10. Mai 2023: Oh seliger Glaube, der sich himmelwärts auf des Gebetes weißem Fittich schwingt. (Emanuel Geibel, vertont von Clara Schumann)
Oh ich liebe „Abendfeier in Venedig“ von Clara Schumann – dirigiere ich in ein paar Wochen. Ich muss mich, wenn ich mich in Stücke verliebe, bemühen, nicht die Augen zu schließen und dahin zu schmelzen (wie an Klavier oder Orgel). Ich habe dann Genuss und Gänsehaut und soll doch eigentlich arbeiten. Viele Orchester-Dirigenten schließen die Augen (ich auch), aber Chordirigentinnen nicht unbedingt. Manche finden es unhöflich dem Chor gegenüber, weil man sich dabei in sein eigenes Erleben zurückziehen würde und sich dem Chor verschließt. Das empfinde ich als eine sehr philosophische Frage. Das sehe ich nämlich nicht so.
Das liegt daran, dass ich sowieso von Kindheit an der Typ Künstlerin bin, die sich in die Musik zurückzieht. Und damit andere mitzieht.
So muss ich darüber nachdenken, ob es nicht als Chorleiterin wichtiger ist, anderen stets in die Augen zu sehen, um sie mitzuziehen. Eines ist klar: Die MusikerInnen und Menschen allgemein mögen es, wenn ich sie ansehe. Die Tendenz, mich manchmal zurückzuziehen, wird im Gegenteil auch im Leben von vielen nicht geschätzt.
Ach. Clara Schumann hat in vielen Städten (z.B. Hannover, so hörte ich) nur eine kleine Gasse benannt bekommen, während es in ganz Deutschland Hunderte von Robert-Schumann-Straßen und Tausende von Goethe-Straßen gibt. Warum ist dieses irdische Leben oft ungerecht? Ich tröste mich mit der Bibel. Im Himmel werden gerade die irdisch gesehen Kleinen die Großen sein. Und umgekehrt.
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