn die 3 ist schwer, und 4 und 5 rechts, wobei die 4 schwerer ist als die 5. Ases Tod wird ebenfalls in Zwei dirigiert. Wichtig bei beiden Sätzen ist, dass man nicht eilt. Im Gegenteil, Widerstand, Spannung, Agogik und eher die Kunst der Langsamkeit. Obwohl das Spätkommen der Eins wichtig ist, muss man dennoch immer früher sein. Man muss also früh zu spät sein. Der Tanz wird durchgehend in Eins dirigiert, außer bei den zwei kurzen Ritardando-Stellen. Wichtig ist aber immer die weiche linke Hand. Ich merke, wie ich mich von Mal zu Mal verbessere. 

31. Juli 2020

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Man ist Künstlerin und wird Künstlerin. Beides. (AHS)

Franken besitzt so eine bezaubernde süddeutsche Orgellandschaft: Es war sehr schön, in Hüttenheim (bei Kitzingen) gespielt zu haben gestern: Eine wunderschöne, einmanualige Steinmeyer-Orgel (Kegellade), von Hey-Orgelbau monatelang restauriert. (Es wurden aus Unwissenheit nasse Tücher zuvor in die Orgel gelegt und damit die Pfeifen durch die Feuchtigkeit beinahe zerstört.) Nun ist die Orgel wiederhergestellt, ein Schmuckstück und Klangstück. Genauso auch die entzückende, bläuliche Barockorgel in Markt Einersheim (bei Kitzingen) – im Originalprospekt, drei Manuale (das 1. Manual ein Koppel-Manual). Die Pfeifen sind seit dem Krieg nicht mehr original. Die Kirche hat schöne blaue und rote Farben in Balkon und Bänken, die Orgel passt genau zum Raum – ein Genuss. Ich bin sehr froh, dass die Familientradition Orgelfirma Hey aus Urspringen die vielen schönen historischen Dorforgeln in Franken restauriert, Stück für Stück. Unten gibt es auch von diesen ein sehr schönes Positiv mit einem glockigen 8-Fuß. Auch die edle neue, zweimanualige Hey-Orgel bei den Rita-Schwestern in Würzburg ist schön zu spielen, angenehm.

Eine Wucht ist die große Hey-Orgel in Mellrich-Stadt (Schleiflade): herrliche Farben für Liszt Ad nos, glitzernd, golden, silbern, in einem großen, hohen Raum mit wunderschöner Akustik. Nur muss die Kirche restauriert werden, die Wände sind schwarz. Je größer der Raum und der Hall, desto glitzernder darf die Orgel sein, finde ich. In Lohr ist die Sandtner-Orgel sehr  grundtönig und tief, was dort auch sehr gut passt, da es kaum Hall gibt. Die glitzernden Orgeln sind für mich weiblich, die tieferen, grundtönigen männlich.

Ich übe jeden Tag an einer anderen Orgel. Ich finde, dies schult enorm. Sehr schön ist es auch, an der großen Sandtner-Orgel in Lohr zu spielen. Überall trainiere ich Registrierung und Setzer für Liszt Ad nos. Es ist spannend und anstrengend. Man wird ganz empfindlich. Ich höre Türen in gis quietschen. Wenn jemand unten in der Kirche zu laut spricht oder herumläuft, kommt beinahe Groll in mir hoch. Ansonsten klatschen die zufälligen Besucher immer Beifall, wenn ich übe. Manche sind auch ein wenig frech. Wenn ich mal eine Pause mache: “Wann geht es denn weiter?” Oder: “Geht es mit der Musik gleich weiter, dann setze ich mich noch mal hin?” Ich bin ja nicht der Musik-Automat. Oder es wird ganz laut auffordernd geflüstert:” Gleich geht es weiter! Gleich kommt wieder die Orgel?” Ok, ich habe verstanden. Was ich nicht verstehe, wenn Leute in der Kirche laut herumtratschen.

Es macht Spaß, Orgeln zu vergleichen. Sie sind alle sehr unterschiedlich. Das Handwerkliche. Die Tasten. Ob eine Orgel konventionell ist oder altmodisch – das würde ich so nie sehen. Die eine liegt einem mehr als die andere. Doch ich will überall sehr gut spielen können.

In Marktheidenfeld übe ich auch sehr gern, an der Elenz-Orgel. Ich liebe dort die Rohrflöte 8 besonders und freue mich auch, wenn die Zungen gestimmt sind.

Generell: Es ist oft nicht so leicht, an verstimmten Zungen oder “quietschenden” hohen Registern vorbei zu registrieren. Wobei ich das Laute, Helle mag, glitzernde, silbrige Klangkronen.

Sehr geholfen hat mir der Besuch meiner vierten Orgelbauwerkstatt: Hey-Orgelbau diesmal. Es ist sehr hilfreich und lehrreich, zu sehen, wie die Windladensysteme hergestellt oder restauriert werden, die Spieltische… Die Schleiflade ist spannend, aber auch Kegellade und Taschenlade. Die neue Saalorgel hier ist ja auch eine Kegellade, was ungewöhnlich ist. Orgelbau ist Teamarbeit: Schreinerei, Hören, Intonieren, Bauen, handwerklich enormes Geschick, besonders bei Restaurationen, und ein genaues Verstehen der Sache – jeder ist Experte für seinen Bereich. Es geht vor allem um sehr viel Erfahrung. Leider gibt es hier immer noch wenige Frauen.

Anfangs war ich etwas skeptisch gewisser Romantik gegenüber auf der Orgel. Schumann und Franck beispielsweise – doch nun liebe ich es, liebe auch Schumanns Skizzen und romantische Choräle.

Ich mag sehr die französische Klassik bzw. Barockmusik an der Orgel in Frankreich, beispielsweise die beiden Messen von Couperin, oder Veni Creator von Grigny: Die starken, lauten, frischen Solostimmen wie Krummhorn, gemischt mit Bordon 8 (und Prestant 4, etwas leichter als Oktave 4) oder Cornet 5-fach für die Obertonreihe zu 8 (selbst zusammengestellt cornet décomposé mit flötig Bourdon 8, Prestant 4, Nasard Quinte 2 2/3, 2 und Terz 1 3/5, man verdoppelt nicht, füllt jedoch immer aus). Man kann ein fertiges Cornet auch ziehen (sehr schön als abgesetztes, abgetrenntes Cornet im Recit als fertige Solostimme, als hohe, solistische Stimme = cornet séparé), aber meist befindet sich ein fertiges Register nur im Diskantbereich und klingt nicht über die komplette Klaviatur, und klingt auch anders. Das Cornet verstärkt und verdichtet auch die Zungen (mit Grand Jeu begleiten). Ich mag, dass man mit den weichen, französischen, flötigen Prinzipalen begleiten kann, beispielsweise Montre 8 im HW. Ich mag es, dass es in Frankreich eine tiefe Terz mit 16-Fuß gibt (beispielsweise Toulouse). Und Terz im Bass oder Tenor. Ich mag die kleine, weite, flötige Quinte Larigot  1 1/3. Es gibt also viele unterschiedliche Quinten, Quarten und Terzen, Nasard Quinte, Nasard Quarte… Es gibt die “normale” Quinte 2 2/3, dann die höhere 1 1/3, dann  die tiefere 5 1/3, dann die ganze tiefe 10 2/3 (Pedal Quintbass). 1 3/5 ist immer Terz. Ich mag die französischen Dialoge mit räumlichen Klangquellen: Das nahe Positif gegenüber dem weit entfernten Recit.

Ich mag auch Solo-Stimmen aus mehreren Aliquotreihen sehr. Überhaupt mag ich Aliquoten.

Natürlich mag ich auch die deutschen Klänge, besonders die von den schönen Walcker-Orgeln mit ihren Kegelladen.

30. Juli 2020

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Das Absprechen des Tones singt.

Wortgrenze durchbrochen. (AHS)

Schön und berührend finde ich Hakims “Jüngstes Gericht”, gestern im Radio gehört, Aufnahme aus München. Er konnte sich das Böse sehr gut ausmalen, hervorragend komponiert. Das Gute kam dabei leider nicht ganz so gut weg. Aber das Dämonische hat er umwerfend dargestellt. Ich konnte das Dämonische lachen, schreien, toben hören. Die Orgel an sich verwandelte sich in etwas Dämonisches. Für mich ist und bleibt das eine Facette von Schönheit in der Kunst, das Böse darzustellen. Manche sehen “schön” als so oberflächlich bequem und lau und faul an, ohne die Spannung und Ängste und Realität des Lebens musikalisch zu berücksichtigen. Da bleibt dann nur das Alte und Philosophien und nüchtern Zahlen und Modi übrig.

Ach, ich liebe Orgel selbst im Radio auf der Autobahn. Es war dunkel um mich, als ich das Werk hörte, nur die Scheinwerfer der wenigen anderen Autos. Umwerfende Kulisse für das Werk. The last judgement. 

Und ich liebe auch Reubkes Orgel-Sonate von Kaunzinger gespielt vom Jahr 2000. Sehr gut, umwerfend gut gespielt. Es gibt auch eine Klaviersonate von Reubke. Diese ist mir noch nie untergekommen.

Und ich liebe Messiaens Himmelfahrt. Farben in Musik zu hören bzw. zu sehen soll eine Störung sein wie das absolute Gehör. Dann habe ich schon zwei Störungen. (Manche würden jetzt sagen, mindestes.) Für mich sind es nun mal Farben in Messiaens Himmelfahrt und in seinen Klangstücken generell, beispielsweise das erste Stück “Gold”, das vierte “Weiß” (in Himmelfahrt).

29. Juli 2020

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Gib mir die Blume. (AHS)

Konzertblumen. Sonnenblumen. Alles schön. Ich liebe Pflanzen, ich liebe Tiere. Bei Hunden mag ich besonders gern Golden Retriever und (große) Boxer und Labrador und Dackel. Aber auch alle.

Orgelspielen ist Ohr. Eigentlich sind die Manuale egal. Man spielt mit dem Ohr. Wo ist der Klang im Raum? Das muss man trainieren. Sonst: Fehlplanung. Man darf nicht gefangen sein am Spieltisch. Dort ist nicht der Klang. Im Gegenteil – man kommt dort in einen Spieltrieb, in ein Rauschen, und es ist Wind im Kopf – das reicht nicht. Der Klang ist im Raum. 

Klar, der Spieltrieb ohne Ohr ist wie unter Drogen, man kompensiert, man meint Wunder, wie es klingt – aber das ist zu wenig, das ist kindlich, denn das, was zählt, ist, wie es wirklich klingt, real, unten. Nicht in einer Traumwelt.

Es ist anstrengend, auf Ohr umzustellen, und auch schmerzlich, wenn man sich der Realität stellt – aber wenn man seinen Ohren nicht (zu)traut, den wahren Klang zu finden, dann misstraut man sich selbst, dann wird man den Durchbruch nicht finden und nie zufrieden sein. Ich bin froh und glücklich, dass meine Ohren den Klang finden, sie sind willig und gehorsam und entzückt. Ohr sein ist Sein. Wirklich sein. Das ist die Musik. Alles andere ist Vorstufe. 

Ich vergesse nie dieses Aha-Erlebnis: Der Sound. Das Runde. Als wäre der Klang von den Manualen abgekoppelt, buchstäblich, abgepolstert, als wäre der Spieltrieb nicht in den Händen, sondern im Ohr! Als würde man mit Spinnweben zwischen den Händen spielen wie Spiderman, als hätte man Weben zwischen den Fingern. Alles wird vom Klang zusammengeschmolzen, zusammengehalten, rund und warm und weich. 

Es ist Resonanz. Das ist es, was es ist: RESONANZ. Nicht Dezibel. Nicht mechanisches Spiel. Die Resonanz zu finden. Das ist es.

28. Juli 2020

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Das Gesetzt ändert sich. Das Gewissen nicht. (Sophie Scholl)

An der Art, wie mit dem Virus umgegangen wird und wie unterschiedlich Menschen darauf reagieren, zeigt mir zumindest in einem Anflug und Hauch, dass es wirklich Realität war, was im Zweiten Weltkrieg passiert ist. Wobei ich es vorher schon sehen konnte, dass Menschen immer gleich böse sind, auch wenn wir jetzt in einer friedlicheren Zeit und nicht im Krieg leben.

Es war schön, in Darmstadt gewesen zu sein und bei Stimme der Hoffnung, Hope TV, es wird im September gesendet und kommt auch auf YouTube.

Seitdem ich meine entscheidenen Aha-Erlebnisse mit Registrierung gehabt habe, denke ich pausenlos über Registrierung nach. Was im Radio im Auto gespielt wird, irgendwelche Pop-Songs – was könnte das für eine Registrierung sein? Mit welchen Worten würde ich diesen Klang beschreiben? Welchen Registern kommt dieser Klang nahe? Welche Registrierung wäre diese Sängerin? Wenn ein Motorrad aufheult oder eine Sirene, was könnte das für eine Registrierung gewesen sein? Und welche wäre dieses Gitarren-Solo im Song? Welche Kombination wäre dieses elektronische Stück? Alles ist plötzlich süffige Musik und Registrierung.

27. Juli 2020

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Ich würde es begrüßen, wenn wir zuerst unseren eigenen Planeten in Ordnung bringen, bevor wir die Arroganz aufweisen, uns auf andere Planeten zu befördern, selbst wenn diese völlig unbewohnt sind. (Patrick Stewart)

Amen dazu.

Leider kann ich den neuen Kinofilm mit Russell Crowe Unhinged nicht empfehlen. Ich habe die Story vorher nicht durchgelesen, weil Russell Crowe einer meiner Lieblingsschauspieler ist. Der Name steht für sich, dachte ich. Und dachte, er wäre im Thriller der Gute. Leider ist der Film so gewalttätig, platt, unrealistisch und grausam, dass ich einen Großteil des Filmes gar nicht mitbekommen habe, da ich meist wegschaute, mit den Fingern in den Ohren. Im Grunde zeigt der Film durchgehend einen frauenhassenden, feigen Wahnsinnigen. Und zwar Russell Crowe. Traurig, dass er einen solche Rolle angenommen hat.  

Es ist immer die Frage, vor welchem Publikum man spielt oder spielen will. Ich finde es sehr wichtig, auch besonders das “Laienpublikum” zu erreichen; natürlich ist es auch wichtig, für die Profis zu spielen. Aber wenn mir das “normale” Publikum nicht mindestens genauso wichtig ist, sogar wichtiger, dann verliert man es. Und wieviele Profis sitzen schon im Publikum? Natürlich gibt es Profis, die kritisieren, wenn man die Masse erreichen will.  Man muss die Balance finden. Es geht um Kunst, nicht um Show, aber es geht auch um die Menschen. Gott schafft es auch: Er ist der größte Künstler, und er möchte alle ereichen. Er erschafft keine Elite-Sonnenaufgänge oder Akademiker-Meere. Warum sollte ich auf ein geringeres Vorbild als Gott setzen? Und es macht keinen Spaß, Laien pausenlos zu überfordern.

Was ich gemerkt habe: Als Pianistin begleitet man andere mitfühlend und dienend, sozusagen immer “hinterherspielend”. Das geht in der Kirche beim Spiel nicht. Als Organistin begleitet man voraus. Man führt. Das ist ein großer Unterschied, man muss beides können.

Ich erinnere mich noch: Als ich ganz am Anfang an Orgeln übte, 2016/2017, als ich noch reine Pianistin war und noch nicht Orgel studierte, da wollten mir einige Organisten vor Ort bei meine Fragen (zu Buxtehude, zur Registrierung, allgemein etc.) nicht helfen. Manche Fragen wussten sie schon damals nicht zu beantworten. Wer nicht gern gibt, unterrichtet und hilft, dem ist nicht zu trauen, auch dann nicht, wenn er dafür bezahlt wird. Viele Organisten wollen zum Potential eines anderen nichts beitragen. Selbst dann nicht, wenn Organisten immer mehr aussterben. Anstatt sich zu helfen. Das geht gerade an der Orgel sehr gut. Man muss zwar das Wissen für Orgel an der Orgel verarbeiten, das dauert etwas, aber an sich geht es vor allem erst einmal um Wissen oder Nichtwissen.

Ich liebe die tiefe, reiche Verbindung zwischen Musik und Glaube. (AHS)

Es war schön, am WE Besuch von einem netten Orgelbauer zu bekommen. Man kann viel von Orgelbauern lernen, auch was Registrierung angeht. 

Die Leute sagen, mein Balkon sei ein Garten. Es kommt nun ein neuer Vogel, er ist klein, ruhig, bunt und scheu; er quiekt nur erschrocken, wenn er mich sieht. Er macht mir ziemlich viel Schmutz, wenn er die Sonnenblumenkerne isst. Aber das darf er. Ich frage mich, was das für ein Vogel ist. 

An scharfen Saucen mag ich vor allem Wasabi und Sriracha – wobei mir das gar nicht scharf vorkommt. Ich ernte gern meine eigenen Tomaten; bin aber oft zu ungeduldig, zu warten, bis sie ganz reif sind. Ich esse sie vorher schon. 

Ich habe nachgedacht, wie es sein kann, dass Kirchenmusiker oft so hässlich zueinander sind und kaum Respekt und Achtung vor dem anderen haben. Ich glaube, es fehlt ihnen an Bildung und am Künstlerischen. Ich habe manchmal den Eindruck, Kirchenmusiker und Künstler – das beißt sich oft hinten und vorn.

25. Juli 2020

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Sollte es intelligentes Leben auf anderen Planeten geben, so gibt es ja die Chance, dass es das sogar bei uns gibt. (Royne Mercurio)

Es ist kaum zu fassen, wie unterschiedlich Bach Passacaglia gespielt wird. Die einen registrieren jede Variation, die nächsten spielen alles in einer Farbe durch. Dabei sind die unterschiedlichen, “widersprüchlichen”, “gegensätzlichen” Lager der Standpunkte sehr massiv. Die Standpunkte anderer werden als “unmusikalisch” und “falsch” abgewertet. Man würde das Konzert verlassen, wenn jemand die Passacaglia anders spielt, als man es selbst für richtig hält. Ich finde, alles hat seine Berechtigung, wenn man sehr gut spielt. Ich möchte nicht nur eine Fassung haben, sondern mich immer wieder neu dem Stück nähern.

Es ist doch eine Entwicklung im Leben. Das einzige, was ich unmusikalisch finde, ist, 40 Jahre lang das Gleiche und die gleiche Fassung zu spielen. Man muss sich doch Neuem öffnen, wachsen und andere Meinungen anhören und ausprobieren. Ich bin immer durstig, neue Ideen und Standpunkte zu hören, auch wenn es anfangs verwirrend ist. Irgendwo in all dem sitzt die Wahrheit und finde ich meinen Weg. Mir fällt dabei auf, dass manche, die “schon lange im Geschäft sind”, die Dinge, die ich schon gehört und erfahren habe, nie gehört haben und überrascht sind. Weil sie sich nie dafür interessierten und nur einer Lehrmeinung gefolgt sind, ihr ganzes Leben lang.

a) Es kommt auch immer auf die jeweilige Orgel an. Wenn man ein wunderschönes Plenum und eine wunderschöne Orgel hat, warum nicht alles in einer Farbe spielen, wenn man den Drive, das Know How und die musikalische Technik dazu hat? Bach hat die Variationen so abgestimmt komponiert, dass dies möglich und vielleicht sogar (vom Notentext ausgehend) so anvisiert worden ist von ihm – denn wie sonst sollte der Übergang zur Fuge gedacht bzw. möglich sein? Man müsste einen Takt hinzufügen, wenn man hier registrieren will. Dieser Übergang zur Fuge ist ein Hinweis darauf, dass nicht umregistriert werden soll.

Wenn man unmusikalisch spielt, kann es “grauenvoll sein, 14 Minuten lang Posaune und Plenum zu hören”. Allerdings kann dieses Stück für mich nie grauenvoll werden, egal, wie gespielt. Die Passacaglia ist das schönste Stücke, das ich kenne. Man kann es nicht verderben. (Ich kompensiere zudem in meinem Kopf und höre, was ich hören will.) Jedes Mal bin ich aufgewühlt und verschwitzt, wenn ich es übe.

b) Auf der anderen Seite kann man natürlich registrieren, denn es sind ja Variationen – wenn man es musikalisch und sensibel tut – nicht jede Variation vielleicht, außer man sitzt an einer “schlechten” Orgel, aber sich Punkte auswählen, wo es gut und geschmackvoll und passend ist, und dies mit der jeweiligen Orgel abstimmen. Man will ja keinen Flickenteppich haben. Wichtig hierbei ist immer die Ausgangssituation, mit welcher Farbe man die Passacaglia beginnt. Ist der Anfang tröstend, ist er schmerzvoll, ist er rau? Wie empfinde ich ihn heute? Das Stück bietet sich mir immer wieder anders dar, wie ein lebendiges Wesen. Ist der Anfang zärtlich, werbend, klagend oder dramatisch? Welche Kombination wähle ich? Eher piano oder forte? Das ist bei mir jedes Mal anders. Je nachdem, wie ich heute bin, wie das Stück heute ist, wie die Orgel heute ist. Wir sind alle drei lebendige Wesen. Und dies ist der Startschuss für meine Registrierung. Und dabei hat man immer Anfang und Ende einer Variation gleichzeitig im Kopf. Und vor allem die Fuge. In der Fuge zu viel zu registrieren finde ich eher bedenklich. Ich finde nicht, dass es nötig ist.

Es ist kaum zu fassen, wie unterschiedlich Liszt Ad nos gespielt wird und werden kann. Alle Begründungen sind nachvollziehbar und haben ihre Berechtigung. Ich könnte schon jetzt mindestens fünf unterschiedliche Fassungen spielen. Unterschiedlich sind sie in der technischen Herangehensweise, also in Artikulation (welches Legato, offen und pianistisch oder sehr dicht, wieviel Legato, was genau bedeuten die Bögen, wo setzt man ab und wie setzt man ab? Wie spielt man die Tonwiederholungen und Repetitionen, dicht oder ala Dupre…), aber auch in Agogikfragen, sehr stark abweichend in Registrierfragen, und auch, wie man es sich “leichter” machen kann, wenn Linien doppelt sind, und dann Basisfragen zur Umsetzung allgemein an der Orgel – was lange Töne, was Pausen etc. angeht… Welche Noten-Ausgabe (hier werden nur bestimmte Ausgaben von “Lagern” verwendet, dass es mir eher wie Politik vorkommt, nur um sich abzugrenzen), welche Zeit (28, 30, 34, original 45 Minuten), welche Tempi, eher Typus Orchester, eher Typus Klavier, was die Farben angeht. Ich finde alle Fassungen schön und berechtigt, wenn man es sehr gut (=musikalisch) und überzeugend spielt, an einer entsprechenden Orgel. Warum stur und festgefahren sein? Verrückt: Da wird wie wild transkribiert auf die Orgel, was auf den Flügel gehört, aber man schafft es nicht, originale Orgelwerke unterschiedlich zu interpretieren. Das passt nicht zusammen. Es ist schön, ein Orchesterstück daraus zu machen, wenn es die Orgel bietet, und schön, ein pianistisch-virtuoses Stück daraus zu machen, wenn man es kann. Schnelle und virtuose Tempi werden von den Organisten abgelehnt, die das selbst so nicht spielen können. Schön finde ich es, Gemeinsamkeiten zu finden – Dinge, die immer klar sind, für jeden, vielleicht sogenannte Wahrheiten.

Ich weiß noch gut, wie jemand zu mir sagte: “Ad nos ist ungefähr wie Liszt B-A-C-H, nur länger” – da dachte ich mir: Na, dann – und fing an. Jetzt “im Nachhinein” (ein paar Wochen später) denke ich mir, wie konnte man das zu mir sagen – das Stück ist mindestens dreimal so schwer und anspruchsvoll. Doch ohne diesen Satz hätte ich vielleicht nicht gleich begonnen.