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19. Mai 2009

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Augenbeute

Es ist schön, Konzerte in meiner nahen Umgebung, in meiner Heimat zu geben: Konzert-Blumen, die ich direkt mitnehmen kann, nach dem Essengehen gleich heimfahren können, nachbestellte CDs abgeben, wenn ich nicht genügend dabei hatte — sehr entspannt. Allerdings bin ich auch gern Gast in grossen Städten wie Berlin. Übermorgen nach meinem Vormittagskonzert treffe ich den Chef der Stadthalle Bremerhaven. Anschließend bin ich in Stuttgart bei meiner Schwester und besuche Kollegen, schaue mir eine TV Sendung hinter den Kulissen an. Danach spiele ich Filmmusik mit Schauspielern vom Bayerischen Fernsehen ein. Aber all dies läuft nebenbei, da ich für Wettbewerbe übe und nach einem Jahr meine Magisterarbeit für Musikwissenschaft schreibe. Die Analyse der Werke habe ich meistens in den Fingern, als ob diese mein Mund wären und sprechen könnten. Analyse ist Mund. Hören ist wichtig.

Meine Augenfarbe wechselt je nach Licht und Stimmung.

Riga-Frankfurt

Meine Zeit ist zuende in Riga, ich fliege heute zurück nach Frankfurt, dann nach Mainz. Gestern besuchten Dace und ich das große ethnographische Open-Air-Museum am Jugla See, ähnlich wie in Litauen in der Nähe von Siauliai, in dem, da Muttertag, stundenlang lettische Tänze in traditionellen Gewändern aufgeführt wurden, Kokle-Spielerinnen zusammenspielten, wir lettisches Bier tranken, mit Prieka! anstießen und Pirags aßen, bevor wir zum internationalen Konzert in der Nähe der Musikschule per Taxibus fuhren. Konzerte und Meisterklassen sind vorbei. Am späten Abend feierten wir noch Abschied. In vier Stunden fliege ich los, wir frühstücken noch zusammen in der Musik-Akademie. Ich liebe das Improvisieren, denke an die Wale, die improvisierende Wesen sind, die ihre Lieder Ton für Ton wiederholen können, obwohl sie 30 Minuten lang improvisiert hatten – die singende Wale, wie liebe ich sie!

Größe 36

09. Mai 2009

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Agenskalns-Kirche Alt-Riga

Die Improvisations-Meisterklasse in der großen weißen Agenskalns-Kirche am anderen Ende der Stadt und des Flusses war ein Genuss. Ich hatte einen kleinen braunen Flügel, einen Babygrand, und sprach in deutsch und englisch, da viele Amerikanerinnen da waren; Zaiga und Ilze übersetzten ins Lettische. Es war eine junge Russin da, die nur Russisch verstand, so wurde ich von Natalija Munda, einer jungen Komponistin, ins Russische übersetzt. Es ging dadurch alles ein wenig langsam und doch geordnet zu. Ich erzählte darüber, was für mich als Musikerin Kreativität bedeutet, sowohl in der Interpretation klassischer Werke als auch in ganz neuen, eigenen Wegen: in Komposition, Improvisation und Songwriting. Wie lange der Prozess bei mir gedauert hat, mich zu trauen, Neues zu wagen und zu finden, kreativ zu sein außerhalb von Leistungsdenken, Bewertung, Wettbewerben und Konkurrenz, mich zu lösen von der Norm, auch von den festen Rahmen von Musikhochschulen und CD-Einspielungen, wie etwas zu sein, zu klingen hat.

Für mich ist es besonders inspirierend und dringlich, zu jungen Musikern zu sprechen. Sie verstehen mich vielleicht noch einmal in einer ganz anderen Tiefe. Ich sprach auch davon, was für Regeln zu beachten sind, auch in Technik, Harmonien, in der Logik einer Sprache, da Musik Sprache ist, auch dort muss man Grammatik und Verben kennen. Zuerst übten wir, in zwei Harmonien zu bleiben und zu improvisieren.

Die Akkordeonistin improvisierte wunderschön und sang ein eigenes Lied dazu in wehmütigen, doch goldenen, hoffnungsvollen Klängen. Sie erzählte, sie hätte zuerst ein Bild im Kopf gehabt: Eine Prinzessin, die weint, die Tau auf ihrem Gesicht hat. Es kam ein Mann und sagte: Warum bist du so traurig, Prinzessin? Der Tau steht dir nicht. Aber die Sonne steht dir! Weine nicht mehr, die Strahlen der Sonne werden den Tau auf deinem Gesicht trocknen. — Aus diesem Bild entstand eine Melodie, dann der konkrete Text. Ich war überwältigt: es klang so schön in Lettisch.
Ein weiteres Puzzlestueck in meinem Leben wurde eingefügt und berührte meinen Geist.

Ich hätte nie gedacht, dass Akkordeon ein so herrliches Instrument ist und so gut harmoniert mit Klavier. Jedes Instrument ist eine Gabe des Himmels, wenn es gut gespielt wird — jedes Instrument. Liene erzählte mir, dass sie erst mit zehn Jahren begann, und da blieb für sie damals nur das Akkordeon übrig in der Musikschule. Und nun ist es ihr Instrument — ein seltenes. Es ist berührend zu sehen, wie diese zarte, kleine Frau ein so grosses Instrument beherrscht und auf den Knien hält. Da hat sich jemand was besonderes ausgedacht! Es ist nicht leicht, zu seinem eigenen Instrument zu stehen; es ist oft eine Art Hassliebe. Viele Musiker haben insgeheim eine Liebe, eine Sehnsucht zu einem anderen Instrument, zum Beispiel viele Geiger nach dem Klavier; viele Pianisten sehnen sich nach der Geige oder nach der Orgel, ich auch; man braucht zwei Instrumente.
Die Basis für die Improvisation ist natürlich die Stimme. Eine lettische Pianistin sang mit heller, fast schneidend schöner Stimme ein lettisches Lied. Ihre Klänge sind in angenehmer Weise melancholisch. Sie wiederum hatte zuerst die Melodie und dann den Text, allerdings fast gleichzeitig.

03. Mai 2009

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Ginkunai

Das Konzert in der Kirche in Ginkunai war trotz Sonnenschein sehr gut besucht, standing ovation. Am Anfang dachte ich, der Estonia-Flügel bricht unter mir zusammen, und das Pedal quietschte, aber dann ignorierte ich alles, was stört.

Das geht, auch für das Publikum, und ich tauchte ein in das Herz der Musik. Ich liebe es, Effekte mit dem linken Pedal zu kreieren, transparente Klänge in weichen Nebel zu hüllen. Aber dazu brauche ich einen Steinway oder einen ähnlich guten Flügel. Zwischendurch erzählte ich von meinem Leben (wobei ich manchmal nicht weiß, ob ich deutsch oder englisch rede), und wurde von Ramone ins Litauische übersetzt. Der Wechsel zwischen Reden, Warten, Singen und Spielen ist nicht immer leicht, denn die klassischen Werke brauchen meine volle Aufmerksamkeit, wenn ich sie auswendig spiele. Für mich am wichtigsten und schönsten war das Improvisieren. Was ich in dem Moment fühle und wahrnehme und was herauskommt, ist für mich selbst eine Überraschung. Heute waren meine Improvisationen wie rufende, warnende Glocken. Für viele Menschen sind meine Lieder und Texte das Schönste im Konzert, aber viele geniessen es auch, Haydn und Franck und Chopin und Bach zu hören. Für mich sind diese Komponisten nicht Musik ‘aus einer anderen Zeit’, sondern so, als würde ich sie jetzt auch improvisieren. Über die Musik kann ich oft besser kommunizieren als über Sprache im herkömmlichen Sinne. Es ist für mich selbst erstaunlich, wie schüchtern ich sein kann, wenn es wirklich drauf ankommt.

Siauliai, Verkörperung und Neuzeit

Mein Improvisationskurs Klavier war heute in Siauliai, Litauen:
Junge Menschen aus Kanada, USA, der Schweiz, Deutschland und Litauen kamen und hörten zu. Es ist erstaunlich, wie schüchtern und reserviert die Litauer teilweise sind. Auch die Schweizer sind eher still und abwartend. Dennoch spüre ich, wie wichtig es ist, was ich weitergeben möchte. Ich habe Deutsch und Englisch geredet und wurde ins Litauische übersetzt.
Die Fahrt von Lettland nach Litauen über die kleine Grenze eine Stunde hinter Riga lief ruhig und schön über Land durch Joniskis nach Siauliai (gesprochen showlay), der viertgrößten Stadt Litauens. Ich bin irgendwann im Auto eingeschlafen. Die drei Baltischen Länder sind nicht dicht besiedelt, überall viel grünes Land.

Der Tag, an dem ich in Riga ankam, war der erste schöne, sonnige Tag. Ab jetzt hatten wir nur wunderschönes Sonnenwetter, allerdings mit viel Wind. Die Winter sind hier noch oft sehr dunkel und kalt, und ist der Alkoholismus (und sogar noch das illegale Brennen von Branntwein) erschreckend.
In Litauen wohnen weniger als 10 Prozent Russen; das fällt auf in der Identität der Bevölkerung. Leider haben die Länder wenig miteinander zu tun; die osteuropäischen Länder oft generell weniger miteinander. Die Sprachen sind unterschiedlich, aber sonst haben sie eigentlich sehr viel gemeinsam. Die ausländischen Künstler hier haben es nicht leicht mit der Tatsache, dass sich die Balten nicht wiederum jemandem beugen wollen, weder den Deutschen noch den Russen noch der EU. Es dauert, bis Vertrauen aufgebaut ist.

Lettische und litauische Wohnverhältnisse zu sehen, ist berührend, sehr unterschiedlich. Zuvor habe ich eine Radtour mit den jungen Leuten der Kirche gemacht, wir sind 47 Kilometer insgesamt über Land gefahren durch Kairiai. Die Wege waren Sand, Schotter, Steine bei Gegenwind. Wir sind mit den Rädern zum Ferienhaus gefahren, haben dort gegrillt. Die Häuser hier sind sehr billig gewesen vor der Krise, mit Sauna und Ofen und Stall und Grundstück, wunderschön; er hat dort eine Stute, eine Hannoveranerin namens Wasera, und Ziegen. Ich habe das Pferd gefüttert und gestriegelt. Sie bekommt ein Fohlen. Wir haben in dem Haus übernachtet, es war kalt nachts, aber ein Holzhaus auf dem Land. Morgens merke ich die Stunde Zeitverschiebung, da ich immer von alleine aufwache. Wir machten Ausflüge nach Jurgaiciai, zum Hügel der Kreuze. Der Ort war mir unheimlich. Morgen nach dem Konzert in Ginkunai geht es weiter nach Telsiai und Degaiciai. Grenzen nicht akzeptieren?

22. März 2009

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Hagen. Volumina

Es ist interessant, wie unterschiedlich Menschen aus ganz Deutschland sind, wenn Meisterklassen zusammenkommen wie jetzt in Hagen — als würden wir aus anderen Ländern sein, Norddeutschland, Bayern, Franken, Ruhrpott, Ostdeutschland: Wobei ich diese Menschen sehr mag, sie haben etwas liebevoll ruppiges im Humor und sind schlagfertiger als ich, aber ohne zu verletzen. Und ich konnte wieder einen Zwischenstopp einlegen in Köln, um alte Freunde zu besuchen, die mich schon seit Jahren kennen. Ich habe in Köln einige Jahre gewohnt, während ich studiert habe.

15. März 2009

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Klangwerte und Resonanz

Am letzten Abend, kurz vor dem Konzert, bekam ich ein neues Lied, wie immer, samt Text, obwohl ich versuche, das zu vermeiden.

Lieder aus dem Gesangbuch sind eigentlich Sprache. Es ist schön, viel zu spielen und dennoch Ruhe zu haben.

Wir sind, weil wir hören. Wir sind keine Augenbeute.

3. März 2009

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Riga

Am 28. April geht mein Flug von Frankfurt nach Riga, und ich bin gespannt auf Lettland, im Vergleich zu Estland oder Litauen, die Länder im Baltikum, die ich bereits besucht habe. Ich mag diesen Teil der Welt, da er für mich eine so interessante Mischung verströmt aus Ost- und Westeuropa, so nah an Skandinavien und Russland.

In Tallin war ich und in Vilnius. Beide Male habe ich dort Konzerte gespielt. Ich bin gespannt, Riga zu sehen und werde dort bei einer befreundeten Pianistin wohnen während der Konzerte. Von Riga werde ich zu Konzerten nach Siauliai in Litauen abgeholt, circa 130 km von Riga entfernt. Nach den Konzerten und Workshops werde ich meinen schwedischen Onkel Claes, seine litauische Frau Maryte und ihren Sohn (meinen Cousin) Claes Aleksas nahe von Telsiai in dem Dorf Degaiciai besuchen. Claes Aleksas ist sieben Jahre alt und spricht fliessend Schwedisch, Litauisch und Deutsch und nun bald Englisch. Er sieht aus wie Nils Holgersson. Das alte grosse Haus in Degaiciai steht auf einem wilden grossen Grundstück, bewacht von einem wilden Hund. Die Verwandten von Maryte leben in Vilnius. Ich habe sie bereits letztes Jahr besucht, als wir, das Schlüter-Duo, Konzerte in Kaunas hatten. Ich bin gespannt auf das Leben in Siauliai und ihrer Kultur in den Gemeinden. Am 11. Mai bin ich zurück. Im Juni werde ich dann mit dem Schlüter-Duo in Calvi, Korsika, spielen und eine Woche am Meer bleiben. Bald spiele ich auch in Moskau.

Gedanke 6

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Unconditional Creativity

Liebe und Kreativität gehören zusammen, sind bedingungslos. Kreativität ist nicht dafür da, Menschen zu gefallen, sondern dazu, dass Menschen sie entdecken, auch wenn sie aus dem Rahmen fällt. Künstlerinnen und Künstler sind oft ihrer Zeit voraus. Musik und Lyrik haben viel mit Reflektieren zu tun. Es ist schön, Türen zu Herzen zu öffnen, damit Menschen nicht nur vor dem Schaufenster stehen, sondern eintreten können, heraus aus dem Gänsemarsch und der Abteilung.

Bochum

Kalkulation: Nicht Zeit prägt Musik, sondern Musik prägt Zeit. Nicht die Musik entwickelt sich chronologisch in der Zeit, im Gänsemarsch der Epochen, sondern die Zeit entwickelt sich chronologisch mit Musik und Kunst; je nachdem, wie die Musik und die Wahrheit Stück für Stück auf der Palette der Farben, Worte und Bilder entdeckt werden und wurden, je nachdem, wie langsam oder wie schnell, so ordnet sich unsere Zeit, strömt stets aus einer Sehnsucht hervor, die gut, die tief, die uns gegeben, die Ursehnsucht ist. Wie sehr Kunst (und Musik als ihr Leiter) Geschichte, Politik und Zeit geprägt hat, kann man über die Jahrhunderte erkennen.

Gedanke 3

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Musik ist Erinnerung. Ein Erinnerungsraum

Eine Künstlerin ist auf der Bühne eine Vermittlerin, und ein Vermittler ist immer ein Lehrer, eine Pädagogin, das geht weit über das Klavierspielen hinaus. Trotz der Ergänzung der Forschung und der Lehre ist es ein Privileg, aktiv und künstlerisch Menschenherzen zu berühren. Ich weiß dies mehr denn je zu schätzen.

Es wird viel gesprochen, sei es ein Treffen oder eine Vorlesung, und plötzlich höre ich Musik – es ist, als würde in meiner Seele ein Licht angeknipst, sie wird hell. Dies ist die Sprache, die ich verstehe: helle Töne, helle Musik. Wenn ich draußen spazieren gehe, höre ich Musik überall, ich brauche keine explizit gespielte Musik. Es sind die Blumen, die Vögel. Manchmal redet ein Mensch mit einer Stimme, die Musik ist, erzählt von Opern, Theatern oder Geschichten, bei denen äußerlich nicht viel passiert, doch die Innenbühne auf der Bühne zu fühlen ist. Ich kann die Sehnsucht der Musik im Gesicht spüren und in den Obertönen hören.

Sarospatak, Ungarn

Kunstgattungen und Musikstile sollten keine selbstgezüchteten Zäsuren pflegen, was nun echt oder unecht, falsch oder richtig ist. Sonst werden sie eine Religion, eine Ideologie, nur zugänglich für einen bestimmten Zirkel, für den die gewisse Ausübung und der Genuss der Gattung einem heiligen Akt, einer heiligen Handlung oder der Ausübung eines Sakramentes gleichkommt. Alles, was derart über eine gesunde identitätsstiftende Abgrenzung und Meinung hinausgeht, artet aus, in eine Lobby oder Institution, in der es nur darum geht, Ideologien zu schmücken, gar noch mit Kunst, was gefährlich ist für eine freie und kreative Entwicklung.