“Prinzipien und ihre Konsequenzen sind noch wichtiger als Werte. Und Integrität ist wichtiger als Loyalität oder ihre höchste Stufe.” (Covey)
Jede Taste ein Finger und jeder Finger eine Pfeife.
Ich freue mich auf Arnstadt. Bachstadt. Und ich freue mich auf meine Konzerte.
Heute wird ein spannender und besonderer Tag. Es ist übrigens wirklich wahr: Die neuen Klais-Orgeln sind in vielem wie Steinways, und die Saal-Orgeln sind einem Flügel gleich. Auch wenn ich die Pfeifen spüre und höre. (Diese Nebengeräusche hat kein Flügel.)
Sehr viele Orgeln sind fern von einem Flügel, was ich auch sehr gut finde, so soll es sein; es sind ja auch viele Klaviere fern von einem Steinway wie der Mond von der Sonne. Jedoch vermisse ich an den (Saal-) Orgeln oft viele schöne Vierfüße. Es gibt meist nur wenige, und sie sind miteinander (beinahe) identisch. Gerade für Mozart braucht es viele schöne unterschiedliche Vierfüße. Orgel und Flügel zu spielen bedeutet: mehrsprachig zu sprechen. Das Wissen über Musik darf natürlich nicht zur Sucht werden.
Der Applaus hilft oft nicht weiter, sondern nur noch die Stille in unserem Herzen.
Wichtig ist es, respektvolle und kluge Mentoren, Begleiter und Supervisoren zu haben, jedoch auch, den eigenen Weg zu finden und zu gehen, nicht auf andere zu hören. Hier die richtige Balance im Leben zu finden, ist nicht leicht, denn beides ist notwendig. Und im geschützten Raum lernen und Fehler machen, Schwächen zeigen zu dürfen. Jeder kommt aus einem anderen Hintergrund. Das Spannende ist gerade der Lernprozess: Erst ist Null, dann Eins, dann Zwei, dann wieder Null, dann Zweieinhalb usw. Was gibst es Spannenderes als das durchzustehen?
Man muss nie aufhören zu lernen. Wir lernen nicht nur für die hundert Jahre hier auf der Erde. Wir lernen für die Ewigkeit. Wir lernen nicht für Geld. Geld wiegt kein Lernen auf. Wir lernen auch nicht, um aufzuhören, zu lernen.
Ich freue mich auf die Beethoven-Konzerte “Jänner” mit dem Wiener Dirigenten Azis. Und Mozart und Bach an der Orgel
J.S. Bach lief nicht der Mode nach. Man kann die Mode sowieso nicht einholen. Im Gegenteil, Bach wartete, bis die Mode ihn einholte. Es gibt ja geradezu einen Bach-Hype hier und da. Man kann an Mozarts Leben den gravierenden Unterschied zu Bach sehen: Der eine, J.S., auf sich gestellt, allein, auf Gott geworfen, ohne besondere Anerkennung, wachsend in der Stille bis zur Reife; der andere, Amadé, von seinem Vater prostituiert und verwirrt, auf Anerkennung geeicht, auf Mode, Geld, Geschmack, Seifenblasen und bis zum Schluss auf Gefallen bei Menschen und Vorgesetzten; immer auf der Straße. Bach wollte Gott gefallen; Mozart seinem Vater und dem verwöhnten Adel und deren Wunsch nach Zerstreuung. Mozart spielte nach den Spielregeln anderer, hat an die Gesellschaft, dem Vorteil und an Menschen seine Seele verkauft. Bach war kein Balancekünstler.
Dies alles ist auch in der Musik. Dennoch liebe ich beide Musik. Helle hohe Musik. Besonders am Ende des Lebens beider Künstler ist gut zu erkennen, wem sie dienten. Manchmal ist unmöglich, beiden “Herren” gleichzeitig zu dienen: Menschen und Gott.
Beethoven, Mozart, Bach. Diese drei gerade in meinem Leben.
Musikalischer Impuls 11: Die Kunst der Ausklangs. Der Hammerflügel
Ich schätze sehr den Hammerflügel, das Hammerklavier. Die Triller sind durchsichtig, und wenn ich mit dem Knie Pedal spiele, wirkt der Klang wie mit einem Schleier unterlegt. Romantisch. Die schwarzen Dämpfer sind fein, manche Hammerflügel erinnern an ein Cembalo.
Historische Tasteninstrumente oder Claviere sind wie eine Art Therapie für Pianisten wie mich, die sehr von Kraft und Virtuosität und Schnelligkeit kommen. Dagegen wirken Clavichord, Cembalo und Hammerflügel (für Mozart, Haydn…) wie zerbrechliche kleine Instrumente. Therapie für Leichtigkeit. Aber so zerbrechlich sind sie gar nicht; sie helfen, wieder zur Basis zurückzukommen, zu den Fingern, zur Ruhe; zurück zu kommen, Ton passieren zu lassen, Ton zu produzieren und zu formen. Differenzierten Klang mit Volumen, ohne unter Strom zu stehen.
Es ist beispielsweise gar nicht so leicht, auf einem Clavichord einen runden, vollen Klang zu erzeugen, keinen eckigen. Das Training am Clavichord hilft für alle Tasteninstrumente.
Nur auf einem Clavichord kann eine bereits gedrückte Taste noch in Bebung (Vibrato) gebracht werden. Ton formen auch an den leichten, schier schwerelosen Tasten der unterschiedlichsten Hammerflügel, deren Erzeugungsweg zum Klang immerhin noch etwas länger ist als am Clavichord (hier nur die Tangente). Natürlich, der Tastenumfang ist viel geringer, jedoch kann man andere, unterschiedliche Farben kreieren. Ja, die Farbigkeit der historischen Instrumente gefällt mir, die vielen Schattierungen des Pianissimo.
Die Instrumente sind an sich schon Lehrmeister! Ja, ich wünsche mir ein Clavichord (gebunden oder ungebunden), ein (italienisches oder deutsches oder französisches) Cembalo mit zwei Manualen (zwei Achtfüße, oben einen nasalen und unten einen grundtönigen, und die Möglichkeit des Koppelns für einen voller wirkenden Klang; einen Vierfuß, den man dazu nehmen kann, und dass man eventuell ein Manual auf das andere legen kann). Und einen Hammerflügel. “Aber dann ist alles mit Instrumenten bei dir vollgestellt!” Nun ja. Die Instrumente kommen zu einem, sie finden mich. Man braucht nur Geduld. Das habe ich ja selbst erlebt. Der Steinway kam zu mir, die Übe-Orgel…
Wo lernt man besser als an diesen historischen Instrumenten, leicht ohne Arm zu spielen mit sanften, sensiblen Trillern? Dies sind alles Basis-Instrumente, keine Vorläufer. Vollkornbrot. Und dann noch das kreative Continuo-GB-Spiel mit anderen. Praktischer, künstlerischer Generalbass.
Ich geniesse es, am Flügel ab und zu ganz ohne Pedal zu spielen. Natürlich darf Klang nie wie vier Tage altes Brot klingen oder wie “nichts und wieder nichts”. Der Unterschied ist eben zwischen nichts und etwas.
Schön finde ich die dritte Ritter-Sonate an der Orgel. Sie ist eingängig für das Publikum, eingängiger als Reger und Liszt, und auch leichter zu spielen. Wobei ich eine Reger- und Liszt-Verehrerin bin. Oder im Organisten-Sprech: “Ich registrier mal auf.” Und das im Turbo-Studium.
Empfehlen kann ich heute den Film Maos letzter Tänzer, erst war er der Schwächste, aber er hielt durch; er war inspiriert; dann wurde er der Beste. (Auch wenn der Film fast nur auf Männerkarrieren fixiert ist.) Und den mehrteiligen Film Mozart (ARD, Bluwal), auch wenn dem Wolferl homosexuelle Neigungen und einen höchst aggressiven Vater wohl angedichtet wurden. Sehr sympathisch kommt Amadeus nicht herüber. Seltsamerweise sind immer die Frauen und Mädchen “unmusikalisch” und “dumm” und “intrigant”. Aber seine Flötenuhr und seine Orgelwalze gefallen mir so gut.
“Jeder von uns trägt ein unermessliches Potential in sich, das jedem Vergleich mit anderen widersteht.” (Stephen R. Covey)
Bei der Orgel müssen sich Laien zunächst oft an den Klang gewöhnen, der etwas blurry wirken kann. Der Klavierklang dagegen wirkt schneidend klar und brillant, auch wenn tatsächlich ein großer Teil der Obertöne durch die Filzhämmerchen absorbiert und gedämpft wird. Bei einem Cembalo dagegen werden die Saiten durch einen Federkiel oder ein Plastik-Pendant angerissen. Hier reden wir daher von unterschiedlichen Stimmsystemen. Bei einem Flügel geht es lediglich um eine leicht modifizierte Gleichstufigkeit durch Spreizung.
Die Orgel übertrifft das Cembalo noch in ihrer Obsession für Obertöne. Obertöne stehen nicht unbedingt für Klarheit, aber auch an der Orgel können klare Klänge produziert werden, in allen Lautstärken.
Am Steinway braucht man, so sagen die Organisten, sehr viel Kraft. Ich empfinde das gar nicht so. Aber was ich empfinde: Ich brauche viel weniger Kraft an der Orgel. Ich habe zu viel Kraft, Hilfe! Die Orgel bebt.
Mir hat ein Umblätterer mal gesagt: Meine Energie wäre auf ihn übergegangen, hätte ihn geradezu angesengt, es wäre “ein tolles Gefühl” gewesen. Er wäre verbrannt. Hm. Also, ich weiß nicht. Dass ausgerechnet die große Orgel so viel weniger Kraft braucht. Völliges Paradoxum. Und doch gerade nicht. Es ist eben ein Blasinstrument. Ökonomisch an der Orgel bleiben. Mir hilft, mir meine Seele als eine konische Pfeife vorzustellen; ich spüre die Länge meiner Seele; eine, die auf dem Kopf steht. (Wo der Pfeifenfuß genau steht, weiß ich nicht.) Sie strahlt in meine Gliedmaßen, besonders in meine Hände. Wenn meine Daumen, mein Nacken (Schaltstelle), mein Gehirn, meine Mitte und meine Handinnenflächen frei und entspannt sind, ist es auch mein Klang. Feldenkrais hilft. Mein Körper reagiert ganz automatisch. Die Mitte ist hinten, im Rücken. Ich muss nichts festhalten. Ich mag auch sehr gern Alexandertechnik.
Mixturen und Quintregister beschäftigen mich gerade. Quinta 3 ist 2 2/3 (der Tastenton C erklingt als Ton G, also als Quinte). Andere Quintregister in weiterer Flötenmensur werden meist Nasat genannt, selten Quinte. Mixtur III oder Cornett III (dreifach) haben drei Pfeifenreihen, drei Chöre, wie man sagt: Es klingen pro Taste drei Töne, meist im Oktav- und Quintabstand. Zimbel ist eine hohe Mixtur. In der französischen Tradition wird sie immer zur Mixtur gezogen, in Norddeutschland eher selten.
Sie besitzt unterschiedliche Zusammensetzungen, meist häufige Repetitionen. Es gibt aber auch Solo-Zimbeln, die mit Gedackt kombiniert für solistische Zwecke genutzt werden. Mixturen beispielsweise: 16, 8, 4, 2 2/3, 2, 1 1/3, 1, 1/2, 1/3, 1/4. Orgelbauer lieben Verdoppelungen, daher gibt es zusätzlich meist auch Einzel-Aliquoten, wie man die Terz- und Quintregister nennt. Aufgrund von Einzel-Aliquoten bräuchte es keinen 4-Fuß-Chor in der Mixtur. Gibt es aber oft, wegen der Lust auf Verdoppelung.
Im Grunde ist eine Mixtur ein großer Vielfach-Chor, mit Repetitionspunkten. Selbst in den alten Blockwerk-Orgeln gab es riesige Mixturen (12fach, 25fach) , die man hinzuziehen und wieder abstoßen konnte. In den alten italienischen Orgeln gab es dagegen nur Mixtur-Einzelreihen zum Kombinieren.
Ich liebe Beethovens Waldstein-Sonate, auch den alternativen zweiten Satz Andante Favori. Neben der Orgel wiederum am Flügel zu sitzen und den genialen Beethoven zu spielen ist sehr schön, Pathetique, Appassionata, Mondschein… Genial! Im Kontext immer genialer.
Seltsamerweise empfinden manche Songwriter Beethovenspielen als “Nachspielen” und “Nachspielen würde ja jeder können; Chillout-Songs wären viel besser.”
Nun. Muss ich dazu etwas sagen?
Empfehlen kann ich heute den Film Nowhere Boy über John Lennon. Und ich mag die Filmmusik von ganz alten Schwarz-Weiß-Filmen wie beispielsweise Zu neuen Ufern.
Beethoven Klavierkonzert c-Moll mit Christoph Preiß zusammengespielt; geprobt für Saarbrücken und Kaiserslautern; es macht Spaß; er ist ein jagendes, virtuoses Orchester. Wenn man ein Klavierkonzert allein übt, ist es völlig anders, als wenn man es dann zusammenspielt; nicht nur wegen den vielen Einsätzen, sondern weil die Musik sich schier zu verschieben scheint.
Ich freue mich auch auf die Orgelkonzerte 2020. Und über die Ausschüttungen der GVL dieses Jahr.
Empfehlen kann ich diesmal: The Mule: Ein sehr guter Clint Eastwood-Film.
Ich liebe die Pathetique.
Manchmal vermisse ich meine alte orange Vespa mit der Sonnenblume auf dem Kotflügel. Und die Aprilia. Nun fahre ich mit meinem tapferen Beetle durch den Regen.
Es gibt viele verschiedene Gesichter von Bescheidenheit und Nicht-Bescheidenheit. Es gibt auch eine Schein-Bescheidenheit, die in Wirklichkeit mit Demut nichts zu tun hat, sondern mit Unsicherheit, Zweifel, einer gewissen deutschen Verklemmtheit, Niemandem-etwas-Gönnen (denn “niemand ist jemals gut genug”) und gleichzeitig Größenwahn.
Im ICE mag ich es nicht, wenn jemand laut neben mir eine Mohrrübe ißt. Gibt es denn keine anderen Lebensmittel, die man im Zug essen kann? Zum Beispiel nichts? Lärm finde ich…
Beim Improvisieren ist es mir wichtig geworden, dass keine Art Schubidu entsteht: Manche Chöre und Bands sind durch dieses Schubidu leicht kitschig geworden: durch dauernde Quartvorhalte, Parallelen, Übertreibungen in Sequenzen und Lametta. Wenn man das Schubidu zu oft hört, gewöhnt man sich fatalerweise noch daran. Im Grunde läuft das Schubidu ja fast in jedem Kaufhaus, Radio und Fahrstuhl. Ich finde es sehr schön, dass an Hauptbahnhöfen großer Städte im Gegensatz dazu Schumanns Klavierkonzert läuft.
Ich denke gern an die Klosterkirche Maihingen (Baumeister-Steinmeyer), wenn ich Muffat Toccaten übe: 23 Register, modifiziert mitteltönig, gebrochene Octave und original erhaltene Faltenbälge.
Übrigens gibt es überall… Wissenschaftler. Ja, sogar Orgelwissenschaftler! Man glaubt es ja kaum.
Danke für die lieben Weihnachts- und Adventswünsche, liebe Fans, Publikum und Sponsoren! Danke für die Päckchen und Briefe. Ich liebe Überraschungen! MERCI! Ihr ermutigt mich. Gesegneten dritten Advent allen!
Sehr empfehlen kann ich den Film The Mission von Joffé (Arthaus) mit De Niro, er ist berührend, historisch und künstlerisch, ausgezeichnet mit einem Oscar, mit unglaublich schöner Musik von Morricone, ein Film über das Werk Gottes, Werte, Liebe, Demut, Mission im Gegensatz zur säkularen Machtpolitik. Ein Film, in dem man immer wieder weinen muss. Wenn Liebe nicht über den Tod hinausgeht, ist es keine Liebe. The Darkness has not overcome the light.
Schön war, die Konzerte und die Workshops Klavier 2020 in St. Petri Hamburg-Altona und Paul-Gerhard-Kirchengemeinde Altona zu besprechen. Jan, der Kantor der Nordkirche mit dem Büro im Dorothee Söllner-Haus, hat ein Foto von mir vor der Schuke-Orgel in St. Petri gemacht. Da er den Kronleuchter davor in einem bestimmten Licht erwischt hat, sah es so aus, als wäre eine große Fledermaus in der Orgel. Auch der Blüthner ist sehr schön.
Altona ist wie eine eigene Stadt. Mit eigenem Rathaus. Völlig anderes Flair als die Hauptstadt. Unser Gespräch zur großen, seltsamen Pferde-Drachen-Kampf-Statue am grünen Brunnen am Bahnhof Altona: “Was machen die denn da?” “Brunnen.”
Ansonsten scheint Hamburg vor allem aus Weihnachtsmärkten zu bestehen. Wenn man einen durchgelaufen ist, zum Beispiel am Rathaus, kommt sofort der nächste; es gibt köstliche Dinge wie Kartoffelpuffer und Lebkuchenmuffins und Käsenudeln, warme Suppen und natürlich viel Alkohol; diese Buden heißen “Anleger”. Von diesen halte ich mich lieber fern. “Wo geht es denn hier zum Jungfernstieg?” “Wo kommen Sie denn her, dass Sie den Jungfernstieg nicht kennen?” “Von da oben.” “Nein, ich meine generell.” “Achso, aus Würzburg.” Wie man die Hauptkirchen findet, weiß ich nun endlich. Fräulein Elbe.
Die meisten, die (Kirchen-) Musik studieren, üben nur während des Studiums. Sobald sie in ihrem Beruf sind, sind 80 Prozent ihres Tuns Verwaltung, Organisation, Administration (Büroarbeit), Unterricht oder Dienstleistung. Der Beruf hat mit dem Studium wenig zu tun.
Viele, die Klavier studieren, üben nur während des Studiums. Später in ihrem Beruf unterrichten sie. Sie spielen max. einen Klavierabend pro Jahr, können (auf Anhieb) nicht mehr wirklich spielen, schon gar nicht ein Stück auswendig.
Bei mir ist das Studium und alles, was ich tue, konkret Teil meines Berufs. Es ist nicht nur so, dass ich die Früchte meines Studiums direkt anwende, sondern die Blüte, unter der Woche aufgegangen, bereits am Samstag und Sonntag blüht. Denn bei mir wird direkt in den treibenden Boden gesät. Alles, was ich im Unterricht lernte, setze ich schon am nächsten Wochenende im Konzert eins zu eins um. Alles, was ich erfahre, wird schon ein paar Tage später ins künstlerische Depot gelegt und angewendet.
Der Teig ist noch heiß und kommt aus dem Backofen; das Publikum bekommt warme Brötchen im Konzert. Das passt natürlich Neidern nicht. Besonders neidisch sind einige Kommilitonen und Kollegen. Aber ich habe mich daran gewöhnt.
Ich bin dankbar für alle, die mit viel Respekt meinen künstlerischen Weg unterstützen.
Klar, auch ich habe viel Verwaltung, aber sorge dafür, dass Verwaltung für Konzerte maximal 40 Prozent beträgt und möglichst Spaß macht. Mindestens 60 Prozent bleiben Kunst und Musik, Schreiben, Komponieren, Lernen, Repertoire erweitern, Human-Kapital, Bildung, Lesen, Umsetzen.
Üben ist für mich Musik machen. Das Besondere an mir ist, dass ich von Konzerten lebe. Dass ich von der Kunst lebe. Dass ich voll berufstätig zudem ein zweites neues Instrument studiere. Trotz Gegenwind. Und mit sehr viel Support. Meist sind bei Männern die Ehefrauen die Armen, die die Verwaltung machen müssen.
Natürlich ist es kompliziert, da die meisten Professoren gewöhnt sind, 20jährige zu unterrichten, die abhängig von ihnen sind. Sie wissen nicht, wie man mit Leuten wie mir umgeht, die die Rangordnung sprengen und Dinge geleistet haben, die sie selbst nie geleistet haben.
Da kommen Hierarchie, Statistiken und Regeln nicht mehr mit. “Sie dürfen dies nicht. Sie dürfen das nicht. Gehorchen Sie. Tanzen Sie nicht aus der Reihe.” Und: Von Konzerten kann man nicht leben, es darf nicht sein… Jedenfalls nicht Sie! Sie sind kein Mann und machen nicht das, was zum System gehört!
Wie könnte und dürfte ich da in meiner außergewöhnlichen Rolle nicht auffallen?
Auf der anderen Seite wird gejammert, dass es keine neue Orgelmusik mehr gäbe, bestimmte Komponisten und das Instrument an sich untergehen könnten oder links liegen gelassen werden – kein Wunder, wenn das System über alles geht. Die, die Neues bringen, schaffen Neues aus einer anderen Richtung. Dennoch ist es immer wichtig, das System zu kennen. Der Ausbildungsbereich ist hier oft der Gegensatz zum künstlerischen Berufsalltag.
Wie kommt es eigentlich, dass vor allem Männer Orgel spielen? Liegt es daran, dass sie den Spieltisch als “Schaltzentrale” verstehen, von der sie aus die Teilwerke ansteuern? Die vielen hundert Pfeifen? Wie in einem Flugzeug? Weil Orchesterstimmen in tausenden Kombinationen vorliegen? Die Bündelungen in den Mixturen? Lautstärke und Gleichzeitigkeit? Größe, Dicke? Die lauten Posaunen? Die Zweiunddreißigfüße?
Ist das alles Musikalität?
Ich mag es, dass alte Instrumente in der Orgel versammelt sind: Dulzian (fagottähnliches Instrument), Traversflöte (Querflöte aus Holz)…
Ich mag es auch, dass sich die Luft am Oberlabium bricht, über der Kernspalte, und durch diese Brechung schwingt und Ton erzeugt. Die Orgel mit dieser Brechung symbolisiert: Einheit im Gegensatz. Die leisen Klänge.
Mir gefällt das Aufhellen mit den Vierfußregistern (eine Oktave höher als 8-Fuß und halb so lang wie diese).
Ich mag den “Wind”. Den gesteuerten Weg des Windes. Senkrechte und waagrechte Wege. Bewegungswege. Übertragene Wege.
Ich mag die Lingualpfeifen. Aber auch die Holzpfeifen und Gedeckten. Und die Zweiunddreißigfüße.
Es war schön, gestern mit Ingrid Hausl die sieben Beethoven-Konzerte in der Deutschen Radio-Philharmonie Saarbrücken und Kaiserslautern zu planen, wie wir (Vorbild Leonard Bernstein) Musik vermitteln. Auch der Konzert-Flyer der Konzerte im Dom zu Fulda ist eingetroffen. Ich freue mich auch auf meine Konzerte und Recitals auf Sylt. Und natürlich die Orgelkonzerte.
Diesen Monat schreibe ich als Adventskalender jeden Tag.
Problematisch ist in meinen Augen der Film Die Prüfung – eine aus meiner Sicht frauenfeindliche Dokumentation der Schauspielschule aus Hannover: konkurrenzstiftend statt künstlerische Synergien, eine Darstellung der traurigen Entwicklung der deutschen Kunstwelt; gelangweilte, wertende, arrogante und dauerredende Männer, schweigende und eingeschüchterte Frauen, während die Dozenten sehr von sich selbst überzeugt sind: Das Arroganzprinzip in der Kunst?
Die Dokumention beginnt mit wimmernden Mädchen, die von den Dozenten lachend als “süß” bezeichnet werden. Krönung und Ziel der Dokumentation: Die finalen Entscheidungen der Schauspiel-Kommission, die in Männerdominanz dem Fass den Boden ausschlägt.
Leider ist das Neidische unter Frauen noch das Öl, das ins Feuer gegossen wird; frauenfeindliche Frauen, die andere begabte Frauen wegbeißen wollen.
Es scheint mir geradezu ein Wunder, in der Kunstwelt Menschen mit Charakter anzutreffen, da 90 Prozent Macht und Politik sind. Hochbegabte Künstler*innen gegenüber gelangweilten, vertikal kommunizierenden, sitzenden Dozenten, die niemanden über sich hinauslassen wollen, die kontrollieren, rächen, zur Kontrolle auffordern und eitel Aufmerksamkeit brauchen.
Mozart an der Orgel liebe ich, momentan mehr als am Klavier. Ich spiele KV 594, 608, 616.
Sehr lustig ist der Kinofilm Das perfekte Geheimnis. (Jedoch würde ich solche Freunde wie in diesem Film nicht haben wollen.)
Nach vielen, vielen DVDs mit Leonard Bernstein stellte er endlich einmal Bachs Musik vor, und noch dazu sogar die Orgel – wenn auch nur vier Minuten lang. Schließlich ließ er den schon alten Stokowski dirigieren, was ich spannend fand. Es ist schon richtig, dass große Orchester “keinen Bach” haben, jedenfalls wenn man wie Leonard sämtliche geistliche Musik aus dem Programm streicht. Obwohl seine Sendungen zu 90 Prozent männerlastig bzw. männerlästig sind in der Künstlerauswahl, lerne ich doch hier und da viel über seine Art zu vermitteln, vor allem für unsere Beethoven-Konzerte 2020.
Und Zara Nelsova kennen zu lernen. Was für eine wundervolle Cellistin!
Carnegie Hall!
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