Eine gescheite Frau hat Millionen geborener Feinde: alle dummen Männer. (Marie von Ebner-Eschenbach)
Empfehlen kann ich den Film Florence Foster Jenkins, ein berührender Film über eine wahre Geschichte, eine “verhinderte” Opernsängerin (Meryl Streep) und ihren Manager, der alles für sie tut. Es geht eben nicht immer nur um Leistung.
Der jüdische Schauspieler, der den Pianisten spielt, ist sehr witzig und am besten. Er wird auf dem Cover leider nicht mal namentlich erwähnt. Ich mag ihn am liebsten. Ja, man kann an einem gebrochenen Herzen sterben. Und die Medien halfen hierbei: die arme betrogene Florence lange Zeit zuvor.
Und 2020? Ist Zeit nur Schaum, wie manche behaupten? Ich denke, Zeit ist sehr wichtig.
Typischer Fall von Frauenfeindlichkeit 2020: Caroline Flack: Frauen ab 40, die erstens erfolgreich sind (was Männer ab 40 oft sind), zweitens eine Beziehung zu jüngeren Männern eingehen (Männer haben fast nur jüngere Frauen), werden massivst angefeindet. Was sind das für Medien, die eine Frau in den Selbstmord treiben? Wie oft kommen Männer mit häuslicher Gewalt und Fehlern unbestraft davon. Aber wenn eine Frau häusliche Gewalt wagt oder Fehler macht, wird sie fertig gemacht. Bestimmte Fehler dürfen Frauen nicht machen. Caroline Flack wurde systematisch zerstört, verlor ihre Karriere, ihre Würde, wurde öffentlich erniedrigt. Sie hat es nicht ertragen und sich umgebracht. Sie muss den Mann geliebt haben, der nur mit ihr gespielt hat. Das tut mir sehr leid. Wenn Frauen das gleiche wagen wie Männer, werden sie oft vernichtet. Von Männern. Ich bin so froh, dass es eine Hölle gibt. Dort werden unzählige Männer landen. Auch die von Presse und Medien. Ich hoffe sehr, dass ich dazu beitragen kann. Ich werde Caroline zuliebe eine Geschichte schreiben, auch wenn ich sie nicht kenne. Gleichberechtigung? Nicht mal das Altern wird bei Frauen gleich behandelt.
Der Spiegelsaal des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg ist sehr schön. Rote Sitze, blaue Decke, schwarzer Steinway. Ich habe auch ein Stück von mir gespielt. Mittlerweile denke ich: Warum sollte ich stets die Stücke anderer spielen, die andere auch spielen? Warum nicht lieber meine Musik?
Das macht viel mehr Spaß. Und es macht mehr Sinn. Denn sonst werden nur männliche Komponisten gespielt. Nicht empfehlen kann ich das IntercityHotel Dammtor. Es ist viel zu weit weg vom Bahnhof Dammtor, als dass es sich IntercityHotel nennen könnte.
Die Ausstellung Beauty im Museum für Kunst und Gewerbe gefiel mir nicht, obwohl ich die anderen Ausstellungen dieses Museums sehr schätze, besonders die der Instrumente und der modernen Kunst.
Doch Beauty ist so ein armseliger Abklatsch von Schönheit, die man mehr und besser auf einem Spaziergang antrifft in der freien Natur und in der Schöpfung. Was soll ich mit einem computergesteuerten Vogelschwarm und mit Plastiktüten, die von künstlichem Wind aufgeblasen werden – überall Beamer, Filmchen und Animationen über Natur. Künstliche Natur. Was soll daran schön sein? Wissen die Menschen nicht mehr, was schön ist? Echtheit ist schön. Meinen sie, die Farbe Quietsch-Rosa von einem Beamer auf schwarze Wand geworfen soll schön sein und ersetzt einen Wald oder Blumen? Nur das Wort Fugue versteckt auf einer Tafel kam dem Thema etwas näher.
Später war ich im Pro-Log-Konzert in der Laeisz-Halle. Hier habe ich auch schon gespielt. Heute haben die Hamburger Symphoniker konzertiert. Es war sehr interessant. Nur zwei Frauen habe ich im Orchester gesehen.
Bisher noch nicht ist mir die Orgel – Beckerath opus 1, Walcker-Prospekt (ursprüngliche Walcker-Orgel verschollen) – in der Laeisz-Halle aufgefallen, weil ich Pianistin bin und war. Früher war ich so ausschließlich Pianistin, als mich nur Flügel anlächelten, dass mir eine Orgel nicht mal dann aufgefallen ist, wenn sie direkt vor meiner Nase war: Damals für mich starre, kalte Pfeifen, Deko, kein Instrument. Das ist nun ganz anders.
Ich wurde heute schon früh aus den Federn geworfen, weil ich Mendelssohns Verleih uns Frieden gnädiglich und Hör mein Bitten an der Schuke-Orgel mit Chor spielte.
Was ist Poesie? Originalität? Flatternde Farben? Was ist gekünstelt? Poesie kommt aus dem Unbewussten. Sie darf nicht tüchtig, nicht durchgeführt sein. Denn will ich wirklich von jedem verstanden werden? Nicht das Talent macht die Kunst, sondern Charakter. Unter all dem gewöhnlich Ordinären sticht Bach hervor. Beginnt alles Große mit dem ABC? Nicht eher mit BACH? Alles andere sind unmusikalische Buchstaben. Dornige Worte.
Nicht empfehlen kann ich den Film Gigi, weil es kaum Werte gibt in diesem “Musical”: Es wird Oberflächlichkeit vermittelt. Die Rolle der Frau wird von Männern auf manipulative Art und Weise auf Spielzeuge für Amüsement festgelegt. Und das 1958. Der Film wurde neunmal für den Oscar damals nominiert. Von Männern? Ein Film, in dem Mädchen und Frauen maximal auf drollige, naive Häschen reduziert werden für Entertainment. Der Film ist ein Paradespiel von “normalem” Sexismus.
Ich mag immer noch die blaue Nivea-Creme. Ich habe sogar eine mit der Elbphilharmonie abgebildet auf dem Deckel.
Wir brauchen keine Evolution, sondern Revolution. (Stephen Covey)
Ich glaube auch, dass die Dinge viel mehr Revolution als Evolution sind.
Von John Cage bin ich fasziniert.
Unterwegs zu neuen Konzerten… Ich freue mich auch auf das Klaviermusik-Festival in Wilhelmshaven im Oktober mit Beethoven, Chopin, Schluter. Am selben Tag spiele ich in Fulda im Dom mittags die wunderschöne Orgel.
Empfehlen kann ich den Film Frühlingssinfonie. Grönemeyer spielt Schumann. Sehr gut. Der Film ist recht alt, aber gut. Zwischen den Zeilen ist viel zu lernen über Robert, Clara und ihren Vater, über die Zeit in Leipzig, Deutschland, Franck, Liszt, Mendelssohn, Grillparzer, Beziehungen… mit Vorstellungskraft, Hintergrundwissen und Phantasie. Was waren das für Zeiten gewesen? Wie ist das Leben der Komponisten gewesen?
Aber schon damals gab es aufgeblasene “Meister”, die die Kreativen hindern, Entmutiger, Zweifler, aus dem engsten Kreis; aber auch Förderer, Unterstützer, Genies, Halb-Genies, Viertel-Fausts, Lyriker, Virtuosinnen, Schöpfer, Geschäftsleute, Dilettanten, musikalische Freundschaften und harte und gute Lehrer. Eigennutz und Neid. Dieser Film wirft wieder ein anderes Licht als der Film Geliebte Clara. Er zeigt die Anfangszeit. Geliebte Clara Mitte und Schluss. Es gab damals Doktortitel für Künstler, Kunst, Eleganz und Kompositionen. Und heute nur für trockene Schriften.
Schumann war nicht bei der Beerdigung der Mutter. Er hatte eine schwere Familie, litt angeblich unter Trunksucht.
Mich inspirieren Biographien und biographische Filme über Künstler und Künstlerinnen, den Schleier zu lüften: Es waren Menschen aus Fleisch und Blut wie ich mit gleichen Problemen. Zeit finden für das Schöpferische. Geld und Kunst. Die Berufung finden. Träumen. Kämpfe. Zukunft. Mehrere Gaben haben. Was ist Erfolg? Was ist langfristig, was kurzfristig? Was ist langfristiger Erfolg? Zeitloses?
Clara gab Roberts Musik heraus und spielte und feierte sie noch vierzig Jahre nach seinem Tod. Das ist Liebe. Er wurde nur 46 Jahre alt.
Natürlich gibt es in dem Film wieder zu viel Vulgäres, als ob Schumann ein Lustmolch gewesen ist.
Tägliches Üben ist wie tägliche Medizin. Medikamente brauchen Zeit, um zu wirken. (Ann-Helena Schlüter)
Ein Tag mit gemütlichen Düften, ein schöner Geburtstag. Ich hoffe, dass Bienen in mein Bienenhaus kommen und sich mit den Kohlmeisen verstehen. Hoffentlich schaffe ich mal einen Tag ohne Musik.
Ich liebe Gutscheine :).
Empfehlen kann ich Jane Austen: Verstand und Gefühl (Hörbuch). Eine kluge Schriftstellerin, eine nette Gesellschaftskritik. Mozartbearbeitungen dabei miteinander verglichen (beide Fantasien f-Moll). Ich denke, meine eigene ist die beste.
Merci an alle, die für mich und mein neues Lebensjahr beten, mich unterstützen und fördern.
Habe viele schöne neue Orgeln erhalten für meine Hauptwerk-Orgel: Ledziny, Cracov, Kdozsov, Straßburg, Erfurt, Anzio, Giubiasco, Rasczcye, Green Positiv, italienische Orgeln und andere (3 Manuale, 2 Manuale oder eins). Ich habe nun 22 Orgeln. Es ist schön, dass auch die Akustik gesampelt wurde.
Viel langsam üben. Dann kurz schnell üben. Dann wieder viel langsam üben. (Itzhak Perlman)
Was brauche ich eigentlich alles Schönes zum Üben? Gespitzte Bleistifte, Spitzer, Tesafilm, über den man drüber schreiben kann mit Bleistift und Buntstift, einen gemütlichen, wolligen, warmen “Hausanzug” oder Schlafanzug, Pulswärmer, Tee, Kaffee, Schere und ein Kopiergerät, wenn man Noten zurechtschneiden muss wegen Blättern etc., bequeme Orgelschuhe und Socken, Metronom, Uhr, Notizbuch, Kerze, Zeit, einen nahen Ort, wo man sich gleich kurz hinlegen und ausruhen kann, einen Plan. Und da ist ein Berg von neuem Repertoire. Waiting. Heute aber war ich etwas kränklich. Ich liebe die Trio-Sonate d-Moll, sie liegt mir, und ich freue mich, dass sie kein Buch mit sieben Siegeln ist oder eine Reihe von Dogmen, sondern wunderschöne Musik. Ich freue mich auf mein Konzert in Heilig Kreuz Würzburg am 1.März. Der Klang dort ist einfach fluffig.
Den Fim Johannes-Passion von Hugo Niebeling (ArtHaus) kann ich nicht empfehlen. Es ist für mich unerträglich, Bachs Musik (unglaublich gut interpretiert) als Hintergrundmusik zu missbrauchen. Es ist für mich Blasphemie, wenn geprobt wird, wie und wo Jesus am Kreuz hängen soll und wie er aussehen soll (mit welcher Perücke), während im Hintergrund die Chöre mit Inbrunst die Johannes-Passion singen. Noch dazu ist Jesus hier so schlecht geschauspielert, dass er fernab der Bibel wird: Cholerisch, stolz, eigensinnig, laut, glatzköpfig, nur menschlich-männlich. Damit ist der Sinn des Passion verfehlt. Bachs Musik ist so gut, dass man hierzu auch Hund und Katz filmen könnte, aber ich brauche diese Ablenkungen nicht. Ich möchte die Musik hören. Und nicht davon abgelenkt werden. Schon gar nicht von schlechten Versuchen, daraus ein Musical zu machen. Wenn es wenigstens gut gemacht gewesen wäre…
Wer Musik hört, fühlt seine Einsamkeit bevölkert. (Robert Browning)
Die Orgelwerke von Mozart sind Spätwerke. Das spüre ich, sie sind anders als die meisten Klaviersonaten.
Im April werde ich in Darmstadt interviewt.
Ich mag das Tränenstück von Sweelinck, das Troststück, die Fantasia crommatica. Das Original. Der Niederländer Sweelinck war der Vorgänger von vielen. Ich mag seine Form, die sich immer weiterentwickelt. Ich schätze es, wie er imitatorisch arbeitet, in Augmentation, in Diminution. Wie er verdichtet, Engführung, wie er entspannt, wie er mit Chromatik umgeht, mit Tempo:
Auf der einen Seite sehr meditativ, dann plötzlich brillante Läufe und Sextolen. Er hat wichtige Musiker vor Bach inspiriert: Scheidemann, der an der Pest gestorben ist (warum machte die Pest nicht Halt vor diesen Künstlern?), Praetorius, Scheidt, Scheidemanns Nachfolger Reincken… Der Komponist aus Amsterdam hat seine norddeutschen Künstler vermutlich auf plattdeutsch unterrichtet.
Es ist nicht so leicht, das interpretatorisch Künstlerische zeitlich gut unterzubringen mit dem wirklich Künstlerischem: dem eigenen Schaffen. Das Üben ist dringlich für die Konzerte etc. – aber das eigene künstlerische Schaffen ist wichtig. Zwischen wichtig und dringlich gibt es einen großen Unterschied: Das Dringliche aufdringlich, drängend, fordernd. Jedoch das Wichtige zart, still, wartend, nie aufdringlich. Dem Wichtigen muss ich mich hingeben.
Aber wir sind dem Dringlichkeitswahn verfallen, eine Dringlichkeits-Sucht. Ich glaube, dies ist der Grund, warum große Künstler viel geschafft haben: Sie haben das Wichtige erkannt. Und das Dringliche beiseite geschoben.
Die Werke von Reger sind nicht unverständlich und anstrengend: Die Choräle und Fantasien und kürzeren Werke sind eigentlich sehr klar und angenehm.
Der Bachfilm von The Great Composers wird zwar dominiert von den subjektiven Aussagen der alten, männlichen Hasen der Bachszene, jedoch jedesmal lerne ich sogar durch diese Ausschnitte über Johann Sebastian, wie er wohl gewesen sein könnte – ich lerne zwischen den Zeilen. Bach muss das Komponieren der 200 Kantaten geliebt haben. Er muss geliebt haben, dass die Werke, noch warm, direkt geprobt und aufgeführt wurden, auch wenn oder gerade weil es oft Laien waren. Ich glaube, dass dies ihn lange inspiriert und ermutigt hat, denn gerade das “gemeine Volk” schätzte seine Musik. Ob seine Musik später “galant” wurde – ich würde das so nicht sagen. Im Gegenteil. Und Bachs Stil ist so eigen.
Tausend Künste kennt der Teufel, aber Singen kann er nicht. Denn Gesang ist ein Bewegen unserer Seele nach dem Licht. (Max Bewer)
Ich bin wieder zuhause, war eine Woche lang weg. Die Hyazinthe ist aufgeblüht und duftet. Ich höre Perahias Beethoven. Die ersten Geschenke sind eingetroffen. Merci! Mein Geburtstag ist am Freitag, dem Valentinstag.
Hier daheim muss ich mich erst wieder akklimatisieren und die Abenteuer verarbeiten. Orkan Sabine hat mich ziemlich in Frankfurt festgehalten, bevor ich endlich wieder heimkommen konnte. Allerdings lobe ich die Deutsche Bahn, die Kaffee, Essen und Wartezüge bereit hielt. Bahnfahren für Fortgeschrittene. Sehr nette türkische Mitarbeiter: “Willkommen zu Deutsche Bahn.”
Als der Orkan nachts in Heilbronn am Haus rüttelte und mit tausend Stimmen zischte, war das schon beunruhigend. Doch denke ich, dass uns Deutschen oft bewusst Angst gemacht wird, also übertriebene Angst geschürt: German angst. Dabei müssen wir eigentlich vor nichts Angst haben. Die meisten unserer Probleme sind Luxusprobleme.
Was passiert eigentlich nach unserem Leben? Das Himmelreich ist Hoffnung und Realität. Existenz und Hoffnung gehören zusammen, sind keine Gegensätze. Ich weiß, dass Himmel und Hölle oft dazu gebraucht wurden, Menschen zu manipulieren und ihnen Angst zu machen. Manche Menschen geben mit ihrem Glauben an. Andere wiederum analysieren Bachs Glauben und glauben selbst nicht. Kompensieren ihren Nichtglauben und ihr Misstrauen mit der Analyse des Glaubens anderer. Wie oft höre ich: “Das mit Jesus ist mir zu einfach.” Zu einfach? Auch Albert Einstein war dies nicht zu einfach. Wir sind jenseits der erdrückenden Vorstellung von Verlust. Wir sind oft böse auf Gott. Verstehen ihn nicht. Aber der Himmel ist nicht nur ein Ort. Der Himmel ist Gott. Was glauben wir? Was glauben wir nicht? Unser Herz sehnt sich. Haben wir den Himmel nicht schon längst gesehen? Wie im Himmel so auf Erden. Sterben und zurück zu Gott reisen ist der Höhepunkt des Lebens.
Ich erinnere mich gern an die Zeit in Saarbrücken, auch an den Orgeln von St. Josef Wehrden und St. Paulinus Warndtdom Lauterbach. Die unterschiedlichen Orgeln von Walcker, Walcker und Cie, Walcker und Mayer…
Empfehlen kann ich heute den Film Heaven is for real. Und meine Lieblingspflegeserie von Estee Lauder Perfectly Clean.
Musik überhaupt ist für Kenner. Und es sollte jeder ein Kenner sein. (N. Harnoncourt)
Der Klavierabend im Großen Saal Petrus-Gemeindehaus Heilbronn, evangelische Kirche Böckingen (neobarocke Plum-Orgel), war sehr schön und gut besucht. Ein kleiner Bechstein. Das gläubige Kantoren-Ehepaar Astfalk ist einfach spitze, Bettina und Thomas. Super Künstlerbetreuung. Ich habe mich wohl gefühlt.
Ich spielte Chopin, viel Beethoven, Bach, meine eigenen Stücke, erzählte etwas über mein Leben und das der Komponisten, sang auch meine Lieder.
Böckingen ist ein wichtiger Stadtteil Heilbronns und sehr eigenständig.
Das besondere Geschenk war, dass ich morgens im Gottesdienst in Bad Wimpfen an der historischen wunderbaren Ehrlich-Orgel mit ihren 1363 Pfeifen spielen durfte. Das habe ich erst gestern Abend erfahren und war sofort Feuer und Flamme. Ich habe schon von dieser Orgel gehört und brenne für wundervolle historische Orgeln. Ich bin sofort mit der Orgel gut zurecht gekommen. Viele sollen wohl erst mal dran “baden gehen”. Aber ich hatte gleich eine gute Verbindung. Vielleicht durch Schnitger und Walcker Hoffenheim, Gabler Ochsenhausen und Klosterkirche Maihingen. Ich mag die süddeutschen und auch die alpenländischen Orgeln, die aus Wien und aus dem Allgäu…
Was ist das Besondere an dieser Ehrlich-Orgel von 1747/48? Sie ist sinnlich, empfindsam. Es ist zunächst der Raum. Die Akustik ist wie Samt und Seide. Die Akustik an sich besitzt schon Obertöne: Sie ist brillant im Diskant und abgefedert und gehalten in der Mitte und in den Tiefen. Mitten hinein in diese wundervolle Akustik klingt dieses Juwel, die Orgel von Johann Adam Ehrlich, niemals zu laut, selbst wenn alles gezogen ist, und sie füllt die große Stadtkirche Bad Wimpfen. Ihre Obertöne mischen sich samtig, perfekt aufeinander abgestimmte Farben, ein Klang voll kerniger und sanfter Brillanz in einer Akustik aus Samt und Seide. Mit der fauchenden Gambe. Mit der schönen Zunge im Pedal – klingend, als hätte die Orgel viele unsichtbare Zungen. Die sie ja eben nicht hat, aber sie “kompensiert” sie mit ihren Farben. Die Kirche und auch der Ort sind ebenso wertvoll, die Wandmalereien mit den Aposteln, Altar, Gewölbe, Fresken und Decke, die weißen Musikerengel an der Orgel.
Es tönt so, als hätte das Plenum im Hauptwerk oben einen Sechzehn-Fuß im Prinzipal. Jedoch auch das wird durch Farben erwirkt, also den Eindruck geweckt. Den geschmackvollen Eindruck von vielen Zungen und Sechzehnfüßen, die gar nicht da sind. Auf diese Weise wird die kleine Ehrlich-Orgel sehr groß. Ein Klang-Wunder. Ein süddeutscher Diamant.
Vollkommen klingen hier Pachelbel, Steigleder, Muffat, Kerll, Froberger, Knecht, Krebs, Böhm, Zachow, Vogler, aber auch Sweelinck und Bach. Das Pedal ist sehr angenehm, auch wenn der Umfang manchmal gerade etwas zu klein ist, beispielsweise für Bachs Trio-Sonaten.
Das Unterwerk besitzt eine warme, helle Flöte. Durch die Kälte heulte das Hauptwerk zunächst etwas, und die Tasten sind in der Mitte aufgewölbt.
Es gibt dort ein kleines Büchlein namens Störungsprotokoll, das noch ganz frisch ist, und in dieses kann man eintragen, was einem aufgefallen ist. Das um diese Jahreszeit die Zunge verstimmt ist, muss man nicht notieren, das ist normal. Man muss diese Orgel einfach liebhaben! Ich freue mich, dass ich als bisher einzige Frau auf der Webseite zum Orgelverein zur Orgel zitiert werde. Orgelverein Bad Wimpfen
Auch die große, rote Ehrlich-Orgel in der katholischen Dominikanerkirche Heilig Kreuz ist eine Pracht in perfekter Akustik, vielleicht sogar noch wertvoller, noch stimmiger – wenn sie nicht lieblos kaputt-restauriert worden wäre von einer Firma, die daraufhin pleite ging. Es würde um die 600.000 € kosten, diese Orgel wiederherzustellen. Diese Summe ist nicht groß. Es muss möglich sein, dieses Geld für diese wundervolle Orgel aufzutreiben. Und dann: Orgelbau Rensch? Oder eine andere wundervolle Firma in der Nähe?
Ich bewundere, mit wieviel Sorgfalt und Liebe der Orgelverein vor Ort sich um diese beiden Orgeln kümmert gegen alle Widerstände. Im Dezember spiele ich dort ein Konzert: Ein festliches Weihnachtskonzert mit Kerzen, am 26.12. – Gott ist voller Überraschungen. Noch 24 Stunden davor wusste ich von all dem nichts.
Ich sehe schon, mein Tourblog wird manchmal zum Orgelblog. Am 11. Juni spiele ich wieder Klavier in Heilbronn, in der Harmonie (Stadthalle).
Sei reizend zu deinen Feinden, nichts ärgert sie mehr. (Carl Orff)
Nachdem ich das Konzert in der Marktkirche Wiesbaden gespielt habe, durfte ich die kleinere Walcker-Orgel in der wunderschönen Ringkirche Wiesbaden spielen. Die Kirche ist groß und rund mit bunten Fenstern, Gemälden an Wänden und Decke und einem leuchtenden Altar, über den direkt die Orgel thront wie in der Christuskirche Karlsruhe. Mir gefällt das Modell, dass die Orgel über dem Altar ist, also mit das erste ist, was man sieht, wenn man durch die Vordertür eintritt. Die dreimanualige, romantische Orgel original von 1894 ist apart und klangvoll, mit schön geschnitztem Schmuck, ideal für Mendelssohn, Reger, Brahms, Messiaen, Liszt, Mozart… Sie soll erweitert und umgebaut werden, auch in Verbindung mit dem kleinen Fernwerk gegenüber. Wiesbaden hat viel zu bieten, Bergkirche, Lutherkirche, die griechische Kapelle… Selbst der Hauptbahnhof sieht wie eine Kirche aus.
Und überall schießt kochend heißes Wasser aus dem Boden: die heißen, schwefelhaltigen Quellen, die gesund sein sollen zum Baden und Trinken. Ein Kollege meinte, meine Virtuosität würde Geysire generieren :). Und in den Bäumen rund um die Marktkirche zwitschert und singt es ohrenbetäubend laut, ohne dass man die Vögelchen sieht. Tritt man an den Baum, wird es kurz für Sekunden ganz still. Dann geht es von vorne los. Die Vögel können nicht anders als singen.
Ich frage mich, warum Menschen in Zeiten der Umweltkrise ihre Autos anlassen, wenn sie gar nicht fahren, sondern irgendwo halten. Sogar, wenn sie aussteigen, lassen sie ihr Auto Schadstoffe in die Luft pumpen.
Auch in Wiesbaden kennen die Menschen ihre Kirchen nicht. Als ich spazieren war, wollte ich zurück zur Kirche.
“Wie komme ich zur Marktkirche?”
“Hä?”
“Zum Markt?”
“Supermarkt?”
In Heilbronn bin ich angekommen, obwohl Züge schon mal prophylaktisch wegen Orkan Sabine ausfielen, obwohl es nirgends windet. Gleich findet das Konzert statt: Klavierabend diesmal, gestern Orgelkonzert. Genauso wie ich es wollte.