26. November 2025: Kein Glaube ohne Demut.
Heute erinnere ich an Anna Magdalena Bach.
Auf meinem Fensterbrett steht eine silbern glänzende Weihnachtskugel, und ich habe auch einen schon einen kleinen Tannenbaum, aber einen lebendigen, den ich wieder einpflanze in den Garten, denn ich finde tote Bäume eigentlich sehr traurig – auch wenn sie tot so wunderschön aussehen.
Wenige Biographen fragen nach den Ehefrauen Bachs. Ob sie erfüllt waren, fragt allerdings Ilse Pohl. Anna Magdalena war eine Berufskünstlerin, eine Profi-Solistin, eine Musikerin wie Johann Sebastian. Aber sie musste alles aufgeben, als er mit ihr nach Leipzig ging, da Leipzig zu dieser Zeit eine sehr frauenfeindliche Stadt war, in der Frauen nicht in der Öffentlichkeit musizieren durften. Das muss ja unfassbar für sie gewesen sein. Zudem kam, dass ihr Mann nicht glücklich im Beruf und die Bezahlung schlecht war. Er schlug sich herum mit abweisenden Behörden.
Weiterhin wurde ihr Unglück dadurch vergrößert, dass unzählige ihrer Kinder starben, und zwar in einem Alter, als sie schon reden, laufen und lachen konnten. Vermutlich wurden die schlimmen hygienischen Zustände der Thomasschule der kleinen Familie zum Verhängnis. Ich weiß nicht, ob Bach darauf geachtet hat, seine Familie vor all diesen Bakterien zu schützen.
Die Frauenfeindlichkeit zeigte sich auch darin, dass niemand der Männer, auch nicht die wohlbetuchten Stief-Söhne, die Witwe Bachs finanziell nach dessen Tod unterstützen wollten. Ich weiß nicht, ob Bach auf die Idee kam, seine Frau irgendwie finanziell abzusichern. Er kannte doch die Selbstgefälligkeit und den Geiz der Behörden und deren Frauenfeindlichkeit. Er wusste doch, dass es mit ihm zu Ende ging. Er hatte eine sehr begabte Sängerin im Haus, die nicht öffentlich auftreten durfte. Wie viel Traurigkeit muss doch auch für sie da gewesen sein in all den vielen Jahren.
Wieviel Leid und Zweifel, Nachfragen und Angst muss Johann Sebastian erlebt haben. Und doch oder besser gerade deswegen schrieb er geistlich umwerfende und anspruchsvolle Werke, denn er wurde bis ins Mark geprüft. Dieses Leid und diese Demut sind so stark in seiner Musik, dass mir allein beim Vorstellen und In-mir-Hören die Tränen kommen, während ich dies schreibe. Seine Musik vertiefte sich zu einer Musik, die an sich spricht – fern von Gefühls-Show und gerade dadurch tief berührend.

Ist Leipzig besser geworden was die Frauenfeindlichkeit angeht?