Prosa, Lyrik

Schriftstellerin
Wolkenbilder

Schatten bedeutet in der anderen Richtung Sonne.


Klangspuren. Wortlust. Gedanken sind verselbständigte Kunst, die auf den rechten Zeitpunkt warten. Bildworte. Der vollkommene Ausdruck eine Explosion, Freiheit, Segensmeer. Wir sind nicht, weil wir denken, sondern weil wir hören. 

Freiheit unserer Gedanken ist weder Chaos noch Zufall: Bekenntnis und Plan gehören zur Freiheit. Gibt es nicht mehr in dieser Welt als das, was wir sehen? Jede Kunst zeigt, dass Gaben und Begabungen nicht von uns Menschen stammen. Es muss einen Künstler geben draußen und in uns, den wir spiegeln.

Der frühe Morgen ist eine schöne Zeit, kreativ zu sein. Inspiration ist Gnade, Beharrlichkeit, Arbeit und Fleiß. In der Musik erkenne ich nicht nur Puls, Tempo, sondern eine Gleichung aufleuchten, als könne man in Klängen Gleichgewicht und Zeit Musik mathematisch analysieren und mit dem Gehör messen. Sie entfaltet sich erst im Rhythmus, wenn sie den Herzschlag schlagen kann. Und besonders im menschlichen Gesang und in der Lyrik findet sie Erfüllung.

Schönheit lebt, wenn sie frei und bedingungslos ist, denn Schönheit ist Bedingungslosigkeit. Zunächst aber erscheint sie in Ohnmacht; sie wächst, denn sie hat Freude tief in ihrem Kern. Lyrik löst sich auf, doch legt sich unsichtbar und kraftvoll in die Zeit. Was man nicht lesen oder in Worte fassen kann: zwischen den Zeilen die Sehnsucht nach Ewigkeit. Das Unsichtbare wird sichtbar. Moll ist schön wie Dur.

Mathematik ist nicht dazu da, unpersönlich zu sein. Abstraktion und Kunst gehören zusammen, Musik und Lyrik keine Augenbeute, sondern Klang, zur Stille führend, zur Einkehr. 

Gedichte und Geschichten sind Balladen mit Musik im Klang. Vertont im Herzen.


“Ihre Texte offenbaren in tieferer Bedeutung ein ironisch dekonstruktivierendes Fangball-Spiel mit der Wirklichkeit, stellen die als objektiv postulierte Verbindlichkeit sprachlich fassbarer Wahrheit in Frage:
Eine Autorin, von der aufgrund ihrer Intelligenz, Sprachgewalt und Kompetenz viel zu erwarten ist.” 

Dr. Reinhard Kacianka, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt zum 1. Preis Literaturwettbewerb Villach


“Ann-Helena Schlüter hat einen bemerkenswerten Stil und großes Talent.”

Sebastian Fitzek, Bestseller-Autor





In der Morgenfrühe:
Alltag steht und wartet,
ist kein gewöhnlicher,
gibt Wesen.
Seine Hoffnung trägt einen Rock,
fliegt nie davon.
 

aus: Keine Wolke fällt tiefer als blau, Glare 2019

Überwunden (Kurzgeschichte für WortReich 2019)

Ihr Nasenrücken wurde von leichtfüßigen Zwergen gekitzelt: Noten. Mit Vorfreude musste sie lächeln, wenn sie an Musik dachte. Sie ging vorwärts. Es war nur ein großer Saal voller Menschen, die auf sie warteten, kein Grund, nervös zu werden. Sie kam, sie lächelte, verbeugte sich, setzte sich. Totenstille. Ihr unsichtbares Mikrofon vor dem Klavier zwang und ermutigte sie, ihre eigene Stimme zu finden, zu suchen. Sie spielte und sang heimlich mit. Ihre Gedankenwelt wurde ihre Stimme, tauchte ein in ihre Hände und Adern; nasses heißes Eisen auf den Tasten.

Die schwingenden Wellen Bachs, Chopins und Haydns ließen sie ruhen. Wie sanft und ruhig das Herz des Flügels war! Ihre Kreativität aber ließ die Stimme ihrer Seele und ihrer Gedanken überschwappen, in Fieber, dass ihre Höhen anschwollen, überquollen; Klänge und Töne überbliesen. Sie drehten durch vor Hitze, hoben ab vor Energie, ungebändigt.

Doch eine Ahnung von in sich bescheidenem Rhythmus ließ ihr Brennen sogleich in einen Teppich verwandeln, so dass ihre Stimme von einer feurigen Trompete zu einem Klavier wurde. Jetzt drängte es sie, ihren Kopf samt Haaren durch die Tasten hindurch in den Flügel zu tauchen, als würde sie baden gehen in einem flüssigen, tintenschwarzen Lack-See; ihr langes blondes Haar wurde feucht, lackschwarz und klebte ihr im Gesicht; die Musik war im Bauch des Flügels zu finden. Sie tauchte bis dort hindurch und kam sich vor wie Jona im Bauch des Fisches.

“Ich versteckte mich vor dem Publikum”, dachte sie.

Die Musik und sie liefen auf gleicher Höhe, Seite an Seite, nah am Kuss, schüchtern in ihrem Annähern, als lägen sie in tiefem, geheimnisvollem, dunklem Wasser und wollten es nicht bewegen.

“Am Ende des Sturmes wirst du nicht mehr gehen. Denn: du wirst fliegen”, sangen die Klänge.

Ihre Töne flossen zusammengehörend und doch durch Pedal getrennt durch ihre Sinne, durch die Weite ihrer Zwischenräume, durch die Schatten und bahnten sich einen Weg. Wie pulsierend die Geräusche der feinen Hämmerchen auf den Saiten des Flügels erstaunlich widersprüchlich und durchschneidend wie kleine Messer waren: In diesem leicht klackenden Geräusch der Hämmer, die sie fast als Schmerz spüren konnte, lag symbolisch die Stimme und Arbeit der Pianistin an dem riesigen Lack-Schiff: Tränen, Visionen. Recital.

Entschlossene, weiche, winzige Hämmerchen, die wie Fingerkuppen auf den Stahlsaiten einer Gitarre im Flügelbauch lagen in Wehen, trieben sie an mit federleichtem Druck.

“Musik ist nicht nur schön, ich werde angeschlagen, nicht nur die Hämmerchen”, dachte sie.

Ihr Kleid war aufgebauscht.

“Ich tanze wie auf Stelzen, bin tief gesättigt mit Sehnsucht. Würde ich doch fliegen können!”

“Weiter nach oben, singen meine Töne, glaube ich. Oder irre ich mich? Die Musik geht auf Zehenspitzen, geht auf wie Rosen, die mit aller Kraft und Blut aufspringen, aufspritzen. Doch auch aus dem Flügel tropft Blut der Kraft, eine Kraft, die ich unterschätzt habe in der Schwäche eines Klangs — und ein Sog, der in seiner Einfachheit aus Tasten und Saiten und Hämmerchen so erschreckend klar und nackt ist, dass aus ihm unverwechselbarer Klang strömt. Ich höre pures Wasser! Wo bin ich?”

“Die Dämmerung kommt. Die Schatten gehen. Ich öffne die Augen. Alles ist einem bläulichen Dunst untergegangen und verschwunden.”

Die Urlinie des ostinaten Basses, ausschließlich aus den Melodietönen des Themas bestehend, ein Kompendium von symbolischen Klangstücken, die Gerüststimme der Verschränkungen und Gegenstimmen, die unterirdische Bestockung und Verzweigung des Urthemas… mit Innigkeit rundete sie das Werk ab, kreierte die Wiederherstellung, die dennoch umgedeutet war, verwandelt, nicht mehr dasselbe Thema und doch dasselbe, übersetzt.

Sie interpretierte die geheimnisvolle Beziehung zwischen Thema und Variation, die Beziehung zwischen sich und dem Flügel. Die unsichtbare, zärtliche Botschaft.

Sollte sie nicht hier mit den Menschen im Saal sprechen, ihnen erzählen, singen, klingen, wer sie war? Sie war nicht Musik. Aber sie sang durch sie hindurch, und sie hatte ihr ihre Stimme geliehen. So tanzte sie sich wieder aus dem Körper des Flügels hervor und ließ ihre Hände dem Publikum ihre Geschichten und Gefühle erzählen.

“Nichts habe ich, um die nackten Klänge zu schützen, sie abzudecken. Sie sind auf sich gestellt und so wie sie eben sind; Klang ist so hingegeben. Ich kann leicht mit ihnen spielen; jeder darf sich Klang bedienen, sich einen aussuchen. Ich möchte meinen Klang nicht missbrauchen. Hätte doch mein Herz die Stimme eines Cellos, einer tiefen Saite oder das Lockende einer Flöte. Ich kann mein Herz nicht verstecken, kann nicht tauschen, habe die Stimme im Klavier, habe die Stimme aller Instrumente.”

Die Notenzwerge ihrer Sinne kitzelten sie lockend. Sie waren die glockenartigen, brillanten Läufe. Ihre Hände jagten. Die Sonaten und Fugen schaukelten sie übermütig und spitzbübisch durch den Saal, als sei sie ein Kind, nicht erwachsen, und gleichzeitig eine Predigerin, das Wort in Musik. Was schüttete sie aus über die Menschen im Saal mit Trillern und Terzen? Der Flügel rollte unter ihr fort, seine Beine fingen an zu tanzen. Der schwarze Lack glänzte wie ein Spiegel. Wenn sie nicht mehr weiter sang, erzählte die Musik ohne sie, denn Musik wusste stets, wohin sie wollte.

Eine verzierte Sarabande von vollkommen regelmäßigem Bau, ein Klangstück, ein Handstück, schmeichelte sich in ihre Hand. Eine Höhle echote ihre Gedanken. Durch pochende Wege in ihrem Kopf kam ihr dröhnendes Bewusstsein zum Halten, doch ihre Finger wirbelten weiter. Sequenzen, die die Luft um sie zerschnitten, sich zum Tanz im Kreis drehten. Die Akkorde schienen immer lauter zu werden, aber eigentlich wurden sie das nicht: Es war die Dichte der schnellen Abfolge und die hoch gestapelten Töne wie Bücher in einer Bibliothek, die eine Steigerung der Lautstärke vorspiegelten. Der meditativ aktive Rhythmus drängte sie fort. Dann: Plötzliche Verschiebung der Akkordreihenfolge, die Verschiebung des Taktes. Sie hörte zu und war sprachlos. Ihr Rhythmus wurde Herzschlag. Sie wollte, dass er ihr ganzes Wesen durchflutete.

“Tanze!” sang der neue Rhythmus, der neue Furchen grub. Sie hätte nicht gedacht, dass Rhythmus nicht aktiv sein musste, dass Rhythmus Hingabe war, Veränderung.

“Wie Perlen sind die Bögen der Töne in meinen Händen, Linien, die von der Blattspitze bis zur Erde gesungen haben, und wie eilig hat es meine Sehnsucht auf ihrer Suche nach Erfüllung und Sinn! Es hat sich immer wiederholt – in den verschiedensten Farben – aber keine Hämmerchen mehr, einen Bogen möchte ich, Bänder, Pfeifen, Mundstück!”

Sie musste sich erst besinnen. Doch wo war ihre Melodie? Sie lag im Schatten.

Schatten fand sie stets beschützend in seiner Konsistenz, Art und Gestik; sie sah den Schattenspielen zu. 

„Schatten hat etwas Lebendiges und gleichzeitig Ruhiges“, dachte sie. Wie war der Schatten ihrer Töne beschaffen? Hatte er überhaupt eine Konsistenz? Er hatte offensichtlich nichts Fassbares, aber dennoch eine Form, immer wieder anders, mit etwas Unschuldigem verbunden. Schatten waren gemütlich, wenn man von Gruselgeschichten in der Nacht absah.

Sie bedeuteten in der anderen Richtung Sonne für sie, waren lächelnd und zart. 

Und bald hatte sie sich wieder eingeholt, ihre Melodie, denn jemand ließ ihre Fragen durch sie hindurch leuchten, als wären sie eins, hindurch brennen, als tätowierte jemand ihr Herz für alle sichtbar auf die Außenwand des Flügels, mit Gold auf schwarz. Schwerer Klang. Sollte Gott doch ihr Herz in den Lack des Flügels brennen: dann würde dort nicht mehr Steinway stehen, sondern sein Name.


Blick aus dem Mund
Dein Wort ist Blick


Klangspuren

Anthologien, Lyrikbände, Hörbücher, Romane, Fachbücher, Literaturzeitschriften

  • Kreativ denken (ISBN 9783957650702)
  • Die Prädatorin (ISBN 9783981974515)
  • … und trotzdem (ISBN 9783981430462)
  • Orchester, Tannhäuser, Mali (ISBN 10 3954884437)
  • Bündnis, Tasmanischer Tiger (ISBN 13 9783954884438)
  • Gegangen I (ISBN 9783943408-126 oder -256, eB)
  • Gegangen II (ISBN 9783861962182)
  • Behörde (ISBN: 9783981022292)
  • JS Bach Goldberg-Variationen (Buch, Studie)
  • Auferstehung am Flügel (CD, Hörbuch Lebensheiterkeit)
  • Sein Name (CD, Hörbuch Lebensheiterkeit)
  • Vertrauen (ISBN 3873542390)
  • Glück (ISBN 3873542390)
  • Pianistenhand (ISBN 9783895149955)
  • Spätjahr (ISBN 9783895149955)
  • Angesichter (ISBN 9783895149955)
  • z. B. Kinder (ISBN 3879983240)
  • Zeit (ISBN 392870043)
  • Stilleklang, Bündnis (ISBN 9783930048601)
  • Weilenklang (ISBN 9783930048601)
  • Jeden Augenblick, Text & Melodie (cap, CD und Buch)
  • Com’Ann (cap, CD, eigene Lieder und Liedtexte)
  • Nachtgedanke (cap, CD, ISBN 4045027036317)
  • 40 Himmelslieder (cap, Doppel-CD)
  • Gott ist gegenwärtig, Singt dem Höchsten (cap, CD, Hörbuch)
  • Worte des Meisters (cap, CD, Hörbuch)
  • Lyrikbände: Flügelworte, PianoLyrik opus 1, opus 2 und Keine Wolke fällt tiefer als blau, Lyrik opus 3, Glare Frankfurt, Periplaneta Berlin, Literaturverlag Bielefeld
  • Romane: Frei wie die Vögel, Kalila, Flügel auf Reisen, Demutsprinzip in Bachs Musik (SCM, Fontis Brunnen Basel, Kopaed München)

piano meets poetry



Er folgt mit vielen Tönen,
mit Klang uns zu verwöhnen,
das glänzende Klavier-
ein Herztraum, Tastentier.
Und täglich auch voran
treibt uns das Tongespann,
ist Freund und Zufluchtsort,
hält Ton und Klang und Wort.
(Der Flügel)


aus: Flügel auf Reisen, Fontis-Verlag Basel