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Ann-Helena Schlüter

2. Juli 2020

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Orgelspiel ist eine Rede, Musik eine Sprache. (AHS)

Es sind neue Orgel- und Klaviernoten im Shop, ich freue mich 🙂

Was ich spannend finde: Wenn man die Töne der Orgel weich verlässt, kann dies auch schnell geschehen, man muss dafür nicht “Zeit brauchen”.

Anbei:

Neue Noten 2020 im Shop

Die Versandoption meines Shops funktioniert jetzt auch für die Niederlande und für alles Ausland.

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1. Juli 2020

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In jeder Rede liegt eine Melodie. (Cicero)

Neue Kompositionen Laurentius-Verlag

Spannend finde ich die Konsortiums-Registrierung, bei der wie in Kammermusik Instrumente (Pfeifen) aus unterschiedlichen Bauweisen miteinander als Ensemble erklingen, gut für Choralfantasien – auch auf einem Manual möglich. Und Bicinium mit Fagott 16 in der linken Hand.

Aber an sich mag ich lieblichere Registrierung oft lieber.

Interessant finde ich das Registrierbuch von dem schwedischen Organisten Hans Fagius; er berichtet zudem über Artikulation, auch bei den Figura corta, und gibt kurze Einweisung in manche Stücke.

Blaue Orgel Ehrlich-Orgel

Bad Wimpfen ev. Stadtkirche

30. Juni 2020

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Runde Welt ist müde

und kein Ende des Todes

Eine Wunde noch kopflos

Doch du bist Himmel. (Gedicht AHS)

Anbei die neuen Werke bei Laurentius Verlag:

Neue Orgelwerke 2020 Laurentius Verlag Frankfurt am Main

Sehr schön finde ich die Messen von Vierne und Widor und die Motetten von Dupre.

Es stimmt, dass in jeder Rede eine Melodie ist (Cicero). Es ist schön, dass eine Stimme so schwingen kann, und dass man nicht Stop-and Go sprechen muss (Staccato) und jede Wortgrenze beachten muss. Sonden im Gegenteil, die Stimme durchschwingen darf. Durch Länge und Weiche bekommt die Stimme auch mehr Kraft und dunklen Klang als durch Lautstärke und Marcato. Ich artikuliere oft über, auch beim Singen. Das sei wohl ein typisches Pianisten-Problem.

Ich höre gern schwedische Musik und den schwedischen Dichter Atle Burman. Er reimt wunderschön auf schwedisch, liest sehr schön vor, und es geht immer um Gottes Liebe, aber mit einer ruhigen, beinahe melancholischen Art, die mir sehr gefällt. Es hat etwas Weises und Demütiges. Es ist nicht kitschig, sondern tief. Man muss eher weinen. Erinnert mich an Tomas Tranströmer.

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29. Juni 2020

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Klang ist Wissen. Wissen ist Klang. (AHS)

Es war wunderschön, im Wald zu reiten. Wir haben keine Wege benutzt, wie ich es sonst kenne, nicht mal einen Waldweg, sondern sind quer durch den Wald geritten. Inmitten Wald, sozusagen. Ohne Weg. So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich kenne Menschen, die so etwas nie erlauben würden, da sie es für viel zu gefährlich halten, denn es gibt überall Äste, Gräben, Baumstämme, Löcher, Moos, Steine und Matsch, es geht hoch und runter. Wir ritten wirklich so, querfeldein. Die Sonne schien, das dichte und saftige Grün des Waldes glitzerte, die Schatten tanzten. Es war ein wunderschöner Sommerabend.

Liisa wohnt seit ihrer Kindheit im Wald ihrer Eltern und Großeltern, und ihre zwölfjährigen Isländer sind bereits seit 10 Jahren bei ihr und kennen den Wald blind. Isländer sind unglaublich schöne, kleine und robuste Pferde. Auch wenn die beiden Wallache Arne und Jamid klein sind. Jamid ist gescheckt und Arne dunkelbraun. Beide haben dichte Mähne und glänzendes, blankes Fell. Ich habe noch nie so glückliche Pferde gesehen. Sie haben alles: sie sind zusammen, verstehen sich gut, haben einen riesigen Auslauf mit Wiese und Unterstellplatz, sie können raus und rein, sind inmitten von Wald, werden gehegt und gepflegt, werden nur geritten, wenn es in den Wald geht. Ich war auf Arne, und Arne habe ich auch blind vertraut. Ich ließ manchmal die Zügel locker, damit er besser vorwärts laufen und seinen Weg finden kann. Die Pferde sind, auch wenn sie manchmal stolpern, sehr schlau. Sie finden ihren Weg und kennen den Wald. Dennoch dachte ich anfangs, mein letztes Stündchen habe geschlagen. Mit diesem Sattel und dieser Trense war ich nicht vertraut: Die Trense war ganz anders als daheim, ohne Backenriemen, ohne Nasenriemen, ohne Maulriemen, im Grunde nur ein Mundstück; der Sattel hatte keine Erhöhung und keinen Riemen zum Festhalten und kein Vielseitigkeitssattel wie zuhause. Jedoch weich aus Leder mit dicken Kniepauschen, die Steigbügel mit Noppen und ich mit Gummistiefeln, die zu groß waren, weil bei Liisa keiner so kleine Füße hat wie ich.

Ich wusste noch nicht, wie man mit diesem bloßen Sattel und dieser winzigen Trense reitet. Aber es ging hervorragend. Arne gehorcht immer. Jamid tänzelte oft, weil er galoppieren wollte. Ich war noch etwas ängstlich.

Liisa sagte, wir würden eine relaxte Tour machen. Umso erstaunter war ich, als sie sagte, ich solle ihr einfach folgen, und ab ging es durch den Wald. Das erste, was ich sah, war, dass die Wiese in den Wald steil nach unten und dann steil wieder nach oben ging. Ohne Weg. Es überfiel mich eine Melancholie, da ich mich an den Krimi von Donna Leon erinnerte, bei dem die Reiterin bei einem solchen Anstieg (allerdings im Galopp) mit dem Pferd zur Seite umkippte. Das Pferd starb, und sie war lange verletzt. Ich dachte daran, dass es vielleicht schön wäre, an einem solchen Sommerabend im Wald zu sterben. Und feige wollte ich auch nicht sein. Was würden Liisa und Arne von mir denken?

Also tat ich es einfach. Arne stiefelte los, machte hier und da sogar einen Satz, es schaukelte etwas auf ihm, aber die Steigbügel waren bequem, und ich hatte Liisa auf Jamid vor Augen.

Aber es wurde noch viel wilder. Es ging über bemooste Baumstämme, die ich kaum sah, an Felsen vorbei, überall hin, ins dichteste Laub, auf Lichtungen und an Feldern vorbei und immer wieder steil an und runter. Isländer sind richtige Kletterer. Im Grunde ritten wir nicht, wir kletterten. Am Schluss galoppierten wir etwas und tölteten sogar. Dazu muss man den Rücken und die Oberschenkel anspannen und sich nach hinten lehnen, “Tölt” sagen und los – es ist anstrengend, wenn man nicht loslässt, das gelang mir erst nach einer Weile, aber Arne weiß ja genau, wie es geht. Es scheint im Grunde wie Galopp im Schritt zu sein…

Durch die vielen tiefhängenden Äste und hohen Brennnesseln habe ich jetzt Kratzer und Stiche, aber das macht nichts. Als wir wieder zurück waren, haben wir die Pferde abgespritzt, mit Heu gefüttert, selbst und Eis gegessen.

28. Juni 2020

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Ich glaube, dass sich kaum jemand die Zeit nimmt, die oder der zu werden, der er ist. Und all die Menschen, die nicht sie selbst sind, verletzen die wenigen, die sich diese Zeit nehmen. (Sean Penn)

Manchmal kommt mir manche Liszt-Passage wie fröhlicher “Kindergarten” vor, aber schwerer Kindergarten. Ad nos ist doch ein ziemlicher Rattenschwanz, vor allem bei der Fuge angekommen. Gut, dass ich schon seit Kindheit trainiert bin, lange Werke zu spielen, Brahms etc.  – 40- Minuten-Sonaten mit 12 Jahren.

Erstaunlich finde ich, dass Bach Orgelwerke meist in zwei Systemen geschrieben hat. Und Buxtehude hat sie gar nicht aufgeschrieben. Der Name Orgelbüchlein ist jedenfalls falsch. Es müsste Orgelschatz heissen. Oder besser, Choralschatz.

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27. Juni 2020

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Wer immer nur tut, was er schon kann, bleibt immer nur das, was er schon ist. (Henry Ford)

Das stimmt. Ich kenne Menschen und hatte Lehrer, die immer nur das taten, was sie schon “konnten” – die sich wunderten, dass ich etwas Neues machen und lernen wollte. Einer davon war davon so irritiert, dass er Ghosting gegen mich anwandte. Passive und faule Menschen sind manchen lieber als unkonventionelle. Vielleicht weil sie selbst faul und passiv sind. Im Grunde sind Menschen, die immer nur tun, was sie schon können und andere ghosten, wenn sie mehr wollen, sehr unsichere, unreife Menschen. Sie tun nur das, was sie müssen, und geben nicht mehr. Und haben schreckliche Angst vor Fehlern. Daher erlauben sie auch anderen keine. Dabei sind sie selbst voller Fehler und wissen es auch.

Was ich an (Orchester-) Dirigieren sehr mag:

  1. dass man Energie und Spaß zeigen kann und soll
  2. dass man als Dirigentin ein Signal ist
  3. dass man mit dem ganzen Körper resoniert
  4. dass man Zwischentöne dirigiert
  5. dass man elastisch und geschmeidig ist und auch das Handgelenk ganz geschmeidig sein darf (schön)
  6. dass die Hände atmen
  7. dass die Hände “Schwimmflossen” zwischen den Fingern haben
  8. dass die Hände ein hohes Niveau haben müssen, damit die MusikerInnen verstehen
  9. dass man selbst Körpersprache ist

Wie kann man das alles üben? Sich selbst filmen und ansehen. Vor dem Spiegel stehen, aber nicht beim Gefilmtwerden. Unter Wasser! Oder mit Bällen. Ich mag die Energie, und dass man nicht passiv oder statisch dirigieren soll. Aber man darf auch nicht träumen und in der Musik schwimmen wie am Klavier, auf keinen Fall die Augen schließen und verträumt vor sich hin tanzen, schon gar nicht summen oder singen, sondern man muss immer vorweg und früher sein, um zu helfen mit Blickkontakt, Aktivität, Übergängen, mit Zielen, mit der Richtung, mit Dynamik, mit Höhepunkten. Auf keinen Fall verspätet. Immer Augen auf, Mund zu. Immer darauf achten, dass man keine falsche Dynamik oder falsche Richtung anzeigt. Aber Instrumentalisten sind meist gebildete Menschen im Gegensatz zu vielen Chorsängern. Ich finde es gut, dass mein Taktstock mittlerweile sehr angenehm ist. Kein Fremdköper mehr.

Durch das Dirigieren habe ich (altbekannte) Orchester-Werke ganz neu kennengelernt, das Geniale entdeckt, das in Form und Rhythmus liegt.

26. Juni 2020

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Bach ist starkes Gebräu. (AHS)

Wenn ich eine Stunde vor dem Reiten schlafe, bin ich viel besser im Reiten. Der Boden gestern war sehr naß, aber es machte Spaß, zu galoppieren.

Ich finde es zu spannend, zu registrieren: Vokale Klänge, singende Zungen, Erzeugung eines homogenen Klangs, Cantus-Firmus-Registrierung, welche Pfeifen Zungen beeinflussen und warum – doch bei all dem ist wichtig zu wissen: Es ist vor allem die Artikulation, um die es geht an der Orgel. Will sagen, wie man aus der Taste geht, das ist das, was Klang erzeugt an der Orgel. Das ist das Geheimnis. Man kann noch so musikalisch sein, geradezu ertrinken in Musikalität: Es nützt nichts, wenn man nicht weiß, wie es geht: Man muss wissen, also Kenntnis haben, Erkennen. Musik ist Wissen. Klang ist Wissen. Wissen ist Klang.

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Vertrauen ist oft das Gegenteil von Performance. (AHS)

Mir gefällt an Liszt, dass er wie ich viel gereist ist in seinem Leben. Er hatte mit Ad nos als Erster ein echtes Wagnis kreiert: Ein sinfonisches Gedicht, das nirgendwo zum Schluss kommt außer ganz am Schluss – nach 45 Minuten Spielzeit (bzw. 28 Minuten (!), wie es heute üblich ist). Das Stück basiert auf einen Text. Auf den Text der Oper “Der Prophet” eines jüdischen Musikers: Meyerbeer aus Paris. Und das, obwohl Liszt plötzlich Wagner in der Familie hatte, der aus Neid, weil Meyerbeer Paris musikalisch fest im Griff hatte, recht antisemitisch war. Die Verbindung der Oper Meyerbeers zum Orgelwerk Ad nos ist interessant.

1859 wurde Ad nos zur Ladegast-Einweihung in Merseburg durch den jüdischen Virtuosen Winterberg (der später etwas unter die Räder kam) uraufgeführt. Zum ersten Mal wurde hier offiziell dokumentiert, dass es Registranten gab, drei Stück an der Zahl: Liszt, Ladegast und der Organist der Kirche.

Da ist also dieser wagemutige Liszt, der überall seine Soireen gegründet hatte (bei denen es anders zuging als heutzutage), Juden wohlgesinnt, und schrieb Ad nos, das sowohl ein Gedicht, eine Oper als auch eine Sinfonie ist.

Auch Liszt-Schüler Reubke baute sein Werk auf den dramatischen Text des Psalm 94 auf, nicht auf eine Melodie.

Lustig ist: Bei Zoom und Skype, dass ich da wohl angeblich immer “schreie” – als wäre der andere taub. Es fragte mich mal jemand, wie alt mein Gegenüber gewesen sei, weil ich so laut geredet hätte. Irgendwie mache ich das instinktiv, um die räumliche Entfernung zu überbrücken – selbst wenn das Meer dazwischen liegt.

Neu: Bach BWV 527 d-Moll, Video: Lingualpfeife, von Würzburg gefördert:

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24. Juni 2020

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Wir dekorieren auf der Titanic die Liegestühle um. (Richard Precht)

Na, Brecht war er jedenfalls nicht. Aber sicher ist doch etwas dran.

Ach, ich liebe sonnendurchfluteten Wald. Es war so schön heute nach dem Üben. Es tut so gut. Dass es heutzutage noch echte europäische Wälder gibt. Mit Nacktschnecken am Boden nach dem Regen, die man vorsichtig umgehen muss, mit Pfauenauge-Schmetterlingen, die in der Sonne baden, mit Spechten und Krähen und Käfern und Hummeln und Summen und Stechmücken und Heuduft und Schattenspiel auf den Wiesen, mit Waldboden, der unten einem federt, ein Sportboden, den kein Mensch nachmachen kann, ja, die Natur an sich, die kein Mensch nachmachen kann – mit Stille, Insekten, mit Vögelchen, die herumsausen, mit gelbem Grün und wilden Orchideen und Butterblumen, mit Blöken von Schafen in der Luft – Himmel! Was haben wir (oder besser Männer) aus der Welt gemacht, dass so etwas eine Seltenheit geworden ist. Wo sind die Schmetterlinge und Amseln geblieben? Dass Menschen sich in Städten ballen, auf Schnecken treten, die es nicht mehr gibt, Müll liegen lassen, Fleisch fressen, Fastfood essen und überall Autos und Lärm zu hören sind: Eigentlich widerlich. Ich habe genug von solchen Städten. Ich mag Friedhöfe gern, die in der Sonne liegen, von Kühen umgeben sind, gepflegt und liebevoll gemäht, mit einer Kirche inmitten. Ist dies nicht eher ein Ort, über den Sinn des Lebens nachzudenken als Netflix und Co? 

23. Juni 2020

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Bach üben ist, Kompositionsunterricht zu haben. Im Fluß zu sein. (AHS)

Was sind Tücken beim Üben? Teil 1:

  1. Wenn ich Orgel übe, fällt mir oft der Stift runter; er fällt wie auf der spanischen Treppe alle Manuale hinunter bis unter das Pedal in den hintersten Winkel, der kaum erreichbar ist.
  2. Manchmal schreibe ich um eine Note herum, wenn ich sie immer wieder falsch erwische, den Namen (also den Buchstaben) der Note. Aber das hilft nicht immer sofort: Es kann passieren, dass es Noten in meinen Noten gibt, die von allen Seiten einen Buchstaben haben, oben, unten, rechts, links.