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Klavier

15. März 2009

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Klangwerte und Resonanz

Am letzten Abend, kurz vor dem Konzert, bekam ich ein neues Lied, wie immer, samt Text, obwohl ich versuche, das zu vermeiden.

Lieder aus dem Gesangbuch sind eigentlich Sprache. Es ist schön, viel zu spielen und dennoch Ruhe zu haben.

Wir sind, weil wir hören. Wir sind keine Augenbeute.

Auf geht’s! rufa! Riga

Am 28. April geht mein Flug von Frankfurt nach Riga, und ich bin gespannt auf Lettland, im Vergleich zu Estland oder Litauen, die Länder im Baltikum, die ich bereits besucht habe. Ich mag diesen Teil der Welt, da er für mich eine so interessante Mischung verströmt aus Ost- und Westeuropa, so nah an Skandinavien und Russland.

In Tallin war ich und in Vilnius. Beide Male habe ich dort Konzerte gespielt. Ich bin gespannt, Riga zu sehen und werde dort bei einer befreundeten Pianistin wohnen während der Konzerte. Von Riga werde ich zu Konzerten nach Siauliai in Litauen abgeholt, circa 130 km von Riga entfernt.

Nach den Konzerten und Workshops werde ich meinen schwedischen Onkel Claes, seine litauische Frau Maryte und ihren Sohn (meinen Cousin) Claes Aleksas nahe von Telsiai in dem Dorf Degaiciai besuchen. Claes Aleksas ist sieben Jahre alt und spricht fliessend Schwedisch, Litauisch und Deutsch und nun bald Englisch. Er sieht aus wie Nils Holgersson. Das alte grosse Haus in Degaiciai steht auf einem wilden grossen Grundstück, bewacht von einem wilden Hund.

Die Verwandten von Maryte leben in Vilnius. Ich habe sie bereits letztes Jahr besucht, als wir, das Schlüter-Duo, Konzerte in Kaunas hatten. Ich bin gespannt auf das Leben in Siauliai und ihrer Kultur in den Gemeinden. Am 11. Mai bin ich zurück. Im Juni werde ich dann mit dem Schlüter-Duo in Calvi, Korsika, spielen und eine Woche am Meer bleiben. Bald spiele ich auch in Moskau.

Unconditional Creativity

Liebe und Kreativität gehören zusammen, sind bedingungslos. Kreativität ist nicht dafür da, Menschen zu gefallen, sondern dazu, dass Menschen sie entdecken, auch wenn sie aus dem Rahmen fällt. Künstlerinnen und Künstler sind oft ihrer Zeit voraus.

Musik und Lyrik haben viel mit Reflektieren zu tun. Es ist schön, Türen zu Herzen zu öffnen, damit Menschen nicht nur vor dem Schaufenster stehen, sondern eintreten können, heraus aus dem Gänsemarsch und der Abteilung.

Bochum

Kalkulation: Nicht Zeit prägt Musik, sondern Musik prägt Zeit.

Nicht die Musik entwickelt sich chronologisch in der Zeit, im Gänsemarsch der Epochen, sondern die Zeit entwickelt sich chronologisch mit Musik und Kunst; je nachdem, wie die Musik und die Wahrheit Stück für Stück auf der Palette der Farben, Worte und Bilder entdeckt werden und wurden, je nachdem, wie langsam oder wie schnell, so ordnet sich unsere Zeit, strömt stets aus einer Sehnsucht hervor, die gut, die tief, die uns gegeben, die Ursehnsucht ist. Wie sehr Kunst (und Musik als ihr Leiter) Geschichte, Politik und Zeit geprägt hat, kann man über die Jahrhunderte erkennen.

Musik ist Erinnerung. Ein Erinnerungsraum

Eine Künstlerin ist auf der Bühne eine Vermittlerin, und ein Vermittler ist immer ein Lehrer, eine Pädagogin, das geht weit über das Klavierspielen hinaus. Trotz der Ergänzung der Forschung und der Lehre ist es ein Privileg, aktiv und künstlerisch Menschenherzen zu berühren. Ich weiß dies mehr denn je zu schätzen.

Es wird viel gesprochen, sei es ein Treffen oder eine Vorlesung, und plötzlich höre ich Musik – es ist, als würde in meiner Seele ein Licht angeknipst, sie wird hell.

Dies ist die Sprache, die ich verstehe: helle Töne, helle Musik. Wenn ich draußen spazieren gehe, höre ich Musik überall, ich brauche keine explizit gespielte Musik. Es sind die Blumen, die Vögel.

Manchmal redet ein Mensch mit einer Stimme, die Musik ist, erzählt von Opern, Theatern oder Geschichten, bei denen äußerlich nicht viel passiert, doch die Innenbühne auf der Bühne zu fühlen ist. Ich kann die Sehnsucht der Musik im Gesicht spüren und in den Obertönen hören.

Sarospatak, Ungarn

Kunstgattungen und Musikstile sollten keine selbstgezüchteten Zäsuren pflegen, was nun echt oder unecht, falsch oder richtig ist. Sonst werden sie eine Religion, eine Ideologie, nur zugänglich für einen bestimmten Zirkel, für den die gewisse Ausübung und der Genuss der Gattung einem heiligen Akt, einer heiligen Handlung oder der Ausübung eines Sakramentes gleichkommt.

Alles, was derart über eine gesunde identitätsstiftende Abgrenzung und Meinung hinausgeht, artet aus, in eine Lobby oder Institution, in der es nur darum geht, Ideologien zu schmücken, gar noch mit Kunst, was gefährlich ist für eine freie und kreative Entwicklung.