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30. Juli 2020

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Das Absprechen des Tones singt.

Wortgrenze durchbrochen. (AHS)

Schön und berührend finde ich Hakims „Jüngstes Gericht“, gestern im Radio gehört, Aufnahme aus München. Er konnte sich das Böse sehr gut ausmalen, hervorragend komponiert. Das Gute kam dabei leider nicht ganz so gut weg. Aber das Dämonische hat er umwerfend dargestellt. Ich konnte das Dämonische lachen, schreien, toben hören. Die Orgel an sich verwandelte sich in etwas Dämonisches. Für mich ist und bleibt das eine Facette von Schönheit in der Kunst, das Böse darzustellen. Manche sehen „schön“ als so oberflächlich bequem und lau und faul an, ohne die Spannung und Ängste und Realität des Lebens musikalisch zu berücksichtigen. Da bleibt dann nur das Alte und Philosophien und nüchtern Zahlen und Modi übrig.

Ach, ich liebe Orgel selbst im Radio auf der Autobahn. Es war dunkel um mich, als ich das Werk hörte, nur die Scheinwerfer der wenigen anderen Autos. Umwerfende Kulisse für das Werk. The last judgement. 

Und ich liebe auch Reubkes Orgel-Sonate von Kaunzinger gespielt vom Jahr 2000. Sehr gut, umwerfend gut gespielt. Es gibt auch eine Klaviersonate von Reubke. Diese ist mir noch nie untergekommen.

Und ich liebe Messiaens Himmelfahrt. Farben in Musik zu hören bzw. zu sehen soll eine Störung sein wie das absolute Gehör. Dann habe ich schon zwei Störungen. (Manche würden jetzt sagen, mindestes.) Für mich sind es nun mal Farben in Messiaens Himmelfahrt und in seinen Klangstücken generell, beispielsweise das erste Stück „Gold“, das vierte „Weiß“ (in Himmelfahrt).

29. Juli 2020

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Gib mir die Blume. (AHS)

Konzertblumen. Sonnenblumen. Alles schön. Ich liebe Pflanzen, ich liebe Tiere. Bei Hunden mag ich besonders gern Golden Retriever und (große) Boxer und Labrador und Dackel. Aber auch alle.

Orgelspielen ist Ohr. Eigentlich sind die Manuale egal. Man spielt mit dem Ohr. Wo ist der Klang im Raum? Das muss man trainieren. Sonst: Fehlplanung. Man darf nicht gefangen sein am Spieltisch. Dort ist nicht der Klang. Im Gegenteil – man kommt dort in einen Spieltrieb, in ein Rauschen, und es ist Wind im Kopf – das reicht nicht. Der Klang ist im Raum. 

Klar, der Spieltrieb ohne Ohr ist wie unter Drogen, man kompensiert, man meint Wunder, wie es klingt – aber das ist zu wenig, das ist kindlich, denn das, was zählt, ist, wie es wirklich klingt, real, unten. Nicht in einer Traumwelt.

Es ist anstrengend, auf Ohr umzustellen, und auch schmerzlich, wenn man sich der Realität stellt – aber wenn man seinen Ohren nicht (zu)traut, den wahren Klang zu finden, dann misstraut man sich selbst, dann wird man den Durchbruch nicht finden und nie zufrieden sein. Ich bin froh und glücklich, dass meine Ohren den Klang finden, sie sind willig und gehorsam und entzückt. Ohr sein ist Sein. Wirklich sein. Das ist die Musik. Alles andere ist Vorstufe. 

Ich vergesse nie dieses Aha-Erlebnis: Der Sound. Das Runde. Als wäre der Klang von den Manualen abgekoppelt, buchstäblich, abgepolstert, als wäre der Spieltrieb nicht in den Händen, sondern im Ohr! Als würde man mit Spinnweben zwischen den Händen spielen wie Spiderman, als hätte man Weben zwischen den Fingern. Alles wird vom Klang zusammengeschmolzen, zusammengehalten, rund und warm und weich. 

Es ist Resonanz. Das ist es, was es ist: RESONANZ. Nicht Dezibel. Nicht mechanisches Spiel. Die Resonanz zu finden. Das ist es.

28. Juli 2020

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Das Gesetzt ändert sich. Das Gewissen nicht. (Sophie Scholl)

An der Art, wie mit dem Virus umgegangen wird und wie unterschiedlich Menschen darauf reagieren, zeigt mir zumindest in einem Anflug und Hauch, dass es wirklich Realität war, was im Zweiten Weltkrieg passiert ist. Wobei ich es vorher schon sehen konnte, dass Menschen immer gleich böse sind, auch wenn wir jetzt in einer friedlicheren Zeit und nicht im Krieg leben.

Es war schön, in Darmstadt gewesen zu sein und bei Stimme der Hoffnung, Hope TV, es wird im September gesendet und kommt auch auf YouTube.

Seitdem ich meine entscheidenen Aha-Erlebnisse mit Registrierung gehabt habe, denke ich pausenlos über Registrierung nach. Was im Radio im Auto gespielt wird, irgendwelche Pop-Songs – was könnte das für eine Registrierung sein? Mit welchen Worten würde ich diesen Klang beschreiben? Welchen Registern kommt dieser Klang nahe? Welche Registrierung wäre diese Sängerin? Wenn ein Motorrad aufheult oder eine Sirene, was könnte das für eine Registrierung gewesen sein? Und welche wäre dieses Gitarren-Solo im Song? Welche Kombination wäre dieses elektronische Stück? Alles ist plötzlich süffige Musik und Registrierung.

27. Juli 2020

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Ich würde es begrüßen, wenn wir zuerst unseren eigenen Planeten in Ordnung bringen, bevor wir die Arroganz aufweisen, uns auf andere Planeten zu befördern, selbst wenn diese völlig unbewohnt sind. (Patrick Stewart)

Amen dazu.

Leider kann ich den neuen Kinofilm mit Russell Crowe Unhinged nicht empfehlen. Ich habe die Story vorher nicht durchgelesen, weil Russell Crowe einer meiner Lieblingsschauspieler ist. Der Name steht für sich, dachte ich. Und dachte, er wäre im Thriller der Gute. Leider ist der Film so gewalttätig, platt, unrealistisch und grausam, dass ich einen Großteil des Filmes gar nicht mitbekommen habe, da ich meist wegschaute, mit den Fingern in den Ohren. Im Grunde zeigt der Film durchgehend einen frauenhassenden, feigen Wahnsinnigen. Und zwar Russell Crowe. Traurig, dass er einen solche Rolle angenommen hat.  

Es ist immer die Frage, vor welchem Publikum man spielt oder spielen will. Ich finde es sehr wichtig, auch besonders das „Laienpublikum“ zu erreichen; natürlich ist es auch wichtig, für die Profis zu spielen. Aber wenn mir das „normale“ Publikum nicht mindestens genauso wichtig ist, sogar wichtiger, dann verliert man es. Und wieviele Profis sitzen schon im Publikum? Natürlich gibt es Profis, die kritisieren, wenn man die Masse erreichen will.  Man muss die Balance finden. Es geht um Kunst, nicht um Show, aber es geht auch um die Menschen. Gott schafft es auch: Er ist der größte Künstler, und er möchte alle ereichen. Er erschafft keine Elite-Sonnenaufgänge oder Akademiker-Meere. Warum sollte ich auf ein geringeres Vorbild als Gott setzen? Und es macht keinen Spaß, Laien pausenlos zu überfordern.

Was ich gemerkt habe: Als Pianistin begleitet man andere mitfühlend und dienend, sozusagen immer „hinterherspielend“. Das geht in der Kirche beim Spiel nicht. Als Organistin begleitet man voraus. Man führt. Das ist ein großer Unterschied, man muss beides können.

Ich erinnere mich noch: Als ich ganz am Anfang an Orgeln übte, 2016/2017, als ich noch reine Pianistin war und noch nicht Orgel studierte, da wollten mir einige Organisten vor Ort bei meine Fragen (zu Buxtehude, zur Registrierung, allgemein etc.) nicht helfen. Manche Fragen wussten sie schon damals nicht zu beantworten. Wer nicht gern gibt, unterrichtet und hilft, dem ist nicht zu trauen, auch dann nicht, wenn er dafür bezahlt wird. Viele Organisten wollen zum Potential eines anderen nichts beitragen. Selbst dann nicht, wenn Organisten immer mehr aussterben. Anstatt sich zu helfen. Das geht gerade an der Orgel sehr gut. Man muss zwar das Wissen für Orgel an der Orgel verarbeiten, das dauert etwas, aber an sich geht es vor allem erst einmal um Wissen oder Nichtwissen.

26. Juli 2020

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Ich liebe die tiefe, reiche Verbindung zwischen Musik und Glaube. (AHS)

Es war schön, am WE Besuch von einem netten Orgelbauer zu bekommen. Man kann viel von Orgelbauern lernen, auch was Registrierung angeht. 

Die Leute sagen, mein Balkon sei ein Garten. Es kommt nun ein neuer Vogel, er ist klein, ruhig, bunt und scheu; er quiekt nur erschrocken, wenn er mich sieht. Er macht mir ziemlich viel Schmutz, wenn er die Sonnenblumenkerne isst. Aber das darf er. Ich frage mich, was das für ein Vogel ist. 

An scharfen Saucen mag ich vor allem Wasabi und Sriracha – wobei mir das gar nicht scharf vorkommt. Ich ernte gern meine eigenen Tomaten; bin aber oft zu ungeduldig, zu warten, bis sie ganz reif sind. Ich esse sie vorher schon. 

Ich habe nachgedacht, wie es sein kann, dass Kirchenmusiker oft so hässlich zueinander sind und kaum Respekt und Achtung vor dem anderen haben. Ich glaube, es fehlt ihnen an Bildung und am Künstlerischen. Ich habe manchmal den Eindruck, Kirchenmusiker und Künstler – das beißt sich oft hinten und vorn.

25. Juli 2020

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Sollte es intelligentes Leben auf anderen Planeten geben, so gibt es ja die Chance, dass es das sogar bei uns gibt. (Royne Mercurio)

Es ist kaum zu fassen, wie unterschiedlich Bach Passacaglia gespielt wird. Die einen registrieren jede Variation, die nächsten spielen alles in einer Farbe durch. Dabei sind die unterschiedlichen, „widersprüchlichen“, „gegensätzlichen“ Lager der Standpunkte sehr massiv. Die Standpunkte anderer werden als „unmusikalisch“ und „falsch“ abgewertet. Man würde das Konzert verlassen, wenn jemand die Passacaglia anders spielt, als man es selbst für richtig hält. Ich finde, alles hat seine Berechtigung, wenn man sehr gut spielt. Ich möchte nicht nur eine Fassung haben, sondern mich immer wieder neu dem Stück nähern.

Es ist doch eine Entwicklung im Leben. Das einzige, was ich unmusikalisch finde, ist, 40 Jahre lang das Gleiche und die gleiche Fassung zu spielen. Man muss sich doch Neuem öffnen, wachsen und andere Meinungen anhören und ausprobieren. Ich bin immer durstig, neue Ideen und Standpunkte zu hören, auch wenn es anfangs verwirrend ist. Irgendwo in all dem sitzt die Wahrheit und finde ich meinen Weg. Mir fällt dabei auf, dass manche, die „schon lange im Geschäft sind“, die Dinge, die ich schon gehört und erfahren habe, nie gehört haben und überrascht sind. Weil sie sich nie dafür interessierten und nur einer Lehrmeinung gefolgt sind, ihr ganzes Leben lang.

a) Es kommt auch immer auf die jeweilige Orgel an. Wenn man ein wunderschönes Plenum und eine wunderschöne Orgel hat, warum nicht alles in einer Farbe spielen, wenn man den Drive, das Know How und die musikalische Technik dazu hat? Bach hat die Variationen so abgestimmt komponiert, dass dies möglich und vielleicht sogar (vom Notentext ausgehend) so anvisiert worden ist von ihm – denn wie sonst sollte der Übergang zur Fuge gedacht bzw. möglich sein? Man müsste einen Takt hinzufügen, wenn man hier registrieren will. Dieser Übergang zur Fuge ist ein Hinweis darauf, dass nicht umregistriert werden soll.

Wenn man unmusikalisch spielt, kann es „grauenvoll sein, 14 Minuten lang Posaune und Plenum zu hören“. Allerdings kann dieses Stück für mich nie grauenvoll werden, egal, wie gespielt. Die Passacaglia ist das schönste Stücke, das ich kenne. Man kann es nicht verderben. (Ich kompensiere zudem in meinem Kopf und höre, was ich hören will.) Jedes Mal bin ich aufgewühlt und verschwitzt, wenn ich es übe.

b) Auf der anderen Seite kann man natürlich registrieren, denn es sind ja Variationen – wenn man es musikalisch und sensibel tut – nicht jede Variation vielleicht, außer man sitzt an einer „schlechten“ Orgel, aber sich Punkte auswählen, wo es gut und geschmackvoll und passend ist, und dies mit der jeweiligen Orgel abstimmen. Man will ja keinen Flickenteppich haben. Wichtig hierbei ist immer die Ausgangssituation, mit welcher Farbe man die Passacaglia beginnt. Ist der Anfang tröstend, ist er schmerzvoll, ist er rau? Wie empfinde ich ihn heute? Das Stück bietet sich mir immer wieder anders dar, wie ein lebendiges Wesen. Ist der Anfang zärtlich, werbend, klagend oder dramatisch? Welche Kombination wähle ich? Eher piano oder forte? Das ist bei mir jedes Mal anders. Je nachdem, wie ich heute bin, wie das Stück heute ist, wie die Orgel heute ist. Wir sind alle drei lebendige Wesen. Und dies ist der Startschuss für meine Registrierung. Und dabei hat man immer Anfang und Ende einer Variation gleichzeitig im Kopf. Und vor allem die Fuge. In der Fuge zu viel zu registrieren finde ich eher bedenklich. Ich finde nicht, dass es nötig ist.

Es ist kaum zu fassen, wie unterschiedlich Liszt Ad nos gespielt wird und werden kann. Alle Begründungen sind nachvollziehbar und haben ihre Berechtigung. Ich könnte schon jetzt mindestens fünf unterschiedliche Fassungen spielen. Unterschiedlich sind sie in der technischen Herangehensweise, also in Artikulation (welches Legato, offen und pianistisch oder sehr dicht, wieviel Legato, was genau bedeuten die Bögen, wo setzt man ab und wie setzt man ab? Wie spielt man die Tonwiederholungen und Repetitionen, dicht oder ala Dupre…), aber auch in Agogikfragen, sehr stark abweichend in Registrierfragen, und auch, wie man es sich „leichter“ machen kann, wenn Linien doppelt sind, und dann Basisfragen zur Umsetzung allgemein an der Orgel – was lange Töne, was Pausen etc. angeht… Welche Noten-Ausgabe (hier werden nur bestimmte Ausgaben von „Lagern“ verwendet, dass es mir eher wie Politik vorkommt, nur um sich abzugrenzen), welche Zeit (28, 30, 34, original 45 Minuten), welche Tempi, eher Typus Orchester, eher Typus Klavier, was die Farben angeht. Ich finde alle Fassungen schön und berechtigt, wenn man es sehr gut (=musikalisch) und überzeugend spielt, an einer entsprechenden Orgel. Warum stur und festgefahren sein? Verrückt: Da wird wie wild transkribiert auf die Orgel, was auf den Flügel gehört, aber man schafft es nicht, originale Orgelwerke unterschiedlich zu interpretieren. Das passt nicht zusammen. Es ist schön, ein Orchesterstück daraus zu machen, wenn es die Orgel bietet, und schön, ein pianistisch-virtuoses Stück daraus zu machen, wenn man es kann. Schnelle und virtuose Tempi werden von den Organisten abgelehnt, die das selbst so nicht spielen können. Schön finde ich es, Gemeinsamkeiten zu finden – Dinge, die immer klar sind, für jeden, vielleicht sogenannte Wahrheiten.

Ich weiß noch gut, wie jemand zu mir sagte: „Ad nos ist ungefähr wie Liszt B-A-C-H, nur länger“ – da dachte ich mir: Na, dann – und fing an. Jetzt „im Nachhinein“ (ein paar Wochen später) denke ich mir, wie konnte man das zu mir sagen – das Stück ist mindestens dreimal so schwer und anspruchsvoll. Doch ohne diesen Satz hätte ich vielleicht nicht gleich begonnen.

24. Juli 2020

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Ich glaube, dass man sich im Leben täglich entscheiden muss, auf welcher Seite man stehen möchte. (AHS)

Die Seiten und ihr Vorteile können sich schnell wechseln. Man muss also ganz sicher sein, wo man stehen will, egal, was kommt und ist, no matter what.

Bei manchen Sachen kann man sich nicht entscheiden. Man ist Künstlerin, man wird es nicht erst. Bzw. man ist es und wird es.

Es macht mir viel Spaß mit den Dissertantenseminaren, Privatissima, Coach, Orgelbau, Registrierpraxis, Methodenseminaren. Es ist viel Arbeit, aber schöne.

Nach dem Reiten bin ich nachts nach Darmstadt gefahren für das Interview bei Stimme der Hoffnung (Hope TV) und habe in Zwingenberg (Bergstr.) in Hessen übernachtet. Ich wurde übernachtet. Es gibt mehrere Zwingenbergs, darf man nicht verwechseln und das Falsche erwischen. Zwingenberg hat eine niedliche schöne Altstadt, ein altes Rathaus und eine besondere weiße, alte Kirche, in der Luther gepredigt hat. Alles war von Sonnenlicht und Grün und Berg umgeben.

Das Interview war auch schön (ich wurde geschminkt und wollte auch Locken haben – habe die Gunst der Stunde dazu genutzt, leider sind nach dem Waschen meine Haare so weich und glatt, dass die Locken nach kurzer Zeit wieder in sich zusammenfallen), und dann haben wir ca. eine Stunde über Schönheit gesprochen, Schönheit und Kreativität und Musik. Über die unterschiedlichen Facetten von Schönheit. Es wird am 3. September gesendet, auch YouTube. Die Moderatorin Gabi ist sehr nett, und als ich von den jüdischen Stolpersteinen berichtet habe, hatte sie wie ich Tränen in den Augen.

Orgel wird immer faszinierender für mich, je länger ich sie spiele. Die Facette der Registrierung ist noch hinzugekommen. Bei einem Flügel entsteht der Ton u.a. mehr oder weniger direkt vor meiner Nase, aber bei der Orgel entstehen die Töne sehr weit weg von mir in allen Richtungen kreuz und quer; es ist wichtig, sie zu lokalisieren, mit den Ohren am Ton zu kleben.

in der Maske

23. Juli 2020

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Ich weiß nicht, welche Schönheit ich bevorzugen soll: Das Zwitschern des Vogels oder den Moment direkt danach. (Linda Olsson)

Frei übersetzt aus dem Schwedischen.

Ich trage meine Lieblingsfarbe: Gelb. Gern habe ich mein gelbes Eiscreme-Kleid an. Oft bin ich die einzige in der ganzen Stadt mit einem gelben Kleid, mit einem fröhlichen Kleid.

Schade ist, dass es Eismohr nicht mehr gibt. Ich habe das gern gegessen. Sie haben versucht, es umzubenennen, aber dann hat es keiner mehr gekauft. Ich habe gestern noch den letzten Rest der Schokosoße bekommen als eine Art Eismohr. Aber sie schmeckte alt. Dabei habe ich bei Mohr nie an Rassismus gedacht oder rassistische Gedanken gehabt, ich habe überhaupt an nichts gedacht, außer an Eis.

22. Juli 2020

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An einer Sauer wird man zu Straube. (AHS)

Ich denke, dass man an einer französisch-neobarocken Orgel recht auf die Zungen angewiesen ist, da diese die Pracht ausmachen. Da ist nicht leicht, daran „vorbei zu registrieren“, wenn sie verstimmt sind.

Ich habe festgestellt, dass es auch schön ist, Reincken Fuga g-Moll mit Prinzipal 8 und Flöte 2 zu spielen, also im Spaltklang. Das kann an mancher Orgel schön leuchten.

Man muss an jeder Orgel neu schauen, ob man Achtfüße verdoppeln kann. Manche Orgeln verlangen es, zB. viele Silbermann-Orgeln. Aber an anderen ist es klanglich unmöglich, zu verdoppeln.

Mit dem Nasard muss man bei Solostimmen immer etwas vorsichtig sein.

Ach, ich liebe die Fuge der Passacaglia c-Moll – diese norddeutsche, direkte Fuge, die gleich mit Kontrapunkt einsetzt nach dem Vorbild Reinckens. Mit verschobenen Akzenten: die betonten Schwerpunkte sind im Thema und im Kontrapunkt so gleichmäßig verschoben, immer nach anderthalb Takten, dass das Gefühl von Zwei in Drei entsteht, ein Hemiolen-Gefühl, das Gefühl von Querständen. Das Kontrasubjekt ist so intensiv, mit verminderter Quinte oder verminderter Quarte, dass das Drama in Musica perfekt ist. Dann vermindert Bach auf drei Stimmen, dann auf zwei, die Ruhe vor dem Sturm. Es ist so dynamisch komponiert, dass Registrieren an einer wunderschönen Orgel nicht oder kaum notwendig ist. Auch die Variationen davor sind perfekt auskomponiert in der Dynamik: In der 13. Variationen (Alt-Einsatz) 3 Stimmen, dann zwei, dann eine Stimme. Dann wieder kontinuierlich bis zu sechs Stimmen (Variation 16). Besonders schön ist es, wenn sich die Top-Noten oben und unten c auf dem Gipfel des Mont Blanc in der Kadenz vor der vorletzten Variation treffen. Das unermüdliche und herzzerreißende Insistieren Bachs ist wie ein Werben, besonders in den Querständen. Bis in die kleinste Kleinigkeit (die verspätete Zwei in Variation 14) ist die Intensität geradezu schmerzvoll.

Sehr empfehlen kann ich den Film Babette  – vor allem, wenn man ihn in original Norwegisch sieht, mit englischen Untertiteln. So trainiert man wieder zwei Sprachen.

Ich lese gern Bücher von Martin Petzold, dem verstorbenen Musikwissenschaftler aus Leipzig. Und ich lese auch Bürgers Liebe – über den Versuch einer Ehe. Was mir auffällt ist, dass, wenn es „wir“ heißt in Literatur und Politik, immer nur Männer gemeint sind. Oft ganz offensichtlich: „Wir fühlen uns vielleicht toleranter, sanfter, leben aber immer noch das Programm vom Männlichkeitswahn.“ (Hermann Kinder) Wir! An diesem Satz kann man viel ablesen. 1. Männlichkeitswahn: stimmt (schon mal ein Fortschritt mit dieser Erkenntnis). 2. Männer „fühlen sich toleranter“ – die, die tolerant sein müssen, sind Frauen. 3. Wer bitte ist wir? Die Lobby Mann? Es ist, als würde ich schreiben: „Wir fühlen uns manchmal nicht ganz so gut, wenn wir unsere Tage haben.“  – Wer ist hier wir? Selbst bei Verbrechen wird das Wort „wir“ verwendet (z.B. Kindesmissbrauch). Hier wird dadurch vertuscht, dass die Verbrecher nur Männer sind. Es wird fast nie betont, dass es nur Männer sind. Als wäre das schon völlig normal. Sind vereinzelt Frauen beteiligt, sind diese Geliebte und Handlanger dieser Männer, was ihnen zum Verhängnis wird. Wenn (was sehr selten geschieht) mal weibliche Verbrecherinnen unterwegs sind, wird das sehr betont.

21. Juli 2020

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Musik ist immer auch Politik; auch Bachs. (Stefan Bohman)

Ähnlich sagt es auch Törnblom. Beides Schweden. Meine Musik ist im Grunde auch etwas Politik.

Es ist spannend, wie sehr Stimme zur Persönlichkeit gehört. Schwingung ist Heilung. Klang erzeugen ist Heilung. Mit der Stimme noch mehr als am Instrument, da die Schallleiter, die Knochen noch intensiver nach außen (und nach innen) transportieren. Daher ist Sprechen und Singen so gut für uns. Es ist direkte Berührung anderer und mich selbst. Man kann also sich selbst durch Schwingung berühren. Auch am Instrument. Wir halten unsere Stimme viel zu oft an, als würden wir mit dem Kehlkopf denken und unsere Gedanken ordnen. Aber der Kehlkopf soll nicht denken, er soll entspannt sein. Wir denken ja mit dem Kopf.

Es ist also so, dass es ein physisches Gesetz ist, dass Schall, Klangerzeugung und Schwingung guttuend und heilend sind, man kann sich dem gar nicht entziehen.

Es ist schön, mit Stimme und lautlichen Eigenschaften, mit Prosodie und ihren Modi Dynamik, Agogik und Betonung (im Grunde Artikulation) zu arbeiten. So kann man als Künstler üben, wie man im Konzert mit dem Publikum kommuniziert und in Werke einführt (zB. nach dem ersten oder zweiten Stück) – persönlich, geerdet, mit Blickkontakt, frei, tief, einladend, warm, klingend, mit Bogen (ohne dass die Stimme nach jedem Satz nach oben geht, als würde man sich selbst in Frage stellen) und leicht nach hinten gelehnt. Es hilft, sich vorher zu dehnen, nach allen Seiten zu strecken, Nacken und Rücken zu spüren, auf den Fersen zu balancieren, auf den Zehenspitzen, zu singen und locker zu machen – und die Stimme sprechend bewusst einzusetzen.

Ich mag gern Griegs Anitras Dance. Ich liebe dieses Runde, in Eins zu dirigieren. Ich habe ein „Paket von großer Emotion, Persönlichkeit, Talent und Enthusiasmus“ – aber Dirigieren studieren möchte ich auf keinen Fall noch. Wenn etwas sein soll, wird es schon werden. Denn es ist oft mit Leid verbunden, als etablierte Künstlerin an einer deutschen Hochschule zu studieren, da man sich außerhalb der Norm und des (autoritären) Rollenverständnisses bewegt, was für manche im System schwer zu verkraften ist.

Hm, ich mag noch immer sehr den Film Oben – ich habe ihn zuerst im Flugzeug gesehen und bin noch immer berührt vom Anfang.

Erinnern möchte ich heute an folgende wundervolle Dichterinnen und Künstlerinnen: (denn es stimmt: Es wird für nichts so viel Reklame gemacht wie für Männer: „Unentwegt erinnern sie an sich selbst: auf Geldscheinen, Briefmarken, Straßenschilder und Statuen, in Lexika und Zitatensammlungen“ (insel-Taschenbuch 2783): – in denen Frauen kaum vorkommen, da Männer die weibliche Geschichte nicht sonderlich interessiert –

Camille Claudel (Bildhauerin), Germaine de Stael (politische Romane), Margarete von Navarra (Zeitdokumente), Gabriele Münter (Malerin), Mary Wollstonecraft, Gertrude Stein (Mutter der Moderne), Sor Juana Ines de la Cruz, Golda Meir – fast alle diese Frauen waren damals schon „Feministinnen“, was bedeutet, sie setzten sich dafür ein, dass Frauen Bildung und Freiheit haben durften. Und es fällt auf, dass die alle diese Künstlerinnen keine oder unglückliche Beziehungen zu Männern hatten. Sie waren mit „berühmten Männern“ in Zusammenarbeit, wurden von ihnen als Geliebte benutzt, „schienen aber nur als Beigabe gesehen zu werden, als hätten Frauen kein ursprüngliches, echtes, eigenes Talent, als könnten Frauen keine schöpferischen Menschen sein.“ (Gabriele Münter). Allein das von vielen Männern verächtlich angesehene Wort Feministin ist frauenfeindlich: Ist es nicht völlig normal, dass Frauen Bildung und Freiheit haben sollen? Ist es nicht im Gegenteil so, dies zu verweigern einen Namen braucht? Sexismus ist noch zu wenig. Es ist Femininhass. Diese Seite hier soll auch eine Erinnerung dagegen sein, was manchen Männern heute schon nicht passt.