Musik ist die Art von Wohlbefinden, die eine menschliche Seele beim Zählen erfährt, wenn sie sich des Zählens nicht bewusst ist. (Gottfried Leibnitz. )
Dies trifft auf Bachs Musik besonders zu, die Poesie, Rhetorik und Mathematik verbindet. Dies jedenfalls habe ich im Vorwort meiner Studie Das Demutsprinzip in Bachs Musik und die Wirkung der Kunst der Fuge im Erstkontakt mit Jugendlichen geschrieben. Popmusik bietet im Rhythmus ca. 76 – 88 Pulsschlag des Menschen; Popfans kommt dieses Tempo physisch entgegen. Klassiker hingegen vermeiden eher Musik in diesem Tempo und bevorzugen a) langsamer oder b) schneller. Schon tickende Uhren mag ich nicht im Tempo des Pulses. Ich glaube, der Puls-Rhythmus steht für Sterblichkeit, alles andere für die Ewigkeit. Daher kommt mir Popmusik meist irdisch vor.
Es stimmt, dass man als Künstlerin nicht zu autark sein sollte, da sonst auch das Publikum autark wird vom Künstler oder dies im Raum stehen könnte. Natürlich ist es wichtig zu wissen, was das Publikum gern hört und was nicht. Jedoch darf man unmöglich nur danach gehen. Wo wären wir sonst hingekommen? Alle großen Künstler wurden zunächst oder irgendwann einmal abgelehnt. Dass die Orgel generell bei manchem (jungem) Publikum nicht so beliebt ist, liegt sicher auch daran, dass es kaum Künstler an der Orgel gibt. Zudem haben die Kirchenmusiker kaum Zeit zu üben und haben mit Chor und Bürokratie zu tun, vom Studium bis zuletzt.
Nun laufen die Dissertanten-Seminare und Privatissima über Skype, Zoom oder Webex ab. Dadurch ist die Arbeit intensiver geworden. Selbst Yoga läuft über Zoom. Dabei kann ich im Nachthemd bleiben und mache meine Verrenkungen auf Kissen, Mützen und Schlafanzügen. Man kann natürlich auch kurz das Video ausstellen und die Atemübungen mitmachen, ohne dass man gesehen wird. Über Österreich, Holland, Finnland bis nach Kanada ist es möglich, sich wundervolle Anregungen über Zoom für die Musik zu holen. Danach sitze ich wieder in Würzburg auf dem Balkon, obwohl ich kurz in Montreal, Salzburg, Amsterdam oder Innsbruck war. Natürlich weichen Meinungen über bestimmte musikalische Angelegenheiten wie Manualwechsel, Registrierung, Triller, Phrasierung, Orgeln von Mensch zu Mensch voneinander ab und “widersprechen” sich. Aber insgesamt lernt das Gehirn von den unterschiedlichsten Quellen. Ich bin längt da, dass ich sagen kann wie in der Bibel: Prüfet alles, und das Beste behaltet.
Dass die Orgel verborgen ist, ist für (junge) Menschen im Publikum sicher ein Problem. Daher zeige ich mich immer, komme nach unten beim Applaus, beantworte hinterher Fragen, verkaufe CDs. Die Leute wollen ohnehin wissen, wer man ist, verrenken sich den Kopf, einen zu sehen. Viele Männer an der Orgel sind so steif wie die Orgel selbst, wenn sie nicht von Lyrischem, Weichem, Schönem “erobert” ist. Um die Orgel beliebt zu machen, muss man nicht Pop an der Orgel spielen, wie manche meinen – man kann, aber man muss nicht. Man kann auch anders kreativ sein, komponieren, improvisieren, interpretieren. Leider steht für viele die Orgel für Kirche, und diese ist für manche konservativ, kalt, männerdominant, hierarchisch.
Virtuose, attraktive Frauen sind hier nicht so gern gesehen. Männer lassen Orgel lieber vergessen als weibliche Konkurrenz frei- und zuzulassen, dabei haben Frauen jedes andere Instrument beliebt gemacht und verändert. Der Kampf der Männer gegen Frauen an der Orgel ist über die Kirche und in akademischen Kreisen deutlich. Weder in Orgelforen, in Lehrkörpern, wichtigen Kirchen, in orgelsachverständigen Kreisen tauchen Frauen auf. Ich gebe mein Bestes, dies zu verändern.
Es macht Spaß, Salat aus dem eigenen Balkon zu essen, und Zitronenmelisse aus der Sonne schmeckt im Tee sehr gut. Tja, früher war ich immer im Zug, jetzt sitze ich auf dem Balkon und esse Erdbeeren. Seltsam.
Irgendetwas stimmt nicht. Der Lockdown steht nicht im Verhältnis, aber man soll vertrauen. Deutschland macht vieles sehr gut. Ich spüre dennoch Segen wie Schwingungen auf meinem Leben, lerne und gebe vieles auch visuell sehr gut, ohne viel Fahrerei.
Ich finde es spannend, dass Stimme immer da ist, Atem, auch wenn ich nicht singe, nicht spreche und nur an der Orgel und am Flügel sitze. Die Ruhe vom Fühlen des Schwingungsbereichs Brustkorb und Nacken helfen mir, mich mit Ruhe auf die Musik einzustellen. Die Vibration in Brust und Nacken. Dass der Ton im Raum schwingt. Ich bin der Raum, die Orgel ist der Raum, der Raum ist der Raum. Denn manchmal gehe ich in Vorleistung nach vorn, falle aktiv nach vorn, was zur Verkrampfung führt. Dann bin ich zu aktiv, als würde ich der ganzen Welt erklären wollen. Damit streicht man auch einen Teil von sich weg, denn Dinge werden enger, mit Druck, hart. Wenn ich nach hinten falle, werden die Einsätze und Übergänge weich, warm, weit, nicht rau oder kratzig, bleiben im Klangpool, reißen nicht ab, bleiben entspannt. Daher berühre ich mich kurz vor dem Spiel im Nacken: Ich aktiviere das Gefühl, dass der Ton durch mich hindurchschwingen darf. Er wird nirgends abgedrückt, er darf tief schwingen, in der Mitte.
Registrierung ist auch sehr spannend. Sich zu überlegen, welche Zungen ich nehmen soll, im Pedal und im Cantus Firmus beispielsweise. Das gefällt mir besonders. Oder was für Zungen man mit welchen Grundstimmen verbinden kann. Was für Solo-Zungen bei Scheidemann passen. Welche Zungen man kombinieren kann. Welche laut und welche leise sind. Affekt und Registrierung gehen nicht immer Hand in Hand. Zinke mit Trompete und Flöte 4 und Gemshorn 2. Ich finde, Registrierung brauchen an sich eine Zeit des Prozesses. Es ist eine Sprache, die man lernen muss. Und diese Sprache überträgt sich natürlich auf andere Instrumente. Auf Streichinstrumente zum Beispiel. Die 4-Fuß-Violine etc.
Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab. (Marc Aurel)
Ein philosophischer Kaiser.
Diese Seite finde ich interessant: Walcker-Stiftung – hier wird auf die gesellschaftliche Stellung der Orgel eingegangen, wobei ich nicht übereinstimme, dass Popmusik an der Orgel der Schlüssel für eine neue Beliebtheit der Orgel darstellen würde. Der “Rückgang der Orgel” hat aus meiner Sicht viel mit Hierarchie, Konservatismus und Männerdominanz zu tun. Es gibt Tabus, die man (als Frau) nicht brechen darf. Bricht man sie aber wie ich, sind manche versteiften Autisten bis ins Mark gekränkt und versuchen heute noch, mir zu schaden.
Meine Spaziergänge durch eine leere Stadt sind schön, aber auch irgendwie unnatürlich. In Schweden sieht das alles anders aus. In solchen Momenten spüre ich, dass ich doch sehr schwedisch bin. Die deutsche Bürokratie und Hierarchie liegen mir oft nicht so. Bei Deutschen heisst das: Regeln befolgen. Es sind meist Regeln von Männern.
Tägliche Videos von meinen Reisen seit Januar könnt ihr auf facebook sehen: Facebook Ann-Helena
Orgelspielen ist in erster Linie ein Wissen. (AHS)
In der Musik muss man an so vieles denken: Man ist Redner, Präsentationskünstler, spielt nicht nur für sich, sondern macht anderen ein Werk verständlich. Dazu gehört, dass man die nuancierte Mitte kennt, denn in den meisten Stücken ist nichts drastisch, besonders nicht in der Barockmusik. Und dann die feine Ausarbeitung: Auf der einen Seite das Metrum, auf der anderen Seite die Besonderheiten und das Charakteristische der Figuren. Dies beides in eine Einheit zu bekommen, dies macht Musik erst schön und schwingend.
Für mich ist es immer noch ein Schock, wenn Konzerte ausfallen und abgesagt werden, aber: Man darf von Kunst nicht zu abhängig sein. Mein Wert macht sich nicht daran fest, ob und wieviele Konzerte ich spiele. Und es tun sich plötzlich ganz andere Türen auf. Trotzdem habe ich es nicht geschafft, die Konzerte als “ausgefallen” in meiner Konzertliste zu markieren. Ich hoffe, ihr habt Verständnis dafür. In meiner Vorstellung sind sie gewesen, trotz C-19.
Wichtig ist, dass man in der Musik spricht und die einzelnen Stimmen, zum Beispiel den Tenor, ihn anbindet, verbindet, nicht abreißt oder zu kurz spielt, dass man eben spricht, nicht nur spielt; dass man dabei ruhig ist, nicht hektisch, sondern sich einzählt, sich einschwingt. Artikulieren bedeutet eher ein dichtes Non Legato, und Absetzen ist durchaus auch ein Verbinden.
Nur weil eine Stimme artikuliert, bedeutet es nicht, dass die anderen Stimmen das gleiche machen.
Natürlich mag ich es sehr, zu improvisieren. Meine “Haussprache” ist romantisch, spätromantisch bis hin zu ganz zeitgenössischen Gefilden; dennoch finde ich es sehr spannend, in allen (alten) Stilen zu improvisieren, und in diesen Stilen jeweils auch zu bleiben.
Momentan liebe ich die Zeitreise hin zu Bach an “giftigen” alten Orgeln mit spitzen Klängen – für mich sind diese Klänge einfach lieblich. Und jeder Stil, jeder Klang ist anders und hat seine Stärke und ist zu finden und aufzufinden und zu kennen und auszuprobieren, dazu die jeweiligen Komponisten – ich probiere all das momentan mit viel Phantasie an meiner Hauptwerk-Orgel, mit Setzern und Kombinationen – man muss neugierig bleiben. Die unterschiedlichsten Stile in dieser Zeitreise zu kennen, das macht den Reiz aus. Bei all dem darf man nicht vergessen, um was es letztendlich geht.
Ich freue mich, dass die neue hübsche Lupe, die Such-Funktion (die Lupe oben rechts eingebaut) auf meiner Seite seit heute ganz frisch erschienen ist, dort könnt ihr alles ersuchen über mich. Und Spotify ist ebenfalls neu als Button auf der Frontseite. Zudem sind die Header-Bilder bei den Terminen abgegrenzt zum Tourblog-Headerbild und die Links unterstrichen. Ich hoffe, dies sorgt für mehr Durchblick auf dieser großen Seite.
Mit gemütlichen Düften (frisch gewaschene Baumwolle, Regenluft oder geliebter Haut) kann man sich übrigens am besten entspannen.
ps: Ich habe darüber nachgedacht, dass Begriffe und Inhalte wie Zufall, “Wissenschaft” und “Toleranz” männliche Begriffe und Inhalte sind und meist einen Atheismus gegensätzlich zur Bibel dokumentieren und sehr hoch gehalten als höchste Werte überhaupt, meist normativ, einen (Ersatz-) Glauben darstellen. Und es heißt sogar, Irren sei wissenschaftlich. Ich freue mich, wenn sich die Milliarden Jahre, die manche Steine und Wesen alt sein sollen, als Irrtum herausstellen. Aber bis heute darf man sich das in Museen anhören, und das von sterblichen Menschen, die nicht mal wissen, was morgen ist. Im Grunde sind alle lebenden Menschen immer jung. Was wissen wir schon von Millionen von Jahren? Die meisten kennen nicht mal hundert Jahre, persönlich.
Wenn die Kritiker uneins sind, steht der Künstler im Einklang mit sich selbst. (Oscar Wilde)
Dann müsste ich stets im Einklang mit mir selbst schweben. Vielleicht war es von Oscar auch ironisch gemeint. Ich lese gerade Dorian Gray. In Oscars Texten lese ich oft Ironie und Homosexualität heraus.
Wenn ich sage, ich muss los, heisst es oft: “Wie, du musst los? Wohin?” Ja, heutzutage darf man nicht viel, erst recht nicht los, und schon gar nicht los müssen! Man darf (muss) sozusagen nur los zum nächsten Skype-Meeting. Seufz. Ich glaube, ich war seit zehn Jahren nicht mehr so lange am Stück daheim. Über drei Wochen nun. Ein völlig neues Lebensgefühl. Aus einem Wirbelwind wird eine Topfpflanze.
Anbei mein neues Bach-Video aus der Konzert-Serie aus Hamm im März 2020, danke an klenkfilm Stuttgart und Michael Seibel, der mir geblättert hat. Schöne Konzert-Videos, bevor die Krise losging, die mich kalt erwischte, aber ich freue mich sehr:
Zudem sind alle meine neuen Videos auf der Würzburger Kulturseite, hier der Link (ich muss geahnt haben, dass die Krise kommt, habe die Videos zum perfekten Zeitpunkt gemacht):
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ps: Was ich übrigens mehr als empfehlen kann für musikalische Video-Meetings als Skype, ist Zoom. Dort kann man den Originalton einstellen, der (tiefe) Frequenzen nicht automatisch herausfiltert.
Wenn man seine Arbeit nicht liebte, könnte man den Mut verlieren… Aber man muss daran glauben, für eine bestimmte Sache begabt zu sein, und diese Sache muss man erreichen, koste es, was es wolle. (Marie Curie)
Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen. (Römer 11, 29)
Habe gestern zwei Bilder von mir verkauft. Ich vermisse die Bilder schon, wenn sie aus dem Haus gehen, da es Originale sind. Aber ich freue mich natürlich auch, wenn sie anderen gefallen. Und ich habe wieder Grund, neue Bilder zu malen. Aber vor lauter Mendel, Feux Follets und Reger komme ich kaum dazu.
Bei Skype muss man vorsichtig sein mit dem Hall der Samplesets der Hauptwerk-Orgel, da dieser die Übertragung erschwert.