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28. Oktober 2020

Mit der Welt in Beziehung treten, sich Welt anverwandeln in einem vibrierenden Resonanzdraht. (Hartmut Rosa)

Wieder in Stade. Schnitger-Love. Mittlerweile ist mir die Orgel vertraut, ich begrüße sie mit zärtlichen Gefühlen. Aber natürlich ist sie mir auch noch fremd. Beides. Vertraut und fremd. Man muss sich erst wieder gewöhnen, wieder einrichten, wo HW (2. Manual) ist: ganz außen, welche Klänge wo im Rückpositiv, wie der Umfang und was nicht geht.. was muss ich arrangieren, ah, die kurze Oktave –

Wir haben später die Zungen gestimmt, die leisen, die ich möchte, also Dulzian im RP und natürlich das besondere Krummhorn im OW (3. Manual). Es ging recht zackig.

Was macht es beispielsweise schwer, an dieser Schnitger Trio-Sonate zu spielen? Es ist die etwas unbequeme Möglichkeit des Sitzens, dazu die nicht leichtgängigen Manuale (was mir ja entgegenkommt) und die noch fremden Klänge, die hinter dem Rückpositiv noch etwas abgewürgt klingen, so, als säße man in einem Tunnel, was natürlich in Alkmaar noch viel stärker ist, die große Schwester, die sehr große Schwester … dort ist das Rückpositiv so riesig, noch größer als in Hamburg, dass man gar nicht mehr das Gefühl hat, mit der Orgel verbunden zu sein, gar überhaupt noch an einer Orgel zu sitzen, man sitzt in einem Spaceschiff, in einer Höhle, in einem Tunnel, in einem Schrank. Und irgendwo in der Vorstellung schwebt eine riesige Orgel in einem, um einen, über einem.

Ich brauche meist Momente mit mir allein mit der Orgel, um mich zu akklimatisieren. Sie ist mächtig und dennoch klein, sie ist rustikal, aber sie ist zart (insbesonders das b1 im Pedal).

Das Hotel ist schön, Stade eine wunderschöne Stadt. Michael hat schon heute Abend alles aufgebaut. Ich bin über Harburg umgestiegen. Ich erinnere mich, wie schüchtern ich der Orgel das erste Mal begegnet bin, 2018.

Gefallen hat mir, was Martin Böcker über Monet und Musik sagte. Je nachdem, zu welcher Jahreszeit man ein Bild malt – zu welcher Tageszeit –  ändert sich das gleiche Motiv sehr stark. Genauso ist es mit Interpretationen vom gleichen Werk. Orgelspielen ist wie Malen. Ich glaube, das ist genau das, was ich liebe an der Orgel. Ich habe eine Gänsehaus bekommen, als er das sagte, denn es spricht mir aus dem Herzen.

Ich habe, weil mir das immer wieder wichtig erscheint, nachgedacht, wie wichtig Musik für mich ist. Ich glaube, ich kann gar nicht an mich heranlassen, wie wichtig Musik für mich ist. Ich würde mittlerweile sagen: Musik ist für mich wie Atmen. Ist für mich Atmen. Allerdings ist es das dann doch nicht alles: Ich brauche auch lebendige Herzwesen: Gott, Menschen. Ich kann merken, dass  durch die Kunst meine Seele sich immer noch formt und wächst. Ich kann manchmal richtig spüren, wie meine Seele Wachstumsschmerzen hat. Wachstumsmuskelkater. Ich glaube, noch schöner als die Welt zu bereisen ist, sein eigenes Wesen kennenzulernen: Wer man wirklich ist. Besonders wenn man Dinge tut, die man noch nie getan hat oder wenn man über sich hinauswächst oder wenn man hinter dem steht, was man tut oder wer man ist, oder wenn man erkennt, was noch fehlt. Und wie dankbar ich sein kann für all die, die mich unterstützen, in dieser Welt.

Zum oberen Zitat: Resonanz. Das funktioniert mit Musik sehr gut, besonders in Konzerten. Hier eröffne ich Resonanzräume, Resonanzzonen. Es bebt von Resonanz, von Widerhall, von Berührtwerden. Das ist mehr als Kompetenz, Können, Performanz. Das ist Beziehung.

Climate Change für Orgel 2020

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