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Ann-Helena Schlüter

5. Februar 2020

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Gott hat auf seiner Harfe ein Lied gespielt, und ihre Saiten gehen durch meine Seele. (Hildegard von Bingen)

Es war sehr spannend, die schöne Beckerath Orgelbaufirma Hamburg heute zu besuchen. Die große Werkstatt duftete nach Holz und Sägespänen. Diese Späne werden an den riesigen Säge-Maschinen durch Schläuche nach draußen gepumpt. Dies ist gesetzlich vorgeschrieben, da Sägespäne gesundheitsschädlich für Mitarbeiter sind. Sie können ins Auge gehen, eingeatmet werden etc. Andere große Schläuche dienen zur Beheizung der Werkstatt. Dieselben Späne werden zu Pellets gepresst (sie haben eine eigene Pressmaschine dafür), und mit diesen wird im Ofen geheizt. Alle trinken sehr gern schwarzen Tee mit Milch (oder Zitrone) und Zucker. Wie ich. Sie hatten noch nie einen Gast, der genauso gern und viel Tee getrunken hat wie ich. Überall hängen Bilder von tollen Orgeln. Um eine Orgel zu planen, gehen viele Schritte als Grundschritte voraus. Es wird oft mindestens ein Jahr geplant, bevor gebaut wird. Und das dauert dann auch noch mal ca. ein Jahr. In welchen Raum kommt die Orgel? Wie groß soll sie sein, also wieviele Register? Wer bezahlt sie? Wieviel Geld steht insgesamt zur Verfügung? Heute sind 50 Register schon groß. Ein Register kostet ca. zwischen 13.000 und 17.000 €. Was für ein Spieltisch? Radialpedal oder nicht? Ich mag es lieber, wenn das Pedal nicht versetzt ist. Ich finde das unnötig. Wenn die Orgel Raum und Platz hat, nicht nur für die Pfeifen, sondern vor allem für die Spielenden vorne für Hände und Füße. Nichts darf eng und sperrig sein. Viel Umfang. Neue Klänge. Erst zum Schluss geht es um Pfeifen, Winddruck und Intonation. Diese drei Dinge aber sind das Kernstück der Orgel. Lebendiger Wind oder nicht, Keilbalg oder nicht? Welche Klänge? Was ist realistisch? Was ist keine gute Idee? Alle Werke sollten gut miteinander korrespondieren. Nicht einfach von berühmten Orgeln zusammenkopieren und zusammenstückeln. Jede Orgel hat ihr eigenes Gesicht.

Ich habe eine Traumorgel im Kopf. Sie muss nur noch realistisch werden. Es braucht Visionäre, Erfahrene, Bodenständige, Weise. Eben ein Team. Ich habe die Vision. “Hast du nicht erst mal versagt mit deinem Traum, also bist du nicht zunächst gescheitert, war dein Traum, deine Vision nicht groß genug.” So sagen weise Worte. Man darf und soll und muss aus Fehlern lernen! 

Die Werkstatt ist in viele Teilwerkstätten unterteilt. In einer werden die Pfeifen hergestellt. Sie sind mit das Herz der Firma. Die Pfeifen in allen möglichen Größen bis hin zu offenen 32-Füßen werden nicht irgendwo in Rumänien oder anderswo bestellt, also keine zusammengestückelten Orgeln, sondern selbst gegossen, geschnitten und angefertigt, vorintoniert. Ich habe eine Hausorgel gesehen, Orgeln, die gerade restauriert werden, Beckerath opus 1 (mittlerweile gibt es opus 500) für die Elisabethkirche neben dem katholischen Dom Hamburgs (Marienkirche), die drei neue Werke bekommen soll, von 14 Register auf 45 aufgestockt, Truhenorgeln usw. Und viele, viele Pfeifen.

Es hängen auch Gemälde mit Brahms, da Johannes Brahms mit Beckerath befreundet war. Die Firma gibt es also schon sehr lang. Brahms, wie er pfeiferauchend mit Bart am Flügel hängt – ein völlig anderer als der Charmeur aus dem Film Geliebte Clara – ja, diesen Bart-Brahms habe ich auch zuhause als Postkarte, schon als Kind. Das Original befindet sich im Besitz des Hauses Beckeraths. Leider hat Brahms wenig für die Orgel komponiert. Und am Klavier auch ganz anders, viel intensiver. Ganz im Gegenteil zu Bach. Seine Orgelwerke empfinde ich als die Krönung seines Schaffens. Diese Erkenntnis hat mich zur Orgel geführt! 

Ich habe schon einige schöne Beckeraths gespielt, in Würzburg, Wetzlar, Saarbrücken, Frankfurt am Main… Und bald in Heessen. Sehr unterschiedliche, alte und neuere. Und es werden viele neue gebaut, zum Beispiel auch ins Ausland, besonders USA. Auf dem Tisch lag das brandneue, weiße Buch Die Orgeln Hamburgs.

Ich wurde von Dammtor abgeholt, weil gerade ohnehin eine geliehene Truhenorgel (um die 40.000 €) zurück nach Wandsbek geliefert werden sollte. So eine Truhenorgel hätte ich auch gern. 

Ja, die Welt der Orgeln ist wohl bedroht. Beispielsweise war die Elbphilharmonie-Orgel ursprünglich nicht geplant gewesen, wurde nachträglich durch einen einzigen Privatspender eingebaut. Sonst gäbe es keine Orgel dort. Viele Kirchen in Hamburg und Umgebung sind vom Schließen bedroht. Und die Orgeln? Sollen als Gebrauchtorgeln verscherbelt werden. In den Osten. Ins Ausland. Das geht doch nicht. Es gibt einen riesigen Gebrauchtorgel-Markt. Es wundert mich, dass die Kirchen dennoch sperrig, unfreundlich und konservativ bleiben, anstatt aufzuwachen und die jungen Leute in die Kirche zu holen, damit sie nicht dicht machen müssen. Stattdessen gibt es oft Streit, Lästereien, Regeln und Verbote, viele schlecht bezahlte, neidische Kirchenmusiker, die dann auch noch die letzten willigen Musiker vergraulen, und gut bezahlte Pfarrer, die von Musik keine Ahnung haben.

Aber ohne Kirchen und Kirchenmusiker sind die Orgelbaufirmen existenziell bedroht. Konzertorgeln werden viel zu selten in Auftrag gegeben. Die Orgel ist nicht abgekoppelt von der Kirche. In den USA sieht es da anders aus. Ich hoffe, Deutschland wird wieder ein christliches Land. Die vielen Orgel-Fans und Orgelfreaks bringen nicht das Geld und die Aufträge für die Orgelbauer. Was weiter hier noch wichtig ist: Neue Kompositionen für die Orgel! 

Das Team ist jedenfalls sehr nett, ich wurde anschließend in die Kreuzkirche Wandsbek gefahren und habe dort an der Kemper-Beckerath-Orgel Mozart und Bach geübt. Sie ist neu restauriert; drei Manuale, schöne Zungen. Die Firma Kemper aus Lübeck gibt es leider nicht mehr, wie so viele Firmen nicht mehr. 

Ich habe gefragt, warum bei großen aufwendigen Restaurationen die neue Orgelfirma nicht angeschlagen steht. “Das macht man nicht.” Das finde ich demütig. Geübt habe ich am Ende des Tages auch in Altona St. Petri an der Schuke-Orgel. Dafür mussten wir quer von Wandsbek nach Altona fahren. Durch Hamburg durchfahren dauert mit dem Auto manchmal eine Stunde.

Es gibt in der Hauptkirche St. Petri eine große Beckerath-Schuke-Orgel, d.h. Schuke hat sie verändert, erweitert. Es gibt viele solcher “Misch-Orgeln”. 

Ich habe oft das Gefühl, dass sich Orgeln freuen, wenn man kommt. Orgeln sollten immer viel gespielt werden. Es ist ja sogar schlecht für ein Auto, wenn es nur herumsteht.

Nun, die Traktur lächelt, wenn eine Frau spielt. 

Haerpfer-Orgel im französischen Forbach Saint Remi

Das Innen wird unaufhörlich zum Außen (James Allen)

Alles, was wird, muss organisch wachsen, kann nicht einfach “eingeführt” werden. Vor allem das Gute. Ich suche nach dem Blick. Das Sehen und Hören ist Sein und Tun.

Anbei neue Texte hier auf meiner Seite Autorin.

Die Kommunikation in der Literaturwelt hat völlig andere (ungeschriebene) Gesetzmäßigkeiten als die Welt der “Klassik”. Es ist nicht leicht, hier zu jonglieren und sich den unterschiedlichen Sprachen und Gepflogenheiten der Kunstrichtungen anzupassen, vor allem, wenn sie konträr gehen.

Meine Webseite hilft mir dennoch, mein Leben zu bündeln und ist mein wichtigster Terminkalender.

Der französische Film Johann Sebastian Bach baut seinen Plot auf allen nur erdenklichen Legenden über J.S. auf, und nicht nur das: Die Legenden werden ausgeweitet, ausgeweidet hin zu reinen Erfindungen. Trotzdem ist er schön gefilmt mit schönen Menschen; und es macht Spaß, Bach französisch sprechen zu hören und wie er dabei Arnstadt, Pachelbel und andere Wörter ausspricht, französisch natürlich. Da ist Buxtehudes Tochter in Lübeck, die ihn im Nachthemd verführt, und wilde Streitereien in Arnstadt (wo ich bald sein werde)… und natürlich zuvor der große Bruder, dem den ganzen Tag nichts anderes einfällt, als den Schlüssel zu verstecken, so dass der junge Bach mit großen blauen Augen im Mondenschein schreiben muss und krank wird…

Trotz all dem Kitsch wird deutlich und leuchtet hervor, dass Bach ehrgeizig, zielsicher, revolutionär war, wenn auch nur ein Fünkchen Wahrheit in den Legenden steckt, keineswegs der brave, langweilige, konservative Mann, der “nur in seiner Musik revolutionär” war – nein, er verärgerte eindeutig Leute, sorgte für Unruhe, hatte ständig Konflikte, nichts war ihm gut genug, er legte sich an, blieb nirgends lange, widersetzte sich, machte, was er wollte, entschied sich ungewöhnlich und war auf der Suche.

Wie auch immer J.S. Bach dargestellt wird – so nüchtern wie möglich oder mit ausgeweiteten Legenden – , er ist und bleibt mir ungeheuer sympathisch. Und zwar vor allem auch als Mensch. Seine Musik sowieso. Und sie ist voll mit Leidenschaft und Willensstärke.

Niemals könnte ein langweiliger, konservativer Mensch so schreiben! Seine Musik trieft geradezu vor Schönheit, Sehnsucht und Leidenschaft. Und zwar triefen im absolut positivsten Sinne. Ich mag Menschen mit Willensstärke. Ich freue mich auf Dornheim, Mühlhausen, Köthen, all die Orte, in denen er gearbeitet hat, getauft oder verheiratet wurde. All die Orgeln. Bachs Leben war alles andere als langweilig. Sein Leben war sehr, sehr intensiv. Der Film bringt nicht das Wichtigste herüber: Seine Liebe zu Gott.

Empfehlen kann ich das kleine Buch Eine kleine Lady über Harriet Beecher Stowe (Onkel Toms Hütte) von Dorothee Dziewas – es ist schon hilfreich, zumindest einen kleinen Geschmack auf das wohl gewesene Private großer, verstorbener Autorinnen zu erhaschen, eine Art Vorgeschmack für die Vorstellungskraft. Zur Zeit Harriets durften Frauen noch nicht studieren, das ist unvorstellbar. Was für eine Welt, in der wir leben.

3. Februar 2020

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Die Musik wurde nicht nur als Pflanzstätte nationaler Gesinnung, sondern auch als Kunst für sich eine Macht im deutschen Volksleben, die bewies, dass dieses unser Volk musikalisch begabt ist und musikalisch empfindet. (Theobald Ziegler, 1846)

So etwas wäre heutzutage nicht möglich zu sagen. Nationale Gesinnung ist in Deutschland etwas sehr Schlechtes geworden.

Sehr empfehlen kann ich den französischen Film Das Konzert, wenn er auch eher ein Märchen ist. Aber: Moralisch. Witzig. Sehr berührend. Es handelt im Grunde darum, seiner Berufung und seinen Menschen treu zu bleiben. Egal, was passiert. Am besten ist: 1:22:10-05 (also im Grunde die zwanzig Sekunden hier).

Mein Tipp für heute: “Verhandeln ist wie Fahrradfahren. So etwas verlernt man nie”. Selbst Beethoven war ein Businessmann. Also: Kapriziös sein.

Verliebt habe ich mich in Bach BWV 688.

Ich finde es schön, durch die Orgel all die Komponisten vor Bach intensiv kennenzulernen: Sweelinck, Froberger, Muffat, alles inspirierende, wichtige Musik mit eigener Tonsprache.

Nicht empfehlen kann ich den Film Mahler von Ken Russell, denn mir kommt der Film zu abstrus vor. Ich glaube, der arme Mahler sollte hier einen Touch von John Lennon bekommen, verheiratet mit Agneta oder Frida von ABBA. Bedenklich finde ich auch den Film Händel. “Es gibt in Händels Leben keine Bett- und Klatschgeschichten und er war nicht verheiratet, was hatte er also zu verbergen?” Was ist das für eine Schlussfolgerung? Händel ist zwar niemand, den ich besonders bewundern würde, ich vermisse die Tiefe und Spiritualität in seiner Musik, wie ich bei Bach vorfinde, zudem hat er verpasst, Bach zu begegnen… aber ob er nun homosexuell war oder nicht, spielt für mich keine Rolle. Wie kann man da auf “Spurensuche” gehen, wie sein Sexleben war? Bewundernswert finde ich, dass er ein Kämpfer war, und dass er als Lutheraner nicht aus Erfolgsgründen katholisch wurde und nicht Lakai, sondern frei. Er war wohl “fame-geil”, wie manche sagen würden, aber er hatte auch seine Talente, vornehmes Leben anzuziehen. Seine Gönner wurden jedoch manchmal seine Gegner.

Seltsam finde ich viele Semi-Professionelle: Auf der einen Seite hatten sie nie den Mumm, Musik zu studieren, geschweige denn, davon zu leben. Sie haben irgendwo einen “sicheren Job”, beispielsweise als Steuerberater. Und am WE spielen oder singen sie umsonst! Und brüsten sich noch damit. Sie haben gar kein Herz für professionelle Musiker.

1. Februar 2020

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Musik ist Gebet

Das Klavier besitzt sehr viele Register, vor allem bei Brahms.

Als Solistin stelle ich mir vor, wie ein tänzerisches Band im und über dem Orchester zu schweben. Aber das geht nicht, wenn das Orchester zu wenig elastisch, zu langsam, zu starr ist. Dann fängt es nicht auf.

Seltsam: Ist man in einem System, und erst recht, wenn man sehr gut in einem System (eingebettet) ist, wird das, was man tut, als sehr gut angesehen. Ist ein Mensch (auch der gleiche) (plötzlich) ausserhalb eines Systems, kann dieselbe und viel bessere Leistung als schlecht angesehen werden. Das heißt, das System herrscht, wird Gott. Und es ist willkürlich. Für große Kunst darf man nicht von einem System beherrscht werden. Brahms sagte: Lieber einsam, aber frei sein. 

Sehr, sehr empfehlen kann ich heute den Film Félicité. Sehr berührend mit einer sagenhaften Véro Tshanda Beya: Eine schwarze Frau, eine Musikerin, die um ihren Sohn kämpft. Eine Löwin.

Interessant waren auch die Filme Klang der Stille (nur als Idee, nicht als Realität, wenn man zudem die vielen Klischees über Beethoven weglässt), Hitlerkantate (zu plakativ, wahrscheinlich als Mittel gegen aufkommende Langeweile) und Geliebte Clara (wenn auch sehr freizügig im Gedankengang über Brahms und Clara). Robert wird als medikamentenabhängiger, brutaler, egoistischer Alkoholiker dargestellt, der dann teuren Pfuschern in die Hände fällt. Was wirklich aber interessant ist: Brahms liebt eine ältere Frau (es ist mal umgekehrt, und nicht wie heute, wo die Männer 15 -25 Jahre jüngere Ehefrauen haben), und tatsächlich, die begabte Clara war mit den Kindern abhängig von Roberts Gehalt und musste gute Miene zum bösen Spiel machen. Wie es wohl wirklich gewesen ist? Ich erinnere mich an das Schumann-Haus in Leipzig, die Schumannkonzerte, Zwickau, unsere Notentour mit dem Fahrrad durch “seinen” Park zu seinen Orten und Kirchen… Ob Brahms wirklich so ein Charmeur war? Anhand seiner Musik könnte ich es fast glauben. Das Intensive an diesen Musikerfilmen ist für mich, dass die Grundatmosphäre und die Musikerhaushalte für mich so bekannt sind und mich immer an meine Kindheit erinnern. Heute Trio-Sonate und Reger geübt, wenn ich auch ein wenig kränklich war. 

31. Januar 2020

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Es liegt im Lied ein wenig Klang, ein wenig Wohllaut und Gesang und eine ganze Seele. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Ich freue mich sehr, dass nach langer Abstinenz aufgrund von Tauben die wilden Kohlmeisen zu ihrer Futterstelle auf dem Balkon zurückgekehrt sind. Leider sind die Kohlmeisen bei weitem nicht so schlau wie die Tauben. Ich musste schon tüfteln, um die Tauben fern zu halten. Oder besser: Die Kohlmeisen sind vielleicht nicht dumm, aber schüchtern und zurückhaltend und sehr unschuldig. Sie melden sich immer mit Gesang an, sitzen auf meinem Trampolin und schauen ins Zimmer. Wenn ich eine neue Futterstelle anlege, brauchen sie eine Weile, sie zu finden. Die Tauben aber brauchen nicht mal eine Millisekunde. Sie melden sich nicht mit Gesang an, sondern mit Lärm, weil sie aggressiv irgendwas vom Tisch gefegt haben.

Ich habe festgestellt, dass die Orgel eher ein Alt ist und man mit dem Baßschlüssel sehr befreundet sein muss. Ich würde deswegen nicht sagen, dass die Orgel männlich ist (der Flügel ist für mich sehr feminin, der Fokus liegt hier auf dem brillanten Sopran), aber da Pedal und linke Hand und damit eindeutig Tenorlagen nun mal das Fundament sind, stelle mir vor, dass ich an der Orgel meine tiefen, ruhigen Stimmlagen und die Bruststimme trainiere.

Es kostete natürlich viel mehr Demut, mich zu unterrichten. An der Orgel war ich von Anfang an eine externe Exotin. Ich erinnere mich an den Anfang, an meine C-Prüfung, wieviel Misstrauen mir entgegengebracht wurde: Warum will eine Konzert-Pianistin noch Orgel lernen? Oder besser: “Mal eben” noch Konzert-Organistin werden? Was die langjährigen Kirchenmusiker ja schon oft nicht sind? Es ist klar, dass umgekehrt dieselben Organisten, die mich unterrichteten, nie quereinsteigend Konzert-Pianisten hätte werden können. Ich glaube, die meisten Musiker möchten sehr gern noch ein zweites Instrument professionell erlernen und können. Das liegt so in uns. Die wenigstens schaffen es. Allein zeitlich. Warum sollte man mir dies gönnen? Und dann noch mir als Frau in der konservativen Orgelwelt? Ohne meine mir typische Leidenschaft wäre ich geflüchtet, da ich wirklich nicht willkommen war, sogar beschimpft wurde.  Aber ist die Orgel nicht ein Instrument der Liebe in einer Kirche? Ein Verkündigungsinstrument? Je mehr sie nicht wollten, dass ich es schaffe, desto mehr wußte ich, ich soll und werde es schaffen. Beide Instrumente.

In einem künstlerischen Haus sollte nicht Leistung auf Knopfdruck auf dem Fließband abgeliefert werden, da sonst immer der selbe Stil interpretiert wird (für neue Interpretationen oder Tempi gibt es gar keine Probenzeit mit und für das Orchester), das Standard-Programm der immer gleichen Leute. Sondern Neues. Aber Orchester sind meist schon recht eingefahren.

Es ist seltsam, wenn gewisse Feste veranstaltet werden, Beethoven-Fest, Mozart-Fest, und dabei würden diese Häuser die jeweiligen Komponisten, die sie feiern, würden sie noch leben, also im realen Leben verachten und über sie lästern, da sie mit echten Künstlern nicht umgehen können, bestenfalls mit Handwerkern. Oder mit denen, die auf Knopfdruck abliefern können. Diese Feste werden also oft zum Zweck der Selbsterhaltung durchgeführt. Die Musik wird missbraucht. Sind dies dann noch künstlerische Häuser?

Was mir auffällt:  Menschen tun Böses und sind sich dessen nicht bewusst sind, wie böse sie sind. Für sie ist ihr Verhalten normal. Sie müssten es wissen und wissen es nicht (mehr).

Inwiefern können musikalische Menschen böse sein? Leider, sie können.

Künstlerische auch. Sind künstlerische Menschen eigentlich immer auch musikalisch?

30. Januar 2020

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Was ist wohl schöner, als die eigenen Gefühle in Töne zu kleiden? Welcher Trost in trüben Stunden, welcher Genuss. (Clara Schumann)

Meine Mozarts beginnt zu grooven.

Das Wichtige an der Orgel:

Man regelt den Klang über Zeit, nicht über Gewicht. Armgewicht. Am Flügel aber breite ich meine Arme aus. 

Klang über Zeit?

Also die Längen der Töne in ihren verschiedenen Tempi und Eigenarten.  Man muss bei der Orgel die Töne immer noch orten können, sonst ist da nur Geräusch. Anders als am Flügel. Also nicht zu kurz.

Ich fange an, das Drehen an der Orgel (das Pedaldrehen) zu mögen. Es ist nicht mehr seltsam und unangenehm.

Ich singe an der Orgel, aber nüchterner. Töne nicht wegrupfen. Das Pedaldrehen, die Knie, das Aufrichten, die Organisation der Längen machen zusätzliche Bewegungen, die vom Klavier her normal sind, wie vor allem meine Ellenbogen, die sich für den Klang wie Flügel ausbreiten, unnötig. Flügel ausbreiten mache ich am Flügel.

Es tut gut, nach dem Üben zu entspannen, ich mag Feldenkrais und Atmen und in meinen Körper spüren. Die Orgel schenkt ein anderes Körpergefühl. Ich bin dankbar für die guten Helfer und Trainer, die ich habe.

Wenn ein großer Führer sein Werk vollbracht hat, sagt das Volk: Wir haben alles selbst getan. 

So gut wie ein Bildhauer suchen die Künstler die Form. Die aller-anmutigste, die allerreinste, die Verwegenheit in der Vollkommenheit. (Cosima Wagner)

Empfehlen kann ich heute den Film Der dritte Mann. Ich freue mich auf die Reger-Orgel in Wiesbaden. Ich arbeite an einem neuen Stück, eine schwedischdeutsche Komposition von mir. Ich freue mich, dass mein Shop so gut ankommt.

28. Januar 2020

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Eben sehe ich, dass Ehe eine sehr musikalisches Wort ist und zugleich eine Quinte. (Schumann an Clara)

Weil Liebe ein süßer Ton ist und ein Klang, den wir brauchen?

Anbei das Interview mit mir im SR Kulturradio (Saarländischer Rundfunk Mediathek):

Interview über Beethoven im Saarländischen Rundfunk SR2

Einige haben mir letzte Woche beim SR und SWR gesagt, dass ich eine wunderschöne Sprechstimme habe, eine Melodie in der Stimme, dass ich Hörbücher sprechen sollte, und einen besonderen Klang am Flügel habe. Ich suche meine eigenen Klang-Schwingungen und fühle, dass es wie beim Singen ist: Ich empfinde das Öffnen des Ventils, kontrolliere die Luftzufuhr. Das Singen ist ein Register, während ich bei der Orgel eine Klangwelt von vielen Registern mit Luftstrom zu versorgen habe. Beim Spielen und Singen öffne ich die Rückseite meines Körpers, die Flanken, den Nacken. Das Relaxen hinten und an den Seiten kommt von unten, von meinen Füßen, von der Erdung. Ich stoße mich von unten ab. Nun kann die Energie und die Luft durch meinen Körper fließen. So auch in Bachs Musik an der Orgel und am Flügel. Die Ordnung und die Erdung liegen im Generalbass, richten sich von hier aus auf. Ich muss meinen Hals, meine Kehle und meine Handgelenke nicht festhalten, den Klang nicht drücken, den Schwung nicht lähmen, um Volumen zu erhalten.

Es ist schön, wenn das Leben fließt. Jemand sagt Z und ein anderer ergänzt zum Z ein A und wiederum eine andere fügt an ZA ein B hinzu oder ein Y. Alles wird wie ein großer, schwingender, schwerer Reifrock. Das Leben ist ein Reifrock. Von unten her ein Kreis, ein Strömen. Gerade habe ich noch privat etwas gedacht, und jemand spricht die Ergänzung aus, als hätte Gott eine Antwort auf mein Denken. Und so ist es auch. Gott hört mein Denken. Er kennt mein Denken.

Ich freue mich, dass ich nun einen offiziellen Künstler-Kanal auf YouTube habe, das bedeutet, dass der CD-Kanal von Naxos und Hänssler Classic mit meinen CDs mit meinem persönlichen Musikkanal verschmolzen wurde: Offizieller Youtube-Kanal Ann-Helena Schlüter

“Wie kann ich jemals deine Art begreifen? Du hast die Macht, doch du missbrauchst sie nicht. Du lässt die Freiheit langsam in mir reifen, und ich gewöhne mich allmählich an dein Licht.” (Johannes Nitsch über seine Beziehung zu Jesus)

Beckerath-Orgel Saarbrücken

Die Welt muss ich verachten, die nicht ahnt, dass Musik höhere Offenbarung ist als alle Philosophie. (Ludwig van Beethoven)

Andacht oder Tanz, so beschreibt Goethe Musik. Für mich ist sie beides gleichzeitig. Der Tanz ist das Kind der Musik und der Liebe. Ich habe Ohrwürmer von den Beethoven-Orchesterwerken dieser Woche, als hätten sich diese in mich eingebrannt. Es ist sehr schön, Klavierkonzerte mit Orchester zu spielen, und es hat auch seine Vorteile, solo zu spielen. Aber mit Orchester: Dass der Flügel ein verselbständigtes Individuum ist, habe ich umso mehr erkannt. Ein Klavier nimmt seine eigene Rolle im Gesamtgeschehen ein. Es erkämpft sich seinen Freiraum in einem ideologischen System. “Aber ich kann den Geist der Musik nicht anders fassen als in Liebe” (Richard Wagner).

Ein Vermittlungskonzept ist für mich etwas enttäuschend, wenn es um Show und Selbstdarstellung des Moderatoren, der Moderatorin geht, zumal dies auf Kosten der Musiker hinausläuft: Mir wurde in die Musik geredet, der Klang-Deckel zugeklappt mitten im Spiel, Stücke verkürzt, mein Name sollte verändert werden in Richtung Elise, wogegen ich mich wehrte, und musste Dinge sagen, hinter denen ich nicht stand, und zwischendurch spielen – nicht für Beethoven oder für die Kids, sondern ich musste mich für die Moderatoren “zum Affen machen”, oder besser: Es wurde über mich und den Flügel verfügt als wäre ich eine weitere Requisite auf der Bühne. Die Moderatorin wollte den Flügel aus der Mitte in die Ecke verbannen, was die Orchesterwarte verhinderten. Ich glaube, meine Ideen sind besser, denn die Musik sollte im Mittelpunkt stehen. Die Diskrepanz zwischen der Schönheit der Musik und dem Theater darum herum war für mich nicht leicht zu ertragen. Die Vermittlung deckte sich nicht für mich mit der Realität hinter der Bühne. Wäre Beethoven nicht davon gelaufen vor diesem Konzept? Ich schämte mich Beethoven gegenüber. Auch der verkleidete Beethoven war für mich das Klischee pur: Der wirre, griesgrämige Beethoven in Perücke. Nicht die Kinder vermitteln verlorengegangene Kultur, sondern in meinen Augen die, die solche Konzepte “hervorragend” finden oder verlangen. Offensichtlich waren die Konzepte früher ganz anders und besser. Man muss sich erst kennenlernen, wie weit man zu gehen bereit ist. Ich bin gespannt, was das Filmteam aus Tokio daraus gemacht hat.

Klautern und Saarbrücken… Leider hatte ich keine Zeit, die Orgeln in Kaiserslautern kennenzulernen. Aber vom Hotel SAKS am Stiftsplatz aus konnte ich oben im schönen Spa-Bereich in der verglasten Dach-Sauna die Stiftskirche und die kleine Skyline der Stadt sehen als warmen Kontrapunkt zur Kälte der Kirche. Ob es stimmt, dass katholische Kirchen um zwei Grad kälter sind als evangelische Kirchen? Christkönig war kalt, die Basilika jedoch angenehm warm. Es ist interessant, mit anderen Organisten und Musikern über PR zu reden. Das Frühstück im Hotel Leidinger Saarbrücken fand ich übrigens viel besser als im SAKS Kaiserslautern, dafür haben die einen Spa-Bereich.

Ich habe die flockigen, flauschigen Flöten der Schuke-Walcker-Orgel noch im Ohr, wie Kolibris, dazu die klagenden, sanften Zungen, die blubbernden Solostimmen, waldromantisch, die tiefen Stimmen ehrwürdig und gutmütig, die gelassenen und ausgelassenen Prinzipale, elegische Streicher, die wie in einer Gondel schweben. Tapsige Klänge, Pfeiler-Klänge, Signalfarben, bewegliche, durchdringende und strahlende Klänge, alles verbunden.

Sehr empfehlen kann ich den Zoo Saarbrücken. Da es Mittagszeit war, konnte ich die Fütterungen der Pinguine, der Schlangen, der Seehunde und der Giraffen beobachten. Sehr gefiel mir das Tier “Das wandelnde Blatt”. So etwas habe ich noch nie gesehen. Es fraß. So auch die Lisztaffen mit ihren empörten Gesichtchen. Sehr eindrücklich war meine Begegnung mit einer Giraffendame. So nah war ich noch nie an einer Giraffe. Sie betrachtete mich neugierig, verdutzt und schüchtern mit ihren warmen, mandelförmigen, riesigen, dunklen Augen. Nur ein schmales Gatter war zwischen uns. Ich war aus Versehen auf einen verbotenen Weg abgebogen.

Mir gefielen auch die Heu kauenden Tapire. Der ganze Zoo futterte. Natürlich war ich auch im Streichelzoo bei den Ziegen, auch wenn gewisse männliche Zungen fragten, ob dies ein “Verwandtenbesuch” sei, und “so eine Spezies wie mich hätten sie noch nicht angetroffen”. Die tanzenden Seehunde und schnatternden Pinguine gefielen mir.

Ich muss meine Meinung von Frauen und Männern etwas revidieren. Frauen sind zwar weniger bedrohlich, aber sie können genauso gemein sein, so dass das Ergebnis recht identisch ist. Das Problem ist, dass sehr viele Frauen nicht wie Männer zusammenhalten. Es ist zu wenig Zusammenhalt unter Frauen da, sondern das ewige Kreisen um den Mann. Viele Frauen tendieren im Ernstfall dazu, sich an Männer zu halten. Frauen trauen Frauen nicht. Wie fatal. Es sind die Hormone, die Frauen vorgaukeln, bei Männern sicherer zu sein. Frauen agieren aktiv hintenrum gegen andere Frauen. Männer lügen meist aus Feigheit und Bequemlichkeit, aber Frauen lügen aus Angst, weil sie sich an die Welt der Männer anpassen und diesen gefallen wollen. Das Ergebnis ist leider gleich schlecht. Vernunft und Erkenntnis können über Hormone siegen. Höfliche, nette, schmeichelnde, charmante Männer bieten genauso wenig Sicherheit wie arrogante, abstoßende, gefährliche. Wie lange missbilligen Frauen sich gegenseitig noch immer aufgrund von Illusionen?

Ich mag die Orchesterwerke von Genzmer.

Nicht sonderlich empfehlen kann ich den Roman “Jesus liebt mich”. Er ist zwar lustig auf den ersten 20 bis 30 Seiten, flacht dann aber aus meiner Sicht sehr ab und wird dümmlich. Außerdem hat das Buch so eindeutig ein Mann aus der Pseudo-Sicht einer Frau geschrieben, dass ich mich überhaupt nicht identifizieren kann. Vielleicht wären Frauen aber gern so cool wie dargestellt…

SWR-Studio Kaiserslautern