25. März 2026: Für dich darf die Musik nur Zierde, niemals Grundbasis deines Seins werden. (Abraham Mendelssohn an seine Tochter Fanny)
Ich lese “… ganz verrückt nach Musik” von Ulrich Rühle, Musiklehrer. Er schreibt sehr richtig, und das immerhin schon im Jahr 2000, dass Musik früher “dem Mann vorbehalten war”. Johann Sebastian musste Strafe zahlen, weil er seine Frau in der Kirche öffentlich singen ließ. Weibliches Komponieren ging gar nicht.
Der einzige Beruf einer Frau sei die der Hausfrau, bekundete auch Felix Mendelssohn, obwohl er genau wusste, wie begabt seine Schwester Fanny war, denn er bat sie oft um Rat; sie sollte sogar seine halbfertigen Stücke fertig komponieren. Aber er promotete sie nie. Fürchtete er Konkurrenz? Dies fragte sich auch Ulrich Rühle. Denn für einen gewissen Typ Mann ist es eine ganz andere Geschichte, von einer Frau Konkurrenz zu bekommen als von einem anderen Mann.
Fanny musste heimlich komponieren. Felix setzte sich nie für sie ein. Obwohl er es unzählige Male hätte tun können. Nun, kann man Abraham und Felix als frauenfeindlich bezeichnen? Nehmen wir mal den hinteren Teil des Wortes. Feindlich. Felix hat nachweislich Werke von Fanny unter seinem Namen veröffentlicht, ohne irgendeine Bemerkung. Die meisten Männer würden sich nicht als feindlich bezeichnen, weil sie Frauen hübsch, interessant, sexy, begehrenswert oder attraktiv finden; sie finden es gut, wenn sie eine haben, die sich kümmert, die hilft und die für sie kocht. Also sind sie doch nicht feindlich. Würden sie etwa einen Feind begehren? Einen Feind um Rat fragen?
Aber frauenfeindlich bedeutet etwas ganz anderes. Es bedeutet, einen weiblichen Menschen zu hindern, obwohl man die Macht hat, genau das Gegenteil zu tun.
Dieses Hindern kann viele Gesichter haben. Es kann passiv oder aktiv passieren. Bewusst oder unbewusst. Unterlassung. Es kann sogar gut gemeint sein. Was meist das Schlimmste ist. Oder als ganz normal, als selbstverständlich gesehen. Lebendige Männer zu nennen, ist leider heikel. Also nehmen wir wieder einen toten Mann als Beispiel. Robert Schumann. Er schrieb über seine hochbegabte Frau Clara: Sie ist so musikreich; aber eine Familie haben und einen immer fantasierenden Mann und komponieren, das geht nicht zusammen. – Und damit war für ihn alles gesagt und klar, nämlich, dass seine eigene Fantasien über die Claras gehen, denn für ihn geht es gut zusammen: eine Familie haben, eine begabte Frau und komponieren. Es geht für ihn sogar sehr gut, und für sie gar nicht.
Sehr gut versus gar nicht. Oft sind die die schlimmsten Feinde, die einem sehr nah sind oder nah kommen. Oft fürchten Männer Konkurrenz von der Frau, die ihnen etwas bedeutet – was das Ganze noch komplizierter macht. Ein Lehrer, der einen als besonders begabt erkannt hat; aber der eine Art Gehorsam verlangt, den man nicht bereit ist, zu geben. Die Konkurrenz fremder Frauen ist leichter zu ertragen.
Robert und Felix nehmen beide wahr, dass die begabten Frauen in ihrem Leben nicht genug Übung haben, weil sie dauernd anderen Pflichten nachgehen müssen. Das rührte sogar unseren armen Robert, ach wie süß. Da hatte Clara einen innigen Gedanken, konnte ihn aber nicht aufschreiben, weil er wieder nach seinem Bier oder Essen schrie.
Also, halten wir fest, feindlich und hindern gehören zusammen. Frauen werden auch heute durch vielerlei Dinge gehindert; vor allem, mit ihrer Kunst an die Öffentlichkeit zu gehen. Wehe, sie wollen mehr, etwas, sichtbar werden.
Frauenfeindlichkeit bedeutet, einen weiblichen Menschen zu hindern, obwohl man die Macht hat, genau das Gegenteil zu tun. Und es geht noch weiter: Einen weiblichen Menschen zu hindern aufgrund von Macht. Aufgrund von Liebe zur Macht. Aufgrund von dem Männer-eigenen-Egoismus, den sie als solchen gar nicht erkennen. Auch deswegen, weil er sich oft tarnt; manchmal sogar als Liebe; als Verantwortung.
Nun sagen manche: Wenn doch weniger Frauen in diesem oder jenem Gebiet da sind … da ist man doch nicht frauenfeindlich. Da sind einfach nur wenige Frauen da… Ja? Ach, wie unschuldig. Und wie gelogen. Denn die Frauenfeindlichkeit zeigt sich umso konkreter und konzentrierter, wenn schließlich endlich eine Frau da ist … die will, die sich zeigt, die kann, die fragt. Da zeigt sich die Fratze des Hinderns in unzähligen Facetten; die häßliche Fratze der Feindlichkeit. Die auf Frau konzentrierte Feindlichkeit. Musik-Femizide. Eine unbekannte Frau ist nicht leichter zu kontrollieren als eine bekannte.
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