Danke für die lieben Weihnachts- und Adventswünsche, liebe Fans, Publikum und Sponsoren! Danke für die Päckchen und Briefe. Ich liebe Überraschungen! MERCI! Ihr ermutigt mich. Gesegneten dritten Advent allen!
Sehr empfehlen kann ich den Film The Mission von Joffé (Arthaus) mit De Niro, er ist berührend, historisch und künstlerisch, ausgezeichnet mit einem Oscar, mit unglaublich schöner Musik von Morricone, ein Film über das Werk Gottes, Werte, Liebe, Demut, Mission im Gegensatz zur säkularen Machtpolitik. Ein Film, in dem man immer wieder weinen muss. Wenn Liebe nicht über den Tod hinausgeht, ist es keine Liebe. The Darkness has not overcome the light.
Schön war, die Konzerte und die Workshops Klavier 2020 in St. Petri Hamburg-Altona und Paul-Gerhard-Kirchengemeinde Altona zu besprechen. Jan, der Kantor der Nordkirche mit dem Büro im Dorothee Söllner-Haus, hat ein Foto von mir vor der Schuke-Orgel in St. Petri gemacht. Da er den Kronleuchter davor in einem bestimmten Licht erwischt hat, sah es so aus, als wäre eine große Fledermaus in der Orgel. Auch der Blüthner ist sehr schön.
Altona ist wie eine eigene Stadt. Mit eigenem Rathaus. Völlig anderes Flair als die Hauptstadt. Unser Gespräch zur großen, seltsamen Pferde-Drachen-Kampf-Statue am grünen Brunnen am Bahnhof Altona: “Was machen die denn da?” “Brunnen.”
Ansonsten scheint Hamburg vor allem aus Weihnachtsmärkten zu bestehen. Wenn man einen durchgelaufen ist, zum Beispiel am Rathaus, kommt sofort der nächste; es gibt köstliche Dinge wie Kartoffelpuffer und Lebkuchenmuffins und Käsenudeln, warme Suppen und natürlich viel Alkohol; diese Buden heißen “Anleger”. Von diesen halte ich mich lieber fern. “Wo geht es denn hier zum Jungfernstieg?” “Wo kommen Sie denn her, dass Sie den Jungfernstieg nicht kennen?” “Von da oben.” “Nein, ich meine generell.” “Achso, aus Würzburg.” Wie man die Hauptkirchen findet, weiß ich nun endlich. Fräulein Elbe.
Die meisten, die (Kirchen-) Musik studieren, üben nur während des Studiums. Sobald sie in ihrem Beruf sind, sind 80 Prozent ihres Tuns Verwaltung, Organisation, Administration (Büroarbeit), Unterricht oder Dienstleistung. Der Beruf hat mit dem Studium wenig zu tun.
Viele, die Klavier studieren, üben nur während des Studiums. Später in ihrem Beruf unterrichten sie. Sie spielen max. einen Klavierabend pro Jahr, können (auf Anhieb) nicht mehr wirklich spielen, schon gar nicht ein Stück auswendig.
Bei mir ist das Studium und alles, was ich tue, konkret Teil meines Berufs. Es ist nicht nur so, dass ich die Früchte meines Studiums direkt anwende, sondern die Blüte, unter der Woche aufgegangen, bereits am Samstag und Sonntag blüht. Denn bei mir wird direkt in den treibenden Boden gesät. Alles, was ich im Unterricht lernte, setze ich schon am nächsten Wochenende im Konzert eins zu eins um. Alles, was ich erfahre, wird schon ein paar Tage später ins künstlerische Depot gelegt und angewendet.
Der Teig ist noch heiß und kommt aus dem Backofen; das Publikum bekommt warme Brötchen im Konzert. Das passt natürlich Neidern nicht. Besonders neidisch sind einige Kommilitonen und Kollegen. Aber ich habe mich daran gewöhnt.
Ich bin dankbar für alle, die mit viel Respekt meinen künstlerischen Weg unterstützen.
Klar, auch ich habe viel Verwaltung, aber sorge dafür, dass Verwaltung für Konzerte maximal 40 Prozent beträgt und möglichst Spaß macht. Mindestens 60 Prozent bleiben Kunst und Musik, Schreiben, Komponieren, Lernen, Repertoire erweitern, Human-Kapital, Bildung, Lesen, Umsetzen.
Üben ist für mich Musik machen. Das Besondere an mir ist, dass ich von Konzerten lebe. Dass ich von der Kunst lebe. Dass ich voll berufstätig zudem ein zweites neues Instrument studiere. Trotz Gegenwind. Und mit sehr viel Support. Meist sind bei Männern die Ehefrauen die Armen, die die Verwaltung machen müssen.
Natürlich ist es kompliziert, da die meisten Professoren gewöhnt sind, 20jährige zu unterrichten, die abhängig von ihnen sind. Sie wissen nicht, wie man mit Leuten wie mir umgeht, die die Rangordnung sprengen und Dinge geleistet haben, die sie selbst nie geleistet haben.
Da kommen Hierarchie, Statistiken und Regeln nicht mehr mit. “Sie dürfen dies nicht. Sie dürfen das nicht. Gehorchen Sie. Tanzen Sie nicht aus der Reihe.” Und: Von Konzerten kann man nicht leben, es darf nicht sein… Jedenfalls nicht Sie! Sie sind kein Mann und machen nicht das, was zum System gehört!
Wie könnte und dürfte ich da in meiner außergewöhnlichen Rolle nicht auffallen?
Auf der anderen Seite wird gejammert, dass es keine neue Orgelmusik mehr gäbe, bestimmte Komponisten und das Instrument an sich untergehen könnten oder links liegen gelassen werden – kein Wunder, wenn das System über alles geht. Die, die Neues bringen, schaffen Neues aus einer anderen Richtung. Dennoch ist es immer wichtig, das System zu kennen. Der Ausbildungsbereich ist hier oft der Gegensatz zum künstlerischen Berufsalltag.
Wie kommt es eigentlich, dass vor allem Männer Orgel spielen? Liegt es daran, dass sie den Spieltisch als “Schaltzentrale” verstehen, von der sie aus die Teilwerke ansteuern? Die vielen hundert Pfeifen? Wie in einem Flugzeug? Weil Orchesterstimmen in tausenden Kombinationen vorliegen? Die Bündelungen in den Mixturen? Lautstärke und Gleichzeitigkeit? Größe, Dicke? Die lauten Posaunen? Die Zweiunddreißigfüße?
Ist das alles Musikalität?
Ich mag es, dass alte Instrumente in der Orgel versammelt sind: Dulzian (fagottähnliches Instrument), Traversflöte (Querflöte aus Holz)…
Ich mag es auch, dass sich die Luft am Oberlabium bricht, über der Kernspalte, und durch diese Brechung schwingt und Ton erzeugt. Die Orgel mit dieser Brechung symbolisiert: Einheit im Gegensatz. Die leisen Klänge.
Mir gefällt das Aufhellen mit den Vierfußregistern (eine Oktave höher als 8-Fuß und halb so lang wie diese).
Ich mag den “Wind”. Den gesteuerten Weg des Windes. Senkrechte und waagrechte Wege. Bewegungswege. Übertragene Wege.
Ich mag die Lingualpfeifen. Aber auch die Holzpfeifen und Gedeckten. Und die Zweiunddreißigfüße.
Es war schön, gestern mit Ingrid Hausl die sieben Beethoven-Konzerte in der Deutschen Radio-Philharmonie Saarbrücken und Kaiserslautern zu planen, wie wir (Vorbild Leonard Bernstein) Musik vermitteln. Auch der Konzert-Flyer der Konzerte im Dom zu Fulda ist eingetroffen. Ich freue mich auch auf meine Konzerte und Recitals auf Sylt. Und natürlich die Orgelkonzerte.
Diesen Monat schreibe ich als Adventskalender jeden Tag.
Problematisch ist in meinen Augen der Film Die Prüfung – eine aus meiner Sicht frauenfeindliche Dokumentation der Schauspielschule aus Hannover: konkurrenzstiftend statt künstlerische Synergien, eine Darstellung der traurigen Entwicklung der deutschen Kunstwelt; gelangweilte, wertende, arrogante und dauerredende Männer, schweigende und eingeschüchterte Frauen, während die Dozenten sehr von sich selbst überzeugt sind: Das Arroganzprinzip in der Kunst?
Die Dokumention beginnt mit wimmernden Mädchen, die von den Dozenten lachend als “süß” bezeichnet werden. Krönung und Ziel der Dokumentation: Die finalen Entscheidungen der Schauspiel-Kommission, die in Männerdominanz dem Fass den Boden ausschlägt.
Leider ist das Neidische unter Frauen noch das Öl, das ins Feuer gegossen wird; frauenfeindliche Frauen, die andere begabte Frauen wegbeißen wollen.
Es scheint mir geradezu ein Wunder, in der Kunstwelt Menschen mit Charakter anzutreffen, da 90 Prozent Macht und Politik sind. Hochbegabte Künstler*innen gegenüber gelangweilten, vertikal kommunizierenden, sitzenden Dozenten, die niemanden über sich hinauslassen wollen, die kontrollieren, rächen, zur Kontrolle auffordern und eitel Aufmerksamkeit brauchen.
Mozart an der Orgel liebe ich, momentan mehr als am Klavier. Ich spiele KV 594, 608, 616.
Sehr lustig ist der Kinofilm Das perfekte Geheimnis. (Jedoch würde ich solche Freunde wie in diesem Film nicht haben wollen.)
Nach vielen, vielen DVDs mit Leonard Bernstein stellte er endlich einmal Bachs Musik vor, und noch dazu sogar die Orgel – wenn auch nur vier Minuten lang. Schließlich ließ er den schon alten Stokowski dirigieren, was ich spannend fand. Es ist schon richtig, dass große Orchester “keinen Bach” haben, jedenfalls wenn man wie Leonard sämtliche geistliche Musik aus dem Programm streicht. Obwohl seine Sendungen zu 90 Prozent männerlastig bzw. männerlästig sind in der Künstlerauswahl, lerne ich doch hier und da viel über seine Art zu vermitteln, vor allem für unsere Beethoven-Konzerte 2020.
Und Zara Nelsova kennen zu lernen. Was für eine wundervolle Cellistin!
Carnegie Hall!
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Läuft nicht alles, was ich über Musik lerne mein Leben lang darauf hinaus zu komponieren? Ist es nicht das, um was es geht? Ist nicht dies letztendlich der einzige wirklich künstlerische Weg? Waren nicht die großen Musiker große Komponisten? Ließen sie sich nicht sogar ihr aktives Musikersein ein Stück weit zurück, um zu komponieren? Immer mehr soll dies mich drängen. Schreiben ist Komponieren, und Komponieren ist Schreiben. Ach danke, wunderschöne Kadenz.
Konzerte sind alles sehr gut gelaufen. Morgen wird das Beethoven-Jahr im Detail geplant.
Das Adventskonzert in der Pfarrkirche Biebelried war sehr schön, eine schöne entzückende Orgel. Ach Advent … Adventskalender, Gans, Kerzen, Rosen, Brettspiele, Schach, Kuhstall, Regen. Aber vor allem das Lukasevangelium.
Schön ist, mehr über meine Stimme kennenzulernen. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass man mit absolutem Gehör die Tonlage der eigenen Stimme hören und auch ein Stück weit kontrollieren kann. Ich liege also entspannt bei fis, vor allem im Zweiergespräch, kann aber, wenn ich aufgebracht bin, weit über das e hinausgehen. Sobald ich vor anderen Menschen spreche, wird meine Stimme schon deutlich höher, bei circa c. Stimme sagt viel über Seele aus; wenn ich angespannt bin, habe ich “Nebengeräusche in der Stimme”. Es ist viel besser, klar zu sprechen. Ich dachte immer, meine Stimme sollte ein unangetastetes Kunstwerk bleiben. Aber der Gedanke stimmt so nicht; meine Seele und Stimmung sollten ja auch kein “unangetastetes Kunstwerk” sein – sondern Dinge, an denen ich arbeiten kann. An und mit meinen Händen arbeite ich ja auch. Tempo, Lage, Atmen. Nicht rennen. Königin sein.
Ich ahnte nicht, dass Frauen im Brustbereich Stimme so viel dünner ausgestattet sind als Männer (Gott??). Aber das bedeutet nicht, dass ich nicht daran arbeiten sollte, im Brustbereich mehr Stimme zu involvieren, also das Zwerchfell; sich zu spüren; denn wenn ich gleich in die Kopfstimme gehe, gebe ich eventuell weniger von mir preis, sondern verstecke mich. Ich denke also darüber nach, wo fühle ich mich wohl?; kann meine Stimme auch im Brustbereich schwingen?; gebe ich mehr von mir preis, ohne Druck?; dann kann ich auch mit der Stimme entspannt sein und wesentlich mehr als Kehle involvieren. Musik und Wohlfühlen – das muss mehr in meine Seele. Erstaunlich, dass dies eine Musikerin sagt.
Entzweiung ist etwas anderes als Zweiheit. Zweiheit ist Einheit, oder sollte es sein, kann es sein; ist es von Natur her; ich würde von Dreiheit ist Einheit sprechen; jedoch Entzweiung ist das Verabsolutieren von Gegensätzen und Widersprüchen mit dem Ziel der Trennung und der Zerstörung von kreativen Synergien (die durch Unterschiedlichkeiten, Gegensätzen und Widersprüche, durch das Kreuzen von Vertikal und Horizontal im Dialog erst entstehen.)
Wie schreibt Henri Frédéric Amiel: “Doch selbst wenn wir eine ethische Wahrheit auf alle Arten durchdrungen und besessen haben, kann sie sich uns dennoch entziehen.” Wie? Wenn wir Wahrheiten zwar erkennen, aber nicht leben, wenn Wahrheiten nicht in unser Sein eingedrungen sind, sondern wenn wir sie an uns binden wollen, wenn es uns mehr um uns als um die Wahrheit geht, dann werden wir außerhalb von ihr bleiben.
Denn es geht nicht um das Besitzen von Wahrheiten; nicht um Eitelkeit; sondern um das Leben von Wahrheit und das Weitergeben. Um das Vorleben und Lehren. Um Sein von Wahrheit.
Einheit ist kostbar und zerbrechlich. “Wer sein inneres Gedankengebäude nicht zu verändern vermag, wird niemals die Realität verändern und keinen Fortschritt erreichen.” (Anwar El-Sadat).
Das Evangelium hätte nie die Welt durchdrungen, wenn Jesus sich seine Anhänger ausgesucht hätte: “Bei dir passt mir die Nase nicht.”
Was ich am meisten an Jesus mag: Er hat die typisch vertikale männliche Kommunikation von Revier, Besitz, Bühnenverhalten und Hierarchie verlassen. Er hat die Rangordnung nicht klargemacht. Jetzt erst und heute wird mir bewusst, was er als Mann damit geleistet hat. Wie revolutionär! Das ist ungetoppt! Nie wieder so dagewesen! Und dann noch als Gott! Er wurde nicht unsicher, weil er nicht ständig sagte, dass er der Heiland, Retter und Richter sei. Er sagte es selten. Er wurde gefragt. Er fragte und hörte zu.
Es hat ihn nicht irritiert und verwirrt, dass die Rangordnung ins Wanken kam, dass sterbliche Menschen den ungleich Höhergestellten ablehnten. Er musste nicht “der große Macker” sein. Er drückte nichts durch. Er suchte keine Zeugen und Indizien, er wurde das Lamm. Er ließ sich verurteilen!
Als Kind hatte ich dies sein Verhalten eine Zeitlang als “Softie-Verhalten” missverstanden. Heute ist mir durch meinen eigenen Alltag klargeworden (und durch das Buch Das Arroganz-Prinzip von Modler, in dem er das vertikale Verhalten von Männern detailgenau beschreibt, was ich täglich erlebe), was für eine enorme Kraft und Power im Verhalten Jesu steckt. Dadurch kann ich mit Erleichterung deutlich feststellen: Das Verhalten Jesu als (Prototyp) Mensch auf dieser Erde ist so dermaßen “unmännlich”, dass es klar ist, dass Gott auf keinen Fall ein Mann ist (was viele behaupten, da er sich Vater nennt). Er ist die perfekte Synergie aus horizontal und vertikal, aus männlich und weiblich. Kreuz. Er ist Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Mensch und Gott. Auch die akademisch-frauenfeindlichen Hierarchien und der “ganz normale” tägliche Alltagssexismus in Hochschulen und Kirchen sind durch Jesus an den Pranger gestellt. Das verärgert viele. Die Rangordnung muss doch ständig für viele Männer klar sein!
Ganz klar verurteilt die Bibel durchgehend das vertikale Machtstreben von Männern. Die Bergpredigt ist das Gegenteil von dem, was heute überall gang und gäbe ist. Unser Auftrag, den wir haben, lautet: das Gegenteil zu sein. Dazu gehört viel innere Kraft, Selbstsicherheit, Demut und Weisheit. Bach war so einer. Erstaunlich ist, dass es auch Männer gibt, die anders sein wollen und anders sind. Gott sei Dank.
Im Himmel zählt nicht mehr Mann oder Frau. Endlich! Bis dahin ist durchhalten. I love you.
Ich mag das Schwungvolle und Gefühlvolle der sogenannten Alten Musik. Wie kann so ein Zupfinstrument mit Tasten Sprache malen?
Das Cembalo ist für mich exotisch. Als würde ich in die Vergangenheit reisen und als wäre ich Bach dadurch näher. Beim Cembalospiel erwacht Bachs Epoche und seine Werke und all die Epochen zuvor zu ganz neuem Leben. Ich hoffe, nächstes Jahr ein eigenes Cembalo zu bekommen. Ich brauche jeden Tag meine motorische, tägliche Dosis von Anschlag Flügel, Cembalo, Orgel. Viele Pianisten können mit Cembalo nichts anfangen; viele Organisten auch nicht.
Als hätte ich einen Reifrock oder ein Kleid aus seiner Zeit an, als wäre ich auf einem Ball und werde zum Tanzen aufgefordert. (Und tripple mit kleinen Schritten davon.)
Spaß beiseite: Wichtig beim Cembalo-Spiel ist natürlich, dass beide Hände unabhängig voneinander sein können, so dass sich die rechte Hand mit Melodien und Linien (das Horizontale) frei vom Vertikalen (Akkorde) der linken Hand und auch unabhängig von deren Betonungen und Struktur bewegt und entkoppelt ist, damit diese Ebenen nicht aneinander kleben. Dabei soll die freie Melodie und auch die Verzierungen weich, nicht hölzern oder hart klingen. Die Verzierungen sind bei Louis Couperin besonders wichtig; hier nicht überartikulieren; ich liebe seine Unmeasured Préludes; hierzu hilft es, die Hände dicht an den Tasten zu lassen, um den Druckpunkt besser zu spüren. Gitarrenmusik.
Ich mag das Überlegato beim Cembalo. Ich habe schon einiges am Cembalo gespielt, Muffat, Froberger, Steigleder, Böhm, Couperin und Bach; die Regeln, wie man Akkorde bricht, wie man Klang steigern kann: hochinteressant. Auch das Cembalo weckt den Spieltrieb in mir.
Den Aufbau von Musik lernt man an “nicht-dynamischen” Instrumenten oft besser, denn es ist, als würde man in härterem Ackerboden graben. Man muss einfach Dynamik, Spannung und Entspannung durch Artikulation (bei Sequenzen, Synkopen, Kadenzen, Dissonanzen und Auflösungen…) herstellen – und die Feinheit dabei erreichen. Die Feinheiten sind die Kunst.
Empfehlung: Sehr empfehlen kann ich den Film Sein oder Nichtsein von E. Lubitsch.
Erkenntnis, Interpretation, Disposition und Improvisation
Genius ist Obsession. Ob Musik eine Art Droge sein kann?
Ich glaube nicht, da Tiefe, Vernunft und Werte in der Kunst liegen. In dem Buch Die Orgeln J.S. Bachs und bei Klinda lese ich viel über unterschiedliche Dispositionen der Thüringer Orgeln, der Orgeln aus Sachsen und der norddeutschen Orgeln. Ich meditiere über diese, wie was zusammen klingt, was wie begleitet werden kann und wie die Orgeln aufgebaut sind, wo welches Werk positioniert ist, wo die Streicher sind, wo was ineinandergreift, wie aufregistriert werden kann, welche Werke korrespondieren, wie die Orgel proportioniert ist – da mir die Registrierungen zu Bachs Orgelwerken wichtig sind (nicht nur 8-4-2-Mixtur…).
Da sind zum Beispiel die Johanniskirche in Lüneburg, Naumburg, die Kirchen und Orgeln in Dresden und die große Trost-Orgel in Waltershausen bei Gotha von 1730, die Bach eventuell kennengelernt hat (er arbeitete hier bereits 8 Jahre in Leipzig). Es ist für mich spannend, Dispositionen zu meditieren und einen Orgeltyp mit einem anderen (den ich schon kenne) zu vergleichen. Der Unterschied zu den Orgeln Mitteldeutschlands und den norddeutschen (und sowieso süddeutschen) ist groß. In Waltershausen gibt es im Hauptwerk sechs Achtfüße und einige Streicher und Schwebung. Mit diesen Streichern und vielen Acht- und Vierfüßen kann man neue Farben kreiert.
An norddeutschen Orgeln gibt es keine Streicher und keine Möglichkeit, viele Achtfüße zusammenzuziehen, im Gegenteil, dies ist zu vermeiden. Wenn man Dispositionen nicht meditiert, können schöne Orgeln sehr schnell sehr schlecht klingen. Man kann an Dispositionen natürlich nicht alles und vieles nicht erkennen: Man kann beispielsweise nicht ablesen, ob die Mixtur eine Terz hat oder nicht.
Jede Mixtur ist ein Unikat. Waltershausen hat eine tiefe Mixtur. Jedoch erst am Repetieren einer Mixtur ist zu erkennen, wie tief oder hoch eine Mixtur wirklich ist. Waltershausen besitzt sehr viele Grundregister vieler verschiedener Bauarten. Neobarocke Orgeln werden heute mit zu vielen Aliquoten gebaut.
Waltershausen besitzt sogar einen Geigenprinzial, eine Art Koppel, obwohl dies eigentlich ein Registerzug für die Romantik ist, wie viele sagen, dazu viele weiche Flöten, eine überlassene, spuckende Traversflöte, ein Nachthorn als milde Quintadena (immer gedackt), Blockflöte und Gemshorn.
Wichtig ist, nie zu vergessen, dass man bei einer Orgel Flächen zum Klingen bringen muss (Koppeln) und dass Orgelspielen ein Spielen in Räumlichkeiten ist. Dass man im Resonanzkörper der Orgel sitzt.
Ich beschäftige mich auch mit Eggebrechts Orgelbewegung von 1967. Erstaunlich ist, dass dieser berühmte Forscher von “wahrheitsgemäßen, gültigen und vorbildlichen Orgeln” spricht und damit bestimmte Orgeln abwertet und nicht den Schaden der Orgelbewegung erkennt. Die Frage der Orgel ist noch immer nicht geklärt. Natürlich hat die Orgelbewegung auch Gutes und Nachdenken bewirkt. Aber eben nicht nur.
Dabei gibt es so viele spannende Orgeln: Auch die neue Klaisorgel in Würzburg mit lieblicher Cytharra (Streicher), Physharmonika und ihrem Windschweller, Holzharmonika, Harmonium und dass man die Windzufuhr komplett von 0-9 einstellen kann, fasziniert mich. Hier zu improvisieren und dabei einfach die Orgel “machen lassen”, ohne Melodien, ohne konkreten harmonischen Plan, sie einfach klingen (oder nicht klingen) zu lassen, mal wie ein Schlaginstrument, mal wie Frösche eines Akkordeons…
Leonard Bernstein (New York Young People’s Concerts 1965) ist nicht der Meinung, dass Musik eine konkrete Bedeutung hat. Er behauptet sogar, dass eine Note noch keine Musik sei. Dieser Meinung bin ich nicht. Stille ist schon Musik.
Musik lässt intensive innere Bilder entstehen, oft sogar Lyrik in mir. Besonders bei Bach, Brahms, Beethoven.
In Bachs Musik finden wir je mehr als ein inneres Bild, sogar mehr als ein spezifisches inneres Bild: Es ist die intensive Botschaft des Evangeliums, manchmal alles in einem Takt. Bachs Musik drückt in meinen Augen das Evangelium aus: Immer wieder neu vertont er Erlösung und Trost in seiner Musik. Dadurch lebt er, was er ist.
Bachs Musik ist ein sozialer Spiegel, ein Skript, ein Stamm, Wurzel, Vermächtnis und Liebesbrief.
Aus was besteht Musik? Aus Tonleitern, aus Melodien, Harmonien und Akkorden… Laut Bossert und Eggebrecht ist in unserem Abendland der Akkord Schwerpunkt, während in anderen Ländern der Akkord nicht zentriert im Mittelpunkt steht, sondern beispielsweise schwebende Pentatonik…
Leonard Bernstein spricht von horizontalen und vertikalen Intervallen, Bossert von vertikalen (Akkorde) und horizontalen (Linien, Melodien) Gegensätzen, die die Musik an sich von alleine aufweist. Ich lese das Horizontale und Vertikale auch im Weiblichen und Männlichen, in Braut und Bräutigam und in der oft sehr unterschiedlichen Kommunikation unter der Zweiheit der Geschlechter, die eine Einheit sein soll, sein kann (zum Beispiel durch Geburt): Unterschiedlichkeit als Trennfaktor oder als Verbindung, Trost und Einheit. Das ist die Frage.
Ich sehe: Bach nimmt diese Gegensätzlichkeit in der Musik, um die Gegensätzlichkeit in Leben und Glauben auszudrücken. Aber nicht nur die Gegensätzlichkeit, sondern auch die Einheit, in die die Gegensätze, Widersprüche und Widersprüche letztendlich fallen. Überall im Leben finden wir diese Widersprüche, die sich auflösen in Trost und Einheit: Beispielsweise in dem Weihnachtslied Maria durch ein Dornwald ging: “Da haben die Rosen Dornen getragen”. Ist Gott nicht der größte Philosoph? Der größte Künstler und der größte Mathematiker. An Gott vorbei zu philosophieren ist geradezu lächerlich. Hier eine Zusammenfassung und meine Schlussfolgerung: Was vertont Bach? Was ist das Evangelium? Und wie vertont Bach?
Bach vertont, dass Jesus als Mensch und Gott unerschaffen und wesens–eins mit dem Vater und gleichzeitig wesens-eigen, also eine eigene Person ist. Die Worte wesens-eins und wesens-eigen (Bossert) finde ich besonders eindrücklich. Für mich ist der Heiland am Kreuz ein Widerspruch, der aber der Weg schlechthin wird. Unsere Erlösung, der Plan Gottes für unsere Rettung ebenfalls schon maximaler Gegensatz zu unserer Natur. Dass Gott unsere Sünde auf sich nahm: Für viele Menschen ein völliges Paradoxum. Und wie vertont Bach, dass der Heiland unsere Schuld auf sich nahm? Ist es nicht bereits perfekt, dass Musik an sich schon Gegensätze verbindet?
Wie drückt Bach das Symbol der Gebrochenheit aus?
Den gebrochenen Körper Jesu am Kreuz drückt Bach laut Bossert unter anderem durch gebrochene Akkorde, durch den Styl Brisé, maximalen Querstand, durch Pausen, die Töne zerschneiden (Tmesis: Zerschneidung in zwei Gebilde) und durch das Kreuzmotiv aus, wenn sich Linien zerschneiden. Ich glaube, Musik an sich wie unsere Schöpfung drückt die Gebrochenheit unserer Welt aus, das Elend und den Schmerz seit dem Sündenfall. Allein gebrochene Tasten an Orgeln drücken Gebrochenheit aus. Leonard Bernstein beschreibt Kirchentonarten als Kick, verbindet Sibelius, Bach und Beatles und ebenso Gegensätze.
Doch Bach ist für mich der musikalische Verbinder, Brücke, Medizin und Salbe, vom Geist überflutet, der der Tröster ist, der nicht nur lehrt, sondern lebt, was er ist und sagt.
Bachs Musik ist nicht nur Heftpflaster und Aspirin, sondern Raum zwischen Reiz und Reaktion.